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Baerbock

03. Juni 2026 um 13:01

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Es ist ja zum Glück ruhig geworden um die ehemalige Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Während sie hauptberuflich für ein Jahr bei den Vereinten Nationen den Zeremonienhammer schwingt, kann sie nicht so viel Schaden anrichten, wie wenn sie mal eben Russland den Krieg erklärt oder Schulen zu legitimen Zielen von Bombardements. Und die albernen Insta-Filmchen, in denen sie versucht, Carrie Bradshaw zu sein, kann man ja auch einfach nicht anschauen.

Aber jetzt musste Baerbock mal wieder ran, um die Welt zu erklären. Schließlich wurde am Dienstag dieser Woche ihr Nachfolger gewählt. Also verlangt sie Reformen zum Schutz der UN und rechnet mit den 193 UN-Mitgliedsländern ab, „von denen manche gar keine Demokratien sind und Kompromissbildung gar nicht in der DNA verankert ist“. Da gibt es also Mitgliedsländer, bei denen ist das Leben nicht so geregelt, dass man alle vier Jahre seine Stimme abgibt und dann ist sie weg? Schockierend. Hinterher nutzen da die Menschen ihren Kopf auch noch zu mehr als zum Tragen einer Mütze. Aber ach, das nützt ja alles nichts in den Augen der Hammerschwingerin. Wer es nicht in den Genen hat, kann es halt nicht. Da kann man dem Wilden noch so viel Erziehung zukommen lassen. Mit den gleichen Argumenten haben Baer­bocks Vorgänger in der deutschen Außenpolitik den Kolonialismus begründet.

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Das Erzgebirge unter Kubas Sonne

03. Juni 2026 um 12:48

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Tom, ein befreundeter Bühnenbildner, erzählt immer gern eine Geschichte zu dem ersten Stück, bei dem er das Bild allein gestaltet hat. Aufgeregt saß er in der Premiere im Publikum. Wie wird das Stück ankommen? Wie sein Bühnenbild? Bringt der Abend einen frühen Durchbruch oder ein abruptes Karriereende? Fragen über Fragen. Der Vorhang geht auf, das Bühnenbild erblickt gleichermaßen das Licht der Welt und der Mann im Theatersessel neben Tom sagt: „Säulen. Schon scheiße.“ Autsch. Karriere hat Tom trotzdem gemacht.

Jetzt gibt es Formen, die einen mehr auf die Palme bringen können als Säulen. Romane in Briefform zum Beispiel. Die gibt es irgendwie schon immer, berühmtes frühes Beispiel ist der „Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise“ in Jean de Meungs „Roman de la Rose“ aus dem frühen 13. Jahrhundert, ein weiteres Aphra Behns „Love-Letters between a Noble-Man and his Sister“ aus den 1680er Jahren. Auf die Spitze getrieben wurde das Ganze dann von Goethe, der 1774 den armen Werther in Briefen so sehr leiden ließ, dass vor lauter Mitfiebern auch gleich der Suizid mitgemacht wurde, und das nicht nur in der Weimarer Ilm, sondern in ganz Europa. Das Mitfiebern hat nachgelassen, höchstens die eifrigen Deutschlehrer bringen einen in Gedanken noch in die Ilm. Bei mir hat diese Werther-besessene Art des Unterrichtens vor allem zu einer Haltung geführt: „Briefroman. Schon sch…“

Schade also, könnte man eigentlich meinen, dass Ken Merten ausgerechnet diese Form für seinen jüngsten Roman gewählt hat. Damit wird man aber „Kleiner als drei“ nicht gerecht. Noch nicht einmal ansatzweise.

Kira hat sich weggemacht aus dem abgehängten Erzgebirge unter die sozialistische Sonne Kubas. Zurückgelassen hat sie Ben, ihren zynischen Ex, der mit Hass Geld und Aufmerksamkeit im Netz zu erringen sucht, seinen Vater, einen selbstmordgefährdeten Räuchermännchenmacher, und ein ganzes Dorf, das sicherlich nicht zufällig so ähnlich heißt wie der Heimatort Mertens, und in dem die Tristesse mit Alkohol und rechten Parolen bekämpft wird. Kira sitzt also nun auf Kuba und schreibt Mails mit Ben, eher noch: Sie antwortet auf die Tiraden des Verlassenen, versucht ihr Handeln nachvollziehbar zu machen und Ben mitzuteilen, was in Kuba so geht und was sie bewegt. Denn sie will das erleben, was sie im Erzgebirge verpasste – „zu spät geboren – um die DDR zu erleben, muss man nach Kuba“.

Dreht sich am Anfang des Romans noch alles um Bens große Verletztheit durch Kiras Fehlstunden im Erzgebirge, wendet er sich bald dem Politischen zu, dem Grundsätzlichen. Denn Ben dreht Videos und lädt sie hoch, wird mit dem Hass immer populärer. Was er da verbricht, erfährt man nicht so genau, aber übel ist es, und das scheint selbst Ben ein klitzekleines bisschen bewusst zu sein. Und so entspannt sich in den Briefen (die heute natürlich elektronisch verschickt werden – von Kira, wenn denn Strom da ist) eine Debatte zwischen dem Fortschritt und der Rückwärtsgewandtheit, unterlegt von der Frage, was eine Freundschaft aushalten kann, wenn einer von zweien politisch ein Arschloch wird.

