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„Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.“

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Der Berliner Dirk Zöllner wird nach wie vor eher dem ostdeutschen Publikum ein Begriff sein. Der Sänger, Musiker, Komponist, Buchautor, ein Lebensfroher, Hungriger, Zweifelnder, Nachdenkender ist nach wie vor mit seiner Band „Die Zöllner”, im Duo mit seinem ewigen Freund und Kollegen, dem Pianisten und Sänger André Gensicke, und mit weiteren Projekten vor allem in Ostdeutschland unterwegs. Trotz eines engen Zeitplans hat sich Dirk Zöllner, einer der Erstunterzeichner des Berliner Appells, dennoch die Zeit genommen, um wieder einmal in ein intensives, persönliches Gespräch mit Frank Blenz für die NachDenkSeiten einzutauchen.

Frank Blenz: Hallo Dirk, ich beobachte und erlebe seit Langem Dein Ackern, Deine musikalischen Touren, Dein unermüdliches Machen, Dein verbindendes Tun. Kenne Deine Songs, habe Auftritte erlebt – und diese voller Freude. Nun ist wieder mal Zeit, Dich mit Fragen zu nerven (kleiner Scherz). Ich frage mich: Wie bist Du unterwegs, wie speist sich Dein voller Tourplan, welche Projekte, und welches Publikum erreichen Du und Deine Kollegen damit? Wen willst und kannst Du erreichen, einerseits als Künstler im Bereich populärer Musik, andererseits als Denker und Anstoßgeber? Deine Reisen durch das Land sind sicher für Dich wie das Sammeln von Eindrücken für ein Sittengemälde unserer (ganzen) Republik. Einig. Geteilt. Aufgerieben. Fragezeichen.

Dirk Zöllner: Es sind jetzt tatsächlich knapp über 40 Jahre, dass ich mein Überleben als freischaffender Musiker und Autor bestreite. Dafür bin ich sehr dankbar und darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz. Denn da waren nicht nur Erfolge zu feiern, es gab auch einige Klippen zu umschiffen. Tendenziell ist es für mich aber immer bergauf gegangen, sowohl seelisch als auch finanziell. Ich habe mir ein exquisites Publikum erkämpft – mit über 2.000 Konzerten, etwa 20 Alben, vier Büchern, etlichen Kolumnen und Einmischungen. Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.

Alle meine aktuellen Projekte müssen in erster Linie Spaß machen, denn es handelt sich ja hier um den kostbaren Rest meines Lebens. Möglichst wenig Brechstange. Love & Peace! Und ja, mein Herz schlägt im Osten des Landes, hier sind mir die Menschen vertraut – mit allem Für und Wider. Einen gleichgeschalteten Menschentypus kann ich nicht erkennen, aber es gibt hier verbindende Erfahrungen. Wir haben dieselben Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Aus Helden wurden Unpersonen, aus Feindbildern Ikonen. Und es ist Fakt, dass wir in unserer Bundesrepublik gesamt gesehen eher die Rolle des Kunden als die des Verkäufers einnehmen.

Ich denke an Stichworte wie Krieg und Frieden, Wehrhaftigkeit, „meine Söhne kriegt ihr nicht”, Rüstungswahn Deutschland. Was sagst Du zu den irren Zahlen, dazu, dass der größte Rüstungskonzern in ein paar Jahren in die Top 3 der größten Konzerne weltweit aufsteigen könnte? Dazu kommt noch die herrschende Politik der Alternativlosigkeit. Das schreit doch auch nach Widerstand aus Künstlerkreisen?

Das knüpft recht gut an das an, was ich gerade geäußert habe: Die meisten Menschen aus dem Osten verfügen weder über Ländereien noch über Schlösser, Arbeitsmittel oder gefüllte Truhen – und somit natürlich auch nicht über das Sagen. Drastisch gesagt, gibt es nicht so viel zu verteidigen, außer das nackte Leben der Familie, vor allem das der Kinder.

