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Schach Monopoly (Teil 2)

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Von: Bernd Liske (globalbridge)

Zu den Besuchen von US-Präsident Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin bei Chinas Präsident Xi Jinping

Meister, wie besiegen wir den Feind?
Nun, indem wir nichts tun – außer: Warten.

Während wir unsere Stärken entwickeln,
entwickelt er seine Schwächen.

Während wir die Quellen des Lebens gewähren lassen,
lässt er sie versiegen.

Während wir das Wasser sind,
wird er hart wie Stein.

Während wir die Richtung kontrollieren,
kontrolliert er die Richtungen.

Während er von Freiheit redet,
nehmen wir uns die Freiheit.

Der Feind besiegt sich selbst und
die Flut wird sich über die Steine ergießen.

Ende Januar wurde in SchachMonopoly die These vertreten, dass der Krieg zwischen den USA und China nicht bevorsteht, sondern längst begonnen hat – nur nicht in der klassischen Form offener militärischer Konfrontation, sondern durch die Eindämmung des geopolitischen Einflusses Chinas, die Beeinträchtigung seiner Rohstoffsicherheit durch die USA und den chinesischen Reflex darauf, etwa durch die begrenzte Lieferung Seltener Erden. Die Ukraine, Venezuela, Grönland oder Europa erschienen darin nicht als voneinander getrennte Krisenräume, sondern als Figuren eines umfassenden geopolitischen Spiels, in dem wirtschaftlicher Druck, Sanktionen, Rohstoffpolitik, Medienmacht, Handelskriege und militärische Drohkulissen ineinandergreifen. Zum Verständnis dieser Ansicht können meine Analyse der Natur der amerikanischen Politik in Die zweite Seite der Medaille und meine Neujahrswünsche 2023 beitragen, in denen ich zu den Dimensionen moderner Kriege als Weiterentwicklung des Konzepts des Network Centric Warfare ausführe.

Man rieb sich wohl weltweit die Augen: Was hatte dieses Gipfeltreffen der Führer der beiden mächtigsten Industrienationen der Welt eigentlich hervorgebracht – außer schönen Bildern, großen Worten und einer Erklärung des Weißen Hauses, die sich selbst bereits als historisch etikettiert? Präsident Trump habe mit Präsident Xi Einigkeit über Fragen erzielt, die Stabilität und Vertrauen weltweit stärken sollen. Genannt werden strategische Stabilität, Fairness und Gegenseitigkeit, gemeinsame Aussagen zu Iran, zur Straße von Hormus und zu Nordkorea sowie die Einrichtung neuer Handels- und Investitionsräte. Das klingt nach Weltpolitik im großen Format. Doch es bleibt zunächst offen, ob hier Substanz beschrieben wird – oder ob diplomatische Allgemeinplätze durch die Größe der Bühne bedeutsamer wirken sollen, als sie tatsächlich sind.

Handfest wird die Erklärung vor allem dort, wo amerikanische Erfolge aufgezählt werden: Boeing-Flugzeuge, Agrarkäufe, Rindfleisch, Geflügel, Seltene Erden und kritische Mineralien. Das ist innenpolitisch verwertbar und wirtschaftlich keineswegs belanglos. Aber macht es das schon zu einem historischen Abkommen zwischen zwei Großmächten? Auffällig ist, dass die Erklärung sehr genau beschreibt, was amerikanischen Arbeitnehmern, Landwirten und der Industrie zugutekommen soll, während kaum erkennbar wird, worin der chinesische Gegenwert besteht. Gerade das ist der wunde Punkt: Ein Abkommen ist keine einseitige Siegesmeldung, sondern die sichtbare Verständigung verschiedener Parteien. Solange unklar bleibt, was China aus diesem Paket zieht, bleibt auch die behauptete Gegenseitigkeit erklärungsbedürftig.

