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Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXV – „Ein Feind, ein guter Feind! – Russland und seine fünften Kolonnen“

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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um den alten und neuen Feind im Osten und seine berüchtigten ‚fünften Kolonnen‘ hierzulande. Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

außenpolitische Abwehrmaßnahme
Nennt die EU eine im Worst Case Todesstrafe auf Raten, die aber eben – und das ist der Trick! – gar keine Strafe ist. Sprich: Sanktionen nicht etwa gegen russische Politiker oder Oligarchen, sondern gegen Privatpersonen wie den Schweizer Ex-Diplomaten Jacques Baud oder den deutschen Journalisten Hüseyin Doğru. Deren (noch nicht mal nachgewiesene) Verbrechen, die ebenfalls keine sind: „prorussische Desinformation“, „Unterstützung destabilisierender Aktivitäten Russlands“, „Sprachrohr prorussischer Propaganda“, „Verbreitung von Verschwörungstheorien bzw. Desinformation zum Ukrainekrieg“ – kurz: Verbreitung von Informationen, die vom westlichen Mainstream abweichen! Die Höchststrafe – die eben keine ist: Kaltstellen der betreffenden Personen, am nationalen Rechtsstaat höchst elegant vorbei. Und zwar zeitlich unbefristet. (vgl. „destabilisierender Faktor“)

bedingungslose Kapitulation (Russlands)
„Doch gibt es auch für Russland einen Weg zurück in eine zivilisierte und friedliche Welt: Der Weg dahin ist der militärische Sieg der Ukraine. [Bei dem wir gerne noch etwas nachhelfen.] Dies käme einer bedingungslosen Kapitulation Russlands gleich.“ – Leider ist dieser hoffnungsfrohe, um den 8./9. Mai 2026 von Roderich Kiesewetter in die deutsche Öffentlichkeit lancierte Vorschlag mit einer gewissen ‚ästhetischen Unwucht‘ behaftet: 2025 – exakt 80 Jahre ‚danach‘ – wäre erheblich wirkungsvoller gewesen! (vgl. „Stunde Null“)

Breitbandpazifismus
(Angeblich auch noch unterkomplex.) Klingt nach Breitbandantibiotikum. Entdeckt hat diese Perle die kluge – ebenfalls sprachkritische – Christiane Voges in dem (pünktlich zum Ostermarsch 2025 platzierten) Essay „Die Tauben flattern nach rechts“ eines Johannes Schneider in der ZEIT. – Nach dem schon etwas ranzig gewordenen „Lumpenpazifismus“-Klassiker von Sascha Lobo im Spiegel und noch vor den „Altpazifisten“ auf der berühmten GRÜNEN Bundesdelegiertenkonferenz sah sich das einstige ‚Flaggschiff der Entspannungspolitik‘ wohl gezwungen, seinerseits mit einem frischen Neologismus nachzulegen. (vgl. „oldschool“)

Desinformationssanktionsregime der Europäischen Union
Ein Sanktionsregime der EU zur Durchsetzung von Desinformationen. – Oder?

destabilisierender Faktor
Ist jemand, der in der Strategie der transatlantischen Sicherheitseliten als schädlich für den gesellschaftlichen Zusammenhang gilt. Die argumentieren dann laut Konfliktforscherin Nel Bonilla so: „Im Moment befinden wir uns in einer Art Krieg, einer Art Frieden, in einer Grauzone. Wir können uns keinen destabilisierenden Faktor leisten. Also müssen wir die Person, Organisation, Institution aus der Gesellschaft ausschließen.“ – Kurz: Gemeint sind alle, die die offizielle Sicht der Dinge nicht teilen – und das auch noch laut zu sagen wagen. Beispiel gefällig? Dann googeln Sie mal nach Jacques Baud oder Hüseyin Dogru! (vgl. „außenpolitische Abwehrmaßnahme“, Informationsterroristen“, „Verbreiter von Verschwörungstheorien“)

Diktatur- und Terrorfiliale
„Warum machen wir so weiter wie bisher und ertragen sogar ein ‚Russisches Haus‘ im Herzen Berlins, statt diese Diktatur- und Terrorfiliale zu enteignen und zu schließen?“ Ereiferte sich Roderich Donner-, ääh: Kiesewetter am 11. Mai im FOCUS. – Tja, warum eigentlich nicht? Und alle orthodoxen Kirchen in Deutschland gleich mit! (Russensupermärkte ebenfalls.)

Drecksregime
Das „in Blut und Asche untergehen“ soll. (vgl. „Wahnsinniger im Kreml“)

feige
Sind laut Sebastian Krumbiegel („Die Prinzen“) natürlich – die Pazifisten! (Weshalb er mutig darauf verzichtete, den renommierten Löwenherz Friedenspreis 2023 zusammen mit der unermüdlich für Deeskalation eintretenden Gabriele Krone-Schmalz anzunehmen.)

immer dreister
„Russland spioniert Deutschland mit Drohnen aus, vor allem Militärbasen und geheime Waffentransporte in die Ukraine. Das ist erschreckend und nicht ganz neu, aber das passiert immer häufiger, und die Spione gehen dabei immer dreister vor.“ So, sich auf die New York Times und die WirtschaftsWoche berufend, „ZDF heute“ am 30. August 2025. – „Immer dreister“: Ein Klassiker des Jargons Schwarzer Pädagogik, den sich die Erziehungsberechtigten im Öffentlichen Rundfunk einfach nicht abgewöhnen können! (Oder wollen?) (vgl. „keine Faxen reißen“, „noch dreister, rücksichtsloser und brutaler“, „Unfug machen“)

