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„Ich bin Kommunist“

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Das Schlussbild ist so metaphorisch wie der Einstieg: Indianerhäuptling Gojko Mitic alias „Weitspähender Falke“ fängt einen wilden Schimmel ein und reitet auf und davon in die Prärie. Später taucht er noch einmal auf, am Marterpfahl stehend, von Kriegern bedrängt, die die Pfeile bedrohlich auf ihn richten. Die Bilder aus dem DEFA-Film „Spur des Falken“ sind unterlegt mit dem Tonmitschnitt jener Sitzung im Januar 1990, als Krenz – bis vor kurzem noch Generalsekretär der SED – seiner Parteimitgliedschaft verlustig ging. Die letzte Rothaut.

Erstmals lief „Kommunist“, die zweistündige Film-Doku über Egon Krenz, am 8. Mai beim Filmkunstfest in Schwerin, nun schickt sich das Werk an, seinen Weg in die Kinos des Landes zu nehmen. So sich deren Betreiber denn trauen, diesen mutigen Film ins Programm zu nehmen. Die Zustimmung in der Landeshauptstadt war jedenfalls riesig, die Aufführung ausverkauft und der Protagonist ein gefeierter Star. Nur einer nölte pflichtschuldig und nannte das Werk „misslungen“ und „beschönigend“. Das war der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Tage später gab er sogar eine ziemlich lange Erklärung heraus – fast musste man Mitleid mit diesem Don Quijote haben, wie er mit seinen stereotypen Plattheiten gegen die Windmühlenflügel zog. Fast. Er wird ja für seine Albernheiten gut bezahlt und von den meisten Medien zitiert.

Der Filmemacher Lutz Pehnert wohnte vor Jahren ein Ehrenstipendium der Stiftung Mecklenburg-Vorpommern im Ahrenshooper Künstlerhaus „Lukas“ ab. Zwei Orte weiter, in Dierhagen, lebte Krenz. Pehnert besuchte ihn, führte viele Gespräche mit ihm, die er aufzeichnete. So entstanden Protokolle, die zum Fundament eines Filmprojekts wurden. Über Jahre reiste Pehnert mit der Kamera Krenz zu Lesungen und Veranstaltungen nach, sprach mit Personen, die den Lebensweg des ehemaligen DDR-Politikers kreuzten. Keine politischen Weggefährten von einst, die man kennt und darum weiß, was sie sagen, weitgehend unbekannte und darum nicht vorurteilsbelastete Leute wie etwa Solveig Leo, einst LPG-Vorsitzende in Banzkow, mit 24 Jahren die jüngste der DDR, oder Pfarrer Werner Krätschell aus Pankow, der Weihnachten 1989 Krenz aufsuchte, als keiner seiner Genossen mehr nach ihm schaute. Oder die Müllers, die beiden Nachbarn in Dierhagen, promovierte Mediziner aus Erfurt, die, wie sie vor der Kamera bekundeten, erst zu schätzen lernten, was sie hatten, nachdem sie es 1990 verloren.

Pehnerts zweistündiger Film geht zwar über eine Person, aber es ist zugleich ein Film über das Land, in welchem Krenz den größten Teil seines Lebens zubrachte. Krenz ist Jahrgang 1937, geboren in Kolberg, aufgewachsen in Ribnitz, wohin er – aller Staats- und Parteifunktionen ledig – in den neunziger Jahren zurückkehrte, um seinen Lebensabend dort zu verbringen. Natürlich, die Kamera zeigt einen Friedhof im Abendlicht. Überhaupt die Bilder: Mitunter hart an Kitsch und Klischee, aber anrührend und der Erzählhaltung adäquat – menschlich berührend, nicht hochgestochen, immer verständnisvoll, nachsichtig erklärend und durchaus kritisch. Selbstkritisch. Wir glaubten, sagt Krenz an einer Stelle, es lasse sich eine Gesellschaft nach dem Willen des Politbüros gestalten und dass der Blick von der Tribüne die Wirklichkeit zeige. „Wir, die da oben, haben in einer Scheinwelt gelebt, die wir uns selbst geschaffen haben.“

Seinen Text spricht eine Schauspielerin. O-Töne Krenz hört man nur in Gesprächen mit anderen. Und die sind auffallend ruhig, nicht so hysterisch-giftig wie die Hetztiraden in TV-Talkshows in den neunziger Jahren. Der Film zeigt Ausschnitte von Aufzeichnungen, die einem die Nackenhaare aufrichten. Der blanke Hass schießt aus Mündern und Augen. Dieser Hass hat sich inzwischen in Unwissenheit verwandelt, oft gepaart mit einer vermeintlich moralischen Überheblichkeit. Die bricht nur noch gelegentlich und vorzugsweise bei Auftritten im Westen auf, wie im Film zu sehen ist.