Interessant wird der Befund erst recht, wenn man die chinesische Darstellung danebenlegt. Das chinesische Außenministerium spricht von einer „konstruktiven strategischen Stabilität“, aber der Akzent verschiebt sich deutlich: Nicht der amerikanische Ertrag steht im Vordergrund, sondern die Einhegung des Großmachtkonflikts, die Gleichrangigkeit der Verhandlungen und die Formel gegenseitigen Nutzens. Wo Washington Siege verbucht, spricht Peking von Konsultation auf Augenhöhe. Wo das Weiße Haus konkrete amerikanische Branchen adressiert, betont China die gemeinsame Steuerung der Beziehungen, die Begrenzung von Konkurrenz und den Umgang mit Differenzen. Das ist keine bloße Stilfrage. Es zeigt, dass beide Seiten dasselbe Treffen für unterschiedliche politische Erzählungen nutzen.

Gerade darin liegt vielleicht die eigentliche Aussage dieses Gipfels. Für Washington soll er beweisen, dass Trump China zu Zugeständnissen bewegen kann. Für Peking soll er zeigen, dass China den Vereinigten Staaten nicht nachgibt, sondern ihnen als gleichrangige Macht gegenübersitzt. Die amerikanische Erklärung liest sich wie eine Erfolgsbilanz; die chinesische wie ein Protokoll strategischer Selbstbehauptung. Zwischen beiden Texten liegt also weniger ein Widerspruch als eine Leerstelle: Die eine Seite zählt Erträge auf, die andere wahrt Rang, Gesicht und Deutungshoheit. Vielleicht ist genau das das Abkommen: nicht die Lösung der großen Konflikte, sondern die vorläufige Verständigung darüber, sie kontrolliert weiterzuführen — mit genug konkretem Material für Washington und genug symbolischer Augenhöhe für Peking.

Anders liest sich die Begegnung zwischen Chinas Präsident Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin. Hier steht nicht der einzelne wirtschaftliche Ertrag im Vordergrund, nicht die Frage, welche Branche, welcher Bundesstaat, welcher Industriezweig unmittelbar profitiert. Die chinesische Darstellung rahmt den Besuch vielmehr als Bestätigung einer gewachsenen strategischen Beziehung: dreißig Jahre strategische Partnerschaft, fünfundzwanzig Jahre Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit, eine Beziehung, die auf Gleichheit, gegenseitigem Respekt und „Win-win“-Kooperation beruhen soll. Das ist keine Sprache des Deals, sondern der Dauer. Wo Washington Ergebnisse zählt, zählt Peking im Verhältnis zu Moskau Geschichte, Verlässlichkeit und institutionalisierte Nähe. Der Besuch wird damit weniger als Durchbruch erzählt, denn als Bekräftigung eines bereits bestehenden politischen Zustands. Nach chinesischer Darstellung vereinbarten beide Seiten zudem die weitere Verlängerung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit.

Materiell war der Besuch keineswegs leer, doch gerade die Quellenlage ist Teil der Bewertung. Die chinesische Seite spricht offiziell von zwanzig Kooperationsdokumenten, die in Anwesenheit beider Präsidenten unterzeichnet wurden, unter anderem in den Bereichen Wirtschaft und Handel, Bildung, Wissenschaft und Technologie. Zugleich nennt Peking weitere Felder praktischer Zusammenarbeit: Energie, Ressourcen, Transport, Investitionen, Innovation und kulturellen Austausch. Internationale Berichte über die russische Darstellung fassen das Paket größer und sprechen von mehr als vierzig Dokumenten beziehungsweise Vereinbarungen, die Wirtschaft, Energie, Transport und internationale Zusammenarbeit betreffen. Schon darin zeigt sich eine Verschiebung: Peking protokolliert kontrolliert und institutionell; Moskau braucht das größere Paket, den größeren Eindruck, die größere Zahl.