Kräfte der zivilisatorischen Auslöschung
Es gibt nichts, was man nicht noch steigern könnte! Schauen Sie selbst: Zuerst „Achse des Bösen“, dann „CRINK“, dann „Achse der Verachtenswerten“ – und nun Marco Rubios „Kräfte zivilisatorischer Auslöschung, die heute Amerika und Europa gleichermaßen bedrohen“! – Die Konsequenz: „Rubio verlangt in diesem Kampf von Europa absolute Loyalität. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Es gibt keine Neutralität mehr. In diesem klassisch bipolaren Weltbild gibt es nur Gläubige und Ungläubige, Vasallen und Feinde.“ Auf Deutsch: „Entscheidet euch, Leute! Und zwar schnellstmöglich.“ (Für uns natürlich.)

mal die Moskauer U-Bahn stillstellen
Wenigstens für einen Tag – mit Cyberangriffen. Forderte fröhlich am 24. September 2025 der EVP-Vorsitzende im Europaparlament, Manfred Weber, bei „Markus Lanz“. Denn: „Der Gegner macht das jeden Tag.“

mental schwächstes Land
Ist natürlich – Deutschland. (Stellt doch Kanzler Merz der Ukraine den Taurus immer noch nicht zur Verfügung!) Klagte der mental unüberschaubare Roderich Kiesewetter am 24. April ausgerechnet im „Machtmenschen Podcast“.

Mittel, Motiv und Möglichkeit
Alliterierte die britische Regierung punktgenau zur Münchner Sicherheitskonferenz 2026: „Nur Russland hatte die Mittel, das Motiv und die Möglichkeit“. (Die Bundesregierung, mit Sinn für Ästhetik, lieferte noch eine weitere Variation des Alliterationshattricks: „Nur der russische Staat verfügte über die erforderliche Kombination aus Mitteln, Motiv und Missachtung des Völkerrechts, um diese Tat zu begehen.“) Gemeint war der just in diesem Moment aufgetauchte Beweis (?), dass „Putins Schergen“ den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny am 16. Februar 2024 – ebenfalls punktgenau zur Münchner Sicherheitskonferenz – mit dem hochwirksamen südamerikanischen Froschgift Epibatidin ermordet haben sollen. Und Außenminister Wadephul apportierte brav: „Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen.“ – Was eine weitere Diskussion der Beweisführung überflüssig, nein: verdächtig macht! (vgl. den beliebten Sloterdijk‘schen Hattrick „offen, öffentlich und offensiv“, der die westliche Reaktion hier sehr gut auf den Punkt gebracht hätte.)

noch dreister, rücksichtsloser und brutaler
Ist, laut NATO-Generalsekretär Mark Rutte, natürlich – Russland! Logische Konsequenz: „Wir müssen uns auf ein Ausmaß von Kriegen vorbereiten, wie sie unsere Großeltern und Urgroßeltern ertragen mussten.“ („We must be prepared for the scale of war our grandparents and great-grandparents endured.“) – Any questions?

oldschool
„Ziemlich oldschool“, untertitelte der Deutschlandfunk Kultur abschätzig am 14. März ein Foto von „Gegen die Wehrpflicht“ streikenden Schülern, die doch tatsächlich (noch oder wieder?) ein Plakat mit der Aufschrift „Frieden schaffen ohne Waffen“ in der Hand hielten. – Lieber Deutschlandfunk Kultur (!), was ist denn eigentlich „newschool“? „Krieg schaffen mit Waffen“? (vgl. „aus der Zeit gefallen“, „Breitbandpazifisten“)

pazifistisches Wolkenkuckucksheim
Man werde sie künftig aus ihrem pazifistischen Wolkenkuckucksheim holen. Versprach kurz nach der ersten Forderung von Boris Pistorius, Deutschland solle nun „kriegstüchtig“ werden, Dirk Kurbjuweit, Chefredakteur des Spiegel, seinen Lesern. (Woran nicht nur er, sondern die gesamte Redaktion sich gehalten hat.)

Stunde Null
„Europa muss daher konsequent auf eine ‚Stunde Null‘ Russlands hinarbeiten. Diese muss mit einer Verfolgung und Ahndung der Kriegsverbrechen einhergehen, und sie sollte der Anfang eines Prozesses sein, in dem der russischen Bevölkerung die Tragweite der russischen Verbrechen verdeutlicht wird.“ Forderten der immer rasanter zum ‚deutschen Dmitri Medwedew‘ mutierende Roderich Kiesewetter und eine Susann Worschech neulich im FOCUS. – Leider haben die um 80 Jahre verspäteten Rächer:innen im Eifer des Gefechts vergessen, den passenden Ort vorzuschlagen: NÜRNBERG natürlich! (vgl. „bedingungslose Kapitulation – Russlands“)

Suff-Sprecherin
„Moskaus Suff-Sprecherin beleidigt Außenministerin Baerbock wegen Ukraine-Weizen.“ – Zur Erklärung: Der Berliner Kurier vom 15. Mai 2022 meinte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Deren originelles Verbrechen: Sie hatte doch tatsächlich Frau Baerbock „Dummheit“ vorgeworfen!

Terrorstaat
„Ein Terrorstaat, der von seinem imperialen Vernichtungswillen auch dann nicht ablässt, wenn er wirtschaftlich schwächelt“, ist natürlich laut ‚Roderich, der Taurus bricht!‘ – Russland. Wirksames Gegengift, wir Deutschen wurden auf diese Weise bereits für immer geheilt: Bedingungslose Kapitulation und Stunde Null! (Damals halfen die Russen uns, heute helfen wir ihnen.)