Das Gauck‘sche oder Merz‘sche Freiheitsmantra erscheint den allermeisten seltsam befremdlich: Freiheit wäre wichtiger als Frieden. Freiheit, die eine Einheit mit gesammeltem Besitz und scharfen Ellenbogen darstellt, mit denen sich aufs Podium gekämpft wurde. „Freiheit, die heilt, ist niemals die gleiche Freiheit wie jene, die Menschen zerbricht“, hat der Poet Henry-Martin Klemt geschrieben. Freiheit ist sehr unterschiedlich definierbar. Die Freiheit von Geld- und Zeitdruck und die Freiheit von Angst ist für viele Menschen wertvoller als diese elitäre Freiheit.

Historiker von Gnaden stoßen artig ins gewünschte Horn und erklären, dass die Menschen aus dem Ostteil des Landes diktaturgeschädigt wären und letztendlich an die Leine wollen. Es wird sich in schlichtester Brutalität über Ängste und Stressgefühle erhoben. Ich habe ja schon erwähnt, wie im Osten gelernt wurde, zu erkennen, dass es der Wahrheiten durchaus verschiedene geben kann. Ich halte das sture Durchboxen der einen für vorsintflutlich. Wir haben die Möglichkeit der allseitigen Information, egozentrische Kriege sind nicht mehr zeitgemäß. Es ist doch idiotisch, dass sich immer noch so viele Menschen für die Interessen der Macht- und Geldmonster benutzen oder sogar verheizen lassen. Brachialkapitalismus im Endstadium. Okay, der Mehrheit ist die Möglichkeit der Flucht nicht gegeben, aber die Mehrheit hätte die Möglichkeit, sich rechtzeitig zu wehren! Und man sollte nach guten Reiseleitern Ausschau halten und nicht irgendwelchen Reiseverführern aufsitzen.

Unsere Regierung ist von gestern, wir brauchen eine Frischzellenkur, integre Galionsfiguren, die sich nicht kaufen lassen, die sich mutig gegen den Sog, gegen diese Abwärtsspirale der Eskalation stellen. Großherzige Friedensvermittler außerhalb der Rüstungslobby, die in der Lage sind, auch die Sichten des Gegners wahrzunehmen. Nicht im Traum würde ich mich von dieser bürokratisch verkrusteten Spießergesellschaft rekrutieren lassen oder ihnen das Leben meiner Kinder anvertrauen.

Ich verstehe aber, dass andere Künstleropas wie Lindenberg, Grönemeyer oder Niedecken die Welt, von der sie so viel erhalten haben, auch verbal verteidigen müssen. Das gebietet die Höflichkeit. Da ist Dankbarkeit. Dass jemand wie Maffay es schafft, trotzdem über den Tellerrand zu gucken, ist eine Ausnahme. Ich spüre, das dieser kleine Mann über ein sehr großes Herz verfügt – eines, in dem es auch noch Platz über das eigene Ego hinaus gibt.

Das zivilisatorische Leben, geht es kaputt? Was beobachtest Du, auch auf Deinen Reisen?

Es sieht tatsächlich so aus, als ob die Evolution gerade eine Pause einlegt oder sogar der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Ich bin aber ein Optimist. Ich begegne auf meinen Touren durch Ostdeutschland nur selten so richtig vernagelten Menschen. Das kann – bei aller Bescheidenheit – auch daran liegen, dass mein Publikum das von mir vorgegebene, kulturell wertvolle Angebot spiegelt. Nein! Jetzt wirklich mal im Ernst: Es ist viel Zorn vorhanden, der aber nicht zur Apathie, sondern eher zur Renitenz führt. Die Menschen erfahren zu wenig Spiegelung bzw. eine von Politik und Medien verzerrte und irrlichternde. In Ermangelung der wahrhaftig gesellschaftspolitischen Präsenz sind sehr viele alternative private Kulturinseln entstanden außerhalb der alten staatlichen Systeme.