Auffällig bleibt dennoch, wie wenig öffentlich beziffert wird. Ein Gesamtwert der Vereinbarungen ist nicht bekannt. Die chinesische Seiteverweist zwar darauf, dass der bilaterale Handel im dritten Jahr in Folge die Marke von 200 Milliarden US-Dollar überschritten habe und in den ersten vier Monaten 2026 um nahezu zwanzig Prozent gewachsen sei. Das unterstreicht die materielle Bedeutung der Beziehung. Aber es ersetzt keine Bewertung der neu geschlossenen Vereinbarungen selbst. Anders als in der Erklärung des Weißen Hauses zu Trump und China, in der Boeing-Flugzeuge, Agrarkäufe, Marktzugänge und einzelne Rohstofffragen ausdrücklich als amerikanische Erfolge benannt werden, bleiben die russisch-chinesischen Ergebnisse breiter, sektoraler, weniger greifbar. Sie zeigen Richtung und Verdichtung, aber kaum überprüfbare wirtschaftliche Größen.

Der härteste materielle Kern liegt weiterhin in der Energie — und gerade dort wird die Grenze des Besuchs sichtbar. Russland hätte ein starkes Interesse daran gehabt, den lange verhandelten Durchbruch bei Power of Siberia 2 präsentieren zu können. Diese Pipeline soll nach Reuters jährlich bis zu 50 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland über die Mongolei nach China liefern und ist für Russland besonders wichtig, weil der Zugang zu europäischen Energiemärkten seit dem Krieg gegen die Ukraine stark eingeschränkt ist. Doch der große Abschluss blieb aus: Reuters berichtet zwar von einem allgemeinen Verständnis über Route und Bauweise, zugleich aber davon, dass Preis, Zeitplan und zentrale Vertragsdetails offenblieben; offizielle Öl- oder Gasverträge wurden bei dem Besuch nicht bekanntgegeben. Dass Gazprom-Aktien nach dem Treffen unter anderem wegen des weiter fehlenden Pipeline-Abschlusses unter Druck standen, zeigt, dass die Märkte den Besuch nicht als klaren energiepolitischen Durchbruch lasen.

Unter der Oberfläche dieser demonstrativen Nähe bleibt jedoch eine Unwucht. Russland trägt die schwereren Lasten: Es braucht China als Markt, als politischen Rückhalt und als Ausweg aus westlicher Isolierung. China profitiert von russischen Rohstoffen, alternativen Versorgungswegen und strategischer Entlastung, bindet sich aber nur so weit, wie es den eigenen Spielraum gegenüber den USA nicht gefährdet. Das erklärt, warum die Partnerschaft zwar offiziell als Verhältnis auf Augenhöhe erscheint, materiell aber asymmetrischer wirkt. Moskau sucht Anerkennung als gleichrangige Großmacht; Peking behandelt Russland eher als unverzichtbaren, aber nicht gleich starken Partner.

Damit entsteht ein nüchterner Befund: Der Putin-Besuch brachte viele Vereinbarungen, aber keinen öffentlich bezifferten Großabschluss. Er verdichtete die russisch-chinesische Beziehung politisch, institutionell und symbolisch; doch er erfüllte jedenfalls öffentlich weder den russischen Wunsch nach einem entscheidenden energiepolitischen Durchbruch noch den tiefer liegenden Wunsch nach echter Augenhöhe. China gibt Russland Nähe, Bühne und strategische Rückendeckung, aber nicht um jeden Preis. Russland kann den Besuch als Gegenbild zur Isolation erzählen. China zeigt, dass es Russland einbindet, ohne sich von Russland binden zu lassen.

Sei mutig: Analysiere heute und gestalte das Morgen –
am besten so, dass es auch dem Übermorgen dient.
Sonst wirst du schon morgen mit den Folgen dessen leben müssen,
wessen du dich heute nicht zugewandt hast.
So, wie es dir schon heute ergeht.

