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„Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.“

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Der Berliner Dirk Zöllner wird nach wie vor eher dem ostdeutschen Publikum ein Begriff sein. Der Sänger, Musiker, Komponist, Buchautor, ein Lebensfroher, Hungriger, Zweifelnder, Nachdenkender ist nach wie vor mit seiner Band „Die Zöllner”, im Duo mit seinem ewigen Freund und Kollegen, dem Pianisten und Sänger André Gensicke, und mit weiteren Projekten vor allem in Ostdeutschland unterwegs. Trotz eines engen Zeitplans hat sich Dirk Zöllner, einer der Erstunterzeichner des Berliner Appells, dennoch die Zeit genommen, um wieder einmal in ein intensives, persönliches Gespräch mit Frank Blenz für die NachDenkSeiten einzutauchen.

Frank Blenz: Hallo Dirk, ich beobachte und erlebe seit Langem Dein Ackern, Deine musikalischen Touren, Dein unermüdliches Machen, Dein verbindendes Tun. Kenne Deine Songs, habe Auftritte erlebt – und diese voller Freude. Nun ist wieder mal Zeit, Dich mit Fragen zu nerven (kleiner Scherz). Ich frage mich: Wie bist Du unterwegs, wie speist sich Dein voller Tourplan, welche Projekte, und welches Publikum erreichen Du und Deine Kollegen damit? Wen willst und kannst Du erreichen, einerseits als Künstler im Bereich populärer Musik, andererseits als Denker und Anstoßgeber? Deine Reisen durch das Land sind sicher für Dich wie das Sammeln von Eindrücken für ein Sittengemälde unserer (ganzen) Republik. Einig. Geteilt. Aufgerieben. Fragezeichen.

Dirk Zöllner: Es sind jetzt tatsächlich knapp über 40 Jahre, dass ich mein Überleben als freischaffender Musiker und Autor bestreite. Dafür bin ich sehr dankbar und darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz. Denn da waren nicht nur Erfolge zu feiern, es gab auch einige Klippen zu umschiffen. Tendenziell ist es für mich aber immer bergauf gegangen, sowohl seelisch als auch finanziell. Ich habe mir ein exquisites Publikum erkämpft – mit über 2.000 Konzerten, etwa 20 Alben, vier Büchern, etlichen Kolumnen und Einmischungen. Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.

Alle meine aktuellen Projekte müssen in erster Linie Spaß machen, denn es handelt sich ja hier um den kostbaren Rest meines Lebens. Möglichst wenig Brechstange. Love & Peace! Und ja, mein Herz schlägt im Osten des Landes, hier sind mir die Menschen vertraut – mit allem Für und Wider. Einen gleichgeschalteten Menschentypus kann ich nicht erkennen, aber es gibt hier verbindende Erfahrungen. Wir haben dieselben Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Aus Helden wurden Unpersonen, aus Feindbildern Ikonen. Und es ist Fakt, dass wir in unserer Bundesrepublik gesamt gesehen eher die Rolle des Kunden als die des Verkäufers einnehmen.

Ich denke an Stichworte wie Krieg und Frieden, Wehrhaftigkeit, „meine Söhne kriegt ihr nicht”, Rüstungswahn Deutschland. Was sagst Du zu den irren Zahlen, dazu, dass der größte Rüstungskonzern in ein paar Jahren in die Top 3 der größten Konzerne weltweit aufsteigen könnte? Dazu kommt noch die herrschende Politik der Alternativlosigkeit. Das schreit doch auch nach Widerstand aus Künstlerkreisen?

Das knüpft recht gut an das an, was ich gerade geäußert habe: Die meisten Menschen aus dem Osten verfügen weder über Ländereien noch über Schlösser, Arbeitsmittel oder gefüllte Truhen – und somit natürlich auch nicht über das Sagen. Drastisch gesagt, gibt es nicht so viel zu verteidigen, außer das nackte Leben der Familie, vor allem das der Kinder.

Das Gauck‘sche oder Merz‘sche Freiheitsmantra erscheint den allermeisten seltsam befremdlich: Freiheit wäre wichtiger als Frieden. Freiheit, die eine Einheit mit gesammeltem Besitz und scharfen Ellenbogen darstellt, mit denen sich aufs Podium gekämpft wurde. „Freiheit, die heilt, ist niemals die gleiche Freiheit wie jene, die Menschen zerbricht“, hat der Poet Henry-Martin Klemt geschrieben. Freiheit ist sehr unterschiedlich definierbar. Die Freiheit von Geld- und Zeitdruck und die Freiheit von Angst ist für viele Menschen wertvoller als diese elitäre Freiheit.

Historiker von Gnaden stoßen artig ins gewünschte Horn und erklären, dass die Menschen aus dem Ostteil des Landes diktaturgeschädigt wären und letztendlich an die Leine wollen. Es wird sich in schlichtester Brutalität über Ängste und Stressgefühle erhoben. Ich habe ja schon erwähnt, wie im Osten gelernt wurde, zu erkennen, dass es der Wahrheiten durchaus verschiedene geben kann. Ich halte das sture Durchboxen der einen für vorsintflutlich. Wir haben die Möglichkeit der allseitigen Information, egozentrische Kriege sind nicht mehr zeitgemäß. Es ist doch idiotisch, dass sich immer noch so viele Menschen für die Interessen der Macht- und Geldmonster benutzen oder sogar verheizen lassen. Brachialkapitalismus im Endstadium. Okay, der Mehrheit ist die Möglichkeit der Flucht nicht gegeben, aber die Mehrheit hätte die Möglichkeit, sich rechtzeitig zu wehren! Und man sollte nach guten Reiseleitern Ausschau halten und nicht irgendwelchen Reiseverführern aufsitzen.

Unsere Regierung ist von gestern, wir brauchen eine Frischzellenkur, integre Galionsfiguren, die sich nicht kaufen lassen, die sich mutig gegen den Sog, gegen diese Abwärtsspirale der Eskalation stellen. Großherzige Friedensvermittler außerhalb der Rüstungslobby, die in der Lage sind, auch die Sichten des Gegners wahrzunehmen. Nicht im Traum würde ich mich von dieser bürokratisch verkrusteten Spießergesellschaft rekrutieren lassen oder ihnen das Leben meiner Kinder anvertrauen.

Ich verstehe aber, dass andere Künstleropas wie Lindenberg, Grönemeyer oder Niedecken die Welt, von der sie so viel erhalten haben, auch verbal verteidigen müssen. Das gebietet die Höflichkeit. Da ist Dankbarkeit. Dass jemand wie Maffay es schafft, trotzdem über den Tellerrand zu gucken, ist eine Ausnahme. Ich spüre, das dieser kleine Mann über ein sehr großes Herz verfügt – eines, in dem es auch noch Platz über das eigene Ego hinaus gibt.

Das zivilisatorische Leben, geht es kaputt? Was beobachtest Du, auch auf Deinen Reisen?

Es sieht tatsächlich so aus, als ob die Evolution gerade eine Pause einlegt oder sogar der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Ich bin aber ein Optimist. Ich begegne auf meinen Touren durch Ostdeutschland nur selten so richtig vernagelten Menschen. Das kann – bei aller Bescheidenheit – auch daran liegen, dass mein Publikum das von mir vorgegebene, kulturell wertvolle Angebot spiegelt. Nein! Jetzt wirklich mal im Ernst: Es ist viel Zorn vorhanden, der aber nicht zur Apathie, sondern eher zur Renitenz führt. Die Menschen erfahren zu wenig Spiegelung bzw. eine von Politik und Medien verzerrte und irrlichternde. In Ermangelung der wahrhaftig gesellschaftspolitischen Präsenz sind sehr viele alternative private Kulturinseln entstanden außerhalb der alten staatlichen Systeme.

