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Ungarn nach Viktor Orbán: Nationale Wiedervereinigung und politische Abräumung durch Péter Magyar | Von Sabiene Jahn

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Vorschau ansehen Ungarn nach Viktor Orbán: Nationale Wiedervereinigung und politische Abräumung durch Péter Magyar | Von Sabiene Jahn

Der Machtwechsel in Budapest ist deutlicher ausgefallen, als selbst viele Gegner Viktor Orbáns erwartet hatten und viele Befürworter nicht für möglich hielten. Doch der Wahlabend erzählt nicht nur von einer historischen Niederlage des Fidesz-Systems. Er erzählt ebenso von einem Wahlsieger, der zugleich Versöhnung und Abrechnung verspricht, von einem Europa, das schneller jubelt als es Ungarn versteht, und von einem Land, dessen Wählerschaft weit komplizierter denkt, als es der erste Chor der Gratulanten wahrhaben will.

Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn.

Ungarn hat gewählt, und der Einschnitt ist tief. Nach den in der Wahlnacht und am Morgen danach breit berichteten fast vollständigen Auszählungsständen gewann die Tisza-Partei von Péter Magyar 138 der 199 Sitze im Parlament und damit eine Zweidrittelmehrheit. (1)

Viktor Orbán reagierte in der Niederlage schneller und klarer, als viele seiner Gegner es ihm zugetraut hatten. Er nannte das Ergebnis „schmerzhaft, aber klar“, gratulierte dem Sieger und kündigte an, Fidesz werde der Nation auch aus der Opposition heraus dienen. Reuters überliefert denselben Kern und wiederholte Orbans Worte mit, ‚die Verantwortung und Möglichkeit zu regieren sei seiner Seite nicht übertragen worden.‘ Das ist politisch bemerkenswert, weil Orbán, der jahrelang als Inbegriff illiberaler Machtsicherung von westlichen Medien beschrieben wurde, den Wählerentscheid in dieser Nacht nicht delegitimierte. Er akzeptierte umgehend. (2)

Gerade dadurch tritt der eigentliche Widerspruch dieser Wahl umso schärfer hervor. Wenn der Schweizer Chefredakteur von „DieWeltwoche“, Roger Köppel, am selben Abend von einem Generationswechsel spricht und Orbáns außenpolitische Strategie als krachend gescheitert beschreibt, dann verweist das auf einen Nerv dieser Niederlage. Orbán inszenierte sich im Wahlkampf als Friedensmann und zeichnete Péter Magyar als Kandidaten, der Ungarn in Krieg, Unterwerfung und europäische Gefolgschaft treiben werde. Doch für viele Wähler griff diese Dramaturgie offenkundig nicht mehr wie früher. Reuters berichtete ausdrücklich, dass am Ende Gesundheitswesen, Löhne und Lebensstandard für viele schwerer wogen als die von Orbán zugespitzte Alternative von Krieg oder Frieden. Hinzu kamen wirtschaftliche Stagnation, Korruptionsvorwürfe und der Eindruck, dass sich in den Kreisen des Systems Vermögen schneller vermehrte als Vertrauen. Selbst die kurz vor der Wahl publik gewordenen Mitschnitte aus dem Umfeld von Außenminister Péter Szijjártó verstärkten offenbar den Vorwurf einer problematischen Nähe zum Kreml, auch wenn die Echtheit des Materials nicht verifiziert war. So wurde Orbáns außenpolitische Kampfkulisse für viele nicht länger zur Schutzmauer vor den ungelösten Problemen im eigenen Land. Dass Brüssel nun mit sichtbarer Erleichterung reagierte, überrascht deshalb kaum, die EU-Spitze sah in Budapest einen ihrer hartnäckigsten Bremser in zentralen Fragen geschlagen. (3)(4)

Péter Magyar wiederum sprach in mehreren Ebenen zugleich und kündet in seiner Rede vom historischen Aufbruchsakt. Ungarn wolle „wieder leben“, sagt er, „wieder ein europäisches Land sein“, aber eben nicht als Vasall irgendeiner Macht. Er verspricht einen Staat, in dem Leistung zählt, in dem Bürger auf ihre Regierung zählen können, in dem Gesundheitsversorgung, Bildung für junge Menschen und ein würdiges Alter als kein Luxus erscheinen und selbstverständlich sein soll. Er spricht über ein Land, in dem niemand stigmatisiert werde, weil er anders denke, anders glaube oder anders liebe. In dieser Passage inszeniert sich Magyar als Anwalt eines zivileren, weniger verbissenen, weniger verwundeten Ungarn.

Doch schon kurz darauf kippt der Ton von Magyars. Magyar fordert den Rücktritt des Staatspräsidenten und weiterer Spitzenfunktionäre, spricht von „Marionetten“ des alten Systems und erklärt, sie sollten lieber von selbst gehen, bevor man sie fortschicke. Er kündigt an, mit einer verfassungsändernden Zweidrittelmehrheit die „Checks and Balances wiederherzustellen“, wie demokratische Kontrollmechanismen, den Beitritt zur Europäischen Staatsanwaltschaft, Anti-Korruptionspolitik und institutionelle Entflechtung des Orbán-Systems. (5)

Gerade hier liegt der neuralgische Punkt der ganzen Wahlnacht. Magyars Rede ist nicht nur eine Siegerrede. Sie ist ein Anspruch auf symbolische Neugründung. Wenn er Bibó, Kossuth, Deák, die Hunyadi, Zrínyi Ilona, Imre Nagy, Rákóczi, Szent-Györgyi, Márai, Puskás, Szabó Magda, Hajós und Esterházy zu einer gemeinsamen Ahnenreihe „seines neuen Ungarn“ verknüpft, dann ist das keine dekorative Namenliste, eher ein Legitimationsakt. Er schreibt seinen Machtwechsel in die große Erzählung ungarischer Freiheits-, Staats- und Kulturgeschichte ein. Umso schärfer wirkt der Kontrast zu den Passagen, in denen er den Rücktritt amtierender Spitzenfunktionäre verlangt und das alte Machtgefüge personell räumen will. Hier endet die Sprache der Versöhnung und beginnt die Sprache der institutionellen Abrechnung.