Die Bürokratie nimmt jeder Initiative die Luft zum Atmen, der gut gemeinte Rahmen ist zum engen Korsett geworden. Auf dem Weg durch die Instanzen geht zuerst der Spaß, dann das Geld und schließlich der Sinn verloren. Da hat die Alternative für Deutschland ein leichtes Spiel. Der Empörungskatalysator – verbal. Mal sehen, was passiert, wenn der wirklich zum Zuge kommt.

Ein weiterer Gedanke, Du bist ja Berliner, was sagst Du dazu: Berlin, die Hauptstadt der Verwahrlosung. Was ist Dein Befund? Hast Du Vorschläge, den Spieß umzudrehen, endlich wieder an Aufbau, an Renaissance zu denken für eine knorke Hauptstadt?

Ich beschränke das mal auf meinen Stadtteil. Ich lebe im Königreich Köpenick. Hier wurde einiges vernachlässigt, so kleckerweise geflickt, aber im Moment wird überall sehr viel Neues gebaut. Das mag am grandiosen Erfolg des 1. FC Union liegen, der dieser Region natürlich gute Laune und Aufwind beschert. Neue Straßen und Straßenbahngleise, neuer S-Bahnhof, neue Stadtteile, neue Kindergärten und Spielplätze. Auf jeden Fall habe ich hier nicht so sehr das Gefühl der Verwahrlosung. Hier steppt immer noch der Bär! Auf recht natürliche Weise, ohne viel Konfetti und Wunderkerzen. Traurig sind die Touren über die Dörfer und Kleinstädte. Die monströsen Einkaufslager dazwischen und in den Orten selbst meist nicht mal mehr ein Bäcker und eine Kneipe. Das ist echt gruselig, da will man nicht begraben sein.

Deutschland besteht aus Ost und West, immer noch. Was macht der Osten?

Es kann Spaß machen, eine Minderheit zu sein. Aber wir brauchen unsere eigenen Häuptlinge, die uns ermöglichen, die regionalen Tänze auszuleben. Rektoren, Direktoren, Journalisten, Verlage und auch Lokalpolitiker. Die Linke hat da in ihrem Bedürfnis, bei der großen Polonaise dabei zu sein, an Schneid verloren und damit das alternative Druckventil für die emotionale Problembewältigung mitinstalliert. Es ist nun schwer, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern.

Mir fällt eine weitere Partei ein – das BSW – und der kleine Film, in dem Sahra Wagenknecht in die Lüfte geht. Im Hintergrund des kurzen Videos stehen Du und weitere Akteure. Erzähl bitte darüber, was das BSW für Dich bedeutet, was das Bündnis kann, was es braucht, was Du über die Anfeindungen, die Häme usw. sagst.

Ich finde es schade, dass sie sich mit ihren populistischen Spots nun am üblichen Dummenfang beteiligen. Reicht eine kulturvolle und höfliche Bestimmtheit nicht für fünf Prozent? Ich halte sie zumindest wegen ihrer Friedenspolitik für das kleinere Übel und damit für die derzeit einzige wählbare Partei. Momentan geht es ja beim BSW leider vor allem um den Machterhalt, also um die akribische Suche nach den fehlenden „drei“ Stimmen. Nun gut, ich wäre froh, wenn sie gefunden werden. Ich halte diese Partei ziemlich wichtig für das Gesamtspektrum. So, wie die CDU konservative nationale Traditionen vernachlässigt hat, so hat Die Linke – wie schon erwähnt – im Allgemeinen ebenfalls Kontakt zu ihrer eigentlichen Klientel verloren und ihre Grundpfeiler – den Idealismus und Pazifismus – angesägt. Die schweben ebenfalls in dieser realitätsfernen Zwischenwelt, in einem Staat im Staate. Im Kreise der Sahnehäubchen, oben auf der Torte.

Auch das ist Politik, kulturvolle – die Musik tönt bei Dir weiter laut, leise, kraftvoll, unermüdlich stehst Du auf der Bühne. Was steht im neuen Jahr an?