Merten, der, im Erzgebirge geboren, nicht nur die Gegend kennt, aus der Ben seinen Hass in die Welt sendet, sondern, in Havanna studiert, auch gut aus Kiras Augen auf die kubanischen Umstände schauen kann, gelingt es hervorragend, im persönlichen Austausch seiner Protagonisten die Zustandsbeschreibungen zweier Gesellschaften unterzubringen. Zudem reflektiert er, wie es denn dazu kam, dass die Zustände so sind, wie sie eben sind. „Statistisch ist Greiffen die Gemeinde mit dem niedrigsten Lohn bundesweit, ein Armenhaus wie vor 100 Jahren, das nur genau einmal kein armes war: als es in der DDR stand. Da stand es gut.“

Merten gelingt es, mit der Geschichte um Kiras Sozialismuserfahrungen und Bens Rumgenazi aus dem väterlichen Häuschen heraus in das weltweite Netz eine Leinwand zu grundieren, auf der sich die Debatte zwischen den Protagonisten abspielen kann. Dabei sitzt man mit Ben in Greiffener Spelunken und mit Kira auf der Isla de la Juventud, folgt Ben in die Räuchermännchenwerkstatt, in der er fast der Hasskarriere im Internet entkommen wäre, und Kira nach Havanna, wo die Feier zum Sturm auf die Moncada-Kaserne von einem echten Sturm getoppt wird. Man lernt die Greiffener kennen und die Mitreisenden auf Kuba. „Klassismus, Holodomor, friedliches Beisammensein, feministische Außenpolitik, offene wie geschlossene Diskursperformanz, soziale und ökologische Wende, Habermas – Britts Sprachschätzchen. Existierende Wörter lehnt sie dagegen als diskriminierend ab.“ Anstrengend sind sie, die Mitreisenden, genauso wie die Greiffener.

Am Schluss bleibt eine komplizierte Beziehung kompliziert und hat doch alle Chancen. Vielleicht löst sich Ben doch noch von seiner „Nationalsozialdemokratie“. Kira kommt zurück. Leserinnen und Leser haben ein Kuba in einer schwierigen, aber nicht aussichtslosen Situation kennengelernt, das trotz aller Blockade noch bunt durch die Seiten scheint. Und die abgehängteste Gegend des erst einverleibten und dann umgehend abgehängten Teils unseres Landes. Das Erzgebirge bleibt dabei fremder als Kuba.

Ken Merten
Kleiner als drei
XS Verlag, 264 Seiten, 26 Euro
Erhältlich im UZ-Shop

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Geteilte Werte

27. Mai 2026 um 06:45

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Ein weiteres Mal hat Israel vor aller Welt sein wahres Gesicht gezeigt. In internationalen Gewässern überfiel die israelische Marine die „Global Sumud Flotilla“, enterte die Schiffe und entführte die Besatzungen nach Israel. Schon auf den Schiffen, auf die die Gefangen zum Weitertransport nach Israel gesperrt wurden, waren die Entführten Folter ausgesetzt. Bis auf eine Schicht wurde ihnen die Kleidung abgenommen – und das bei einer Nacht auf See. Wasser und Nahrungsmittel wurden nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung gestellt, die Container, in denen man sie gefangen hielt, waren so überfüllt, dass nicht alle gleichzeitig liegen konnten.

In Israel angekommen, erfolgte dann der Versuch einer Demütigung vor aller Welt: Itamar Ben-Gvir, Minister für Nationale Sicherheit, posierte vor den Entführten, die gefesselt mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden knieten, verspottete sie und schlug Netanjahu vor, sie ein paar Tage lang in seiner „Obhut“ zu behalten – und in ein „Terrorgefängnis“ zu sperren. Die Kameras von Ben-Gvirs Presseteam hielten nicht mehr drauf, als die entführten Flotilla-Teilnehmer geschlagen wurden, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung ertragen mussten, teilweise schwer verletzt wurden.

Und doch reichte der Auftritt von Ben-Gvir, um internationale Empörung auszulösen. Polen, Frankreich, Spanien, Portugal und die Niederlande bestellten die israelischen Botschafter ein und selbst Außenminister Johann Wadephul (CDU) bezeichnete das Verhalten Ben-Gvirs als „vollkommen inakzeptabel“. Es widerspreche „den Werten, für die Deutschland mit Israel gemeinsam stehen will, fundamental“.

Johannes Happel, einer der deutschen Teilnehmer der Flotilla, beschreibt seine Erlebnisse in israelischer Geiselhaft als einen Einblick in das, „was Palästinenser seit Jahren erleiden müssen“.

„Wir wurden misshandelt, wir wurden geschlagen, wir wurden getreten. Meine Sachen wurden gestohlen, wir wurden gefoltert: es wurden Handschellen zu eng geschnürt, wir wurden stundenlang auf hartem Steinboden knien gelassen.“ All das sei schlimm, so Happel, aber als Deutscher habe er immer gewusst, dass er wieder freikommen werde. „Wenn du Palästinenser bist, dann machen sie das mit dir seit Jahren, seit Jahrzehnten“, über solche Zeiträume seien dort schon Menschen in den Gefängnissen und „müssen das täglich erdulden und wissen nicht, wann sie da wieder rauskommen.“ Palästinenserinnen und Palästinenser werden häufig ohne Gerichtsverfahren eingesperrt. „Das ist keine Rechtsstaatlichkeit“, so Happel. „Das sind einfach Folterknäste.“

