
„Krise? Welche Krise?“ möchte man nach der Lektüre des „Global Wealth Report“ fragen, der in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. Weltweit sind die Nettovermögen im vergangenen Jahr um gut 9 Prozent auf 550 Billionen Dollar angestiegen. Besonders stark stiegen dabei die Finanzvermögen, und zwar um fast 11 Prozent. Laut dem Report ist dies das stärkste Plus seit 2021.
Auch Deutschland bildet hier keine Ausnahme. Das Nettovermögen ist hierzulande im Jahr 2025 um rund 15 Prozent auf 23,3 Billionen Dollar angestiegen. Die Finanzvermögen legten aufgrund steigender Aktienkurse sogar um fast 18 Prozent zu. Sachwerte – vor allem Immobilien – wuchsen auf 13,4 Billionen Dollar und machten mehr als die Hälfte der Vermögen aus.
Auch die Zahl der Superreichen – hierzu zählen Menschen mit einem Privatvermögen von mehr als 100 Millionen Dollar – ist 2025 in Deutschland um rund 1.100 gegenüber dem Vorjahr auf rund 5.000 gestiegen. Ihnen gehören nach Berechnungen der Boston Consulting Group (BCG) 27,3 Prozent des Finanzvermögens von 12,4 Billionen Dollar, also knapp 3,4 Billionen Dollar. Gemeinsam mit den rund 700.000 Multimillionären halten die Superreichen aktuell über die Hälfte (52,8 Prozent) des Finanzvermögens.
Die Konzentration des Vermögens wird weiter zunehmen. Bis 2030 wird der Anteil am deutschen Finanzvermögen, der den Superreichen gehört, auf 29 Prozent steigen, prognostiziert die BCG. „Denn wer mehr hat, kann breiter streuen und in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity investieren“, so die Ökonomen.
Eine angemessene Besteuerung dieses immensen Reichtums wird von neoliberalen Ideologen als Teufelswerk gebrandmarkt. Im Gegenteil, es hält sich hartnäckig das Gerücht, es sei „kein Geld da“ und es müsse gespart werden. Gleichzeitig wird der Ruf von Kapitalverbänden und Politik nach Sozialkürzungen immer lauter.
Die vermeintlich wissenschaftlichen Weihen für den geforderten Kahlschlag wurden in der vergangenen Woche von den sogenannten „Wirtschaftsweisen“ nachgeliefert. Im Fokus ihres Frühjahrsgutachtens stand die Entwicklung der Sozialversicherungsbeiträge und deren Auswirkung auf die deutsche Volkswirtschaft. Die demografische Alterung würde den Druck auf die Sozialversicherungen verschärfen, heißt es dort. Die Ausgaben der Sozialversicherungen würden schneller steigen als die beitragspflichtigen Einnahmen. In der Folge werde der Gesamtsozialversicherungsbeitragssatz bis zum Jahr 2040 voraussichtlich auf fast 50 Prozent steigen. Diese Entwicklung werde zunehmend zu einem gesamtwirtschaftlichen Belastungsfaktor.
Um dem entgegenzuwirken, fordern die Wirtschaftswissenschaftler geringere Ausgaben für die Krankenhausversorgung und für Arzneimittel. Außerdem würde eine Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von nicht kindererziehenden Ehepartnern die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung erhöhen. Um die Ausgaben der Pflegeversicherung zu begrenzen, wird vorgeschlagen, den Begriff der Pflegebedürftigkeit zu überprüfen, mit dem Ziel, die Anzahl der Pflegebedürftigen zu reduzieren und zugleich den durchschnittlichen Pflegegrad zu senken.
Achim Truger, ebenfalls Mitglied des Sachverständigenrats, hat in zwei Minderheitsvoten zum Frühjahrsgutachten die Folgen dieser Empfehlungen für die Versicherten aufgezeigt. Die Vorschläge zur gesetzlichen Krankenversicherung würden „schnell zu einer kräftigen Absenkung des Rentenniveaus von aktuell noch etwa 48 Prozent des letzten Bruttoverdienstes um viele Prozentpunkte in Richtung 40 Prozent führen”. Bei Umsetzung der Vorschläge in der Pflegeversicherung sei laut Truger, der als Professor an der Universität Duisburg-Essen lehrt, mit einer drastisch steigenden finanziellen Belastung für die Bedürftigen und einem drastischen Anstieg der Anzahl der Empfängerinnen und Empfänger von Sozialhilfeleistungen zu rechnen.
Zusammenfassung: Die Umsetzung der Reformvorschläge würde die Altersarmut verschärfen. Umverteilung von unten nach oben und soziale Härten wären die Folge, so Truger. Genau dies ist spätestens seit der Agenda-Politik Sinn und Zweck von sogenannten Sozialreformen, möchte man hinzufügen.