Was haben diese beiden Treffen also gebracht im globalen SchachMonopoly? Der Besuch Trumps stand weniger für eine Überwindung des Konflikts als für den Versuch, ihn zu begrenzen, gegenseitige Interessen auszuloten und Eskalationen kontrollierbar zu halten, ohne die grundlegende strategische Gegnerschaft aufzugeben. Der Besuch Putins wiederum stärkte die symbolische und institutionelle Nähe zwischen Moskau und Peking, brachte aber keinen erkennbaren Durchbruch, der den multipolaren Ansatz gegen den hegemonialen Anspruch der USA entscheidend gestärkt hätte. Insofern bekommt die Erzählung, China sei der eigentliche Gewinner dieser beiden Besuche, durchaus Schatten.

Sicher: Die Bemühungen der USA treffen China in einer durchaus sensiblen Phase. Es hat auf seinem Weg seit 1949 – als die Lebenserwartung 28 Jahre betrug und der Anteil der Analphabeten bei 80 % lag – zur heute zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt eine bedeutende Entwicklung durchgemacht, die ich als größte zivilisatorische Leistung der Menschheit eingeordnet habe. Das Wohlstandsversprechen der chinesischen Führung gegenüber der eigenen Bevölkerung – ausgedrückt im Ziel des „Chinesischen Traums“ (Zhongguo Meng), also der Transformation zu einem vollständig entwickelten, wohlhabenden, modernen und starken sozialistischen Land zum 100. Jahrestag der Volksrepublik im Jahr 2049, sowie im Slogan „Gemeinsamer Wohlstand“ (Gongtong Fuyu), über den die soziale Ungleichheit verringert werden soll – ist primär davon abhängig, dass China weiter auf dem Weltmarkt erfolgreich ist.

China kann jedoch nicht ausblenden, dass die USA ihre Bemühungen, die Entwicklung Chinas einzudämmen, erheblich verstärkt haben. Im völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran findet diese Auseinandersetzung eine bedeutende Fortsetzung. Unter dem Mantel der „Atomwaffenfrage“ geht es dabei nicht nur um den Zugriff auf die Bodenschätze des Iran und die Eindämmung seines Einflusses im Nahen Osten – auch, um der Expansion Israels freien Lauf zu lassen und den Nahen Osten als geopolitischen Knotenpunkt noch besser beherrschen zu können.  Neben der Schwächung der strategischen Achse China, Russland und Iran soll insbesondere auch Einfluss auf die Rohstoffsicherheit Chinas genommen werden.  Während Venezuela einen Anteil von 4 Prozent an den chinesischen Erdölimporten hat, sind es beim Iran schon ca. 14 Prozent.

Gerade deshalb war das Treffen kein Durchbruch. Reuters berichtete nach dem Gipfel von ausbleibenden großen Fortschritten, einer fragilen Handelsruhe und davon, dass selbst die wirtschaftlichen Ergebnisse teils vorläufig blieben. Hinzu kam, dass US-Finanzminister Bessent parallel im G7-Rahmen offen davon sprach, China mit Daten zu Ungleichgewichten und Exportverzerrungen konfrontieren zu wollen. Das ist der entscheidende Punkt: Die USA wollen Entlastung, aber keine Auflösung der Gegnerschaft; sie wollen Geschäft und Druck gleichzeitig. Peking wiederum will Stabilität, aber nicht um den Preis eigener strategischer Aushöhlung.

Hinsichtlich des Handelns der USA und Chinas lohnt sich eine Anlehnung an den Vergleich zwischen Schach und Go – zwischen Matt und Raum. Beim Schach geht es darum, den gegnerischen König mattzusetzen; beim Go darum, mehr Territorium als der Gegner einzuschließen. Noch präziser formuliert es die deutsche China-Strategie: „Anders als bei Schach geht es bei Weiqi nicht um das Mattsetzen des Gegners, sondern um das Erlangen vorteilhafter Positionen und die Verteidigung sogenannter ‚Freiheiten‘.“ Chinas strategischer Instinkt ist historisch weniger auf das abrupte Ausschalten des Gegners als auf den allmählichen Gewinn von Räumen, Verbindungen und Handlungsmöglichkeiten gerichtet.

