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Erinnerungen an Mutter Beimer | Von Dirk C. Fleck

17. Januar 2026 um 22:22

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Erinnerungen an Mutter Beimer | Von Dirk C. Fleck

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

In den neunziger Jahren hatte ich das Privileg, für die WELT und später für die Berliner Morgenpost an jedem Sonnabend auf einer ganzen Seite eine prominente deutsche Persönlichkeit vorzustellen. Insgesamt sind es über 200 Porträts geworden. Warum ich jetzt ausgerechnet an die Begegnung mit Marie-Luise Marjan zurück denke weiß ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die inzwischen 85jährige mich an eine Figur aus Kafkas Erzählungen erinnerte, an die Sängerin Josefine nämlich, einer Maus, die von ihrem Mäusevolk bewundert wird, obwohl ihr Gesang oft nur ein erbärmliches Pfeifen ist. Hier ist die Reportage mit „Josefine“ Marjan im Wortlaut:

Wenn die Menschen einem auf der Straße zuwinken, wenn sie die Scheiben ihrer Autos herunter drehen und »Alles Gute!« rufen, wenn einem im Restaurant wie selbstverständlich der beste Platz zugewiesen wird und der Aperitif aufs Haus geht – wenn einem also so viel Gutes widerfährt, dann ist man in Deutschland mit Mutter Beimer unterwegs.

Marie-Luise Marjan nimmt die Huldigungen, die ihr auf Schritt und Tritt entgegenschlagen, mit Grandezza entgegen. Sie winkt zurück, lacht und verteilt Kusshändchen. »Ich nehme dieses Spiel an«, sagt sie, »was soll ich mich dagegen wehren? Das kostet zu viel Kraft.«

Die Schauspielerin aus der »Lindenstraße« ist der lebende Beweis dafür, dass der schlichte Charakter einer deutschen Haus-und Reisekauffrau, den sie nun seit Jahren auf dem Bildschirm verkörpert, in diesem Land allemal höher geschätzt wird, als das lächerliche Stargehabe vieler Kollegen. Zwei schlicht, zwei kraus – das ist es, was die Menschen immer noch am besten verstehen.

Die Begegnung mit Mutter Beimer kommt gerade recht. Sie bindet mich wieder in eine Realität, die ich kaum noch zu erkennen vermochte, nachdem ich eine Woche zuvor Professor Jürgen Hubbert in Sindelfingen interviewte hatte. Der Mercedes-Chef ließ sich nach dem Gespräch vom Fotografen dazu überreden, die Steilwand der hauseigenen Teststrecke im Sprint zu durchlaufen. Einen der wichtigsten deutschen Wirtschaftsführer in seiner transparenten Blässe mit hängender Zunge und wehender Krawatte am Konzernimage arbeiten zu sehen, war einfach nur absurd und entbehrte nicht einer gewissen Lächerlichkeit.

Marie-Luise Marjan ist nicht lächerlich, sie ist ehrlich. »Die Mutter Beimer kann ich spielen, bis ich achtzig bin«, sagt sie und rückt die Stola über ihrem weißen Kleid zurecht. Ein solches Kleid würde sie in der Lindenstraße nie tragen.

 »Die Leute kennen mich im Nachthemd, sie kennen mich in hässlichen fleischfarbenen Bodys und schlecht sitzenden Büstenhaltern. Trotz dieses trutschigen Outfits ist es mir gelungen, der Figur Lebenskraft, Sinnlichkeit und Humor einzuhauchen. Deshalb sprechen die Menschen mich auf der Straße an. Ich bin eben wie sie, da gibt es keine Berührungsängste.«

Frau Marjan leistet ihren Dienst mit Hingabe, als habe sie die Aufgabe in der Lotterie gewonnen. Das Fernsehvolk lässt sie seit sechzehn Jahren gewähren, eine Ewigkeit, wenn man die Halbwertzeiten heutiger Stars in Betracht zieht. Die Menschen können sich nicht sattsehen an ihrem Gesicht. Es hat weder Ecken noch Kanten, es ist weichgespült und taumelt beständig an der Grenze des Vergessens. Es ist die Mutterpflanze der guten deutschen Hausfrau, eine Projektionsfläche für alle unerfüllten Sehnsüchte.