Und genau darin besteht die Crux der deutschen Israel-Politik. Der Außenminister zeigte sich empört über das Verhalten des Sicherheitsministers und in der Regierungspressekonferenz bestätigte Außenamtssprecher Josef Hinterseher indirekt auch die Foltervorwürfe der Flotilla-Teilnehmer. Das deutsche Generalkonsulat war am Istanbuler Flughafen und habe „bei Ankunft der deutschen Aktivistinnen und Aktivisten in Erfahrung bringen können, dass mehrere von ihnen Verletzungen aufwiesen.“ Vor einer Abschiebung aus Israel habe man keinen konsularischen Zugang erhalten – auch das ein eklatanter Bruch internationalen Rechts, wie Hinterseher in der Pressekonferenz nicht erklärt. „Selbstredend“ habe man sich für „unsere deutschen Staatsangehörigen“ eingesetzt. „Dazu gehört vor allem die körperliche Unversehrtheit. In diesem Zusammenhang erwarten wir natürlich auch Aufklärung.“

Eine direkte Verurteilung von Entführung, Misshandlung und Folter gab es durch das Auswärtige Amt nicht. Allein das Verhalten von Ben-Gvir stößt unangenehm auf. Internationale humanitäre Helfer zu demütigen geht dem Außenminister zu weit. Die mit Israel geteilten Werte werden aber nicht in Frage gestellt, wenn Palästinenser ohne Gerichtsverfahren über Jahrzehnte weggesperrt werden, wenn sie im Apartheidstaat Bürger zweiter Klasse sind, wenn Israel unter den Augen der Welt einen Völkermord begeht. Im Gegenteil. Deutschland erhöht seine Waffenlieferungen, fördert gemeinsame Forschung und mit Millionenbeträgen den „bilateralen Austausch“. Wer das Entsetzen über die Behandlung der Flotilla-Teilnehmer ernst meint, muss die Beihilfe zum Völkermord einstellen. Alles andere ist Heuchelei.

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Mut für die im Dunkeln

27. Mai 2026 um 04:40

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Empörte Zuschauer verlassen nach den ersten zwanzig Minuten den Raum – Höchststrafe im bürgerlichen Theaterverständnis. Noch schlimmer fast: Einige verweigern am Ende den Applaus und gehen – Höchststrafe für Künstler. Und doch gibt es stehenden Beifall, Jubelrufe, Zugaben. Was für einem Abend, fragt man sich, haben wir denn da beigewohnt? Einem großartigen, könnte die kurze Antwort lauten.

„Lars Eidinger liest und singt Bertolt Brechts Hauspostille“ – die Karten lagen unter dem nicht vorhandenen Weihnachtsbaum. Kann so verkehrt nicht sein: hervorragender Schauspieler, eine frühe Gedichtsammlung inklusive verführter oder ertrunkener Mädchen, Elternmördern und stinkiger Leichen – und am Schluss kann das bürgerliche Theaterpublikum nach Hause gehen und weise zu der Erkenntnis nicken, dass dieser Brecht schon ein ganz schön schlimmer Finger war. Die Politik kann da außen vor bleiben, man muss sich von ihr nicht stören lassen. Nicht so bei Lars Eidinger und Hans Jörn Brandenburg.

Schon in den ersten Minuten fragt sich auch die geübte Brechtianerin, ob einzelne Gedichte aus der „Hauspostille“ in der „Dreigroschenoper“ recycelt wurden. Spoiler: Wurden sie nicht. Der Abend ist ein wenig Etikettenschwindel. Es steht zwar „Hauspostille“ drauf, aber Lars Eidinger liest und rezitiert – kongenial begleitet von dem Musiker und Komponisten Hans Jörn Brandenburg an Klavier, Cembalo und Harmonium – den richtig politischen Brecht.

Und so finden die ersten zwanzig Minuten des etwa einstündigen Programms ihren Höhepunkt im „Lob des Kommunismus“. Der empörte Bürger verlässt den Saal, viele andere gucken verdutzt bis verstört, die Kommunisten im Saal sind schockverliebt.

Das Bühnenbild ist schmal, manch einer würde sagen, es gibt keins. Ein schmaler Streifen grünen Stoffs hängt von der Decke und setzt sich auf dem Boden fort, an den Seiten die nackte, ungeschminkte Bühnenumgebung, die man im bürgerlichen Theater viel zu selten zu sehen bekommt. Es riecht geradezu nach Epischem Theater. Auf dem Grün eine Klavierbank, auf der sich Hans Jörn Brandenburg um sich selbst drehen wird, um virtuos verschiedene Instrumente zu spielen, daneben ein Mikrofon. Sonst nichts. An dem Mikro steht Lars Eidinger, leicht gesenkten Hauptes in einem zu großen Anzug, der ihn optisch in die Nähe des großen Dichters rückt, ein kleines Buch in der Hand. Es sind die Gedichte Bert Brechts.

Eidinger beweist, warum er der Schauspieler seiner Generation ist. Er nähert sich Brecht nicht vorsichtig, einen Abstand lässt er nicht zu. Er liest und singt Brechts Werk so, wie der Dichter es gemeint hat. Mal zurückgenommen, mal geradeaus – man merkt die tiefe Beschäftigung mit Brecht und seinem Werk, vielleicht auch Überbleibsel der Vorbereitung auf seine Rolle als der Dichter selbst in „Mackie Messer. Brechts Drei­groschenfilm“.

Dabei bleibt das Programm eines des politischen Brecht. Neben Baal kommt die Seeräuber-Jenny zu Wort, es wird vor der Verführung gewarnt, mit Orge „von den Leben die Hellen, von den Toden die Schnellen“ gewünscht. Das bürgerliche Feuilleton feiert den Abend als einen des „wilden“ Brecht. Es ist einer des wahren.

