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„Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.“

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Der Berliner Dirk Zöllner wird nach wie vor eher dem ostdeutschen Publikum ein Begriff sein. Der Sänger, Musiker, Komponist, Buchautor, ein Lebensfroher, Hungriger, Zweifelnder, Nachdenkender ist nach wie vor mit seiner Band „Die Zöllner”, im Duo mit seinem ewigen Freund und Kollegen, dem Pianisten und Sänger André Gensicke, und mit weiteren Projekten vor allem in Ostdeutschland unterwegs. Trotz eines engen Zeitplans hat sich Dirk Zöllner, einer der Erstunterzeichner des Berliner Appells, dennoch die Zeit genommen, um wieder einmal in ein intensives, persönliches Gespräch mit Frank Blenz für die NachDenkSeiten einzutauchen.

Frank Blenz: Hallo Dirk, ich beobachte und erlebe seit Langem Dein Ackern, Deine musikalischen Touren, Dein unermüdliches Machen, Dein verbindendes Tun. Kenne Deine Songs, habe Auftritte erlebt – und diese voller Freude. Nun ist wieder mal Zeit, Dich mit Fragen zu nerven (kleiner Scherz). Ich frage mich: Wie bist Du unterwegs, wie speist sich Dein voller Tourplan, welche Projekte, und welches Publikum erreichen Du und Deine Kollegen damit? Wen willst und kannst Du erreichen, einerseits als Künstler im Bereich populärer Musik, andererseits als Denker und Anstoßgeber? Deine Reisen durch das Land sind sicher für Dich wie das Sammeln von Eindrücken für ein Sittengemälde unserer (ganzen) Republik. Einig. Geteilt. Aufgerieben. Fragezeichen.

Dirk Zöllner: Es sind jetzt tatsächlich knapp über 40 Jahre, dass ich mein Überleben als freischaffender Musiker und Autor bestreite. Dafür bin ich sehr dankbar und darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz. Denn da waren nicht nur Erfolge zu feiern, es gab auch einige Klippen zu umschiffen. Tendenziell ist es für mich aber immer bergauf gegangen, sowohl seelisch als auch finanziell. Ich habe mir ein exquisites Publikum erkämpft – mit über 2.000 Konzerten, etwa 20 Alben, vier Büchern, etlichen Kolumnen und Einmischungen. Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.

Alle meine aktuellen Projekte müssen in erster Linie Spaß machen, denn es handelt sich ja hier um den kostbaren Rest meines Lebens. Möglichst wenig Brechstange. Love & Peace! Und ja, mein Herz schlägt im Osten des Landes, hier sind mir die Menschen vertraut – mit allem Für und Wider. Einen gleichgeschalteten Menschentypus kann ich nicht erkennen, aber es gibt hier verbindende Erfahrungen. Wir haben dieselben Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Aus Helden wurden Unpersonen, aus Feindbildern Ikonen. Und es ist Fakt, dass wir in unserer Bundesrepublik gesamt gesehen eher die Rolle des Kunden als die des Verkäufers einnehmen.

Ich denke an Stichworte wie Krieg und Frieden, Wehrhaftigkeit, „meine Söhne kriegt ihr nicht”, Rüstungswahn Deutschland. Was sagst Du zu den irren Zahlen, dazu, dass der größte Rüstungskonzern in ein paar Jahren in die Top 3 der größten Konzerne weltweit aufsteigen könnte? Dazu kommt noch die herrschende Politik der Alternativlosigkeit. Das schreit doch auch nach Widerstand aus Künstlerkreisen?

Das knüpft recht gut an das an, was ich gerade geäußert habe: Die meisten Menschen aus dem Osten verfügen weder über Ländereien noch über Schlösser, Arbeitsmittel oder gefüllte Truhen – und somit natürlich auch nicht über das Sagen. Drastisch gesagt, gibt es nicht so viel zu verteidigen, außer das nackte Leben der Familie, vor allem das der Kinder.

Das Gauck‘sche oder Merz‘sche Freiheitsmantra erscheint den allermeisten seltsam befremdlich: Freiheit wäre wichtiger als Frieden. Freiheit, die eine Einheit mit gesammeltem Besitz und scharfen Ellenbogen darstellt, mit denen sich aufs Podium gekämpft wurde. „Freiheit, die heilt, ist niemals die gleiche Freiheit wie jene, die Menschen zerbricht“, hat der Poet Henry-Martin Klemt geschrieben. Freiheit ist sehr unterschiedlich definierbar. Die Freiheit von Geld- und Zeitdruck und die Freiheit von Angst ist für viele Menschen wertvoller als diese elitäre Freiheit.

Historiker von Gnaden stoßen artig ins gewünschte Horn und erklären, dass die Menschen aus dem Ostteil des Landes diktaturgeschädigt wären und letztendlich an die Leine wollen. Es wird sich in schlichtester Brutalität über Ängste und Stressgefühle erhoben. Ich habe ja schon erwähnt, wie im Osten gelernt wurde, zu erkennen, dass es der Wahrheiten durchaus verschiedene geben kann. Ich halte das sture Durchboxen der einen für vorsintflutlich. Wir haben die Möglichkeit der allseitigen Information, egozentrische Kriege sind nicht mehr zeitgemäß. Es ist doch idiotisch, dass sich immer noch so viele Menschen für die Interessen der Macht- und Geldmonster benutzen oder sogar verheizen lassen. Brachialkapitalismus im Endstadium. Okay, der Mehrheit ist die Möglichkeit der Flucht nicht gegeben, aber die Mehrheit hätte die Möglichkeit, sich rechtzeitig zu wehren! Und man sollte nach guten Reiseleitern Ausschau halten und nicht irgendwelchen Reiseverführern aufsitzen.

Unsere Regierung ist von gestern, wir brauchen eine Frischzellenkur, integre Galionsfiguren, die sich nicht kaufen lassen, die sich mutig gegen den Sog, gegen diese Abwärtsspirale der Eskalation stellen. Großherzige Friedensvermittler außerhalb der Rüstungslobby, die in der Lage sind, auch die Sichten des Gegners wahrzunehmen. Nicht im Traum würde ich mich von dieser bürokratisch verkrusteten Spießergesellschaft rekrutieren lassen oder ihnen das Leben meiner Kinder anvertrauen.

Ich verstehe aber, dass andere Künstleropas wie Lindenberg, Grönemeyer oder Niedecken die Welt, von der sie so viel erhalten haben, auch verbal verteidigen müssen. Das gebietet die Höflichkeit. Da ist Dankbarkeit. Dass jemand wie Maffay es schafft, trotzdem über den Tellerrand zu gucken, ist eine Ausnahme. Ich spüre, das dieser kleine Mann über ein sehr großes Herz verfügt – eines, in dem es auch noch Platz über das eigene Ego hinaus gibt.

Das zivilisatorische Leben, geht es kaputt? Was beobachtest Du, auch auf Deinen Reisen?

Es sieht tatsächlich so aus, als ob die Evolution gerade eine Pause einlegt oder sogar der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Ich bin aber ein Optimist. Ich begegne auf meinen Touren durch Ostdeutschland nur selten so richtig vernagelten Menschen. Das kann – bei aller Bescheidenheit – auch daran liegen, dass mein Publikum das von mir vorgegebene, kulturell wertvolle Angebot spiegelt. Nein! Jetzt wirklich mal im Ernst: Es ist viel Zorn vorhanden, der aber nicht zur Apathie, sondern eher zur Renitenz führt. Die Menschen erfahren zu wenig Spiegelung bzw. eine von Politik und Medien verzerrte und irrlichternde. In Ermangelung der wahrhaftig gesellschaftspolitischen Präsenz sind sehr viele alternative private Kulturinseln entstanden außerhalb der alten staatlichen Systeme.