Und doch ist auch das Bild nicht eindimensional. In einem weiteren, Teil der Rede wendet sich Magyar direkt an die Fidesz-Wähler. Er sagt, er wisse, wie schwer Niederlagen seien, und verspreche, auch ihr Ministerpräsident zu sein. Er berichtet, Orbán habe ihn angerufen und zum Sieg gratuliert. Ihm selbst habe er gesagt, von nun an trügen beide Verantwortung dafür, das Land wieder zu einen. Der Schlüsselsatz seiner ganzen Wahlnacht lautet, Versöhnung mit den Landsleuten, aber nicht mit den Schuldigen. Genau darin steckt die Doppelcodierung Magyars gesamten Inszenierung. Er will alle Ungarn umarmen, aber nicht alle Funktionsträger im Staat stehen lassen.

Wie scharf diese Ambivalenz registriert wurde, zeigte sich im regierungsnahen Studioumfeld. Dort saßen mit Gajdics Ottó, einem langjährigen HírTV-Moderator, Szánthó Miklós, dem Leiter des juristisch und konservativ-souveränistischen Analyseinstitut „Alapjogokért Központ“ (Center for Fundamental Rights), Szabó László, einem Kommunikationsfachmann und Produzenten, sowie Boros Bánk Levente, einem führenden Analysten des regierungsnahen „Nézőpont Intézet“, vier Kommentatoren, die Magyars Auftritt nicht als gewöhnlichen Regierungswechsel lasen. Sie übersetzten den Wahlsieg in einen augenblicklichen Umbau der Staatsarchitektur. Gajdics deutete Magyar vor allem psychologisch und medienpolitisch. Er wirke nicht wie einen souverän freudigen Sieger, eher wie ein angespannter Akteur, der zwischen überhöhten Umfrageerwartungen, eigener Siegesgewissheit und den tatsächlichen Zahlen eine sichtbare Dissonanz verberge und deshalb früh auf Wahlbetrug und Manipulation ausweiche. (6)(7)(8)(9)

Am Wahlabend kursierten tatsächlich nicht bloß diffuse Manipulationsgerüchte. Eine ganze Reihe öffentlich benannter Zahlen und Falltypen waren es. Péter Magyar hatte selbst schon vor Urnenschluss eine „Betrugs-Meldeplattform“ der Tisza-Partei angekündigt. Magyar habe die Wähler aufgerufen, Unregelmäßigkeiten zu melden, und Wahlbetrug als schwere Straftat bezeichnet. Parallel dazu meldete das Fidesz-nahe Umfeld über seine eigene Struktur, das „Demokrácia Központ“, es seien dort mehr als 1.500 Meldungen eingegangen und in mehr als 800 Fällen rechtliche Schritte eingeleitet worden. In diesen öffentlich beschriebenen Fallgruppen ging es unter anderem um Einschüchterung, mutmaßlichen Stimmenkauf, problematische mobile Urnen, Wahlwerbung am Wahltag, Drohnenbeobachtung und irreführende Kampagnenpraktiken. Daneben zirkulierten auf regierungsnahen Seiten Angaben über mehrere hundert Tisza-bezogene Wahlrechtsverletzungen, während Tisza umgekehrt selbst von mehreren tausend bei ihnen eingegangenen Meldungen sprach. Gerade deshalb musste man präzise bleiben. Nicht jede Meldung war schon ein Beweis, nicht jeder Verstoß systemischer Betrug, und die amtliche Prüfung verläuft in Ungarn erst später über ein gestuftes System von lokalen, wahlkreisbezogenen, territorialen und nationalen Wahlkommissionen. (10)(11)(12)

Konkreter war die Debatte um den Umgang mit Medien. HírTV meldete, sein Team sei nicht zum Tisza-Ergebnisabend eingelassen worden und Index dokumentierte in seinem Liveticker den Satz, Magyar empfange „alle mit Liebe, außer Index“. Gerade weil Tisza selbst Transparenz und Offenheit immer wieder zum politischen Vorwurf gegen Orbán gemacht hatte, war dieser Punkt am Wahlabend symbolisch hoch aufgeladen. (13)(14)

Szánthó Miklós setzte den verfassungsrechtlich präzisesten Einwand gegen die Rücktrittsforderung an den Staatspräsidenten Tamás Sulyok. Ein auf feste Zeit gewählter Präsident verliert sein Amt nicht deshalb, weil die ihn tragende Regierung die Mehrheit verliert. Tamás Sulyok wurde 2024 gewählt und trat am 5. März seine fünfjährige Amtszeit an. Szabó László hob den Widerspruch hervor, dass Magyar einerseits von Versöhnung, Händereichen und gemeinsamer nationaler Zukunft sprach, andererseits aber selbst definierte, wer zu den „Schuldigen“ gehöre. Boros Bánk Levente wiederum las aus Magyars Rede weniger bloß innerungarische Erneuerung als vielmehr ein neuer, von Brüssel und den transnationalen Machtzentren freundlich begrüßter Kurs. Also den Beginn einer tieferen West-, EU- und NATO-Einbindung mitsamt möglicher ideologischer Verdrängung des nationalkonservativen Lagers und nicht nur einen Regierungswechsel. Übertreibung und Polemik waren in diesen Reaktionen reichlich vorhanden, doch der Kern des Unbehagens war real. Ein Wahlsieger, der schon in der ersten Nacht Namen, Ämter und Abgänge aufzählt, wirkt nicht nur erneuernd – er wirkt insgesamt sehr bedrohlich. (15)(16)

