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„Trickkiste der Putin-Freunde“: Gerhard Schröder provoziert durch Vernunft

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Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat in einem Zeitungsbeitrag gegen eine langfristige Dämonisierung Russlands und für eine Wiederaufnahme des Energiehandels mit dem Land plädiert. Die scharfen Reaktionen auf diese vernünftigen Positionen waren zu erwarten. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) hat vor einigen Tagen einen Gastbeitrag in der Berliner Zeitung verfasst. Die Reaktionen auf diesen Text werden weiter unten im Text thematisiert.

Der Text ist sehr umfangreich und könnte hier nur ungenügend zusammengefasst werden. Darum wird in diesem Artikel nur auf Schröders Äußerungen zu Russland und zur Energieversorgung eingegangen. In seinem Beitrag thematisiert Schröder außerdem die Frage des „Friedens in der neuen ‚Weltunordnung‘“, die „Erneuerung der ‚linken Mitte‘ und ihre Aufgaben für den sozialen und freiheitlichen Zusammenhalt unserer Gesellschaft“ sowie jene Aufgaben, die nun seiner Meinung nach von der SPD angegangen werden müssten.

Ein Zitat, das im In- und Ausland für wütende Reaktionen gesorgt hat, ist folgendes:

Heute ist viel von militärischen ‚Fähigkeiten‘ die Rede, doch unser Land und Europa brauchen in erster Linie ‚Friedensfähigkeit’. Deshalb halte ich weiterhin für richtig, was ich in meiner Zeit als Bundeskanzler vorangetrieben habe: die, wie sich gezeigt hat, sichere und verlässliche Lieferung von preiswerter Energie aus Russland – nicht zuletzt verbunden mit dem Angebot meinerseits, die Exploration und Lieferung von Gas mit moderner und effizienter deutscher Technologie umweltverträglicher zu machen. Das zu diffamieren, ist einfach unsinnig. Im Gegenteil: Wir brauchen derartige Formen der Kooperation mit Russland.“

Schröder fährt fort:

Natürlich ist der Krieg in der Ukraine nicht zu respektieren, auch nicht zu relativieren. Er ist völkerrechtswidrig, eine Verletzung der Menschenrechte. Wir müssen alle diplomatischen Mittel nutzen, ihn zu stoppen, denn Kriege kennen ‚keine Grenze in sich’. Deshalb muss die Eskalationsdynamik gebrochen werden, um eine Ausweitung zu verhindern.

Ich bin aber auch gegen die Dämonisierung Russlands als ewiger Feind. Russland, das ist nicht das Land der Barbaren, sondern ein Land mit einer großen Kultur und vielfältigen historischen Verbindungen zu Deutschland. Es bleibt die ‚deutsche Schande‘, dass dieses Land in zwei Weltkriegen von deutschen Soldaten brutal überfallen wurde.“

Russlands Krieg in der Ukraine sei nicht zu rechtfertigen, so Schröder weiter. Aber richtig bleibe, dass dieser Krieg eine Vorgeschichte habe, die viel mit der befürchteten expansiven Ausdehnung der militärischen Infrastruktur der NATO bis an die russische Grenze und den spekulativen Überlegungen über die künftige Rolle der Ukraine im „eurasischen Raum“ zu tun habe. Der Ukrainekrieg mache auch das europäische Versagen deutlich, im Jahr 1990 nicht die Chancen einer gesamteuropäischen Sicherheitsordnung genutzt zu haben. Die sei in der „Charta von Paris für ein neues Europa“ angelegt gewesen, in der es heißt: „Sicherheit ist unteilbar. Und die Sicherheit jedes Teilnehmerstaates ist mit der aller anderen verbunden.“ Schröder weiter:

Damals waren die Türen für das ‚Gemeinsame Haus Europa‘ weit geöffnet. Nicht nur Gorbatschow hatte seine Hand ausgestreckt, später auch Wladimir Putin.“

Schröder führt aus:

Friedenspolitisch stehe ich in der Tradition von Willy Brandt und Helmut Schmidt. Ich setze mich für eine kooperative Sicherheitsordnung ein, die auch von den Vereinten Nationen gefordert wird. Wie aber soll Gemeinsamkeit geschaffen werden, wenn Russland, das größte Land der Erde, ausgegrenzt wird? Oder auch China, der neue Wirtschaftsgigant mit 1,3 Milliarden Einwohnern? (…) Die Entwicklung der Welt und ihrer technisch-ökonomischen Dynamik verlagert sich von West nach Ost. Umso mehr müsste sich Europa von Lissabon bis zum Ural als Einheit verstehen.“