Die Bürokratie nimmt jeder Initiative die Luft zum Atmen, der gut gemeinte Rahmen ist zum engen Korsett geworden. Auf dem Weg durch die Instanzen geht zuerst der Spaß, dann das Geld und schließlich der Sinn verloren. Da hat die Alternative für Deutschland ein leichtes Spiel. Der Empörungskatalysator – verbal. Mal sehen, was passiert, wenn der wirklich zum Zuge kommt.

Ein weiterer Gedanke, Du bist ja Berliner, was sagst Du dazu: Berlin, die Hauptstadt der Verwahrlosung. Was ist Dein Befund? Hast Du Vorschläge, den Spieß umzudrehen, endlich wieder an Aufbau, an Renaissance zu denken für eine knorke Hauptstadt?

Ich beschränke das mal auf meinen Stadtteil. Ich lebe im Königreich Köpenick. Hier wurde einiges vernachlässigt, so kleckerweise geflickt, aber im Moment wird überall sehr viel Neues gebaut. Das mag am grandiosen Erfolg des 1. FC Union liegen, der dieser Region natürlich gute Laune und Aufwind beschert. Neue Straßen und Straßenbahngleise, neuer S-Bahnhof, neue Stadtteile, neue Kindergärten und Spielplätze. Auf jeden Fall habe ich hier nicht so sehr das Gefühl der Verwahrlosung. Hier steppt immer noch der Bär! Auf recht natürliche Weise, ohne viel Konfetti und Wunderkerzen. Traurig sind die Touren über die Dörfer und Kleinstädte. Die monströsen Einkaufslager dazwischen und in den Orten selbst meist nicht mal mehr ein Bäcker und eine Kneipe. Das ist echt gruselig, da will man nicht begraben sein.

Deutschland besteht aus Ost und West, immer noch. Was macht der Osten?

Es kann Spaß machen, eine Minderheit zu sein. Aber wir brauchen unsere eigenen Häuptlinge, die uns ermöglichen, die regionalen Tänze auszuleben. Rektoren, Direktoren, Journalisten, Verlage und auch Lokalpolitiker. Die Linke hat da in ihrem Bedürfnis, bei der großen Polonaise dabei zu sein, an Schneid verloren und damit das alternative Druckventil für die emotionale Problembewältigung mitinstalliert. Es ist nun schwer, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern.

Mir fällt eine weitere Partei ein – das BSW – und der kleine Film, in dem Sahra Wagenknecht in die Lüfte geht. Im Hintergrund des kurzen Videos stehen Du und weitere Akteure. Erzähl bitte darüber, was das BSW für Dich bedeutet, was das Bündnis kann, was es braucht, was Du über die Anfeindungen, die Häme usw. sagst.

Ich finde es schade, dass sie sich mit ihren populistischen Spots nun am üblichen Dummenfang beteiligen. Reicht eine kulturvolle und höfliche Bestimmtheit nicht für fünf Prozent? Ich halte sie zumindest wegen ihrer Friedenspolitik für das kleinere Übel und damit für die derzeit einzige wählbare Partei. Momentan geht es ja beim BSW leider vor allem um den Machterhalt, also um die akribische Suche nach den fehlenden „drei“ Stimmen. Nun gut, ich wäre froh, wenn sie gefunden werden. Ich halte diese Partei ziemlich wichtig für das Gesamtspektrum. So, wie die CDU konservative nationale Traditionen vernachlässigt hat, so hat Die Linke – wie schon erwähnt – im Allgemeinen ebenfalls Kontakt zu ihrer eigentlichen Klientel verloren und ihre Grundpfeiler – den Idealismus und Pazifismus – angesägt. Die schweben ebenfalls in dieser realitätsfernen Zwischenwelt, in einem Staat im Staate. Im Kreise der Sahnehäubchen, oben auf der Torte.

Auch das ist Politik, kulturvolle – die Musik tönt bei Dir weiter laut, leise, kraftvoll, unermüdlich stehst Du auf der Bühne. Was steht im neuen Jahr an?

Neben dem Mutterschiff DIE ZÖLLNER, mit dem ich gerade wieder mit Pauken und Trompeten und Volldampf unterwegs war, wird es im kommenden Sommer „Die Zöllner im Trio Infernale“ geben. Hier bringen mein langjähriger Kompagnon, der Pianist André Gensicke, und der Cellist Tobias Unterberg alias b.deutung eher die stilleren Lieder unseres umfangreichen Repertoires zu Gehör. Außerdem gibt es noch „Zöllners Blinde Passagiere“, ein Freundesprojekt mit der großartigen Sängerin Steffi Breiting, mit einem völlig eigenständigen Programm und extra dafür geschriebenen Liedern, davon wird im Herbst ein Album erscheinen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die Kollaboration mit Manuel Schmid, dem Sänger der Stern Combo Meißen, mit dem ich „Die schönsten Balladen aus dem Land vor unserer Zeit” zelebriere. Kunstlieder der Komponisten Franz Bartzsch, Wolfgang Scheffler, Michael Heubach, Holger Biege, Stefan Trepte und vielen anderen. Von Mitte Januar bis Mitte Februar ‘26 geht es auf Tour, und auch hier ist ein neues Album im Gepäck. Zwischen Weihnachten und Silvester arbeite ich an der Fortsetzung der Graphic Novel „Machandeltal“, gemeinsam mit dem Zeichner Jörg Menge. Hier werden wir im kommenden Jahr mit einer multimedialen Lesung unterwegs sein – Wort, Bild und Musik.

Dirk, nochmal sammle ich Stichworte für Dich: mündiger Bürger, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, ungerechte Verteilung, Annäherung West/Ost (ist das überhaupt möglich oder bleibt die latente Teilung?), Altparteien, Stichwort Vertrauen in die Politik zurückholen – mit dem gegenwärtigen Politikerhandeln etwa?

Demokratie kann nur bei sozialer Gerechtigkeit funktionieren. Ich bin sehr für die gerechte Verteilung des ungeheuren Reichtums. Aber als echter Linker kann ich das nicht nur für die eigene Nationalität einfordern, also gerecht verteilter Reichtum im Sonnenstaat, hinter Glas, Beton und Stacheldraht. Man muss vor der eigenen Haustür anfangen, das ist richtig. Dann brauchen die Menschenmassen auch nicht mehr in die umzäunten Billigmastanlagen der betonierten südlichen Gestade transportiert werden, um sich den wohlverdienten Urlaub zu leisten. Jede Gesellschaft ist eine Inszenierung. Ich glaube, wir können das alles irgendwie besser und nachhaltiger. Dazu bedarf es aber auch mehr Talent und Phantasie. Baerbock und Habeck, die wir im Freundeskreis immer liebevoll „Schweini & Poldi“ nannten, fehlte irgendwie die Sensibilität.

Die Politik sollte die Kunst nicht für ihre Zwecke einspannen, sie sollte ihr vielmehr folgen, denn sie ist die einzige evolutionäre Kraft. So hat es Joseph Beuys, einer der Gründungsväter der Grünen, gesagt. Ich glaube das auch, denn unsere Zukunft kann nur im Betreten von neuem Land zu finden sein. Unendliches Wachstum auf unserer endlichen Erde ist totaler Schwachsinn. Wir sollten fähige Leute in große Pools wählen und dann die Politiker auslosen, sie gut bezahlen, Lobbyismus verbieten. Grundsätzlich nach vier Jahren neu auslosen, damit keiner dem Geldsammeln erliegt oder sich im Hochgefühl für die Reinkarnation einer biblischen Gestalt hält und sich am goldenen Thron festschrauben will. Wenn einer offensichtlich befähigt ist und der Evolution spürbar Raum gibt, sollte man ihm eine zweite oder auch dritte Runde einräumen.

Abschließend ein Zöllner‘scher Ausblick auf 2026, bitte!

