Am Montag informierten wir Sie ja bereits über die unerwartete Kündigung unseres bisherigen Zahlungsdienstleisters und unsere laufenden Anstrengungen, unabhängig von externen Dienstleistern zu werden. Heute können wir vermelden, dass wir diesem Vorhaben einen großen Schritt nähergekommen sind. Unser neues, eigenes Spendenformular ist online. Ab jetzt können Sie uns wieder über einmalige oder wiederkehrende Spenden per Bankeinzug unterstützen – und das ohne externen Dienstleister, so dass auch wirklich 100 Prozent des Geldes bei den NachDenkSeiten ankommen. Wie das geht, erklärt Ihnen unsere bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitung, die auch im Formular selbst verlinkt ist.
An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal von ganzem Herzen bei unseren Leserinnen, Lesern und Förderern bedanken. Sie sind großartig! Wir waren und sind überwältigt von der enormen Resonanz. Aus den zahlreichen Zuschriften haben wir einmal mehr erkannt, wir sehr Ihnen die NachDenkSeiten am Herzen liegen. Viele Leser haben nachgefragt, wie sie uns in der Übergangszeit unterstützen können. Viele haben auf die Förderung per Dauerauftrag umgestellt, einige sogar den Förderbetrag erhöht. Danke dafür. Ohne diese Unterstützung wäre die Umstellung deutlich schwieriger gewesen.
Wer uns bereits per Dauerauftrag oder in Form eines wiederkehrenden Bankeinzugs unterstützt, muss selbstverständlich nicht aktiv werden. Wir konnten schon selbst die vorhandenen SEPA-Mandate in unser neues, eigenes Spendenverwaltungssystem übernehmen. Wer uns jedoch noch nicht unterstützt, kann nun dank des neuen Spendenformulars ohne Umwege ganz einfach zum Förderer werden. Die NachDenkSeiten finanzieren sich zu 100 Prozent aus Leserspenden. Jede Spende unterstützt so den unabhängigen, kritischen Journalismus.
Unser Spendenformular ist zunächst nur für den Zahlungsweg per SEPA-Mandat, also den normalen Konteneinzug, angelegt. Das hat seine Gründe. SEPA ist für uns der wichtigste Zahlungsweg, da er sicher und stabil ist und kein Finanzkonzern für seine Dienstleistungen Gebühren abzwackt. Hinzu kommt, dass normale Banküberweisungen so gut es nur geht unabhängig von externen Plattformen sind, auf die wir keinen Einfluss haben.
Dennoch haben wir uns entschlossen, unser Spendenformular künftig auch auf die Zahlungsarten PayPal, Kreditkarten, Apple und Google Pay sowie WERO zu erweitern. Wir wissen, dass es immer wieder Kritik an diesen meist amerikanischen Anbietern gibt. Wir verfolgen jedoch die Philosophie, die Entscheidung, wie Sie uns konkret unterstützen wollen, nicht uns, sondern Ihnen zusteht. Uns ist es nur wichtig, dass die NachDenkSeiten in kein Abhängigkeitsverhältnis dieser Anbieter geraten. Das ist mit der Fokussierung auf Daueraufträge und die bequeme Unterstützung über SEPA-Mandate unseres Erachtens ohnehin gegeben.
Der Weg zur Unabhängigkeit von externen Dienstleistern bei unserer Finanzierung war steinig, aber ihn zu gehen, hat sich gelohnt. Dank unserer eigenen Arbeit bei der Entwicklung einer eigenen Spendenverwaltung und dank des nun eigenen Spendenformulars kann uns kein externer Dienstleister mehr den Hahn abdrehen. Die eigentliche Lehre aus den vergangenen Monaten lautet daher: Unabhängigkeit beginnt und endet nicht bei den Inhalten. Sie beginnt bei der Infrastruktur. Wer publizistisch unabhängig sein will, muss auch technisch und organisatorisch möglichst unabhängig werden.
Titelbild: Künstliche Intelligenz / ChatGPT

Bundesfinanzminister Klingbeil sieht zwar den Missbrauch des Sozialsystems, aber das habe ihm zufolge nichts mit Migranten zu tun. Stattdessen brauche es mehr Ausländer, weil sie Deutschland reicher machten.
Dieser Beitrag Lars Klingbeil „Wir sehen, dass Migration dieses Land reicher macht“ wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
„Die städtische Trümmerlandschaft der 50er-Jahre war für uns Kinder ideal. Ein Abenteuerspielplatz. Auf den Trümmerfeldern konnten Hütten gebaut, Feuer gemacht, Neugierde erweckende Gegenstände gefunden werden. Besonders spannend wurde es dort, wo Neubauten entstanden. Sobald die Bauarbeiter Feierabend hatten, besetzten wir Kinder die Baustelle, erkundeten das noch unfertige Haus, bauten Buden aus dem Baumaterial und spielten im frisch angelieferten Sand.“
In dieser 23. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ drucken wir diesmal einen Essay unseres Lesers Günter Scherzer ab.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, den neunzehnten Teil, den zwanzigsten Teil, den einundzwanzigsten Teil sowie den zweiundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Der Großvater wusste Bescheid
Ob es zu einem Krieg kommt, wissen wir nicht. Dass es Kräfte gibt, die ihn herbeisehnen, scheint mir offensichtlich. Ich mag mich täuschen, würde Derartiges auch niemandem unterstellen wollen, kann mich jedoch meines gefühlten Eindrucks nicht erwehren.
Vielleicht ist dies auch das Erbe meines Kölner Großvaters, der in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts den Zweiten Weltkrieg prognostizierte: Wenn Hitler an die Macht kommt, dann gibt es Krieg, sollen seine Worte gewesen sein. Er stand dem Zentrum nahe, einer katholischen Partei der 20er-/30er-Jahre, Vorläuferin der CDU.
Was er, Schuhmacher, Ehemann und Vater von sieben Kindern mit nur siebenjähriger Volksschulbildung erkannte, blieb den Abgeordneten seiner Partei in Berlin offenbar verborgen.
Sie waren es, die am 23. März 1933 gemeinsam mit den Liberalen, Konservativen und Nationalsozialisten einstimmig dem Reichskanzler Adolf Hitler für vier Jahre die Vollmacht gaben, unter Ausschaltung des Reichstages zu regieren. Die NS-Diktatur war geboren.[1]
Nur die SPD-Fraktion widersetzte sich einstimmig, trotz Bedrohung durch die SA. Die KPD-Fraktion existierte bereits nicht mehr. Ihre Mitglieder waren in provisorischen Konzentrationslagern der SA inhaftiert worden, ins Ausland geflohen oder in den Untergrund abgetaucht.
Der NS-Staat war somit nicht das Ergebnis einer Machtergreifung, wie es bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts hinein und teilweise noch heute behauptet wird.[2] Die NS-Diktatur wurde gezeugt durch die Verabschiedung eines Gesetzes, dem sogenannten Ermächtigungsgesetz. Eines der peinlichsten und verhängnisvollsten Vorkommnisse deutscher Geschichte.
Was uns dies zeigt, ist, dass politisch informierte Profis mit teilweise hohem Bildungsgrad nicht in der Lage waren, die Zeichen ihrer Zeit zu erkennen.[3]
Der Krieg kam, wie vom Großvater vorhergesagt, ein paar Jahre später. Zwei seiner Söhne mussten an die Front, weitere zwei Söhne und er selbst gegen Ende des Krieges zum Volkssturm oder als Luftwaffenhelfer an die Flak. Bomben zerstörten das Dach seines Hauses. Eine seiner Töchter sah ihren Ehemann bis zu ihrem Lebensende nicht wieder. Er galt als vermisst. Keiner wusste, wo er geblieben war oder ob er noch lebte.
Meine Großmutter musste sich bei Bombenalarm mit ihren durch eine Gefäßerkrankung bedingt offenen Beinen die Treppe hinab in den Luftschutzkeller quälen. Die beiden Söhne, die an die Front mussten, wurden verwundet, kamen jedoch wieder, einer von ihnen für sein Leben lang gehbehindert.
Die Familie überlebte, versteckte ihre Kriegstraumata. Das Dach des Hauses wurde repariert, neue Familien gegründet. Meine Großmutter weinte, wenn sie Kriegsszenen im Fernsehen sah.
Mein Vater, Unteroffizier bei der Artillerie, sprach wie sein kriegsversehrter Bruder kaum oder wenn, dann erst Jahre später und sehr spärlich über seine Kriegserlebnisse. Im höheren Alter bat er mich mehr oder weniger wortlos, seine Auszeichnungen in den Müll zu werfen. Möglicherweise gab meine Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, hierzu den letzten Anstoß.
Kein Hass bei ihm und seiner Familie auf Russen, Amerikaner, Briten und andere Nationalitäten, denen man als „Feinde“ einmal gegenübergestanden oder mit denen man als Besatzer zu tun hatte.
Gehasst wurden vor allem die Bomben. Kälte und Hunger der Nachkriegszeit hatten sich tief ins Gedächtnis eingegraben.
Ein Metallsplitter des russischen Geschosses, das meinen Vater getroffen und vom Dienst an der Front befreite, nahm er mit ins Grab. Er steckte in seinem linken Oberarm.
Anders als viele Eltern aus dem bürgerlichen Milieu, deren Kinder das ihnen in Art. 4 Abs. 3 GG verbriefte Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Anspruch nahmen, hatte er keine Einwände gegen meine Entscheidung. Ohnehin spielten weder Nationalbewusstsein noch die im Kalten Krieg herrschende Ideologie vom Westen als Ort der Freiheit bei ihm und seiner Familie eine Rolle. Fußballweltmeisterschaften ausgenommen.
Sie lebten ihr Leben. Das Leben kleiner Leute. Überleben in der unmittelbaren Nachkriegszeit, pragmatisches und gedeihliches Auskommen mit der Nachbarschaft und dem entfernteren sozialen Umfeld waren die Kernelemente ihres gesellschaftlichen Daseins. Staatlichen Behörden stand man eher skeptisch gegenüber. Der eigene Kopf zählte.
Eines allerdings gab mir mein Vater bei meiner Entscheidung, den Kriegsdienst zu verweigern, mit auf den Weg: Pass auf, wenn es so weit ist, dann holen sie dich und du bist dran. Eine Erfahrung aus dem Krieg.[4]
Die Familie mütterlicherseits stammte aus einem hinteren Winkel Ostpreußens. Einem Dorf im Memelland, seit 1919 in Folge des Versailler Vertrages zunächst mit ungewisser staatlicher Zukunft französisch besetzt, dann völkerrechtswidrig vom litauischen Staat annektiert und schließlich vom NS-Staat wieder ans Deutsche Reich angegliedert. Von alldem unabhängig verlief ihr Leben weiter wie eh und je, bodenständig und weitestgehend unpolitisch. Getreideanbau, Gemüsegarten, Schweine, Gänse, Hühner bestimmten den Tagesablauf. Hinzu kam die Tätigkeit meines Großvaters im Wald als Forstarbeiter.
Der Krieg veränderte alles. Beide Söhne zogen ideologisch infiltriert in den Krieg. Einer überlebte schwer verletzt. Der andere fand sehr früh seinen Tod in Frankreich. Die Großeltern und meine Mutter ließen im Winter 1945 alles hinter sich und machten sich mit ihrem Pferdefuhrwerk auf in Richtung Westen. Ihre Flucht vor der heranrückenden russischen Armee verlief durch meterhohen Schnee, übers zugefrorene Frische Haff und endete schließlich in Norddeutschland. Zumindest für meine Großeltern. Meine Mutter geriet für zwei Jahre in polnische Gefangenschaft.
Am Ziel angelangt, wurde meine Großmutter Opfer eines britischen Bombenangriffs. Sie wurde verschüttet, überlebte jedoch. Das Ganze kurz nach Kriegsende. Wahrscheinlicher Grund des Angriffs: ein Hakenkreuz aus Dachziegeln auf dem Dach des Bauernhauses, in dem sie als Geflüchtete Unterschlupf gefunden hatten.[5]
Ihr infolge einer Kopfverletzung für sein Leben gekennzeichneter Sohn zog in ihre Nähe, heiratete und baute eine Kleinlandwirtschaft auf. Nebenher verdiente er sein Geld als ungelernter Arbeiter im Kanalbau. Dem Großvater ging es ähnlich. Der ehemals Selbständige musste sich nun als Arbeiter in einer Fleischfabrik verdingen.
Die Lebensverhältnisse der Großeltern verbesserten sich im Laufe der Zeit. In einem Gebäude eines ehemaligen Torfabbau-Unternehmens am Küstenkanal erhielten sie zwei Zimmer. Ohne Wasseranschluss und Toilette. Frischwasser gab es draußen am Brunnen, ein Plumpsklo fand sich hinterm Haus. In einem Nebengebäude hatten sie einen kleinen Stall für ihr Schwein. Im Grünstreifen daneben baute der Großvater seinen Tabak an. Zum Heizen musste Torf gestochen werden. Eine mühselige Arbeit für ihn, den bereits an die 60 Jahre alten Mann. Im Herbst dann Arbeit bei der Kartoffelernte. Ein riesiges Feld musste per Hand abgeerntet werde. Als Lohn hierfür erhielt er vom Bauern ein paar Sack voll mit diesen Erdfrüchten. Dies musste bis zur nächsten Ernte reichen. Das Zusammenleben mit anderen Familien in der Flüchtlingsunterkunft war nicht einfach. Normales Sozialverhalten hatte der Krieg zerstört.[6]
Als Kind verbrachte ich etwa anderthalb Jahre mit meiner Mutter bei ihnen. In Köln hatten meine Eltern ihr gemietetes Zimmer infolge behaupteten Eigenbedarfs des Vermieters verloren. So zogen meine Mutter und ich zu meinen Großeltern nach Norddeutschland. Ich war damals etwas älter als ein Jahr. Mein Vater fand Unterschlupf in seinem Elternhaus. Er hatte nach einer Umschulung wieder Arbeit in Köln gefunden. Aus dem ehemaligen Chemielaboranten war ein Maurer geworden.
Die Wohnverhältnisse in Norddeutschland waren sehr beengt. Wir schliefen zu viert in einem Bett. In zwei nicht zusammenhängenden Zimmern spielte sich unser Alltag ab. Den Umständen entsprechend hatte ich es häufig mit Infektionskrankheiten zu tun. Diese waren teilweise „nicht ohne“ und zwangen mich oft ins Bett. Kein Arzt, keine Medikamente.
Positiv in Erinnerung geblieben ist mir, dem inzwischen Zweijährigen, der Aufenthalt auf den Kartoffeläckern, auf denen meine Mutter meinem Großvater bei der Ernte half. Auf dem Boden kniend wurde mit der Hand geerntet. Dies war damals so üblich. Erntemaschinen gab es nicht. Während sie arbeiteten, spielte ich, beerdigte einen beim Erntevorgang erschlagenen Maulwurf, sammelte Kartoffeln ein, trug sie wie die Erwachsenen in einem Korb zu einer Miete, in der sie bis zu ihrem Abtransport mit dem Pferdefuhrwerk gelagert wurden. Immer wieder flogen britische Militärflugzeuge im Tiefflug über die Felder. Ihr unerträglicher Lärm erschrak mich, den Erwachsenen machte er Angst. Anweisung meines Großvaters: Kopf auf den Boden, Ohren zu.
Nachkriegsterror einer Siegermacht.
Zurück in Köln konnten wir nach einer Übergangszeit bei der Familie meines Vaters – zwei Brüder hatten inzwischen geheiratet und waren nun außer Haus – eine Wohnung in der Kölner Innenstadt beziehen. Die Hälfte der Grundstücke unserer Straße waren Trümmerfelder. Ständig mussten Blindgänger, nicht explodierte britische oder amerikanische Bomben, entschärft werden. Fenster öffnen, die Wohnung verlassen, hallte es häufig aus dem Lautsprecher eines Polizeifahrzeuges. Durchorganisierte Evakuierungen gab es nicht.
Heute, mehr als 80 Jahre nach Kriegsende, werden in Köln immer noch mehrmals im Jahr Fliegerbomben gefunden und entschärft. Menschen müssen dann zu Hunderten ihre Wohnung verlassen. Manchmal zu Tausenden. Ganze Stadtteile einschließlich Altenheime und Kliniken müssen hin und wieder evakuiert werden.[7]
Der Zweite Weltkrieg ist noch präsent.
Ein mir bekannter Ingenieur, der im Bereich der Kampfmittelentsorgung tätig war, teilte mir einmal mit, dass die gesamte Ostsee noch voller Bomben und Granaten sei. Tickende Zeitbomben. Möglicherweise finden sich auch noch auf dem Boden des Frischen Haffs russische Bomben, mit denen seine Eisdecke im Winter 1945 aufgebrochen werden sollte, um die Flüchtlingsströme am Weiterkommen zu hindern.
Die städtische Trümmerlandschaft der 50er-Jahre war für uns Kinder ideal. Ein Abenteuerspielplatz. Auf den Trümmerfeldern konnten Hütten gebaut, Feuer gemacht, Neugierde erweckende Gegenstände gefunden werden. Besonders spannend wurde es dort, wo Neubauten entstanden. Sobald die Bauarbeiter Feierabend hatten, besetzten wir Kinder die Baustelle, erkundeten das noch unfertige Haus, bauten Buden aus dem Baumaterial und spielten im frisch angelieferten Sand. Einzäunungen von Baustellen gab es nicht.
Es klingelten aber auch immer wieder mal Menschen an der Wohnungstüre, um nach Brot zu fragen. Ehemalige Soldaten, jetzt verelendete Männer auf dem Weg nach ihrem Zuhause oder auf der Suche nach einer neuen Bleibe, weil es ein Zuhause für sie nicht mehr gab. In den Fahrstühlen der Kaufhäuser Männer mit Arm- und Handprothesen. Man hatte sie als Fahrstuhlführer angestellt. Meinem Volksschullehrer fehlten an zwei Fingern seiner linken Hand jeweils die Endgelenke. Ein entfernter Verwandter übte seinen Beruf als Maler und Tapezierer mit nur einem Arm aus. Der kaputte war mit einer Prothese versehen. Er hatte seine Tricks. Blinde und Menschen mit einem Glasauge waren keine Seltenheit. Ebenso die großen, mit bräunlichen Planen bedeckten Rollstühle mit manuellem Antrieb.
Die am schlimmsten Kriegsversehrten bekam man, wenn überhaupt, nur selten zu Gesicht. Ähnlich wie heute. In der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine erfährt man nichts von denen, denen eine Gesichtshälfte zertrümmert oder der Unterkiefer weggeschossen wurde. Solche Bilder könnten die Wahrnehmung dessen, was Krieg für den Einzelnen bedeutet, beeinflussen. Wäre ungünstig für diejenigen, die den Krieg als Mittel ihrer Politik befürworten.
Ebenso blieben die Ängste von Kriegsteilnehmern im Verborgenen. Enuresis, nächtlicher Angstschweiß, Tremorattacken in Schützengräben oder gepanzerten Fahrzeugen, so etwas gab es nicht, wurde tabuisiert. Heute ist es nicht viel anders. Ein Soldat hat mutig zu sein. Dass Krieg Mord und Totschlag bedeutet, normales Sozialverhalten zerstört, die Psyche destabilisiert, das eigene Leben buchstäblich auf den Kopf stellt, wird gerne unter den Teppich gekehrt.[8]
In unseren öffentlich-rechtlichen Medien erfahren wir allenfalls von Einzelfällen, die infolge ihres Kriegseinsatzes im Kosovo oder in Afghanistan ihr psycho-mentales Gleichgewicht verloren haben oder an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Dabei belegen wissenschaftliche Studien, dass derartige Phänomene durchaus zur Normalität von Kriegseinsätzen gehören.[9]
Ein Krieg, auch wenn er längst vorbei ist, hinterlässt nicht nur seine Spuren. Er lässt die Zivilbevölkerung auch nicht zur Ruhe kommen. Vor allem dann, wenn er als Option politischen Handelns nicht ausgeschlossen wird.
In einer solchen Situation befinden wir uns derzeit.
Obwohl ein Krieg mit Russland für unausweichlich gehalten und sein Beginn im Rahmen von Szenarien bereits zeitlich festgelegt wird[10], erfährt die Frage nach der Sicherheit für die Bevölkerung relativ wenig Aufmerksamkeit. Weder die fehlenden Schutzräume noch die Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems scheinen ein Problem zu sein. Eine breit geführte öffentliche Diskussion diesbezüglich findet jedenfalls nicht statt.
Zwar wird das Zusammenwirken von Militär, zivilen Einrichtungen und Blaulichtorganisationen seitens der Bundeswehr bereits geübt[11], ein der Öffentlichkeit zugängliches Konzept zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung im Kriegs- oder Verteidigungsfall liegt jedoch bislang nicht vor.[12]
Hingegen liegt ein unter Federführung der Bundeswehr seit 2023 erarbeiteter Strategieplan zur verpflichtenden zivilen Unterstützungsleistung für das Militär im Fall der Landes- und Bündnisverteidigung vor. Dieser am 1. Januar 2025 in Kraft getretene „Operationsplan Deutschland“ unterliegt allerdings der Geheimhaltung.
Ein Blick ins GRÜNBUCH ZMZ 4.0 ermöglicht jedoch, einen Eindruck von dem zu erhalten, was uns erwarten könnte.[13]
Deutschland wäre im Spannungs- und Bündnisfall Drehscheibe für die NATO-Truppen. Aufmarsch und Rückmarsch verliefen über Flug- und Seehäfen sowie Knotenpunkte des zivilen Straßen- und Schienenverkehrs. Im Bündnisfall käme die Rückführung verletzter Soldaten hinzu.
Das im GRÜNBUCH zugrunde gelegte Szenario geht davon aus, dass 2030 infolge russischer Mobilmachung zur Abschreckung ein Aufmarsch von bis zu 100.000 Soldaten inklusive ihres militärischen Geräts in östliche Richtung erfolgen könnte. Im Bündnisfall könnten es bis zu 800.000 Soldaten sein. Ihre technische Unterstützung, Versorgung mit Nahrungsmitteln und die Gewährleistung medizinischer Hilfe bspw. wären durch die Zivilgesellschaft sicherzustellen.[14]
Zur medizinischen Versorgung gehört auch die hausärztliche.[15] Nun weiß jeder, dass es mit unserem Gesundheitswesen nicht zum Besten bestellt ist. Je nach Region und Anzahl versorgungsbedürftiger Soldaten dürften daher seine vorhandenen Kapazitäten schnell ausgelastet, wenn nicht gar erschöpft sein. Dies könnte bereits für den Spannungsfall zutreffen, wenn Infektionskrankheiten sich endemisch oder epidemisch verbreiten.[16]
Zur medizinischen Versorgung im Kriegsfall lesen wir im IPPNW-Forum 181/2025[17]:
„Die erwarteten Patientenzahlen, die von unserem Gesundheitswesen (im Bündnisfall – G. Sch.) versorgt werden müssten, übersteigen alles, was wir von Katastrophen oder aus Pandemiezeiten kennen. Die Bundeswehr rechnet mit bis zu 1.000 verletzten NATO-Soldat*innen täglich, über Jahre hinweg. Zudem wird eine massive Flüchtlingswelle von verletzten Zivilist*innen erwartet. Dem stehen nur fünf Bundeswehrkrankenhäuser mit 1.800 Betten gegenüber – eine Kapazität, die in zwei Tagen erschöpft wäre. Das zivile Gesundheitssystem müsste einen erheblichen Teil seiner räumlichen und personellen Ressourcen dem Militär zur Verfügung stellen. Groß wäre auch der Bedarf an medizinischer Rehabilitation. ‘Zahlen aus der Ukraine deuten darauf hin, dass aktuell in der Ukraine ca. 100.000 Amputierte behandelt werden müssen.’ Unser Gesundheitswesen wäre restlos überfordert.