Die Bürokratie nimmt jeder Initiative die Luft zum Atmen, der gut gemeinte Rahmen ist zum engen Korsett geworden. Auf dem Weg durch die Instanzen geht zuerst der Spaß, dann das Geld und schließlich der Sinn verloren. Da hat die Alternative für Deutschland ein leichtes Spiel. Der Empörungskatalysator – verbal. Mal sehen, was passiert, wenn der wirklich zum Zuge kommt.

Ein weiterer Gedanke, Du bist ja Berliner, was sagst Du dazu: Berlin, die Hauptstadt der Verwahrlosung. Was ist Dein Befund? Hast Du Vorschläge, den Spieß umzudrehen, endlich wieder an Aufbau, an Renaissance zu denken für eine knorke Hauptstadt?

Ich beschränke das mal auf meinen Stadtteil. Ich lebe im Königreich Köpenick. Hier wurde einiges vernachlässigt, so kleckerweise geflickt, aber im Moment wird überall sehr viel Neues gebaut. Das mag am grandiosen Erfolg des 1. FC Union liegen, der dieser Region natürlich gute Laune und Aufwind beschert. Neue Straßen und Straßenbahngleise, neuer S-Bahnhof, neue Stadtteile, neue Kindergärten und Spielplätze. Auf jeden Fall habe ich hier nicht so sehr das Gefühl der Verwahrlosung. Hier steppt immer noch der Bär! Auf recht natürliche Weise, ohne viel Konfetti und Wunderkerzen. Traurig sind die Touren über die Dörfer und Kleinstädte. Die monströsen Einkaufslager dazwischen und in den Orten selbst meist nicht mal mehr ein Bäcker und eine Kneipe. Das ist echt gruselig, da will man nicht begraben sein.

Deutschland besteht aus Ost und West, immer noch. Was macht der Osten?

Es kann Spaß machen, eine Minderheit zu sein. Aber wir brauchen unsere eigenen Häuptlinge, die uns ermöglichen, die regionalen Tänze auszuleben. Rektoren, Direktoren, Journalisten, Verlage und auch Lokalpolitiker. Die Linke hat da in ihrem Bedürfnis, bei der großen Polonaise dabei zu sein, an Schneid verloren und damit das alternative Druckventil für die emotionale Problembewältigung mitinstalliert. Es ist nun schwer, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern.

Mir fällt eine weitere Partei ein – das BSW – und der kleine Film, in dem Sahra Wagenknecht in die Lüfte geht. Im Hintergrund des kurzen Videos stehen Du und weitere Akteure. Erzähl bitte darüber, was das BSW für Dich bedeutet, was das Bündnis kann, was es braucht, was Du über die Anfeindungen, die Häme usw. sagst.

Ich finde es schade, dass sie sich mit ihren populistischen Spots nun am üblichen Dummenfang beteiligen. Reicht eine kulturvolle und höfliche Bestimmtheit nicht für fünf Prozent? Ich halte sie zumindest wegen ihrer Friedenspolitik für das kleinere Übel und damit für die derzeit einzige wählbare Partei. Momentan geht es ja beim BSW leider vor allem um den Machterhalt, also um die akribische Suche nach den fehlenden „drei“ Stimmen. Nun gut, ich wäre froh, wenn sie gefunden werden. Ich halte diese Partei ziemlich wichtig für das Gesamtspektrum. So, wie die CDU konservative nationale Traditionen vernachlässigt hat, so hat Die Linke – wie schon erwähnt – im Allgemeinen ebenfalls Kontakt zu ihrer eigentlichen Klientel verloren und ihre Grundpfeiler – den Idealismus und Pazifismus – angesägt. Die schweben ebenfalls in dieser realitätsfernen Zwischenwelt, in einem Staat im Staate. Im Kreise der Sahnehäubchen, oben auf der Torte.

Auch das ist Politik, kulturvolle – die Musik tönt bei Dir weiter laut, leise, kraftvoll, unermüdlich stehst Du auf der Bühne. Was steht im neuen Jahr an?

Neben dem Mutterschiff DIE ZÖLLNER, mit dem ich gerade wieder mit Pauken und Trompeten und Volldampf unterwegs war, wird es im kommenden Sommer „Die Zöllner im Trio Infernale“ geben. Hier bringen mein langjähriger Kompagnon, der Pianist André Gensicke, und der Cellist Tobias Unterberg alias b.deutung eher die stilleren Lieder unseres umfangreichen Repertoires zu Gehör. Außerdem gibt es noch „Zöllners Blinde Passagiere“, ein Freundesprojekt mit der großartigen Sängerin Steffi Breiting, mit einem völlig eigenständigen Programm und extra dafür geschriebenen Liedern, davon wird im Herbst ein Album erscheinen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die Kollaboration mit Manuel Schmid, dem Sänger der Stern Combo Meißen, mit dem ich „Die schönsten Balladen aus dem Land vor unserer Zeit” zelebriere. Kunstlieder der Komponisten Franz Bartzsch, Wolfgang Scheffler, Michael Heubach, Holger Biege, Stefan Trepte und vielen anderen. Von Mitte Januar bis Mitte Februar ‘26 geht es auf Tour, und auch hier ist ein neues Album im Gepäck. Zwischen Weihnachten und Silvester arbeite ich an der Fortsetzung der Graphic Novel „Machandeltal“, gemeinsam mit dem Zeichner Jörg Menge. Hier werden wir im kommenden Jahr mit einer multimedialen Lesung unterwegs sein – Wort, Bild und Musik.

Dirk, nochmal sammle ich Stichworte für Dich: mündiger Bürger, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, ungerechte Verteilung, Annäherung West/Ost (ist das überhaupt möglich oder bleibt die latente Teilung?), Altparteien, Stichwort Vertrauen in die Politik zurückholen – mit dem gegenwärtigen Politikerhandeln etwa?

Demokratie kann nur bei sozialer Gerechtigkeit funktionieren. Ich bin sehr für die gerechte Verteilung des ungeheuren Reichtums. Aber als echter Linker kann ich das nicht nur für die eigene Nationalität einfordern, also gerecht verteilter Reichtum im Sonnenstaat, hinter Glas, Beton und Stacheldraht. Man muss vor der eigenen Haustür anfangen, das ist richtig. Dann brauchen die Menschenmassen auch nicht mehr in die umzäunten Billigmastanlagen der betonierten südlichen Gestade transportiert werden, um sich den wohlverdienten Urlaub zu leisten. Jede Gesellschaft ist eine Inszenierung. Ich glaube, wir können das alles irgendwie besser und nachhaltiger. Dazu bedarf es aber auch mehr Talent und Phantasie. Baerbock und Habeck, die wir im Freundeskreis immer liebevoll „Schweini & Poldi“ nannten, fehlte irgendwie die Sensibilität.

Die Politik sollte die Kunst nicht für ihre Zwecke einspannen, sie sollte ihr vielmehr folgen, denn sie ist die einzige evolutionäre Kraft. So hat es Joseph Beuys, einer der Gründungsväter der Grünen, gesagt. Ich glaube das auch, denn unsere Zukunft kann nur im Betreten von neuem Land zu finden sein. Unendliches Wachstum auf unserer endlichen Erde ist totaler Schwachsinn. Wir sollten fähige Leute in große Pools wählen und dann die Politiker auslosen, sie gut bezahlen, Lobbyismus verbieten. Grundsätzlich nach vier Jahren neu auslosen, damit keiner dem Geldsammeln erliegt oder sich im Hochgefühl für die Reinkarnation einer biblischen Gestalt hält und sich am goldenen Thron festschrauben will. Wenn einer offensichtlich befähigt ist und der Evolution spürbar Raum gibt, sollte man ihm eine zweite oder auch dritte Runde einräumen.

Abschließend ein Zöllner‘scher Ausblick auf 2026, bitte!

Auf jeden Fall sollten wir mehr spinnen und nach einer neuen Inszenierung suchen und nicht alles so spaßfrei zerpflücken – spielerischer, freundlicher. Wettspiel statt Wettstreit. Zuhören, auch dem vermeintlichen Feind. Nicht nur das Negative vermuten, auf das Positive hoffen. Nachdenken. Probieren und auch wieder verwerfen. In Bewegung bleiben, denn Veränderung ist Glück.

