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Shield of the Americas
Lulas Besuch in Berlin fand vor einem politisch sensiblen Hintergrund statt. Die Trump-Administration hat angefangen, Lateinamerikas bestehende Regionalorganisationen – die Organization of American States (OAS) sowie die Community of Latin American and Caribbean States (CELAC) – zu spalten und an ihre Stelle eine neue Organisation zu setzen, die lediglich rechts sowie ultrarechts regierte Staaten umfasst: den Zusammenschluss Shield of the Americas. Ihm gehören bislang zwölf Staaten an, darunter neben den USA Argentinien unter Präsident Javier Milei, El Salvador unter dem für seine inhumane Gefängnispolitik bekannten Präsidenten Nayib Bukele und Ecuador unter Präsident Daniel Noboa, dem Spross einer schwerreichen Bananendynastie. Offiziell dient Shield of the Americas dem Kampf gegen Drogenkartelle. Dazu soll vor allem auf ein militärisches Vorgehen gesetzt werden, wie die Trump-Administration es in der Karibik tut; dort brachten US-Militärs mit bislang 52 Raketenangriffen auf angebliche oder tatsächliche Drogenboote mittlerweile mindestens 180 Personen um.[1] Beobachter vermuten, langfristig solle das Rechtsaußenbündnis auch zu Washingtons Kampf gegen Chinas Einfluss auf dem Kontinent beitragen.[2] Die drei bevölkerungsreichsten Staaten – Brasilien, Mexiko, Kolumbien – werden heute eher links regiert und gehören dem Zusammenschluss nicht an.
Wahlkampfhilfe für Flávio Bolsonaro
Das kann sich freilich ändern. In Brasilien finden im Oktober Präsidentschaftswahlen statt. Ob Lula dabei ein weiteres Mal antritt, steht noch nicht offiziell fest. Gegen ihn kandidieren wird, da Ex-Präsident Jair Bolsonaro aufgrund seines Umsturzversuchs von Anfang 2023 in Haft und sein ursprünglich als politischer Nachfolger vorgesehener Sohn Eduardo wegen Nötigung der Justiz angeklagt ist und im US-Exil lebt, sein ältester Sohn Flávio.[3] Lula hatte in Umfragen lange Zeit einen großen Vorsprung vor Flávio Bolsonaro, bis dieser Ende 2025 aufzuholen begann. Inzwischen scheint Lulas Sieg nicht mehr gesichert. Trump setzt sich klar für Flávio Bolsonaro ein, der ihm – wie der gesamte Bolsonaro-Clan – politisch nahesteht. Vor einigen Wochen versuchte ein einflussreicher Mitarbeiter des US-Außenministeriums, Darren Beattie, Jair Bolsonaro PR-wirksam im Gefängnis zu besuchen und zudem Flávio zu treffen – eine kaum verhüllte Wahlkampfhilfe. Die Regierung Lula verwahrte sich gegen die offene Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihres Landes und verweigerte Beattie die Einreise.[4] Trump hatte bereits zuvor versucht, durch die Verhängung von Strafzöllen die Einstellung des Strafverfahrens gegen Jair Bolsonaro zu erpressen – ohne Erfolg.
„Nicht pausenlos mit Krieg drohen“
Entsprechend dem eskalierenden Konflikt mit Washington hat sich Lula vor Beginn der dritten deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen am gestrigen Montag mehrmals recht scharf über die Politik der Trump-Administration geäußert. So erklärte er vergangene Woche in einem Interview mit der Zeitschrift Der Spiegel: „Trump wurde nicht zum Kaiser der Welt gewählt. Er kann anderen Ländern nicht pausenlos mit Krieg drohen.“[5] Die Welt sei dabei, „sich in einen einzigen Kriegsschauplatz zu verwandeln“; man müsse sie daher dringend „in Ordnung bringen“. In einem Namensbeitrag für die Tageszeitung Der Tagesspiegel erklärte Lula: „Ich bin überzeugt, dass der Multilateralismus alternativlos ist.“ Unilaterales Vorgehen gewinne bedauerlicherweise „in den internationalen Beziehungen an Boden“.[6] Gemeinsam mit Deutschland wolle Brasilien deshalb multilateraler Politik eine neue Stärke verschaffen. Bei der Eröffnung der Hannover Messe am Sonntag urteilte Lula, der Krieg der USA und Israels gegen Iran sei „Wahnsinn“; es gehe nicht an, dass weltweit inzwischen rund 2,7 Billionen US-Dollar pro Jahr für Kriege ausgegeben würden, während weiterhin zahllose Menschen in Armut lebten oder gar Hunger litten.[7] Das müsse sich dringend ändern, forderte Brasiliens Präsident.