Auf jeden Fall sollten wir mehr spinnen und nach einer neuen Inszenierung suchen und nicht alles so spaßfrei zerpflücken – spielerischer, freundlicher. Wettspiel statt Wettstreit. Zuhören, auch dem vermeintlichen Feind. Nicht nur das Negative vermuten, auf das Positive hoffen. Nachdenken. Probieren und auch wieder verwerfen. In Bewegung bleiben, denn Veränderung ist Glück.

Danke Dir für das Gespräch.

Titelbild: Johanna Bergmann/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

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„In den Leitmedien herrscht eine ungeheure Kriegshysterie, die völlig übertrieben ist“

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Angst, Corona, Journalismus, Krieg, Politik: Das sind einige der Themen, mit denen sich Eugen Zentner in seinem neuen Buch auseinandersetzt – in Gedichtform. Warum der Autor gerade diesen Weg gewählt hat, sich mit den schweren politischen Themen auseinanderzusetzen, erzählt er im NachDenkSeiten-Interview. Ein Gespräch über die Ereignisse in der Corona-Zeit, Kriegshysterie und die politische Lyrik. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Marcus Klöckner: Gleich in Ihrem ersten Gedicht geht es um die Zeitenwende. Ich zitiere:

Zeitenwende

Ein Beben dröhnt vom Meeressand
Ein neuer Geist besteigt die Riffe
Er deutet an mit strenger Hand
Autoritäre Übergriffe
Ein Umbruch, eine wilde Zeit
Verwirrung dringt in jede Pore
Die Luft schmeckt ätzend, schmeckt nach Leid
Urplötzlich schließen sich die Tore
Institutionen bündeln sich
Um eine herrschende Agenda
Man unterwirft sich brüderlich
Und drückt die Störer an die Ränder

Sie thematisieren hier ein ganzes Bündel an Problemen, mit denen die Gesellschaft konfrontiert ist. Was würden Sie jemandem antworten, der zu Ihnen sagt, dass Sie zu „schwarz“ sehen und eigentlich doch alles ganz harmlos ist?

Eugen Zentner: Dieses Gedicht thematisiert im Zeitraffer die Corona-Zeit, die für viele Menschen eine Zeitwende darstellte – auch für mich. Für viele aber auch nicht, und die werden in jener Zeit keine Dramatik finden, erst recht nicht nach so viel zeitlichem Abstand. Solche Menschen kenne ich persönlich. Ich würde empfehlen, sich intensiver mit den Ereignissen zwischen 2020 und 2023 zu beschäftigen, möglichst jenseits von offiziellen Erzählungen. Bücher und Erfahrungsberichte gibt es mittlerweile genug. Wer das tut, wird verstehen, dass alles nicht so harmlos war. Das macht auch das Gedicht deutlich, indem es die damaligen Ereignisse sehr realistisch darstellt, in objektiver Weise, so, dass sich darin wie unter einem Brennglas Zivilisationsbrüche zeigen, die vielen leider entgangen sind. Möglicherweise auch deswegen, weil das Abdriften von demokratischen Prinzipien in langsamen Schritten erfolgte. Der Schnelldurchlauf im Gedicht macht die gesellschaftspolitischen Veränderungen umso sichtbarer.

Viele Ihrer Gedichte handeln von der Corona-Zeit und tragen Titel wie „Testpflicht“, „Berufsbezogene Impfpflicht“ oder „Lockdown“. Das hört sich erstmal überhaupt nicht literarisch an. Warum diese Titel, die auch bei den anderen Themen ähnlich sachlich, eher nachrichtlich angelegt sind?

Das ergibt sich ebenfalls aus der Form bzw. aus dem Genre. Zur politischen Lyrik passt weder eine schmachtende, gefühlsbetonte Sprache noch ein abstrakter Titel, der erst einmal nichts über den Inhalt sagt. Im Gegenteil: Ich wollte bereits im Titel klar benennen, warum es in dem jeweiligen Gedicht geht. Wobei es natürlich auch Titel gibt, in denen ich mich zu Wortschöpfungen hingerissen habe. Aber auch sie umreißen ein Thema, ein Ereignis oder ein Zeitphänomen. Der ganze Gedichtband ist eine Sammlung gesellschafts- und manchmal tagespolitischer Gegebenheiten. Diese Art der literarischen Bestandsaufnahme drückt sich formal eben auch in den Titeln aus. Das hat zudem praktische Vorteile für die Leser. Sie können leichter Gedichte zu bestimmten Themen herausgreifen, die sie besonders interessieren – oder bewegen.

Das Schöne an der Lyrik ist ja, dass jeder seinen eigenen Zugang und seine eigenen Interpretationen finden kann. Was ist es, was Sie da für sich lyrisch aus diesem Themenfeld „Corona“ herausziehen können? Können Sie das zusammenfassen?

Das Interessante ist es wohl, dass man als Gedichtproduzent einen Gegenstand von mehreren Seiten betrachten und dadurch noch mehr Facetten entdecken kann, eben weil man mit Reimen, Versmaß und Metaphern arbeiten muss. Diese filigrane Arbeit schärft das Bewusstsein für gewisse Situationen. In dem Gedicht „Coronale Geburt“ zum Beispiel geht es um die Erfahrung vieler Frauen während der Maßnahmenzeit. Ich als Mann ohne Kinder habe sie nicht gemacht und konnte sie auch gar nicht machen. Ich habe darüber nur indirekt erfahren. Als ich diese Situation lyrisch verarbeitete, konnte ich mich in sie besser einfühlen und dadurch auch das ganze Ausmaß der Tragik begreifen. Bei anderen Gedichten wie zum Beispiel „Lockdown“ war es anders. Da schöpfte ich aus eigenen unmittelbaren Erfahrungen und hatte daher auch einen viel expressiveren Zugang zum Gegenstand.

Dann ist da auch noch der Krieg. Im Inhaltsverzeichnis stehen Titel wie „Kriegspropaganda“, „Kriegstüchtig“, „Spannungsfall“, „Sondervermögen“. Was passiert in Deutschland?

Konkret müsste man fragen: Was passiert in der politmedialen Arena? Denn die scheint von der Gesellschaft abgekoppelt zu sein. In den Leitmedien und in den Verlautbarungen politischer Entscheidungsträger herrscht eine ungeheure Kriegshysterie, eine Panik, die völlig übertrieben und nicht zu begreifen ist. Die von Ihnen genannten Gedichte geben diese Stimmung wieder, teilweise in dem gleichen sarkastischen, ja zynischen Duktus jener Meinungsmacher. Diese Stimmung ist in Deutschland stärker ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern, das ist zumindest mein Eindruck. Ich war kürzlich in Spanien und hatte nicht das Gefühl, dass man dort immerfort mit Kriegspropaganda beschallt wird.

Ich zitiere aus Ihrem Gedicht „Kriegstüchtig“:

Tüchtig sollen alle sein
Tüchtig in der Kunst des Krieges
Groß sich denken, bloß nicht klein
(…)
Neu zu denken wird verlangt
Menschlichkeit ganz abzuschaffen
Reife, sagt man, wird erlangt
Nicht mit Reden, nur mit Waffen

Mit anderen Worten: Verstand ausschalten und im Sinne des politischen Großvorhabens „Kriegstüchtigkeit“ agieren. Welche Beobachtungen machen Sie in Ihrem Umfeld? Was ist Ihr Eindruck? Verstehen die Leute, was gerade passiert?