Neben dem Mutterschiff DIE ZÖLLNER, mit dem ich gerade wieder mit Pauken und Trompeten und Volldampf unterwegs war, wird es im kommenden Sommer „Die Zöllner im Trio Infernale“ geben. Hier bringen mein langjähriger Kompagnon, der Pianist André Gensicke, und der Cellist Tobias Unterberg alias b.deutung eher die stilleren Lieder unseres umfangreichen Repertoires zu Gehör. Außerdem gibt es noch „Zöllners Blinde Passagiere“, ein Freundesprojekt mit der großartigen Sängerin Steffi Breiting, mit einem völlig eigenständigen Programm und extra dafür geschriebenen Liedern, davon wird im Herbst ein Album erscheinen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die Kollaboration mit Manuel Schmid, dem Sänger der Stern Combo Meißen, mit dem ich „Die schönsten Balladen aus dem Land vor unserer Zeit” zelebriere. Kunstlieder der Komponisten Franz Bartzsch, Wolfgang Scheffler, Michael Heubach, Holger Biege, Stefan Trepte und vielen anderen. Von Mitte Januar bis Mitte Februar ‘26 geht es auf Tour, und auch hier ist ein neues Album im Gepäck. Zwischen Weihnachten und Silvester arbeite ich an der Fortsetzung der Graphic Novel „Machandeltal“, gemeinsam mit dem Zeichner Jörg Menge. Hier werden wir im kommenden Jahr mit einer multimedialen Lesung unterwegs sein – Wort, Bild und Musik.

Dirk, nochmal sammle ich Stichworte für Dich: mündiger Bürger, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, ungerechte Verteilung, Annäherung West/Ost (ist das überhaupt möglich oder bleibt die latente Teilung?), Altparteien, Stichwort Vertrauen in die Politik zurückholen – mit dem gegenwärtigen Politikerhandeln etwa?

Demokratie kann nur bei sozialer Gerechtigkeit funktionieren. Ich bin sehr für die gerechte Verteilung des ungeheuren Reichtums. Aber als echter Linker kann ich das nicht nur für die eigene Nationalität einfordern, also gerecht verteilter Reichtum im Sonnenstaat, hinter Glas, Beton und Stacheldraht. Man muss vor der eigenen Haustür anfangen, das ist richtig. Dann brauchen die Menschenmassen auch nicht mehr in die umzäunten Billigmastanlagen der betonierten südlichen Gestade transportiert werden, um sich den wohlverdienten Urlaub zu leisten. Jede Gesellschaft ist eine Inszenierung. Ich glaube, wir können das alles irgendwie besser und nachhaltiger. Dazu bedarf es aber auch mehr Talent und Phantasie. Baerbock und Habeck, die wir im Freundeskreis immer liebevoll „Schweini & Poldi“ nannten, fehlte irgendwie die Sensibilität.

Die Politik sollte die Kunst nicht für ihre Zwecke einspannen, sie sollte ihr vielmehr folgen, denn sie ist die einzige evolutionäre Kraft. So hat es Joseph Beuys, einer der Gründungsväter der Grünen, gesagt. Ich glaube das auch, denn unsere Zukunft kann nur im Betreten von neuem Land zu finden sein. Unendliches Wachstum auf unserer endlichen Erde ist totaler Schwachsinn. Wir sollten fähige Leute in große Pools wählen und dann die Politiker auslosen, sie gut bezahlen, Lobbyismus verbieten. Grundsätzlich nach vier Jahren neu auslosen, damit keiner dem Geldsammeln erliegt oder sich im Hochgefühl für die Reinkarnation einer biblischen Gestalt hält und sich am goldenen Thron festschrauben will. Wenn einer offensichtlich befähigt ist und der Evolution spürbar Raum gibt, sollte man ihm eine zweite oder auch dritte Runde einräumen.

Abschließend ein Zöllner‘scher Ausblick auf 2026, bitte!