Trickkiste der Putin-Freunde“: Diese Reaktionen waren zu erwarten

Der frühere SPD-Politiker und langjährige Außen- und Sicherheitspolitiker Michael Roth wies Schröders Äußerungen auf Anfrage von Euronews zurück:

Tragisch, dass Gerhard Schröder immer noch unbeirrt an den selben furchtbaren Fehlern der Vergangenheit festhält. Nicht wir ‚dämonisieren‘ Russland. Russland hat sich selbst durch seine aggressiven Völkerrechtsbrüche ins Abseits manövriert.

Roth nannte den Kreml „die größte Gefahr für Sicherheit und Frieden auf unserem Kontinent“ und warnte vor „Business as usual“ mit einer imperialistischen Diktatur.

Man könnte angesichts seiner berechenbaren Reaktionen aber auch von „Business as usual“ bei Roth sprechen.

Unionspolitiker Thomas Röwekamp (CDU) sagte der Augsburger Allgemeinen, Schröders Aussagen stünden „in offenem Widerspruch zur Realität dieses Krieges“; in einer solchen Lage brauche es „Klarheit und Haltung – nicht Verständnis für einen Aggressor“. CSU-Politiker Reinhard Brandl ordnete Schröders Aussagen als rhetorische „Trickkiste der Putin-Freunde“ ein.

Estlands Außenminister Margus Tsahkna schrieb auf X: Aufrufe, ein Land, das den brutalsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg führe, nicht zu „dämonisieren“, seien „schlichtweg entsetzlich“ – ebenso wie Hinweise auf eine mögliche neue Energiekooperation.

Damit räumt der Politiker immerhin indirekt ein, dass eine Dämonisierung stattfindet und er das auch noch gut findet.

In einer weiteren Mitteilung seines Ministeriums sprach Tsahkna von einem „heimtückischen Versuch“, Europa zu spalten und vom Kurs gegenüber Russland abzubringen. Er schrieb außerdem, Russlands umfassende Aggression sei die Folge jahrelanger Beschwichtigung und der Annahme, Handel könne Aggression eindämmen; „Wandel durch Handel“ sei gescheitert.

„Deutschland an Putins Gashahn gehängt“

Der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Heorhii Tykhyi, griff Schröder auf X an und warf ihm vor, die europäische Abhängigkeit von russischer Energie mitgeprägt zu haben. Tykhyi schrieb sinngemäß, Schröder habe einst „Deutschland an Putins Gashahn gehängt“ und Moskau damit geholfen, sich auf den Krieg vorzubereiten; heute sei Schröder selbst „an der Nadel“ und „stinke nach russischem Gas – und an seinen Händen klebe ukrainisches Blut“.

Das „Gute“ an so manchen offiziellen Erklärungen der Ukraine ist, dass sie sich durch ihren unseriös-giftigen Stil selber schwächen. Die Marotte, Schröders damalige gute Energiepolitik als „Fehler“ und als ein „Ausliefern an Russland“ zu bezeichnen, kann als geschichtslos zurückgewiesen werden.

Noch ein Wort zu Schröder selbst: Er ist einerseits der kritikwürdige Kanzler des Kosovo-Kriegs und von Hartz-IV, aber er spielt im Verhältnis zu Russland bis heute eine gute und ausgleichende Rolle. Würde sein gesamter langer Artikel hier analysiert, würde ich darin auch Kritikpunkte finden, aber Schröders in diesem Text zitierte Aussagen zur Außenpolitik kann ich alle mittragen: Sie transportieren Vernunft und Weitsicht – zwei Eigenschaften, die man bei vielen deutschen Politikern und Journalisten momentan oft so schmerzlich vermisst.

Titelbild: 360b / Shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)

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Stimmen aus Russland: Rüttelt Merz an den Grundfesten der westlichen Russland-Legende?