Ich bin vielleicht nicht sonderlich repräsentativ. Mein Umfeld besteht größtenteils aus Leuten, die spätestens seit der Corona-Krise kritisch auf Politik, Medien und die sogenannte Zivilgesellschaft schauen. Sie wissen natürlich, was passiert; sie durchschauen die Propaganda und halten die Aufrüstung für hochgefährlich. Viele haben Angst, dass der Ukraine-Konflikt eskaliert und es tatsächlich zu einem dritten Weltkrieg kommt. Nicht wenige engagieren sich genauso wie in der Corona-Zeit, indem sie Demonstrationen, Aufklärungsveranstaltungen oder Diskussionsabende organisieren oder daran teilnehmen. Auch Künstler bemühen sich, mit ihren Arbeiten auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Insofern herrscht auch im Bereich der Gegenöffentlichkeit viel Bewegung. Ich hoffe, dass diese Bemühungen einen größeren Krieg verhindern.

Ist Ihr Gedichtband auch für Schüler und Lehrer geeignet?

Ja, natürlich. Die Gedichte sind ja weder radikal noch agitatorisch. Sie beschäftigen sich in kritischer Weise mit dem Zeitgeschehen und betrachten die Dinge aus einer anderen Perspektive als literarische Werke, die normalerweise in der Schule oder in den Medien Erwähnung finden. Zudem können die Gedichte nicht nur im Deutschunterricht behandelt werden, sondern auch im Geschichts- oder Politikunterricht. Sie lassen sich auf den literarischen Gehalt hin analysieren, bilden aber auch eine probate Grundlage für Diskussionen über die Probleme der Gegenwart. Im besten Fall regen sie zum Nach- und Umdenken an. Generell ist zu wünschen, dass Bücher aus dem Bereich der Gegenöffentlichkeit in der Schule häufiger durchgenommen werden. In der Breite sind sie weitaus interessanter als Werke, die etablierte Verlage derzeit herausbringen.

Angst, Corona, Journalismus, Krieg, Politik: Das sind einige der Themen, mit denen Sie sich in Ihrem neuen Buch auseinandersetzen – in Gedichtform! Warum haben Sie den Weg zu diesen schweren, politischen Themen über die Lyrik gewählt?

Als Schriftsteller versuche ich generell, mit verschiedenen Ausdrucksformen zu spielen. Es hat einen gewissen Reiz, einen Inhalt auf je unterschiedliche Weise zu transportieren. In dem Sachbuch „Kunst und Kultur gegen den Strom“ habe ich die Form der journalistischen Prosa gewählt. In „Corona-Schicksale“ habe ich die Zeit der Maßnahmenpolitik in Kurzgeschichten verarbeitet. Die wiederum müssen anders geschrieben werden als ein Roman – mein nächstes Buch. Dieses beschäftigt sich mit der allgemeinen Unzufriedenheit in Deutschland und dem damit verbundenen Wunsch, auszuwandern. Der vorliegende Lyrikband thematisiert hingegen verschiedene Aspekte der Krisenzeit sowie die Veränderungen der letzten Jahre. Die kurze Form macht es möglich, auf viele Missstände und Ereignisse einzugehen, ohne dass es überladen wirkt wie zum Beispiel in einem Roman. Zugleich ergibt sich aus der kurzen Form die Notwendigkeit, den Inhalt prägnant zuzuspitzen und zu pointieren. In der politischen Lyrik ist das sehr effektvoll, insbesondere in der Vermittlung der Botschaft.

Lesetipp: Eugen Zentner: Die Welt steht Kopf. Gedichte zur Zeit. München 2026, Massel Verlag, Taschenbuch, 100 Seiten, ISBN 978-3948576295, 12,90 Euro. (Erscheinungstermin 28. Februar 2026)

(Auszug von RSS-Feed)

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„Wenn das Flugzeug nicht fliegt, gehen wir zu Fuß!“ – Fünf Deutsche über ihren Silvesterurlaub in Moskau

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Seit 2022 ist Russland von Deutschland so gut wie abgeschnitten. Päckchen kommen nur noch mit Verspätung oder gar nicht an. Züge fahren nicht mehr. Flugzeuge fliegen nur noch mit einem Umweg über die Türkei. Der Preis für die Flugtickets hat sich verdreifacht. Eine Hotelbuchung per Internet ist seit 2022 nicht mehr möglich. Durch das 19. Sanktionspaket der EU ist es Reiseagenturen in Deutschland verboten, Reisen nach Russland zu organisieren. Doch es gibt Menschen, die sich für Russland interessieren, das Land vielleicht sogar mögen und die sich in ihrer Reisefreiheit nicht einschränken lassen wollen. Von solchen Menschen handelt der folgende Bericht von Ulrich Heyden (Moskau).

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Ende Dezember 2025 bekam ich aus Deutschland eine Nachricht über Telegram, ob ich nicht Lust hätte, mich mit einer Reisegruppe aus Bremen in Moskau zu treffen. Wir trafen uns am 28. Dezember in einem georgischen Restaurant im Zentrum von Moskau. Es war der erste Tag der Gruppe in Moskau. Die fünf Deutschen wollten von mir etwas über das Leben in Moskau und die politischen Verhältnisse erfahren. Es war ein mehrstündiges, freundliches Gespräch. Am 4. Januar, dem letzten Tag vor dem Abflug, interviewte ich die Gruppe dann über ihre Reiseeindrücke.

Die fünf aus Bremen und Bremerhaven waren zwischen 60 und 70 Jahre alt. Es waren zwei gebürtige Westdeutsche, Wolfgang und Bernd, zwei gebürtige Ostdeutsche, Sophie und Frank, und Olga, eine gebürtige Russin, die seit 1998 in Deutschland lebt. Alle fünf gehören zu einer deutsch-russischen Friedensgruppe.

Moskau im Schnee – überwältigend!

Und so gestaltete sich die Ankunft der Gruppe auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo. Das Flugzeug war in Istanbul mit vier Stunden Verspätung gestartet, denn aus Moskau wurde Drohnen-Alarm gemeldet. Dreimal wurde der Start des Fliegers deshalb verschoben. Ob die Stimmung da nicht mies wurde, fragte ich. „Wir wollten nach Moskau“, antwortete Olga. Die Stimmung sei gewesen: „Wenn das Flugzeug nicht fliegt, gehen wir zu Fuß.“

Als die Reisenden dann um 4 Uhr nachts am Moskauer Flughafen ankamen, mussten sie sich erstmal orientieren. Taxis kann man in Moskau nur über Handy bestellen. Die beiden Handys in der Reisegruppe, die in Russland funktionierten, konnten nicht benutzt werden, weil Handys von Ausländern am ersten Tag in Russland aus Sicherheitsgründen nicht freigeschaltet werden. Damit will man verhindern, dass ukrainische Terroristen Drohnen-Navigation importieren.

Als nach einiger Suche dann Taxifahrer umgerechnet 90 Euro für zwei Taxis in die Innenstadt forderten, schlug Ljudmilla vor, für umgerechnet 70 Cent mit der Metro zu fahren.

Bis die Metro fuhr, war noch eine halbe Stunde Zeit, und so setzten sich die fünf zu einem Ankommenswodka in einen Imbiss.

Als sie mit der Bahn im schneebedeckten Stadtzentrum ankamen und die Weihnachtsbeleuchtung sahen, war Bernd „überwältigt“ von den Eindrücken. Verwundert war die Reisegruppe, als sie Sonntag morgens um sieben schon Kolonnen von Schneefegern im Einsatz sahen.

Um 8 Uhr morgens waren sie dann endlich alle im Bett. Was Bernd verwunderte, war, dass in Russland Energieeffizienz offenbar noch keine wichtige Rolle spielt, denn die Heizungen seien immer volle Pulle an. In älteren Gebäuden wird die Zimmertemperatur zur kalten Jahreszeit immer noch mit der leichten Öffnung eines Fensters geregelt.

Die Gruppe war von Anfang an darauf eingestellt, dass es kein völlig normaler Urlaub mit den üblichen Annehmlichkeiten werden würde. Mit den Sanktionen wolle die EU die Deutschen und die Russen ja ganz bewusst voneinander trennen, meinten die Reisenden. Mir schien, ihnen brachte es Spaß, dass sie das letzte Türchen, das es noch nach Russland gibt, aufgestoßen hatten.