Genau diese chinesische Geduld stößt nun an eine Grenze. Zugleich erkennt man in Ansätzen den chinesischen Willen, sie zu überwinden. Denn was von westlicher Seite gern als Wettbewerb, Abschreckung oder „de-risking“ etikettiert wird, erscheint aus Pekings Sicht zunehmend als systematische Beschädigung von Entwicklungsbedingungen: Druck auf Märkte, auf Lieferketten, auf Technologiezugang, auf Seewege und nicht zuletzt auf Chinas Partner. Besonders deutlich wurde die neue Härte Anfang Mai 2026. Erstmals nutzte das chinesische Handelsministerium den bestehenden Rechtsrahmen gegen ungerechtfertigte extraterritoriale Maßnahmen und untersagte die Anerkennung, Durchsetzung oder Befolgung bestimmter US-Sanktionen gegen fünf chinesische Firmen im Zusammenhang mit iranischem Öl. Die Regeln selbst waren seit 2021 vorhanden; neu war ihre konkrete Aktivierung in einem sensiblen geopolitischen Feld.

Das war mehr als ein Verwaltungsakt. Es war ein Signal dafür, dass Peking beginnt, Souveränität nicht nur zu behaupten, sondern auch dort praktisch werden zu lassen, wo bisher Zurückhaltung dominierte: in den Drittbeziehungen chinesischer Unternehmen, die Washington seiner Sanktionslogik unterwerfen will. In chinesischer Sprachökonomie passt dazu die Wendung jie ling hai xu xi ling ren: Wer die Glocke an den Tiger gehängt hat, muss sie auch wieder lösen. Sie benennt nicht nur die Urheberschaft des Problems, sondern auch die Verantwortung für dessen Folgen: Washington hat die extraterritoriale Reichweite seiner Sanktionen geschaffen; Peking beginnt nun, diese Reichweite nicht länger als Normalität hinzunehmen.

Von hier aus wird verständlich, warum Russland und Iran in dieser Analyse nicht als Nebenschauplätze erscheinen. Für China ist Russland nicht nur Energiequelle, sondern strategische Tiefe: ein kontinentaler Gegenpol, ein stabilisierender Faktor im eurasischen Raum und ein Akteur, der verhindert, dass Washington Europa und Ostasien nach demselben Muster durchdringt. Der Iran wiederum ist, jenseits aller moralischen und regionalen Kontroversen, für China vor allem eine relevante Größe zur Gewährleistung der Energiesicherheit und ein strategischer Partner beim Projekt der „Neuen Seidenstraße“. Wer also Russlands oder Irans Spielräume systematisch schwächt, berührt nicht nur regionale Konflikte, sondern Chinas Entwicklungslinie.

Daher muss China erkennen: Wer Wasser bleiben will, darf sich nicht in den Takt des Steins zwingen lassen. Wenn China jedoch angesichts des forcierten amerikanischen Handelns nach der Formel „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ verfährt und sich nicht zeitnah klarer zu Russland – etwa durch Entscheidungen zur Finanzierung von Power of Siberia 2 und durch eine Stärkung Russlands in Richtung echter Augenhöhe – sowie zum Iran bekennt, schwächt es seinen strategischen Raum und lässt sich das Spiel der USA aufdrängen. Als Bild kann Paris Saint-Germain dienen: Mit Messi, Neymar und Mbappé gelang es dem Verein nie, die Champions League zu gewinnen. Erst als alle Spieler die Mannschaft über alles stellten, gelang der Erfolg – und vielleicht bald erneut.