Unwille der jungen Generation
„Alles, was der russische Überfall auf die Ukraine hierzulande militärisch in Gang gesetzt hat, war bislang Stückwerk. Offenbart wurden die eklatanten Schwächen der Bundeswehr, gepaart mit einem verbreiteten Unwillen der jungen Generation, sich für den Wehrdienst bereitzufinden.“ Monierte am 23. April die Stimme des Volkes, ähh: Volksstimme, aus Magdeburg. – Subkutane Botschaft: Da müssen endlich mal andere Saiten aufgezogen werden! (vgl. „Generation Waschlappen“)

Wahnsinniger im Kreml
„Was ich mir wünsche: Dass Russlands Armee so dramatisch an Menschen und Material verliert, dass der Wahnsinnige im Kreml seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine endlich beendet – und wenn möglich kurz darauf gestürzt wird.“ Womit Julian („Dünger“) Röpke am 31. Januar 2024 auf seinem X-Account dem beliebten „zweiten Hitler“ zu den zahllosen bereits vorhandenen (siehe „Putin II“) noch ein weiteres Attribut verlieh. Spontane Konsequenz des eloquenten Leitenden BILD-Redakteurs: „Also: Verwechselt nicht Objektivität mit Neutralität. Ich bin nicht neutral. Ich will das Drecksregime in Blut und Asche untergehen sehen. Besser heute als morgen.“ – Aber einen Mann mit solchem Tatendrang hält es nicht lange am Schreibtisch. Zwei Jahre später, am 20. April 2026, verkündete er auf derselben Plattform: „Was ansteht, ist der Wechsel zu einem deutsch-ukrainischen Drohnenbauer, der seit 2023 operiert und zu den größten Lieferanten für die Ukraine gehört.“ (Um in ungewöhnlich gedämpfter Tonlage noch hinterherzuraunen: „Das Unternehmen betreibt seine Öffentlichkeitsarbeit zum Schutz seiner Mitarbeiter in Deutschland und der Ukraine bewusst zurückhaltend, daher ist eine zeitnahe Nennung des Firmennamens nicht vorgesehen.“)

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Titelbild: © Tina Ovalle

(Auszug von RSS-Feed)

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Fronttaugliche Seelsorger: Deutschlands Kirchen bewerben sich für den Kriegsdienst

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Am Sonntag ist Pfingsten. Das Fest steht für Verständigung über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg und will Mut machen, sich für Frieden, Liebe und Zusammenhalt einzusetzen. Wie feiern Deutschlands Kirchenführer? Sie predigen Russlandangst und denken schon heute über den Einsatz im Kampfgebiet von morgen nach. Von Ralf Wurzbacher.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Mitte Mai stieg der 104. Deutsche Katholikentag in Würzburg. Und wer war mit dabei? Die Bundeswehr. Mit dem Generalinspekteur Carsten Breuer – „Als Christ und Soldat glaube ich, dass wir einen richtigen Weg gehen“ – und dem Inspektor des Heeres Christian Freuding – „Ich kann nur als Christ Soldat sein“ – schauten gleich zwei der ranghöchsten Repräsentanten vorbei und parlierten auf großer Bühne von Wladimir Putins vermeintlichen Angriffsgelüsten. Zitat Breuer: „Die Bedrohung ist real.“ 2029 sei das entscheidende Jahr. Anhand von Analysen könne man ablesen, dass Russland dann einen Krieg führen könnte.

Für den Konjunktiv rüsten Deutschlands Kirchen kräftig auf. Vom katholischen Militärbischof Franz-Josef Overbeck gab es in Würzburg das Okay zur schnellen Wiedereinführung der Wehrpflicht, für einen, wie er sagte, „verpflichtenden Dienst für die möglichen jungen Männer und dann auch Frauen“. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs sei ihm klar geworden, „dass es ohne eine Vermehrung der Soldatinnen und Soldaten – und zwar nicht zum Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern ab jetzt – nicht gehen wird“. Aber das reicht Overbeck nicht. Es müsse ebenso „einen Friedensdienst oder einen anderen Dienst in dieser Art“ geben. Wofür es den dann noch braucht, sobald erst einmal die Waffen sprechen?

„Geistlicher Operationsplan“

Beziehungsweise: Braucht es eine Kirche, die der Friedensbewegung in den Rücken fällt? Martin Pilgram von Pax Christi, einer ökumenischen Bewegung innerhalb der katholischen Kirche, hat vor nicht langer Zeit einen Brief an die Offiziellen der christlichen Kirchen in Deutschland verfasst. Aus seiner Sicht lassen die sich dafür einspannen, die Menschen in Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. Pilgram hat Sorge, der Ernstfall, sprich der Krieg, werde von den politisch Verantwortlichen vorbereitet. „Und da machen die Kirchen einfach mit“, wie er Anfang April dem Bayerischen Rundfunk (BR) sagte. Eigentlich würde er erwarten, dass sie „den Frieden vorbereiten“.

Anlass seines Vorstoßes war ein zunächst als „intern“ gekennzeichnetes Papier, das inzwischen veröffentlicht wurde. Titel: „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall.“ Es beschreibt auf 23 Seiten, wie die evangelische und katholische Kirche ihre Seelsorgestrukturen vor dem Hintergrund „neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen“ neu aufstellen will. Entstanden ist es nach einer Anfrage des Bundesverteidigungsministeriums (BMVg), ob die Militärseelsorge in der Lage sei, in einem Verteidigungsfall „adäquat Soldatinnen und Soldaten“ und „Menschen, die verwundet sind, die auf dem Rücktransport nach Deutschland sind“, zu begleiten. Das begriffen die Adressaten, darunter der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg, prompt als Handlungsauftrag, „weil wir genau wissen, wie wenig Personal die Militärseelsorge hat“. Alles andere wäre „fahrlässig“, so Felmberg, der das Konzept analog zum „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr schon während der Entstehungsphase als „geistlichen Operationsplan“ bezeichnet hatte.