Im Verteidigungsfall wäre die Zahl der Verletzten noch höher. Die Zahl verletzter Zivilist*innen wäre größer und die Versorgung erschwert durch die Zerstörung von Infrastruktur und Krankenhäusern, sowie durch verletztes oder getötetes medizinisches Personal.“
Schlussfolgerungen jenseits der Annahme eines nuklearen Schlagabtauschs.
Derartige Szenarien in Verbindung mit den Erfahrungen meiner vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Verwandtschaft und meinem Erleben der Nachkriegszeit einschließlich der noch heute wirksamen Kriegsfolgen reichen aus, um mit Wolfgang Borchert ein unmissverständliches Nein zu sagen.[18] Nein zum Krieg, dessen Vorbereitung oder Inkaufnahme.
Einfache Menschen gleich wo, ob in Köln, Warschau oder Moskau, brauchen und wollen keinen Krieg. Auch keine Kriegstüchtigkeit. Sie wollen ihr Leben leben, für und mit anderen. Sie sind aber auch anfällig für das Gift ideologischer Fremdbestimmung. Dies ist unser Dilemma.
Anmerkungen
Auch der spätere Bundespräsident Dr.-rer.-pol. Theodor Heuss, in den 20er- und 30er-Jahren Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, später Deutsche Staatspartei, stimmte dem Ermächtigungsgesetz, wenn auch widerwillig, zu. Beruflich war er zunächst journalistisch tätig und übte später eine Lehrtätigkeit an der Deutschen Hochschule für Politik aus, deren Vorstandsmitglied er auch wurde. Er hielt Vorlesungen und führte Seminare zur deutschen Verfassungs- und Parteiengeschichte sowie Gegenwartsfragen durch. 1933 endeten seine dortigen Tätigkeiten. Er verblieb in Deutschland, wurde wieder journalistisch tätig und verfasste Biografien.
Vgl. https://www.hdg.de/lemo/biografie/theodor-heuss und https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Heuss (abgerufen am 17.02.2026) ↩
Vgl. https://www.aerzteblatt.de/archiv/psychische-traumatisierung-bei-soldaten-herausforderung-fuer-die-bundeswehr-8b2d0ae8-f75c-4e92-bb8f-baf94d140ee9 ↩
Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_Russland_gewinnt._Ein_Szenario (abgerufen am 14.05.2026)
Mit solchen Spekulationen ist er nicht alleine. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam äußerte sich im April 2025, dass der Sommer 2025 möglicherweise der letzte im Frieden sei.
Vgl. https://www.ndr.de/nachrichten/info/Letzter-Sommer-in-Frieden-Tag-1136-mit-Soenke-Neitzel,audio1847488.html ↩
Vgl. https://www.sat1regional.de/bundeswehruebung-red-storm-bravo-szenario-versorgung-von-vielen-verletzten-in-hamburg/ (abgerufen am 14.05.2026) und https://www.feuerwehrmagazin.de/nachrichten/news/verteidigungsuebung-red-storm-bravo-in-hamburg-139334 (abgerufen am 14.05.2026) ↩
Titelbild / Bildbeschreibung: Berlin, Kinder spielen in Trümmern | via Wikimedia Commons

Weil ein AfD-Parteitag in einer öffentlichen Halle angeblich zu nahe an einer KZ-Gedenkstätte stattfindet, fliegen in Moringen jetzt die Fetzen. Die staatlich geförderte Institution erhebt heftige Vorwürfe gegen die Partei. Auch die „Omas gegen Rechts“ schalten sich ein.
Dieser Beitrag Niedersachsen „Würde der NS-Opfer verletzt“: Gedenkstätte kritisiert AfD-Parteitag wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
Der Einfluss des CO2 auf das Klima, oder anders ausgedrückt, die Erhöhung der Globaltemperatur durch die Erhöhung der CO2 Konzentration in der Atmosphäre der Erde wird weitläufig als Fakt dargestellt. Vielfach wird dafür einfach der Treibhauseffekt (TE) [1] genannt. Gleichwohl in [1] aufgezeigt wird, dass der Begriff nicht definiert und dass er aus physikalischer Sicht Unsinn ist, wird er vom IPCC und den damit verbundenen Institutionen als Sammelbegriff für die Begründung eines strahlungsbasierten Atmosphärenmodell (Treibhaus-These) verwendet [2]. Es handelt sich um eine These, da diese Behauptung nie bewiesen wurde.
Ausgangspunkt ist hierbei, dass die Erdoberfläche Wärmestrahlung im Infrarotbereich abgibt. Diese Strahlung wird von infrarotaktiven Gasen, also Molekülen, mit Anregungszuständen in diesem Energiebereich, diese Strahlung absorbieren. Für CO2 spielt dabei die 15 μm Linie (ν2-Bande (Biegeschwingung) im CO2-Molekül) eine besondere Rolle, da diese Linie im Emissionsmaximum der Abstrahlung der Erdoberfläche liegt und diese Linie die einzige Linie ist die CO2 nicht mit H2O gemeinsam hat.

Abbildung 1: Die vom Weltall gemessenen Absorptionskurve der thermischen Strahlung der Erdoberfläche
Die strahlungsbasierten Atmosphärenmodelle errechnen auf Basis ungestörter Spektren (isolierte Moleküle) eine Erhöhung der Rückstrahlung auf die Erdoberfläche, die zu einer zusätzlichen Leistung auf der Oberfläche führen soll. Diese zusätzliche Leistung pro Fläche [W/m2] wird auch Antrieb oder in der Fachliteratur Forcing genannt. Dieses Forcing fließt in die Atmosphärenmodelle ein, die aufgrund der zusätzlichen Leistung pro Flächeneinheit natürlich zu dem Ergebnis kommen, dass es wärmer wird. Diese Aussagen sind damit in etwa so trivial, wie die Tatsache, dass die Herdplatte wärmer wird, wenn man den Strom anstellt.
Viele Diskussionen zum Thema Klima drehen sich um die Atmosphärenmodelle, die aufgrund des postulierten Antriebes nur eine Erhöhung der Temperatur ausweisen können. Da die Atmosphärenmodelle alle mit dem gleichen Forcing arbeiten, unterscheiden sie sich durch die unterschiedliche Modellierung nur im Temperaturzuwachs T. In diesem Artikel wird die Herkunft des Forcings genauer beleuchtet.
Das Forcing aufgrund der Erhöhung der CO2-Konzentration und somit durch die Erhöhung der Rückstrahlung, wird von Wikipedia [2] mit der Formel

Screenshot
angegeben. Dabei ist c0 die Anfangskonzentration an CO2 und c die aktuelle Konzentration. Nach der Treibhausthese leisten darüber hinaus Methan, Halogenwasserstoffe, Lachgas, Fluorkohlenwasserstoffe und Ozon positive Beiträge zum Forcing und Aerosole ein negatives (d. h. kühlendes) Forcing. In den folgenden Ausführungen wird sich auf CO2 beschränkt.
In [2] wird bezüglich der wissenschaftlichen Basis dieses zusätzlichen Antriebes auf den Dritten IPCC Assessment Report [3], bzw. auf ergänzende Arbeiten von G. Myhre u. a [4] verwiesen. In [4] wird vorausgesetzt, dass die Berechnung der Strahlungswirkung dem wichtigsten WMGG (Well Mixed Greenhouse Gases) unter Verwendung einer Reihe von Modellen und Annahmen entspricht. Es wurden drei Strahlentransferschemata verwendet; das Line-by-Line-Modell (LBL-Modell), das Schmalbandmodell (NBM-Modell) und das Breitbandmodell (BBM-Modell). Referenzen zu diesen Modellen werden in [4] ebenso angegeben, wie dass für die Spektralbanddaten überwiegend von HITRAN übernommen wurden.
HITRAN ist ein Akronym für „high-resolution transmission molecular absorption database“. Aus den dort verfügbaren Daten entnehmen die Treibhausmodelle wie [4] und die zugrundeliegende Arbeit [5] Transmission und Absorption. Auf die dazugehörigen Emissionsgrade wird in diesen Arbeiten überhaupt nicht eingegangen
Glücklicherweise gibt es im Netz verschiedene Beschreibungen, die die Modellierungen, die Annahmen und die Verwendung der Spektren beschreiben. Hier wird sich im Folgenden auf die sehr ausführlichen Beschreibungen in [6] verwiesen, die sich wiederum auf die Ausführungen in [4] und [5] beziehen.
Die vom CO2 absorbierte Strahlung wird von den Treibhaus-/Strahlungsmodellen wieder vollständig emittiert.
In [6] wird dazu geschrieben:
„So for each layer – and each wavenumber interval – the transmitted radiation (incident radiation x transmissivity) was calculated for each wavenumber. This was done separately for up and down radiation. The emitted radiation was calculated by the Planck formula and the emissivity (= absorptivity at that wavenumber). “
Damit wird ein
Emissionsgrad = 1
angegeben, wie er für einen perfekten schwarzen Köper gelten würde. Diese Angaben sind insofern gerechtfertigt, da die Emission von CO2 in weiten Teilen des Spektrums Null ist, aber in der ν2-Bande (15 μm Linie) sehr nahe bei 1. Diese Annahme würde man zumindest für ungestörte CO2-Moleküle annehmen. Diese Bedingung sollte daher für stark verdünntes Gas vorliegen, also die mittlere Abstrahlungszeit viel kleiner ist als die Zeit zwischen zwei Stößen ist.
An dieser Stelle wird von den Treibhausgasbefürwortern die reale Atmosphärenphysik ausgeblendet und nur mit einer ungestörten Strahlungsphysik zu arbeiten.
In den Treibhaus-Modellen sind die hohen Emissionsgrade notwendig um ein relevantes Forcing zu generieren. Um das Postulat des Treibhauseffektes aufrecht zu erhalten, werden diese Fakten ignoriert und mit der Reduktion auf die Strahlungsphysik aufgezeigt, dass eine höhere CO2-Konzentration in der Atmosphäre, zu zusätzlicher Rückstrahlung der ν2-Bande (15 μm Linie) des CO2 auf die Erdoberfläche führt. Dies wird folgendermaßen erklärt. Bei höheren CO2 Konzentrationen würde sich der Strahlungsfluss verschlechtern. Dadurch würde sich der Partialdruck des CO2 erhöhen, womit sich die Abstrahlhöhe um rund 100 m bei CO2-Verdopplung verschieben würde. Damit würde die Oberfläche mehr Rückstrahlung erhalten, was zu einem zusätzlichen Strahlungsantrieb von 3,7 W/m2 [5,35 W/m2*ln(2), siehe Gleichung 1] bei Verdoppelung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre führen würde.
Die alternative Argumentation der Treibhausbefürworter ist, dass der Transport der Wärmeenergie von den unteren in die oberen Schichten der Atmosphäre quasi nicht per Konvektion, sondern zu einem beträchtlichen Teil über Strahlungsflüsse stattfindet, Ab einer Höhe von ca. 5.000 m (und höher) würde dann die Abstrahlung ins Weltall erfolgen. Bildlich wird dies in den Schulbüchern so dargestellt, dass sich durch mehr CO2-Möleküle, mehr Streuungen der Infrarot-Quanten ergeben, womit mehr Strahlung auf die Oberfläche zurückgeworfen wird.
An dieser Stelle kann man unter Verwendung der Abbildung 1 ein Gedankenexperiment machen. Die Absorptionslinie bei 15 μm ist gut zu erkennen. Wenn die CO2-Moleküle die Strahlung aufnehmen und wieder abstrahlen würden und ein Teil zur Oberfläche zurückgestrahlt werden würde und dann die Abstrahlung des Restes ab einer Höhe von 5000 m ins Weltall erfolgen würde, bekäme man keine Absorptionslinie, sondern bestenfalls eine Mulde oder Delle, die durch die Rückstrahlung verursacht wurde.
Es heißt aber Absorptionslinie, weil die Strahlung absorbiert und in eine andere Energieform (Man könnte es warme Luft bzw. Konvektion nennen) umgewandelt wurde.
Der Ausgangspunkt der Argumentation der Treibhaus-These ist, wie bereits geschrieben, der zugrunde gelegte sehr hohe Emissionsgrad der CO2 Moleküle in der ν2-Bande (15 μm Linie). Daher wird hier auf den Emissionsgrad von CO2 eingegangen.
In der Gasphase ist eine stoßfreie Relaxationszeit für den ν2-Bande -Modus (Biegeschwingung des CO2-Moleküls) physikalisch nicht definiert, da Schwingungsenergie (V-T-Relaxation) zwingend intermolekulare Stöße benötigt. Ohne Stöße bestimmt die strahlungsbedingte Lebensdauer (spontane Emission) des angeregten Zustands die Abklingzeit, welche für die ν2-Bande (15 μm Linie) etwa 0,7 bis 0,8 Sekunden beträgt. In der Physik wird diese Zeitspanne bis zur spontanen Emission eines Quants, wie bei der hier betrachteten ν2-Bande (Biegeschwingung) im CO2-Molekül nicht direkt gemessen, sondern über die sogenannte Einstein-Wahrscheinlichkeit für spontane Emission (Akt) definiert. Die Strahlungslebensdauer (τ) ist der Kehrwert dieses Koeffizienten (τ = 1/A). Für die wichtigste Schwingungsbande von CO2. die Biegeschwingungbei einer Wellenlänge von 15 µm, welche die Erdausstrahlung blockiert) ist der Einstein-Koeffizient (A\) laut HITRAN-Datenbank ungefähr 1,3 bis 1,5. Bildet man den Kehrwert (1/1,33), ergibt sich mathematisch etwa eine Strahlungslebensdauer von ca. 0,75 Sekunden.
In den unteren Schichten der Atmosphäre (Troposphäre) ist die Luftdichte hoch. Ein angeregtes CO2-Molekül stößt dort milliardenfach pro Sekunde mit anderen Luftmolekülen (zusammen.
Unter normalen atmosphärischen Druckverhältnissen, also bis ca. einer Höhe von 5.000 m, stoßen Luftmoleküle hauptsächlich Stickstoff N2 und Sauerstoff O2 nach einer Zeit von 10-10 bis 10-8 Sekunden zusammen [7]. Die Chance für eine Relaxation durch Stöße ist somit um Größenordnungen höher als durch spontane Emission. Dementsprechend wird die Kollisionsdominierte Relaxationszeit mit ungefähr 6 Mikrosekunden angegeben.
Die absorbierte Strahlungsenergie wird fast immer (zu über 99,99 %) durch Kollisionen in kinetische Energie (Wärme) umgewandelt, bevor das Molekül die Zeit hat, spontan ein Photon auszusenden.
Daher ist der
Emissionsgrad = 0
Das Gas erwärmt die Umgebungsluft, womit die Konvektion zum dominierenden Effekt wird. Dementsprechend kann keine Rückstrahlung stattfinden. Damit kann die Absorptionslinie in Abbildung 1 zwanglos erklärt werden und macht verständlich, warum nie ein experimenteller Nachweis zur Treibhaus-These gefunden werden konnte, womit die Politik, nicht einmal auf Basis einer Theorie gehandelt hat. Die gesamte Herleitung des Forcings durch Erhöhung der CO2 in der Atmosphäre ist damit hinfällig.
| [1] | G. G. u. R. D.Tscheuschner, Falsifizierung der atmosphärischen CO2-Treibhauseffekte im Rahmen der Physik,. |
| [2] | Wikipediea, Strahlungsantrieb. |
| [3] | W. G. I. IPCC Third Assessment Report, The Scientific Basis, Kapitel 6.3.1, Carbon Dioxide, Chapter 6: Radiative Forcing of Climate Change, S. 356–358. |
| [4] | G. E. H. K. S. a. F. S. 1. Myhre, New estimates of radiative forcing due to well mixed greenhouse gases. Geophys. Res. Lett., 25, 2715-2718. |
| [5] | .. C. S. Cusack and J.M. Edwards, „Investigating k distribution methods for parameterizinggaseous absorption in the Hadley Centre Climate Model,“ JOURNAL OF GEOPHYSICAL RESEARCH, VOL. 104,NO. D2, PAGES 2051-2057,JANUARY 27, JANUARY 27, 1999. |
| [6] | -, Effect, Atmospheric Radiation and the “Greenhouse”. |
| [7] | tec-science, „Mittlere freie Weglänge & Stoßzahl (Herleitung)“.hermodynamik-waermelehre/. |
Anmerkung der Redaktion: Wer mehr zum Treibhaus Effekt insbesondere zur Gegenstrahlung sei auf diesen Aufsatz Der negative Treibhauseffekt Teil 2 verwiesen.
Der Beitrag Die Falsifizierung der Treibhaus-These erschien zuerst auf EIKE - Europäisches Institut für Klima & Energie.

Vor 40 Jahren ließ die Polizei in einer der größten Festnahmeaktionen der Bundesrepublik hunderte AKW-Gegner einkesseln. Doch das Vorgehen ging nach hinten los – und stärkte den Linksextremismus nachhaltig.
Dieser Beitrag Hamburgs schwarzer Sonntag Ein Kessel mit Folgen wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
In dieser 22. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erfahren wir von dem kalten Winter des Jahres 1946, in dem ein Säugling zur Welt kam, von den lang anhaltenden Folgen der Kriegstraumatisierung eines Vaters und schließlich in einem längeren Beitrag von den Erfahrungen einer Bauernfamilie aus Böhmen während Flucht und Vertreibung sowie von ihrer Ankunft im bayerischen Mittenwald.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, den neunzehnten Teil, den zwanzigsten Teil, sowie den einundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Mir wären beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm
Liebes Team der NachDenkSeiten!
1946 wurde ich im Februar geboren. Meine Mutter erzählte mir später, daß es so kalt war, mir wären beinahe die Finger erfroren; die sind heute noch krumm.
Ich werde wohl drei oder auch schon vier Jahre alt gewesen sein, da nahm man mich mit aufs Kartoffelfeld, zwischen Wittlohe und Stemmen, im Landkreis Verden. Es war nicht, um Kartoffeln (nach der Ernte) nachzulesen, sondern um leere Patronen zu finden, um das Messing zu verkaufen.
Ich kann mich auch erinnern, daß mein Onkel regelmäßig mit einem Pferdewagen kam. Er brachte altes Zigarettenpapier und hat es später, sauber und fein aufgestapelt, wieder abgeholt. Er fuhr in der Gegend herum, um das gebrauchte Zigarettenpapier kiloweise zu verteilen und später das gesäuberte Aluminium abzuholen – alles für ein paar Pfennige.
Meine Mutter und meine Oma haben das Papier vom Aluminium getrennt. Dazu mußten sie das Zigarettenpapier in Wasser aufweichen, und nach einer Weile konnte das Papier gelöst werden. Der Trick war, das Papier in einem Zug zu lösen, anstatt arbeitsaufwendig in Fetzen. Wasser war kein Problem, vor dem Haus war ein Bach.
Das war gleich nach dem Zweiten Weltkrieg; für viele Menschen gab es mehrere Jahre lang kaum Möglichkeiten, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.
Bei solchen Erinnerungen ist es unverständlich, wie heutige Politiker schon wieder derartig kriegslüstern sind.
Haben die kein Gewissen?
Vielen Dank für die NachDenkSeiten,
Peter Sprunk
Oft saß er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner stören durfte
Mein zweiter Mann, mit dem ich leider nur viereinhalb Jahre zusammen sein durfte, da er mit 57 Jahren an Krebs verstorben ist, hatte mir von seinem Vater Folgendes erzählt:
Er kämpfte während des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad. Mein Mann und sein Bruder erlebten ihn als Vater so: Oft saß er mehrere Tage in einer Kammer auf dem Dachboden, wo ihn keiner stören durfte. Nur die Mutter ging zu ihm, um ihm das Essen zu bringen.
Wenn der Vater dann wieder runterkam, erschien er ganz normal und man konnte mit ihm sogar hin und wieder lachen. Das ging so lange, bis er dann irgendwann starb.
Mein verstorbener Mann war aufgrund einer psychischen Erkrankung Frührentner. Ich habe manchmal den Verdacht, dass er unter den Depressionen seines Vaters genauso litt und er deshalb auch krank und später arbeitsunfähig wurde.
Martina R.
An den Bäumen der Allee hingen die Leichen der jungen Männer, zumeist noch halber Kinder
Meine Großeltern bewirtschafteten ihren großen, blühenden Bauernhof in der Nähe des böhmischen Ortes Plan, tschechisch Planá, gut 20 Kilometer südlich von Marienbad. Das geschah damals noch per Handarbeit und dem Einsatz von Ochsen. Die weiten Getreidefelder wurden von den Männern mit Sensen gemäht, hinter denen die Frauen die Halme auffingen und zu Garben bündelten und diese so gegeneinander aufstellten, dass der Wind sie trocknete. Meine Urgroßeltern lebten, nachdem ihre Tochter, meine Oma, zusammen mit ihrem Mann den Hof übernommen hatte, im Austrag.
Der Zweite Weltkrieg warf bereits 1938 seine Schatten voraus, und einige Männer des kleinen Dorfes versteckten sich, um nicht eingezogen zu werden, auch mein Großvater. Bis sich dann herausstellte, dass er aufgrund seines Asthmas ohnehin wehruntauglich war, stand meine Großmutter, die mit dem fünften Kind, meiner späteren Mutter, schwanger war, große Ängste aus.
Dass diese Ängste sehr begründet waren, zeigte sich in den Jahren nach Ausbruch des Krieges zunehmend. Meine Oma hat mir Jahrzehnte später mit Tränen in den Augen erzählt, dass an den Bäumen der Allee zum Nachbardorf die Leichen der jungen Männer, zumeist noch halber Kinder, hingen, die sich dem Kriegsdienst hatten entziehen wollen.
Meine Mutter wurde mit fünf Jahren eingeschult und hatte täglich zu Fuß den mehrere Kilometer weiten Weg zur nächsten Schule zurückzulegen. An einem Mittag im Herbst 1944 waren die Kinder der Grundschule wieder einmal auf ihrem Heimweg, den sie über die abgeernteten Felder abkürzten, als sie einen Tiefflieger nahen hörten. Sie rannten in den nahe gelegenen Wald – was ihnen das Leben rettete. Denn genau an die Stelle, an der die Kinder gewesen wären, hätten sie ihren Weg übers Feld fortgesetzt, fiel eine Bombe, die einen riesigen Krater hinterließ: der amerikanische Kampfpilot hatte sie auf Grundschulkinder abgeworfen! Die Kinder wurden von dem Einschlag der Bombe auf dem Feld noch im Wald einen Meter in die Luft geschleudert. Von dem Einschlag aufgejagt, rannten die Eltern zu dem Feld – und weinten vor Erleichterung, als ihre Kinder ihnen lebend aus dem Wald entgegenkamen.