Bevor Marie-Luise Marjan 1985 Helga Beimer wurde, hatte sie zwanzig Jahre lang Theater gespielt – vom Starruhm war sie so weit entfernt, wie Heinz Konsalik vom Literaturnobelpreis.

»Im ersten Jahr wurde ich als Naive engagiert, später dann als schwere Sentimentale. So steht es in den Verträgen: schwere Sentimentale. Gerhart Hauptmanns Rose Bernd ist so eine.«

Sie hat alles gespielt, von Shakespeare über Kleist bis zu Brecht.

»Wenn man Huren und Königinnen gegeben hat«, sagt sie, »wenn man den Gatten ermordet und Revolutionen angezettelt hat, dann ist die eigene Person nicht so wichtig. Die Figuren, die man verkörpert, dürfen ja jeden Fehler machen, ohne je dafür bestraft zu werden. Im wahren Leben wird man schneller beschädigt.«

Nietzsche nannte diese Secondhand-Existenz den beglückenden Wahn der Schauspieler.

»Sie glauben tatsächlich, dass es den historischen Personen, welche sie darstellen, so zumute gewesen sei wie ihnen bei ihrer Darstellung. Das wäre freilich eine schöne Entdeckung, dass es nur des hellseherischen Schauspielers bedürfe, statt aller Denker, um ins Wesen irgendeines Zustandes hinabzuleuchten!«,

empörte er sich.

Marie-Luise Marjan schnuppert an der Rose, die der Wirt des italienischen Restaurants am Hamburger Rothenbaum eigens für sie auf den Tisch gestellt hat. »Wussten Sie«, fragt sie mit blitzenden Augen, »dass es eine Marie-Luise-Marjan-Rose gibt? Sie ist weiß, mit einem Hauch von Rosa auf der Innenseite.«

Sie prostet mir zu und schaut auf die Uhr, es steht noch ein weiterer Pressetermin an. Ich begleite sie zum Taxistand. Ein Wagen hupt, Mutter Beimer winkt zurück.

»Eigentlich müsste ich ein Buch darüber schreiben, was mir mit den Leuten so alles passiert«,

sagt sie und schmunzelt.

»Die Geschichte in der Sauna zum Beispiel. Da kommt eine Frau auf mich zu, reißt mir den Bademantel auf und sagt: ›Sie sind ja gar nicht so dick wie in der Serie!‹ Oder die Sache im Flugzeug. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen. Der Herr neben mir starrte unentwegt auf meine Füße. Plötzlich sagte er: ›Ich kenne Sie.‹ – ›Warum starren Sie mir dann auf die Füße und nicht ins Gesicht?‹, fragte ich. Da antwortete er: ›Sie haben mal eine Szene gespielt, in der Sie barfuß aufgetreten sind. Und zwar als der Chef Ihres Mannes zu Ihnen nach Hause kam. Das habe ich nie vergessen ...‹.«

Sie lacht noch, als ich ihr die Taxitür öffne. »Wissen Sie, was das wirklich Großartige an meiner Popularität ist?«, fragt sie mich zum Abschied. »Ich kann in Deutschland nicht mehr verloren gehen!« Ich schließe sie in die Arme, sie lässt es sich gerne gefallen.

PS: Marie-Luise Marjan engagiert sich seit 1990 bei UNICEF und beim Kinderhilfswerk PLAN International. Die Fernsehserie Lindenstraße lief noch bis 2010.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: VasylYurlov / shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)

Was wir für Fortschritt halten, ist reine Plünderung | Von Dirk C. Fleck

03. Januar 2026 um 11:35

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Was wir für Fortschritt halten, ist reine Plünderung | Von Dirk C. Fleck

Einige Gedanken querbeet

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

»Es stimmt nicht, dass gegen die Dummheit kein Kraut gewachsen ist. Es wird nur nicht angepflanzt!« – Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), Naturforscher und Schriftsteller.

Neulich sah ich im Hamburger Abendblatt ein halbseitiges Foto von einem Wal, von dessen gigantischer Schwanzflosse das Wasser perlte. Natürlich dachte ich zunächst, es handele sich um einen Bericht über die Ausrottung der Meeressäuger. Unter dem Bild stand: »Wal griff Urlauber an!«

Den Menschen ins Bewusstsein zu bringen, dass sie nicht nur Kulturwesen, sondern auch Naturwesen sind, die verinnerlicht haben, dass die Natur ein Existenzrecht hat, unabhängig da- von, ob sie etwas davon haben, ist eine Herkulesaufgabe, von der niemand weiß, wie sie bewerkstelligt werden kann.