„Gefallene“

Der umfasst manches mehr als bloß die Betreuung verwundeter oder traumatisierter Soldaten. Es geht auch um die Krisenseelsorge für die Zivilbevölkerung, etwa um das Überbringen von Todesnachrichten, darum, wie Massentraumatisierungen aufzufangen und die Belastungen der Helfer professionell zu begleiten sind. Betont wird die Fähigkeit der Kirchen, Informationskanäle und Krisenstäbe zu schaffen, um „die Menschen emotional und seelisch zu stabilisieren, Halt und Ordnung zu geben (…), mit den Herausforderungen umzugehen und den Weg zurück ins Leben zu finden“.

Die Rede ist von „hohen Opferzahlen“, wobei getötete Soldaten in militaristischer Diktion unter „Gefallene“ laufen. Die müssten würdig bestattet werden, wenn nötig mit „multireligiösen Trauerfeiern“. Eine „zivil-militärische Zusammenarbeit im Gesundheitssystem“ werde „eine engere Vernetzung mit Militärseelsorgenden notwendig machen“, heißt es weiter. „Kapazitäten für verletzte Soldaten, möglicherweise auch Zivilisten und psychisch überlastete Personen greifen tief in den Regelbetrieb ein und können selbstverständlich gewordene Standards der bestmöglichen individualmedizinischen Versorgung außer Kraft setzen.“ Dabei seien „Triagierungen und die damit verbundenen Herausforderungen (…) nur eine mögliche Intervention.“ Dabei werden, ob mit Absicht oder nicht, böse Erinnerungen an die Corona-Krise evoziert, die eine Zeit des fortdauernden Ausnahmezustands markierte – so wie demnächst vielleicht ein Krieg gegen Russland.

Bischöfe schauen „Markus Lanz“

Bemerkenswert ist, wie die Kirchen dieses Szenario als gesetzt erachten und die Lageeinschätzung durch Politik, Militärs und Medien eins zu eins übernehmen. „Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen“, liest man gleich zu Anfang auf Seite zwei. Das fungiere „quasi als Prämisse für alles Folgende“, konstatierte das evangelische Sonntagsblatt in einem lesenswerten Beitrag. Dabei seien sich „keineswegs alle relevanten Forschenden („Wissenschaft“) zum Thema Sicherheitspolitik einig, dass Russland plant, die NATO anzugreifen – auch wenn man diesen Eindruck nach drei Sendungen ‚Markus Lanz‘ möglicherweise gewinnen kann“.

Auch die im November 2025 von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lancierte Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ lässt jede kritische Distanz zum Elitendiskurs vermissen, womit sie „der vorherrschenden Konfrontations- und Aufrüstungspolitik als Steigbügelhalter dient“, wie seinerzeit Marcus Glöckner bei den NachDenkSeiten kommentierte. Daran schließt das Rahmenkonzept Seelsorge nahtlos an, so als verbreiteten ausgerechnet NATO-Strategen die göttliche Wahrheit.

Als finde der Krieg schon statt

Die Autoren berufen sich bei all dem auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem neuen Testament, das als Jesu Weisung festhalte, „das jeweils Naheliegende zu tun“. In der Erzählung bewahrt der Wohltäter einen schwer verletzten Mann vorm Tod. Deutschlands Kirchenführer interpretieren das so: „Genau darum geht es, wenn in diesem Papier Bedrohungslagen entfaltet werden, die sich niemand ernsthaft wünschen kann: Es geht um seelischen Beistand bei gleichzeitiger eigener Betroffenheit.“ Was aber ist mit dem vielen Leid, das ein kommender Krieg anrichten könnte, dessen Anbahnung die Kirchen nicht mit all ihrer friedenspolitischen Kraft verhindert hätten? Darum geht es offenbar nicht beziehungsweise erst dann, wenn der Fall schon eingetreten ist.

Tatsächlich wirkt es so, als richteten sich die Kirchen schon im Worst-Case-Szenario ein. Die Zeitung ND (früher Neues Deutschland) schrieb am vergangenen Mittwoch:

„Das Papier enthält noch viele konkrete Einzelheiten, wie im ‚Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall‘ zu verfahren sei – erschreckend konkrete Einzelheiten, als finde der Krieg bereits statt. (…) Wer wagt es in dieser Situation, eine allgemeine Entflechtung von Staat und Kirche zu fordern oder gar eine Reduzierung von staatlichen Geldern an die Kirchen? Denn die wollen sich offenkundig gerade unverzichtbar machen.“

Es gibt wahrlich schon genügend Profiteure der dröhnenden Militarisierungskampagne, vorneweg macht die Rüstungsindustrie ein Bombengeschäft. Begehren die Kirchen einen Anteil daran? Denn natürlich bräuchte es mehr staatliche Unterstützung, damit sie als Seelsorger im Krieg ihren Mann stehen könnten. „Aufgrund der finanziellen Situation der Kirchen werden zurzeit auch dort Stellen abgebaut, wo sie im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall gebraucht werden“, heißt es im Text. Die Bundesregierung hat‘s bestimmt verstanden.

