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Verdoppelung der Stromkosten befürchtet
von Edgar L. Gärtner
Auf der Welt gibt es nicht nur menschliche Kulturen, die kaum oder gar nicht miteinander koexistieren können (etwa tribalistischer Kannibalismus mit dem Mordverbot des jüdisch-christlichen Dekalogs), sondern auch Techniken der Elektrizitätsversorgung, die schlecht oder gar nicht miteinander verträglich sind. Das bekannteste historische Beispiel dafür ist die Jahre lange heftige Auseinandersetzung zwischen dem genialen Erfinder Thomas Alva Edison und der fortbestehenden Firma Westinghouse um die Elektrizitätsübertragung mittels Gleich- oder Wechselstromsystemen. Dieser Konflikt erforderte damals eine klare Entscheidung für eine der beiden unterschiedlichen Übertragungstechniken. Nur in besonderen Situationen gelten die beiden Techniken als kompatibel. Auf eine ähnliche weitreichende Entscheidungssituation steuert derzeit unser Nachbarland Frankreich zu.
Mit einem Kernenergie-Anteil von über 70 Prozent und einem Anteil der Wasserkraft um die 20 Prozent gilt die französische Elektrizitätsversorgung, im Unterschied zur deutschen, als eher zukunftsfähig, Probleme bereiten lediglich die hohen Investitionskosten der geplanten neuen sechs großen Kernreaktoren vom Typ EPR2 sowie die Finanzierung der Entwicklung kleiner modularer Kernreaktoren (SMR), die im Unterschied zu den großen eine flexible und verbrauchsnahe Elektrizitätserzeugung ermöglichen. (Gerade steht das von mir bei EIKE vorgestellte Startup Naarea vor dem Konkurs, weil ihm die finanziellen Mittel fehlen, um seinen SMR-Prototypen marktfähig zu machen.)
Der Staat ist pleite, aber für Zufallsenergien ist noch Geld da
Statt für die Entwicklung innovativer und tragfähiger SMR-Konzepte ist aber beim französischen Pleite-Staat und in der europäischen Wirtschaft anscheinend noch immer mehr als genug Kapital für die unkontrollierte Expansion der so genannten erneuerbaren Wind- und Solarenergie vorhanden. Da der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und seine Freunde weiterhin auf der Welle des woken Zeitgeistes segeln wollen, setzen sie dem Druck grüner Investoren und politischer Bewegungen keinen Widerstand entgegen. Zwar haben sie ihre Bemühungen, auch in Frankreich (unausgesprochen) einen „Atomausstieg“ nach deutschem Vorbild anzubahnen, nach einem Anflug von Realismus inzwischen aufgeben müssen und in Brüssel erreicht, dass die Kernenergie in der EU-Taxonomie des „Green Deal“ als kohlenstoffarm bzw. „nachhaltig“ durchgeht. Doch stemmt sich Emmanuel Macron im Verein mit Ursula von der Leyen und anderen Spitzenpolitikern der EU mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die von Donald Trump in Davos verkündete Stunde der Wahrheit über die „Erneuerbaren“.
So setzt die „Macronie“, wie viele Franzosen Macons Regime missbilligend bezeichnen, im letzten Entwurf des noch nicht verabschiedeten dritten französischen Plans für die Entwicklung der Energieversorgung in den kommenden zehn Jahren (Programmation Pluriannuelle de l’Energie, PPE3) auf eine angebliche Komplementarität zwischen steuerbaren und wetterabhängigen Energiequellen, indem sie eine Vervielfältigung der Offshore-Windräder um den Faktor 50 (!), die Verdoppelung der Zahl der landgestützten Windkraft- und eine Verfünffachung der Photovoltaikanlagen vorsieht. Auf Druck der in Paris immer noch präsenten deutschen „Energiewende“-Lobby haben die Macronisten zusammen mit Linksradikalen und Grünen offenbar beschlossen, den Kernreaktoren, die sie ursprünglich abschalten wollten, aber wegen der harten Realität nicht konnten, eine ähnliche Rolle zuzuweisen wie den Gaskraftwerken in Deutschland. Statt ständig und verlässlich die Grundlast der Stromversorgung zu sichern, sollen sie in Zukunft vorwiegend, wenn nicht ausschließlich als „Lückenbüßer“ für die Überbrückung der Nächte und windarmer Wetterlagen dienen. Die „Erneuerbaren“ sollen wie in den deutschen Elektrizitätsnetzen absoluten Vorrang bekommen und die Kernkraftwerke sollen entsprechend der jeweiligen Wetterlage öfters schnell hoch- und runtergefahren werden, nicht selten mehrmals am Tag.