Danke Dir für das Gespräch.

Titelbild: Johanna Bergmann/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

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NachDenkSeiten-Redakteur Florian Warweg wechselt zur Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung

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Liebe Leserinnen, liebe Leser, einige haben es vielleicht schon erfahren. Unser Redakteur und Parlamentsberichterstatter Florian Warweg wird leider die NachDenkSeiten verlassen und ab Februar als Parlamentsberichterstatter zur neugegründeten Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) wechseln. Im folgenden Beitrag schildert er, wie es zum Wechsel gekommen ist.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich bei der letzten Redaktionsklausur der NachDenkSeiten im Spätsommer 2025 morgens gegen 2 Uhr im Hof eines alten Wasserschlosses in der Südpfalz (Pleisweiler) Tränen lachend und den regionalen Weißwein großzügig nachgießend dachte, mit dem Team kannst du alt werden. Hinter uns lagen drei Tage intensiver Gespräche und Planungen für Ausbau und Weiterentwicklung der NachDenkSeiten, das Ganze begleitet von exzellentem Essen und einer in der Medienbranche durchaus seltenen Art der Solidarität und des Gemeinschaftsgefühls – die Spanier und Latinos haben dafür schon vor längerer Zeit den Begriff „compañerismo“ geprägt.

Einige Wochen später erreichte mich ein Anruf. Holger Friedrich, der Verleger der Berliner Zeitung, war am Telefon. Er würde mich gern für ein neues Projekt, den Aufbau der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ – „Projekt Halle“), als Parlamentsberichterstatter gewinnen. Das Projekt hat sich die ehrgeizige Aufgabe gesetzt, die von westdeutschen Medienkonzernen (Madsack, Bertelsmann, Bauer Media Group) in einer Art Oligopol dominierte Presselandschaft im Osten der Republik aufzumischen. Ich sollte dafür weiterhin die Bundespressekonferenz abdecken und zusätzlich ein Team aufbauen, welches auch die Landespressekonferenzen in den fünf neuen Bundesländern abdeckt und entsprechend kritisch-nachhakend begleitet.

Und was soll ich sagen, der Ossi in mir brannte umgehend für dieses gewagte und anspruchsvolle Projekt. Aber sollte ich dafür die NachDenkSeiten aufgeben, nach all den gemeinsamen Kämpfen (Zugang zur BPK, Diffamierungskampagnen von Libmod, Campact etc.), Zukunftsplänen und dem geschilderten sehr besonderen Redaktionsklima? Ich machte die Anfrage umgehend transparent gegenüber meinen Redaktionskollegen bei den NachDenkSeiten und bat mir entsprechende Bedenkzeit aus.

Ich war über Wochen hin- und hergerissen. Schlussendlich gewann dann der „Abenteurer“ (und Jungpionier) in mir. Wann werde ich nochmal die Möglichkeit haben, in Deutschland ein komplett neues Medienprojekt in dieser Form mitgestalten zu können? Und das mit Fokus auf eine Region, in der bis heute, nach fast 36 Jahren sogenannter „Wiedervereinigung“, noch immer Westdeutsche die Führungspositionen in Medien, Justiz, Verwaltung, Bildungssystem und Politik dominieren und in Folge Vergangenheit wie Gegenwart fast nur aus westdeutscher Sozialisierung und Perspektive betrachtet und erzählt wird. Mit enormen Auswirkungen, gerade auch im medialen Feld. Also folgte ich dann, nach reiflichem Überlegen und Abwägen, dem Motto meiner einstigen Alma Mater: Attempto!

So viel zu meiner Motivation, mich für den Wechsel zur OAZ entschieden zu haben.

Zurück lasse ich rund vier intensive und journalistisch sehr erfüllende Jahre, mit einem sehr besonderen Team und Medienprojekt sowie einer Leser-Blatt-Bindung, die es wohl in dieser Ausgeprägtheit nicht noch einmal gibt in dieser Republik. In fast jeder Großstadt und vielen Mittelstädten Deutschlands gibt es aktive NachDenkSeiten-Gesprächskreise, die mich regelmäßig, mal allein, mal in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, zu Vorträgen einluden. Dank dieser Einladungen hatte ich in den letzten Jahren die Ehre und das Privileg, für Vorträge durch so ziemlich die gesamte Bundesrepublik zu reisen, von Nord nach Süd, von Ost nach West: Egal ob Paderborn, Darmstadt, Stuttgart, Dortmund, Magdeburg, Köln, Düsseldorf, Limburg, Würzburg, Schweinfurt, Hannover, Potsdam, Oldenburg, Wörlitz, Mannheim oder zuletzt in Nürnberg. Überall traf ich auf hochengagierte, politisch interessierte, sozial empathische Menschen, die sich nicht mit dem aktuellen Status Quo abgeben wollen: kämpferisch, aber nicht dogmatisch, angefressen von den gesellschaftlichen Verhältnissen, aber nicht verhärtet oder resigniert. Dieser direkte Kontakt und Austausch mit den Lesern der NDS wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen innehaben. Jene Treffen und Veranstaltungen waren mir auch immer ein wirklicher Kraftquell bei der Rückkehr nach Berlin und in die Welt der BPK. Danke dafür an alle NDS-GKs!

Mein erstmal letzter Vortrag in diesem Rahmen wird am 23. Januar in Frankfurt am Main unter dem Titel „Medien, Macht und Manipulation“ im Saalbau Galus um 19 Uhr stattfinden. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Die Reaktion meiner Redaktionskollegen, inklusive Chefredakteur und Herausgeber, zeigte auch nochmal, aus was für besonderem Holz diese NDS-Mannschaft geschnitzt ist. Niemand machte mir einen Vorwurf, es wurde zwar Bedauern über die Entscheidung geäußert, aber zugleich auch Verständnis für den Schritt kommuniziert und mir zugesichert, dass ich jederzeit wieder willkommen wäre. Danke dafür!

Und ebenso ein großes Dankeschön für diese ganzen unvergesslichen Jahre und besonders auch für die Aufnahme in das Redaktionsteam in jener innen- wie außenpolitisch extrem angespannten Lage im Frühjahr 2022. Diese damals gezeigte Loyalität und aufrechtes Rückgrat werde ich Euch nie vergessen! „Dem Morgenrot entgegen …“

Titelbild: NDS

(Auszug von RSS-Feed)

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Der Osten lässt sich nicht länger erklären – er erklärt sich selbst

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Mehr als 36 Jahre Jahre nach dem Mauerfall ist die ostdeutsche Geschichte in der gesamtdeutschen Wahrnehmung oft eine Leerstelle oder verschwindet unter westlichen Deutungsmustern. Doch die Veranstaltung „Der Osten redet Tacheles“ im Berliner Pfefferberg-Theater setzte ein klares Zeichen: Die Rückeroberung der eigenen Geschichte ist kein Akt der Nostalgie, sondern eine politische Notwendigkeit. Von der Kritik an einer „missionarischen“ West-Mentalität bis hin zur Analyse des politischen Vakuums, das heute die AfD füllt – Éva Péli berichtet über eine Debatte, die die Suche nach der eigenen Erzählung in den Fokus rückte.