Zum Ende erklingt „Die Schlussstrophen des Dreigroschenfilms“: „Denn die einen sind im Dunkeln / Und die andern sind im Licht. / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln – sieht man nicht.“ Das Licht ist aus, auf der Bühne wie im Zuschauerraum. In Zeiten massiven Sozialkahlschlags und Rechteabbaus im Zuge der Kriegsvorbereitung gibt es kaum noch einen, der im Lichte sitzt. Das Publikum schweigt gebannt, ein kleines Licht geht an am Mikrofon, und Eidinger liest: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! / Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn / Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende / Hat die furchtbare Nachricht / Nur noch nicht empfangen.“

Der Saal steht Kopf, nicht nur die Kommunisten im Raum applaudieren im Stehen. Die Uneinsichtigen beschweren sich, die Unbelehrbaren gehen. Der Rest hat zumindest so viele Widersprüche erfahren, dass er mit anderen Augen Nachrichten schauen wird, zumindest in den nächsten Tagen. Den Unentschlossenen können noch zwei Zugaben weiterhelfen: „Versinke im Schmutz / Umarme den Schlächter, aber / ändere die Welt: Sie braucht es!“ rezitiert Eidinger aus der „Maßnahme“, um dann das Publikum aufzufordern, den letzten Beitrag zu filmen und zu verbreiten. Denn, so Eidinger, es sei die Alternative zu unserer Nationalhymne. Bei der „Kinderhymne“ bleiben einige Augen nicht trocken. Wäre das nicht schön, „dass die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin / Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern Völkern hin“? Schon, aber dann braucht man eben auch einen anderen Staat. Dass die „Kinderhymne“ in John Lennons „Imagine“ übergeht, verzeiht man gerne.

Lars Eidinger liest und singt Bertolt Brechts Hauspostille

Nächste Termine:
13. Juni, Lübeck
5. September, Marburg
19. September, Frankfurt am Main
24. Oktober, Leipzig
31. Oktober, Weimar

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Ole hat Liebesentzug

27. Mai 2026 um 04:10

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„Wir müssen jetzt reden, Simon, über die SDAJ und wie die so mit uns kommunizieren oder auch nicht kommunizieren“, verkündet Ole Nymoen mit getragener Stimme bei „HeissaPapaClips“. „Richtig“, stimmt sein Kompagnon Simon David Dressler zu. Na, dann kann es ja losgehen.

Um es kurz zusammenzufassen: Ole und Simon sind beleidigt. Schließlich haben sie von der SDAJ eine Forderungsdiskussion gefordert und sind dann einfach „komplett gehostet“ worden. Schon unverschämt von der SDAJ, dass sie nicht das freundschaftliche Gespräch sucht mit Leuten, die am Vorabend des Schulstreiks am 5. März in der „Berliner Zeitung“ versucht hatten, den Streik und seine Forderungen madig zu machen. Diese Schulstreiks finden die beiden nämlich (wie so schön in allen bürgerlichen Medien kolportiert) „komplett unterwandert“ – und zwar von der SDAJ. Und ausgerechnet diese SDAJ mit den Unterwanderstiefeln an den Füßen komme nun ständig bei Ole Nymoen an, wenn sie was wollen, wie den Kontakt zu bekannten Künstlern, aber wenn er mal reden will, dann reagieren sie einfach nicht. Das macht Nymoen echt betroffen, Kompagnon Dressler macht, als Kennzeichen der Coolness eine Sonnenbrille im Haar, das dazu passende Gesicht und nickt salbungsvoll.

Den Offenen Brief in der „Position“, dem Magazin der SDAJ, mit dem auf die Kritik von Nymoen und Dressler geantwortet wurde, finden die beiden „weitgehend dämlich“. Aber Moment. Seit wann schreibt man Briefe an die Leute, die man ghostet? Nymoen und Dressler scheinen ein seltsames Verständnis des Begriffs zu haben. Wer aber meint, sie würden dann jetzt wenigstens auf die Argumente im Brief eingehen, hat falsch gedacht. Keiner kenne die „Position“, monieren die beiden. Warum habe die SDAJ bloß in einer Zeitung geantwortet, die keiner lese, anstatt auf Social Media? Was soll man dazu sagen? Danke für die Werbung, die „Position“ gibt es im UZ-Shop oder bei der SDAJ-Gruppe eures Vertrauens.

Inhaltlich geht es um folgendes: Nymoen und Dressler sind der Meinung, man dürfe keine konkreten Forderungen an den Staat stellen. Damit mache man sich zu „Bittstellern“. Die SDAJ und die Schulstreikbewegung sehen das anders. Und so faseln Nymoen und Dressler dann allerlei semantischen Quatsch über den Charakter von Forderungen und kommen dann zu absurden Argumenten wie dem folgenden: Die SDAJ fordert ja bekanntlich mehr Geld für Bildung. Daraus machen die beiden: „Wollt ihr wirklich mehr Geld für diese Schulen?“ In Köln habe beispielsweise ein Schulleiter die Bühne gestürmt, um zu verhindern, dass Israel als faschistoid bezeichnet wird. „Das sind die Leute, die damit dann mehr Geld bekommen. Glückwunsch.“ Wenn mehr Geld für Bildung ausgegeben wird, bekommt also ein Israel-Fan, der in Köln als Schulleiter fungiert, mehr Geld. Persönlich? Als Budget für seine Schule? Um es für Israel-Propaganda auszugeben? Das bleibt offen. Für eine Kritik am Bildungssystem ist aber auch keine Zeit, muss man sich doch an der SDAJ abarbeiten.

