Vorschau ansehen

Die neue US-Sicherheitsstrategie will weder neue Regimewechsel noch weitere Demokratisierung wie unter Trumps Vorgängern. Zwar will er Amerika wieder groß machen, beschränkt sich aber auf die westliche Hemisphäre. Für die Rolle des Weltpolizisten reicht es nicht mehr.
Ein Meinungsbeitrag von Rüdiger Rauls.
Widersprüchlich
Die derzeitige Lage in der Welt ist gekennzeichnet durch unterschiedliche, vielleicht sogar gegensätzliche Entwicklungen besonders in Bezug auf die USA und den politischen Westen. Einerseits wollen die Amerikaner laut ihrer neuen Sicherheitsdoktrin die Praxis der Vorgänger Trumps einstellen, Demokratisierung durch Regimewechsel in unliebsamen Staaten herbei zu führen. Andererseits aber ersetzt er die diskrete Anwendung von Gewalt Obamas und Bidens immer öfter durch die offen militärische.
Er ließ angeblich islamistische Gruppen in Nigeria und Syrien aus der Luft angreifen, wobei der Charakter dieser angegriffenen Verbände in Nigeria im Nachhinein immer fragwürdiger wird. Zur Unterstützung Israels führte er im Juni 2025 Krieg gegen den Iran. Nach zwölf Tagen blies er aber diese Aktion „Midnight Hammer“ ab, als die Lage zu eskalieren drohte. Offiziell wurde damals der Rückzug mit der erfolgreichen Zerstörung des iranischen Atomprogramms begründet.
Mit dem Ausbruch von Unruhen im Iran über den Jahreswechsel drohte Trump wieder mit dem Einsatz militärischer Mittel, versprach den Demonstranten Hilfe, die schon unterwegs sei, und forderte sie öffentlich auf, den Staat zu übernehmen. Aber Hilfe kam nicht, stattdessen ein Rückzug von den eigenen Ankündigungen, weil die iranische Führung die Vollstreckung angeblicher Todesurteile abgesagt habe. Nun droht Trump dem Iran erneut, wenn er nicht das eigene Raketen- vor allem das Atomprogramm einstellt. Hatte er dieses im Juni des Vorjahres noch als vollkommen zerstört erklärt, gibt er mittlerweile zu: „Das hat nicht funktioniert.“ (1)
Zu Jahresbeginn hatte er Venezuela angegriffen und dessen Präsident Maduro in die USA entführt. Nach diesem erfolgreich verlaufenen Streich schien dann der Gaul vollends mit dem amerikanischen Präsidenten durchzugehen. In einem Aufwasch drohte er anderen Staaten in der Region mit vergleichbaren Angriffen, sollten sie sich nicht unter das Regiment der USA fügen. Kuba will er zum Zusammenbruch bringen, indem er die Lieferungen venezolanischen Öls einstellt. Inzwischen droht er auch anderen Staaten mit der Zollkeule, sollten sie versuchen, Kuba mit Öllieferungen zu unterstützen.
Kaum aber hatte sich die Lage um Venezuela etwas beruhigt, schafft er erneut Unfrieden unter jenen Europäern, die sich immer noch als Verbündete der USA und diese weiterhin als ihre natürliche Schutzmacht sehen. Nachdem die Diskussionen um Grönland sich beruhigt zu haben schienen, droht Trump ohne erkennbaren sachlichen Grund von neuem mit der Annexion der Insel. Vor der Verschlechterung der Beziehung mit den NATO-Europäern scheut er nicht zurück. Das geht sogar so weit, dass er Briten und andere europäische Teilnehmer des Krieges in Afghanistan beleidigt, indem er ihnen Feigheit im dortigen Einsatz vorwarf. In all dem ist wenig politischer Sinn zu erkennen.
Selbsttäuschung
Nach dem Erfolg von Caracas scheint Trump sich für unbesiegbar zu halten und zu glauben, dass er nun in der Welt aufräumen und sie nach seinen Vorstellungen ummodeln kann. Im Moment sieht es fast so aus, als könnte das gelingen, weil er die Weltgemeinschaft damit überrumpelte und diese derzeit wenig Widerstand zu leisten vermag. Aber Politik ist keine Momentaufnahme. Auch Hitler hatte schon nach wenigen Wochen die Sowjetunion als besiegt ausgerufen.