Papst überhört

Andere haben kein Verständnis. Für Friedensaktivist Pilgram von Pax Christi haben sich die Kirchen in Deutschland zumindest in Teilen davon verabschiedet, eine glaubwürdige Stimme für den Frieden sein zu wollen. Sie setzen kaum eigene Akzente und skizzierten keine Vorstellungen von aktiver Friedensarbeit. Das Sonntagsblatt verwies auf eine „besondere Verantwortung“ der Kirchen:

„Sie sollten nicht einfach mitplanen, wenn der Staat etwas plant, sondern auch mal einen Schritt zurücktreten und fragen, welche Prämissen diesem Plan eigentlich zugrunde liegen und wie überzeugend diese sind. Kriege entstehen oft nicht aus realen Bedrohungen, sondern aus Eskalationsdynamiken. Diese rechtzeitig und kritisch zu hinterfragen, ist eine Rolle, die den Kirchen gut zu Gesicht steht.“

Vielleicht sollten Deutschlands Kirchenchefs einfach mal auf ihr Oberhaupt hören. Papst Leo XIV. bekräftigte am 14. Mai bei einem Vortrag an der römischen Hochschule La Sapienza:

„Wir sollten eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit schürt, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie untergräbt und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl gleichgültig ist, nicht als ‚Verteidigung‘ bezeichnen.“

Der Kirchentag in Würzburg war zu diesem Zeitpunkt schon einen Tag im Gange. Auf der Bühne stand: das Oberhaupt der deutschen Streitkräfte …

Titelbild: CameraObscura82 / shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

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„Wo liegt eigentlich das Risiko?“ – O-Töne zu Debatte über Schröder als Europas Vermittler für Ukraine

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Als Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz am 9. Mai Altkanzler Gerhard Schröder als seinen Wunschkandidaten für die Position eines europäischen Vermittlers für die Regelung des Ukraine-Konflikts nannte, hat er wohl auch mit einer heftigen Diskussion in der Bundesrepublik gerechnet. Diese brach auch aus und verlief dabei selbst innerhalb der Koalition recht kontrovers. Einige Politiker in Deutschland meinten sogar, es sei Putins Absicht gewesen, Deutschlands politische Eliten weiter zu spalten. Eine neue Folge der O-Töne. Zusammenfassung von Valeri Schiller.


Externer Inhalt

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Russlands Präsident Wladimir Putin am 9. Mai 2026

„Ich persönlich würde den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Schröder bevorzugen. Aber die Europäer sollen einen Anführer wählen, dem sie vertrauen und der nichts Negatives über uns gesagt hat.“

(Quelle: DW, ab Minute 2:00)


EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas am 11. Mai 2026

„Erstens, wenn wir Russland das Recht einräumen, einen Verhandlungsführer in unserem Namen zu ernennen, wäre das nicht besonders klug, wissen Sie? Und zweitens: Ich denke, Gerhard Schröder war als hochrangiger Lobbyist für russische Staatsunternehmen tätig. Es ist also klar, warum Putin ihn als Verhandlungsführer haben will. So sitzt er eigentlich auf beiden Seiten des Verhandlungstisches.“

(Quelle: DIE ZEIT, ab Minute 0:13)


CDU-Sicherheitspolitiker Roderich Kiesewetter am 11. Mai 2026

„Die Personalie wird natürlich zu Recht extrem kritisch gesehen. Er hat überhaupt keine Ahnung, der frühere Bundeskanzler, über die Ukraine. Er ist sehr nah, auch geschäftlich, an Russland, und er ist auch in einem Alter, wo wir ihn eben in den letzten Monaten nicht mehr gesehen haben. Ich glaube, dass dies ein Akt der Spaltung Putins ist, kein Akt der Verzweiflung, sondern er will uns damit spalten. Wir sehen ja schon, dass Gott sei Dank die Bundesregierung fest ist, aber der Koalitionspartner schon wieder herumfantasiert.“

(Quelle: WELT, ab Minute 3:55)


Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius am 11. Mai 2026

„Ganz ehrlich, ich muss nicht kommentieren, was der russische Präsident vorschlägt, wer da der Vermittler sein soll. Das ist nichts, worüber ich mir Gedanken mache, wenn es um Wladimir Putin geht.“

(Quelle: Tagesschau, ab Minute 8:35)


Gunther Krichbaum, Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, am 11. Mai 2026

„Er ist und hat sich auch sicherlich sehr vereinnahmen lassen durch Herrn Putin. Enge Freundschaften mögen überall legitim sein auf dieser Welt, aber sie tragen nicht dazu bei, dass man deshalb auch als lauterer Vermittlungspartner dann wahrgenommen werden kann. Das gilt sicherlich auch von unserer Seite, von Seiten der Bundesregierung.“

(Quelle: DIE ZEIT, ab Minute 0:50)


WELT am 12. Mai 2026

„Ausgerechnet die Altkanzlerin wird nun aber ins Spiel gebracht als mögliche Vermittlerin zwischen Russland und der Ukraine (…)

Auch Bundespräsident Steinmeier kennt das russische Regime aus seiner Zeit als Außenminister. Auch er wird in der Vermittler-Suche gehandelt, doch die Ukraine dürfte das nicht akzeptieren: Nach Kiewer Lesart überließ Steinmeier mit dem Minsker Abkommen Russland den Donbass. Daneben werden aus der SPD zudem der Ex-Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, genannt, der noch letztes Jahr nach Moskau reist, oder der ehemalige Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich, zuletzt als ‚russisches U-Boot‘ bezeichnet.“

(Quelle: WELT, ab Minute 0:34 und ab Minute 1:03)


SPD-Bundestagsabgeordneter Ralf Stegner am 11. Mai 2026

„Ich finde eben, dass es viel einfacher ist für uns und schwieriger für Putin, ihn beim Wort zu nehmen und nicht von vornherein zu unterstellen, dass es Propaganda ist oder ohnehin nicht beabsichtigt ist. Es ist ganz einfach, zu sagen ‚Das kommt nicht in Frage‘ – was Besseres fällt uns nicht ein – das finde ich nicht richtig. Ohne dass man garantieren kann, was am Ende rauskommt. Es ist eine schwierige, komplizierte Angelegenheit, so dass ich schon finde, man soll es jedenfalls versuchen. Wo liegt eigentlich das Risiko bei einem solchen Versuch?“