Damit rücken zwangsläufig BRICS und SOZ in die Aufmerksamkeit. Sie erlauben Verdichtung ohne formelle Blockbindung, Alternativräume ohne Imperiumspathos und Transaktionsfähigkeit auch dann, wenn westliche Sanktionen, Zölle und Sicherheitslogiken den traditionellen Bewegungsspielraum verengen. Wenn China seine Bindung daran als Schutz des eigenen Entwicklungspfads versteht, kommt es nicht umhin, sich ohne Überhöhung als Teil einer Mannschaft zu interpretieren. Eine seiner wesentlichen Aufgaben besteht dann darin, die Mannschaft bis ins schwächste Glied zu stärken und ihre Resilienz gegen das zu erhöhen, was kommt – um so selbst ausreichend robust zu sein. Peking muss seine eigene Logik konsequenter politisch übersetzen: Sonst läuft es Gefahr, zu unterliegen, wenn der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Wasser bleibt Wasser – anschmiegsam, geduldig, raumsensibel. Aber Wasser, das seine Zuflüsse, seine Partner, seine Räume nicht schützt, wird zum stehenden Gewässer. Der Phase des defensiven Raumgewinns muss im Angesicht der Entwicklungen die aktivere Sicherung und Entwicklung des Raums folgen.

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen.
Man muss sie erkennen und man muss sich ihnen stellen.

Schaut man auf die andere Seite, so ist eine Fehlentwicklung derart offensichtlich, dass man ihr fast schon keine Aufmerksamkeit mehr schenkt: die exorbitante, ungehemmte Aufrüstung des Westens. Die USA bleiben der militärische Kern dieses Blocks: 2025 lagen ihre Militärausgaben nach SIPRI bei 954 Milliarden Dollar; für 2026 sind bereits mehr als eine Billion Dollar bewilligt, und der Haushaltsantrag für 2027 zielt auf bis zu 1,5 Billionen Dollar. Parallel zieht Europa nach: SIPRI beziffert den realen Anstieg der europäischen Militärausgaben 2025 auf 14 Prozent, die europäischen NATO-Staaten gaben zusammen 559 Milliarden Dollar aus. Hinzu kommen die politischen Zielmarken: Die NATO-Schätzungen für 2025 sehen die Alliierten an oder über der Zwei-Prozent-Grenze, während die EU mit „ReArm Europe / Readiness 2030“ die finanziellen Grundlagen für einen längerfristigen Rüstungsschub legt.

Mit russophoben, islamophoben und sinophoben Argumentationslinien in kreativer Vielfalt werden Feindbilder und Angriffsbedrohungen erzeugt, um politische Entscheidungen zu begründen und die Bevölkerung hinsichtlich Verschuldung, Sozialabbau und wirtschaftlicher Schwächung ruhigzustellen. Rein faktisch bedeutet die Aufrüstung aber zunächst das Eingeständnis eines realen Machtverlustes, denn das koloniale und neokoloniale Gebaren kommt zunehmend an Grenzen. Diesem Machtverlust begegnet man mit der Ausweitung militärischer und geoökonomischer Härte. Der Mensch als Träger von Bildung, technischer Breite, sozialer Kohäsion und Urteilskraft tritt hinter der Logik von Rüstung, Abschreckung und Blockfestigkeit zurück.

Sich dieser Wahrheiten bewusst zu werden ist essenziell. Der Westen verliert nicht allein dadurch an Macht, dass andere aufsteigen. Er verliert vor allem dort, wo er seine eigenen Kräfte verschleißt: durch Aufrüstung statt Erneuerung, Feindbilder statt Selbstprüfung, Ablenkung statt Bildung, Schürung von Angst statt Entfaltung von Fähigkeiten. Seine Antwort auf China kann nicht darin bestehen, die Welt noch enger zu stellen. Sie müsste darin bestehen, die eigene Gesellschaft wieder entwicklungsfähig zu machen.