Auf jeden Fall sollten wir mehr spinnen und nach einer neuen Inszenierung suchen und nicht alles so spaßfrei zerpflücken – spielerischer, freundlicher. Wettspiel statt Wettstreit. Zuhören, auch dem vermeintlichen Feind. Nicht nur das Negative vermuten, auf das Positive hoffen. Nachdenken. Probieren und auch wieder verwerfen. In Bewegung bleiben, denn Veränderung ist Glück.

Danke Dir für das Gespräch.

Titelbild: Johanna Bergmann/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

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Julia Neigel klagt gegen 2G: Warten auf das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Bautzen

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Vorschau ansehen Die Sängerin Julia Neigel kämpft seit Jahren gegen den Freistaat Sachsen: Ihrer Einschätzung nach war die verordnete Verordnungsverschärfung von 3G auf 2G im November 2021 rechtswidrig. Am 29. Januar fand die mündliche Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht Bautzen statt. Bis zu einer Entscheidung will sich das Gericht noch ein paar Tage Zeit lassen.
(Auszug von RSS-Feed)

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Neuer Trend in Russland: Eine ganz persönliche Geschichte aus dem Hier und Jetzt auf der Bühne

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In diesem Jahr machen in Russland gleich zwei bekannte Schauspielerinnen ihr eigenes Leben zum Thema von Theaterstücken: die Ballerina Anastasija Vinokur [1] und die Schauspielerin Irina Gorbatschowa. Das ist für Russland neu. Mancher wird es nicht glauben, aber die russische Kultur ist offen für Experimente. Sie entwickelt sich weiter. Wenn Schauspielerinnen auf der Bühne über ihren ganz persönlichen Werdegang, über ihre Probleme und Ängste sprechen, könnte man denken, das interessiert die Zuschauer nicht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Irina Gorbatschowa zeigt ihr Stück „Warum ich?“ [2] nicht nur in Moskauer Theatern, sondern auch in der russischen Provinz. Von Ulrich Heyden.

Der Saal in der Konzerthalle von Tula, einer Stadt 300 Kilometer südlich von Moskau, war am 4. Dezember ausverkauft. Die 37 Jahre alte Schauspielerin Irina Gorbatschowa ist unter jüngeren Menschen in Russland bekannt. Die Schauspielerin stand allein auf der Bühne. Sie erzählte – untermalt von Musik – Episoden aus ihrem Leben. Es ging Schlag auf Schlag, fast zwei Stunden, und das ohne Pause. Ein Höhepunkt der Vorstellung war, als Gorbatschowa, eingepackt in eine große Wareniki-Teigtasche mit Kirschen, ein Stück aus einer italienischen Oper sang. Diese Teigtasche strahlte pure Lebensfreude aus. Die Handys wurden gezückt. Es fehlte nur die saure Sahne, mit der die Teigtaschen verspeist werden.


Quelle: Ulrich Heyden

Irina Gorbatschowa ist eine hochgewachsene, schlanke Frau mit Kurzhaarschnitt. Sie hat einen jungenhaften, sportlichen Drive. Ich wartete vergeblich, dass die Schauspielerin mal tief durchatmet und sich sammelt. Aber nein. Es ging im Galopp. Nur, wenn sie sich auf der Bühne mit Hilfe einer Assistentin ein neues Kostüm überstreifte, blieben ein paar Sekunden, um einen Schluck aus einer Wasserflasche zu nehmen. Dieser schnelle Rhythmus, diese Fülle von verschiedenen Lebenssituationen aneinandergereiht, das passt zum Leben der jungen Russen, das sich zwischen Geldverdienen, der Lösung von Problemen und dem Geplapper in sozialen Netzwerken bewegt.

Niemand verließ den Saal. Das Thema „Angst“ und die Erinnerung an die schwierigen 1990er-Jahre gingen unter die Haut. Die Sprache der Schauspielerin war einfach. Es gab keine Anspielungen und keine Doppeldeutigkeiten. Alles wurde direkt beim Namen genannt.