„Gemeinschaft ist etwas, das der Osten dem Westen voraushat – sowohl in der gelebten Praxis als auch im Wissen darum.“

Mit diesen Worten setzte der Songpoet Tino Eisbrenner einen zentralen Akzent. Für Eisbrenner ist diese Gemeinschaft jedoch kein Selbstzweck, sondern die Basis für einen größeren Prozess: die Rückeroberung der Deutungshoheit über die eigene Geschichte. Dabei gab er sich realistisch: Vielleicht sei man noch gar nicht an dem Punkt, dem Westen zu erklären, wie alles ohne ihn verlaufen wäre. „Vielleicht“, so Eisbrenner, „sind wir erst an dem Punkt, an dem der Osten anfängt, sich seine Geschichte erst einmal selbst zu erzählen.“

Diesem Ziel widmete sich die Podiumsdiskussion am 8. Januar 2026 im Berliner Pfefferberg-Theater, organisiert vom Kulturkreis Pankow. Moderiert von Tilo Gräser (Journalist bei Hintergrund und Transition News) debattierte eine illustre Runde über ein Thema, das auch mehr als 36 Jahre nach dem sogenannten Mauerfall nichts an Brisanz verloren hat. Die Diskussion legte offen, dass die „Einheit“ für viele Teilnehmer ein bloßes Konstrukt bleibt, hinter dem tiefe Brüche in den Biografien klaffen.

Ein Podium der Widerständigen

Auf dem Podium prallten kürzlich Perspektiven aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die doch ein gemeinsames Zentrum hatten: Die Frage nach der Würde der eigenen Biografie.

Es war eine Runde, die sich der einfachen Einordnung entzog. Da ist Tino Eisbrenner, Jahrgang 1962, der das Kunststück vollbracht hat, seinen Status als DDR-Popstar mit der Band Jessica nicht als bloßes Relikt der Vergangenheit zu betrachten, sondern als Fundament einer heutigen, grenzüberschreitenden Friedensarbeit. Wenn Eisbrenner von seinen Auftritten in Russland erzählt oder über die Auszeichnung beim Wettbewerb „Dorogi na Jaltu“ spricht, dann schwingt dort kein blinder Enthusiasmus mit, sondern ein tief verwurzelter, kritischer Blick – sowohl auf die heutige Gesellschaft als auch auf die Defizite des Ostens selbst.

Auf dem Podium saß ebenfalls Tobias Morgenstern, ein Musiker, dessen Akkordeonspiel oft als poetisches Ereignis beschrieben wird. Er ist einer, der das anfangs für ihn vorgesehene Bundesverdienstkreuz nicht erhalten hat – wegen kritischer Aussagen in der Corona-Krise. Das sagt vielleicht mehr über die Vergabepraxis als über seine Leistung aus. Schon in der DDR war er jemand, der nicht schwieg, wenn ihm etwas „gegen den Strich ging“ – eine Haltung, die er sich bis heute bewahrt hat.

Die Schauspielerin und Regisseurin Anja Panse ergänzte diese künstlerische Front um die Komponente des Theaters. Mit ihrem Ensemble „Triple A“ kämpft sie für eine Form des Ausdrucks, die sich nicht verbiegen lässt. Für sie, wie für die anderen im Osten Sozialisierten, war der Abend ein Pochen auf die „authentische Erfahrung“ – ein Begriff, der in Talkshows oft als sentimentale Ostalgie abgetan wird, hier jedoch als harte Währung der Identität fungierte.

Interessant wurde es durch die Perspektiven von außen oder – besser gesagt – aus dem Westen. Hans-Christian Lange, ein ehemaliger Kanzleramtsberater und Manager aus der alten Bundesrepublik, berichtete von seinem „Seitenwechsel“. Sein Weg führte ihn aus den Korridoren der Macht zur Mitbegründung der Bewegung „Aufstehen“ und der Gewerkschaft „Social Peace“. Lange ist einer, der das Vertrauen in die etablierte Politik verloren hat, nicht aus Ressentiment, sondern aus intimer Kenntnis der Strukturen. Sein Blick auf den Osten ist der eines Verbündeten, der die sozialen Verwerfungen der Leiharbeit und der politischen Entfremdung aus erster Hand kennt.

Als intellektuelles Gegenüber fungierte Alexander Grau. Der Publizist und Philosoph, der die bekannte Kolumne „Grauzone“ im Cicero verantwortet, übernahm bereitwillig die Rolle des „Westphilosophen“. Er brachte die notwendige Reibung in die Runde, indem er die Frage aufwarf, ob die ostdeutsche Identitätssuche nicht Gefahr laufe, in einer „melancholischen Selbstvergewisserung“ zu erstarren.

Die Veranstaltung unterstrich: Die Rückeroberung der Souveränität über die eigene Erzählung ist weniger ein Kampf gegen den Westen als vielmehr ein notwendiger Dialog des Ostens mit sich selbst.

Konstrukt oder Tradition?

Bereits die Einstiegsfrage, „Was ist das, der Osten?“, riss tiefe weltanschauliche Gräben auf. Während Anja Panse den Osten primär als einen Raum definiert, den spezifische Sozialisation und Nachwende-Erfahrungen prägen, betrachtet Alexander Grau ihn als künstliches Produkt der Nachkriegszeit. Da die nationale Identität nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 diskreditiert war, hätten die Menschen in den Besatzungszonen die jeweilige Ideologie als Ersatz-Identität adaptiert.

Laut Grau entstand im Osten das Gefühl: „Wir sind das überlegene, sozialistische Deutschland – vielleicht ärmer, aber solidarischer und mit mehr Gemeinschaftsgefühl.“ Dies habe im direkten Kontrast zum Bild des „kalten, liberalistischen Ellenbogen-Westens“ gestanden. Umgekehrt pflegte der Westen das Selbstbild des Progressiven und Freiheitlichen. Dass diese Gegensätze selbst heute noch immer wirken, bezeichnet Grau als „höchst interessant“.

Dem widersprach Tino Eisbrenner vehement. Er sah im Osten kein künstliches Konstrukt ab 1945, sondern die Fortführung einer tiefen humanistischen und antifaschistischen Tradition, die sich auch auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bezieht. Der Osten sei keinesfalls das bloße Resultat einer Besatzung: „Das war keine übergestülpte Geschichte.“ Vielmehr habe dort die gelebte Überzeugung geherrscht, dass eine Alternative zum Kapitalismus historisch gewollt und möglich war.

Hans-Christian Lange vertrat hingegen die These, dass erst die Diskriminierung durch den Westen den Osten zu einer Einheit zusammengeschweißt habe. Er verwies auf Hannah Arendts Begriff der „negativen Solidarität“, die durch äußeren Druck entstehe. Lange stellte kritisch fest: „Wir erleben heute große Solidarität mit anderen, aber immer noch ein Befremden gegenüber den Bürgern der neuen Bundesländer.“

Wer erzählt unsere Geschichte?

Bei der Frage nach der Souveränität über die eigene Erzählung stützte sich Anja Panse auf ein Mosaik aus über 60 Interviews. Ob Republikflüchtling oder Angepasster – ein Gefühl einte alle: „Die Wahrnehmung, dass die ostdeutsche Sicht in Gesamtdeutschland nicht gehört wird.“ Panse sieht die Geschichte vor allem durch eine „Dehistorisierung“ im Bildungssystem bedroht. Mit Kunst und authentischen Figuren in ihrem Theaterstück „Im Osten – Geschichten aus der Sonderzone“ versucht sie, diese Geschichte zu bewahren.

Tino Eisbrenner forderte, dass der Osten aufhören müsse, sich seine Biografie von außen erklären zu lassen. Gleichwohl räumte er ein, dass viele Ostdeutsche ihre Lebensläufe „frisierten“, um im westlichen System eine Chance auf den „American Way of Life“ zu haben. Er verschweigt auch die Schattenseiten nicht: Täter, die bei der wirtschaftlichen Abwicklung halfen oder SED-Gelder verschwinden ließen. Dennoch bleibe die „faktische Kolonialisierung“ – das herablassende „Wir erklären euch jetzt, wie es läuft“ – eine Erfahrung, die tiefe Wunden hinterließ.

Der Philosoph Alexander Grau betonte, dass das Ost-West-Bild viel älter sei als der Zweite Weltkrieg. Schon im Kaiserreich hätten kulturelle Stereotypen existiert: Ein Rheinländer blickte nicht unbedingt mit Hochachtung auf einen Pommern. Konrad Adenauer habe einst gespottet, hinter Kassel beginne die Walachei. Wer am Rhein geboren ist und nach Frankreich blickt, habe eine andere Perspektive als jemand, der nach Sachsen schaut.