Schuld und Verantwortung

Die Reisegruppe hat in acht Tagen ein großes, selbstorganisiertes Besichtigungsprogramm absolviert. Man war auf dem Roten Platz und im Kreml. Ein Spaziergang im Alexandergarten, entlang der Kremlmauer, brachte die Reisegruppe zum Ehrenmal des unbekannten Soldaten. Dort brennt eine ewige Flamme. An dem Ort herrsche eine sehr besondere Stimmung, meinten meine Gesprächspartner.

Als zentrale nationale Gedenkstätte ehrt das Ehrenmal alle gefallenen Soldaten, die anonym in Massengräbern bestattet wurden oder deren Schicksal in Schlachten gegen die Nazi-Invasoren während des Zweiten Weltkriegs (des „Großen Vaterländischen Krieges“) ungeklärt blieb.

Zu lesen ist eine Inschrift „Dein Name ist unbekannt, deine Tat ist unsterblich.“ (Имя твое неизвестно, подвиг твой бессмертен). Wolfgang sagte: „An diesem Ort wurde uns unsere deutsche historische Schuld und gegenwärtige Verantwortung insbesondere gegenüber Russland ergreifend bewusst.“

Entlang der Kremlmauer befinden sich außerdem rechteckige Blöcke aus rotem Stein, in denen sich Urnen mit Erde von den zwölf sowjetischen „Heldenstädten“ befinden. Geehrt werden die Städte Leningrad/Sankt Petersburg, Kiew, Odessa, Stalingrad/Wolgograd, Minsk, Kertsch und andere. Ausgezeichnet wurden die Städte für den heldenhaften Widerstand der dort kämpfenden Soldaten. Die Urnen ehren aber auch das Leid der Zivilbevölkerung.

Eindrücke von der Tretjakow-Galerie

Die Gruppe besuchte in Moskau noch zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten. Eindrucksvoll fanden die Reisenden auch den Besuch in der Tretjakow-Galerie. „Dort sahen wir Russlands Seele“, meinte Wolfgang. „Wieso Seele?“, fragte ich. „Naja, die alten Ikonen, die Landschaftsbilder und Bilder vom einfachen Leben, so etwa denkt man sich doch die russische Seele …“

Manchmal spaltete sich die Gruppe auf. Einige besuchten das Museum des Schriftstellers Michael Bulgakow, andere waren im Zarizyno-Schloss im Süden der Stadt. Das Schloss wurde als Landsitz für die Zarin Katharina die Große gebaut.

Man besuchte im Norden der Stadt die Pavillons des 1939 eröffneten „WDNH“-Ausstellungsgeländes, in dem die Leistungen der sowjetischen Volkswirtschaft gezeigt wurden. Heute haben auf dem Gelände auch die jetzt unabhängigen ehemaligen Sowjetrepubliken eigene Ausstellungspavillons. Dort ließ man sich landestypische Leckereien schmecken.

In einem der WDNH-Pavillons gibt es auch eine Ausstellung des russischen Malers Nikolai Roerich. Roerich ist durch seine einzigartigen Gemälde aus dem Himalaja bekannt. Als Zeitzeuge des Ersten Weltkrieges initiierte der Künstler 1935 einen internationalen Pakt zum Schutz von Kulturgütern, wissenschaftlichen Einrichtungen und Denkmälern.

Auf dem WDNH-Gelände besichtigte man auch das für Russland außergewöhnliche Futurione-Kunstprojekt, das den physischen und digitalen Raum verbindet.

Es gab auch eindrucksvolle Zufälle. Am dritten Reisetag bei einem Rundgang auf dem Friedhof der Neuen-Jungfrauen-Kirche, auf dem viele berühmte russische und sowjetische Persönlichkeiten beerdigt wurden, wurde die Gruppe Zeugin der Beerdigung von Vera Alentowa, einer berühmten russischen Schauspielerin. Sie spielte eine Hauptrolle in dem Film „Moskau glaubt den Tränen nicht“, der 1979 Premiere hatte.

Hotel-Einquartierung auf Vertrauensbasis

Mit den Dienstleistungen in Moskau waren die fünf Reisenden zufrieden. Das kleine Hotel in der Archangelskij-Gasse im Stadtzentrum, in dem sie wohnten, war gemütlich. Das Vier-Sterne-Hotel liegt direkt neben einer alten Kirche. Die Rezeption war sehr zuvorkommend. Da die Reisegruppe an einem Wochenende in Moskau ankam und die Banken, wo man Geld wechseln konnte, nicht aufhatten, durften sie zwei Tage ohne Bezahlung in dem Hotel wohnen. Die Moskauer Banken arbeiten während der Neujahrsfeiertage, die sich bis zum 11. Januar hinziehen, nur eingeschränkt.

Der Aufenthalt der Reisegruppe in Moskau wäre noch angenehmer gewesen, wenn sie die neue Registrierungsprozedur für Touristen durchlaufen hätten. Denn dann kann man mit seinem Handy Konzertkarten kaufen, Restaurantbesuche bezahlen und die Handy-Navigation benutzen.

Wenn ein Ausländer in Russland ein Handy benutzen will, muss er es zunächst registrieren. Das ist eine recht aufwendige Prozedur. Zunächst muss man sich beim Einwohnermeldeamt Gosuslugi.ru online registrieren. Erst dann kann man eine SIM-Karte für sein Handy kaufen. Um aber mit dem Handy auch einzukaufen zu können, muss man als dritten Schritt noch ein Bankkonto eröffnen.

Olga hatte diese Prozedur schon bei einer früheren Reise nach Kaliningrad absolviert. Und nur, weil Olga ein registriertes Handy hatte, konnte Sophie in der Nähe des Roten Platzes eine kostenpflichtige Toilette besuchen.

Bernd war der Zweite in der Gruppe, der ein einsatzfähiges Handy hatte. Das Handy von Bernd lief über einen US-amerikanischen Anbieter. Mit dem Handy konnte man nicht bezahlen, aber immerhin die Navigation benutzen.

Eine wichtige Rolle bei der Führung durch Moskau spielte Olga, die sich in der 13-Millionen-Stadt gut auskennt. Olga hatte schon in ihrer Zeit als Ökonomie-Studentin Touristen aus Tschechien durch die Sowjetunion begleitet. Die Russin erinnerte sich, dass sie damals manchmal Touristengruppen in das damals hochmoderne Moskauer Hotel „Kosmos“ schleuste. Die Touristen aus der sozialistischen Tschechoslowakei wollten damals – in den 1980er-Jahren – mal ein „richtiges ‚kapitalistisches‘ Hotel“ sehen, erzählte Olga. Das Hotel „Kosmos“ war extra zur Olympiade 1980 gebaut worden. Heute hat Moskau Hunderte moderne Hotels.

Sicherheitsfragen

Während unserer Gespräche kamen auch Probleme zur Sprache. Ich erklärte der Reisegruppe, dass es in Moskau vor U-Bahn-Stationen und vor berühmten Gebäuden und Einkaufszentren wegen der Gefahr ukrainischer und islamistischer Terror-Attacken Metalldetektoren und Wachleute gibt, die bei Nutzern dieser Einrichtungen stichprobenartig Taschen kontrollieren. Meine Erläuterungen schienen Sophie nicht zu überzeugen. Sie fragte, ob es denn schon Terrorakte in Moskau gab. Ich zählte ein paar Terroranschläge der letzten Zeit auf.

Im März 2024 wurden von Terroristen aus Tadschikistan und Kirgistan bei einem Anschlag auf den Konzertsaal Crocus City Hall 149 Menschen getötet und 609 verletzt. In den vergangenen zwei Jahren wurden in Moskau zwei russische Generäle durch Bombenattentate getötet. Die russischen Sicherheitsorgane erklärten, dass in allen genannten Fällen die ukrainischen Geheimdienste dahintersteckten.