Denn sonst verstärkt sich eine eklatante Schwäche: Die westlich praktizierte Demokratie, einst ein zivilisatorischer Fortschritt gegen offenes Faustrecht, gerät dort in Widerspruch zu sich selbst, wo sie Ausbeutung, Ressourcenverschleiß und soziale Verarmung hinter Freiheitsrhetorik verdeckt. Aus der fehlenden Achtung vor dem Menschen und seinen Lebensgrundlagen heraus schwächt der Westen gerade jenes Potenzial, das ihm ermöglichen würde, mit friedlichen Mitteln wettbewerbsfähig zu bleiben: sein Humankapital. Statt die kognitiven, personalen, mentalen, sozialen, physischen und technischen Fähigkeiten der Bevölkerung in gesellschaftlicher Breite zu stärken, behandelt er sie im herrschenden Gesellschaftsmodell primär als Kostenfaktor. Statt kognitive Diversität zur Stärkung von Innovationskraft und Resilienz zu fördern, wird sie durch Zerstreuung, mediale Vereinfachung und konsumistische Ruhigstellung gravierend geschwächt.

Während der Westen so von innen her an moralischer und sozialer Bindekraft verliert und sich seiner Wettbewerbsfähigkeit beraubt, schafft er zugleich Voraussetzungen dafür, dass seine Wettbewerber ihre Humanressourcen mobilisieren. Iran wird nicht schwächer, wenn westliche Verheißungen als Bomben, Sanktionen und zivile Opfer erfahrbar werden; Russland wird nicht schwächer, wenn die eigene Bevölkerung westlichen Druck als Angriff auf ihre Existenz deutet; und China wird nicht schwächer, solange es seiner Bevölkerung die Aussicht auf Aufstieg, Wohlstand und nationale Wiedergewinnung vermitteln kann. Gerade darin liegt die gefährliche Verkennung: Wer andere Gesellschaften von außen brechen will, kann im Inneren deren Bindekraft stärken.

Darin liegt die eigentliche Ironie. Der Westen versucht, China einzuhegen, beschleunigt durch diese Politik aber zugleich die Verdichtung jener Räume, auf die China ausweichen und die es stärken kann. Er bekämpft Russlands strategische Reichweite und verstärkt damit dessen Abhängigkeit von China. Er setzt Iran unter Dauerstress und macht dessen Stabilität für Peking umso relevanter. Er ruft nach Resilienz und verengt doch die eigenen Spielräume, indem er Wettbewerb immer seltener in produktive Erneuerung und immer häufiger in sicherheitspolitische Verwaltung übersetzt. Darin liegt ein grundlegender strategischer Fehler: Nicht Härte entscheidet, sondern Richtung.

So dreht sich die Erde tatsächlich schneller, und der Impuls geht im Moment vor allem vom Westen aus. Nicht, weil der Westen stärker geworden wäre, sondern weil er seine Unruhe zunehmend in Druck übersetzt. Eben dieser Druck schiebt die Welt weiter gen Osten – tiefer in alternative Foren, tiefer in die Notwendigkeit, neue Freiheiten zu gewinnen, um sich der systematischen Verengung zu entziehen. Gelingt das, wird die alte chinesische Geduld nicht widerlegt, sondern gehärtet. Dann besiegt sich der Gegner durch die Konsequenzen seines eigenen Vorgehens. Dann fließt das Wasser nicht mehr nur um den Stein herum. Dann beginnt es, Richtung zu werden.

Wir müssen neben die Spur gelangen,
um wieder in die Spur zu kommen.

In gleicher Weise muss sich der Westen der systemischen Verengung entziehen, seinen Machtverlust durch Aufrüstung, Aggressivität und Feindbilder korrigieren zu wollen. Einen methodischen Impuls dafür könnte er ausgerechnet bei Elon Musk finden, einem Querdenker par excellence. Er fühlt sich durch das Schachspiel eingeengt; er will neue Dimensionen hinzufügen, um durch Beherrschung des Variantenreichtums zu dominieren. Er begrenzt sich durch das Ziel: Doch das entwertet nicht die Methode, die Komplexität zu erhöhen, so dass manches einfacher wird.