(Quelle: WELT, ab Minute 2:37)


Militärexperte und Oberst a. D. Ralph Thiele am 11. Mai 2026

„Was wir vielleicht als Bürger kritisiert haben an Schröder, ist, dass er sein Geld bei Putin verdient hat. Aber ich glaube doch nicht wirklich, dass wir seine Loyalität für Deutschland grundsätzlich in Frage stellen. Er war doch ein bedeutender Kanzler Deutschlands. Und jemand zu haben, der dicht an Putin ist, wenn man dann verhandeln will, ist doch wirklich nicht so verkehrt. Heute ist er nun sozusagen medial abgewirtschaftet. Mal schauen, ob wir daraus wieder etwas machen können. Unverändert halte ich es für wichtig, im Gespräch mit Putin zu bleiben, und da haben wir tatsächlich jemanden, der ihm nah ist.“

(Quelle: ntv, ab Minute 0:35)


Titelbild: Screenshots DW, DIE ZEIT, tagesschau, ntv, WELT

(Auszug von RSS-Feed)

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Der skrupellose Tabu-Brecher Kiesewetter fordert: „Stunde Null“ für Russland

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In einem radikalen Pamphlet zieht der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter indirekte Parallelen zwischen dem heutigen Russland und Nazi-Deutschland. Diese verquere Argumentation führt ihn dann zu der Forderung, dem heutigen Russland eine ebenso „bedingungslose Kapitulation“ abzuringen wie die Alliierten Deutschland 1945. Kiesewetter wird erst durch die Reichweite relevant, die ihm Medien immer wieder einräumen. Er wirkt wie ein Eisbrecher, der als Vorhut störende Tabus aus dem Weg räumt – damit die geschichtslose Kriegspropaganda noch freiere Bahn hat. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

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Europa müsse auf die „Stunde Null” Russlands hinarbeiten, argumentieren der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter und die Wissenschaftlerin Susann Worschech in einem aktuellen Beitrag im Focus. Russlands Ziel sei schließlich die Kapitulation der Ukraine. Diese würde jedoch keinen Frieden bringen, sondern könne einen jahrelangen Partisanenkrieg, Gewalt und Bürgerkrieg auslösen und sich rasch auf Europa ausweiten. Dennoch lohne es sich, über Kapitulation nachzudenken – jedoch unter anderen Vorzeichen. Viele Kriege seien durch Verhandlungen geendet, aber:

„Eine Ausnahme ist das Ende des Zweiten Weltkriegs mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Es dauerte lange, bis diese im deutschen Gedächtnis von der ‚Stunde Null‘ zum ‚Tag der Befreiung‘ wurde.“

„Terrorstaat“ mit „imperialem Vernichtungswillen“

Russland sei ein „Terrorstaat“ mit „imperialem Vernichtungswillen“, so Kiesewetter/Worschech. Es scheine unmöglich, „dass dieses imperiale und in weiten Teilen totalitäre Russland zu einem Frieden bereit“ sei. Doch es gebe „auch für Russland einen Weg zurück in eine zivilisierte und friedliche Welt: Der Weg dahin ist der militärische Sieg der Ukraine. Dies käme einer bedingungslosen Kapitulation Russlands gleich.“ Und wird an der folgenden Stelle kaum verhohlen einer Aufteilung Russlands das Wort geredet?

„Eine solche Kapitulation würde auch Russland selbst sowie den ethnischen Minderheiten und Angehörigen kolonisierter Völker in Russland eine Chance auf Selbstbestimmung und eine freiheitliche, friedliche Entwicklung eröffnen.“

Die Autoren nutzen auch die üblichen „Dolchstoßlegenden“: So sei ein „Sieg der Ukraine“ weiter möglich. Aber:

„Bislang verhindert das Fehlen einer entschlossenen europäischen Strategie und der umfassenden Unterstützung der Ukraine durch Europa das effektive Zurückdrängen Russlands.“

Neben der bedingungslosen Kapitulation Russlands erheben Kiesewetter/Worschech weitere Forderungen, die einen Kompromiss im Ukrainekrieg praktisch ausschließen und den Krieg darum voraussehbar immer weiter verlängern würden, etwa „die Befreiung aller besetzten Gebiete, einschließlich der Krim“. Die skrupellose Forderung, Deutschland sehenden Auges immer tiefer in einen Krieg mit der Atommacht Russland zu verwickeln, wird von Kiesewetter mit der folgenden Poker-Anspielung („all-in“) verniedlicht:

„All-in zu gehen, erfordert Mut, Koordination und eheliche (sic) Weitsicht, keine Politik nach dem täglichen Stimmungsbarometer.“

Der Artikel schließt mit der gönnerhaft formulierten Unterstellung, Russland sei keine zivilisierte Gesellschaft und müsse im Sinne seiner Bürger niedergerungen werden:

„Wer es zudem mit den Menschen in Russland gut meint, wünscht Russland eine bedingungslose Kapitulation – und damit den Beginn des Weges in den Kreis zivilisierter, friedlicher und freier Gesellschaften.“

Muss man sich mit so einem radikalen Unsinn befassen? Ja, man muss

Bei dem Text stellt sich zunächst die Frage: Muss man sich mit so einem radikalen Unsinn befassen? Ja, man muss. Denn die jüngere Vergangenheit zeigt, dass reihenweise radikale Äußerungen im Zuge der propagandistischen „Zeitenwende“ sehr schnell normalisiert werden, wenn dem nicht entgegengetreten wird (und selbst dann). Man muss die Tabus, die sich etwa aus der historischen Verpflichtung Deutschlands ergeben, immer wieder verteidigen, auch wenn das bedeutet, sich mit den abwegigen Texten von Kiesewetter zu befassen.