Doch ein Schwenk ist erlaubt, denn der macht es leichter, die absurden Argumente anzubringen. Fleißig zitieren die beiden aus der Kleinstzeitung „Der Kommunist“ der lustigen Trotzkisten-Organisation „Revolutionäre Kommunistische Partei“ und verkaufen deren Argumentation als die der SDAJ. Der große Geheimplan ist es nämlich – Achtung! – die streikenden Schülerinnen und Schüler mit ihren Forderungen vor die Wand laufen zu lassen. Denn Bittsteller, für die Nymoen und Dressler ja Leute mit Forderungen halten, werden niemals etwas durchsetzen. Also echauffiert man sich und versucht die Tragweite des SDAJ-Fehlverhaltens aufzuzeigen: „Ihr lasst absichtlich erst mal Leute gegen die Wand laufen, obwohl in Europa 29 Landkrieg geführt wird.“

Aber nicht zu viel der Inhalte, schnell kommen Nymoen und Dressler wieder auf ihr Kernanliegen. „Lieber Till, lieber Kiel“, verdoppeln sie den Verfasser des Offenen Briefes, Till aus Kiel, zu zwei Personen, und betonen nochmal: „Ihr habt Gesprächsangebote bekommen und uns geghostet.“ Vielleicht hat Kiel ja das Angebot verbummelt.

Die SDAJ habe sich wohl gedacht, „die beiden Trottel Simon und Ole halten wir aus allem raus“. Aber Hoffnung ist in Sicht für Dressler und Nymoen, einige Ortsgruppen und Streikkomitees hätten „stabile Ansichten“. „Die laden UNS ein.“ Schön für euch, aber vielleicht packt ihr dann auch ein paar Argumente ein.

Bei „HeissaPapaClips“ geht es weiter darum, dass „in zwei Jahren zwei Personen Reichweite gemacht haben mit Antimilitarismus und Wehrpflicht“. Mit denen muss man also reden, ob sie der Bewegung schaden oder nicht. Die SDAJ setzt bei den Unverschämtheiten aber noch einen drauf: Sie folgen den beiden nicht auf Instagram. Schockschwerenot. Nicht, dass sie nicht auch noch das Wehrpflicht-Buch von ­Nymoen nicht gekauft haben. Schadet das doch den Verkaufszahlen. Aber ein Schelm, wer denkt, dass es bei der Kritik an der Schulstreikbewegung gegen Wehrpflicht um den schnöden Mammon geht. Die beiden wollen doch einfach nur gehört werden. Und ein bisschen lieb gehabt.

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Erneuter Piratenakt

20. Mai 2026 um 13:52

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Israel hat erneut einen Akt der Piraterie begangen. Am Montag und in der Nacht zum Dienstag dieser Woche überfielen israelische Sicherheitskräfte in internationalen Gewässern die „Global Sumud Flotilla“, kaperten die Boote und verschleppten die Crew-Mitglieder nach Israel. Am Montag sind 40 Boote der Aggression Israels zum Opfer gefallen, in der Nacht sollen weitere 28 gekapert worden sein. Nach israelischen Angaben wurden rund 250 Menschen festgenommen. Zehn Boote waren nach Angaben der „Global Sumud Flotilla“ bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Dienstag noch auf Kurs Richtung Gaza.

Zu den Entführten gehören mehrere deutsche Staatsbürger, unter ihnen Johannes Happel. Er wurde am Montag von der israelischen Armee nach Israel verschleppt. Gemeinsam mit den anderen Teilnehmern der Flotilla wollte er Hilfsgüter nach Gaza bringen – und ist damit als Humanitärer Helfer nach der Genfer Konvention besonders geschützt. Das interessiert jedoch weder Israel noch das Auswärtige Amt. Letzteres wäre verpflichtet, Johannes Happel als deutschen Staatsbürger gegen illegale Verhaftung zu schützen. Doch das Auswärtige Amt schweigt. Auf Nachfrage von UZ, ob Außenminister Wadephul das Vorgehen Israels verurteilt und was das Auswärtige Amt zu tun gedenke, um Johannes Happel vor illegaler Inhaftierung und Folter zu bewahren, gab es keine Antwort – angeblich habe die E-Mail mit der Anfrage das Amt nicht erreicht. Auch eine zweite E-Mail mit verlängerter Frist ließ das Auswärtige Amt unbeantwortet.

Bei dem Überfall auf die Flotilla wurde auch die Ärztin Margaret Connolly, die Schwester der irischen Präsidentin Catherine Connolly, festgenommen und verschleppt. „Es ist sehr beunruhigend, und ich mache mir große Sorgen um sie, und auch um ihre Kollegen an Bord“, so die Präsidentin gegenüber dem staatlichen irischen Fernsehen RTÉ.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu brüstete sich derweil mit dem Angriff auf die Flotilla. Die Soldaten hätten „einen böswilligen Plan“ vereitelt, die Blockade Gazas zu durchbrechen, verkündete er ganz im Sinne einer Propaganda der Täter-Opfer-Umkehr.

In Israel sind die Crew-Mitglieder der „Global Sumud Flotilla“ Gefahr ausgesetzt. Bisher verschleppte Teilnehmer der Hilfsflottillen berichteten über den Entzug von Wasser und Nahrung. Von den über 175 im April entführten Crew-Mitgliedern sind zwei erst am vergangenen Sonntag freigelassen worden. Sie wiesen Spuren von Folter und körperlicher Misshandlung auf.