Seltene Erden
Um – im Sinne einer multilateralen Ordnung – dem erstarkenden Einfluss der Vereinigten Staaten auf Brasiliens wichtigen Rohstoffsektor ein Gegengewicht entgegenzusetzen, schlug Lula Bundeskanzler Friedrich Merz am gestrigen Montag eine engere Zusammenarbeit in puncto Bodenschätze vor. Brasilien verfügt über große Mengen an Rohstoffen, darunter auch besonders begehrte wie Niob, das für die Produktion von Solarzellen benötigt wird, sowie Seltene Erden. Insbesondere um die Seltenen Erden ist ein heftiger Konkurrenzkampf entbrannt. Bisher werden sie von dem brasilianischen Unternehmen Serra Verde gefördert.[8] Dieses ließ die Seltenen Erden bislang in China aufbereiten. Kürzlich hat es allerdings im Gegenzug gegen einen hohen Kredit aus den USA zusagen müssen, seine Seltenen Erden nur noch an die Vereinigten Staaten, allenfalls an deren Verbündete zu liefern.[9] Die Folgen sind nicht ganz klar, da in Brasilien die Rechte zur Vergabe von Rohstoffen bei der Regierung liegen. Diese dringt nun darauf, die Aufbereitung der Seltenen Erden im eigenen Land anzusiedeln, um über größere Teile der Wertschöpfungsketten zu verfügen.[10] Vor diesem Hintergrund hat Lula Merz jetzt angeboten, neben US-amerikanischen und chinesischen könnten auch deutsche Unternehmen sich daran beteiligen.
Kriegsschiffe
Darüber hinaus bauen Deutschland und Brasilien ihre Militär- und Rüstungskooperation aus. Wie das deutsche Verteidigungsministerium berichtet, unterzeichneten Verteidigungsminister Boris Pistorius und Brasiliens Außenminister Mauro Vieira am Montag in Hannover eine Absichtserklärung, die zum einen vorsieht, dass Berlin und Brasília „bei diversen maritimen, landgestützten und luftgestützten Beschaffungsprojekten verstärkt zusammenarbeiten“.[11] Dies solle „den gesamten Prozess“ der Beschaffung umfassen: „von der Vertragsverhandlung über die Ausbildung bis hin zur Integration und dem Betrieb der Systeme“. Darüber hinaus einigten sich beide Seiten auf die Lieferung von vier weiteren Fregatten an die brasilianische Marine. Deutschland gehört traditionell nicht zu den wichtigsten Waffenlieferanten des südamerikanischen Landes, das seine Rüstungsgüter bislang eher in Frankreich, Italien sowie den Vereinigten Staaten beschafft. Im Jahr 2019 gelang es TKMS allerdings, einen Auftrag zur Lieferung von vier Fregatten des Typs MEKO A-100 an Brasilien zu erhalten. Die Schiffe werden in Brasilien gebaut – von dem Konsortium Águas Azuis in Itajaí einige hundert Kilometer südlich von São Paulo, das von TKMS und dem brasilianischen Konzern Embraer gebildet worden ist. Águas Azuis soll nun vier weitere Fregatten bauen – ein Vorgeschmack auf die allgemeine Ausweitung der Rüstungskooperation.
[1] Lazaro Gamio, Carol Rosenberg, Charlie Savage: Tracking U.S. Military Killings in Boat Attacks. nytimes.com.
[2], [3] S. dazu Die Unterwerfung Lateinamerikas (II).
[4] Michael Pooler: Brazil blocks visit of Trump official to see jailed Jair Bolsonaro. ft.com 14.03.2026.
[5] Marian Blasberg, Jens Glüsing: „Trump wurde nicht zum Kaiser der Welt gewählt“. spiegel.de 16.04.2026.
[6] Luis Inácio Lula da Silva: Brasiliens Präsident setzt auf Zusammenarbeit. tagesspiegel.de 17.04.2026.
[7] Lula prangert „Wahnsinn“ des Iran-Krieges an. tagesspiegel.de 20.04.2026.
[8] Ana Ionova, Ju Faddul: Brazil Hesitates as U.S. Pushes Rare Earths Partnership. nytimes.com 20.03.2026.
[9] Camilla Hodgson, Michael Pooler: US secures rare earths supply as part of $565mn loan to Brazil mining group. ft.com 01.04.2026.
[10] Igor Patrick: Brazil demands rare earths be processed at home as US and China compete. scmp.com 15.04.2026.
[11] Deutschland und Brasilien stärken verteidigungspolitische Partnerschaft. bmvg.de 20.04.2026.