Die älteste Tochter meiner Großeltern, meine spätere Taufpatin, wurde nach Flensburg und Kiel zur Marine eingezogen, wo sie als Köchin diente.
Meine Großeltern waren nie Anhänger der „Heim-ins-Reich”-Ideologie gewesen. Es ging ihnen bei den Tschechen gut. Die schwere Arbeit lohnte sich, denn das mondäne Marienbad riss ihnen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse förmlich aus den Händen. Der tschechische Bürgermeister des Dorfes und mein Opa waren beste Freunde.
Aber als Deutschland den Krieg verloren hatte, wurden auch meine Großeltern enteignet und eine angereiste slowakische Familie übernahm den Hof. Meine Großeltern und ihre Kinder mussten ihn weiter bewirtschaften, bekamen jedoch nur halbgare Kartoffeln zu essen, nicht einmal ein Stück Fallobst durften sie nehmen. Die Kinder durften ihre Spielsachen nicht mehr anrühren. Auf solche „Vergehen” drohte die Verschleppung in Straflager.
Wenn nicht ein Russe – unter Gefahr für sein eigenes Leben (Deutschen zu helfen, war verboten) – heimlich immer wieder ein bisschen Milch gebracht hätte, wäre der erst zweijährige jüngste Sohn wahrscheinlich verhungert. Derselbe Russe hatte es entschieden abgelehnt, einen benachbarten großen Hof übereignet zu bekommen, und das damit begründet, dass er Deutschen nicht den Hof wegnehmen werde. Er arbeitete auf demselben Hof lieber als Knecht weiter. Ob oder wann er nach Russland heimgekehrt ist, haben wir nie erfahren.
Die neuen Eigentümer des Bauernhofes meiner Großeltern waren nicht mit den umfangreichen Arbeiten aufgewachsen, die ein so großer Hof erforderte, und so kam der Hof bald nach der Vertreibung der ursprünglichen Eigentümer schnell herunter.
Als ich in den Neunzigerjahren mit einem Freund in die alte Heimat meiner Vorfahren mütterlicherseits fuhr, konnten wir mit unserem VW Golf gar nicht zu der Stelle gelangen, wo das Dorf gestanden hatte. Ein junger Tscheche aus dem einzigen noch stehenden Haus des Nachbardorfes fuhr uns in seinem Wagen dorthin und erzählte uns, was er wusste. Als die neuen Besitzer mit den großen Höfen nichts mehr anzufangen gewusst hatten, hatte man das Dorf bis auf die Mauerstümpfe dem Erdboden gleichgemacht. Mitten in dem jungen Birkenwald war noch ein halb umgekipptes schmiedeeisernes Kreuz zu sehen. Nach meiner Rückkehr sagte mir meine Mutter, das sei das Kreuz auf dem früheren Dorfplatz gewesen, das von zwei großen Kastanienbäumen eingerahmt gewesen sei, unter denen sich das Dorf zum Tanz getroffen hatte. Kastanienbäume hatte ich keine mehr gesehen.
Meinem Opa als Ortsbauernführer unterstanden während des Krieges auch die Kriegsgefangenen, die dem Dorf als Arbeitskräfte zugeteilt wurden. Weil er sie wie Familienangehörige behandelte, wurde er von anderer Seite heftig kritisiert und ihm gedroht, er werde schon sehen, wohin er damit käme. Mein Opa, dessen eigener Sohn eingezogen worden war, ließ sich nicht beirren. Er erklärte den ihm unterstellten Gefangenen, dass, wenn sie zu flüchten versuchen würden, sie nicht weit kämen und auch er selbst getötet würde. Die Männer waren klug genug, das einzusehen, und natürlich heilfroh, dass sie in sauberen Federbetten schliefen, am Familientisch aßen und mein Opa sie wie selbstverständlich auch ins Wirtshaus mitnahm. Sie nannten ihn „Vater”.
Nach Kriegsende erwartete auch die ehemaligen Ortsbauernführer Schlimmes, viele wurden “auf Raten” erschlagen. Auch mein Opa ging – voller Angst, nicht mehr lebend heimzukommen – zu der Stelle, wo zu erscheinen ihm befohlen worden war. Doch der zuständige Kommissär dort schob ihm nur ein Papier hin mit den Worten: „Gefangene sprechen für dich. Du guter Vater. Du unterschreiben und heimgehen!” Die Gefangenen, die ihm unterstanden hatten, hatten sich für ihn eingesetzt und ihm damit das Leben gerettet. Vor Erleichterung lachend kam er zu Hause an – auch wenn dieses Zuhause ihm schon nicht mehr gehörte.
Im Frühling 1946 sagte der tschechische Bürgermeister zu meinem Opa, mit dem er befreundet war, dass er nichts mehr für ihn tun könne und dass er ihm raten müsse, mit seiner Familie seine Heimat mit einem der beiden nächsten Transporte zu verlassen, die noch nach Bayern gingen; alle nachfolgenden Vertriebenentransporte würden in die (kommunistische) „Ostzone” gehen. Dieser befreundete Tscheche hat auch dafür gesorgt, dass die Familie manches mitnehmen konnte. Zuletzt, indem er, als die Familie am Kontrollpunkt (wo auch Körperöffnungen nach geschmuggeltem Eigentum durchsucht wurden) an der Reihe war, zu dem Posten etwas sagte und dieser daraufhin die ganze Familie ohne Kontrolle durchwinkte.
Meine Mutter hat mir kurz vor ihrem Tod vor eineinhalb Jahren das erste Mal erzählt, dass nicht viel später ein Schuss zu hören war. Der tschechische Bürgermeister, der beste Freund meines Opas, war wegen seiner Hilfe für Deutsche erschossen worden. Als mein Opa es erfuhr, brach er vor Schmerz und Verzweiflung aufschreiend auf die Knie zusammen. Es blieb nur wenig Zeit zum Weinen, die Vertriebenen mussten weiter.
Zu Fuß mussten die Menschen, alte Menschen wie auch kleine Kinder, die rund 30 Kilometer zur Bahnstation in Kuttenplan zurücklegen. Trotz eines schmerzhaften Abszesses am Fuß und ersten Vorzeichen einer Blinddarmentzündung lehnte meine damals siebenjährige Mutter es eisern ab, auf einem der begleitenden Lastwagen mitzufahren – ahnend, dass sie, wie es anderen mitfahrenden Kindern geschah, ihre Familie dann nie wiedersehen würde.
In Viehwaggons gepfercht, wurden die Menschen während mehrerer Tage nach Mittenwald in den bayerischen Alpen transportiert. Irgendwo wurden sie mit Insektiziden zur „Entlausung” eingesprüht. In Mittenwald angekommen, lebten sie wochenlang im „Lager Luttensee”. Menschen, deren Tage zuvor von harter Arbeit angefüllt gewesen waren, waren nun zum Nichtstun verdammt und so ihrer Angst davor, was ihnen und ihren Kindern bevorstünde, ohnmächtig ausgesetzt. Aus Verzweiflung haben die Frauen die mitgenommenen Pullover aufgetrennt und neu gestrickt. Sonntags ging die katholische Familie meiner Mutter nach Mittenwald in die Kirche.
Mein Opa hatte aufgrund seines Asthmas nicht in den Krieg ziehen müssen. Aber sein 15 oder 16 Jahre alter Sohn, mein Onkel Josef, genannt Bepp, war eingezogen worden. Meine Großeltern konnten nur hoffen, dass er möglichst heil wieder heimkommen würde; und dass er, sollte er in Gefangenschaft geraten, einigermaßen menschlich behandelt werden würde. Die noch in ihrer Heimat eintreffenden offiziellen Nachrichten – das eine Mal, dass er vermisst sei, das andere Mal, dass er gefallen sei, – waren furchtbar für sie. Nach dem Verlust ihrer Heimat sollten sie ihren Jungen gottlob doch lebend wiedersehen.
Als die Familie schon in Mittenwald war, erblickte meine Oma eines Sonntags, als sie nach dem Gottesdienst die Kirche verließ, an einer einsamen Kirchenecke im Schatten eine arg abgemagerte Gestalt. Irgendetwas bewog sie, genauer hinzusehen, und als die Gestalt dann aus dem Schatten trat, erkannte sie ihn: „Jesses, Maria … Bepp!” Ihr Sohn, Bepp, hatte nach seiner Freilassung aus der Gefangenschaft – als er nicht in sein Zuhause zurückkehren konnte – ausfindig gemacht, wo seine Familie gelandet war, und hatte sich dorthin durchgeschlagen.
Schlimmer als in russischer Gefangenschaft war es dem Jugendlichen in polnischer Gefangenschaft ergangen, wo er unmenschliche Grausamkeit hatte mitansehen müssen. Als er später fähig war, davon zu sprechen, erzählte er unter anderem, dass verhungernden deutschen Gefangenen, die um einen Bissen vom vollen Tisch der polnischen Bewacher gefleht hatten, die Zunge an die Tischkante genagelt worden war. Davon, was ihm selbst über den Hunger hinaus geschehen war, habe ich ihn nie reden gehört. Doch seit seiner Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft hat er, der tief im katholischen Glauben verwurzelt aufgewachsen war, keine Kirche mehr betreten.
Noch im späteren Sommer des Jahres 1946 wurden meine Urgroßeltern, Großeltern und ihre Kinder zusammen mit ein paar weiteren Vertriebenen-Familien einem Dorf in Oberbayern zugewiesen. Die Alteingesessenen des Bauerndorfes waren in der Notzeit nach dem verlorenen Krieg über die fremden Habenichtse alles andere als erfreut. Einer der Bauern rief aus, als die Vertriebenen auf Ladeflächen von Heuwägen u. ä. ins Dorf gefahren wurden: „Fahrt sie nur gleich weiter in die Isar!”
Ihre Unterkunft im Dorf wechselte mehrmals, vom Saal einer Wirtschaft in den einer anderen, von einem Bauern zu einem anderen; an so etwas wie Privatsphäre war gar nicht erst zu denken. Meine Urgroßeltern und Großeltern und die Kinder arbeiteten auf den Bauernhöfen des Dorfes mit, für nichts als ein Dach über dem Kopf. Die Ernährung wurde über Essensmarken bestritten und über die kleine Ausbeute der Bettelgänge der Kinder im weiteren Umkreis.
Ich habe meine Oma manchmal sagen gehört: „Daheim waren wir wer. Hier sind wir Bettler.” Die Familie hatte sich durch ihren Fleiß und ihre Rechtschaffenheit Ansehen in dem bayerischen Dorf erworben. Meine Großeltern waren die ersten Vertriebenen im Dorf, die sich unter großen Mühen und Entbehrungen ein Haus bauten. Aber den Schmerz um den Verlust ihrer Heimat, die Entwurzelung der mit ihrem Hof verwachsenen Bäuerin, hat meine Oma bis zu ihrem Tod nicht verwunden. Als mein Opa, fünfundzwanzig Jahre nach der Vertreibung, starb, war ich noch zu klein, um bewusst wahrnehmen zu können, wie es ihm unter der funktionierenden Oberfläche ging.
Das Leben meiner Mutter war von ihrem sechsten Lebensjahr an mehr als zehn Jahre lang geprägt von Hunger, Entwurzelung, Überanstrengung und Todesangst. Wer seine Jugend gehetzt und „außer sich selbst” durchlebt, legt das später nicht einfach ab. Die Wahrscheinlichkeit, dass man – unbewusst – Entscheidungen trifft, die einen weiterhin nicht zur Ruhe kommen lassen, ist groß. Und wenn man gelernt hat, immer nur Stärke auszustrahlen, glaubt einem kaum ein Arzt, wie schwer psychosomatisch erkrankt man ist. Traumatherapie kannte lange niemand; tief und ganzheitlich wirksame Traumatherapie muss auch heute noch aus eigener Tasche bezahlt werden.
Krieg hat viele Opfer: tote und lebende – über viele Jahrzehnte hin. Wo immer Krieg ausgebrochen wird.
Wenn ich sehen muss, dass heute wieder Regierungsvertreter unseres Landes auf einen Krieg mit deutscher Beteiligung hinsteuern, frage ich mich verständnislos und zornig: Hatten diese Knechte fremder Interessen – denn im Interesse der deutschen Bevölkerung ist es ja niemals – keine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten …, die ihnen von den Schrecken, den Unmenschlichkeiten eines Krieges berichtet haben? Hatten diese etwa sogar vom Krieg profitiert? Oder haben sie kein Gewissen? Wie fremd muss man sich selbst geworden sein, um das Wohl und das Leben anderer Menschen zu opfern für Profit – fremden oder eigenen? Am Ende ihrer Tage werden auch sie nur mitnehmen können, was sie – als Menschen – geworden sind! Das aber werden sie mitnehmen müssen, wie schwer sie daran auch zu tragen haben mögen.
Das Leid all der Menschen, deren Leben durch Krieg zerstört wurde, wird dadurch nicht ungeschehen.
Darum müssen wir die Erinnerung der Zeitzeugen – der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt und erlitten haben – wachhalten und teilen. Gegen die Propaganda der Kriegstreiber! Über die menschenverachtende Macht- und Profitgier weniger, wenn auch einflussreicher Nutznießer von Kriegen muss die Wahrheit und muss die Vernunft und Menschlichkeit der Vielen siegen. Wenn wir uns nicht länger spalten lassen, sondern zusammenhalten, wird uns das gelingen – und werden wir den Frieden gewinnen.
Mit freundlichen Grüßen,
Anonym (Name ist der Redaktion bekannt)
Hier können Sie den dreiundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: Sudetendeutsche Stiftung / Expulsion of the Germans from the Sudetenland / Attribution-Share Alike 1.0 Generic
Oft sind es nicht die offensichtlich politischen Entscheidungen, die unabhängige Medien vor Herausforderungen stellen, sondern scheinbar „technische“ Vorgänge im Hintergrund. Nachdem die als „De-Banking“ bekannte Praxis, kritischen Stimmen Bankkonten zu kündigen, bereits traurige Bekanntheit erlangt hat, geraten inzwischen auch technische Dienstleister zunehmend in den Fokus. Kündigungen von Verträgen können im Einzelfall existenzbedrohende Folgen haben. Die NachDenkSeiten sind aktuell mit einer Entwicklung konfrontiert, die genau dies verdeutlicht. Dank unseres großartigen Teams und unserer fantastischen Leser und Unterstützer konnten wir die Krise jedoch als Chance ergreifen und uns dadurch unabhängiger machen.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
wir wenden uns heute mit einer wichtigen Mitteilung an Sie – und zugleich mit einem Einblick in eine Entwicklung, die über unseren konkreten Fall hinausweist.
Seit einigen Jahren nutzten die NachDenkSeiten die Dienste der Firma FundraisingBox zur Verwaltung der Spenden und Fördermitgliedschaften. Da die Zusammenarbeit stets problemlos verlief, traf uns ein Schreiben dieses Unternehmens im März dieses Jahres auch wie ein Schlag – man kündigte uns die Geschäftsbeziehungen unter Verweis auf den Wertekanon gemäß der AGB auf.
Diese Entscheidung kam für uns unerwartet. Sie ist nicht aus unserem eigenen Handeln heraus entstanden, sondern das Ergebnis externer Vorgänge. Die konkrete Entscheidung und deren Hintergründe sind für uns bis heute nicht nachvollziehbar.
Der Vorgang macht vor allem deutlich, wie verwundbar auch unabhängige Medienprojekte sind, wenn zentrale technische Prozesse von Dritten abhängen. Ein Großteil der Spenden und Unterstützungsleistungen unserer Leser und Unterstützer erhalten wir über regelmäßige Förderbeiträge. Für uns war dies eine unbequeme Erkenntnis: Redaktionelle Unabhängigkeit allein genügt nicht. Auch die technische und finanzielle Infrastruktur eines Mediums muss möglichst unabhängig organisiert sein.
Worin genau bestand das Problem, das mit der Kündigung verbunden ist? Als Leser und Unterstützer sehen Sie nur ein Spendenformular, wenn Sie uns einmalig unterstützen oder dauerhaft fördern wollen. Dahinter steht jedoch ein komplexes System, bei dem die SEPA-Mandate – also die rechtlichen und technischen Bedingungen für einen Konteneinzug –, die Schnittstellen mit unserer Buchhaltung, ein System für Rücklastschriften und ein System für die konkrete Zahlungsabwicklung integriert sind. Datenschutzvorgaben müssen auch noch gewährleistet sein und natürlich braucht es auf technischer Ebene noch die Schnittstellen zu verschiedenen Zahlungsdienstleistern bis hin zu unserer Hausbank. Diese Aufgaben erfüllen in der Regel Dienstleister wie Fundraisingbox und sie lassen sich diese Arbeit auch gut bezahlen.
Wir standen vor dem Problem, dass nach Ablauf der Kündigungsfrist ein erheblicher Teil unserer laufenden Finanzierung gefährdet gewesen wäre. Förder-Abos per Kreditkarte, PayPal-Daueraufträge und SEPA-Lastschrifteinzüge wären nicht mehr durchführbar gewesen und das betraf – was besonders dramatisch ist – nicht nur neue Spenden, sondern unseren gesamten Bestand an dauerhaften Förderern. Sicher, man hätte sich einfach einen neuen Dienstleister suchen können und alle bisherigen Förderer – von denen wir aber meist auch aus Datenschutzgründen gar keine Kontaktdaten haben – informieren können, dass sie ihre Förderung umstellen. Viele Förderer hätten wir so aber gar nicht erreichen können und am Ende wären wir dann auf Gedeih und Verderb von diesem neuen Dienstleister abhängig. Nebenbei sei auch noch erwähnt, dass es gar nicht viele Anbieter gibt, die genau die Dienstleistungen anbieten, die wir benötigen. Für uns war diese Situation überlebensbedrohend. Ohne tragfähige Lösung wären bei den NachDenkSeiten – zumindest zum Teil – bald die Lichter ausgegangen.
Wir haben daher die Entscheidung getroffen, die Krise als Chance zu begreifen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Für uns war dies eine unbequeme Erkenntnis: Redaktionelle Unabhängigkeit allein genügt nicht. Auch die technische und finanzielle Infrastruktur eines Mediums muss möglichst unabhängig organisiert sein. Unser Administrator Lars Bauer und sein Team haben gemeinsam mit unserem langjährigen Unterstützer und IT-Berater Carsten Weikamp in kürzester Zeit eine Alternative entwickelt. Ein eigenes Spendenverwaltungssystem auf Basis einer Open-Source-Technologie sollte her. Das klingt für Außenstehende vielleicht profan. Die damit verbundene Arbeit war jedoch immens. Sämtliche Datenbestände aus dem alten System mussten gesichert und exportiert werden – das waren 700.000 Datensätze. Eine neue Datenbank musste aufgebaut, die Daten und Kontakte der Förderer mussten migriert werden. Und last but not least mussten dann noch sämtliche Zahlungsprozesse neu aufgebaut werden – und das alles im Rahmen der geltenden Datenschutzgesetze und im Einklang mit der streng regulierten und sehr speziellen Welt der Finanzsoftware.
An dieser Stelle sei auch unserer Hausbank gedankt, die uns bei diesem Prozess großartig unterstützt hat. Ohne sie wäre unsere alternative Lösung so wohl nicht möglich gewesen.
Nach ganzen drei Monaten Arbeit ist der Übergangsprozess beendet und unser eigenes Spendenabwicklungssystem steht in seinen Grundzügen. Nun haben wir die für uns optimale Lösung gefunden und sind dabei für die Zukunft strukturell besser aufgestellt als zuvor. Wir haben die volle Kontrolle und Transparenz über unsere Spenden und Fördergelder und sind nun so unabhängig von externen Dienstleistern, wie man es in einem vernetzten System nur sein kann.
Am 1. Juni nahm hinter den Kulissen unser neues System den Dienst offiziell auf. SEPA-Einzüge werden wieder verarbeitet – ohne FundraisingBox, ohne externe Fundraising-Plattform und erstmals direkt über unsere eigene Infrastruktur in Zusammenarbeit mit unserer Hausbank.
Auch das Spendenformular auf unserer Website wird voraussichtlich Ende dieser Woche wieder zur Verfügung stehen. Zum Start werden wir Lastschriften und Online-Überweisungen unterstützen. Weitere Zahlungsarten folgen in den kommenden Wochen. Damit kehren die NachDenkSeiten Schritt für Schritt zu einem vollständigen und zugleich deutlich unabhängigeren Spenden- und Fördersystem zurück.
Wichtiger Hinweis an unsere Unterstützer
Aufgrund der Umstellung unserer Zahlungsinfrastruktur konnten im gesamten April sowie in den ersten drei Mai-Wochen keine regulären SEPA-Lastschriften eingezogen werden. Mit der Wiederaufnahme des Lastschriftverfahrens Anfang Juni wurden zunächst die Förderbeiträge verarbeitet, deren Ausführungsdatum ursprünglich in die letzte Mai-Woche gefallen wäre. Dadurch kann es bei einzelnen Förderern Ende Juni zu zwei Abbuchungen in kurzem zeitlichen Abstand kommen. Dies ist kein Fehler, sondern eine Folge der technischen Umstellung. Sollten Sie Fragen dazu haben, wenden Sie sich bitte an [email protected].
An dieser Stelle möchten wir uns ganz herzlich bei unseren tollen Lesern und Unterstützern bedanken! Mit vielen von ihnen standen wir wegen der genannten Probleme in Kontakt. Wir haben hunderte meist sehr produktive und motivierende Zuschriften erhalten. Menschen stellten manuell auf Dauerauftrag um, viele erhöhten dabei sogar den Unterstützungsbeitrag. Danke! Alle angesprochenen Leser und Förderer zeigten dabei volles Verständnis. Das zeigt: Ein Projekt wie NachDenkSeiten ist nicht „nur“ ein normales Medium oder gar ein technisches System. Es sind die Menschen, die dieses Projekt tragen – die Macher, die Leser und die Unterstützer.
Nur technische Souveränität kann die Meinungsfreiheit bewahren
Die NachDenkSeiten hatten wohl viel Glück im Unglück – Glück, dass wir sowohl tolle Mitarbeiter auf technischer Ebene haben und mit unserer Hausbank einen treuen, kompetenten Partner haben. Wir schreiben dies alles aber nicht nur, um Sie zu informieren. Wir wollen ausdrücklich hiermit auf dieses Problem aufmerksam machen und Kollegen warnen.
Die Geschichte – und damit das Problem – ist größer als ein Spendenformular.
Sie zeigt:
Die vergangenen Wochen haben uns viel Arbeit und Nerven gekostet und die Unsicherheit nagte an uns. Sie haben uns aber auch gezeigt, dass Unabhängigkeit nicht nur eine Frage redaktioneller Inhalte ist. Sie beginnt bereits bei den technischen und finanziellen Grundlagen, auf denen ein Medium steht. Genau diese Grundlagen haben wir in den vergangenen Monaten neu aufgebaut.
Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass Meinungsfreiheit nicht erst bei der Veröffentlichung eines Artikels beginnt. Sie beginnt bereits bei den technischen und finanziellen Grundlagen eines Mediums. Wer diese Grundlagen vollständig an Dritte auslagert, macht sich verwundbar. Genau deshalb haben wir die vergangenen Monate genutzt, um unsere Infrastruktur neu aufzubauen und unsere Unabhängigkeit auch technisch ein Stück weiter zu stärken.
Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung: [email protected].
Wir danken Ihnen für Ihr Vertrauen, Ihre Unterstützung und Ihre Solidarität.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie wichtig eine engagierte Leserschaft ist.
Herzliche Grüße
Ihre NachDenkSeiten
Titelbild: mit künstlicher Intelligenz erstellt (ChatGPT)
„Ich erinnere mich noch an Weihnachten 1945, das wir bei halbwegs milden Temperaturen feierten, der Abend endete jedoch mit Tränen. Heimweh, ein Gefühl der Einsamkeit und Furcht vor der ungewissen Zukunft konnten auch durch die betonte Kameradschaft nicht unterdrückt werden. Die gemeinsam gesungenen sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest.“
In dieser 21. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Vaters Claus Grote an dessen Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft als 17-Jähriger und seine Fluchtversuche.
Wir veröffentlichen diesen Beitrag aufgrund seiner Länge in zwei Teilen.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, den neunzehnten Teil, sowie den zwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Noch keine 18 Jahre alt
Teil 2
Teil 1 finden sie hier.
„Claus Grote
Berlin, 26.04.1992
Kriegsgefangenschaft 7.4.1945 bis 6.2.1946
Obwohl der Franzose uns gegenüber eine schreckliche Drohung aussprach
Diesmal wurden wir etwas genauer untersucht, aber beim Bemerken der kleinen krabbelnden Wesen in unserer Unterwäsche ließ auch diesmal die Gründlichkeit der Kontrolleure schnell nach. Wir wurden mit einem Jeep nach Etain, einem kleinen Ort in der Nähe von Verdun gebracht, wo sich ein Militärflugplatz befand, für den eine Kompanie deutscher Gefangener gewisse Hilfsdienste zu leisten hatte. Wir wurden mehrmals verhört, von amerikanischer Militärpolizei, in Gegenwart eines französischen Offiziers, der Deutsch sprach und als Dolmetscher fungierte. Vor allem wollten sie wissen, aus welchem Gefangenenlager wir entflohen waren. Da wir nicht wußten, welche Strafe darauf stand, behaupteten wir, wir hätten uns hier herumgetrieben, seit die Wehrmacht hier abgezogen war, obwohl der Franzose uns gegenüber eine schreckliche Drohung aussprach: Wir würden den Russen übergeben, wenn wir nicht zugeben würden, wo wir ausgerissen sind.
Niemand klärte uns darüber auf, daß unsere Ausrede sogar lebensbedrohlich sein konnte: Spione hinter den feindlichen Linien wurden ohne großen Prozeß erschossen – noch wenige Wochen vorher hätte uns das passieren können. Nach Beratung mit der deutschen Leitung im Gefangenenlager gaben wir schließlich zu, wo und wie wir uns vom Transportzug abgesetzt hatten.
Wir hatten gleich nach der Einlieferung in das Gefangenenlager um Läusepulver oder Ähnliches gebeten, aber ohne auf Resonanz zu stoßen. Also setzten wir uns, wie alle Tage vorher, nach dem Mittagessen, das bescheiden, aber gut war, auf die Wiese und begannen mit der üblichen Knackerei. Als das bei der Lagerleitung bekannt wurde, dauerte es nur wenige Minuten, und jeder von uns erhielt eine Streudose mit DDT, das ich auf diese Weise erstmalig ausprobierte, mit unglaublichem Erfolg, weil es damals noch keine gegen dieses neue Mittel resistenten Insekten gab.
Uns beiden ausgehungerten Jünglingen wurde vorgesetzt, was wir uns wünschten
Nach nur einem Tag im Lager in Etain wurden wir nach Verdun gebracht, wo sich in den Kasematten ein absolut ausbruchsicheres Gefangenenlager befand, vollgestopft mit deutschen Gefangenen, die überwiegend in amerikanischen Kantinen und Küchen Hilfsarbeiten verrichten mußten, dabei natürlich an die Originalverpflegung der US-Army herankamen und nicht das geringste Interesse an der Lagerverpflegung hatten. Der Bürokratismus in der US-Army war aber wie in jeder Armee gut entwickelt, für die etwa 30 Gefangenen des internen Dienstes stand die Sollverpflegung für eine ganze Kompanie zur Verfügung, selbst bei den bescheidenen Rationen ein Überfluß. Uns beiden ausgehungerten Jünglingen wurde nun vorgesetzt, was wir uns wünschten, und die gutgenährten etablierten Lagerinsassen sahen voller Staunen zu, was man alles in einen menschlichen Körper hineinstecken kann, wenn man glaubt, an einem Tag nachholen zu müssen, was man in vielen Monaten versäumt hat. Ich glaube, daß sich mein Magen auf ein Volumen von mindestens drei Litern vergrößert hat, in der Nacht mußte ich raus, weil mir schlecht wurde, aber nach einem unglaublichen Rülpser blieb alles Wertvolle doch drin.
Unser Geständnis, daß wir während des Transports vom Zug gesprungen waren, hatte keine schlimmen Folgen. Aber auch in den Kasematten von Verdun blieben wir nur einen Tag, und dann ging es ab nach Stenay. Dort befand sich in einer ehemaligen Kaserne der französischen Armee eine Art Durchgangslager für deutsche Kriegsgefangene in amerikanischer Hand, wo erst einmal Ordnung geschaffen wurde. So hatten wir gleich nach unserer Ankunft eine Reihe von Fragen zu beantworten, z.T. schriftlich, bekamen eine „Internment Serial Number”, also eine Kriegsgefangenschaftsnummer, durften eine Karte mit vorgedrucktem Text an unsere Heimatadresse schicken und wurden erst einmal wegen Flucht aus der Gefangenschaft zu 14 Tagen Arrest verurteilt. Das ging ziemlich formlos, und da es im Arrest jeden Tag morgens und abends ein halbes Weißbrot mit Wasser gab, waren wir sogar besser dran als die übrigen Gefangenen, die zweimal pro Tag eine dünne Suppe bekamen, die auch nur aus Brot und Wasser zu bestehen schien, bei der die jeweilige Portion aber keinesfalls so viel Brot enthielt wie wir bekamen.
… daß ein deutscher Spieß auch in Gefangenschaft in der Lage ist, Disziplin in seiner Einheit durchzusetzen
Nach Abschluss dieser Strafe wurden wir der „Kompanie 45″ zugeteilt. Warum die Kompanie so hieß, weiß ich nicht, fest steht aber, daß man hier alle möglichen verdächtigen Elemente zusammengefaßt hatte, vom SS-Scharführer bis zum Kriminellen, der sich am Eigentum seiner Kameraden vergangen hatte. Im Lager Stenay war das Lagerleben straff organisiert. Jeden Tag war Zählappell, zu dem mit militärischer Disziplin angetreten wurde. Die US-Lagerleitung hatte, um sich die Arbeit zu erleichtern, einen deutschen Stabsfeldwebel (ich glaube, er hieß Sauer) als deutschen Lagerleiter eingesetzt, dem eine aus deutschen Gefangenen gebildete Lagerpolizei zur Seite stand. Diese Truppe war für die innere Ordnung verantwortlich, vom Zählappell bis zur Einhaltung der Nachtruhe (nach 22 Uhr durften die Unterkünfte nicht verlassen werden), außerdem bewachten sie Küchen und Vorratskammern.
Leiter der Kompanie 45 war ein deutscher Feldwebel, der offenbar seinen Ehrgeiz dareinsetzte, den Amerikanern zu beweisen, daß ein deutscher Spieß auch in Gefangenschaft in der Lage ist, Disziplin in seiner Einheit durchzusetzen. Also tat er alles, um den Hauch von Kriminalität, der über seiner Kompanie lag, zu bekämpfen, an sich ein löbliches Unternehmen. Das hatte allerdings zur Folge, daß jeder Neuankömmling erst einmal mit den internen Regeln vertraut gemacht wurde. Da wir nicht die Absicht hatten, wieder auszureißen, interessierte uns das alles wenig, wir dachten immer nur ans Essen, und wie wir uns zusätzlich etwas verschaffen könnten.
Im Brotinnern zog der Schimmel richtige Fäden.
So meldete ich mich freiwillig, als Leute gesucht wurden, die eine Art Müllabfuhr zu organisieren hatten. Als erstes bekamen wir den Auftrag, große Papiersäcke aus dem Vorratslager auf eine Müllhalde zu transportieren, ein LKW mit amerikanischem Fahrer stand zur Verfügung. Als wir merkten, daß die Papiersäcke (etliche Dutzend) voll von verschimmeltem Brot waren, hatten wir eine ziemliche Wut auf die Amis, die Brot verschimmeln ließen, obwohl im Lager ständig Hunger herrschte. Natürlich überwanden wir unseren Ekel und suchten uns aus den Säcken alles heraus, was einigermaßen eßbar schien, meist waren es die Rinden, im Brotinnern zog der Schimmel richtige Fäden.
Dieses Erlebnis senkte die Hemmschwelle, und als uns (Wolfgang und mir) zwei andere Gefangene in der folgenden Nacht erzählten, daß sie einen Weg gefunden hatten, wie man heimlich in die Lager einbrechen könne, wo die Lebensmittel lagern, waren wir gleich dabei. Mit Erfolg übrigens, wir fanden Büchsen mit den feinsten Sachen, die allerdings immer nur bei der Lagerpolizei ankamen und in der Wassersuppe kaum zu finden waren, z.B. „turkey”, also Konserven mit Truthahnfleisch, Ananas und was das Herz begehrte.
„Ich stahl Essen von meinen Kameraden”
Noch in den Lagerhallen stillten wir unseren Hunger, aber der Aufenthalt bekam uns trotzdem schlecht, denn inzwischen hatte die Lagerpolizei offenbar Lunte gerochen, das Lagerhaus umstellt und begann mit der Suche nach den Einbrechern. Wir hatten keine Chance, und so landeten wir gleich wieder in der Arrestzelle.
Ich hatte sogar noch eine halbe Büchse mit Putenfleisch in der Tasche und beeilte mich, den Inhalt dahin zu befördern, wo er hingehörte. Am nächsten Tag kamen wir wieder vor einen amerikanischen Offizier, der uns wiederum recht formlos zu weiteren 14 Tagen Arrest verurteilte, die wir genau so absaßen wie die vorhergehenden. Unser Einbruch mit Mundraub hatte aber die Stimmung in der Kompanie 45 gegen uns aufgebracht, und als wir wieder zurückkamen, hätte nicht viel gefehlt und wir wären verprügelt worden. Ich bekam jedenfalls so viel Angst, daß ich nach diesen Ausflügen erst einmal genug hatte, im Gegensatz zu Wolfgang, der, vom Hunger getrieben, einige Nächte später wiederum versuchte, sich zusätzlich Nahrung zu verschaffen, und dabei wiederum erwischt wurde. Diesmal kam er nicht so glimpflich davon. Er wurde noch in der gleichen Nacht von der Lagerpolizei blutig geschlagen und beim nächsten Zählappell in seinem jämmerlichen Zustand zur Abschreckung durch die Reihen der angetretenen Gefangenen geführt, ein Schild um den Hals mit der Inschrift „Ich stahl Essen von meinen Kameraden”.
Es muß etwa Juli 1945 gewesen sein, daß ich mit etwa 200 anderen Gefangenen nach „Camp Oklahoma City” gebracht wurde, zum Arbeitseinsatz. Camp Oklahoma City war eines von mehreren Dutzend Lagern, in denen die US-Soldaten, die in Europa gekämpft hatten, auf ihren Rücktransport in die USA warteten. Es war eine riesige Zeltstadt, in den Wohnzelten wohnten jeweils etwa 20 Soldaten, jede Kompanie hatte darüber hinaus ein Küchenzelt, eine Kantine und ein Kinozelt. Insgesamt waren dort etwa 3000 US-Soldaten, die von uns 200 Gefangenen betreut wurden. Am besten hatten es natürlich die PWs (prisoner of war = Kriegsgefangener), die in den Küchen beim Essenmachen oder in der Kantine Dienst machten. Ich als ewiger Glückspilz landete zunächst einmal in einer Gruppe, die die Aufgabe hatte, Klo-Gruben auszuheben, etwa einen Meter im Quadrat und 3 m tief, darauf kam ein Holzgestell mit Löchern, und alles wurde dann noch mit einer Wand aus Dachpappe umgeben. Die Norm war für uns vier Mann ein Klo pro Tag, und nach einiger Zeit hatten wir uns gut eingearbeitet, wir waren meist am frühen Nachmittag fertig und unser Posten war menschlich genug, um uns danach ausruhen zu lassen.
… bis wir unmerklich in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis gerieten
Dieser Posten war eine Nummer für sich. Er kam aus Louisiana, hatte bei seinen Kameraden deshalb den Spitznamen „Frenchie” und zeichnete sich erstens durch einen Mangel an Geistesgaben und zweitens durch sexuelle Verklemmtheit aus – er liebte pornografische Zeichnungen, möglichst Darstellungen von oralem Verkehr, und legte offenbar auf zeichnerische Qualität weniger Wert als auf immer wildere Phantasien. Meine Mitgefangenen und ich machten uns zuerst einen Spaß daraus, ihn mit obszönen Zeichnungen zu schocken und so bei Laune zu halten, bis wir unmerklich in ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis gerieten: Er brachte uns jeden Tag Schokolade oder Zigaretten mit, und wir bemühten uns, immer neue phantastische Stellungen aufs Papier zu bringen, das Frenchie sorgfältig einsteckte und abends mit in sein Zelt nahm.
Was er damit machte, davon ahnten wir, als eines Tages folgendes passierte: Wir hatten gerade unsere Arbeit an einem der letzten Scheißhäuser beendet und lagen im Gras, um uns zu sonnen, als Frenchie zwei Steine suchte, sie in etwa 80 cm Abstand in das Gras legte und sein scharf geladenes Gewehr über die beiden Steine legte. Dann sagte er zu mir – ich mußte als einziger, der ein paar Brocken Englisch konnte, immer als halber Dolmetscher fungieren -, wir sollten mal aufpassen, daß sein Gewehr nicht in den Sand fällt, er müsse mal auf die Toilette, und dann zog er ab und ließ uns mit seinem Gewehr allein. Wir waren alle völlig durcheinander, keiner dachte an die sowieso sinnlose Flucht, aber bei einer Kontrolle hätte es gefährliche Situationen geben können. Als Frenchie nach seinem Geschäft mit glänzenden Augen zurückkam, hatte keiner von uns das Bedürfnis, diese „Gemeinschaft” noch allzu lange fortzusetzen.
Irgendwie muß auch den Amerikanern aufgefallen sein, daß mit Frenchie nicht alles in Ordnung war, jedenfalls wurde er nur noch wenige Tage eingesetzt, dann sahen wir ihn nicht wieder. Da keine neuen Klos mehr benötigt wurden und die festen Arbeitsplätze alle besetzt waren, wurden wir nun mal hier, mal dort eingesetzt.
An eine Sache erinnere ich mich noch genau: Wir wurden wieder mal zusätzlich als Müllleute eingesetzt und mußten vergammelte Süßigkeiten aus den Kantinen abholen. Die strengen Hygienevorschriften der US-Army verboten den Verzehr von Lebensmitteln aus beschädigten Kartons, auch wenn die im Karton enthaltenen einzelnen Portionen nochmals fest verpackt waren. Auf diese Weise erhielt ich Zugriff zu einigen Dutzend Tafeln gefüllter Schokolade, von denen ich noch am gleichen Abend mindestens fünf verspeist habe. Am nächsten Tag habe ich dann das erste Mal das Gefühl erlebt, wie es ist, wenn einem ein flotter Heinrich die Kniekehlen hinunterläuft. Ich hatte schrecklichen Durchfall, der so plötzlich kam, daß ich die 12 Meter vom Zelt bis zur Latrine nicht mehr geschafft habe – glücklicherweise hatte ich nur eine Turnhose an, es war ein heißer Sommertag. Am gleichen Tag wurde ein anderer Mitgefangener ins Lazarett eingeliefert. Er hatte keine gefüllte Schokolade gefunden, sondern normale, und die war offenbar noch gut. Er hatte nach Aussagen der anderen über zehn Tafeln gegessen und starb wenige Tage später an Darmverschluß.
Eine Schachtel Lucky Strike für ein einfaches Herz
Nach diesen Erlebnissen kam eine mehr oder weniger kontinuierliche Periode, ich kam in eine Malerbrigade, die bestand aus einem Kunstmaler (Ernst Jogereit aus Essen), drei gelernten Malern (Anstreichern) und mir als Dolmetscher-Ersatz. Unsere Aufgabe bestand im Anfertigen aller möglicher Schilder (dafür gab es Schriftschablonen), gelegentlich auch das Anstreichen von Baracken, in denen die US-Offiziere wohnten, sowie im Ausbessern von Lackschäden an Jeeps oder anderen Fahrzeugen der US-Army. Da wir viel freie Zeit hatten, regten sich bald künstlerische Gefühle, und irgendeiner von uns begann, aus einem Stück Plexiglas ein Herz zu schneiden, glattzufeilen und mit feinem Pinsel mit Blumen zu bemalen. Aus diesem Gedanken wurde innerhalb weniger Tage ein lohnendes Geschäft: In der fast unbegrenzt zur Verfügung stehenden Zeit wurde Plexiglas besorgt, jetzt schon in gewissen Mengen, und in Arbeitsteilung wurde die Bearbeitung fast fabrikmäßig organisiert.
Ich nahm die Aufträge der Amerikaner entgegen, feilschte um die Preise (eine Schachtel Lucky Strike für ein einfaches Herz), gab Rabatt bei Lieferung größerer Posten Plexiglas, Erwin (Zuname nicht mehr bekannt) sägte und feilte, Sauerwein (Vorname nicht mehr bekannt) polierte mit Zahnpasta, und Ernst bemalte mit Bildern und Schrift je nach Wunsch – pro Tag schafften wir manchmal mehr als ein Dutzend. Nach und nach erweiterten wir unser Angebot, aus Messingrohren schnitten wir Ringe, die weggingen wie warme Semmeln, und eines Tages gab es auch den ersten Unfall. Ein scheinbar harmloser Messingkörper, den wir in der Nähe unseres Malerzeltes gefunden hatten, war offenbar ein Minenzünder. Irgendjemand hatte ihn sauber gewaschen und zum Trocknen auf unser kleines Kanonenöfchen gestellt (inzwischen war es Oktober oder November geworden und ziemlich kühl), wo er explodierte. Hunderte winzige Splitterchen flogen durch das Zelt und hinterließen in Pullovern, Hemden, Hosen und natürlich auch in der Haut Löcherchen, und in kürzester Zeit waren wir blutüberströmt. Es sah allerdings schlimmer aus, als es tatsächlich war, glücklicherweise hatte keiner zu nahe am Ofen gesessen und niemand hatte etwas ins Auge bekommen.
Der Knall hatte auch Amerikaner angelockt, die völlig verschreckt die Ambulanz riefen, wir wurden mit Sondersignal ins amerikanische Lazarett gebracht und exzellent versorgt. Natürlich stellten wir uns dumm, was die Frage nach der Ursache der ganzen Angelegenheit war, genau genommen waren wir es ja auch. Die Amerikaner, die offenbar auch mit ihren eigenen Soldaten allerhand erlebt hatten, waren ihrer Sache ebenfalls nicht sicher, und so verlief die ganze Sache schließlich im Sande. Problematisch war für uns nur, dass die kleinen Wunden zwar heilten, aber die vielen kleinen Löcher in Hemden und Pullovern kaum zu reparieren waren, und neue Sachen gab es nicht.
Die sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest
Ich erinnere mich noch an Weihnachten 1945, das wir bei halbwegs milden Temperaturen feierten, der Abend endete jedoch mit Tränen. Heimweh, ein Gefühl der Einsamkeit und Furcht vor der ungewissen Zukunft konnten auch durch die betonte Kameradschaft nicht unterdrückt werden. Die gemeinsam gesungenen sentimentalen Weihnachtslieder gaben besonders den halben Kindern unter uns den Rest.
Im Januar 1946 verdichteten sich die Gerüchte, dass das Lager aufgelöst würde und wir nach Hause entlassen würden. Das bewahrheitete sich auch, aber mit Nebenbedingungen. Zunächst trat ein Selektionskommando zusammen, bestehend vor allem aus der deutschen Lagerleitung und einigen Vertrauenspersonen der Amis, die die Gefangenen in gute und schlechte sortierten.
Die guten sollten wiederum über das Durchgangslager Stenay in die Heimat entlassen werden, die schlechten sollten den Franzosen übergeben werden. Zu den schlechten gehörten deshalb u.a. auch alle, die irgendwann einmal gegen die reichlich autoritative Art der deutschen Lagerleitung polemisiert hatten oder sich sogar bei den Amis über irgendetwas beschwert hatten. Da ich damals ein obrigkeitsgläubiger Untertan war, gehörte ich zu den Glücklichen, die etwa Mitte Januar über die Stationen Stenay – Munsterlager aus der Gefangenschaft entlassen wurden.
Wahrscheinlich aber, um den Aufbau in der Sowjetzone zu bremsen
Nachzutragen wäre noch, dass bereits damals der beginnende Kalte Krieg zu Konsequenzen führte; denn in Stenay wurde noch einmal selektiert: In einem Fragebogen wurde nach der exakten Heimatadresse gefragt, nicht ohne den drohenden Vermerk, dass falsche Angaben mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft würden. Damit sollte verhindert werden, dass Gefangene aus der sowjetisch besetzten Zone oder aus Berlin andere Adressen, z.B. in der amerikanischen oder britischen Zone angeben. Der genauso exakt funktionierende Buschfunk hatte nämlich informiert, dass man in den sowjetisch besetzten Teil Deutschlands keine ehemaligen Gefangenen entlassen würde, angeblich, um eine weitere Gefangenschaft in Sibirien zu verhindern, wahrscheinlich aber, um den Aufbau in der Sowjetzone zu bremsen.
In der Nacht vor dem Ausfüllen des Fragebogens heulte ich vor Wut, Angst und Hilfslosigkeit. Dann siegte die Einsicht, dass Gefängnis auch nicht viel schlimmer sein könnte als Gefangenschaft, und am nächsten Morgen schrieb ich ohne Zögern, dass meine Heimatanschrift lautet: Neesen Post Porta Westfalica, Kloppenburg (…). Dort wohnte meine Oma Friederike Grote bei ihrer Tochter, der verwitweten Änne Rinne und ihren fünf Kindern.
So begann meine neue Freiheit
Am 06.02.1946 wurde ich in Munsterlager entlassen, erhielt eine Fahrkarte nach Porta und kam noch am gleichen Tag in Neesen an. So begann meine neue Freiheit.
In Porta arbeitete ich in den Hammerwerken, einem Treuhandbetrieb, der aus einer von den Nazis errichteten unterirdischen Fabrikanlage Maschinen und andere Produktionsinstrumente wieder in den ursprünglichen Betrieb, Philips aus Holland, herausholte und wieder für den Rücktransport vorbereitete.