Dieser Film widerlegt das verlogene Narrativ vom Diktator in einem Unrechtsstaat, vom verurteilten Totschläger, das seit 1990 absichtsvoll verbreitet wird. Mit klugen Montagen, mit bemerkenswerten Aussagen, mit erhellenden Episoden korrigiert er die Lügen. Der Kirchenmann sagt: „Auch die Kommunisten waren daran interessiert, dass im Pfarrhaus Licht brennt.“ Und berichtet über vermeintliche Paradoxien. In Falkenthal (sic!), seiner ersten Pfarrstelle, sei abends der Parteisekretär der LPG zu ihm gekommen. Er solle morgen „auf einem Parteitag in Gransee“ reden und habe was aufgeschrieben. Der Herr Pastor solle mal draufschauen, ob das so gehe … Die Wessis übersehen, was alles in der DDR möglich war, wie wir miteinander umgingen, sagt der bedächtige Krätschell und gebraucht Worte wie Menschlichkeit, Freiheit und Solidarität.

Er war kein Gespenst, sagt Krätschell über Krenz, er habe sich seine menschliche Seite bewahrt, die Politik habe ihn nicht verbogen. „Ich bin Kommunist“, sagt Krenz am Schluss. „Solange ich lebe, wird mich die Frage beschäftigen, warum diese DDR gescheitert ist. Und welche Mitschuld ich daran trage. Immerhin haben die vierzig Jahre ihrer Existenz gezeigt, dass auch ein Leben ohne Kapitalisten möglich ist. Nun kann man das geringschätzen und das andere hochheben. Und doch denke ich, dass die Welt ohne Sozialismus keine Zukunft haben wird. So wie sie ist, kann diese Welt nicht bleiben. Mag sein, dass ich für viele ein Stalinist bin, ein Betonkopf, ein Ewiggestriger. Ich sage: Ich bin Kommunist.“

Kommunist
Buch und Regie: Lutz Pehnert
Im Kino ab 11. Juni
Die Berliner Premiere findet am 10. Juni im Kino Babylon statt

(Auszug von RSS-Feed)

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Wie war das mit den Russen?

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Die Moskauer Medienanstalt RT hatte Deutsche und Österreicher gebeten, mitzuteilen, woran sie sich bei den Stichworten Krieg und Nachkrieg erinnerten und welchen Platz dabei „die Russen“ – das Synonym für die multinationale Sowjetarmee – einnähmen. Acht Jahrzehnte nach der bedingungslosen Kapitulation und dem Potsdamer Abkommen konnte es nicht überraschen, dass es sich zumeist um Kindheits- und Jugenderinnerungen handelte, die eingesandt und nun veröffentlicht wurden. „Dankbarkeit, die ein Leben lang währt“ heißt der großformatige Bild-Text-Band, der am 21. April in Berlin Unter den Linden in der Russischen Botschaft präsentiert wurde. Eröffnet wurde die Buchvorstellung von Botschafter Sergej J. Netschajew.

Hierzulande ist die ideologisch motivierte Neigung stark ausgeprägt, den Beitrag der So­wjet­union zur Befreiung des Kontinents von Faschismus und Krieg vergessen zu machen. In antikommunistischer Verblendung werden der Überfall Hitlerdeutschlands auf die So­wjet­union zum Präventivkrieg und die 27 Millionen toten Sowjetbürger zum Kollateralschaden. Die Rote Armee war demnach nicht die Hauptkraft in der internationalen Antihitlerkoalition, sondern vordringlich darauf aus, die bolschewistische Diktatur bis zum Atlantik auszudehnen, was die Westmächte gottlob verhinderten …

Der Bildband hält im 81. Jahr nach der Befreiung von Faschismus und Krieg gegen diese Geschichtsverdrehung und macht darauf aufmerksam, dass die Sowjetsoldaten damals nicht gekommen sind, um die deutschen Untaten zu rächen, sondern um den Deutschen die Freiheit zu bringen, die sie seit zwölf Jahren nicht mehr besaßen.