Grau analysierte das Auftreten der Westdeutschen nach 1989 mit einem provokanten Vergleich: Viele Westdeutsche seien keineswegs in böser Absicht, sondern mit einer „missionarischen“ Haltung in den Osten gekommen – vergleichbar mit dem globalen Agieren der USA heute. Fest davon überzeugt, das überlegene Weltbild im Gepäck zu haben, seien sie auf einen Widerstand gestoßen, den der Westen nicht verstanden habe.

Diese Konfrontation führte laut Grau zu tiefen Ressentiments auf beiden Seiten. Dennoch distanzierte er sich von der Suche nach einer kollektiven Erzählung. Als Individualist benötige er keine regionalen „Sammelgeschichten“ – eine Position, die im krassen Gegensatz zum Bedürfnis der anderen Diskutanten nach einer gemeinsamen Identität stand.

Laut Grau gleiche Deutschland seit 100 Jahren einer „kollektiven Therapiegruppe“, die sich in permanenter Selbstbefragung verliere. Interessanterweise sah er auch den Westen als Verlierer einer liebgewonnenen Stabilität: In den 1980er-Jahren hätten viele Westdeutsche die Wiedervereinigung innerlich abgeschrieben. Die plötzliche Wende 1989 sei daher für viele Westdeutsche nicht nur eine Freude, sondern eine mühsame Rückkehr der Geschichte gewesen. Das Ergebnis: beidseitige kulturelle Frustration.

Keine Therapiegruppe: Die verpasste Chance der Aufarbeitung

Tino Eisbrenner widersprach Graus Analyse der „Therapiegruppe“ entschieden und rückte die emotionale Notwendigkeit der Aufarbeitung in den Fokus. Für ihn ist die ständige Selbstbefragung kein Zeichen von Schwäche, sondern eine verpasste Chance der Nachwendezeit.

Der Songpoet hielt gegen Graus Ironie fest: Das Problem sei nicht, dass die Deutschen sich zu viel hinterfragen, sondern dass sie es nicht aufrichtig getan hätten. Er warf dem Westen vor, nach 1945 viele Aspekte der eigenen Geschichte unter den Teppich gekehrt zu haben. Dem Osten wiederum habe man nach 1990 die Chance auf eine echte Selbsthinterfragung genommen. Man habe die Biografien einfach abgewickelt, statt sie auszuwerten.

Aus diesem Mangel an echter Kommunikation resultiert für Eisbrenner die aktuelle Blockade: „Wir stecken fest.“ Er beobachtet eine gefährliche Entwicklung: Weil der Osten sich nicht gehört fühlt, entwickle er nun eine eigene Arroganz. Das äußere sich in dem Satz: „Wir wissen mehr als ihr, weil wir zwei Systeme erlebt haben.“ Er sieht die Kultur als den entscheidenden Raum, in dem Gemeinschaft entsteht und in dem man den Mut findet, einen eigenen Blick auf die Vergangenheit zu werfen – fernab von westlichen Deutungsmustern.

Abrechnung mit der Elite: Von BlackRock zu Friedrich Merz

Hans-Christian Lange verknüpfte die ostdeutsche Interpretationshoheit unmittelbar mit dem Zustand der bundesrepublikanischen Führungsklasse. Er sieht die „West-Eliten im Abstieg begriffen“ und forderte mehr „Köpfe, die dagegenhalten“. Die Deutungshoheit sei kein Geschenk, sondern eine Chance, die der Osten jetzt aktiv ergreifen müsse.

Besonders scharf ins Visier nahm Lange Bundeskanzler Friedrich Merz. Er zog eine direkte Linie zwischen dessen früherer Tätigkeit für den Finanzgiganten BlackRock und der gegenwärtigen wirtschaftlichen Misere. Für Lange ist Merz’ berufliche Prägung beim weltweit größten Vermögensverwalter das „Stichwort für Deindustrialisierung“: Sein gelerntes Handwerk bestehe im ‚Zerlegen und Verhökern‘, was nun die industrielle Substanz Deutschlands substanziell gefährde.

Diese ökonomische Kritik mündet bei Lange in einer tiefen Sorge um die demokratische Legitimität. Er warnte vor einer Entwicklung, die das gesamte System delegitimieren könnte: „Wenn sich herausstellen sollte, dass Wahlen nicht korrekt liefen, delegitimiert das ganze System.“ Er zog eine historische Parallele zum Ende der DDR: So wie der wirtschaftliche Niedergang einst das System Honecker zu Fall brachte, sieht er heute in Berlin eine fatale Konstellation aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und eingeschränkter Meinungsfreiheit, die einen „Regiewechsel absehbar“ mache.

Kultur als Inseln der Eigenständigkeit

Für Tino Eisbrenner ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte die notwendige Basis, um handlungsfähig zu werden. Kultur schaffe den Raum, in dem Gemeinschaft wächst und in dem man den Mut für einen „eigenen Blick auf die Vergangenheit“ findet.

Tobias Morgenstern positionierte die Kultur als expliziten Gegenentwurf zum westlich geprägten „Kulturbetrieb“. Für ihn ist Kunst ein „Instrument zur Selbstermächtigung und zum Widerstand gegen eine als fremdbestimmt empfundene Geschichte“. Morgenstern lobte die Qualität der DDR-Ausbildung an Musik- und Balletthochschulen, die fundierter und „weniger amerikanisiert“ gewesen sei. Ost-Künstler verfügten über ein Studium, das ihnen eine eigene künstlerische Sprache ermöglichte, während West-Künstler oft nur Workshops besuchten.

Provokant stellte Morgenstern fest, dass es ihm in der DDR trotz politischer Hürden leichter gefallen sei, gesellschaftliche Visionen zu entwickeln. Heute hingegen empfinde er den Druck des „oligarchischen Kapitalismus“ als lähmender. Er lehnt das Wort „Einheit“ ab und spricht stattdessen von „Verkoppelung“ oder „Anschluss“. Seine Lösung liegt in autarken Gemeinschaften – „Inseln der Eigenständigkeit“. Deutungshoheit bedeute, im Kleinen zu entscheiden: „Wir machen das für uns anders.“

Das politische Vakuum und die AfD

Die Debatte auf dem Podium drehte sich auch um die Frage, warum die „Westpartei“ AfD die einzige politische Kraft zu sein scheint, die sich um den Osten kümmert, was einst die PDS stark gemacht habe. Ihr Erfolg im Osten wurde primär als Symptom eines tiefgreifenden politischen Vakuums gesehen. Tobias Morgenstern bezeichnete die Partei in diesem Zusammenhang als das direkte „Resultat der Ignoranz der anderen Parteien“. Er argumentierte, dass ein Raum entstanden sei, den nun die AfD besetze, weil die etablierten Kräfte die spezifischen Sorgen des Ostens konsequent ausklammern würden.

Hans-Christian Lange untermauerte diese Beobachtung mit dem Begriff der „kulturellen Hegemonie“. Er analysierte, dass die Partei es verstanden habe, eigene Medien und Netzwerke aufzubauen, während die sogenannte „Lifestyle-Linke“ den Bezug zu den materiellen Sorgen der Menschen verloren habe. Alexander Grau sah das Kernproblem hingegen in einem historischen Versäumnis: Demnach ist es nicht gelungen, eine ostdeutsche Regionalpartei nach dem Vorbild der bayerischen CSU zu gründen. Da dieses Zeitfenster nun endgültig geschlossen sei, fungiere die AfD als Besetzer dieses Vakuums.