Ich war in einer solchen Transportbrigade, ohne jede Ausbildung oder Anleitung, und ich erinnere mich an einige allerdings leichte Arbeitsunfälle, die sicher auf die mangelnde Sicherheit zurückzuführen waren.
Aber am meisten wurmte mich die Tatsache, daß ich, obwohl ich jung und kräftig war und zupacken konnte, mich auch oft geschickter anstellte als die älteren Kollegen, als „Jugendlicher” weniger Stundenlohn bekam als diese. Da konnte man nichts machen, das war so festgelegt, und an die Arbeitsstelle war man damals noch gebunden, es war eine Art Dienstverpflichtung.
So war ich nach meiner Rückkehr in mein Elternhaus in Berlin (Pfingsten 1946) sehr beeindruckt von der Tatsache, daß in Berlin eine einzige Partei klipp und klar die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit (Leistung) vertrat, die SED, deren Mitglied auch mein Vater war.“
Hier können Sie den zweiundzwanzigsten Teil und hier den dreiundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: United Kingdom Government / public domain / Junger deutscher Kriegsgefangener mit anderen Gefangenen, die während des Vormarschs in Deutschland gefangen genommen wurden, 29. März bis 4. April 1945

Welche Rolle Mao für die 68er wirklich gespielt hat, warum Tschechen so aggressiv auf den Sudetentag reagieren und woher die Liebe linker Lehrer zum sexualisierten Unterricht kommt: Die GegenAufklärung von Karlheinz Weißmann.
Dieser Beitrag Weißmanns Notizen GegenAufklärung wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
„Einige Unbelehrbare, darunter natürlich auch ich, waren mit dem freiwilligen Gang in die Gefangenschaft nicht einverstanden, nahmen uns die passenden Waffen aus dem Haufen (ich zwei Eihandgranaten, eine Pistole und mehrere gefüllte Ladestreifen einer MPi, die das gleiche Kaliber hatte) und wir zogen eigene Wege, um uns, wie wir uns verständigt hatten, nach Berlin durchzuschlagen.“
In dieser 20. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Vaters Claus Grote an dessen Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft als 17-Jähriger und seine Fluchtversuche.
Wir veröffentlichen diesen Beitrag aufgrund seiner Länge in zwei Teilen.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, sowie den neunzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Noch keine 18 Jahre alt
Teil 1
Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,
ich selbst bin erst 1954 geboren, habe also bisher das Glück, keine Erfahrungen mit Krieg und den unmittelbaren Folgen zu haben. Trotzdem möchte ich zu dem Aufruf etwas beisteuern:
In dem Nachlass meines Großvaters mütterlicherseits (Jahrgang 1897) habe ich eine Beschreibung seiner Erlebnisse der letzten Kriegstage und seiner Zeit in sowjetischer Gefangenschaft gefunden, geschrieben unmittelbar nach seiner Heimkehr im September 1945. („Gefangenschaft“)
Auch mein Vater (Jahrgang 1927 und noch am Leben) hat (allerdings erst viele Jahre später) einen Bericht über seine Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft geschrieben, der im folgenden Anhang beigefügt ist. („Kriegsgefangenschaft“)
Beide Berichte sind zur Veröffentlichung möglicherweise zu lang und ausführlich. Gerade die Beschreibung einzelner Details hat mich bei der Lektüre aber so fasziniert, dass ich sie einem größeren Publikum nicht vorenthalten möchte.
Weitere Fragen oder Ergänzungen zu den Personen und deren Lebensumständen kann ich gern beantworten.
Ihnen bei diesem und den anderen Projekten der NachDenkSeiten viel Erfolg wünschend,
verbleibe ich mit solidarischen Grüßen
Heinz Grote
Anm. d. Red.: Wir veröffentlichen beide Berichte. Es folgt der Bericht „Kriegsgefangenschaft“ des Vaters über seine Zeit in US-amerikanischer Gefangenschaft – Teil 1.
Den Bericht des Großvaters über die Zeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft finden sie hier.
„Claus Grote
Berlin, 26.04.1992
Kriegsgefangenschaft 7.4.1945 bis 6.2.1946
Politisch bewußt zu denken, ohne den Einfluß der Nazis, begann ich erst, als der Krieg für mich persönlich zu Ende war: mit meiner Gefangennahme durch die US-Armee. Im Gefangenenlager lernte ich Menschen kennen, die noch die Zeit vor 1933 als Erwachsene kennengelernt hatten und – im Gegensatz zur Kriegszeit – jetzt offen darüber sprechen konnten.
Ich hörte, daß die Idee der Autobahn keineswegs von den Nazis stammte, daß man die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit durch die Nazis auch als Resultat der ungeheuerlichen Aufrüstung sehen konnte, und ich hörte erstmals von den Verbrechen in den KZs. So bröckelte die von den Nazis vermittelte „Weltanschauung” langsam, aber sicher ab, zumal ich den Eindruck haben mußte, daß die betreffenden Mitgefangenen durch niemanden gezwungen wurden, diese ihre Meinungen zu vertreten. Irgendwelche ideologische Beeinflussungen seitens der amerikanischen Lagerleitung gab es nicht.
Dafür gab es aber umso mehr indirekte Einflüsse. Das war einmal die ständig schlechter werdende Verpflegung, die medizinische Versorgung und die anderen Umstände, unter denen wir leben mußten. Nach meiner Gefangennahme am 7.4.45. in einem Wäldchen in der Nähe der thüringischen Gemeinde Farnroda (bei Eisenach) wurde ich über die Zwischenstationen Thal und Hersfeld in das berüchtigte Gefangenenlager Bad Kreuznach gebracht, wo ich etwa die Zeit vom 10.4. bis Ende Mai 1945 zubrachte, noch keine 18 Jahre alt.
Wir schossen, ohne irgendetwas zu sehen
Übrigens verlief die Gefangennahme recht wenig heldenhaft. Unser letzter Kampfauftrag lautete, die nachts in dem besagten Wäldchen bezogene Stellung gegen amerikanische Angriffe zu halten. Am Morgen des 7.4.45 kam auch tatsächlich ein solcher Angriff, nachdem wir in der Nacht zuvor eine fürchterliche Schießerei überlebt hatten, wahrscheinlich mit nicht identifizierten zurückgehenden deutschen Soldaten. Wir schossen, ohne irgendetwas zu sehen, und ähnlich war es während des US-Angriffs. So blieb mir erspart, wie auch schon an den Tagen zuvor, daß ich bewußt auf einen Menschen gezielt und abgedrückt habe, und ich habe auch keinen Menschen durch unser Feuer fallen sehen. Dabei glaube ich, heute einschätzen zu müssen, daß mir so etwas damals keinerlei Gewissensbisse verursacht hätte, ich verteidigte ja Deutschland, mein Vaterland, und war außerdem überzeugt, daß die Frage nur so lautete: Entweder die – oder ich.
Als der Angriff wegen unserer Gegenwehr zurückgezogen wurde, erwarteten wir die übliche amerikanische Reaktion, Flächenbombardement durch Flieger oder Artillerie, aber unser Zugführer war doch so vernünftig, uns aus unseren Stellungen zurückzurufen und zu erklären, wir hätten gemeinsam gekämpft und gingen nun gemeinsam in Gefangenschaft.
Auf dem Sammelplatz, ein Hohlweg im Wald, lag bereits ein ansehnlicher Haufen von Waffen, vom leichten Granatwerfer bis zur MPi. Einige Unbelehrbare, darunter natürlich auch ich, waren mit dem freiwilligen Gang in die Gefangenschaft nicht einverstanden, nahmen uns die passenden Waffen aus dem Haufen (ich zwei Eihandgranaten, eine Pistole und mehrere gefüllte Ladestreifen einer MPi, die das gleiche Kaliber hatte) und wir zogen eigene Wege, um uns, wie wir uns verständigt hatten, nach Berlin durchzuschlagen. Da schönes Wetter war, konnten wir uns nach der durch die Baumwipfel scheinenden Sonne richten.
Wir zerrissen unsere Soldbücher und vergruben die Schnitzel im Gartenland
Unser erster Ausflug in die Selbständigkeit endete bereits nach einer halben Stunde, als wir in etwa 150 m Entfernung eine ganze Kompanie US-Soldaten erblickten, die in Schützenkette den Wald durchkämmte, die Schnellfeuergewehre im Anschlag. Uns fünf halben Kindern sank das Herz in die Hose, wir warfen uns auf den Boden, und als die Amerikaner etwa auf 30 Meter herangekommen waren, ohne uns zu bemerken, rief ich laut „Don’t shoot” und stand mit erhobenen Händen auf. Glücklicherweise taten das dann auch die vier anderen, und die schrecklich aufgeregten Amerikaner hielten zu unserem Glück ihre Zeigefinger gerade. Sie sammelten nur die Waffen ein, die wir abgelegt hatten, und führten uns, die die Hände über dem Kopf verschränken mußten, bis zu einer kleinen Lichtung, wo wir einige verletzte deutsche Gefangene aufgeladen bekamen, die wir dann bis ins Tal hinunter in das Dorf Thal tragen mußten.
Dort wurden die Verletzten mit Sanitätskraftwagen abtransportiert, wir wurden unter Bewachung für einige Stunden in einem eingezäunten Vorgarten eingesperrt. Dort befolgten wir gehorsam eine Anweisung, die wir noch bei der Wehrmacht bekommen hatten: Wir zerrissen unsere Soldbücher und vergruben die Schnitzel im Gartenland. Die Amerikaner sollten ja nicht wissen, mit welchen Eliteeinheiten der Deutschen Wehrmacht sie es zu tun hatten – das alles angesichts der von allen Seiten in das geschrumpfte Deutsche Reich eindringenden alliierten Truppen.
Pechvögel, die in den halbgefüllten Scheißgraben fallen
Die Amerikaner hatten uns im Eifer des Gefechts (und wohl auch im Bewußtsein ihrer ungeheuren Überlegenheit) nicht nach Waffen abgetastet, und so bemerkte ich erst später (im Durchgangslager Hersfeld), daß ich noch zwei scharfe Eihandgranaten in den Hosentaschen hatte. Da ich mich nicht traute, mit denen an einen amerikanischen Posten heranzutreten, landeten die Handgranaten schließlich in dem um das ganze Lager gezogenen Graben, der den Gefangenen als Latrine dienen mußte.
In Hersfeld brachten wir nur einige Tage unter freiem Himmel zu, die Verpflegung war relativ gut, jedenfalls besser als in Bad Kreuznach, der nächsten Station. Über das Gefangenenlager Bad Kreuznach ist zumindest ein Buch geschrieben worden, das ich kenne. Es gibt die Situation ziemlich korrekt wieder: Auf einem etwa 30 – 40 ha großen, durch einen doppelten Stacheldrahtzaun eingeschlossenen Acker sind ungefähr 100 000 Gefangene untergebracht, unter freiem Himmel. Etwa 5 m vom inneren Zaun entfernt befindet sich die Latrine, ein durchgehender Graben von 1 1/2 m Tiefe, etwa 1/2 m breit, man hockt sich quer darüber. Der Graben ist nur unterbrochen am Eingang. Der ist scharf bewacht, Annäherung auf mehr als 20 m ist lebensgefährlich. Ab und zu knallt es zur Warnung. Etwas weiter weg sind einige Kesselwagen aufgestellt, die einigermaßen regelmäßig mit Wasser gefüllt werden, so daß jeder, der sich anstellt, pro Tag ungefähr 1/2 bis 1 Liter bekommen kann, je nachdem, ob er nur eine alte Konservenbüchse hat oder noch ein richtiges Kochgeschirr. Zum Waschen reicht es auf keinen Fall, und die Pechvögel, die nach einem Regen auf dem aufgeweichten Boden ausgleiten und in den halbgefüllten Scheißgraben fallen, müssen bis zum nächsten Regen warten, um den Gestank und den Dreck halbwegs wieder loszuwerden.
In der Nähe der Wasserkessel sind auch zwei Sanitätszelte aufgestellt, mit deutschen Ärzten und Sanitätern, aber ohne jeden Verband, ohne Medikamente und ohne jedes Gerät. Das bemerke ich nach etwa zwei Wochen Aufenthalt, als ich an einem Abend fürchterliche Ohrenschmerzen bekomme, weinend zum Zelt schleiche und außer seelischem Zuspruch und wohlmeinenden Ratschlägen keinerlei Hilfe bekommen kann. Der Zufall hat mich vor Schlimmerem bewahrt, da mir nichts weiter übrigblieb, legte ich mich auf das schmerzende Ohr, hielt es so warm wie möglich, schlief schließlich spät nachts ein. Am nächsten Morgen wachte ich auf, als wenn nichts gewesen wäre.
Der Hunger wurde zum ständigen Begleiter
Die Verteilung der Verpflegung in Bad Kreuznach war an jedem Tag das wichtigste Ereignis. Sie erfolgte nach dem Prinzip des Hammelsprungs. Alle Gefangenen wurden auf eine Hälfte des Lagers getrieben, in der Mitte wurden die Verpflegungskisten aufgestellt, jeder erhielt beim Durchgang seine Portion, und das wurde zweimal am Tage wiederholt. In der ersten Zeit gab es die Ration C, Army-Verpflegung in Büchsen, zwei Büchsen pro Tag. Man erhielt entweder eine Büchse mit einem Fleisch-Gemüse-Gemisch, das natürlich nur kalt gegessen werden konnte, oder eine Büchse mit fünf Keksen, einem kleinen Riegel Schokolade, einem Nescafé- oder Teebeutel und Würfelzucker, evtl. 3 Zigaretten. Zwei Büchsen entsprachen 2/3 der Ration eines US-Soldaten. Manchmal erhielten wir eine K-Ration, die qualitativ noch besser, aber quantitativ weniger war. Der Hunger wurde zum ständigen Begleiter, ich war ja erst 17 Jahre alt.
Schlimm wurde es aber erst, als die Verpflegung auf D-Ration umgestellt wurde. D-Ration ist identisch mit den Menü-Paketen, die nach dem Krieg auch massenweise von deutschen US-Amerikanern als CARE-Pakete nach Deutschland an ihre Verwandten geschickt wurden. Sie enthielten ein qualitativ hochwertiges Sortiment an Lebensmitteln, von denen die Hälfte aber warm zubereitet werden mußte. Da das in Bad Kreuznach nicht möglich war, wurden die entsprechenden Teile (also Grieß, Trockenkartoffeln usw.) eben roh gegessen. Jeweils 16 Gefangene erhielten ein Paket pro Tag und die mußten sich das so gerecht wie möglich teilen. Ungeschriebenes Gesetz war: Wer teilt, muß die letzte übrig bleibende Portion nehmen. Dieses Gesetz wurde in zunehmendem Maße durchbrochen, wenn der Teilende besonders groß und kräftig war oder eine Leibgarde besaß. Ähnlichkeiten mit dem gegenwärtig in Deutschland verlaufendem und von de Maizière beschworenen Teilungsprozeß sind auffallend.
Viele Gefangene begannen, sich für die Nacht Gruben zu buddeln
Die letzten Wochen meines Aufenthalts wurden schließlich unerträglich. Jetzt fiel die amerikanische Verpflegung ganz weg und wurde durch Verpflegung aus alten Wehrmachtbeständen ersetzt. Rohe Kartoffeln (drei Stück pro Tag), Kohl und hartes Gebäck (aus den eisernen Rationen) wurden verteilt, auch das in der Menge völlig unzureichend. Viele Gefangene begannen, sich für die Nacht Gruben zu buddeln, in denen man besser schlief, weil man die Form des Bodens dem Körper anpassen konnte und auch vor dem kalten Nachtwind besser geschützt war. Diese Gruben waren auch günstig, weil bei tatsächlichen oder befürchteten Ausbruchsversuchen von den Posten mit Leuchtmunition quer über das Lager geschossen wurde, zur Abschreckung, und wenn eine Kugel zufällig zu tief abkam, dann konnte schon einmal jemand Pech haben, der völlig unbeteiligt war.
Bei dieser Grabenbuddelei entdeckte ich eines Tages zwiebelartige Knollen im Boden, die man essen konnte, jedenfalls waren sie etwas gegen den Hunger, wahrscheinlich waren es Blumenzwiebeln. Da zur Wehrmachtverpflegung manchmal auch Trockenpflaumen gehörten, machte ich mich über die Kerne her, die, mit einem Stein zertrümmert, im Innern einen nach Mandeln schmeckenden Kern hergaben. Ich hatte das als einer der ersten gemerkt, und der Hunger veranlaßte mich, auch nach fremden Pflaumenkernen zu suchen, zum Glück mit wenig Erfolg – bereits einige Dutzend Kerne enthalten eine tödliche Dosis Blausäure, wie ich heute weiß.
Bei der Einschätzung der Situation muß man berücksichtigen, daß die Amerikaner offenbar überfordert waren, als im April/Mai die deutschen Wehrmachtangehörigen zu Hunderttausenden in die Gefangenenlager strömten. Es ist aber kein Zweifel, daß Korruption und Desorganisation das Ihre taten, um die Situation regional zu verschlimmern. Bad Kreuznach jedenfalls gehört zu den Negativposten der damaligen Sieger, und die in diesen Wochen geprägte Abneigung gegen den „american way of life” hat sicher auch zur Entwicklung meiner Überzeugungen und Anschauungen beigetragen.
Weil die Nazipropaganda immer noch tief genug saß
Etwa vier Wochen nach meiner Ankunft in Bad Kreuznach wurde angrenzend an unser Lager ein weiteres, etwas kleineres Stück Land eingezäunt und mit Zelten versehen. In der Zwischenzeit wurden Parolen ausgegeben, man könne sich zur französischen Fremdenlegion melden. Dann erhielte man in einer Übergangszeit sofort warme Kleidung, Unterkunft in Zelten und volle Militärverpflegung einschließlich Zigaretten und andere Genußmittel. Da diese Propaganda offenbar nicht ausreichte, begann mit dem Einzug der ersten Kandidaten für die Legion in das Zeltlager die nächste Etappe der Beeinflussung, die sich ein heutiger PR-Manager nicht besser ausdenken könnte: Nur durch fünf Meter Zwischenraum zwischen den Stacheldrahtzäunen getrennt, wirkten jetzt die frischgewonnenen Legionäre als Multiplikatoren der Anwerber, rauchend, vollgefressen und gut gekleidet.
Die Posten hatten auch nichts dagegen, wenn zum Anfüttern mal großzügig eine Zigarette oder ein Stückchen Schokolade zu den mit gierigen Augen starrenden, aber mit ihrer Freiwilligenmeldung noch zögernden Gefangenen hinübergeworfen wurde. Ich widerstand dieser Verlockung – so muß ich heute einschätzen – vor allem, weil die Nazipropaganda immer noch tief genug saß, um die Fremdenlegion als etwas schrecklich Verwerfliches zu empfinden, nicht weil sie als Instrument der kolonialen Unterdrückung fremder Völker diente, sondern weil sie etwas „absolut Undeutsches” darstellte. So entschied ich mich dann, als die Werbung für die Fremdenlegion schließlich durch die Anwerbung von Freiwilligen für einen Arbeitseinsatz in Frankreich – mit nur etwas weniger materiellen Anreizen verbundenen Versprechungen – ergänzt wurde, für eine solche Arbeit.
Kaum jemand hatte am zweiten Tag noch etwas zu essen
Diese Wahl führte zu schnellen Konsequenzen. Nach wenigen Tagen schon wurde ein erster Transportzug zusammengestellt, zu unserer Überraschung befand sich auf den Güterwagen (für acht Pferde oder 40 Mann) auch reichliche Verpflegung für 40 Mann – die allerdings, wie wir dann erfahren mußten, für volle drei Tage reichen sollte und damit genau so knapp war wie die alte Wehrmachtsverpflegung, die wir vorher erhalten hatten – eine bittere Enttäuschung und meine erste Bekanntschaft mit verlogenen Wahlversprechen. Kaum jemand hatte am zweiten Tag noch etwas zu essen, zu trinken bekamen wir glücklicherweise bei jedem Halt auf kleinen Bahnhöfen.
Solange wir durch das besetzte Deutschland fuhren, sahen wir ab und zu Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, die uns mitfühlend zuwinkten. Völlig anders wurde es auf den Reisekilometern in Frankreich. Hier wurden schon haßerfüllte Schimpfworte laut, und manchmal flog auch ein Stein. Für mich war das völlig unverständlich, in meiner Naivität dachte ich überhaupt nicht daran, daß ein ganzes Volk die Deutschen anders sehen könnte als ich und daß die Franzosen mit der deutschen Besatzung auch andere Erfahrungen gemacht haben könnten als gelegentliche gemeinsame Verbrüderungsszenen bei gutem französischen Rotwein, das paßte nicht in meine beschränkten Vorstellungen. Was mir persönlich aber noch unmittelbare Beschwerden brachte, war die Tatsache, daß ich bei Beginn der Fahrt volle 8 Tage keinen Stuhl gehabt hatte – offenbar versuchte der ausgehungerte Körper, das Allerletzte aus den wenigen Nahrungsmitteln herauszuholen, nichts blieb an Füllstoffen.
Am neunten Tag, dem zweiten unserer Fahrt, konnte ich dann mit ungewöhnlicher Anstrengung ein knochenhartes Stück Kot herauspressen, was mir vor allem aus einem Grund wichtig war: Ich hatte mich mit einem etwa ein Jahr älteren „Kumpel”, einem Wolfgang Dürselen aus Berlin, entschlossen, nachts vom Zug abzuspringen und zu versuchen, uns in die neutrale Schweiz durchzuschlagen, wir hatten von der Gefangenschaft genug. Da wir mit längerem Aufenthalt unterwegs rechneten und in „Feindesland” waren, hätte uns ein Darmverschluß gezwungen, zivilisierte Hilfe anzunehmen und damit unsere Flucht zu beenden. Logisch denken konnte ich also offenbar.
Es reichte jedoch nicht, zu erkennen, daß die Schweizer Regierung, die sich während der Hitler’schen Siegeszüge kaum antifaschistisch verhielt, nach dem alliierten Sieg kaum Interesse daran haben konnte, die unterlegenen deutschen Soldaten aufzunehmen. Meine Illusionen gingen aber so weit, daß ich in der dritten Nacht unseres Transports – wir waren inzwischen schon etwa 100 km in Frankreich – etwa ein bis zwei Minuten nach Wolfgang vom Zug absprang.
Die nächtliche Orientierung nach dem Polarstern war uns beiden noch von der militärischen Ausbildung her bekannt
Wir hatten uns vorher genau überlegt, wie wir das zu tun hätten. Etwa jeder 6. Waggon war mit Wachtposten besetzt, die bei langsamer Fahrt mit Taschenlampen am Zug entlang leuchteten, um sofort auf Flüchtende schießen zu können. Der Zug mußte also schnell fahren, aber nicht so schnell, daß wir uns verletzten. Wir mußten außerdem sofort nach dem Absprung dicht an die Schiene heran, damit wir nicht so leicht gesehen würden, und aus dem gleichen Grund müßten wir das Gesicht solange nach unten halten, bis der letzte Wagen weit genug entfernt wäre. Wie durch ein Wunder klappte alles genau.