Geboren am Schwarzen Meer, in Mariupol

Schon bei den ersten Worten der Schauspielerin erstarrte ich. Gorbatschowa erzählte, sie sei in Mariupol in einer ganz normalen Plattenbausiedlung aufgewachsen. Mariupol, dieser Name steht nicht nur für eine Hafenstadt am Schwarzen Meer. Man denkt bei dem Namen dieser südlichen Stadt nicht nur an Möwen, Akazien und Aprikosen. Das Wort Mariupol steht auch für eine der schlimmsten Schlachten im Ukraine-Krieg. Dass die junge Frau, die in dieser Stadt geboren wurde, auf der Bühne steht und einen ganzen Saal in Atem hält, war wie ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.

Die erste Szene handelte von der Geburt der Schauspielerin. Diese wurde wie ein Spektakel inszeniert. Unter einem langen Tüllrock zog die Schauspielerin ein rotes Knäuel hervor. Die kleine Irina war geboren! Man hört kein „oh wie süß“ oder „ganz der Mutter ähnlich“, sondern laute Musik.

Als Irina Gorbatschowa 1988 geboren wurde, waren die Zeiten chaotisch. Die Perestroika (Umbau der Gesellschaft) von Michael Gorbatschow hatte leere Regale zur Folge. Die Menschen kämpften ums Überleben. Irinas Vater arbeitete im Stahlwerk Ilitsch. Löhne wurden damals ein halbes Jahr lang nicht gezahlt. Einmal sagte Irinas Mutter zu ihrer Tochter und den beiden Brüdern: „Kinder, ich habe heut nichts zu essen für Euch.“ Darauf sagte Irina, so als wollte sie allen Mut machen: „Wir sind gar nicht hungrig.“ Die Kinder gingen dann zum Spielen auf den Hof. Währenddessen klingelte die Mutter bei verschiedenen Nachbarn und bat um Eier, Mehl, Zucker und Öl. Sie werde das Erbetene bei Gelegenheit zurückgeben, sagte sie. Irgendwann hatte die Mutter dann genug zusammen. Und als die Kinder abends nach Haus kamen, stand auf dem Küchentisch ein großer Teller mit duftenden, in Öl gebackenen Ponschikis, Kringeln aus Teig.

Die erste Bühne war der Hof zwischen den Häusern

Der Hof zwischen den Plattenbauten, in denen sie und ihre Familie wohnten, war die erste Bühne für Irina Gorbatschowa. Hier tanzte und schauspielerte sie spontan vor Kindern und Jugendlichen. Sie erzählte, „die Omas forderten Zugaben“. Das glaubt man Gorbatschowa gerne, denn in der Konzerthalle von Tula sah man, wie die Schauspielerin einen perfekten Breakdance auf die Bühne legte und dabei auch noch sang. Die Worte „motherfucker, motherfucker“ waren zu hören.

Dass sie Schauspielerin wurde, verdanke sie einer Pädagogin in einem Sommerlager, erzählte Gorbatschowa. Die habe ihr gesagt, sie solle fünf Tätigkeiten nennen, die sie mag und mit denen man Geld verdienen kann. Gorbatschowa sagte Tanzen, Komik, Singen, Verkleiden. Darauf sagte die Pädagogin: „Du bist ein Clown!“ Als sie dann später eine Ausbildung als Clown machte, sagte ihr eine Kollegin: „Clown, das ist ein Zustand, als ob jemand einen Mehlsack auf dich geworfen hat.“

Als Schauspielerin muss man auf alles gefasst sein und improvisieren können. Als sie an der Moskauer Schukin-Schauspielschule bei einer Aufnahmeprüfung vortanzen sollte, kam Gorbatschowa in einem roten Adidas-Anzug und tanzte zu klassischer Musik in einer Mischung aus Breakdance und Ballett. Die Prüfungskommission stellte merkwürdige Fragen wie: „Können sie diesen Tanz auch im Rock vorführen?“ „Warum“, fragte Gorbatschowa. „Weil wir dann ihre Beine sehen können“. „Aber sie können doch meine Beine sehen“, sagte Gorbatschowa und zog ihre Hosenbeine stramm.