Keine Diebe, keine Graffitis

Sophie und auch Olga erzählten, dass sie sich in Moskau auf der Straße sicherer fühlen als in Bremen, wo beiden schon mehrere Mal auf der Straße von Dieben Taschen geklaut wurden.

Angenehm fand die Gruppe auch, dass es in Moskau keine Graffitis gibt. In Deutschland sei eigentlich nur der Berliner Hauptbahnhof frei von Graffitis.

Den Reisenden fiel ferner auf, dass sie keine Betrunkenen und keine Obdachlosen trafen. Ich habe einen anderen Eindruck, allerdings lebe ich in einem Außenbezirk. Ich sehe immer wieder Obdachlose und manchmal auch Betrunkene, nicht in Massen, aber man trifft sie schon. Ich sehe sie manchmal, wenn sie nachts in Wohnhochhäusern auf den Feuertreppen schlafen. Auch Graffitis sehe ich gelegentlich in den Außenbezirken.

Nach Angaben der Zeitung Kommersant gibt es in Russland zwei Millionen Obdachlose, davon 238.000 in Moskau. Zur Unterbringung von Obdachlosen gibt es in der russischen Hauptstadt mit ihren 13 Millionen Einwohnern allerdings nur 1.000 Plätze.

Der Kontakt mit den Russen auf der Straße war durchweg freundlich, erzählten die Reisenden aus Deutschland. Im Kaufhaus GUM seien sie von zwei jungen Mädchen angesprochen worden. Die sagten: „Ihr müsst Deutsche sein. Die prüfen immer alles so genau.“ Die Mädchen, eine Moskauerin und eine junge Frau aus Chabarowsk im Fernen Osten, erzählten, dass sie die Sanktionen nicht stören. Die Fünfergruppe hatte den Eindruck, dass Moskau voller Touristen – auch aus dem Inland – ist, denn alle Ausflüge und Führungen in der Stadt waren ausgebucht.

Die Kommunikation in Geschäften lief problemlos. Wenn es nicht auf Englisch ging, war das Personal sofort zu einer Verständigung mittels eines elektronischen Übersetzers bereit.

Silvester kein großes Feuerwerk

Da wir uns gut verstanden und der Rote Platz für die Neujahrsfeier – vermutlich wegen Drohnengefahr – geschlossen war, lud ich die Reisegruppe zu einer Silvesterfeier zu mir nach Hause ein. Meine Gäste wunderten sich, dass in Moskauer Wohngebieten um Mitternacht fast nicht geböllert wird. Ganz ohne Feuerwerk, das kam unerwartet und fühlte sich irgendwie komisch an.

Doch zehn Minuten nach Mitternacht ging es in den Moskauer Wohnbezirken dann doch noch los. Die Menschen machten selbst kleine Feuerwerke.

Wir feierten nach russischer Sitte. In den Minuten vor dem Jahreswechsel hörten wir die traditionelle Neujahrsansprache von Wladimir Putin. Als dann um null Uhr die Kremlglocken tönten, stießen wir auf das neue Jahr an.

Die großen Feuerwerke – organisiert von der Stadt in verschiedenen Bezirken der Stadt – gab es zum Jahreswechsel 2025/26 nicht. Der Grund: Moskau wird regelmäßig von ukrainischen Drohnen angeflogen, die aber seit zwei Jahren alle beim Anflug im Umland von Moskau von der russischen Luftabwehr über Feldern und Wiesen abgeschossen werden, sodass sie in der Stadt keinen Schaden anrichten konnten.

Wie war das Echo in der Heimat?

Auf meine Frage, wie die Verwandten und Freunde auf die Reise der fünf reagierten, bekam ich gemischte Antworten. Eine Frau, die eigentlich auch nach Moskau wollte, habe im letzten Moment abgesagt, erzählte Sophie. Ihr Sohn hatte ihr die Reise wegen der Drohnen-Gefahr verboten. „Meine eigene Tochter wollte auch nicht mit“, erzählte Sophie.

Bernd erzählte, er habe am Anfang der Reise von seiner Familie kein Echo bekommen. Das fand er traurig. Aber nach einigen Tagen hätten seine Verwandten ihm geschrieben, dass sie sich Sorgen machen. Seine Cousine schrieb ihm: „Was, du bist in Moskau? Ist da nicht Krieg?“

Wolfgang kam zum Schluss unserer Gesprächsrunde nochmal ins Schwärmen: „Moskau habe ich als absolute Weltstadt wahrgenommen, die den Vergleich mit Paris oder London nicht scheuen muss – sowohl, was die alten Stadtteile anbetrifft, als auch die neue City“.

Titelbild: Bernd I.

(Auszug von RSS-Feed)

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Neuer Trend in Russland: Eine ganz persönliche Geschichte aus dem Hier und Jetzt auf der Bühne

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In diesem Jahr machen in Russland gleich zwei bekannte Schauspielerinnen ihr eigenes Leben zum Thema von Theaterstücken: die Ballerina Anastasija Vinokur [1] und die Schauspielerin Irina Gorbatschowa. Das ist für Russland neu. Mancher wird es nicht glauben, aber die russische Kultur ist offen für Experimente. Sie entwickelt sich weiter. Wenn Schauspielerinnen auf der Bühne über ihren ganz persönlichen Werdegang, über ihre Probleme und Ängste sprechen, könnte man denken, das interessiert die Zuschauer nicht. Doch das Gegenteil ist der Fall. Irina Gorbatschowa zeigt ihr Stück „Warum ich?“ [2] nicht nur in Moskauer Theatern, sondern auch in der russischen Provinz. Von Ulrich Heyden.

Der Saal in der Konzerthalle von Tula, einer Stadt 300 Kilometer südlich von Moskau, war am 4. Dezember ausverkauft. Die 37 Jahre alte Schauspielerin Irina Gorbatschowa ist unter jüngeren Menschen in Russland bekannt. Die Schauspielerin stand allein auf der Bühne. Sie erzählte – untermalt von Musik – Episoden aus ihrem Leben. Es ging Schlag auf Schlag, fast zwei Stunden, und das ohne Pause. Ein Höhepunkt der Vorstellung war, als Gorbatschowa, eingepackt in eine große Wareniki-Teigtasche mit Kirschen, ein Stück aus einer italienischen Oper sang. Diese Teigtasche strahlte pure Lebensfreude aus. Die Handys wurden gezückt. Es fehlte nur die saure Sahne, mit der die Teigtaschen verspeist werden.


Quelle: Ulrich Heyden

Irina Gorbatschowa ist eine hochgewachsene, schlanke Frau mit Kurzhaarschnitt. Sie hat einen jungenhaften, sportlichen Drive. Ich wartete vergeblich, dass die Schauspielerin mal tief durchatmet und sich sammelt. Aber nein. Es ging im Galopp. Nur, wenn sie sich auf der Bühne mit Hilfe einer Assistentin ein neues Kostüm überstreifte, blieben ein paar Sekunden, um einen Schluck aus einer Wasserflasche zu nehmen. Dieser schnelle Rhythmus, diese Fülle von verschiedenen Lebenssituationen aneinandergereiht, das passt zum Leben der jungen Russen, das sich zwischen Geldverdienen, der Lösung von Problemen und dem Geplapper in sozialen Netzwerken bewegt.

Niemand verließ den Saal. Das Thema „Angst“ und die Erinnerung an die schwierigen 1990er-Jahre gingen unter die Haut. Die Sprache der Schauspielerin war einfach. Es gab keine Anspielungen und keine Doppeldeutigkeiten. Alles wurde direkt beim Namen genannt.