Nur eins funktionierte nicht gleich. Wie verabredet, lief ich nach einem tiefen Atemholen und mit einem Gefühl der Befriedigung zurück, Wolfgang sollte dem Zug nachlaufen, und so hätten wir uns begegnen müssen. Jedoch hatten wir offenbar beide die Fahrstrecke zwischen unseren beiden Absprüngen falsch eingeschätzt, jedenfalls gaben wir nach längerer Suche auf und gingen in die vorgesehene südliche Richtung – dahin, wo wir die schweizerische Grenze vermuteten, zumindest die nächtliche Orientierung nach dem Polarstern war uns beiden noch von der militärischen Ausbildung her bekannt. Und so geschah ein zweites Wunder in dieser Nacht: In einem kleinen Wäldchen auf einer Lichtung, etwa 1 km von der Bahnstrecke entfernt, sah ich plötzlich gegen den schwach schimmernden Horizont eine hochaufgeschossene Gestalt – es war Wolfgang.
Dieses kaum noch erwartete Zusammentreffen, in einer zwar sternklaren, aber doch sehr dunklen Nacht, mitten in einem fremden Land, hätte unseren Optimismus bis zur Euphorie gesteigert, wenn uns nicht der ständig knurrende Magen sofort an die nüchterne Realität erinnert hätte. Wir mußten uns erst einmal etwas zu essen besorgen.
Wir brachten es beide nicht übers Herz, mit einem Messer auf das Tierchen loszugehen
Da wir keine Ahnung hatten, wo wir uns befanden, entschlossen wir uns, zur Bahnstrecke zurückzugehen, um erst einmal wieder in die Nähe menschlicher Siedlungen zu kommen – da war die Wahrscheinlichkeit größer, etwas Eßbares zu finden. Die Überlegung war korrekt, wir fanden in einer Art leerem Bahnwärterhäuschen etwa 10 vertrocknete Scheiben geröstetes Weißbrot – eine Delikatesse –, dazu angebrochene Flaschen oder Dosen mit Saft und Kondensmilch, und als Krönung eine große Konservendose, deren Inhalt sich erst später entpuppte: eingemachte Aprikosen, wegen des hohen Zuckergehalts besonders nahrhaft.
Dann gingen wir wieder zurück in das Wäldchen, wo wir uns für den Rest der Nacht und den ganzen folgenden Tag aufhielten, da wir uns erst einmal wieder ein bißchen aufmöbeln wollten. Das war aber nicht ganz einfach. Am Tage, es war immerhin Anfang Juni, brannte die Sonne unbarmherzig, wenn wir uns auszogen, kamen scharenweise Mücken, und wenn wir uns anzogen, schwitzten wir und verursachten eine doppelte Aktivität der Läuse, die wir uns schon in Bad Kreuznach geholt hatten und die wir trotz täglicher gründlicher und auch erfolgreicher Jagd nicht vollständig beseitigen konnten.
So war die kommende Nacht nicht nur Ausgangspunkt unseres weiteren Fluchtweges, sondern auch Erquickung. Da wir uns nicht auf die Straßen wagten, gingen wir meist querfeldein und nahmen mit, was wir unterwegs fanden. Auf einem einsamen Bauernhof fanden wir einige Eier im Hühnerstall, vor dem Bauernhaus waren zum Abholen große Milchkannen aufgestellt – wir schöpften ohne Rücksicht auf die Hygiene mit unseren reichlich verschmutzten leeren Konservendosen die köstlich schmeckende Sahne ab, wir fanden im Schafstall ein rührend kleines Lämmchen, brachten es aber beide nicht übers Herz, mit einem Messer auf das Tierchen loszugehen – der Hunger war offenbar noch nicht stark genug, oder er war durch Eier und Sahne schon etwas gestillt.
In einem abgestellten Wagen der US-Army requirierten wir einen amerikanischen Stahlhelm und eine regendichte Uniformjacke, beides erwies sich wenige Stunden später als nützlich, als wir zu spät Autoscheinwerfer bemerkten – wir schauspielerten vor dem sich nähernden Wagen eine Liebesszene zwischen einem US-Soldaten und einer Französin, und das Auto fuhr ohne Halt vorbei.
Ich bin heute nicht mehr ganz sicher, ob wir noch eine dritte Nacht in Freiheit verbrachten oder ob schon am Morgen nach der zweiten Nacht das passierte, was eigentlich schon viel früher kommen mußte: Beim Picknick im Walde – nicht mehr das erste Wäldchen, sondern ein etwas größeres Stück – überraschte uns plötzlich ein französischer Bauer oder Forstgehilfe oder was auch immer. Der war sicher genauso erschrocken wie wir, Wolfgang stammelte irgendetwas, was er für französisch hielt, und der Angesprochene machte sich ohne besondere Hast wieder aus dem Staube. Unsere ungebrochene Naivität ließ uns nun erst einmal beraten, ob der Franzose uns nun wohl an die Amis verraten würde oder nicht, nach einer Stunde jedenfalls entschieden wir uns, vorsichtig bis zum Waldrand zu gehen und erst einmal Ausschau nach potentiellen Häschern zu halten, und richtig liefen wir genau einer amerikanischen Streife in die Hände, und so erfolgte meine zweite Gefangennahme.
ENDE TEIL 1
Hier können Sie den einundzwanzigsten Teil (Teil 2 dieses Berichts), hier den zweiundzwanzigsten Teil und hier den dreiundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: United Kingdom Government / public domain / Junger deutscher Kriegsgefangener mit anderen Gefangenen, die während des Vormarschs in Deutschland gefangen genommen wurden, 29. März bis 4. April 1945

Der Staat als Beute im permanenten „Kampf gegen Rechts“: Dank Fehlern, die Deutschland nach der Wende beging, mutierte die Demokratie zu einer selbstzerstörerischen Oligarchie. Ein Essay von Thorsten Hinz.
Dieser Beitrag Die Herrschaft der Pinscher Eine bunt angemalte Oligarchie wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
Die Zeiten sind vorbei. So lange die gewaltigen Umverteilungskosten von unten nach oben nicht sichtbar waren, konnten viele Wohlhabende die Geschichten noch verteidigen.
Derzeit bericht Nuis.de von einem damals kaum bekannt gewordenen Konflikt zwischen „Mister Hockeyschläger“ und Kontrahent Keith Briffa, der Manns Fantasien unterlag. Zitat Nius.de
Letzterer war als Chef-Autor zuständig für die immens bedeutsamen Berichts-Zusammenfassungen an die Entscheidungsträger in der Politik. Keith Briffa steuerte seine Klimastudien bei – problematisierte aber intern immer wieder, daß Forschungsdaten durchaus widersprüchlich und zu unsicher seien, um daraus handfeste Fakten zu generieren. Dennoch wurden auch diese Unsicherheiten zu einer glasklaren „Botschaft“ glatt gebügelt. Und so wurde die „mittelalterliche Wärmeperiode“ aus der Klimageschichte getilgt.
NIUS zeichnet diesen Zwist anhand geleakter E-Mails nach, die bislang noch nicht im Licht der Öffentlichkeit standen.
Aktuell (5.6.) ergänzt Felix Perrefort auf TwitterX:
Die folgende Climategate-Mail demonstriert beispielhaft, wie IPCC-nahe Wissenschaftler vorgehen, wenn sie das historische Klima aus Proxy-Daten (hier Baumringen) rekonstruieren. Die Rekonstruktion ist selbst eine Form der Modellierung, da Daten nicht einfach ausgewertet und dargestellt, sondern in einem subjektiv-schöpferischen Prozeß in Form gebracht werden.
Der Forscher (hier Tim Osborn) konstruiert sich aus Rohdaten eine Vergangenheit, die seinen Wunschvorstellungen entspricht, wobei er reichlich Spielraum hat. Um das Mittelalter herum (1000 n. Chr.) lag zunächst ein „higher Peak“ vor, der der Hockeyschläger-Dogmatik hätte widersprechen können, wonach die heutige Erwärmung beispiellos sei und in entscheidender Weise anthropogen vorangetrieben werde. Eine ebenso warme Vergangenheit würde diese Erzählung schließlich infrage stellen.
„Sobald“ man den Peak jedoch „mit zwei anderen [Proxy-]Reihen mittelt“, wird die Gesamttendenz begradigt. Sie können immer so vorgehen. Die Climategate-Mails zeigen uns, dass Paläoklimatologen überhaupt nicht die Vergangenheit rekonstruieren, sondern ihre Vorstellungen in sie zurückprojizieren. Sie legen hinein, was sie anschließend zu finden glauben.
Das ist „die Wissenschaft“, die Al Gore und Greta Thunberg auf ihre jeweilige Art dazu veranlaßte, die Welt in die Klimaangst hinein zu hypnotisieren. Die Zeit ist reif, diesen falschen Propheten endlich aufrecht entgegenzutreten und die Klimaideologie insgesamt zu beerdigen.
Übersetzung: (mit deepl)
Hier ist die alte Version zum Vergleich. Der einzige auffällige Unterschied betrifft die Region Ural-YAMAL, die zuvor um das Jahr 1000 n. Chr. einen höheren Wert aufwies.
Obwohl dies eine recht große Veränderung war, zeigt die Gesamtdurchschnittsreihe nur sehr geringe Unterschiede, sobald man sie mit den beiden anderen Reihen mittelt.
Der Beitrag Keith Briffa gegen Michael E. Mann: Das Klima-Gate 2009/2010 erschien zuerst auf EIKE - Europäisches Institut für Klima & Energie.
„Ich wurde auch dem russischen Kommandanten vorgeführt und sagte: „Wir sind hier vier deutsche Kommunisten (Funktionäre) und können eventuell jetzt in Deutschland an irgendwelchen Stellen gebraucht werden.“ Er stellte die Frage: „Wie oft warst Du zum Tode verurteilt?“ Auf meine Antwort, daß das nicht der Fall war, sagte er, daß wir ruhig noch eine Weile warten sollen.“
In dieser 19. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Großvaters Friedrich Rausch aus dessen Nachlass: Erlebnisse aus den letzten Kriegstagen 1945 und der anschließenden sowjetischen Kriegsgefangenschaft.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, sowie den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Am 5. Mai 45 wurden wir in einem kleinen schmutzigen Tanzsaal auf Admiral Dönitz vereidigt
Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,
ich selbst bin erst 1954 geboren, habe also bisher das Glück, keine Erfahrungen mit Krieg und den unmittelbaren Folgen zu haben. Trotzdem möchte ich zu dem Aufruf etwas beisteuern:
In dem Nachlass meines Großvaters mütterlicherseits (Jahrgang 1897) habe ich eine Beschreibung seiner Erlebnisse der letzten Kriegstage und seiner Zeit in sowjetischer Gefangenschaft gefunden, geschrieben unmittelbar nach seiner Heimkehr im September 1945. („Gefangenschaft“)
Auch mein Vater (Jahrgang 1927 und noch am Leben) hat (allerdings erst viele Jahre später) einen Bericht über seine Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft geschrieben, der im folgenden Anhang beigefügt ist. („Kriegsgefangenschaft“)
Beide Berichte sind zur Veröffentlichung möglicherweise zu lang und ausführlich. Gerade die Beschreibung einzelner Details hat mich bei der Lektüre aber so fasziniert, dass ich sie einem größeren Publikum nicht vorenthalten möchte. Weitere Fragen oder Ergänzungen zu den Personen und deren Lebensumständen kann ich gern beantworten.
Ihnen bei diesem und den anderen Projekten der NachDenkSeiten viel Erfolg wünschend,
verbleibe ich mit solidarischen Grüßen
Heinz Grote
Anm. d. Red.: Wir veröffentlichen beide Berichte. Zunächst hier den Bericht „Gefangenschaft“ über die Zeit in sowjetischer Gefangenschaft. Morgen folgt der Bericht des Vaters über die Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft.
„Friedrich Rausch
Berlin-Neukölln, den 18.9.45
Gefangenschaft
Am 24.4.45 erhielt ich nach telefonischer Vorladung vom Wehrmeldeamt Glatz meine Einberufung zur Wehrmacht. Ich war von der Fa. C. Lorenz AG von Berlin nach Rengersdorf bei Glatz verlagert worden und war ungefähr 14 Monate dort in Schlesien tätig. Über die Unterbringung und Verpflegung am Verlagerungsort kann man der Firma nur die Note „äußerst mangelhaft“ ausstellen. Ich habe selten so gehungert wie dort unten in den landwirtschaftlichen Gefilden Schlesiens. Die miserable Verpflegung in der Kantine läßt nur auf riesige Unterschlagungen der leitenden Personen schließen.
Ein Offizier hat sich zu dem Theater nicht mehr gefunden.
Also, ich mußte mich am 28.4.45 bei dem Jäger-Btl. in Trautenau melden. Ein Desertieren war nicht möglich. Die Firma lehnte eine Sicherstellung meiner Zivilsachen ab. Es war keine Möglichkeit mehr vorhanden, dieselben nach Berlin zu schaffen. Ich wollte sie von Trautenau zu einer Genossin in den „Riesengrund“ bringen, die dorthin evakuiert war. Am Sonnabend kam ich in Trautenau an und wollte am Sonntag den Ausflug in den Riesengrund unternehmen. Vielleicht wäre ich nicht mehr nach Trautenau zurückgekommen; aber man führte uns am Sonntag schon zum Bahnhof und brachte uns tief in die Tschechei nach Deutschbrod. In Heralitz landete ich bei den Landesschützen und wurde mit ungefähr 20 Leidensgefährten der Genesungskomp. in Wiesch zugeteilt. Wir staunten über den schneidigen Exerzierton, der hier noch herrschte nach 6 Kriegsjahren. Mit Wachdienst und Griffeklopfen wollte man aus uns, die alle den Jahrgängen 1897–1900 angehörten, noch Soldaten machen. Ausrüstungsstücke waren kaum noch vorhanden. Ich habe in Knickerbocker, Waffenrock, Krätzchen und Lodenmantel Dienst gemacht. Am 5. Mai 45 wurden wir in einem kleinen schmutzigen Tanzsaal, der unser Schlafraum war, vereidigt. Ein Offizier hat sich zu dem Theater nicht mehr gefunden. Oberfeldwebel Heitwig, ein echter Himmelstoß, hat uns dann mit Hilfe eines Seitengewehrs auf Admiral Dönitz vereidigt.
Am Nachmittag machten die Tschechen unseres Dorfes, die sonst nicht unfreundlich gegen uns waren, eine kleine Revolution. Sie musizierten, tanzten und sangen auf dem Dorfplatz, entfernten die deutschsprachigen Schilder von den Wegweisern und Geschäften. Abends war die Stimmung jedoch schon wieder umgeschlagen. Es war wieder alles ruhig und die Schilder wurden wieder angebracht. Bei der Stammkomp., die sich im 7 km entfernten Heralitz befand, ist es etwas bunter zugegangen. Dort wurden die Landesschützen entwaffnet, bekamen aber am anderen Morgen ihre Waffen wieder.
So zog ich dann wie Kamerad Schwejk über die Landstraßen Böhmens
Am 8. Mai packten wir dann unsere Sachen und luden sie auf lange Leiterwagen, die von den Tschechen gestellt wurden. Für die Benutzung bezahlte jeder Landser 2 RM. Die Schreibstube, Panzerfäuste und sonstigen Waffen fuhren für unser Geld mit. So sind wir ungefähr 25-30 km getippelt. Weiter wollten uns unsere Fuhrherren nicht mehr fahren und wir haben dann in einem kleinen Dorfe abgeladen. Nun stand ich da mit meinem vielen Gepäck.
Ich tauschte ein Paar Schnürschuhe gegen einen Leiterwagen, denn tragen konnte ich ja meine vielen Sachen nicht. So zog ich dann wie Kamerad Schwejk über die Landstraßen Böhmens. Meine Flinte, Seitengewehr und die mit 60 scharfen Patronen gefüllten Patronentaschen hängte ich an einen Gartenzaun. An einer Weggabelung – nördlich ging’s nach Prag, südwestlich nach Tabor – überlegte ich erst eine Weile, welche Route ich einschlagen sollte. Prag lag besser in der Richtung auf Berlin; aber auf der Straße war kein Mensch zu sehen und wenn ich allein dort langgezogen wäre, hätten mich die Tschechen totgeschlagen, also tippelte ich dort, wo der Heerwurm sich entlangwälzte. Die Parole lautete: „So schnell wie möglich zum Ami, damit wir nicht den Russen in die Hände fallen.“
Russische Soldaten forderten uns auf, unsere Waffen an den Straßenrand zu legen
Bis zum 10. Mai sollten wir noch Zeit haben, die Moldau zu erreichen, die als Grenze zwischen den Russen und den Alliierten bezeichnet wurde. Gegen 5 Uhr nachmittags am 9. Mai näherten wir uns einem kleinen Städtchen und sahen von den dahinterliegenden Bergen Panzer hinter Panzer herabrollen. Diese wurden von den langjährigen Landsern als russische ausgemacht.
Plötzlich standen mitten unter uns tausenden Bewaffneten drei junge russische Soldaten und forderten uns auf, unsere Waffen an den Straßenrand zu legen und nicht zu beschädigen. Ich staunte über ihren Mut. Im Nu waren auch russische Offiziere da. Sie ließen auf den Feldern neben der Straße antreten, nahmen uns Uhren, Goldsachen und feststehende Messer ab. Wir wurden dann in der Stadt auf eine sehr nasse Wiese geführt, wo wir schlafen sollten. Bei einbrechender Dunkelheit wurden wir jedoch auf den Marktplatz gebracht, wo wir entschieden trockener schliefen. Bei der Überführung von der Wiese zum Markt wurde mir dann mein Koffer mit meinen gesamten Zivilsachen von einem russischen Soldaten unter Vorhaltung seiner Maschinenpistole abgenommen.
Am anderen Morgen traten wir dann den Marsch nach Pilgram an. Nach 2-3 Tagen erreichten wir diese tschechische Stadt und bezogen den dortigen Sportplatz als unser erstes Gefangenenlager. Hier wurden wir in Kompanien und Bataillone eingeteilt. Verwaltung und Verpflegung wurde den deutschen Offizieren übertragen. Ich hatte den Eindruck, daß die deutsche Leitung dem Küchenproblem ziemlich ratlos gegenüberstand. Die Russen brachten 20 Benzinfässer und zeigten, wie man daraus in kurzer Zeit 20 riesige Kochkessel herstellen kann. Am anderen Tag rauchten 20 Schornsteine in unserer Küche und wir erhielten ein, wenn auch nicht reichliches, aber doch schmackhaftes Essen. Die Wasserversorgung unseres Lagers wurde mehr und mehr eine Katastrophe für das Städtchen und wurde der Anlaß, unser Lager schnellstens zu verlegen.
Er stellte die Frage: „Wie oft warst Du zum Tode verurteilt?“
Im Lager auf dem Sportplatz lernte ich einige kommunistische Funktionäre aus Schlesien und Berlin kennen. Im Laufe der Unterhaltungen kamen wir zu dem Entschluß, den russischen Kommandanten aufzusuchen. Ein oberschlesischer Genosse sagte, er wäre schon dort gewesen, ich glaube aber, es entsprach nicht den Tatsachen. Ich erhielt dann den Auftrag, einen Vorstoß in dieser Richtung hin zu unternehmen. Ich mußte den vorgeschriebenen Weg über Feldwebel, Komp.-Führer, Battl.-Kommandeur, deutschem Lagerkommandanten, russ. Lagerkommandanten gehen. Ich wurde auch dem russischen Kommandanten vorgeführt und sagte: „Wir sind hier vier deutsche Kommunisten (Funktionäre) und können evtl. jetzt in Deutschland an irgendwelchen Stellen gebraucht werden.“ Er stellte die Frage: „Wie oft warst Du zum Tode verurteilt?“ Auf meine Antwort, daß das nicht der Fall war, sagte er, daß wir ruhig noch eine Weile warten sollen.
Wenn ihnen nach dem Krieg einer mit Politik käme, dann würden sie ihn vom Hof jagen.
Mein Vorgehen hat verschiedene Wirkungen bei den deutschen Vorgesetzten ausgelöst, natürlich hat auch die Ablehnung des Russen dazu beigetragen. Mein Feldwebel war schadenfroh und wurde gehässig. Der Adjudant des deutschen Lagerkommandanten, ein junger Oberleutnant, forderte mich auf, ihm doch einige Aufklärung über Kommunismus zu erteilen. Mit dem Oberleutnant habe ich dann auch noch einige Diskussionen gehabt und ich glaube, wenn wir uns nicht aus den Augen gekommen wären, hätten wir dieselben auch noch weitergeführt, aber ich habe ihn im nächsten Lager nicht mehr finden können.
Im Großen und Ganzen sind meine Versuche, auch mit den drei Funktionären, irgendwelche politischen Diskussionen zu entfachen, verhältnismäßig wenig auf fruchtbaren Boden gefallen. Ich habe immer wieder den Versuch unternommen. Die meisten Landser sagten: Wenn ihnen nach dem Krieg einer mit Politik käme, dann würden sie ihn vom Hof jagen.
Es entwickelte sich an seinen Ufern bald ein reger Badebetrieb.
Wir marschierten dann ab und erreichten nach längerem Marsch das Lager Prosetznitz unweit der Stadt Benneschau. Es war ein ehemaliger SS-Truppenübungsplatz. In der Umgebung waren ca. 30 Dörfer sehr rigoros von der SS evakuiert worden; dadurch war die Stimmung der dortigen Bevölkerung uns gegenüber eine sehr schlechte. Wir kamen aber selten mit der Bevölkerung in Berührung, außer einige kleine Außenarbeitskommandos.
Ungefähr 25.000 Kriegsgefangene waren in dem Lager untergebracht. Die meisten lagen in Baracken, aber auch ein Teil in den Häusern der umliegenden Dörfer. Ich möchte nachtragen, daß auf dem Marsch sehr oft Fälle eintraten, wo den Gefangenen von einzelnen Russen plötzlich Uhren oder Stiefel abgenommen wurden. Manchmal einfach abgenommen, manchmal auf dem Wege des Tausches gegen Brot, Fett oder sonstige Nahrungsmittel. Unsere Leute mußten in den meisten Fällen darauf eingehen, denn ein gewisser Druck stand immer dahinter. Es waren auch einige Fälle zu verzeichnen, wo russische Offiziere, manchmal sogar sehr energisch, den Raub oder Tausch verhinderten.
Im Lager wurden wir in Hundertschaften, Battl. und Regimenter eingeteilt. Eine Hundertschaft hatte als Vorgesetzte einen Ob.-Ltn., als Komp.-Führer einen Leutnant und einen Spieß. Das Batl. wurde geführt von einem Hauptmann. 10 Batl. waren ein Regiment und umfaßten ungefähr 10.000 Mann. Der deutsche Lagerkommandant war ein Oberstleutnant Becker. Die einzelnen Hundertschaften wurden innerhalb der Bataillone sehr oft durcheinander gewürfelt, mußten von einer Baracke oder Stube in die andere ziehen und hatten dadurch allerlei Arbeit mit der Neueinrichtung der Quartiere.