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„Ohne Russland sind sie nichts – bloß der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber könnten sie zu ihrer alten Macht zurückkehren.“ Mit diesen Worten erklären Experten das überraschende Statement des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, wonach „Russland ein europäischer Staat“ sei. Warum rückte Merz plötzlich vom Eckpfeiler der bisherigen westlichen antirussischen Kommunikationsstrategie ab, die jahrelang verbreitet wurde? Ein Beitrag von Geworg Mirsajan in der russischen Online-Zeitung Vzgljad.ru, aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.

In den letzten Wochen bröckelt die Einigkeit der Europäer im Konflikt zwischen Russland und der EU. Erst sprach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron davon, man müsse „so schnell wie möglich“ den Dialog mit Moskau suchen. Dann forderten die Staatschefs der größten europäischen Länder, einen Verantwortlichen für diesen Dialog zu ernennen. Doch Bundeskanzler Friedrich Merz ging noch einen Schritt weiter.

Wenn es uns gelingt, Frieden und Freiheit nach Europa zurückzubringen; wenn wir endlich wieder ein Gleichgewicht zu unserem größten europäischen Nachbarn – nämlich Russland – finden; wenn Frieden einkehrt und Freiheit gesichert ist – wenn uns all das gelingt, dann werden die EU und auch wir in der Bundesrepublik diese Prüfung bestehen“, erklärte er.

BIG U-TURN#Merz called #Russia a "European country" and expressed hope that the EU will achieve a balance in relations with Moscow. pic.twitter.com/4ikLh1JQl0

— Russian Market (@runews) January 15, 2026

Dabei galt Merz noch vor Kurzem als der schärfste europäische „Falke“ in der Russland-Frage. Im Gegensatz zum wortreichen Macron ließ Merz Taten sprechen: Er transferierte Milliarden Euro und enorme Mengen an Waffen an Kiew.

Vom „Falken“ zum Realpolitiker: Die Demontage des westlichen Feindbildes

Doch nun wiederholte Merz in seiner Rede mehrfach den Gedanken, dass Russland ein europäischer Staat sei. Und das nach vier Jahren einer Politik, die Russland konsequent aus Europa verdrängen wollte: kulturell (durch die „Absage“ an die russische Kultur), menschlich (durch Einreisebeschränkungen für Russen) und wirtschaftlich (durch 20 Sanktionspakete und den Verzicht auf russische Energie). Nicht zu vergessen die militärpolitische Ebene, auf der man Russland nicht mehr als Teil der europäischen Sicherheit, sondern als deren Hauptbedrohung darstellte.

Diese Sichtweise sei völlig konstruiert, erklärt Dmitri Ofizerow-Belski vom IMEMO-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften gegenüber der Zeitung VZGLJAD: „Russland war nie eine schädliche Kraft für Europa. Es hat nie versucht, Europa, den europäischen Geist oder die Kultur zu vernichten. Historisch wirkte es stattdessen als Stabilisator der europäischen Beziehungen.“

Andererseits diente die vom Westen und Kiew forcierte These von Russland als „Anti-Europa“ als ideologisches Fundament. Sie rechtfertigte den Zusammenhalt der EU zur angeblichen Abwehr russischer Aggression und legitimierte die Milliardenzahlungen an die Ukraine als Bollwerk gegen die „Barbaren aus dem Osten“. Sie untermauerte den Mythos eines existenziellen Kampfes zwischen Europa und Russland.

Indem Merz Russland nun als europäisches Land anerkennt, entzieht er diesem Bild den Boden. Er positioniert den Konflikt nicht mehr als schicksalhafte Schlacht zwischen Gut und Böse, sondern als eine Art innereuropäische Auseinandersetzung. Davon gab es auf dem Kontinent über die Jahrhunderte viele – und auf sie folgte stets eine Versöhnung. Manchmal entstanden aus Feinden sogar Verbündete, wie der Deutsch-Deutsche Krieg von 1866 zeigt, nach dem Österreich bald zum engsten Partner des vereinten Deutschlands wurde.

Warum vollzieht Merz diesen Schwenk, der die mühsam aufgebaute „Cancel Culture“ gegen Russland einreißt? Faktisch untergräbt der Kanzler damit die gesamte ideologische Basis, auf der die Konfrontation seit 2022 ruht. Vielleicht spielt der Zeitpunkt eine Rolle: In den letzten Monaten wurde offensichtlich, dass die Strategie der „strategischen Niederlage“ Russlands gescheitert ist. Wer diesen Kurs weiterverfolgt – besonders während Washington und Moskau bereits wieder miteinander sprechen – riskiert sein eigenes politisches Ende.