Freiheit für Johannes Happel!
Verlangt vom Auswärtigen Amt, sich für die sofortige Freilassung von Johannes Happel einzusetzen, telefonisch, per Mail, über die Kontaktformulare oder in den sozialen Medien:
Tel.: 030 5000-0
auswaertiges-amt.de
Instagram: @aussenminister, @auswaertigesamt
X: @auswaertigesamt

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Geiz ist geil?

13. Mai 2026 um 06:55

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Die Panik vor dem kommenden Parteitag scheint groß in der Linkspartei. Schon im Vorfeld soll sich die Schiedskommission mit unliebsamen Anträgen auseinandersetzen und sie aus dem Weg räumen. Nicht, dass die Delegierten noch falsch entscheiden. Doch wer jetzt denkt, es geht in dem Antrag des Anstoßes um das Verhältnis der Linkspartei zum zionistischen Apartheidstaat, der hat sich geschnitten. Auch das Bedingungslose Grundeinkommen, beim Halleschen Parteitag eine so umstrittene Frage, dass sich die ganz frisch gekürte Vorsitzende Ines Schwerdtner ans Mikrofon werfen musste, ist nicht das heiße Eisen. Denn es geht nicht um das Geld der anderen. Es soll um das Eigene gehen.

Die monatlichen Bezüge aus den Abgeordnetendiäten sollen für Mandatsträger der Linkspartei in Bundestag und EU-Parlament begrenzt werden – „auf ein Arbeitnehmerbrutto äquivalent zum aktuellen Durchschnittslohn“. Das sind etwa 2.850 Euro netto. Zusätzlich sieht der Antrag 350 Euro pro Kind oder zu pflegendem Angehörigen vor. Eine absolute Zumutung, finden einige der Abgeordneten. So zum Beispiel Bodo Ramelow. Wie soll er sich nach 16.000 Euro monatlich als Landesvater auch mit weniger als 11.833 Euro Bundestagsdiät zurechtfinden? Ramelow reichte einen Eilantrag bei der Schiedskommission ein.

Ebenfalls empört ist Michael Moses Arndt, der sonst schon mal „der Dämonisierung Israels Einhalt gebieten“ will. Der hat sich flugs an den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags gewandt. Der findet, man dürfe Diäten zwar deckeln, aber nicht auf so einem niedrigen Niveau. Laut Medienberichten sieht sich Arndt mit 2.850 Euro monatlich am Existenzminimum. Realitätsferner geht es nicht.

Pikant an der Geschichte ist nicht die Aufregung von Ramelow und seiner geldgierigen Kumpane. Sondern der Antragsteller, gegen den sie mit Schiedskommission und Bundestagsgutachten vorgehen: Es ist der eigene Parteivorstand.

Wer wissen will, was der Parteitag darüber denkt, sollte sich vom 19. bis 21. Juni den UZ-Blog nicht entgehen lassen. Wir berichten in guter Tradition wieder live im Ticker, diesmal aus Potsdam.

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Jubeldeutscher

13. Mai 2026 um 05:15

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Wie kann einem ein einzelner Mensch mit seinem Verhalten so sehr gegen den Strich gehen, dass man kurz davor ist, sich Claudia Roth zurückzuwünschen? Eigentlich gar nicht. Doch einer bemüht sich darum wie kein zweiter.

Was hat er nicht schon an unseren Nerven gezerrt. Von pornographisch angehauchter Pennälerlyrik mit Ekelfaktor bis zu einem 2018 erschienenen „Konservativem Manifest“ mag man mit seinen Veröffentlichungen nichts zu tun haben. Und mit seinen Kulturkämpfen schon mal gar nicht. Denn in deren Namen werden Festival-Intendantinnen gejagt, Buchhändler bespitzelt, verleumdet und um wohlverdiente Preise gebracht, Sonntagsarbeit für Bibliothekare gefordert, während Bibliotheken an der Unterfinanzierung der Kommunen verrecken. Auch ansonsten treibt dieser Mann lauter unangenehmen Schabernack im Auftrag des reaktionär-militaristischen Gesellschaftsumbaus und der deutschen Staatsräson. Nebenbei verdient er fein an seinen Kontakten zur obersten Riege der Kriegsgeneigten und der Vermittlung mit Gesprächen am Tegernsee. Obwohl – des Images wegen – die operativen Geschäfte gerade seiner Frau überlassen sind.

Wolfram Weimer, per offizieller Jobbezeichnung nicht Kulturkämpfer, sondern Kulturstaatsminister, hatte eigentlich mal angekündigt, er werde allerlei tun, um den „Schutz deutscher Kultur“ voranzubringen. Bei ihm hieß das, dem deutschen Film ein Comeback zu verschaffen, deutsche Verlage vor der Datenkrake und Urheberrechtsfeindin Google zu schützen und solche Sachen. Passiert ist davon nichts. Aber der Mann war ja auch beschäftigt im Namen der Staatsräson.

Nun findet in dieser Woche mal wieder das Ungetüm des „Eurovision Song Contests“ statt. Verschiedene Länder singen irgendwie gegeneinander an, Punkte werden verteilt, am Ende gewinnt einer. Israel darf traditionell mitmachen, liegt ja irgendwie in Europa. Deswegen machen viele Länder in diesem Jahr nicht mit. Irland zum Beispiel, Spanien und die Niederlande auch.