In dem Lager hielten wir uns drei Monate auf. Das Beste an dem Lager war die Sasau, ein ungefähr 150 m breiter, flacher aber sehr reißender Bergfluß. Sehr viel Felsbrocken lagen im Flußbett. Es entwickelte sich an seinen Ufern bald ein reger Badebetrieb. Man konnte ja nicht drin schwimmen, aber für unsere Reinigung und für das Kochwasser war dieser Fluß geradezu ideal. Trotzdem gab es viele, die sich tagelang nicht gewaschen haben. Das Lager lag 300 m über dem Meeresspiegel.
2 Monate Graupen, 1 Monat Erbsen
Die Verpflegung bestand aus morgens ¼ l Kaffee, mittags 9/10 l Essen, 2 Monate Graupen, 1 Monat Erbsen, abends ½ l Suppe (Graupen oder Erbsen). Das Mittagessen war oft mit Fleisch gekocht, meistens Pferdefleisch. Wir haben auch hin und wieder einen Löffel Marmelade, 24 g Zucker, 2 oder 3 x eingerührtes Käsepulver oder Fett erhalten. Diese Zulagen erhielten wir aber nur in der ersten Zeit. Nachher schienen diese aufgebraucht. Es waren vielleicht noch deutsche Heeresbestände.
Offiziere erhielten bedeutend bessere und reichlichere Verpflegung, empfingen ihr Essen in besonderen Küchen und erhielten auch Rauchwaren. Ich nehme an, daß die Besserstellung der Offiziere in Bezug auf Verpflegung, Quartier und bei Visitationen eine Gegenleistung für die Leistung der Verwaltungsarbeit des Lagers war.
An Brot erhielten wir ungefähr 400 g. Ich glaube, die Brotration der Offiziere war die gleiche. Das Brot war nicht gut. Es war sehr dunkel, viel Mais und Spreu drin. Die Landser hatten allgemein den Eindruck, daß wir von der Küche, vom Intendanten sowie von den Köchen schwer betrogen würden. Es wurden auch Maßregelungen und Bestrafungen durchgeführt. Auch bei der Übernahme der Verpflegung aus russischer Hand in die deutsche sollen große Fehlbeträge gewesen sein. Ein russischer Kommandant soll deshalb abgelöst worden sein, aber das weiß ich nur vom Hörensagen.
Unsere Arbeit bestand im Holz schleppen, Straßenbau (Lagerstraßen), Wasserschleppen, Wachdienst und Reinigung des Waldes und Lagers. Wir verrichteten nur Arbeiten, die für unser Leben im Lager notwendig waren. Das war auch immer die Feststellung der Russen. Die Aufsicht bei der Arbeit hatten meistens deutsche Offiziere. Nur einige Male waren russische Posten beim Holzholen mit im Walde. Da sind einige wenige Fälle vorgekommen, wo ein Gefangener wegen schlechter Arbeitsleistung geprügelt wurde, aber das war vier- oder fünfmal der Fall.
Der Gesundheitszustand im Lager wurde als sehr gut befunden, nur Durchfall war an der Tagesordnung. Ich führe diesen Übelstand auf unvernünftigen Genuß von Wasser zurück.
Für die arbeitsfreien Gefangenen wurde bald Exerzieren, Sport, Ordnungsübungen und Singen angesetzt. Auch die Grußpflicht wurde eingeführt. Jeder Russe war zu grüßen und jeder deutsche Offizier. Ich hatte den Eindruck, dass der Russe die Grußpflicht anders auffaßte, wie unsere Führung. Bei den Russen untereinander war der Gruß kameradschaftlicher Art. Bei uns war es wie früher beim Kommiß. Der deutsche Kommandant, Oberstleutnant Becker, hat sich in der Beziehung manch tolles Stückchen geleistet. Er fuhr immer in einem originellen Wagen durchs Lager, und wenn ein Landser ihn nicht grüßte, gab es immer irgendwelche Auftritte. Es sollen sogar Bestrafungen deshalb vorgekommen sein.
Da hatten Freunde der Sowjetunion einen schweren Stand.
Ein sonderbares Kapitel war die Stimmung unter den Gefangenen. Sie hing von den Parolen ab, die durch das Lager schwirrten. Wir wußten nicht, was in der Welt passierte. Da wurden Parolen geschmiedet: Japan hat kapituliert! Japan hat eine große Seeschlacht gewonnen! Die Alliierten sind uneinig! Wir sind keine Kriegsgefangenen, wir sind Internierte! Wir werden entlassen! Wir kommen nach Sibirien! usw. Eine Parole widersprach immer der vorhergehenden. Aufgrund der Parolen war die Stimmung heute ganz rosig, morgen ganz düster. Die Parolen wurden in die Welt gesetzt von den deutschen Offizieren oder von Gefangenen, die außerhalb des Lagers arbeiteten oder von Landsern, die einen Spaß daran hatten.
Hin und wieder wurden wir durchsucht, wobei uns alles Mögliche abgenommen wurde. Offiziell sollte sich die Abnahme auf Uhren, Kompasse, Landkarten, Photoapparate, feststehende Messer beschränken, aber es wurde alles Mögliche abgenommen. Nach solchen Aktionen oder bei neuen Parolen entstanden natürlich wieder Diskussionen, da hatten dann natürlich Freunde der Sowjetunion einen schweren Stand.
Es wurde auch etwas getan, um die Gefangenen geistig zu beschäftigen. Es wurden viele Vorträge gehalten, Sprachkurse, Stenographie-, Rechen-, Photo-, Radio-, und div. andere Kurse abgehalten. Arbeitsgemeinschaften wurden gebildet. Sehr viele dieser Arbeitsgemeinschaften beschäftigten sich mit Landwirtschaft, Bienenzucht, Maschinenbau. Politische Gruppen gab es nicht, wurden auch stets abgelehnt. Vorträge wie: Eine Reise nach Amerika! Eisenverhüttung! Stahlveredelung! Wie wird Bier gebraut! Was muß der Kleinsiedler wissen! fanden guten Anklang. Der sonntägliche Gottesdienst war mit ungefähr 80% besucht. Es wurde eine Freilichtbühne gebaut. Gute Theaterkräfte waren im Lager. Es wurden Revuen und Reportagen gebracht. Faust wurde aufgeführt, gute Sänger brachten Opernstücke, Operettenschlager und andere Lieder zu Gehör, aber nie war ein etwas neuerer Geist zu spüren. Gute Gesangschöre waren auch in unserem Lager.
Wir schlugen mit einem Beil ein Loch zum Austreten in den Waggonboden
Nach drei Monaten wurden dann Marschblocks zusammengestellt. Es hieß, es geht in die Heimat.
Die Stimmung war natürlich rosig. Wohin die einzelnen Marschblocks fuhren, wußte niemand und es gab wieder die tollsten Parolen. Ich selbst war beim 4. Marschblock. Wir wurden aufgestellt, als der zweite abfuhr. Am 17. August war es bei uns soweit zum Verladen. Wir wurden im Lager zusammengestellt, 2.000 Mann, wurden außerhalb des Lagers durchsucht, einiges wurde uns noch abgenommen, vor allen Dingen die Messer. Dann wurden wir verladen. 40 Mann in einen Waggon, nachher kamen noch einige hinzu, wir waren 42 Mann. Es waren Viehwagen, Fenster vergittert, die Türen waren verschlossen und ziemlich viele Wachmannschaften fuhren mit. Wir hatten keine Latrine im Wagen und schlugen uns nachher mit einem Beil von der Küche ein Loch zum Austreten in den Waggonboden.
Unser Transport bestand aus 2000 Mann und 40 Offizieren. Die Offiziere bekamen einen eigenen Waggon. Wir fuhren immer weiter nach Osten, Tschechei, Österreich, Ungarn, Rumänien. Je weiter wir nach Osten fuhren, je mehr sank die Stimmung. Es wurde uns ja vorher auch gesagt, wir fahren nach Hause. Aus einem Waggon ist ein Fluchtversuch unternommen worden. Fünf Mann sind eines Morgens entsprungen, zwei davon sollen auf der Flucht erschossen worden sein, drei sollen entkommen sein. Wir hatten dadurch dann verschärfte Bestimmungen. Sonst sind wir hin und wieder mal aus dem Waggon gesprungen auf einer Station.
Wir sollen doch endlich glauben, es geht jetzt in die Heimat
In Temesvar (Rumänien) wurden wir nach zwölftägiger Fahrt ausgeladen, die Offiziere blieben in ihrem Waggon. Wir wurden ärztlich untersucht, die Jüngeren und Kräftigen mußten wieder einsteigen und fuhren jedenfalls weiter. 1.000 blieben in Temesvar und 1.000 fuhren weiter. Wir marschierten dann nach einem Lager außerhalb der Stadt. Hier in diesem Lager trafen wir Gefangene des 3. Marschblocks. In diesem Lager gab es für uns keine Arbeit. Das Essen war reichlicher und abwechslungsreicher. Wir wurden nach acht Tagen ärztlich untersucht. Die Alten, Jugendlichen und Kranken wurden zu einem Transport zusammengestellt und zum Bahnhof geführt. Nach dem Verladen ging die Reise bald los.
Wir waren 2.300 Mann, kein Offizier. Der uns begleitende eine russische Leutnant und eine russische Ärztin sagten uns, wir sollen doch endlich glauben, es geht jetzt in die Heimat. Die Wagen waren alle offen und es war keine Bewachung mit. Wir fuhren fast den gleichen Weg zurück. In der Tschechei wurde uns noch ein Kamerad erschossen, weil er sich wehrte gegen Beraubung. Nach 10 Tagen erreichten wir in Bodenbach die Reichsgrenze und bald wurden wir in einer Kaserne in Pirna entlassen und jeder konnte einzeln in seine Heimat fahren. Nur die Schlesier konnten wohl nicht in ihre Heimat, weil die Polen sie noch nicht hinließen.
Am Freitag, den 14.9.45 kam ich in Berlin an. Die Freude war natürlich groß.“
Hier können Sie den zwanzigsten Teil, hier den einundzwanzigsten Teil und hier den zweiundzwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: Unknown Soviet photographer / public domain / Deutsche Kriegsgefangene werden nach ihrer Gefangennahme durch die Sowjets durch die Straßen von Kiew geführt.

Seine fulminante Rede beim AfD-Verbotsprozess im Hamburger Thalia-Theater hat ihn endgültig zum Star gemacht. In der großen JF-Jubiläumsausgabe warnt Bestsellerautor Harald Martenstein, die Linke sei dabei, in Deutschland ein autoritäres Regime einzuführen.
Dieser Beitrag Interview Bestsellerautor Harald Martenstein warnt: „SPD öffnet autoritärem Regime die Tür“ wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
In dieser 18. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erzählt eine Leserin, wie ein älterer Kamerad ihrem 16-jährigen Vater vermutlich das Leben rettete, und berichtet von einem bewegenden Gespräch mit ihrem Enkel über den Kriegsdienst. Eine andere erzählt davon, wie sich ihr als kleines Mädchen der Anblick verwundeter Soldaten kurz vor Kriegsende ins Gedächtnis einbrannte. Ein anderer Leser teilt Geschichten über Verdrängung und Aufarbeitung und die langen Schatten von Nationalsozialismus und Krieg in einem Ort in Südniedersachsen.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, sowie den siebzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
„Er hätte das Rad auch selbst nehmen können.”
Sehr geehrte NachDenkSeiten
liebes NDS-Team,
ich bin Jahrgang 1957. Oft, sehr oft holen mich in der neuen Zeit der Kriegstüchtigkeit die Erzählungen meiner Eltern und meiner Schwiegermutter ein. Ich gebe sie hier aus meiner Erinnerung wieder.
Meine Mutter
Ihr Vater verstarb früh an einer schweren Erkrankung. Da war meine Mutter erst zwei Jahre alt, ihr älterer Bruder war vier. Ihr jüngerer Bruder wurde erst nach dem Tod des Vaters geboren. Er wurde im Alter von zwei Jahren auf dem Gutshof, auf dem die Mutter (meine Großmutter) arbeitete, von einem Pferd erschlagen. Meine Großmutter verließ daraufhin den Hof und zog ihre beiden anderen Kinder unter viel Entbehrungen allein groß. Dann kam der Krieg. Der ältere Bruder meiner Mutter erhielt im Jahre 1944 im Alter von 18 Jahren den „Stellungsbefehl” und wurde „eingezogen”. Im Januar 1945 verstarb meine kränkliche und immer um ihren Sohn besorgte Großmutter. Meine Mutter ließ ihrem Bruder per Feldpost eine Nachricht zukommen, in der (naiven) Hoffnung, er möge Fronturlaub zum Tode der Mutter erhalten. Sie wartete jeden Tag auf seine Heimkehr. Stattdessen erhielt sie etwa vier Wochen nach dem Tod der Mutter ein Telegramm: „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland.“ Sie war nun allein, mit 17 Jahren. Meine Großmutter hatte vom Tod ihres Sohnes nicht mehr erfahren, ob der Bruder meiner Mutter (mein Onkel, von dem ich nur aus den Erzählungen meiner Mutter weiß) noch vom Tode der Mutter erfahren hat, wusste sie nicht. Vermutlich aber wohl nicht. Das hoffte sie jedenfalls.
Mein Vater
Er wurde Anfang 1945 mit 16 Jahren noch eingezogen und an die Front in Marsch gesetzt. Doch er ist, wie er sagte, „dort nicht mehr angekommen”. Vorher kam der Befehl zum Rückzug. Seinen Kompanieführer, ein Däne, erwähnte mein Vater mehrmals anerkennend: „Er wollte nur noch, dass wir alle nach Hause kommen.” Es war ein eiliger Fußmarsch von vielen endlosen Kilometern, eine Flucht vor dem heranrückenden „Feind”.
Am Wegesrand habe er viele Erfrorene und Getötete gesehen. Mein Vater ging diesen langen Weg zusammen mit einem etwa 40-jährigen Kameraden, der aus der heimatlichen Nachbargemeinde stammte. Dieser Kamerad fand dann im Straßengraben ein altes Fahrrad. Er sagte: „Junge, nimm das Rad und fahr damit nach Hause”. Das tat mein Vater. Möglicherweise hat es sein Leben gerettet. Er hat seinen älteren Kameraden nie wieder gesehen. Ob er überlebt hat, weiß er nicht. Mein Vater sagte immer: „Er hätte das Rad auch selbst nehmen können.”
Meine Schwiegermutter
Auch ihr Bruder fiel mit 19 Jahren. Er war der Älteste und der einzige Bruder von vier Schwestern, die mit den Eltern zurückblieben.
Mein Schwiegervater
Er war Jahrgang 1921 und meldete sich im Alter von 17 Jahren freiwillig. Er nahm am Russland-Feldzug teil, wurde verletzt und kam ins Lazarett. Nach der Genesung kam er nach Nordafrika. In Tunesien geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. In der Gefangenschaft musste er Südfrüchte auf Schiffe verladen. Auf Entwendung einer Frucht (vor Hunger) stand die Todesstrafe. Er hatte gelernt, vor Erschöpfung im Stehen zu schlafen.
Erst im Jahre 1952 kam er im Alter von 31 Jahren endlich nach Hause. 1953 heiratete er und 1954 wurde das erste Kind (mein späterer Mann) geboren. Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter und meines Mannes schließe ich, dass er auf Grund seiner Kriegserfahrungen wohl an schweren chronischen Depressionen litt. Am rechten Bein hatte er eine Kriegsverletzung davongetragen, die ihm zusätzlich und dauerhaft auch sehr zusetzte. Im Jahre 1968, als er 47 Jahre alt war, sollte das Bein amputiert werden. Das war dann der letzte Auslöser für ihn, sich das Leben zu nehmen. Da war mein Mann 14 Jahre alt, seine jüngere Schwester war neun Jahre. Letztlich forderte der Krieg 23 Jahre nach Kriegsende noch seinen Tribut.
Wir sind die Kinder der Kriegsgeneration. Es war nicht immer leicht mit unseren Eltern. Aber heute weine ich manchmal um sie – und um uns. Ich hoffe inständig, dass der Krieg nachfolgenden Generationen erspart bleibt, auch wenn es manchmal hoffnungslos erscheinen mag. NIE wieder, heißt NIE wieder!
Ich habe fünf Enkelkinder. Mein jetzt neunjähriger Enkel antwortete mir kurz vor seinem achten Geburtstag auf meine Frage, ob er denn wie sein Vater und seine Mutter auch einmal zur Bundeswehr gehen möchte: „Nein, das möchte ich nicht, das ist ja lebensgefährlich!” Das bestätigte ich ihm und auf meine Rückfrage sagte er: „ICH WILL NICHT TÖTEN UND ICH WILL NICHT GETÖTET WERDEN!”. Das waren exakt seine Worte. Ich habe sie täglich im Kopf und sein Wort ist mir Befehl. Diese Metapher sei mir in diesem Zusammenhang ausnahmsweise erlaubt.
Beste Grüße
Angelika Achterkamp
„Wir mußten das tote Kind im Straßengraben zurücklassen.”
Sehr geehrter, lieber Herr Müller, sehr geehrte Damen und Herren der NDS,
leider komme ich erst heute dazu, eine von vielen Dutzenden Erinnerungen zu formulieren. Bitte entschuldigen Sie den Verzug.
Meine damals vierzehnjährige Mutter erzählte oft diese Geschichte:
Ihre Mutter mußte im März 1945 aus einem kleinen Dorf aus Hinterpommern vor der herannahenden Roten Armee von ihrem mittelgroßen Bauernhof fliehen. Weil mein Großvater schon verstorben war, war meine damals 40-jährige Großmutter allein verantwortlich für ihre 4 halbwüchsigen Kinder und das wenige Hab und Gut, was sie auf dem Pferdewagen mitnehmen konnten.
Mit auf dem Treck war auch ein französischer Hilfsarbeiter sowie andere Dorfbewohner, darunter weitere Verwandte und eine Mutter mit einem Säuglingsmädchen.
Erst wenige Kilometer unterwegs, konnte sie ihr Kind nicht mehr nähren. „Sie hatte keine Milch mehr. Wir mußten das tote Kind im Straßengraben zurücklassen.”
Das war der Grund für meine Mutter ihrer Tochter, 15 Jahre später den Namen dieses Mädchens zu geben. Meine Schwester ist somit lebenslang Erinnerungsträgerin an dieses für meine Mutter traumatische Erleben.
Freundliche Grüße!
Bernd Ebener, Greifswald (*1958)
Die Zugfahrt über die beschädigten Brücken verfolgt mich noch heute.
Sehr geehrtes Team der NDS,
leider komme ich erst heute dazu, von meinen Erinnerungen zu berichten, die mich seit meinen Kindertagen zur absoluten Pazifistin gemacht haben.
Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Essen. Mein Vater war 1943 schon sehr krank und wurde nicht mehr eingezogen. Er blieb in Essen zurück, während meine Mutter und ich nach Sulzberg bei Kempten evakuiert wurden. Da beginnen auch meine Erinnerungen.
Es gab Fliegeralarm, die Sirenen heulten, was noch heute in meinen Ohren schrecklich klingt. Wir saßen im verdunkelten Zimmer oder versteckten uns im Straßengraben, wenn wir auf der Chaussee unterwegs waren. Bei einem Besuch in Kempten gab es Fliegeralarm, wir flohen in den Luftschutzbunker. Nach der Entwarnung lag vor dem Bunker eine Brandbombe und auf dem nahen Bahnhof stand ein Lazarettzug mit verwundeten Soldaten. Diese Bilder sehe ich noch heute nach 80 Jahren.
In den letzten Kriegsmonaten kam auch mein schwerkranker Vater ins Allgäu, da unsere Wohnung in Essen bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Eine Cousine mit einem Kleinkind und einem Baby musste aus Posen fliehen und kam im tiefsten Winter zu uns ins Allgäu.
Nach Kriegsende kamen erst Franzosen und dann Amerikaner ins Dorf. Wir mussten zeitweise die Häuser räumen und in den umliegenden Bauernhäusern unterkommen.
Meine Eltern wollten dann zurück nach Essen. Die Zugfahrt über die beschädigten Brücken verfolgt mich noch heute. Essen lag in Trümmern und wir hatten lange nur verschiedene Notunterkünfte. Dann starb mein Vater. Meine Mutter bekam Arbeit als Trümmerfrau auf der Margarethenhöhe und auch ein Mansardenzimmer wurde uns zugewiesen.
Ich wurde 1947 eingeschult. Einen Schulranzen hatte ich nicht, sondern nur eine selbstgenähte Stofftasche. Es war eine schwierige Zeit, da meine Mutter aber zum Hamstern aufs Land fuhr, mussten wir nicht hungern. Meine Mutter hat später wieder geheiratet. Mein Stiefvater kam aus Ostpreußen. Er hat über seine Flucht geschrieben. Die Aufzeichnungen befinden sich noch in meinem Besitz. Sollten Sie Interesse haben, würde ich sie Ihnen gerne schicken.
Obwohl ich schon seit mehreren Jahren eine treue NDS-Leserin bin, ist dies mein erster Leserbrief. Ich bedanke mich recht herzlich für die vielen guten und nützlichen Artikel.
Bitte weiter so, Sie werden gebraucht.
Mit freundlichen Grüßen
Mally Hahl
Als die verkohlten Papierfetzen bis nach Moringen flogen
Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,
ihre Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ hat mich sehr berührt und inspiriert, meine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit aufzuschreiben. Die Örtlichkeiten und Personen können Sie gern mit veröffentlichen, sie sind allgemein bekannt.
Mit freundlichen Grüßen
Nachkriegserinnerungen:
Ich wurde 1947 geboren und wuchs in der kleinen Stadt Moringen in Südniedersachsen auf. Über die Kriegszeit erfuhr ich von meiner Familie nur sehr spärlich etwas, wenn ich als 10-/12-jähriger Fragen stellte.
Der älteste Sohn meiner Oma väterlicherseits war in Russland als vermisst registriert, aber seine Mutter sagte: „Der Herrmann hat bestimmt eine nette russische Frau geheiratet und einen kleinen Bauernhof in der Ukraine, irgendwann kommt er zu Besuch und erzählt, wie gut es ihm geht.“ Unter Tränen hat sie ihn dann Anfang der 1960er-Jahre für tot erklären lassen.
Sein jüngerer Bruder, mein Vater, wurde 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen und sollte in Salzgitter feindliche Flugzeuge abschießen. Kurz vor Kriegende warf er seine Waffen weg und ging zu Fuß nach Hause.
Meine Oma hat nicht viel vom Krieg erzählt, nur von der Bombennacht 1943 in Kassel, als die verkohlten Papierfetzen bis nach Moringen flogen und dass die Moringer Juden auf den Knien das Gras aus den Steinritzen der Bürgersteige rupfen mussten, darüber hätte sich keiner aufgeregt, auch dann nicht, als die dann verschwunden waren.
Mein Opa war Lehrer und Tischler und ein Nazi- Gegner: „Die haben den dümmsten Bauern zum Ortsgruppenleiter gemacht, das konnte nichts Gutes werden.“ Aber er musste in seiner Werkstatt für die Wehrmacht Munitionskisten bauen, um zu überleben, und wurde kurz vor Kriegsende noch „zum Schanzen“ eingezogen.