Geboren am Schwarzen Meer, in Mariupol

Schon bei den ersten Worten der Schauspielerin erstarrte ich. Gorbatschowa erzählte, sie sei in Mariupol in einer ganz normalen Plattenbausiedlung aufgewachsen. Mariupol, dieser Name steht nicht nur für eine Hafenstadt am Schwarzen Meer. Man denkt bei dem Namen dieser südlichen Stadt nicht nur an Möwen, Akazien und Aprikosen. Das Wort Mariupol steht auch für eine der schlimmsten Schlachten im Ukraine-Krieg. Dass die junge Frau, die in dieser Stadt geboren wurde, auf der Bühne steht und einen ganzen Saal in Atem hält, war wie ein Zeichen, dass das Leben weitergeht.

Die erste Szene handelte von der Geburt der Schauspielerin. Diese wurde wie ein Spektakel inszeniert. Unter einem langen Tüllrock zog die Schauspielerin ein rotes Knäuel hervor. Die kleine Irina war geboren! Man hört kein „oh wie süß“ oder „ganz der Mutter ähnlich“, sondern laute Musik.

Als Irina Gorbatschowa 1988 geboren wurde, waren die Zeiten chaotisch. Die Perestroika (Umbau der Gesellschaft) von Michael Gorbatschow hatte leere Regale zur Folge. Die Menschen kämpften ums Überleben. Irinas Vater arbeitete im Stahlwerk Ilitsch. Löhne wurden damals ein halbes Jahr lang nicht gezahlt. Einmal sagte Irinas Mutter zu ihrer Tochter und den beiden Brüdern: „Kinder, ich habe heut nichts zu essen für Euch.“ Darauf sagte Irina, so als wollte sie allen Mut machen: „Wir sind gar nicht hungrig.“ Die Kinder gingen dann zum Spielen auf den Hof. Währenddessen klingelte die Mutter bei verschiedenen Nachbarn und bat um Eier, Mehl, Zucker und Öl. Sie werde das Erbetene bei Gelegenheit zurückgeben, sagte sie. Irgendwann hatte die Mutter dann genug zusammen. Und als die Kinder abends nach Haus kamen, stand auf dem Küchentisch ein großer Teller mit duftenden, in Öl gebackenen Ponschikis, Kringeln aus Teig.

Die erste Bühne war der Hof zwischen den Häusern

Der Hof zwischen den Plattenbauten, in denen sie und ihre Familie wohnten, war die erste Bühne für Irina Gorbatschowa. Hier tanzte und schauspielerte sie spontan vor Kindern und Jugendlichen. Sie erzählte, „die Omas forderten Zugaben“. Das glaubt man Gorbatschowa gerne, denn in der Konzerthalle von Tula sah man, wie die Schauspielerin einen perfekten Breakdance auf die Bühne legte und dabei auch noch sang. Die Worte „motherfucker, motherfucker“ waren zu hören.

Dass sie Schauspielerin wurde, verdanke sie einer Pädagogin in einem Sommerlager, erzählte Gorbatschowa. Die habe ihr gesagt, sie solle fünf Tätigkeiten nennen, die sie mag und mit denen man Geld verdienen kann. Gorbatschowa sagte Tanzen, Komik, Singen, Verkleiden. Darauf sagte die Pädagogin: „Du bist ein Clown!“ Als sie dann später eine Ausbildung als Clown machte, sagte ihr eine Kollegin: „Clown, das ist ein Zustand, als ob jemand einen Mehlsack auf dich geworfen hat.“

Als Schauspielerin muss man auf alles gefasst sein und improvisieren können. Als sie an der Moskauer Schukin-Schauspielschule bei einer Aufnahmeprüfung vortanzen sollte, kam Gorbatschowa in einem roten Adidas-Anzug und tanzte zu klassischer Musik in einer Mischung aus Breakdance und Ballett. Die Prüfungskommission stellte merkwürdige Fragen wie: „Können sie diesen Tanz auch im Rock vorführen?“ „Warum“, fragte Gorbatschowa. „Weil wir dann ihre Beine sehen können“. „Aber sie können doch meine Beine sehen“, sagte Gorbatschowa und zog ihre Hosenbeine stramm.


Quelle: Ulrich Heyden

Als sie dann einen Text vortragen sollte, war sie so im Stress, dass sie den Text vergaß. Schließlich trug sie ihren Lieblingstext vor. Er stammte aus dem Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Da heißt es: ‚Wenn Du einem Erwachsenen sagst, du hast einen neuen Freund, dann interessieren ihn nur Zahlen. Wie alt ist der Freund, wie viele Brüder hat er, was verdient sein Vater? Sie fragen nie, was hat er für eine Stimme, welche Spiele spielt er gerne und mag er gerne Schmetterlinge fangen?‘

Schmiere stehen bei einem Klau

Kann man das russische Publikum mit solchen Alltagsgeschichten, die 30 Jahre zurückliegen, unterhalten? Ja, das kann man. Die Schrecken der Übergangszeit in den wilden Kapitalismus liegen lange genug zurück. Aber diese Zeit hat bei allen Russen Spuren hinterlassen. Jeder kann auf seine Weise stolz sein, dass er die schwierigen 1990er-Jahre überstanden hat. Und jeder denkt heute an diese Zeit zurück.

Wie die meisten russischen Kinder spielten Irina und ihre Brüder auf dem Hof mit anderen Kindern. Die Eltern arbeiteten. Es war eine gefährliche Zeit. Der Geldmangel brachte nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder auf „krumme Gedanken“. Die Brüder planten, in einem Nachbarhaus aus einer Privatwohnung in einem oberen Stockwerk Spielzeug zu klauen. Irina sollte sich vor dem Haus postieren und das Spielzeug einsammeln, welches die Brüder aus dem Fenster werfen wollten.

Die Aktion schlug fehl. Die Räuber wurden von Erwachsenen gestellt. Irinas Vater verpasste seinen unartigen Kindern Schläge mit dem Ledergürtel. Es tat sehr weh, erinnerte sich Gorbatschowa. Weitere Raubzüge veranstalteten die Brüder nicht.

Ergreifend war, wie die Schauspielerin von ihrer ersten Liebe erzählt. Als ein gutaussehender junger Armenier, auf den Irina ein Auge geworfen hatte, ihr sagte, dass er sie gut findet, blieb Irina gefasst. Auf der Bühne spielt sie ihre Stimmung in einer Pantomime nach. Sie krümmt und windet sich, als ob eine Krankheit sie quält. Der Grund: Sie kann es fast nicht glauben, dass dieser Armenier sie gut findet, wurden ihr doch schon viele Jungen, die sie mochte, von anderen Mädchen weggeschnappt.

Der junge Armenier berührte sie dann auf einer Bank das erste Mal mit einem Finger. Auf der Bühne sah man, wie die Schauspielerin den Kampf ihrer Gefühle bei dieser Berührung wortlos in Bewegungen ausdrückte. Gorbatschowa windet sich wie eine Schlange, die von einem Stromschlag getroffen wurde. Auf männliche Zuneigung reagierte sie mit Ungläubigkeit und Scham. Nach dem ersten Kuss – es war gleich ein Zungenkuss – bekam Irina eine Warnung von ihrem Vater. Wenn es vor dem 18. Lebensjahr etwas mit einem Mann gibt, dann werde er sie bestrafen.

Schmerz, der nicht vergeht

Was war der Grund für die Gefühlskämpfe von Irina Gorbatschowa? Im ersten Teil des Stückes taucht an einer Wand unvermittelt das Wort „Bol“ (Schmerz) in großen Buchstaben auf. „Ich habe damals einen sehr großen Schmerz gehabt“, erzählte die Schauspielerin, ohne das Thema weiter auszuführen. Damals war Irina neun Jahre alt. Erst gegen Ende des Stückes kam die Auflösung zum Thema Schmerz.