Im gesicherten Wortlaut meinte Péter Magyar mit den „Schuldigen“ zwar nicht ausdrücklich Fidesz-Wähler. Er fokussierte auf jene, die aus seiner Sicht „das Land bestohlen“, „Hass zwischen Ungarn und Ungarn geschürt“ und „das Land verraten“ hätten. Das richtet sich primär gegen die Funktionselite des alten Systems, gegen staatliche Spitzenämter, gegen ein Machtmilieu. Aber gerade hier entsteht die politisch gefährliche Offenheit. Denn wenn ein Wahlsieger in derselben Rede den Fidesz-Anhängern verspricht, auch ihr Ministerpräsident zu sein, zugleich aber den alten Apparat moralisch vorab in „Schuldige“ und zu entfernende „Marionetten“ sortiert, dann bleibt die Grenze unscharf. Wer gehört noch zur legitimen politischen Gegenseite, und wer gilt bereits als zu beseitigender Teil des Systems? Diese Unschärfe ist nicht bloß rhetorisch problematisch. Sie ist in einem Land mit Millionen Fidesz-Wählern politisch gefährlich. Fidesz wurde durch diese Wahl ja nicht ausgelöscht. Sie blieb trotz schwerer Niederlage bei einem bereits sehr weit fortgeschrittenen Auszählungsstand von 94,1 Prozent mit 2.050.699 Stimmen, 37,7 Prozent und 55 Sitzen im Parlament ein gewichtiger Teil des Landes. Gerade deshalb wirkte Magyars Sprache wie die Ankündigung einer Generalabrechnung.

Hinzu kommt ein Punkt, der Magyars Generalabrechnung erklärungsbedürftig macht. Er war kein äußerer Dissident, der das Orbán-System immer schon aus der Distanz bekämpft hätte. Magyar selbst war ein früherer Fidesz-Insider und Verbündeter Orbáns, zudem der frühere Ehemann der Ex-Justizministerin Judit Varga. Reuters beschreibt ihn ausdrücklich als jemanden, der schon als Kind ein Foto Orbáns an die Wand hängte. Sein politischer Aufstieg zum Oppositionsführer begann erst nach dem Pardon-Skandal von 2024, als sich das Regierungslager in einer schweren Vertrauenskrise befand. Wer mehr als zwei Jahrzehnte politisch, sozial und institutionell in diesem Milieu stand und sich erst sehr spät von ihm löste, kann schwer so sprechen, als habe er mit alledem nie etwas zu tun gehabt. Genau darin lag die beunruhigende Doppelstruktur dieses Abends. (17)(18)

Gleichzeitig wurde der Abend im Grenzraum zur Ukraine ganz anders gelesen. Dunda György aus der Karpatenukraine war dafür aufschlussreich. Er berichtete von kursierenden Bildern aus dem Umfeld ungarischer Auslandsvertretungen, auf denen Fahrzeuge und uniformierte Personen zu sehen gewesen seien. Wichtiger war seine politische Lesart. In der Ukraine, wo seit 2019 keine regulären nationalen Wahlen mehr stattgefunden haben, werde die ungarische Wahl mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, weil sie das Verhältnis zwischen Budapest und Kiew, blockierte Finanzfragen und die europäische Perspektive der Ukraine erheblich beeinflussen könne. Budapest und Kiew standen zuletzt wegen eines von Ungarn blockierten 90-Milliarden-Euro-EU-Darlehens, der Druschba-Pipelinefrage und der breiteren Ukraine-Politik in erheblicher Spannung. (19)(20)

Auch die europäische Reaktion auf den Machtwechsel verdient eine nüchterne Korrektur. Ursula von der Leyen erklärte, „Ungarn hat Europa gewählt. Europa hat sich immer für Ungarn entschieden.“ Emmanuel Macron sprach von einer demokratischen Beteiligung und von den Werten der Europäischen Union. Friedrich Merz, Donald Tusk und andere gratulierten rasch. Politisch ist diese Freude verständlich. Analytisch ist sie zu grob. Denn kurz vor der Wahl zeigte eine ECFR-Erhebung, dass 77 Prozent der Ungarn die EU-Mitgliedschaft befürworten, zugleich aber 68 Prozent einen anderen oder veränderten Kurs ihres Landes gegenüber Brüssel wünschen. Selbst unter Fidesz-Anhängern wollten 65 Prozent in der Union bleiben. Das heißt, der Satz „Ungarn hat Europa gewählt“ trifft nur dann zu, wenn man hinzufügt, dass auch ein erheblicher Teil des früheren Fidesz-Lagers europäisch denkt, aber eben nicht im Sinn vorbehaltloser Unterordnung unter die politische und moralische Tonlage der EU-Spitze. (2)(21)

Gerade deshalb ist es möglicherweise zu voreilig, Tisza als simples Brüsseler Projekt zu lesen, auch wenn Magyars Koordinaten sich am Abend so deuten ließen. Reuters beschreibt Magyars Partei als mitte-rechts und bewusst pragmatisch-konservativ. Seine Linie ist klar proeuropäisch, aber nicht automatisch kulturell progressiv im westlichen Sinn. Er will die Beziehungen zur EU reparieren und blockierte Mittel freisetzen, lehnt aber die beschleunigte EU-Mitgliedschaft der Ukraine ohne Referendum ab, lehnt Migrantenquoten ab und will die Grenzsicherung nicht schleifen. Reuters betont zudem, dass er konservative Wähler ausdrücklich nicht verschrecken wollte. Tisza ist also nicht einfach die ungarische Ausgabe eines links-liberalen Westeuropa-Projekts. Vielmehr eine rechtsbürgerliche Revolte gegen ein erschöpftes Machtsystem mit starkem EU-Anschlusswillen. (17)

Auch bei Russland ist die Lage komplexer als es die ersten Lagerdeutungen nahelegen. Magyar wolle die russische Energieabhängigkeit bis 2035 beenden, aber pragmatische Beziehungen zu Moskau bewahren. Das ist eine spürbare Westverschiebung gegenüber Orbán, aber noch keine automatisch kriegerische Linie. Gerade deshalb sollte man weder in den europäischen Jubelchor einstimmen noch die apokalyptischen Deutungen übernehmen, die in einschlägigen Kommentarspalten sofort vom „Sieg der Kriegstreiber“ sprachen. Entscheidend wird sein, wie sich die neue Regierung gegenüber Ukraine, NATO, Energiepolitik und den blockierten Finanzfragen konkret verhält. (17)

Die Reaktionen außerhalb Ungarns zeigen allerdings, was auf dem Spiel steht. In den Kommentaren der Sozialen Medien prallen zwei Deutungen frontal aufeinander. Für die einen ist Orbáns Niederlage ein Triumph von EU-Zentralismus, Ukraine-Lobby, Soros-Netzwerken und Kriegspolitik. Für die anderen ist sie die überfällige Abwahl eines korrupten Autokraten und die Rückkehr Ungarns in das demokratische Europa. Dazwischen stehen skeptische Stimmen, die gar keinen Sieger sehen, sondern nur die Beschleunigung eines europäischen Zerfalls. Das ist kein repräsentatives Meinungsbild, aber es zeigt exemplarisch, wie sehr Ungarn inzwischen als Chiffre für den gesamteuropäischen Richtungsstreit dient.