Anfangserfolge halten nicht für immer und schnelle publikumswirksame Schläge gegen weit unterlegene Gegner wie Venezuela täuschen mehr die Sieger als die Besiegten. Schnell hat man sich eingeredet, unbesiegbar zu sein, und Trump wie auch seine MAGA-Anhänger sind empfänglich für Blendwerk. Wenn auch Russland und China den Überfall auf Venezuela nicht verhindern konnten, so haben beide dennoch das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Beide wissen aus der eigenen leidvollen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, dass Angriffe erst einmal ausgehalten werden müssen und Gegenangriffe sorgfältig vorbereitet sein wollen.
Das haben sie den Heißspornen aus den USA voraus. Und nicht nur das: Beide haben auch die entsprechenden Fähigkeiten entwickelt, solche Bedrohungen zu überstehen. Sie konnten sich nicht nach einem verlorenen Krieg wie in Korea, Vietnam oder Afghanistan auf der anderen Seite der Meere in Sicherheit bringen. China und die UdSSR mussten ihre Feinde besiegen und aus dem Land treiben. Das ist ihnen gelungen, und das macht ihre Stärke aus im Unterschied zu den USA. Hinzu gekommen ist die militärische Kraft.
Dennoch hat die Trump-Regierung Venezuela fürs erste im Würgegriff. Wie fest dieser wirklich ist, wird sich noch zeigen, sobald Venezuela selbst und auch die Weltgemeinschaft den ersten Schock des Trump’schen Überfalls verdaut haben. Die Lage zwischen beiden Staaten ist unklar und bei Weitem nicht so stabil, wie die Amerikaner den Eindruck zu erwecken versuchen.
Es finden Gespräche und Verhandlungen statt, aber zu Inhalten und dem Stand der Entwicklung kann wenig gesagt werden über die überschwänglichen Mitteilungen aus Washington hinaus. Das alles nicht so reibungslos abläuft, dafür sprechen die gegenseitigen Drohungen und Proteste. Neben den wirtschaftlichen Forderungen verlangt Washington, dass Caracas die Beziehungen zu China und Russland abbricht.
Kern der US-Politik
Gerade aber aus den Drohungen und Forderung der US-Regierung werden Interesse und Richtung ihrer Bemühungen deutlich. Es scheint immer offensichtlicher, dass man China und Russland vom amerikanischen Kontinent fernhalten will. Diesen sieht man in seiner Gesamtheit entsprechend der neuen Sicherheitsstrategie als eigene Hemisphäre an. Wenn Russland und China den USA schon im Weltmaßstab zunehmend erfolgreich Konkurrenz machen, so will man wenigstens im eigenen Hinterhof sich vor ihnen sicher fühlen können.
Daraus spricht das indirekte Eingeständnis, dass man sich beiden nicht mehr gewachsen fühlt – den Chinesen wirtschaftlich, den Russen militärisch. Der Volksrepublik gelingt es zunehmend, die Märkte weltweit aufzurollen – auch den amerikanischen. Sie erlangt in immer mehr Wirtschaftsbereichen Führungspositionen. Sie stellt mehr Waren her als die USA und die EU zusammen. Das ist nicht mehr nur Ergebnis der Ausweitung von Produktionskapazitäten, sondern zunehmend auf Produktivitätssteigerung zurückzuführen.
Die industrielle Basis Chinas wird immer moderner und selbst alte Industrien wie zum Beispiel die Textilbranche werden durch den Einsatz von Robotern und Künstlicher Intelligenz leistungsfähiger und rentabler. Diese Entwicklung scheint Trump rückgängig machen zu wollen nicht zuletzt auch, um die gewaltigen Defizite der USA abbauen zu können, die mittlerweile schon 1.000 Milliarden Zinsen im Jahr verursachen.
Das hatte bereits auch schon Präsident Biden versucht. Durch Förderprogramme wie den Inflation Reduction Act (IRA) oder den Chips Act hatte er mit finanzieller Förderung Unternehmen aus aller Welt in die USA gelockt, während er gleichzeitig zum Schutz der eigenen Industrie Zölle besonders auf Stahl und Aluminium erhoben, beziehungsweise jene aus Trumps erster Amtszeit beibehalten hatte.