Flankiert wurde diese Analyse von einer fundamentalen Demokratieskepsis, die sowohl Anja Panse als auch Tino Eisbrenner artikulierten. Panse gab offen an, nicht mehr von der parlamentarischen Demokratie überzeugt zu sein, da Wahlversprechen ihrer Erfahrung nach folgenlos gebrochen würden. Die Debatte schloss mit der gemeinsamen Erkenntnis, dass zwar keiner der Teilnehmer die AfD als inhaltliche Lösung betrachte, man sie jedoch als die einzige Kraft anerkennen müsse, die den Osten derzeit als „politisches Kampffeld ernst nimmt“.

Expertise der Systembrüche: Ein Ausblick

Der Abend verdeutlichte einen grundlegenden Perspektivwechsel: Der Osten begreift sich nicht länger als defizitäres Anhängsel oder als korrekturbedürftige Variante des Westens. Er tritt stattdessen als eigenständiger Akteur auf, der eine spezifische, durch Systembrüche geschärfte Expertise in den gesamtdeutschen Diskurs einbringt. Gerade in der aktuellen Krise der Bundesrepublik bietet diese Krisenerfahrung eine wertvolle Ressource.

Das Resümee der Veranstaltung ist politisch wegweisend: In der gegenwärtigen Instabilität liegt für den Osten die Chance, die Defensive endgültig zu verlassen. Wenn es gelingt, entsteht daraus kein neuer Separatismus, sondern die notwendige Basis für eine echte Begegnung auf Augenhöhe.

Deutungshoheit bedeutet im Sinne dieser Runde vor allem eines: Die eigene Biografie nicht länger fremdbestimmen zu lassen. Sie fungiert nicht mehr als Beleg für ein „Scheitern“, sondern als Fundament, um die Zukunft aktiv und kritisch mitzugestalten. Es geht nicht um Jammern, sondern um die Behauptung von Erfahrungswissen gegenüber einer politischen Realität, die dieses Wissen allzu oft ignoriert hat. Wer diese Souveränität gewinnt, braucht keinen Vormund mehr – weder für die Deutung der Vergangenheit noch für die Gestaltung der kommenden Auseinandersetzungen.

Titelbild: Éva Péli

(Auszug von RSS-Feed)

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Gier: Ein Konzern wütet in Erfurt – Politiker schnappatmend und machtlos, Arbeiter werden entlassen und verhöhnt

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Wie soziale Marktwirtschaft nicht funktioniert, aber Raubtierkapitalismus, dem kein Einhalt geboten wird, zeigt auf beklemmende Weise ein aktuelles Beispiel aus Ostdeutschland: Zalando, ein europaweit aufgestellter Online-Modehändler, macht kurzen Prozess. Der Konzern schließt in diesem Jahr 2026 seinen einzigen ostdeutschen Standort, das Logistikzentrum in Erfurt. Die Unternehmensentscheidung wird eiskalt mit Neuausrichtung und Modernisierung begründet. Dem nicht genug: 2.700 Mitarbeiter in Thüringen werden geradezu verhöhnt. Kein Wort findet sich zur eigentlichen Motivation: unstillbare Gier und noch mehr Profit für ein erfolgreiches Unternehmen. Die Bosse jubelten schon im alten Jahr über kräftige Effizienzgewinne. Sie raten den überflüssig gewordenen Erfurtern, doch umzuziehen, nach Westdeutschland. Dort braucht der Konzern für das neue Logistikzentrum Gießen (Hessen) möglicherweise auch ein paar fleißige Ost-„Zalandos“ für noch mehr Ertrag. Was für ein Zynismus. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Übler Schlag plus Zynismus gegen 2.700 Arbeiter, ihre Familien, ihre Stadt, ihre Region

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten für ein großes, erfolgreiches Unternehmen. Sie sind kompetent, fleißig und motiviert. Sie sorgen für ordentlich Umsatz und konstant dafür, dass die Bosse auf tiefschwarze Zahlen blicken können. Und doch flattert Ihnen und Ihren Kollegen plötzlich diese Nachricht auf den Tisch: Danke, aber Dein Werk macht dicht und Du bist draußen. In Erfurt in Thüringen erleben gerade 2.700 Menschen, Mitarbeiter im Zalando-Logistikzentrum, diesen „Das darf doch nicht wahr sein“-Albtraum. Die Mitarbeiter sind dabei völlig machtlos. Sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das geschieht in einer Weise, die, wie ich finde, an Zynismus nicht zu übertreffen ist, fassungslos machend nachzulesen auf der Webseite des Konzerns.

In den folgenden Zeilen ist von Stärkung, Attraktivität, von der Schaffung deutlichen Mehrwerts und von Hilfe für Zalando, eine weitere Beschleunigung seines Wachstums zu erzielen, die Rede. Bla bla bla. Kurz gesagt: Die wollen einfach noch mehr Profit. Von Menschen ist keine Rede, mit Ausnahme der Kunden und Partner. Verpackt wird das Ganze in eine Wortwahl, die ich als pure Verachtung lese:

Zalando gestaltet sein europaweites Logistiknetzwerk aktiv neu, um seine Position im europäischen Mode- und Lifestyle-Markt weiter zu stärken. Durch die Neuaufstellung können wir unseren Kund*innen und Partnern auch in Zukunft erstklassigen Service zu attraktiven Konditionen anbieten. Damit schaffen wir für sie einen deutlichen Mehrwert und helfen Zalando, sein Wachstum in den kommenden Jahren weiter zu beschleunigen.
(Quelle: Zalando)

Tja, einfach klar unternehmerisch handeln die Zalandos, sagen sicher Experten kühl und nüchtern. Doch wo bleiben unternehmerische Verantwortung, Miteinander, Achtung der Arbeitnehmerschaft, der Respekt für die Menschen der Region, die Wahrung von Fairness? Allein die öffentliche Förderung und Subventionierung von Zalando in Thüringen brachte dem profitablen Konzern Millionen Euro extra ein … Trotzdem haben die Zalandos einen anderen Plan entwickelt, voller Superlative, das Beste, das Effizienteste …:

Wir streben in allen Bereichen stets nach den besten und effizientesten Strukturen, um die sich uns bietenden Marktchancen optimal zu nutzen. In den vergangenen Monaten haben wir unser europaweites Logistiknetzwerk gründlich überprüft und einen Plan entwickelt, um unsere Logistikkapazitäten im gemeinsamen Netzwerk von Zalando und ABOUT YOU bedarfsgerecht auszurichten und uns zukunftssicher aufzustellen.
(Quelle: Zalando)

Diese „Entscheidung“ der Bosse, dieser „Plan“, richtigerweise das Plattmachen und Kassemachen des Standortes Erfurt, ist eine weit über wirtschaftliche Ziele hinausgehende – sie ist eine grundtief asoziale, zum schweren Schaden der Arbeiter des Unternehmens, die offenbart, dass Kapitalismus genauso wütet, wenn die Politik nicht eingreift, wenn sie durchwinkt und, mehr noch, die Interessen der Arbeitnehmer missachtet, wenn Arbeitnehmervertreter nicht gestärkt werden, wenn die Medien bei dem Spiel mitmachen. Ich denke da beispielsweise auch an eine andere gierige Firma, Tesla, an das damals mit viel Beifall begleitete Ausrollen roter Teppiche für den übermächtig scheinenden Konzern. Wenn die Bosse aber machen können, was sie wollen, wie hier nun wieder Zalando, dann erfahren ohnmächtige Politiker von „schwierigen“, aber „notwendigen“ Entscheidungen, die nicht zum Wohl der Arbeitnehmerschaft getroffen werden:

Dabei haben wir die schwierige, aber notwendige Entscheidung getroffen, unser Logistikzentrum in Erfurt bis Ende September 2026 zu schließen.
(Quelle: Zalando)

Notwendig? Nein – Zalando ist sehr profitabel

Bodo Ramelow, der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, bekam Schnappatmung, als er die schlechten Neuigkeiten aus seiner Landeshauptstadt Erfurt erfuhr. „Raubtierkapitalismus“, empörte der Pensionär sich.

Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung, säuselte eine butterweiche Protestnote via Instragram in die Öffentlichkeit. Zumindest warnte sie die potenziellen neuen „Zalandos“ am künftigen Standort Gießen (Hessen), dass sie ihre Arbeitnehmerrechte schneller wahren sollten als einst die Kollegen in Thüringen.

Schließlich beklagte Andreas Horn, Oberbürgermeister Erfurts, dass der Zalando-Plan nicht nur eine traurige Nachricht für Erfurt und Thüringen, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland sei.

Die Zalando-Bosse haben sicher Verständnis für den Ärger der Politiker, doch denken sie halt größer. Und zwar so: Europas größter Online-Modehändler Zalando hat zur Freude der Führungsetage auch 2025 Umsatz und Gewinn gesteigert und bleibt weiter ehrgeizig, Pardon, gierig. Hier ein Zitat aus der Zeitung Junge Welt:

Das Bruttowarenvolumen (GMV) stieg um fünf Prozent auf 4,1 Milliarden Euro und der Umsatz um 7,3 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, wie der Internetversandhändler am Dienstag mitteilte. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) wuchs auf 186 (172) Millionen Euro, was einer stabilen Marge von 6,5 Prozent entsprach.

Erstmals gab Zalando eine Prognose für das Geschäftsjahr 2025 ab: Demnach wird für 2025 ein Umsatz zwischen 12,1 und 12,4 Milliarden Euro erwartet, das bereinigte EBIT soll 550 bis 600 Millionen Euro erreichen. »Diese Steigerung resultiert aus Zalandos starker Performance im ersten Halbjahr«, hieß es. Zalando erwarte weitere Effizienzgewinne bei den Kosten sowie erste Synergien. Was das bedeutet, wurde im April klar: Die Zalando-Bosse hatten alle rund 450 Beschäftigten der drei internen Kundenservicegesellschaften entlassen. Die Entscheidung sei »Teil einer Umstrukturierung zur Effizienzsteigerung« gewesen. (Reuters/jW)

Erfurt war das erste Logistikzentrum Zalandos und hat nun seine Schuldigkeit getan?

Das Jahr 2025 ist für Zalando Geschichte, die Bilanz blendend, allein, da geht halt noch und weiterhin was. Erfurt war seit 2012 das erste Logistikzentrum des Online-Modehändlers. Es soll nun ersatzlos weichen. In Gießen entsteht das neueste, modernste Logistikzentrum. Und ein Zalando-Chef macht sogar den Erfurtern etwas Hoffnung in dem miesen Spiel. In der Gießener Allgemeinen findet sich dazu:

Zalando-Co-Chef David Schröter erklärte im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dass es Ziel sei, dass möglichst viele Mitarbeiter aus Erfurt einen neuen Job finden – „beispielsweise am Zalando-Standort in Gießen“, der sich noch im Aufbau befinde. Laut Frohnmayer habe sich für Gießen auch an der geplanten Mitarbeiterzahl nichts geändert. „Dort werden bis zu 1700 Menschen arbeiten. Es ist aber unklar, wann diese Zahl erreicht wird. Zunächst werden wir mit ein paar Hundert Mitarbeitern starten.“ Stellen sind derzeit bereits ausgeschrieben.

Nebenbemerkung zu Schröter: Gießen ist von Erfurt 225 Kilometer entfernt, was für etwaige Pendler eine Fahrzeit von zwei Stunden 40 Minuten bedeuten würde. Oder meint der Zalando-Boss, dann sollen sie halt umziehen?

Entlarvendes PR-Deutsch auf der Webseite des Konzerns

Zalando-Vize Schröter und die anderen Bosse verkaufen ihre Unternehmensasozialität noch als ehrbares Handeln, lassen Erklärungen veröffentlichen, die unter der Gürtellinie sind:

Wir haben diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Wir sind allen betroffenen Mitarbeiter*innen für ihren Beitrag außerordentlich dankbar und bedauern zutiefst die Auswirkungen, die diese Entscheidung auf unsere Kolleg*innen haben wird.

Wir legen größten Wert auf ein faires und respektvolles Vorgehen. In Erfurt setzen wir als Arbeitgeber auf einen offenen Dialog mit unseren Mitarbeiter*innen, ihren Vertretern sowie allen relevanten Partnern. Wir werden Verhandlungen mit dem Erfurter Betriebsrat über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan aufnehmen. Gemeinsam mit externen Expert*innen haben wir ein umfassendes Unterstützungsangebot entwickelt, um unsere Mitarbeiter*innen bei diesem Prozess mit Integrität und Mitgefühl zu begleiten.
(Quelle: Zalando)

Bosse: „Danke, Ihr dummen Zalandos“ – aber wir ziehen jetzt weiter

Die Zeilen lese ich für mich übersetzt so: Die Bosse sagen: „Danke, Ihr dummen Zalandos, aber wir ziehen jetzt mal weiter.“ Zuvor setzen sie dem Zynismus noch die Krone auf:

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hat das hoch engagierte Team von rund 2.700 Zalandos in Erfurt einen wesentlichen Beitrag zu unserem Unternehmenserfolg geleistet und den Grundstein für unser heutiges Logistiknetzwerk gelegt. Wir fühlen uns mit Erfurt und der Region verbunden und werden mit lokalen Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, um gemeinsam zu versuchen, die Auswirkungen zu mindern.
(Quelle: Zalando)

Titelbild: David Peperkamp/shutterstock.com

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Statt Eisenbahnwaggons ab jetzt Panzer: Das ist nicht zukunftsweisend!

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Wohin das Auge blickt, die zivile Wirtschaft wird in eine Kriegswirtschaft verwandelt. Das Drama wird dem Volk als alternativlos und wirtschaftlich sinnvoll verkauft. Mit Autos, Waggons oder Radiogeräten werde halt viel weniger Geld verdient als mit Panzern und Komponenten für die Rüstung. Arbeitsplätze würden geschaffen – wie im sächsischen Görlitz. Dort beginnt nach Regie bellizistischen Wahnsinns eine neue Zeit. Zeitenwende eben. Nach 175 Jahren schließt der Waggonbau Görlitz. Verkauft an den deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS, wird dieser ein Ort der Panzerproduktion. Erste Rüstungsgüter wurden produziert. Künftig werden statt Eisenbahnwaggons Teile für den Kampfpanzer Leopard 2, den Schützenpanzer Puma, den Radpanzer Boxer hergestellt – was für Zeiten. Zukunftsweisende nicht! Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Freut sich der Ministerpräsident?

Ob sich der sächsische Ministerpräsident gefreut hat, als er von der Nachricht über den Start der Panzerteile-Produktion in der Oberlausitzer Region erfuhr? Müsste er, gehört er doch zu den Entscheidungsträgern für das Wohlergehen der Ostdeutschen. Er und seine Ost-Kollegen hatten sich vor Kurzem extra in einem Schloss mit der Bundesregierung getroffen und vorgetragen, dass der Osten vom bundesdeutschen Höhenflug der Aufrüstung und der opulenten Aufträge ein Stück abbekommen müsse. Davon blieb der Osten bisher ausgeschlossen, so die Kritik. Der Umbau in Richtung Wehrhaftigkeit kommt nun endlich in die Gänge, wird Sachsens Landesvater sich vielleicht denken. Anderes wäre aber mutig und richtig, meine ich: von Rüstungsaufträgen zu lassen und vom Wahnsinn Aufrüstung. Doch davon spricht keiner, der etwas zu sagen hat im Land. Was wäre das für ein Signal, sperrten sich Ost-Ministerpräsidenten, Ostbeauftragte und Ostbürger massiv gegen den Wahnsinn? Doch so?

Eisenbahnwaggons sind Wertschöpfung, Panzer auch?