Nüchtern betrachtet bleiben am Ende dieser Wahlnacht drei Erkenntnisse. Viktor Orbán hat klar verloren, und zwar nicht knapp. Sogar sehr deutlich. Péter Magyar hat nicht nur einen Regierungswechsel versprochen. Er setzte einen rigorosen institutionellen Umbau oben auf, dessen rechtsstaatliche Form sich erst noch herausstellen muss. Und, der Wahlabend selbst war groß genug, um den politischen Kurs zu ändern, aber formal noch nicht groß genug, um jedes Detail bereits endgültig zu deklinieren. (1)(2)(5)

Denn auch das gehört zur Wahrheit. Nach den Ankündigungen des Präsidenten des Nationalen Wahlamts, Nagy Attila, und des Vorsitzenden der Nationalen Wahlkommission, Sasvári Róbert, waren die am Wahlabend veröffentlichten Zahlen vorläufige Ergebnisse. Am Wahlabend sollten nur etwa 94 bis 95 Prozent der Stimmen vollständig verarbeitet sein. Briefwahlstimmen, Auslandsstimmen und Stimmen aus dem Verfahren der Ummeldung konnten in den Folgetagen noch eingehen oder weiterverarbeitet werden. In knappen Wahlkreisen oder bei der nationalen Liste waren deshalb bis zur vollständigen Verarbeitung noch Verschiebungen möglich. Die Wahlkreis-Ergebnisse sollten bis spätestens 18. April, das nationale Listenergebnis bis spätestens 4. Mai festgestellt werden. Das ändert freilich nichts mehr am Machtwechsel, wohl aber potenziell an knappen Wahlkreisen oder an der exakten Randverteilung einzelner Sitze. (10)(11)

Der eigentliche Kern dieser Wahl liegt jedoch tiefer. Die Ungarn haben nicht einfach „Europa“ gewählt und auch nicht einfach „Orbán“ verworfen. Sie haben offenbar eine empfundene Erschöpfung der Politik abgewählt und einem neuen politischen Projekt ein außergewöhnlich starkes Mandat gegeben. Péter Magyar spricht hierzu wie ein nationaler Versöhner und schwingt dabei die politische Abrissbirne. Viktor Orbán reagierte staatsmännischer, als viele seiner Bewunderer in Europa ihm je einräumen würden, und Brüssel jubilierte, bevor es die innere Komplexität des stolzen und traditionsreichen Landes Ungarn überhaupt verstanden hat. Und Ungarn selbst steht nun vor der eigentlichen Aufgabe: Wird aus diesem Triumph tatsächlich eine rechtsstaatliche Erneuerung oder eine neue Form moralisch legitimierter Machtkonzentration, die die EU-Spitze nunmehr für ihre Zwecke missbraucht?

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Bildquelle: Zoltan Galantai / shutterstock

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Der Artikel erschien zuerst am 13.04.2026 bei globalbridge.ch.

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Quellen und Anmerkungen: (abgerufen am 12. und 13. April 2026)

1.) https://apnews.com/article/1a4eb0ba6b94e0c80c3cd18bd36254ab

2.) https://www.reuters.com/world/reactions-pm-orbans-likely-defeat-hungarys-election-2026-04-12/

3.) https://www.reuters.com/world/europe/orban-ousted-after-16-years-hungarians-flock-pro-eu-rival-2026-04-12/

4.) https://www.reuters.com/business/media-telecom/hungarian-minister-offered-send-russia-eu-document-leaked-audio-2026-04-08/

5.) https://www.reuters.com/business/finance/hungary-oppositions-landslide-win-heralds-reforms-thaw-eu-ties-2026-04-13/

6.) https://hirtv.origo.hu/musorvezeto/gajdics-otto

7.) https://alapjogokert.hu/en/about-us/our-team

8.) https://www.youtube.com/watch?v=6plTXk-bSYI

9.) https://nezopont.hu/hu/rolunk/munkatarsaink

10.) https://www.valasztas.hu/jogorvoslat

11.) https://www.valasztas.hu/ogy_vbtag

12.) https://index.hu/belfold/2026/valasztas/2026/04/10/orszaggyulesi-valasztas_2026_szavazas_reszvetel_eredmeny_percrol_percre/fidesz-a-demokracia-kozpont-fogadja-a-bejelenteseket-a-tiszas-valasztasi-csalasokrol/

13.) https://hirtv.origo.hu/ahirtvhirei/2026/04/a-sajtoszabadsag-jegyeben-nem-engedtek-be-a-hirtv-stabjat-a-tisza-part-eredmenyvarojara

14.) https://index.hu/belfold/2026/valasztas/2026/04/10/orszaggyulesi-valasztas_2026_szavazas_reszvetel_eredmeny_percrol_percre/magyar-peter-mindekit-szeretettel-var-kiveve-az-indexet/

15.) https://www.reuters.com/world/europe/hungarian-parliament-elects-top-court-chief-new-president-2024-02-26/

16.) https://sandorpalota.hu/en/main-page

17.) https://www.reuters.com/world/europe/once-inspired-by-orban-hungarys-peter-magyar-unseats-him-landmark-election-2026-04-12/

18.) https://apnews.com/article/ce08f1cf55219af8773a594b10514547

19.) https://www.reuters.com/world/europe/ukraines-election-chief-warns-against-rushed-post-war-vote-2026-01-19/