Kernkraftwerke nur noch Lückenbüßer?
Die macronistischen Technokraten verlangen daher in ihren Plänen ex- oder implizit eine große Modulationsfähigkeit der Kernkraftwerke. Doch für diesen wechselnden Einsatz sind die Kernkraftwerke – insbesondere die zwischen 1978 und 1999 erbauten, welche nach der erfolgten offiziellen Laufzeitverlängerung noch lange am Netz bleiben sollen – überhaupt nicht ausgelegt. Die Wellen ihrer Turbinen müssten bei einem längeren Stillstand künstlich weitergedreht werden, damit sie sich nicht mit einem bremsenden Schleier aus Oxidationsprodukten überziehen. Das würde ein Wiederanfahren schwierig machen. Die Ingenieure gehen davon aus, dass die Auslastung der meisten Anlagen gefahrlos nur um etwa 20 Prozent schwanken kann. Größere Schwankungen müssten zu einem vorzeitigen Verschleiß der Anlagen führen.
Das ist den Ingenieuren seit längerem bekannt. Schon Anfang 2023 gab es dazu eine parlamentarische Anhörung. Bis Ende 2025 sollte der staatliche Elektrizitätsversorger EDF einen detaillierten Bericht über die mit der häufigen Modulation der Leistung von Kernkraftwerken verbundenen technischen und gesundheitlichen Risiken vorlegen. Doch Bernard Fontana, seit Mai 2025 neuer Generaldirektor von EDF, ließ Mitte Januar auf dem Schweizer Elektrizitätskongress in Bern durchblicken, dass die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron und Premierminister Sébastien Lecornu die Veröffentlichung des Berichts blockiert, um nicht zusätzlich Wasser auf die Mühlen der in Frankreich starken Kritiker des woken Windrad-Wahns zu leiten. Einige Details des offiziell noch geheimen Rapports waren über die Gewerkschaften der Führungskräfte an die Öffentlichkeit gelangt. Fontana beteuerte zwar, EDF habe nach wie vor die Absicht, den kompletten Bericht zu veröffentlichen. Dieser sei aber in der vorliegenden Form „non publiable“.
Doch die Pro-Kernenergie-Initiative „Documentaire et Liberté“ weist in einem Post auf „X“ auf gleichzeitig vom Netzbetreiber RTE veröffentlichte Projektionen hin, aus denen hervorgeht, dass die PPE3 tatsächlich die Umwandlung des Rückgrats der französischen Stromversorgung in einen Lückenbüßer vorsehen. Zwar wird auch heute die Leistung der KKW bereits moduliert, und zwar insgesamt über eine Spanne von 12 Terawattstunden (TWh). Dabei stand aber die wirtschaftliche Optimierung des KKW-Einsatzes im Vordergrund. Würde die PPE3 hingegen buchstabengetreu umgesetzt, wäre bis 2035 mit einer Regulierungs-Spanne von über 100 TWh zu rechnen. Dadurch würde die Kernenergie wahrscheinlich ihre technischen, ökologischen und wirtschaftlichen Vorteile gegenüber anderen Energiequellen verlieren. Die In der PPE3 vorgesehene massive Förderung der „Erneuerbaren“ käme damit lediglich über einen kleinen Umweg zum Ziel „Atomausstieg“.
Verdoppelung des Strompreises durch „Erneuerbare“
Schon bisher führte der wachsende Anteil wetterabhängiger Energiequellen an der französischen Elektrizitätsversorgung neben der Einbindung Frankreichs in das Merit Order Tarifsystem der EU zur allmählichen Verdoppelung der Stromrechnungen französischer Haushalte in den vergangenen 10 Jahren. Allein zwischen 2023 und 2024 stieg der Preis für Haushaltstrom um 18 Prozent. Durch die Umsetzung der PPE3 würde sich der Strompreis bis 2035 noch einmal verdoppeln, rechnet der Ingenieur Fabien Bouglé vor. Dabei sind die Erzeugerpreise in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Explodiert sind Steuern und Zuschläge für die Subvention und die Netzanbindung des dezentral an Land oder Offshore erzeugten Solar- und Windstroms. Nur die völlige Abkehr vom irrsinnigen Ziel der Kohlenstoff-Neutralität durch die Förderung der „Erneuerbaren“ könnte die Franzosen wieder in den Genuss der Vorteile preisgünstigen Atomstroms zurückbringen.
Der Beitrag Frankreich: Kernenergie und „Erneuerbare“ vertragen sich schlecht erschien zuerst auf EIKE - Europäisches Institut für Klima & Energie.
