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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es, mal wieder, um die fröhliche (billionenschwere) Aufrüsterei. Von Leo Ensel.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Anlehnungspartner
Die – gerade von Verteidigungsminister Pistorius gemeinsam mit Generalinspekteur Carsten Breuer am 22. April vorgelegte – Militärstrategie der Bundeswehr sieht Deutschland als „Anlehnungspartner“ und beansprucht eine „neue europäische Führungsrolle“. – Genau. Wie heißt es doch so treffend in dem Klassiker von Bill Withers? „We all need somebody to lean on“. (Mit und ohne deutsche „europäische Führungsrolle“.)
auf einem guten Weg
„Deutschland sei dabei auf einem guten Weg“, versicherte laut Deutschlandfunk vom 3. Mai unser Kriegsertüchtigungsminister. Was war geschehen? Der schmollende US-Präsident hatte einen Teilabzug von 5.000 amerikanischen Soldaten angekündigt. Boris Pistorius dagegen hielt sich an Udo Lindenbergs bewährten Grundsatz: „Keine Panik!“ Der Teilabzug von Truppen aus Deutschland sei „erwartbar“ gewesen, konterte er cool. Konsequenz: Man müsse halt noch mehr „Verantwortung für die eigene Sicherheit übernehmen.“ Aber – keine Panik!: Deutschland sei dabei „auf einem guten Weg“!
Deep Strikes
Tiefschläge. Tiefe Schläge. Schläge in die Tiefe – „weit in die Tiefe des russischen Raumes“! Und zwar von deutschem Boden aus. Waren über drei Jahrzehnte lang unmöglich aufgrund des Ende 1987 von Michail Gorbatschow und Ronald Reagan unterzeichneten INF-Vertrages, der bodengestützte Raketensysteme einer Reichweite zwischen 500 und 5.500 Kilometern verbot. (Und auf Initiative Donald Trumps Anfang August 2019 von beiden Seiten gekündigt wurde.) Konsequenz: Ab Ende 2026 werden hier erneut praktisch nicht mehr zu eliminierende Mittelstreckenraketen („Tomahawk“-Marschflugkörper und „Dark Eagle“-Hyperschallraketen) stationiert, die von deutschem Boden aus Russland wieder „Schläge in die Tiefe“ – nahezu im gesamten Raum westlich des Urals – verpassen können. (Oder vielleicht doch nicht? Der Mann im Weißen Haus ist bekanntlich unberechenbar. Dann müssen wir sie halt selbst kaufen! Von den USA.) – Kleine Denksportaufgabe: Wie wird der Mensch im Kreml – wer, ist egal – sich wohl verhalten, wenn aus seiner Wahrnehmung solche Schläge unmittelbar bevorstehen? Oder gar bereits erfolgten? (vgl. „Brückentechnologie“)
Deep-Strike-Fähigkeit
Läppische Maßnahmen wie der geplante Aufwuchs der Bundeswehr auf 460.000 Soldaten in aktivem Dienst und Reserve bis 2039 reichen einem strammen Sicherheitsexperten wie Christian Mölling von der Denkfabrik EDINA noch lange nicht. Da muss mindestens noch der Aufbau einer Deep-Strike-Fähigkeit her, teilte er kürzlich dem Stern mit. Für den „Konfliktfall“ bedeute das dann im Klartext: „Sie können den Gegner schwächen, lange bevor er an ihrer Grenze auftritt. Das heißt, wir schießen im Zweifelsfall direkt auf russisches Territorium.“ Es gehe um den Aufbau „tiefer Arsenale“, nicht nur um ein paar Hundert zusätzliche Raketen weiterer Reichweite. (Der zu Tode erschreckte „Machthaber im Kreml“ wird dabei tatenlos zusehen.)