20.) https://www.reuters.com/business/energy/hungary-block-eur-90-bln-loan-ukraine-over-oil-stoppage-minister-says-2026-02-20/

21.) https://www.theguardian.com/world/2026/apr/09/majority-hungary-voters-back-continued-eu-membership-poll-finds-election-orban

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13. April: Machtwechsel in Ungarn | „Energiesofortprogramm“ | Blitzermarathon startet

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Machtwechsel in Ungarn nach 16 Jahren: Oppositionelle Tisza holt Zweidrittelmehrheit

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Ungarn vor Regierungswechsel nach 16 Jahren: Oppositionelle TISZA steuert auf Zwei-Drittel-Mehrheit zu

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Magyar könnte Orbán ablösen - warum die Wahl in Ungarn für Europa wichtig ist

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Ungarn vor historischer Wahl: Gesellschaft gespalten wie selten zuvor

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Vorschau ansehen Ungarn steht vor einer der entscheidensten Wahlen der vergangenen Jahrzehnte. Die Opposition sieht eine historische Chance auf einen Machtwechsel. Die Regierung warnt hingegen vor politischen und wirtschaftlichen Risiken. Beide Seiten mobilisieren große Menschenmengen. Die Stimmung im Land ist angespannt.
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Ungarn wählt: Magyar könnte Orbán ablösen - Stimmungslage und Wahlsystem im Überblick

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Hund in Mikrowelle gekocht? Die schockierenden Abgründe des Péter Magyar

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Er ist der Mann, der für Brüssel den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán stürzen soll. Die EU-Eliten und linksliberalen Medien feiern ihn als tadellosen Heilsbringer. Doch nun wirft seine Ex-Frau die grauenhaften Abgründe des Politikers Péter Magyar in den Ring. Was Ex-Justizministerin Judit Varga beschreibt, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.

“16 Jahre mit einem Monster” – so lautet der erschütternde Titel der Biografie, in der Judit Varga schonungslos mit dem Chef der oppositionellen Tisza-Partei, Péter Magyar, abrechnet. Die neuen Vorwürfe, die die ehemalige Ministerin gegen ihren Ex-Mann erhebt, sind von einer derartigen Abartigkeit, dass man sich fast übergeben möchte.

Laut der langjährigen Ehefrau und Mutter seiner Kinder soll der angebliche “Saubermann” der ungarischen Opposition nicht nur an einer schweren Alkoholabhängigkeit leiden. Die Vorwürfe gehen weit in das Reich des Unvorstellbaren: Varga wirft Magyar vor, im Vollrausch tiefste Hemmschwellen überschritten und vor den Augen der gemeinsamen Kinder masturbiert zu haben.

Und es wird noch schlimmer: In einem Akt von unbegreiflicher und bestialischer Tierquälerei soll der Mann, der mit Brüssels Segen in Ungarn bald höchste Regierungsverantwortung übernehmen will, einen Hundewelpen der Familie bei lebendigem Leib in der Mikrowelle gekocht haben – und das direkt vor den Augen seiner Familie! Das ist also der Kandidat, den die Eurokraten so unbedingt zum neuen starken Mann in Budapest machen wollen! Ein Politiker, der laut den Schilderungen seiner Frau schwerwiegende psychopathische Züge aufweist, gilt in Brüssel als großer Hoffnungsträger.

Für die EU-Kabale scheint jedes Mittel und offensichtlich auch jeder noch so verrufene Kandidat recht zu sein, solange er treu die Agenda der Brüsseler Zentralisten verfolgt. Moralische Maßstäbe sind nebensächlich, Hauptsache, das bislang so widerspenstige Ungarn wird wieder “auf Linie” gebracht. Denn mit Viktor Orbán gibt es weder Milliarden für die Ukraine, noch eine Überfremdung Ungarns durch Moslemhorden, oder gar einen Krieg gegen Russland.

Dass Magyar vor nichts zurückschreckt, ist eigentlich längst bekannt. Schon vor Monaten kam heraus, dass der Oppositionsführer seine eigene Frau heimlich aufnahm, als diese noch Ministerin war, um sie später mit den intimen Tonbändern politisch zu erpressen. “Verrat ist keine Leistung, schon gar nicht, wenn es der Verrat an der eigenen Familie ist”, stellte Judit Varga nach einer kürzlichen Gerichtsanhörung klar. Sie zeichnet das Bild eines weinenden, bettelnden und gleichzeitig manipulierenden Tyrannen, der seine Frau massiv terrorisierte und erpresste, als diese die unerträgliche Ehe endlich beenden wollte.

Magyar selbst weist wie gewohnt alles ab, spricht verächtlich von einer großen “Propaganda-Verschwörung” der Regierung und tut so, als sei er das eigentliche Opfer in diesem Drama. Doch die Schilderungen Vargas passen zu dem Skrupel-Befund eines Mannes, der heimlich private Gespräche seiner Frau mitschneidet, um seine eigene Karriere zu pushen.

Zwar steht hier Wort gegen Wort, doch die Vorwürfe seiner Ex-Frau wiegen schwer. Inwieweit das Buch und die Anschuldigungen sich auf die Wählergunst auswirken werden, wird sich noch zeigen. Doch viele bislang noch unentschlossene Wähler könnten sich nun für Orbán entscheiden und somit die Schicksalswahl für den weiteren Kurs in der Europäischen Union zugunsten der Souveränisten entscheiden.

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JF-Interview mit Stefan Pleyer „Magyar wird von vielen mit dem jungen Orbán verglichen“

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Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán (rechts) und sein Kontrahent Péter Magyar: Durch Ungarn zieht sich ein Riss. Fotos: picture alliance / Photoshot | - /// 575955431 /// AdobeStock_1769960025 /// AdobeStock_1817962090 /// JF Montage mit KI

Vor der Ungarn-Wahl zieht der stellvertretende Chefredakteur des ungarischen „Sonntagsblatts“, Stefan Pleyer, im JF-Interview Bilanz. Was bleibt von der Politik von Ministerpräsident Viktor Orbán? Welche Chancen Herausforderer Péter Magyar hat.