Quelle: Ulrich Heyden

Als sie dann einen Text vortragen sollte, war sie so im Stress, dass sie den Text vergaß. Schließlich trug sie ihren Lieblingstext vor. Er stammte aus dem Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Da heißt es: ‚Wenn Du einem Erwachsenen sagst, du hast einen neuen Freund, dann interessieren ihn nur Zahlen. Wie alt ist der Freund, wie viele Brüder hat er, was verdient sein Vater? Sie fragen nie, was hat er für eine Stimme, welche Spiele spielt er gerne und mag er gerne Schmetterlinge fangen?‘

Schmiere stehen bei einem Klau

Kann man das russische Publikum mit solchen Alltagsgeschichten, die 30 Jahre zurückliegen, unterhalten? Ja, das kann man. Die Schrecken der Übergangszeit in den wilden Kapitalismus liegen lange genug zurück. Aber diese Zeit hat bei allen Russen Spuren hinterlassen. Jeder kann auf seine Weise stolz sein, dass er die schwierigen 1990er-Jahre überstanden hat. Und jeder denkt heute an diese Zeit zurück.

Wie die meisten russischen Kinder spielten Irina und ihre Brüder auf dem Hof mit anderen Kindern. Die Eltern arbeiteten. Es war eine gefährliche Zeit. Der Geldmangel brachte nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder auf „krumme Gedanken“. Die Brüder planten, in einem Nachbarhaus aus einer Privatwohnung in einem oberen Stockwerk Spielzeug zu klauen. Irina sollte sich vor dem Haus postieren und das Spielzeug einsammeln, welches die Brüder aus dem Fenster werfen wollten.

Die Aktion schlug fehl. Die Räuber wurden von Erwachsenen gestellt. Irinas Vater verpasste seinen unartigen Kindern Schläge mit dem Ledergürtel. Es tat sehr weh, erinnerte sich Gorbatschowa. Weitere Raubzüge veranstalteten die Brüder nicht.

Ergreifend war, wie die Schauspielerin von ihrer ersten Liebe erzählt. Als ein gutaussehender junger Armenier, auf den Irina ein Auge geworfen hatte, ihr sagte, dass er sie gut findet, blieb Irina gefasst. Auf der Bühne spielt sie ihre Stimmung in einer Pantomime nach. Sie krümmt und windet sich, als ob eine Krankheit sie quält. Der Grund: Sie kann es fast nicht glauben, dass dieser Armenier sie gut findet, wurden ihr doch schon viele Jungen, die sie mochte, von anderen Mädchen weggeschnappt.

Der junge Armenier berührte sie dann auf einer Bank das erste Mal mit einem Finger. Auf der Bühne sah man, wie die Schauspielerin den Kampf ihrer Gefühle bei dieser Berührung wortlos in Bewegungen ausdrückte. Gorbatschowa windet sich wie eine Schlange, die von einem Stromschlag getroffen wurde. Auf männliche Zuneigung reagierte sie mit Ungläubigkeit und Scham. Nach dem ersten Kuss – es war gleich ein Zungenkuss – bekam Irina eine Warnung von ihrem Vater. Wenn es vor dem 18. Lebensjahr etwas mit einem Mann gibt, dann werde er sie bestrafen.

Schmerz, der nicht vergeht

Was war der Grund für die Gefühlskämpfe von Irina Gorbatschowa? Im ersten Teil des Stückes taucht an einer Wand unvermittelt das Wort „Bol“ (Schmerz) in großen Buchstaben auf. „Ich habe damals einen sehr großen Schmerz gehabt“, erzählte die Schauspielerin, ohne das Thema weiter auszuführen. Damals war Irina neun Jahre alt. Erst gegen Ende des Stückes kam die Auflösung zum Thema Schmerz.

Gorbatschowa erzählt. Einmal kam die Mutter besoffen nach Hause und sagte besorgt: „Irina, du kannst ja noch nicht mal Kartoffeln schälen.“ Einige Zeit später begleitete Irina – damals neun Jahre alt – ihre Mutter zusammen mit ihren Brüdern zum Zug. Danach hat sie die Mutter nie wieder gesehen. Keiner ihrer Briefe wurde beantwortet.