Was Biden durch Anreize gegenüber den Unternehmen der Welt nicht erreicht hatte, versucht Trump nun – wie es seine Art ist – mit Gewalt. Durch Zölle sollen Unternehmen zur Produktionsverlagerung in die USA gedrängt werden. Dabei macht er auch vor politischem Druck und Drohungen gegenüber anderen Regierungen nicht Halt. Auch zwischen Freund und Feind macht er keinen Unterschied. Er nimmt die Deindustrialisierung der Verbündeten und anderer Staaten in Kauf, um Amerika wieder groß zu machen.
Darin zeigt sich aber auch, dass die Größe des amerikanischen Marktes alleine nicht mehr ausreicht, damit sich Unternehmen – wie früher – zur Investition in den USA entschließen. Mittlerweile muss ihnen damit gedroht werden, von diesem Markt ausgeschlossen zu werden oder den Zugang nur unter höheren Zöllen zu erreichen – zum Wohle der amerikanischen Staatskasse.
Wie bedrohlich Trump den Machtzuwachs von Russland und China sieht, wird deutlich in der Forderung gegenüber Dänemark, Grönland an die USA abzutreten. Dabei droht er gar einem langjährigen treuen Verbündeten mit militärischer Gewalt. Auch hier wird ausdrücklich auf Russland und China verwiesen. Es ist bezeichnend für das Denken von Trump und seinen MAGA-Anhängern zu glauben, dass sich die Russen und Chinesen Grönlands bemächtigt hätten, wären die USA ihnen nicht zuvorgekommen.
Unsichere Sicherheiten
Sie denken in den alten Kategorien alter Sicherheiten, dass Besitz und Gewalt Grundlagen sind für Geschäft und Macht, nicht Leistung und Interessenausgleich. Dadurch verlieren die USA zunehmend an Einfluss, und je mehr sie verlieren, um so rabiater treten sie auf. Sie drohen Nachbarn und Verbündeten und versuchen gar, einen ganzen Kontinent vor chinesischem und russischem Einfluss abzuriegeln. Das ist der Unterschied zu Russland und China, die ihren Interessen langfristig und mit Diplomatie zu erreichen versuchen, auch wenn das im Falle der Ukraine anders auszusehen scheint.
Während Trump Anstrengungen zu unternehmen scheint, durch den kostspieligen Ausbau seiner Flotte eine Art Kontinentalsperre wie seinerzeit Napoleon gegen England zu errichten, laufen ihm die Verbündeten und Geschäftspartner davon. Sie fliehen in Richtung China. Die westlichen Regierungschefs geben sich derzeit in Peking die Türklinke in die Hand. Sie wollen sich aus der Abhängigkeit vom amerikanischen Markt lösen. Sie wollen für ihre Unternehmen den Zutritt zum chinesischen Markt, der größer und dynamischer ist als der amerikanische und weitgehend zollfrei.
Die Ansiedlung ausländischer Unternehmen in China hat den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht, Ähnliches gilt auch für den Zustrom ausländischen Kapitals. Trump hat die Lektion Napoleons nicht gelernt. Man kann auf Dauer nicht mit militärischen Mitteln günstige Produkte von den Weltmärkten fernhalten. Selbst wenn er mit seinen Flotten die Küsten Amerikas dichtmachen will, wie Wasser sucht auch der Strom des Warenflusses sich immer einen Weg.
Trump droht Kanada nun wieder mit höheren Zöllen, weil es ein Abkommen mit China getroffen hat. Er befürchtet, dass damit Chinas Waren über den kanadischen Markt letztlich wieder in den USA landen. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, den amerikanischen Kontinent von chinesischen Produkten abzuriegeln, haben die USA aber selbst nicht die Industrie, die den Kontinent beliefern könnte – schon gar nicht zu chinesischen Preisen.
Anmerkungen und Quellen
(1) Global Times 1.2.2026 Die Spannungen halten an, da Trump behauptet, der Iran „spreche mit den USA“ und deutet damit ein Abkommen zur Vermeidung von Militärschlägen an; die Lage befinde sich in einem fragilen Gleichgewicht zwischen „Abschreckung und Sondierung“, so ein chinesischer Experte.
https://www.globaltimes.cn/page/202602/1354608.shtml
+++
Rüdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog Politische Analyse.
+++
Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
+++
Bild: US-Präsident Donald Trump
Bildquelle: Joshua Sukoff / shutterstock