Der CDU-„Sicherheitsexperte“ Kiesewetter ist als Bundestagsabgeordneter und Obmann im Auswärtigen Ausschuss eigentlich nicht besonders relevant. Relevanz wird ihm aber immer wieder durch große Medien und ihre Reichweite verliehen. Auch mein Kommentar steigert diese Reichweite nun, aber das ist immer noch besser, als es unwidersprochen zu lassen.

Denn auch wenn Kiesewetter als Politiker keine mächtige Rolle hat, so erfüllt er gemeinsam mit vielen Anderen doch eine zentrale Funktion innerhalb der militaristischen Propaganda: Es scheint, als sei seine „Aufgabe“ die Zertrümmerung von (guten) Tabus, um giftige Elemente in den Debattenraum zu schleusen, der dann um bisher „unsagbare“ Aspekte erweitert wird. Wie Eisbrecher fahren er und andere radikale Stimmen einer in Abstand folgenden Meinungsmache voraus und räumen hinderliche historische „Fesseln“ ab. Mit dem Text im Focus soll es mutmaßlich langfristig normalisiert werden, sogar mit Nazi-Parallelen zu spielen, wenn es gegen Russland geht.

Auch Propaganda hat ihre Avantgarde – wenn die sich aufführt wie Kiesewetter, dann ist ein Effekt unter vielen, dass die (ebenfalls radikalen) Standpunkte der Bundesregierung im Vergleich fast schon „gemäßigt“ klingen. Das wurde auch schon bei Kiesewetters Forderungen deutlich, „den Krieg nach Russland zu tragen“ oder in Deutschland „den Spannungsfall“ auszurufen.

Ist Russland nicht eigentlich eine Atommacht?

Kiesewetters Text blendet auch ein zentrales Element weitgehend aus: Die neue russische Atomdoktrin schreibt ab einem bestimmten Grad der Bedrohung (aus russischer Sicht) zwingend den Einsatz von Kernwaffen gegen die Angreifer vor. Das muss man nicht verteidigen, aber man muss es als Tatsache in das eigene Handeln einpreisen. Angesichts dieser Tatsache wirkt das vollmundige Geschwätz von Kiesewetter nicht nur radikal, sondern selbstmörderisch – und das eben nicht nur für ihn, sondern für unter Umständen zahllose Bürger.

Dass ein Eintreten für eine Entspannung mit Russland keine Unterwerfung unter Putin und auch keinen Wunsch nach „russischen Verhältnissen“ in Deutschland bedeutet, ist selbstverständlich. Dass Russland jetzt einen Waffenstillstand ausrufen sollte, habe ich hier geschrieben. Zur aktuellen „Bedrohungslüge“ bezüglich Russland ist auch Folgendes zu sagen: Russland hat es in vier Jahren nicht geschafft, die Ukraine zu bezwingen – und trotzdem soll es Angriffspläne gegen NATO-Länder hegen? Höchst unwahrscheinlich. Und: Wer den Sturz von Präsident Wladimir Putin fordert, der sollte sich erst einmal informieren, welche Kräfte dann unter Umständen vermehrten Einfluss in Russland erhalten könnten – etwa die im Vergleich zu Putin erheblich radikalisierten Personen Dimitri Medwedjew oder Sergey Karaganow.

Kiesewetter: Kumpel von Separatisten und Schah-Sprösslingen

Kiesewetter hat sich kürzlich auch auf anderen Gebieten „diplomatisch“ hervorgetan: So ruft er aktuell auf seinem X-Account zum Regime-Change im Iran auf und bringt Reza Pahlavi als legitimen Führer ins Spiel:

„Das Regime ist tödlich. Die einzige Chance für einen freien Iran, für Freiheit für die Zivilbevölkerung im Iran und für Stabilität in der Region ist ein Regimewechsel. Reza Pahlavi hat einen klaren Plan für einen Neuanfang im Iran.“

Und im April hat sich Kiesewetter in Kiew sogar mit dem tschetschenischen Separatistenführer Achmed Sakajew getroffen, wie Medien berichten.

Dass Kiesewetter sein destruktives Handeln dann auch noch immer mit salbungsvollen Phrasen zu Völkerrecht, Freiheit, Demokratie usw. verbindet, rundet das Bild ab.

Titelbild: Screenshot, Deutscher Bundestag, youtube.com/watch?v=g6a34IElqMo

(Auszug von RSS-Feed)

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Ben ungeskriptet, Björn Höcke und eine Sozialdemokratin: Möchte Frau Esken bitte die Politik verlassen?

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„Ich soll bald auf der Straße schlafen, sagt die Regierung“ – das sind die Worte des YouTubers Ben Berndt auf die Reaktion der SPD-Politikerin Saskia Esken. Esken echauffierte sich in einem Videostatement über das vielbeachtete Interview, das Berndt in seinem Format Ben ungeskriptet mit Björn Höcke geführt hat. Esken forderte mehr oder weniger offen einen Werbeboykott der Sendung. Eine Frage drängt sich auf: Möchte Frau Esken bitte die Politik verlassen? Angebracht ist es. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Einem Faschisten wie Björn Höcke eine Bühne zu bieten, ungescripted und unwidersprochen (…).“

Mit diesen Worten beginnt Esken ihr Videostatement. Ungewollt gerinnt ihre Stellungnahme genau zu dem, was die Sozialdemokratin vorgibt, zu verurteilen. Sie empfindet, das wird zwischen den Zeilen deutlich, den Podcast mit Höcke als eine Zumutung – dabei ist die Zumutung das Statement der SPD-Politikerin.