erfüllend, sinnstiftend und fordernd
„Ich will mit Ihnen mit all‘ meiner Kraft für ein Heer arbeiten, in dem wir unseren Dienst erfüllend, sinnstiftend und fordernd gestalten; in dem sich gute Führung in gegenseitigem Vertrauen, in Vorbild, in Wahrhaftigkeit und unverbrüchlicher Kameradschaft bemessen lässt.“ So Generalleutnant Dr. Christian Freuding am 1. Oktober 2025 in seinem ersten Tagesbefehl als Inspekteur des Heeres. Die prosaische Übersetzung dieser hehren Worte lieferte Freuding freundlicherweise gleich mit: „Ich will für ein Heer arbeiten, das bereit ist zum Kampf, das sich durchsetzt, das gewinnt.“
erotisches Verhältnis zu Waffen (in Deutschland)
Ein solches attestierte – lobend oder kritisierend? – Boris Pistorius seinen Landsleuten im Kontext der Taurusdebatte. Bei einer Parteiveranstaltung in Hannover erklärte Deutschlands beliebtester Politiker, es gebe Argumente für eine Lieferung, aber auch „viele gute“ dagegen. Nicht alle könnten öffentlich gemacht werden. [Warum eigentlich?] Allerdings wundere er sich, dass hierzulande öffentlich über konkrete Waffensysteme diskutiert werde. Offenbar gebe es ein „erotisches Verhältnis“ zu Waffen in Deutschland. [Wie muss man sich das genau vorstellen?] – Die verklemmte Moral des erotisierenden Kriegsertüchtigungsministers: Bei Angelegenheiten, die tabu sind, bitte nicht zu sehr ins Detail gehen! (Und schon gar nicht öffentlich.) (vgl. „Macht-erotisches Verhältnis“)
erweiterte Abschreckung
Abschreckung allein reicht schon längst nicht mehr. Angesichts des volatilen Machthabers im Weißen Haus muss der Schreck für die Russen jetzt unbedingt erweitert werden. Und zwar nicht nur durch den – längst vereinbarten – Kauf 35 neuer F-35A-Kampfjets der amerikanischen Firma Lockheed Martin durch die Bundeswehr für die „nukleare Teilhabe“. (Oder auch noch fünfzehn mehr.) Dazu Oberst Dr. Frank Hagemann: „Die F-35A hat aufgrund ihrer Stealth-Eigenschaften gegenüber gegnerischen Radarstellungen deutlich höhere Fähigkeiten als ältere Kampfjets. In Kombination mit der neuesten Version dieser Atombomben (B61-12) ist sie ein sehr leistungsfähiges System für die erweiterte nukleare Abschreckung.“ Aber das ist natürlich „nur der Anfang“. Kleiner Vorschlag vom Oberst: „Ein wichtiger Schritt könnte sein, die Zahl der in Europa verfügbaren B61-Bomben substanziell zu erhöhen. Deutschland und seine europäischen Partner könnten den USA anbieten, sich an den Beschaffungskosten für zusätzliche B61-Bomben zu beteiligen, wenn diese ausdrücklich für die nukleare Teilhabe der NATO vorgesehen werden.“ – Na, geht doch! Warum nicht gleich so?
Fähigkeitsmix
„Drohnen zur Aufklärung, aber natürlich auch Kampfdrohnen, die auf gegnerische Systeme wirken können. Wir führen genau diesen Fähigkeitsmix ein. Mit Hochdruck. Das hat absolute Priorität! Und das lässt mich auch sehr zuversichtlich in die Zukunft blicken.“ So, positiv denkend, Brigadegeneral und Chef der Litauenbrigade Christoph Huber am 18. Dezember 2025 im Deutschlandfunk. (vgl. „Truppenmix“)
Fähigkeitsaufbau
Diesen lange vermissten Fähigkeiten-Neologismus schenkte uns am 12. Februar exakt um 06:18 der DLF-Journalist Klaus Remme. (vgl. „Fähigkeitsprofil“)
Fähigkeitsprofil
Am 22. April präsentierte Boris Pistorius nichts weniger als eine neue Militärstrategie, ein „Fähigkeitsprofil“ der Bundeswehr sowie einen „Plan zum personellen Aufwuchs“ auf einen Streich. (Hätte er auch noch die „gesamtstaatliche Operationalisierung“ bemüht, so hätten bei dieser Gelegenheit fast alle Klassiker des Verwaltungsdeutschs im Tarnfleck stramm gestanden.)
geopolitische Minderjährigkeit
Notwendig sei „ein Austritt aus dem Zustand der geopolitischen Minderjährigkeit“, in dem Europa sich zu lange eingerichtet habe. So Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 10. Februar in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. (Und hinkte damit ganze anderthalb Wochen dem avantgardistischen Altsponti Joschka Fischer hinterher, der im Tagesspiegel gefordert hatte, Europa müsse „erwachsen werden“.)