Jürgen Scholtyssek, der unter den Gästen der Buchvorstellung in der Botschaft war, schrieb darin: „Als der Krieg endlich zu Ende war, war ich sieben Jahre alt.“ Die Familie in Aschersleben bekam eine Einquartierung. „Meine Eltern räumten unser Kinderzimmer und wir drei Kinder kamen in das Schlafzimmer unserer Eltern.“ Einer der beiden einquartierten Hauptleute war Igor aus Omsk, ein Deutschlehrer. Er trug deutsche Gedichte vor und sang mit den Kindern und forderte den siebenjährigen Jürgen auf, ihn zu korrigieren, wenn er etwas falsch ausspreche. Und ja: Er versorgte die Familie mit Nahrungsmitteln. Berichte von solch lebenserhaltenden Maßnahmen finden sich zuhauf. Die Deutschen hatten Millionen Sowjetbürger in den Hungertod getrieben, nicht nur in Leningrad, sondern auch in den Kriegsgefangenenlagern. Dort starben 3,3 Millionen Rotarmisten – nächst den Juden waren sie die größte Opfergruppe des faschistischen Terrorregimes. Die Deutschen setzten bewusst den Hunger als Waffe gegen die Russen ein, die Mortalitätsrate in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern betrug um die 60 Prozent – bei den Lagern mit britischen und amerikanischen Kriegsgefangenen lag sie weit unter 4 Prozent … Und sie „rächten“ sich nun, indem sie den Deutschen Brot und Frieden brachten.

Angelina Sörgel zitierte aus dem Tagebuch ihrer Mutter, die Anfang dreißig war, als der Frieden in Ribnitz begann und sie, als Reformpädagogin von den Nazis einst mit Berufsverbot belegt, sich gemeinsam mit der sowjetischen Kommandantur um die Organisation des kleinstädtischen Lebens kümmerte. Natürlich: Versorgung. „Es gab Männer unter den Kommissaren, die uns mit fast brüderlicher Herzlichkeit begegneten“, schrieb sie. Einmal sei sie mit einem Major in einer Obdachlosensiedlung unterwegs gewesen. Offenbar hatten die Ausgebombten und Vertriebenen nicht nur ihre Habe verloren. Die Umgebung ihrer Quartiere war eine einzige Kloake, und der Offizier, dieser vermeintliche Untermensch, schüttelte nur den Kopf. „Deutsche Kultura, deutsche Kultura …“

Die Österreicherin Marie-Louise Doskocil wurde in einem Dorf geboren, das zur dortigen sowjetischen Besatzungszone gehörte. Im Haus, in dem sie nach dem Krieg zur Welt kam, lebte auch die Frau eines russischen Offiziers mit ihrer Tochter. „Als ich nur wenige Wochen alt war, erkrankte ich schwer.“ Die Frau versorgte ihre notleidende Mutter mit einem Sack Reis und mit Zucker. „Das rettete mir das Leben. Ich bin dieser lieben, einfühlsamen Frau sehr dankbar.“

Der Brief der Österreicherin, die Jahrzehnte später in St. Petersburg einen Sprachkurs absolvierte, endete mit dem Appell: „Ich hoffe sehr, dass sich die westlichen Länder besinnen und ihre unverständliche Russophobie aufgeben.“ Nun, es sind ja nicht „die Länder“, sondern deren Herrscher, die geschichtsvergessen meinen, Russland ruinieren zu müssen, sich vielleicht für erlittene Niederlagen gar revanchieren zu können.

Botschafter Netschajew sprach über die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Russen und Deutschen, insbesondere über jene, die im Osten des Landes lebten und leben – das Kürzel DDR pflegt er nie zu benutzen. Er verwies dabei auf den Spruch auf dem Monitor: „Geschichte ist das Gedächtnis der Zivilisation.“ So gesehen kommt uns wohl augenblicklich die Zivilisation etwas abhanden. Sofern man, wie im Buch zu lesen, sich nicht kollektiv mit Erinnerungen dagegenstemmt.

Ein PDF des Bildbandes „Dankbarkeit, die ein Leben währt“ gibt es hier.

(Auszug von RSS-Feed)
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