Was sie nicht verstanden hat: Eine Demokratie hat viele Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung zu bieten und zuzulassen. Es kann, darf und soll Medien geben, innerhalb derer diskutiert wird und wo der Widerspruch dazugehört – und es kann, darf und soll Medien geben, die ihre Gäste einfach sprechen lassen. Wer wem in einer Demokratie eine Bühne bietet, kann, darf und soll jedem selbst überlassen werden. Schwer zu verstehen ist das nicht.

Begriffsstutzigkeit sollte man aber einer versierten Politikerin ohnehin nicht vorwerfen. Esken ist eine Frau, die sehr gut versteht. Ihr Problem ist, wie das von vielen anderen Politikern auch, dass sie von Demokratie, Meinungsfreiheit und Pluralismus redet – aber die unliebsame Meinung des Gegenübers nicht verdauen will.

Sie bezeichnet Höcke als „Faschisten“. Da der Begriff gesetzt ist, soll er auch an dieser Stelle aufgegriffen werden. Von Siegfried Kracauer stammt das Zitat:

„Der Faschismus kann nicht diskutieren.“

Nicht zu diskutieren – die Verweigerung, sich auch jenen in einer Diskussion zu stellen, die eine fundamentaloppositionelle Sicht vertreten –, ist in Deutschland seit langem der politische Operationsmodus.

Sowohl weite Teile der Politik als auch weite Teile des medialen Mainstreams verachten regelrecht die freie Diskussion. Und damit agieren sie antidemokratisch.

Warum gibt es überhaupt ein Format wie Ben ungeskriptet? Warum schießen alternative Medienformate wie Pilze aus dem Boden? Weil „die Macht“, die den Widerspruch nicht erträgt, den demokratischen Diskurs abgewürgt und erstickt hat.

Esken fordert, dass Höcke widersprochen wird – diese Meinung darf sie vertreten. Ein großer Teil der Bevölkerung fordert allerdings auch, das abends im gebührenfinanzierten Fernsehen bei Illner und Co Leuten wie Esken und Co widersprochen wird. Also nicht dieses scheinkritische Widersprechen. Sondern echter Widerspruch von Leuten, die nicht bereit sind, die Funktion eines Pluralitätskaspers zu übernehmen.

Dieser Forderung nachzukommen, verweigern sich Redaktionen – und die Politik applaudiert ihnen.

Wehe, wenn da doch mal einer sitzt, der auch nur ein bisschen aus dem Rahmen fällt: Dann ist das Geschrei groß. „Wie konnte man dem nur eine Bühne bieten?“, heißt es dann.

Und so schließt sich der Kreis. Das Bild von Ursache und Wirkung ist längst ausgemalt und gut sichtbar.

Überhaupt: Diese politische Maßlosigkeit. Wer einen anderen als „Faschisten“ bezeichnet, erhebt sich zugleich in die Position des Antifaschisten. Dagegen spricht nichts. Nur, Erinnerungsservice: Während der Coronazeit, in der sich – sehr zurückhaltend formuliert – „ein Moment“ des Prä-Faschistoiden durch Politik und Gesellschaft zog, wo Menschen alleine, ohne ihre Angehörigen in Heimen und Krankenhäusern sterben mussten, wo das Unmenschliche gegenwärtig und wo viele das Rutenbündel der staatlichen Gewalt gespürt haben, da hat Esken was gemacht? Sie hat Kritiker der Coronamaßnahmen als „Covidioten“ bezeichnet und damit zur Verseuchung des Diskurses beigetragen. Wo war denn die Antifaschistin Esken, als Menschen durch einen furchtbaren staatlichen Druck dazu genötigt wurden, sich gegen ihren Willen einer hochumstrittenen Impfung zu unterziehen? Eben.

Nun stellt sich – Chapeau, Chapeau – die ehemalige Vorsitzende der SPD hin und sagt: „Übrigens, Unternehmen, deren Werbung in einem solchen Podcast ausgespielt wird, sollten mal schauen, wie sich das abstellen lässt.“

Gegen das Faschistoide zu sein, gegen jene Gewalt zu sein, die der Faschismus mitbringt, und im selben Atemzug selbst unterschwellig Gewalt anzudrohen: Die Masken fallen schnell.

Denn was passiert hier? Im Grunde steckt in der Formulierung, dass Unternehmen „mal schauen sollten“, eine schwerwiegende politische Drohung.

Schon jetzt sanktioniert mit der Billigung Deutschlands das EU-Sanktionsregime politisch unliebsame Ansichten. Was kommt als Nächstes: Sanktionierung von Firmen, die eine Werbung bei Ben ungeskriptet schalten wollen?

So geht das nicht weiter!

Demokraten greifen im Diskurs zu jenen „Waffen“, die Kennzeichen der Demokratie sind. Sie greifen zum Wort – und stellen sich der Diskussion. Firmen aufzufordern, keine Werbung beim politischen Gegner zu schalten, den politisch Andersdenkenden gar durch Sanktionen mundtot zu machen: Derlei gehört in eine Diktatur, nicht eine Demokratie.

„Unternehmen sollten mal schauen“, sagt Esken. Nein, Esken sollte mal schauen – ob es kein anderes berufliches Spielfeld für sie gibt. Bei dem rund 20-sekündigen Video drängt sich nämlich eine Frage auf: Möchte Frau Esken bitte die Politik verlassen? Danke!

Titelbild: Twitter / @benungeskriptet

(Auszug von RSS-Feed)
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