Gesamtverteidigungsbeschaffungsplanung
Diese bürokratische Bandwurmmaßnahme im Tarnfleck vermisste am 11. April im Deutschlandfunk schmerzhaft Thomas Röwekamp, seines Zeichens Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Bundestags.
löchrig
Wird gerade, laut Rheinpfalz, der US-Atomschirm. Und bald stehen wir – auch ohne Krieg – komplett im radioaktiven Regen. (vgl. „porös“)
nicht unbedingt schlau
„Ich find‘s allerdings ein bisschen komisch, das so vor sich herzutragen. Rechtspopulisten in ganz Europa werden das ausnutzen, das ist nicht unbedingt schlau!“ Die Rede war nicht von der nächsten Fronleichnamsprozession, sondern von Boris Pistorius‘ Ziel, die Bundeswehr bis 2039 zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ zu machen. Ein Ziel, das Sara Nanni, sicherheitspolitische Sprecherin der GRÜNEN und Obfrau ihrer Partei im Verteidigungsausschuss des Bundestages, selbstverständlich teilt. Schließlich leitet es sich „ehrlicherweise schon daraus ab, dass wir der bevölkerungsreichste Staat in der EU sind, und wenn wir sagen, dass wir alle gleich viel beitragen wollen, dann heißt das eben auch [Gerechtigkeit muss sein!] für Deutschland, dass wir die konventionell stärkste Armee werden müssen!“ (Müssen.) – Moral: Einfach aufrüsten und nicht mehr groß darüber reden. („Man muss auch auf die Nuancen achten dabei!“) Wie lautete das zu früheren Zeiten? Mehr Sein als Schein!
praktische Erfahrungen (mit Nuklearwaffen)
„Gesucht wird eine Persönlichkeit, die sich durch fundierte theoretische und praktische Kenntnisse auszeichnet.“ Und zwar „in den Gebieten der Ballistik und Waffentechnik“. Schrieb für den 1. Oktober 2026 die Universität der Bundeswehr München eine W3-Professur für Waffen- und Munitionstechnik aus. „Darüber hinaus sind vertiefte Kenntnisse und praktische Erfahrungen in mindestens zwei der folgenden Themengebiete erwünscht: • Munitionstechnik, • Chemie der Explosivstoffe, • autonome und teilautonome Waffensysteme, • Nuklearwaffen.“ – „Vertiefte Kenntnisse und praktische Erfahrungen“ mit „Nuklearwaffen“ also! – Und weiter geht‘s: „Der Inhaberin bzw. dem Inhaber der Professur steht zu diesem Zweck ein modern ausgestattetes Labor mit Schießbahnen zur Verfügung.“ Ebenfalls vorbildlich: „Die Universität der Bundeswehr München ist eine familienorientierte Einrichtung, die für Gleichstellung, Vielfalt und Chancengerechtigkeit steht. Von der zukünftigen Stelleninhaberin bzw. dem zukünftigen Stelleninhaber wird die Übernahme einer gleichstellungs- und diversitätsorientierten Führungsverantwortung erwartet. Die Universität strebt eine Erhöhung des Anteils von Professorinnen an und fordert deshalb ausdrücklich Wissenschaftlerinnen zur Bewerbung auf. Schwerbehinderte Bewerberinnen und Bewerber werden bei gleicher Qualifikation besonders berücksichtigt.“ (vgl. „woke und wehrhaft“)
tiefe Arsenale
Es gehe um den Aufbau „tiefer Arsenale“, nicht nur um ein paar Hundert zusätzliche Raketen weiterer Reichweite. Ein solches Eskalationspotenzial hätten bisher in Europa nur die US-Streitkräfte besessen. Da Deutschland keine Atomwaffen habe, wolle es sich künftig auf diese Art der konventionellen Abschreckungsfähigkeit stützen. Denn: „Sie können den Gegner schwächen, lange bevor er an ihrer Grenze auftritt. Das heißt, wir schießen im Zweifelsfall direkt auf russisches Territorium.“ So der renommierte Ex-Zivildienstleistende Christian Mölling zum Stern.
(wird fortgesetzt)
Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.
Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.
Titelbild: © Tina Ovalle