Das ist natürlich nicht zu ertragen für den Mann der Staatsräson. „Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten“, verkündet Weimer. Er sei sehr froh, dass Israel singen dürfe, und fahre deshalb nach Wien. Welcher Beitrag auch sonst sollte das Inte­resse des deutschen Kulturstaatsministers wecken?

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Anmaßungen

06. Mai 2026 um 14:42

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„Auf dem Rückweg aus dem Iran könnten wir die ‚USS Abraham Lincoln‘ – den größten Flugzeugträger der Welt – dorthin schicken und fast sofort die Kontrolle über Kuba übernehmen. Er wird 100 Meter vor der Küste Position beziehen, und die Leute werden sagen: ‚Vielen Dank. Wir geben auf‘“, so tönte US-Präsident Donald Trump am 1. Mai. Dass am Vormittag des gleichen Tages mehr als 500.000 Kubanerinnen und Kubaner am Kampftag der Arbeiterklasse gegen die mörderische völkerrechtswidrige Blockade der USA und die seit Wochen geäußerten Kriegsdrohungen protestiert hatten, ignorierte Trump geflissentlich.

An der Kundgebung vor der US-Botschaft in Havanna hatten auch der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel und Raúl Castro teilgenommen. Bei der Gelegenheit wurde auch ein Zwischenstand bekannt gegeben: 6.230.973 Kubanerinnen und Kubaner hatten sich per Unterschrift dazu bekannt, sich für Frieden und die Souveränität einzusetzen. „Gemeinsam und geschlossen fordern wir Frieden und bekräftigen unsere Bereitschaft zum Dialog ohne Vorbedingungen“, so Präsident Díaz-Canel.

Er warf den USA vor, von Rache- und Kolonialherrenmanier getrieben zu sein. Bereits zuvor hatte er die Drohungen Trumps scharf zurückgewiesen. Die internationale Gemeinschaft müsse diese zur Kenntnis nehmen und gemeinsam mit der Bevölkerung der USA entscheiden, ob ein solch „drastischer krimineller Akt zugelassen“ werden dürfe.

Während Trump von Flugzeugträgern vor der kubanischen Küste schwadronierte, zog die US-Regierung die Schlinge um die sozialistische Karibikinsel noch enger: Energie, Verteidigung, Bergbau und Finanzen – jede in diesem Bereich tätige Person und jedes Unternehmen, das mit Kuba in diesen Gebieten kooperiert, ist nun damit bedroht, seine gesamten Vermögenswerte in den USA zu verlieren. Als Begründung musste diesmal die unbelegte Behauptung herhalten, Kuba unterstütze Aktivitäten gegnerischer Geheimdienste auf US-Territorium. Doch auch davon wird Kuba sich nicht kleinkriegen lassen. „Danke“ wird dort niemand sagen. Und aufgeben erst recht nicht.

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Tag der Pressefreiheit

06. Mai 2026 um 12:54

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Man könnte sich totlachen – wenn es nicht so todernst wäre. Die EU-Kommission rühmt sich ja mit allem Möglichen – für Frieden zu stehen zum Beispiel oder für Freiheit. Meistens schaffen es die Sprachrohre der EU auch, diese Behauptungen mit ernsten Gesichtern vorzutragen, egal, wie lachhaft das Narrativ des Tages auch ist. Zum Tag der Pressefreiheit muss jemandem, der bei der EU für Werbung zuständig ist, allerdings besonders der Schalk im Nacken gesessen haben. Statt still und leise den Tag einfach wegzuignorieren, wie man es schon mit den ermordeten Journalisten in Gaza geübt hatte, waren Social-Media-Kanäle, U-Bahnhöfe und Litfaßsäulen voll mit EU-Werbung: „Freie Presse. Schützen, was uns wichtig ist.“

Muss Ironie sein, das ist schließlich der Gegensatz zwischen wörtlicher und wirklicher Bedeutung. Denn die EU verletzt die Pressefreiheit in riesigem Ausmaß. Sie verhängt Sanktionen gegen Journalisten, entzieht ihnen und ihren Familien wie im Fall von Hüseyin Dogru damit die Lebensgrundlage – weil sie über den Völkermord an den Palästinensern schreiben oder über die Kriegsvorbereitung gegen Russland. Das bedeutet: kein Konto, keine Möglichkeit, Miete zu überweisen, keine Krankenversicherung – und kein Recht, sich zu wehren. Denn anders als in Rechtsstaaten üblich gibt es kein Verfahren bei der Verhängung von Sanktionen, keine Richter, keine Verteidigung. Die EU setzt dich auf eine Liste und dann stehst du da. Zu lachen gibt es dann nichts mehr. Immerhin hat Hüseyin Dogru trotz allem noch so viel Humor, sich mit dem Plakat ablichten zu lassen, das für eine Freiheit wirbt, die es schon lange nicht mehr gibt. Getroffen hat es in diesem Fall Hüseyin Dogru, doch gemeint sind wir alle.

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Mittendrin und doch nur dabei

06. Mai 2026 um 12:18

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Barcelona, 1936. Die deutschen Fotografen Hans Namuth und Georg Reisner sollen für die französische Zeitschrift „Vu“ die Volksolympiade festhalten. „Die proletarischen, pazifistischen und antifaschistischen Spiele sind ein Protest gegen die Olympischen Spiele in Berlin“, fasst es die Graphic Novel „Kriegsfotografen“ von Raynal Pellicer und Titwane zusammen. Wie der Titel verrät, sollte es anders kommen.