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Parlamentswahl in Ungarn So setzen Fidesz und Tisza ihren politischen Kompass

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Foto: picture alliance / NurPhoto | Balint Szentgallay u. Anadolu | Robert Nemeti u. AdobeStock_127004647

In Ungarn tobt der politische Wettstreit um die Macht. Orbán und Magyar sehen die Parlamentswahl als Schicksalsfrage für das Land. Doch wie viel trennt ihre Parteien Tisza und Fidesz ideologisch?

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„Brief aus Budapest #8“: Ungarns Schicksalswahl | Von Gábor Stier

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Ungarns Wahlkampf steuert auf ein dramatisches Kopf-an-Kopf-Rennen zu. Während Premierminister Viktor Orbán Stabilität verspricht, setzt Herausforderer Péter Magyar auf radikale Erneuerung. In diesem Ringen steht das Land im Fokus ausländischer Interventionen – zwischen nationaler Souveränität und dem massiven Druck der globalistischen Front. Ein geopolitischer Krimi, bei dem bis zum 12. April mit heftigen Überraschungen zu rechnen ist.

Ein Meinungsbeitrag von Gábor Stier – aus dem Ungarischen übersetzt von Éva Péli.

Mit den machtvollen Demonstrationen am 15. März ist der Wahlkampf in Ungarn in die Zielgerade eingebogen. Während die Regierungspartei Fidesz zum „Friedensmarsch“ aufrief, mobilisierte die „Tisza“-Partei (Tisztelet és Szabadság Párt – Partei für Respekt und Freiheit) ihre Anhänger zum „Nationalen Marsch“. Beide politischen Lager können zufrieden sein: Sowohl vor dem Parlament als auch auf dem Budapester Heldenplatz versammelten sich gewaltige Menschenmengen. Die Veranstaltungen hielten, was sie versprachen – allen voran die massive Mobilisierung der eigenen Basis. Auch die Reden waren darauf zugeschnitten und lieferten inhaltlich kaum Neues.

Der Fidesz verspricht Stabilität. Folgerichtig appellierte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán an die Ängste vor der Ukraine und einem drohenden Krieg. Péter Magyar hingegen suggerierte – mit nicht geringer Übertreibung –, dass seine Tisza-Partei für einen Systemwechsel und die damit verbundenen Hoffnungen auf Erneuerung stehe. Die Botschaft des Fidesz war klar: Die Opposition würde das Schicksal des Landes an die Ukraine binden, Brüssel kritiklos dienen und damit Ungarn in Gefahr bringen. Die Tisza-Partei wiederum warf der Regierung vor, das Land aus der EU herauszuführen und es an autoritäre Systeme, primär an Russland, zu ketten.

Der Kern des Wahlkampfs lässt sich somit auf eine Frage reduzieren: Gelingt es dem Fidesz, die Wahl als reine Sicherheitsfrage umzuwidmen, oder wird sie zu einem Referendum über die Regierungsführung, den Ministerpräsidenten und den Zustand des Landes? Ein bekannter ungarischer Politologe bemerkte hierzu treffend: Es gewinnt nicht derjenige, der mehr Themen besetzt, sondern wer es schafft, ein einziges Thema zum entscheidenden Dreh- und Angelpunkt der Wahl zu machen.

Stabilität gegen Erneuerung

Der Wahlkampf schwankt zwischen dem Versprechen von Stabilität in einer instabilen Weltlage und der Verheißung einer Erneuerung. Beide Anführer sprechen primär ihre eigene Basis an. Doch auffallend ist, dass hinter der Tisza-Partei neben den Unzufriedenen auch ein Teil der traditionellen Nichtwähler steht. Man kann jedoch nicht eindeutig behaupten, dass dieser unpolitische Teil der Gesellschaft ausschließlich die Opposition unterstützt; die enorme Herausforderung mobilisiert auch jene, die bereit sind, für Orbán an die Urne zu gehen.

Für Orbán ist die Situation neu: Anders als früher ist es ihm diesmal nicht gelungen, die Opposition zu polarisieren. Das größte Problem für den Fidesz und Viktor Orbán besteht darin, dass sie Schwierigkeiten haben, die Sprache der Jugend und jener Unentschlossenen zu finden, die den „Wind der Veränderung“ spüren. Zwar gibt es – wenn auch zaghafte – Versuche der Öffnung; so gibt Orbán entgegen früherer Gepflogenheiten zahlreiche Interviews, gelegentlich sogar Oppositionsmedien. Doch gegen den Wunsch der Jugend nach einem neuen Gesicht und Veränderung ist schwer anzukommen – dabei scheint es viele junge Wähler kaum zu stören, dass die Alternative der narzisstische und psychisch unausgewogene Péter Magyar ist, dem man wahrlich keine Regierungskompetenz nachsagen kann.

Die unter 30-Jährigen – ein Segment, in dem der Fidesz nur bei etwa zehn Prozent liegt – lassen sich auch kaum davon beeindrucken, dass junge Menschen in Ungarn derzeit durch Drei-Prozent-Kredite und millionenschwere Förderungen beim Kinderkriegen so günstig wie nirgendwo sonst in der EU zu Wohneigentum kommen können. Wer mindestens zwei Kinder zur Welt bringt, zahlt zudem keine Einkommensteuer. Orbán formulierte diese Haltung pointiert: „Der Vater ist ein Mann, die Mutter ist steuerfrei.“ Auch die Tatsache, dass sich das öffentliche Vermögen Ungarns verdoppelt hat und die Devisenreserven auf einem historischen Hoch stehen, prallt an den Unzufriedenen ab, während die Wirtschaft zweifellos mit ernsthaften Problemen kämpft.