Dieses Beispiel steht nicht allein, es gibt ihrer viele im Land: Nach 175 Jahren schließt mit dem Waggonbau Görlitz ein bekannter und berühmter Industriestandort ziviler Produktion. Generationen haben hier Produkte geschaffen, die in aller Welt zum Einsatz kamen. Waggons für Schnellzüge, Doppelstockwagen und so weiter. Dass das stets leistungsfähige Werk im Osten des Landes jetzt zu einer „Waffenschmiede“ gemacht wird, ist meiner Beobachtung nach über Jahre durch zerstörerische Unternehmensentscheidungen strategisch geradezu heraufbeschworen worden. Die wechselnden West-Eigentümer hatten immer anderes vor, als den Standort, die Menschen zu achten – von wegen Eigentum verpflichtet, von wegen Unternehmerehre. Bombardier und Alstom zerlegten das Werk, die Tradition, sie verachteten die Beschäftigten. Die verzichteten auf Lohnansprüche, auf Urlaubsgeld. Alstom hatte jedoch einzig vor, Kasse zu machen. Nach und nach wurde der Waggonbau Görlitz, wie es böse heißt, „abgewickelt“. Der Verkauf an KNDS wurde zum finalen Akt, der den Görlitzern als ein zukunftsweisender angepriesen wird. Doch Panzer zu bauen, ist keine Wertschöpfung. Waggons schon, waren und sind sie doch Transportmittel für Menschen, überall auf der Erde bringen sie Menschen ans Ziel. Panzer dagegen?

Gerade wird geworben, dass KNDS Jobs schaffe und plane, einige Hundert Görlitzer der verbliebenen Gesamtbelegschaft zu übernehmen (vielleicht). Klar sprechende Betroffene sagen frei heraus, dass Görlitz wie so viele Ostwerke lediglich eine verlängerte Werkbank der westlichen Hauptstandorte ist. Nebenbei: Ebbt der Panzerboom ab, sind auch die Jobs futsch. Dagegen würden Waggons für Menschen immer gebraucht. Doch auch mit den Waggons wurde so verfahren, anderswo lässt sich billiger produzieren als in Deutschland. Selbst der ostdeutsche Arbeiter ist zu teuer …

Die Hoffnung stirbt zuletzt, also machen sie gute Miene …

Stolz sind die Waggonbauer, lese ich. Doch in den Worten des Betriebsrats zur Entwicklung in Görlitz sind vielfältige Bedenken erkennbar. Wohl findet er Formulierungen wie „versöhnlich stimmend“, „den Blick nach vorne richten“, „etwas Neues entsteht“ und „vielen Menschen Lohn und Brot sichernd“. In einem Bericht ist bei klarem Nachdenken Ernüchterndes zu lesen:

Nach den Worten von Betriebsratschef René Straube schauen die Mitarbeiter mit Stolz auf das Werk zurück. Görlitz habe Entwicklungen in der Branche maßgeblich beeinflusst. Bis Mitte der sogenannten Nullerjahre sei jeder Doppelstockwagen in Deutschland aus Görlitz gekommen. «Das war ein cooles Gefühl für uns alle, wenn wir durch Deutschland gefahren sind.» Versöhnlich stimme, dass man den Blick nach vorn richten könne. Hier entstehe etwas Neues, was vielen Menschen Lohn und Brot sichere.

Laut Standortleiter Jens Koep werden die Hallen bis Ende März 2026 geräumt und auf den Fertigungsstart von KNDS vorbereitet. Die Beschäftigten hätten sich mit dem Waggonbau identifiziert. Alle Mitarbeiter würden nun eine riesige Veränderung erleben. «Veränderung ist natürlich das, was den Menschen am meisten Angst macht.»

KNDS hatte im Mai in Aussicht gestellt, 350 bis 400 Mitarbeiter aus Görlitz zu übernehmen. Zuletzt waren in dem Werk noch etwa 700 Leute beschäftigt. Nach Angaben des Unternehmens sind 170 Kollegen in das Alstom-Werk nach Bautzen gewechselt. Gut 60 seien bisher von KNDS übernommen. Betriebsrat Straube rechnet damit, dass es aber auch «feuchte Augen» gibt. Vielen Kollegen werde das Ende des Waggonbaus jetzt erst klar.

(Quelle: MSN)

Rüstungskonzern beherrscht das zynische Zahlen-Jo-Jo der Arbeitsplätze

Etwas Neues entsteht also, unter Vorbehalt. Aha. 700 Menschen waren „zuletzt“ noch beschäftigt. 350 bis 400 sollen „übernommen werden“. 170 seien schon von Görlitz nach Bautzen (50 Kilometer Entfernung) gewechselt. Und die, die man für den Panzerbau nicht mehr braucht? Da wird es also „feuchte Augen“ geben. Was hat das mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, mit Perspektive, mit Zukunft zu tun?

Die Geschichte, als würde sie sich wiederholen

Zukunft heißt in Görlitz Baugruppen für Kampfpanzer statt Eisenbahnwaggons. Da lohnt ein Blick in Vergangenheit, als würde sich Geschichte wiederholen. Beim öffentlich-rechtlichen MDR findet sich dazu:

In Görlitz sollen fortan Baugruppen für den Kampfpanzer Leopard 2 und den Schützenpanzer Puma sowie Module für den Radpanzer Boxer hergestellt werden. 2027 will man die Serienproduktion von Panzerwannen vorbereiten, die voraussichtlich im Jahr darauf beginnt.

Im Görlitzer Waggonbau wurden in den 1930er-Jahren schon einmal Rüstungsgüter für die Wehrmacht hergestellt, darunter Funk- und Schützen-Panzerwagen, MG-Wagen und Panzeraufbauten.

(Quelle: MDR)

Nochmal: der Umbau ziviler Industrie in militärische ist nicht zukunftsweisend, im Gegenteil

In einem Beitrag auf den NachDenkSeiten kommentierte ich die Übernahme einer zivilen Firma in einer anderen sächsischen Region durch eine rüstungsorientierte und die Begeisterung der Beteiligten bis hin in die Kommunalpolitik. So schwärmte der Bürgermeister des Ortes geradezu:

„Ein kleiner Schritt für einen Bürgermeister, aber ein großer Schritt für Schöneck und das Vogtland.“

Ihm folgte ein Professor der Universität der Bundeswehr München, der die Vermittlung der Übernahme mit einer euphorischen Botschaft feierte. Ganz visionärer Experte, führt der Vogtländer aus:

„Wenn es uns nun gemeinsam gelingt, daraus den entscheidenden Schritt für Sachsen hin zu einer neuen Industrie zu gestalten, freue ich mich besonders, dass dieser Aufbruch in meiner Heimat beginnt.“

(Quelle: Freie Presse)

Der Jubel, die Euphorie verdienen heftigen Widerspruch. Aufrüstung ist kein Aufbruch, Rüstungsindustrie ist keine neue Industrie, derlei Handeln ist weder ein kleiner noch ein großer Schritt – egal, ob in Görlitz oder in Schöneck.

Der kommunale Alltag kennt andere Sorgen

Nochmal ein Blick nach Schöneck. Die Jubelfeier zur Übernahme eines Werkes durch den Raumfahrt- und Technologiekonzern OHB (der sächsische Ministerpräsident war auch dabei) ist vorbei. Der große Schritt für die Region (inmitten des Rüstungswahns) ist noch nicht gesetzt, schon zieht der schnöde kommunale Alltag wieder ein. Die Heimatzeitung berichtet, dass am Ratstisch dicke Luft herrscht, die Landgemeinde Mühlental ist betroffen:

Die jährlichen Verwaltungskosten an die Stadt Schöneck haben die Schwelle von einer Viertelmillion Euro überschritten. Der Unmut über die Ausgaben wird am Schönecker Ratstisch geteilt.

„Uns erdrückt die Last“: Gemeinde im Vogtland im Sog einer Kostenspirale.

(Quelle: Freie Presse)

Uns erdrückt die Last. Lasst uns Panzer bauen?

Titelbild: Mike Mareen/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)
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