Strategische Neuausrichtung: Europa zwischen Washingtoner Dominanz und Moskauer Rohstoffen

Vielleicht spielte auch der Ort eine Rolle: Merz sprach im Osten Deutschlands, wo die Stimmung traditionell pro-russischer ist als im Westen und wo die AfD, die für normale Beziehungen zu Russland wirbt, eine Hochburg hat. „Seine Umfragewerte sinken. Die Wähler brauchen ein Signal, dass der Krieg nicht ewig dauert und es ein Licht am Ende des Tunnels gibt“, erklärt der Politikwissenschaftler Wadim Truchatschow.

Auch das Publikum könnte entscheidend gewesen sein: Merz redete vor Unternehmern. Diese leiden darunter, dass sie keinen Zugang mehr zu günstigem russischen Gas und dem attraktiven russischen Markt haben. „Die deutsche Großindustrie kritisiert den Kanzler ständig für seine Moskau-Politik“, so Truchatschow weiter.

Doch auch die Geopolitik treibt Merz um. Er sucht offenbar ein Gegengewicht zur tatsächlichen Bedrohung der europäischen Souveränität, die derzeit von den USA ausgeht. „Washington fordert höhere Verteidigungsausgaben und zieht die Europäer faktisch in einen Krieg gegen Russland hinein“, meint Ofizerow-Belski. „Gleichzeitig greifen sie nach Grönland und ignorieren europäische Interessen. Merz versucht nun, den US-Amerikanern zu signalisieren: Europa braucht diesen Krieg nicht, wir können uns mit den Russen aussöhnen.“

Strategisch gesehen erkennt Europa – unter dem Druck, unter Trump einen eigenen Weg finden zu müssen –, dass dies nur gemeinsam mit Russland gelingt. Ofizerow-Belski führt aus: „Statt jemanden aus Europa zu verdrängen, muss der Kontinent versuchen, eine neue Rolle in der Welt zu finden. Die Zeit der europäischen Weltreiche ist vorbei. Ohne Russland bleiben sie bloß der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber könnten sie wieder an Macht gewinnen“ – gestützt auf russische Rohstoffe, Absatzmärkte, Militärkraft und ein gemeinsames Sicherheitssystem.

Moskau steht einem solchen System nicht im Wege. Wladimir Putin betont, dass der Dialog nicht durch Russlands Schuld zum Erliegen kam. Er wünscht sich eine Rückkehr zur „normalen, konstruktiven Kommunikation“, die nationale Interessen und Sicherheitsbedenken respektiert.

Doch ist Merz wirklich bereit, die Beziehungen auf dieser Basis wiederaufzubauen? Und zieht der Rest Europas mit?

Aus Großbritannien klingen die Signale anders. Außenministerin Yvette Cooper lehnt jeden Dialog strikt ab, solange Moskau den Krieg nicht zu ukrainischen Bedingungen beendet. „Wir müssen den wirtschaftlichen und militärischen Druck erhöhen“, forderte sie.

Ähnlich dürften die baltischen Staaten reagieren. Jene Länder, die noch vor zehn Jahren mit ihrer Leugnung der europäischen Identität Russlands am ideologischen Rand standen, könnten dorthin zurückkehren, wenn sie das Offensichtliche weiter leugnen. Sie müssen begreifen: Russland nützt der EU mehr als Gegengewicht zu den USA denn als Schreckgespenst. Wer Moskau weiterhin dämonisiert, handelt letztlich antieuropäisch – das gilt für London ebenso wie für die Kiewer Regierung. Sie alle stellen ihre Russophobie über das Schicksal des Kontinents.

Über den Autor: Geworg Mirsajan ist Politologe, Kandidat der Politikwissenschaften und Dozent an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation. Als langjähriger Mitarbeiter des Instituts für USA- und Kanadastudien sowie Korrespondent für Weltpolitik beim Magazin Expert spezialisiert er sich vor allem auf die US-Außenpolitik, Ostasien und den Nahen Osten.

Der Beitrag ist auf Russisch hier erschienen.

Titelbild: Shutterstock / EUS-Nachrichten

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