Schon bei der Ankunft von Namuth und Reisner ist die Stimmung in der Stadt angespannt – in Marokko hat sich die spanische Armee gegen die Republik gewandt, die Sorge ist groß. In der Nacht vor der Eröffnung der Volksolympiade fallen dann die ersten Schüsse in Barcelona. Der Putsch hat begonnen.

In eindrücklichen Bildern und Texten, die teils dem Tagebuch von Hans Namuth entnommen sind, schildern die Autoren Raynal Pellicer und Titwane in „Kriegsfotografen“ die ersten Tage des Spanischen Kriegs in Barcelona.

Denn Namuth und Reisner bleiben vor Ort, igeln sich nicht im Hotel ein, sondern sind auf den Straßen, halten Kugelhagel und Barrikadenbau fest. So erlebt man im ersten Teil der Graphic Novel nicht nur Blutvergießen, sondern die Bevölkerung Barcelonas, die sich ihre Republik von den Faschisten nicht nehmen lassen will, unzureichend bewaffnete Männer und Frauen, die ihre Stadt verteidigen – und den ersten großen Sieg der Republikaner im Spanischen Krieg. Nach 48 Stunden sind 450 Menschen tot. Doch der Putschistengeneral Manuel Goded, der Barcelona dem Erdboden gleichmachen wollte, ist nicht durchgekommen, die Guardia Civil ist der Republik treu geblieben. Die Putschisten werden hingerichtet.

Pellicer und Titwane beginnen ihre Graphic Novel mit einem Rückblick. Hans Namuth befindet sich auf der Überfahrt ins Exil in den USA. Verbittert, geschlagen und mit der Schuld des Überlebenden belastet. Es ist, wie die erste Schlacht um Barcelona, eine eindrückliche Schilderung eines Mannes, der in den USA noch eine große Karriere als Fotograf erleben sollte. Doch in den Szenen aus Barcelona zeigt sich schon zaghaft die Haltung zum Spanischen Krieg, die „Kriegsfotografen“ zu einer schwierigen Lektüre macht.

Obwohl mit Hans Namuth und Georg Reisner die Protagonisten der Graphic Novel aus Deutschland kommen, schon 1936 wegen des deutschen Faschismus im Exil in Frankreich und auf Mallorca leben, bleibt der Krieg für Pellicer und Titwane ein „Bürgerkrieg“. Da wird Barcelona „zu einem riesigen Schauplatz eines Geschwistermords“, später, als die Anarchisten sich gegen die Republik stellen, nennen sie es einen „Bruderkrieg“. Auch aufgrund der politischen Haltung der beiden Protagonisten nimmt die Graphic Novel scheinbar keine Haltung zu den Richtungskämpfen bei den Verteidigern der Republik ein. Mal sind es die Anarchisten, die, voller Wut und Trauer über die eigenen Verluste, Massaker begehen, mal sind die Kommunisten irgendwie schlechte Menschen (ohne Massaker). Auch die Ziele der Spanischen Republik scheinen den beiden Autoren suspekt zu bleiben. Und während die fehlende sprachliche Einordnung des Spanischen Kriegs in einen Gesamtzusammenhang des Klassenkampfes beim Lesen nur ein bisschen stört, ist diese Haltung zur Spanischen Republik unangenehm.

Als Namuth und Reisner feststellen, dass mit der Schlacht um Barcelona der faschistische Aufstand gegen die Spanische Republik keinesfalls zu Ende ist, treten sie in die Reihen der Republikaner ein und überzeugen ihren Chefredakteur, sie als Kriegskorrespondenten in Spanien arbeiten zu lassen. „Wir müssen bleiben, weil Franco der Feind ist. Weil das hier auch unser Krieg ist. Franco und seine Bande von Generälen dürfen in Spanien kein faschistisches Regime errichten.“ Sie bekommen von der Republik einen Fahrer zugeteilt und folgen den Kämpfen durchs Land. Dabei begegnen sie allen Arten von Verteidigern der Republik. Und hier kommt ihre Haltung zum Ausdruck. Bauern werden als „naiv“ bezeichnet. Dass der Boden denen gehören soll, die ihn bestellen, scheint keine Idee zu sein, die den Autoren besonders zusagt: „Landwirte, Schäfer, Krieger. Alle heben die Faust als Zeichen ihrer Bereitschaft. Jeder ist willens, ‚seinen Boden‘ zu verteidigen. Boden, der ihnen gerade erst zugeteilt wurde.“ Warum die Bauern freiwillig ins Joch der Ausbeutung zurückgehen sollten, erklären die Autoren nicht. Nur lassen sie ihren Protagonisten Reisner befinden: „Mir scheint, sie haben viele der Eigentümer zu Faschisten ernannt. Das war bestimmt nur ein Vorwand, um sich ihrer zu entledigen.“ Wie gesagt, unangenehm.

Ansonsten wartet „Kriegsfotografen“ noch mit bösen Stalinisten und russischen Panzern auf, während der faschistische Luftangriff auf Guernica keine Rolle spielt. Und offenbart mit seiner Erzählung über den Spanischen Krieg das Dilemma der bürgerlichen Geschichtsschreibung. Der Zusammenhang darf nicht benannt werden, auch wenn er unübersehbar ist. Und die Guten dürfen nicht gut sein, wenn sie an den Eigentumsverhältnissen kratzen.

Raynal Pellicer, Titwane
Kriegsfotografen. Hans Namuth und Georg Reisner 1936 bis 1940
Splitter Verlag, 143 Seiten, 29 Euro

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