Die geopolitische Karte

Orbán verspricht Berechenbarkeit. Seine Botschaft lautet: Er hält Ungarn aus dem bewaffneten Konflikt heraus und bewahrt die Stabilität. Damit erreicht er nicht nur seine eigene Basis, sondern durch seine Antikriegs-Haltung potenziell auch Wähler jenseits des rechten Spektrums. Péter Magyar erkennt diese Falle; er meidet das Thema auffällig und versucht stattdessen, die Wahl zu einer Abstimmung über die Person Orbán zu machen. Doch gelegentlich kommt die Wahrheit ans Licht – etwa, wenn Oppositionspolitiker in kleinen Kreisen über Steuererhöhungen sprechen oder jene Ungarn aus Transkarpatien als Deserteure und Vaterlandsverräter beschimpfen, die nicht in einem sinnlosen Krieg an der Front sterben wollen.

Die Mobilisierung wird für den Ausgang der Wahl der entscheidende Faktor sein. Sollte die Wahlbeteiligung spürbar die Marke von 75 Prozent überschreiten, könnte der Fidesz ernsthaft in Bedrängnis geraten. Da die Mittelschicht in Budapest und den anderen Großstädten bereits als hochgradig aktiv gilt, hängt das Endergebnis maßgeblich davon ab, ob es Orbán gelingt, die ländlichen Regionen in ähnlicher Weise zu bewegen. Zudem ist ein Generationenkonflikt spürbar: Erst ab 45 Jahren verschiebt sich der Trend deutlich zugunsten des Fidesz. Bei den Parteilisten dürfte der Unterschied innerhalb der Fehlertoleranz liegen – derzeit führt die Opposition knapp –, doch in den Direktwahlbezirken könnte der Fidesz das Blatt wenden und so eine minimale Mehrheit erringen. Als dritte Kraft könnte die national-radikale „Mi Hazánk“ (Unsere Heimat) ins Parlament einziehen, was Orbáns Spielraum unter Umständen erweitern würde.

Einmischung von außen: Washington, Brüssel und Kiew

Das Besondere dieser Wahl ist die Intensität, mit der die Geopolitik zum innenpolitischen Faktor geworden ist. In einer Welt im Umbruch, geprägt von Migrationskrisen, Pandemien, Energiekrise und Kriegen in Europa, wächst die Bedeutung von erfahrenen Spitzenpolitikern, die entschlossen nationale Interessen vertreten. Orbán hat als eines der Gesichter der europäischen Rechten das „kleine Ungarn“ geopolitisch groß gemacht. Budapest gilt mittlerweile als das europäische Zentrum einer erstarkenden „rechten Internationale“. Die Botschaft der Conservative Political Action Conference (CPAC) kürzlich in Budapest war deutlich: Sollte Orbán scheitern, wäre dies auch ein Fiasko für die patriotischen und souveränistischen Kräfte Europas. Es ist kein Zufall, dass vor den Wahlen sogar der Vizepräsident der USA, James David Vance, Ungarn besucht, um Orbán zu stärken, während der globalistische Mainstream – unter Instrumentalisierung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj – alles unternimmt, um ihn zu stürzen.

In diesem Wahlkampf werden sowohl die „ukrainische“ als auch die „russische Karte“ gespielt. Das Verhältnis zwischen Budapest und Kiew ist seit langem gespannt, da Ungarn die Unterstützung Kiews und dessen beschleunigte EU-Integration kritisch sieht. Die Ukraine greift nun – nach eigenem Eingeständnis – in den Wahlkampf ein, etwa durch die Blockade der „Druschba“-Ölpipeline. Was Kiew bisher als technisches Problem behandelte, wurde nun mit stillschweigender Unterstützung Brüssels zur politischen Erpressung hochgestuft. Budapest reagiert darauf mit der Drohung eines Vetos gegen EU-Milliardenkredite für die Ukraine und das 20. Sanktionspaket gegen Russland.

Während die Einmischung Brüssels und Kiews zugunsten der Opposition offensichtlich ist, bereiten Orbáns Gegner ein Narrativ vor, wonach ein Fidesz-Sieg nur russischer Einmischung zu verdanken und somit illegitim sei. Dies wird unter anderem durch einen gezielten Artikel der Washington Post untermauert, der die Ankunft angeblicher russischer Experten in Ungarn sowie die engen Kontakte zwischen dem ungarischen und dem russischen Außenminister thematisiert. Auch Berichte über die Überwachung von Außenminister Péter Szijjártó dienen dazu, Orbán international zu isolieren und die Opposition zu radikalisieren.

Der „Wahlhelfer“ Selenskyj

Interessanterweise kommt die effektivste Wahlhilfe für den Fidesz derzeit von Selenskyj. Seine harschen, teils unflätigen Attacken gegen die ungarische Führung stoßen selbst bei neutralen oder oppositionellen Wählern auf Ablehnung. Während Brüssel sich offiziell zurückhält, bestätigt das aggressive Auftreten Kiews genau jene Narrative, die Orbán vertritt. Die anti-ungarischen Ausfälle werden nur vom „harten Kern“ der Opposition beklatscht; Unentschlossene werden dadurch eher abgestoßen. Diese Politik Kiews könnte sich als schwerer Fehler erweisen, denn sollte Orbán gewinnen – woran Selenskyj dann einen erheblichen Anteil hätte –, wird eine künftige Zusammenarbeit mit Budapest für Kiew alles andere als einfach. Viele Ungarn empfinden Selenskyjs Stil schlichtweg als Beleidigung ihres Landes.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Ungarisches Plakat mit: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj und dem ungarischen Oppositionsführer Peter Magyar mit dem Schirftzug "Ők adót emelnek" (Sie erhöhen die Steuern)

Bildquelle: csikiphoto / shutterstock

„Brief aus Budapest #8“: Ungarns Schicksalswahl | Von Gábor Stier

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Wahlen in Ungarn und was das für die Wirtschaft in Deutschland bedeutet

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Am 12. April finden in Ungarn Parlamentswahlen statt, die für Viktor Orbán nach 16 Jahren ununterbrochener Regierungszeit die bisher größte Herausforderung darstellen. Das Land ist weiterhin einer der wichtigsten Produktionsstandorte der deutschen Industrie.