Nach einigen Monaten kam die Nachricht, dass die Mutter gestorben ist, offenbar an einer Krankheit. Das Grab der Mutter besuchte Gorbatschowa erst, als sie erwachsen war. Vorher hatte die Familie kein Geld für die Reise.

Der Schmerz über den Tod der Mutter steckt der Schauspielerin bis heute in den Knochen. Sie erzählte von einer Masseurin auf der Insel Bali. Die fragte, warum Irina nicht schreit, wenn bei der Massage Schmerzpunkte berührt werden. Auf der Bühne sah man die Schauspielerin, die sich am Boden krümmte und versuchte, zu schreien, was nur mit Mühe gelang.

Irina erzählte, nach dem Tod der Mutter habe sie den Schmerz regelrecht gesucht. Als Jugendliche habe sie sich mit einer Nadel Löcher ins Ohr, die Nase und die Lippen gestochen. Wollte sie ihren Schmerz für alle sichtbar machen, um sich so Erleichterung zu verschaffen? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Geteiltes Leid

Zum Schluss Schauspiels kommt Gorbatschowa auf Jesus zu sprechen. Der habe am Kreuz Schmerzen erlitten, sei gestorben, aber dann wiederauferstanden. Sie resümiert: „Geteiltes Leid lässt sich leichter ertragen, geteilte Freude ist noch schöner.“ Diese Worte wirken wie eine Erleichterung.

Von nun an wurde die Stimme der Schauspielerin ganz normal, so als ob sie einer Freundin etwas erzählt. Sie sagte, dieses Stück habe sie einfach machen müssen. Leben sei die Bühne, die Kollegen und die Freunde. Das sei der Teppich, auf dem sie stehe.

Das Publikum war ergriffen. Es applaudierte stehend und der Schauspielerin wurden viele Blumen überreicht, so wie es in russischen Theatern Sitte ist.

Mit einem Trick hatte die Schauspielerin das Publikum gleich zu Beginn des Stückes auf ihre Seite gezogen. Sie fragte, ob jemand aus dem Parkett auf die Bühne kommen könne. Dann zeigte sie auf eine Dame mittleren Alters in einem lila Pullover. „Wo arbeiten sie“, fragte die Schauspielerin die Dame. „In der ‚Tula-Waffenfabrik‘“, lautete die Antwort. Gorbatschowa bat um Applaus für die Dame. Der Saal antwortete prompt mit rhythmischem, fast begeistertem Klatschen.

Man muss wissen: In der Stadt Tula werden seit der Zarenzeit Waffen hergestellt. Der Sitz der „Tula-Waffenfabrik“ befindet sich direkt gegenüber dem Konzertsaal. Die Ehrung der Zuschauerin auf der Bühne war wie ein gemeinsames Bekenntnis zur Tradition der Stadt.

Irina Gorbatschowa hat in den letzten neun Jahren zahlreiche russische Auszeichnungen für ihre Leistungen als Schauspielerin erhalten, ihre erste bekam sie 2016. Die Aufführung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, aufgeführt von dem Ensemble des Moskauer Theaters Fomenko, wurde als „bestes Schauspiel“ prämiert. Gorbatschowa spielte in dem Stück eine Hauptrolle.

Noch eine Schlussbemerkung: Ich kann mir vorstellen, dass viele Zuschauer den Auftritt von Gorbatschowa als Ermutigung empfanden. Eine Frau aus einer Arbeiterfamilie hat es geschafft, berühmt zu werden, ohne sich dabei an den Massengeschmack anzupassen und Klischees über Frauen zu bedienen.

Titelbild: Irina Gorbatschowa


[«1] Bericht über das Stück von Anastasija Vinokur

[«2] Persönliche Website von Irina Gorbatschowa

(Auszug von RSS-Feed)
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