Gorbatschowa erzählt. Einmal kam die Mutter besoffen nach Hause und sagte besorgt: „Irina, du kannst ja noch nicht mal Kartoffeln schälen.“ Einige Zeit später begleitete Irina – damals neun Jahre alt – ihre Mutter zusammen mit ihren Brüdern zum Zug. Danach hat sie die Mutter nie wieder gesehen. Keiner ihrer Briefe wurde beantwortet.

Nach einigen Monaten kam die Nachricht, dass die Mutter gestorben ist, offenbar an einer Krankheit. Das Grab der Mutter besuchte Gorbatschowa erst, als sie erwachsen war. Vorher hatte die Familie kein Geld für die Reise.

Der Schmerz über den Tod der Mutter steckt der Schauspielerin bis heute in den Knochen. Sie erzählte von einer Masseurin auf der Insel Bali. Die fragte, warum Irina nicht schreit, wenn bei der Massage Schmerzpunkte berührt werden. Auf der Bühne sah man die Schauspielerin, die sich am Boden krümmte und versuchte, zu schreien, was nur mit Mühe gelang.

Irina erzählte, nach dem Tod der Mutter habe sie den Schmerz regelrecht gesucht. Als Jugendliche habe sie sich mit einer Nadel Löcher ins Ohr, die Nase und die Lippen gestochen. Wollte sie ihren Schmerz für alle sichtbar machen, um sich so Erleichterung zu verschaffen? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Geteiltes Leid

Zum Schluss Schauspiels kommt Gorbatschowa auf Jesus zu sprechen. Der habe am Kreuz Schmerzen erlitten, sei gestorben, aber dann wiederauferstanden. Sie resümiert: „Geteiltes Leid lässt sich leichter ertragen, geteilte Freude ist noch schöner.“ Diese Worte wirken wie eine Erleichterung.

Von nun an wurde die Stimme der Schauspielerin ganz normal, so als ob sie einer Freundin etwas erzählt. Sie sagte, dieses Stück habe sie einfach machen müssen. Leben sei die Bühne, die Kollegen und die Freunde. Das sei der Teppich, auf dem sie stehe.

Das Publikum war ergriffen. Es applaudierte stehend und der Schauspielerin wurden viele Blumen überreicht, so wie es in russischen Theatern Sitte ist.

Mit einem Trick hatte die Schauspielerin das Publikum gleich zu Beginn des Stückes auf ihre Seite gezogen. Sie fragte, ob jemand aus dem Parkett auf die Bühne kommen könne. Dann zeigte sie auf eine Dame mittleren Alters in einem lila Pullover. „Wo arbeiten sie“, fragte die Schauspielerin die Dame. „In der ‚Tula-Waffenfabrik‘“, lautete die Antwort. Gorbatschowa bat um Applaus für die Dame. Der Saal antwortete prompt mit rhythmischem, fast begeistertem Klatschen.

Man muss wissen: In der Stadt Tula werden seit der Zarenzeit Waffen hergestellt. Der Sitz der „Tula-Waffenfabrik“ befindet sich direkt gegenüber dem Konzertsaal. Die Ehrung der Zuschauerin auf der Bühne war wie ein gemeinsames Bekenntnis zur Tradition der Stadt.

Irina Gorbatschowa hat in den letzten neun Jahren zahlreiche russische Auszeichnungen für ihre Leistungen als Schauspielerin erhalten, ihre erste bekam sie 2016. Die Aufführung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“, aufgeführt von dem Ensemble des Moskauer Theaters Fomenko, wurde als „bestes Schauspiel“ prämiert. Gorbatschowa spielte in dem Stück eine Hauptrolle.

Noch eine Schlussbemerkung: Ich kann mir vorstellen, dass viele Zuschauer den Auftritt von Gorbatschowa als Ermutigung empfanden. Eine Frau aus einer Arbeiterfamilie hat es geschafft, berühmt zu werden, ohne sich dabei an den Massengeschmack anzupassen und Klischees über Frauen zu bedienen.

Titelbild: Irina Gorbatschowa


[«1] Bericht über das Stück von Anastasija Vinokur

[«2] Persönliche Website von Irina Gorbatschowa

(Auszug von RSS-Feed)

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Ausbau der Windenergie in Sachsen an der Grenze der Belastbarkeit

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Vorschau ansehen Ausbau der Windenergie in Sachsen an der Grenze der Belastbarkeit

Ein Meinungsbeitrag von Matthias Müller.

Nach vielen Jahren von Gesetzesänderungen und meinungsbildenden Maßnahmen der Medien zur Förderung der “erneuerbaren Energien” hat sich in den letzten Jahren ein Wandel unserer gewachsenen Kulturlandschaft vollzogen. Ganze Regionen sind nach dem Ausbau der “erneuerbaren Energien” nicht mehr zu erkennen. Neben den Landschaftsveränderungen sind die Folgen mittlerweile bei den Einwohnern in der Bundesrepublik und auch im Freistaat Sachsen in unterschiedlicher Form zu spüren. Die Jahrzehnte lange Förderung mit unterschiedlichen Maßnahmen und den einschneidenden Gesetzesänderungen der Ampelregierung haben unser Land gravierend verändert. Langezeit streng geschützte und mit großer Hingabe gepflegte Naturräume, Wälder, einzigartige Landschaften, wertvolle Flora und Fauna werden nahezu flächendeckend unter dem Deckmantel eines vermeintlichen Klimaschutzes, rücksichtslos dem Ausbau der “erneuerbaren Energien” geopfert.

Schon der gewählte Begriff “erneuerbare Energie” sollte den Trugschluss mit grundlegender physikalischer Bildung offenlegen. Nach dem Energieerhaltungssatz kann Energie weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur in eine andere Form umgewandelt werden.

Windenergieanlagen erzeugen keine Energie, sie entziehen der Atmosphäre Bewegungsenergie und verändern lokal Luftströmungen und mikroklimatische Prozesse. Dennoch werden diese Effekte in Genehmigungsverfahren regelmäßig verharmlost oder vollständig ausgeblendet – mit absehbaren Folgen für Mensch und Umwelt.

Die Liste der Belastungen ist lang und wissenschaftlich dokumentiert: Dauerhafter Lärm, Infraschall, Schlagschatten, massiver Flächenverbrauch, Bodenverdichtung und Versiegelung, Eingriffe in Grundwasserstrukturen sowie Abrieb von hochgiftigen Ewigkeitschemikalien. Besonders gravierend sind die katastrophalen Auswirkungen auf die Tierwelt. Der millionenfache Tod von Vögeln und Insekten sowie das qualvolle Verenden von Fledermäusen durch extreme Druckschwankungen werden billigend in Kauf genommen – trotz eindeutiger artenschutzrechtlicher Vorgaben. Was hier stattfindet, ist kein Naturschutz, sondern dessen systematische Aushöhlung.

Gleichzeitig wird der Rechtsstaat gezielt unter Druck gesetzt. Durch politisch verordnete Genehmigungsbeschleunigungen und Sonderregelungen sind die zuständigen Behörden hoffnungslos überlastet. Eine ernsthafte Prüfung entsprechend der komplexen Gesetzeslage, z.B. nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz, Naturschutzgesetz und zahlreiche weiterer, ist faktisch nicht mehr möglich. Anträge müssen binnen drei Monaten nach Vollständigkeit durchgewunken werden, andernfalls drohen Klagen durch die Antragssteller mit erheblichen Kostenrisiken für die in schwere finanzielle Schieflage geratenen sächsischen Landkreise.

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Im Zusammenhang mit diesem Artikel verweist die apolut-Redaktion auf die Pressemitteilung des Bundesverbands Landschaftsschutz (BLS) e.V. vom 7.12.2025. Hier zum Download:

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Bildquelle: Tobias Arhelger / shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)
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