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Der Kampf der EU gegen Orbán| Von Thomas Röper

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Der Kampf der EU gegen Orbán| Von Thomas Röper
Tagesdosis 20260320 apolut
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Der Kampf der EU gegen Orbán| Von Thomas Röper

In Ungarn sind am 12. April Wahlen und die EU setzt alles daran, einen Wahlsieg von Orbán zu verhindern. Facebook wurde offenbar von der EU angewiesen, regierungsfreundliche ungarische Medien zu sperren und auch die Verbreitung von Posts des ungarischen Ministerpräsidenten wurde eingeschränkt.

Ein Kommentar von Thomas Röper.

Am 3. Februar hat das US-Außenministerium einen Bericht veröffentlicht, in dem es der EU vorwirft, mit Zensur bei sozialen Medien Wahlen in Europa beeinflusst zu haben. Ich habe darüber berichtet, den ausführlichen Artikel finden Sie hier.

Dazu nutzt die EU als Instrument den Digital Services Act, das Zensurgesetz der EU, nach dessen Bestimmungen die EU-Kommission sozialen Medien und Internetplattformen vorschreiben kann, welche Meldungen sie zensieren und in der Verbreitung beschränken sollen, weil sie laut der EU-Kommission Desinformation sein sollen. Dabei werden die Inhalte nicht zwangsläufig gelöscht, sondern ihre Verbreitung wird eingeschränkt, sie erscheinen schlechter im Ranking und werden mit Warnhinweisen versehen.

Zu den Ländern, in deren Wahlen die EU-Kommission laut den Autoren des Dokuments eingegriffen haben soll, heißt es in dem US-Bericht:

“Seit Inkrafttreten des DSA im Jahr 2023 hat die Kommission Druck auf Plattformen ausgeübt, um Inhalte im Vorfeld nationaler Wahlen in der Slowakei, den Niederlanden, Frankreich, Moldawien, Rumänien und Irland sowie vor den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2024 einzuschränken. Nicht-öffentliche Dokumente, die dem Ausschuss vorgelegt wurden, zeigen, dass die EU-Kommission regelmäßig mit Plattformen in Kontakt trat, bevor nationale Wahlen in den Mitgliedstaaten stattfanden, was nach Ansicht der Autoren dazu führte, dass konservative oder populistische Parteien benachteiligt wurden.”

Wie das funktioniert, erleben wir gerade am Beispiel Ungarn, wo Orbán sich am 12. April zur Wahl stellt und wo die EU seinen Opponenten mit allen Mitteln unterstützt. Am 1. März hat Facebook beispielsweise unter Berufung auf Verstöße gegen die Community-Grundsätze die Social-Media-Seiten von drei ungarischen Medienunternehmen (Bama.hu, Szabolcs Online und Kisalföld.hugesperrt. Nach Protesten erklärte Facebook, das sei durch einen Fehler geschehen und sie würden wieder online gestellt werden.

Man muss schon sehr an Zufälle glauben, wenn man da keinen Zusammenhang mit dem Digital Services Act und Anweisungen aus Brüssel erkennen will.

Das bestätigte sich am Mittwoch, denn der bekannte Blogger Mario Nawfall (über 3 Millionen Follower auf X) hat an dem Tag auf X exklusiv mitgeteilt, dass Facebook begonnen habe, Orbans Beiträge vor den Wahlen im April einzuschränken und gleichzeitig den Vorsitzenden der Oppositionspartei Tisza Péter Magyar zu aktiv bewerben. Ein regionaler Meta-Funktionär habe außerdem öffentlich Positionen geäußert, die mit den europäischen Mainstream-Narrativen übereinstimmen, darunter pro-ukrainische Botschaften und Inhalte, die in Ungarn als regierungsfeindlich angesehen werden.

Zoltan Kovács, Staatssekretär für Internationale Kommunikation und Beziehungen in Orbans Büro, bezeichnete die Einschränkung der Facebook-Beiträge des ungarischen Ministerpräsidenten als „empörend“.

Später identifizierte der Staatssekretär den Meta-Mitarbeiter, der angeblich die Einschränkung der Inhalte des ungarischen Ministerpräsidenten gefordert hatte, als Oskar Braszczyński. Der sei „Partner des Unternehmens Meta für staatliche und soziale Wirkungsanalysen in Mittel- und Osteuropa“.

Laut Kovács hat Braszczyński

„wiederholt Sympathie für die ungarische Opposition bekundet“, was sein „direktes Interesse an der ungarischen Oppositionspolitik belegt und Besorgnis über ausländischen Einfluss auf die ungarische Innenpolitik weckt“.

Darüber hinaus zeige sein Social-Media-Profil „eine stark pro-ukrainische Haltung, [Engagement] für LGBT-Aktivismus sowie Unterstützung für regionale Bewegungen“, die unter anderem mit der weißrussischen Opposition in Verbindung stehen.

Auch Orbán äußerte sich am Mittwoch und erklärte in einem Interview mit dem britischen Fernsehsender GB News, die EU versuche, die ungarische Regierung zu schwächen und die oppositionelle Tisza-Partei an die Macht zu bringen, indem sie sich offen in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischt, und betonte, dass die Führung der EU ihre Absichten nicht verheimlicht:

„Es besteht kein Zweifel, dass Brüssel offiziell Parteien unterstützt, die der EU uneingeschränkt loyal ergeben sind. Sie werden genauso finanziert wie Nichtregierungsorganisationen, die in Ungarn die Opposition unterstützen. Diese Einmischung geht weiter.“

Bis zur Wahl in Ungarn sind es noch dreieinhalb Wochen und ich bin sicher, dass wir noch mehr derartige Meldungen sehen werden, denn für die EU ist es existenziell wichtig, Orbán loszuwerden, weil er deren Politik stört. Dass das das offizielle Ziel der EU ist, das sie schon seit Jahren verfolgt, indem sie Orbans Gegenkandidaten systematisch aufgebaut, gefördert und finanziert hat, wurde im Januar durch ein geleaktes Dokument bestätigt.

Anmerkungen

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 19. März 2026 auf anti-spiegel.ru.

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Bild: Dallas, TX - 4. August 2022: Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban spricht auf der CPAC Texas-Konferenz 2022 in Hilton Anatol

Bildquelle: lev radin / Shutterstock

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