Es geht nicht mehr um links oder rechts, es geht auch nicht um oben oder unten, es geht um zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich.

Was wir für Fortschritt halten, ist nicht Ausfluss von Intelligenz, sondern ein Substanzverzehr – reine Plünderung.

Der chinesische Astronaut Taylor Gun-Jin Wang nach seiner Rückkehr aus dem All:

»Ein chinesisches Märchen erzählt von einigen Männern, die ausgeschickt wurden, einem jungen Mädchen etwas Böses anzutun. Als sie aber sahen, wie schön es war, waren sie so gerührt, dass sie stattdessen seine Beschützer wurden. Ebenso erging es mir, als ich die Erde zum ersten Male erblickte: Ich konnte sie nur noch lieben und verschonen.«

Wenn man nicht ohnehin der Meinung ist, dass der Drops gelutscht ist, weil wir es bereits heute mit irreparablen Langzeitschäden zu Lande (Atommüll, Abholzung der Regenwälder, Verlust der Artenvielfalt, Pestizideinsatz in der Landwirtschaft), zu Wasser (Plastikschwemme) und in der Luft (Geoengineering) zu tun haben, muss man wohl konzedieren, dass der Umbau unserer globalen Konsumkultur das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit sein wird.

Es war Erhard Eppler (1926-2019), der gesagt hat, dass die Naturvölker vermutlich keinen ersprießlicheren Umgang mit der Natur gepflegt haben als wir - sie hatten nur keine Motorsägen.

Als die Maori Neuseeland besiedelten, haben sie die tierischen und pflanzlichen Ressourcen derart unachtsam geplündert, dass ihr Lebensraum kaum noch etwas hergab. Während wir den Ökozid bewusst in Kauf nehmen, kamen die Maori zur Besinnung. Sie erklärten die am stärksten geschädigten Gebiete zu Tabuzonen, in denen nicht gejagt, gefischt oder Holz geschlagen werden durfte. Manche Zonen waren für Menschen ganz gesperrt. Erst wenn sich die Natur wieder erholt hatte, wurde das Tabu gelöst. Jetzt ging es auf eine andere Region über, die ökologisch auf der Kippe stand und die ebenfalls eine Atempause brauchte. Auf diese Weise entstand ein gesunder Kreislauf – Mensch nimmt, Mensch lässt in Ruhe. Die Natur weiß das zu schätzen.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit der Earth-First- Aktivistin Judi Bari. Es war 1990 im sogenannten Redwood-Summer, als zehntausende US-amerikanischer Umweltschützer gegen die Lumber-Companies mobil machten, welche die kalifornischen Küsten-Mammutbäume „abernten“ wollten. Wir schlenderten die Dorfstraße von Alderpoint hinunter in ein lang gezogenes Tal, in dem Hunderte bemooster, mannshoher Baumstümpfe in Reih und Glied standen wie Grabmale auf einem Heldenfriedhof.

»All das hier war vor vierzig Jahren noch mit majestätischen Urwäldern bedeckt«,

bemerkte Judi,

»bis zu zweitausend Jahre alte Redwood-Riesen ragten über hundert Meter hoch in den Himmel. Zwischen Platt Mountain auf der einen und Wool Mountain auf der anderen Seite lebten unzählige Vogelarten, Reptilien und Wildkatzen. In den Bächen tummelten sich Forellen und Lachse. Dort drüben rauschte ein Wasserfall in die Tiefe ...«

Meine Begleiterin ging in die Hocke und ließ eine Handvoll staubiger Erde durch die Finger rieseln.