Hierauf angewandt heißt das: Der Westen muss sich zum Vorreiter des zivilisatorischen Fortschritts machen und den Sechsten Kondratieff dominieren.

Wenn der größte Teil der Arbeit immaterielle Gedankenarbeit ist – sich also im gedachten Raum vollzieht –, und in der Folge dessen fehlendes Wissen und negative (böse) Verhaltensweisen die Wirkung begrenzen, so sind die Knappheiten des Sechsten Kondratieffs die unzureichend in der Breite der Gesellschaft verankerten Tugenden. Sie müssen sich ausreichend hilfreich in der Gesellschaft entfalten. Wie eine Dampfmaschine, ein Auto oder auch ein Computer aus mehreren Teilen bestehen, muss die Basisinnovation des Sechsten Kondratieff ein Konzept, bestehend aus einer Anzahl von Einzelprojekten, sein, mit dem die im gedachten Raum schon existierenden Tugenden in den realen Raum geführt und so verankert werden, dass sie aus der Gesellschaft heraus jedem Individuum eine Entwicklung und eine Wirkung entlang dessen ermöglichen. Und so kann die diskutierte Chance des Westens auch so zum Ausdruck gebracht werden: Die Menschwerdung des Affen mit der Demokratie zu verbinden und dafür die Basisinnovation des Sechsten Kondratieff bereitzustellen. Um die Völker nicht wie Moses in das gelobte Land zu führen, sondern sie zu motivieren und zu ertüchtigen, tiefer in den gedachten Raum vorzudringen, um von dort aus edel, hilfreich und gut in den realen Raum zu wirken: Um Impulse zu verarbeiten, nach Ideen und Alternativen zu suchen, Visionen zu entwickeln, Dinge in Frage zu stellen, Zusammenhänge zu erkennen, sich mit dem eigenen Denken und Handeln zu beschäftigen. Mit allen Folgen für die psychosoziale Gesundheit, den Klimaschutz, die Entkrampfung der Spannungen in der Welt, den Umgang mit dem technologischen Fortschritt, die Bewältigung von Herausforderungen wie die Corona-Pandemie und vieles andere.

Da sind wir dann bei meinen Aphorismen für die Menschwerdung des Affen angelangt. Es gibt keinen anderen Weg – außer vielleicht den des schleichenden oder schnellen zivilisatorischen Endes.

Die Erde dreht sich schneller
und der Impuls dafür geht vom Westen aus.
Er führt den Osten weiter gen Osten,
um diesen schließlich im Westen ankommen zu lassen.

Bernd Liske (Jg. 1956 / studierter Mathematiker) ist Inhaber von Liske Informationsmanagementsysteme. Von 1999 bis 2015 war er Mitglied im Hauptvorstand des BITKOM. In seinen Büchern und Artikeln setzt er sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen unserer Gesellschaft auseinander, um so Beiträge für die Erhaltung des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu leisten.

Die in seinem Buch Aphorismen für die Menschwerdung des Affen – Wie der Mensch zum Menschen und wie die Demokratie ihrem Anspruch gerecht werden kann veröffentlichten Aphorismen betrachtet er als Open-Source-Betriebssystem zur Analyse und Gestaltung individueller, unternehmerischer und gesellschaftlicher Prozesse. Das den Aphorismen vorangestellte Essay über die „Auseinandersetzung als Beitrag für die Menschwerdung des Affen“ beschäftigt sich insbesondere mit der Natur der Demokratie und stellt Wege zur Diskussion, wie die westlichen Demokratien eine nachhaltige Zukunft gestalten können.

(Auszug von RSS-Feed)
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