»Wo sind die Pflanzen und Tiere?«, fragte sie mit brüchiger Stimme, »wie können wir es nur aushalten ohne sie?«

Wir haben uns regelrecht in die Natur verbissen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ist der Umstand, dass Menschen in manchen meiner Träume nicht mehr vorkommen, nun der Tatsache geschuldet, dass wir einfach von der Erde verbannt wurden? Oder sind wir entbehrlich geworden, weil wir unsere Aufgabe pflichtbewusst erfüllt haben? Diese Aufgabe hieß dann wohl: Haut das filigrane Netzwerk auf dem blauen Planeten in tausend Stücke, damit ich mir neue Bahnen suchen kann, denn ich, die Evolution, spiele und experimentiere gern.

Pflanzen lernen. Über ihre Wurzeln senden sie chemische, mechanische und elektrische Signale an Nachbarpflanzen aus. Im Saft ihrer Äste und Blätter schwimmen sogenannte ›Phytohormone‹, die wichtige Botschaften übermitteln. In ihren Stängeln werden Sinneswahrnehmungen wie in einem Nervensystem weitergeleitet. Über bestimmte Duftstoffe können sie mit anderen kommunizieren, Insekten anlocken oder vertreiben. Werden Pflanzen durch weidende Tiere oder Insektenbefall beschädigt, so raten sie anderen Pflanzen, Abwehrstoffe wie Phenol oder Tannin zu produzieren, die sie für Schädlinge unverdaulich machen. Ach, was wissen wir schon …

Ich habe keinen Gießplan für meine Pflanzen. Ich weiß, wann sie Wasser brauchen, ich folge einfach ihrem Ruf. Unsere Kommunikation ist aber nicht aufs »Essenfassen« beschränkt. Wenn ich mit einer Idee schwanger gehe, wenn ich dabei bis in die letzten Winkel meiner Wohnung laufe, um meinen Kopf zu kühlen, dann ertappe ich mich gelegentlich dabei, wie ich eine Pflanze berühre, ihre Blätter auf Schadstellen untersuche, ihr den Staub abwische, sie ins rechte Licht rücke. Die Pflege meiner Pflanzen geschieht unbewusst, ohne dass ich dabei nachlässig wäre. Im Gegenteil: In diesen meditativen Augenblicken bin ich ihnen sehr nah. Ich erkenne ihre Bedürfnisse und gehe auf sie ein. Als Dank saugen sie jeden gedanklichen Ballast aus mir, sodass ich mit einem klaren Ergebnis an den Computer zurückkehre. Ich benutze keine Worte, wenn ich mit ihnen spreche, ich richte nicht einmal formulierte Gedanken an sie. Unser Verständnis funktioniert auf einer anderen Ebene, es liegt jenseits aller Missverständnisse.

Auf dem hart gefrorenem flachen Land ist die Natur zu Trümmern zerschlagen worden. Die Splitter liegen zwischen Kiesgruben, Möbellagern und bröckelnden Zementfabriken verstreut. Ich zähle die Baumstümpfe an der parallel laufenden Landstraße, hinter der ein Heer von Hochspannungsmasten über eingezäunte Wiesen stampft. Hunderte von Krähen lassen sich auf dem Acker nieder, ein Bulldozer schiebt Sand in den Priel. Das Surren der Reifen auf der provisorischen Spur wirkt beruhigend. Daran ändert auch die staubende Urinfahne aus dem Viehtransporter nichts. Ich orientiere mich am Mercedes-Stern und nicht an den ängstlich geweiteten Augen, die zwischen den Stahlrosten um Hilfe flehen ...

Das norwegische Parlament hat gerade entschieden, große Gebiete im Nordatlantik für den Tiefseebergbau zu öffnen. In dem 281.000 Quadratkilometer umfassenden Gebiet zwischen Ostgrönland und Spitzbergen lagern nach Schätzungen von Geowissenschaftlern rund 45 Millionen Tonnen Zink sowie 38 Millionen Tonnen Kupfer, also das Doppelte der heute weltweit geförderten Menge. Außerdem soll die Meereskruste große Mengen an Gold, Silber, Mangan, Titan, Kobalt, Nickel und den begehrten »seltenen Erden« enthalten. Ein Fraß, den sich die unersättliche Konsumgesellschaft unserer Tage nicht entgehen lassen will.

"Der klarste Weg ins Universum führt durch einen wilden Wald.“ John Muir (1838-1914) war ein schottisch-amerikanischer Naturwissenschaftler, Entdecker, Schriftsteller, Erfinder, Ingenieur und Geologe.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: studiovin / shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)
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