Erst Mitte der 1960-er Jahre haben zwei evangelische Pfarrer (der eine fuhr einen Amischlitten, der andere hatte lange Haare) aufgedeckt, dass es in Moringen ein Konzentrationslager gab. Zuerst war es ein Frauen-KZ, das später nach Ravensbrück verlegt wurde, und dann ein KZ für Jugendliche, „Swingboys, Landstreicher, Verwahrloste und Kleinkriminelle“. Die mussten in der Landwirtschaft und bei der Firma Piller Zwangsarbeit leisten, über 100 wurden ermordet oder verhungerten und wurden auf dem örtlichen Friedhof begraben.
Als das öffentlich bekannt wurde, haben viele Einheimische das geleugnet, dabei haben sie jeden Tag das Klappern der Holzpantinen gehört, wenn die Häftlinge zur Arbeit und wieder zurück getrieben wurden. Der bis 1945 tätige ärztliche KZ- Direktor Dr. Krack hat nach Kriegsende eine Arztpraxis betrieben und einer der Wachleute einen Milchladen aufgemacht. Als Jugendliche haben wir das alles mit Abscheu wahrgenommen und als „Wiedergutmachung“ den von den Nazis verwüsteten Judenfriedhof wiederhergerichtet, dafür wollte uns die Kyffhäuserjugend nachts verprügeln.
Als dann anlässlich der 1.000-Jahr-Feier herauskam, dass in der von einem Göttinger „Historiker“ geschriebenen Chronik als Begründung für den Kriegsbeginn 1939 geschrieben stand, dass nach dem durch einen Juden verübten Attentat auf den deutschen Botschafter in Paris am 07.11.1938 „Deutschland gezwungen war, einen Selbstbehauptungskrieg anzufangen“, wurde die Öffentlichkeit aufmerksam, sodass diese Chronik eingestampft werden musste und neu geschrieben wurde. Darüber wurde sogar in den USA berichtet, und als Folge davon wurden die beiden evangelischen Pfarrer zwangsversetzt.
All diese Ereignisse: das Relativieren der Nazigräuel, die Verharmlosung der Kriegsereignisse und eine systematische Kultur des Vergessens und der Verdrängung haben später für mich zu der Erkenntnis geführt, dass die beginnende Militarisierung und die erstarkenden faschistisch geprägten rechten Parteien wie NPD und auch AfD auf die Nicht-Aufarbeitung der Nazi-Diktatur zurückzuführen sind.
Und wieder wird durch den Aufbau von Feindbildern (die Russen kommen) eine wahnsinnige Aufrüstung betrieben, und wieder profitieren davon die Rüstungsmonopole, die Finanzwirtschaft und deren Aktionäre. Diese Sofakrieger gehen natürlich nicht an die Front, sondern es werden die „normalen“ jungen Menschen in den Krieg geschickt, die dann traumatisiert, zerschossen oder überhaupt nicht wiederkommen.
Wann fangen die Menschen an zu begreifen, was Kriege bedeuten und dass jeder die Pflicht hat, diese zu verhindern?
A. Hilke
Hier können Sie den neunzehnten Teil und hier den zwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: Überlebende aus Łódź auf dem Weg nach Berlin. / wikicommons / CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Peinliche Affäre für die Steuererhöhungspartei Grüne: Nachdem die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, gibt deren Chef Banaszak zu, seit 2022 zu wenig Zweitwohnungssteuer in Berlin bezahlt haben. Er habe das „vergessen“.
Dieser Beitrag Staatsanwalt ermittelt So erklärt Grünen-Chef Banaszak seine Steuerhinterziehung wurde veröffentlich auf JUNGE FREIHEIT.
In dieser 17. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ schildert ein Zeitzeuge seine Beteiligung am „Volkssturm“ als 15-Jähriger und wie eine mutige Entscheidung seines Vorgesetzten ihm das Leben rettete; ein 12-Jähriger macht nach dem Krieg eine Entdeckung über die Russen, eine Familie leidet unter dem Verlust der Heimat, und eine Leserin erinnert sich an ihre Kinderfreundin Lotti.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil sowie den sechzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß
Ich bin 1954 geboren, mein Vater Jahrgang 1929 ist vermutlich einer der letzten lebenden Kriegsteilnehmer. Wir sind beide entsetzt über die zunehmende Militarisierung, den offenen Rassismus gegenüber Russen und die Verharmlosung von Krieg.
Als ich von dem Projekt der NDS mit den Kriegskommentaren erzählte, diktierte er mir folgende Erinnerung von der Teilnahme am Volkssturm:
„März 1945
Ungefähr 20 16-jährige Jugendliche (ich war zu dem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt) sollten unsere Heimatstadt Bernburg vor den anrückenden Amerikanern verteidigen. Wir wurden in die westlich gelegene Stadt Staßfurt transportiert. Dort schliefen wir in einer Schule in Betten ohne Matratzen. Der Feldwebel, der uns begleitete, teilte uns mit, dass er ständig telefonisch mit Städten weiter westlich in Kontakt stand, und sollten dort amerikanische Panzer auftauchen, würden wir informiert. Am nächsten Morgen wachten wir auf und hörten Panzergeräusche. Das müssen unsere sein, waren wir sicher, war aber ein Irrtum. Es war eine Rotte amerikanischer Panzer, die ungehindert in die Stadt fuhren.
Wir erhielten folgende Instruktionen: „Nie auf den Führersitz zielen, nur auf die Breitseite, der Kopf ist meist aus Gusseisen hergestellt, darum mit der Panzerfaust in den mittleren Teil schießen. Das Geschoß explodiert dann und verbraucht sämtlichen Sauerstoff im Inneren des Panzers, sodass Überlebende ersticken. Der Panzerkommandant wird versuchen, durch die Einstiegsluke zu entkommen. Er muss sofort erschossen werden.” So ist jeder Panzer ein Grab für Soldaten. Dass jeder Panzer von Infanterie begleitet wird, wurde nicht gesagt. Die Amis verschafften uns auch nicht den Vorteil und stellten sich quer. Sie fuhren ungehindert durch Staßfurt in Richtung der Kreisstadt Bernburg/Saale mit ihren 38.000 Einwohnern.
„Macht, dass ihr nach Bernburg kommt” sagte der Feldwebel „eine Gruppe südlich, eine nördlich.” Wir machten uns auf den Weg zurück. In Bernburg empfing uns die SS, ausgerüstet mit Maschinenpistolen, die uns unbekannt waren. Wir eilten zu unserem Lager und warteten auf den nächsten Einsatz.
In meinem 2. Einsatz befinde ich mich in einem Schützengraben. Er ist nicht sehr tief, damit ich auch wieder herauskomme. Vor mir ist ein Lager mit Ausländern (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter). Alle sollten sich in ihre Baracken zurückziehen. Die Franzosen vor mir missachteten den Befehl und versammelten sich vor der Eingangstür zu ihrer Baracke. Man befahl mir, dafür zu sorgen, dass sie in ihre Baracke gehen. Ich krabbelte aus meinem Loch heraus und entsicherte ein langes holländisches Gewehr vor ihren Augen. Da sie befürchteten, ich würde in die Menge schießen, flüchteten sie in das Innere der Baracke. Als ich die Entsicherung des Gewehrs beendet hatte, waren alle Franzosen vom Eingang weg.
Über uns flog ein US-Aufklärer. Auf ihn schoss ich und er drehte ab. In 2 km Entfernung erschienen zwei amerikanische Panzer. Sie drohten mit ihren Kanonen, schossen aber nicht. Für unsere Panzerfaust war die Entfernung viel zu groß, als dass wir sie hätten bekämpfen können. Sie drehten nach einer Weile ab. Die Nacht brach an. Gegen 3 Uhr wurden wir zusammengerufen. Wir wurden von unserem Feldwebel aufgefordert, nach Hause zu gehen. Unter uns kampfbereiten Jugendlichen regte sich Widerstand. „Dies ist ein Befehl!”, sagte unser Anführer Wenzlau. Wir sollten unsere Waffen unbrauchbar machen in unserem Lager in Bernburg. Dann gingen wir nach Hause.
Am gleichen Tag wurde Bernburg von den Amerikanern besetzt. Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß, nie zu kapitulieren, rettete aber 20 Jugendliche vor dem vermutlichen Heldentod.
Grit Reichert nach Diktat von Fritz Reichert
„Das sind ja Menschen!“
Meine Tante Agnes berichtete uns einmal von ihrem großartigen Erlebnis im Jahr 1948:
Auf dem Gendarmenmarkt vor der Ruine des Schauspielhauses gab das berühmte Alexandrow-Ensemble ein Konzert. Das seitdem bekannteste Lied war „Du, mein stielles Tal, grjuß Dich tausendmal”. Neben meiner Tante stand ein etwa zwölfjähriger Junge. Sichtlich beeindruckt vom Konzert der Russen, sagte er: „Das sind ja Menschen!“
Ich halte das Beschriebene für sehr bemerkens- und bedenkenswert – auch für die heutige Zeit mit ihrem geschürten Russenhaß.
k.d.
Mein Vater hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.
„Nie wieder Krieg!” – Damit bin ich aufgewachsen.
Ich wurde 1948 in Thüringen geboren. Mein Vater kam schwer verwundet aus dem Krieg zurück, seine beiden Brüder waren gefallen und ihm wurde als Kriegsfolge ein Bein am Oberschenkel amputiert. Danach haben meine Eltern geheiratet.
1950 kamen wir als Flüchtlinge in den Westen. Ich erinnere mich noch an das zerbombte Wuppertal und die Erklärung meiner Mutter: Das war der Krieg!
Der Krieg war für mich so präsent, als hätte ich ihn selbst erlebt. Es wurde viel darüber gesprochen, „Nie wieder Krieg!” Unsere Familien waren in alle Winde zerstreut. Die verlorene Heimat wurde bis weit in die 70er-Jahre beklagt, der Schmerz verging nur langsam. Mein Vater, der mehr als 100 Jahre alt geworden ist, hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.
Ich bin heimatlos, denn wo ich aufgewachsen bin, das war nicht meine Heimat, meine Heimat ist Thüringen. Und obwohl ich mein ganzes Leben im Westen verbracht habe, bin auch ich diese Sehnsucht nicht losgeworden.
Meine Mutter hat schlimme Dinge, Kälte und Hunger erlebt. Mein Vater hat Schreckliches erlebt, über das nicht gesprochen wurde, und wir Kinder haben es erst als Erwachsene teilweise erfahren. Wie haben unsere Eltern das alles verarbeitet? Warum waren sie manchmal so komisch?
„Nie wieder Krieg!” Ich kann es nicht fassen, dass wieder die Trommeln gerührt werden.
Brigitta H.
„Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.“
Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,
hier ist meine Geschichte:
In Ammendorf (Kreis Halle) produzierte die Gesellschaft „Orgacid“ den Kampfstoff S-Lost „Senfgas.“ Wir wohnten dieser „Fabrik” gegenüber. Es wurde natürlich geheim gehalten, was dort ‘fabriziert’ wurde. Ich lief jeden Tag auf dem Schulweg an der riesigen Mauer entlang. Ständig gab es Fliegeralarm.
Meine Eltern schickten mich 1943 nach meinem zweiten Schuljahr (zur Sicherheit) zu einer Tante nach Liebemühl in Ostpreußen, wohin man auch Berliner Schulkinder evakuierte.
Meine Memoiren „A memoir of war and migration – You Don’t Need to be Afraid Here” – habe ich privat drucken lassen. Hier ist ein Ausschnitt aus meinen Erinnerungen:
„Die Schulferien fingen am 15. Juli 1944 an. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrerin und den Berliner Kindern und stürmte die Treppe hoch zu unserer Wohnung. Aus heiterem Himmel sagte Tante Mie, wir würden nach Hause reisen. Ich war überglücklich. Wie sie es geschafft hatte, eine Reisegenehmigung und Fahrscheine zu bekommen, denn Reisen für die Zivilbevölkerung waren beschränkt, wußte ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, daß unserer Welt Zusammenbruch drohte: daß östlich und nordöstlich von uns die Russen durch die Baltischen Staaten vorrückten: Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war am 13. Juli – 450 Kilometer entfernt – überrannt worden. Die deutsche Wehrmacht verlor eine Schlacht nach der anderen. Kurz darauf waren die Russen in der Nähe von Warschau, 225 Kilometer südlich von uns. Wir packten meinen Koffer und ich zog ein sauberes Dirndl an. Tante Mie flocht mir weiße Schleifen in die Zöpfe.
Von dieser Reise bleibt mir nur eine Erinnerung. Wir wurden in ein überfülltes Abteil geschoben. Die beiden Bänke waren von jungen, erschöpften Soldaten besetzt: einige trugen Verbände. Die meisten schliefen. Sie waren so erschöpft, dass keiner Tante Mie seinen Platz anbot. Ein halbes Dutzend Menschen stand zwischen den Beinen der Soldaten. Der Gestank ungewaschener Körper war überwältigend. Tante Mie und ich standen stundenlang zusammengedrängt. ‘Hör auf zu nörgeln’, sagte sie zu meinem Gejammer. Schließlich bot mir einer der Soldaten an, mich auf seinen Schoß zu setzen. Ich setzte mich steif auf seine knochigen Kniee und klammerte mich an Tante Mie. Ich weigerte mich, mit ihm zu sprechen. Endlich stand ein Soldat auf und bot Tante Mie seinen Platz an. Ich rutschte schnell auf ihren Schoß und schlief ein.
Ich erinnere mich nicht an den Rest der Reise, aber wir erreichten an einem sonnigen Spätnachmittag den Bauernhof in Dobra, wo meine Eltern bei der Ernte halfen. Es war großer Betrieb auf dem Hof. Ein hoch mit Roggengarben beladener Wagen, von zwei Kühen gezogen, fuhr gerade durch das Tor. Dann hörte ich Muttis ‘Helga!’ Ich klammerte mich an sie und schluchzte vor Freude. Niemand hatte eine Ahnung gehabt, daß wir plötzlich auftauchen würden. Meine Eltern machten sich bestimmt Sorgen über die Nachrichten aus Ostpreußen. Die Geschichten, die Tante Mie ihnen erzählte, hätte ich überhaupt nicht verstanden. Ich entfloh der Gesellschaft von Erwachsenen und streifte mit meinem Cousin Erich durch die Felder. Wir waren frei. Der Krieg hatte sich noch nicht in das Leben dieser verschlafenen Ecke der Niederlausitz gedrängt. Der Krieg war noch weit entfernt im Osten. Tante Mie blieb nur ein paar Tage und fuhr dann nach Ostpreußen zurück. Am 20. Juli kam die Nachricht von einem Attentatsanschlag auf Hitler.
…
Eines Morgens Ende März 1945 schickte mich Mutti nach Halle, um Fräulein Mimi zu besuchen. Auf dem Fußweg entlang der Mauer der Chemiefabrik wehten vertrocknete Grasbündel aus dreckigen Schneehaufen hervor. Dann sah ich zwei alte Frauen langsam Schritt für Schritt auf mich zukommen. Jede trug ein Köfferchen und eine Wolldecke. Ich fing an zu laufen und rief ‘Tante Mie!’ Ich umarmte sie freudig und begrüßte Frau Augustin. (…)
Ich hörte nur Bruchstücke von dem, was die zwei Frauen von ihrer Flucht erzählten. Zwei Monate waren sie unterwegs. Sie hatten Liebemühl am 20. Januar in einem überfüllten Flüchtlingszug verlassen. Es ging eine Strecke westwärts, bis ein Zugunglück ihnen das Gleis versperrte. Bei eisigen Temperaturen kämpften sie sich durch tiefen Schnee, an Toten und Verletzten vorbei. Sie schlossen sich einem endlosen Treck an. Hochbeladene Pferdewagen und Menschen mit überladenen Handkarren verstopften die vereisten Straßen. Die fliehende Bevölkerung wurde von Tieffliegern angegriffen.
Dann hörte ich Tante Mie sagen: ‘… Im Schnee am Straßenrand brachte eine Mutter ein Kind zur Welt … es war totgeboren … die Mutter hat es in einer Schneewehe begraben.’
Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.”
Helga Woodruff (Copyright © 2021)
Niemand außer uns hat überlebt.
Mein Brief an den Bundeskanzler
kurz nach Kriegsausbruch:
„Guten Tag, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz, mein Name ist Christa Ackermann, ich bin 93 Jahre alt und habe den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt.
Ich bin in Wuppertal-Elberfeld geboren und wir haben damals am Albert Leo Schlageter-Platz im dritten Stock eines Vierfamilienhauses gewohnt, direkt neben dem schönen Rathaus von Wuppertal.
Die nächtlichen Fliegerangriffe auf die westdeutschen Städte sind mir noch gut in Erinnerung und die Warntöne einer Sirene erschrecken mich heute noch. Fast jede Nacht flüchteten wir, meine Mutter, meine kleine Schwester huckepack – und ich mit der gesamten Hausgemeinschaft in den bombensicheren? Luftschutzkeller, der eine Ausstiegsluke hatte, um nach einem eventuellen Luftangriff ins Freie klettern zu können.
Nach dem entsetzlichen Fliegerangriff auf Wuppertal-Barmen, der die Stadt in einer Nacht dem Erdboden gleich bombte, packte meine Mutter die notwendigsten Sachen und flüchtete mit meiner kleinen Schwester und mir zu meinen Großeltern ins Sauerland. So haben wir überlebt, denn einige Tage später erfolgte der Angriff auf Wuppertal (wir haben in dieser Nacht alles verloren und standen vor einem Nichts).
Auf die Schwesterstädte Barmen und Wuppertal wurden Phosphorbomben und Luftminen abgeworfen. Durch die Phosphorbomben wurden flüchtende Menschen in den Asphalt eingebrannt. Die Luftminen verursachen äußerlich Unversehrtheit; aber die Lungen der Menschen platzen, und so erging es meiner kleinen Freundin Lotti, ihrem kleinen zweijährigen Bruder Richard und der Mutter, Frau Arend, unserer Nachbarin.
Niemand außer uns hat überlebt.
Nach dem Angriff wurden die Toten auf dem Wuppertaler Marktplatz aufgereiht. Der Vater von Lotti und Richard (zur damaligen Zeit Soldat an der Ostfront) fand seine Frau, beide Kinder noch fest an der Hand, aufgereiht unter den Toten auf dem Marktplatz von Wuppertal.
Auf dem Foto im Anhang bin ich, ganz rechts im Bild – die Einzige, die überlebt hat.
WIR MACHEN UNS SCHULDIG!
Nie wieder Krieg von deutschem Boden.gezeichnet
Christa Ackermann“
Hier können Sie den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: Everett Collection / shutterstock.com
von Thierry Meyssan (voltairenet)
Während das Vereinigte Königreich und die Ukraine Deutschland dazu drängen, einen Krieg gegen Russland vorzubereiten, erleben wir den Zusammenbruch des wiedervereinigten Deutschlands. Das Land ist tief in zwei unterschiedliche Volksgruppen gespalten. Seine Identität steht nun in Frage. Die Auflösung der Bundesrepublik Deutschland ist nun unausweichlich. Unterdessen wird der zwischen Washington und Moskau geschlossene Frieden dazu führen, dass ein Teil der Ukraine und Transnistrien an Russland angegliedert werden. Während die Abkehr der Europäischen Union von ihren Werten ihr Ende herbeiführen wird.

Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, dürfte der Sturz der Selenskyj-Regierung in der Ukraine zum Zerfall Moldawiens, Deutschlands und der Europäischen Union führen. Das ist die Arbeitshypothese Russlands, Chinas und der Vereinigten Staaten. Wir sind jedoch absolut nicht darauf vorbereitet, und unsere Politiker und Medien haben sich diese Frage bislang noch nicht einmal gestellt.
Wir haben nicht erkannt, dass die von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident François Mitterrand angestrebte deutsche Wiedervereinigung unter Verletzung des Völkerrechts vollzogen wurde: Das Volk der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde zu keinem Zeitpunkt befragt. Wir haben dies akzeptiert, weil wir den Eindruck hatten, dass es logisch sei, und weil Angela Merkel, die kommunistische Propagandaleiterin der Kommunistischen Jugend der DDR, innerhalb von 14 Monaten zur christdemokratischen Jugendministerin der BRD wurde [1].
Doch der persönliche Werdegang dieser Politikerin ist keineswegs repräsentativ für ihr Volk. Wir nehmen nur die Sichtweise des Westens wahr (62 Millionen Einwohner zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung) und nicht die des Ostens (16 Millionen Einwohner zur gleichen Zeit).
Die Industrie im Osten wurde zugunsten des Westens ausgeplündert. Die Arbeitslosigkeit liegt dort heute bei 7,5 %, während sie im Westen nur 5,7 % beträgt. Das durchschnittliche Bruttogehalt beträgt im Osten 3.973 Euro und im Westen 4.810 Euro. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liegt in den fünf östlichen Bundesländern im Durchschnitt bei 37.711 Euro, gegenüber 54.162 Euro in den westlichen Bundesländern.
Bei den letzten Bundestagswahlen standen sich die beiden Länder gegenüber: Die Ostdeutschen, geprägt durch die sowjetische Besatzung, stimmten massiv für die Alternative für Deutschland (AfD), während die Westdeutschen, geprägt durch die US-Besatzung und die von ihnen wiedereingegliederten Nazis, für die Christdemokraten und die Sozialdemokraten stimmten. Tatsächlich gibt es nicht ein einziges Deutschland, sondern zwei [2].
Heute wird das wiedervereinigte Deutschland von seinem zahlenmäßig stärksten Teil, dem westlichen, regiert, der versucht, die politische Meinungsäußerung seines östlichen Teils zu unterbinden. Am 2. Mai 2025 wurde die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) vom Verfassungsschutzamt als „rechtsextreme“ Organisation eingestuft. Dabei ist diese Partei lediglich eine Reaktion auf das Projekt einer europäischen Konföderation; ein Projekt, das seine Wurzeln in der Neuordnung Europas hat, die Walter Hallstein im Auftrag von Reichskanzler Adolf Hitler entwarf, bevor er Erster Generalsekretär der EGKS (der späteren EWG und Europäischen Union) wurde. Ebenso überwacht das Münchner Verfassungsschutzamt, das in den 1950er Jahren dazu diente, Gestapo-Polizisten umzuschulen, die Unterdrückung von Journalisten und Denkern, die die Stereotype der Deutschen ändern könnten [3].
Wir sind uns zwar der Gräueltaten der Staatssicherheit (Stasi) in Ostdeutschland bewusst, doch wissen wir nichts von denen, die in Westdeutschland gegen Kommunisten und Homosexuelle verübt wurden. Dabei handelte es sich um eine düstere Realität.
Das heutige wiedervereinigte Deutschland steht unter dem Einfluss einer kleinen Gruppe von Nachkommen der Nazis, die nach dem Krieg mit den angelsächsischen Besatzern kollaborierten. Bundeskanzler Friedrich Merz selbst ist der Enkel eines Nazi-Würdenträgers, dessen antislawische Vorurteile er übernommen hat. Er hat keinerlei Probleme damit, mit den ukrainischen „integralen Nationalisten“ zusammenzuarbeiten, die sich als Nachfahren der Waräger-Wikinger und vor allem nicht als Slawen bezeichnen. Während die germanische Tradition eine Zusammenarbeit mit den Russen ablehnte (daher das Schisma von 1054, das das Heilige Römisch-Deutsche Reich von Konstantinopel trennte, also ein Jahrhundert, nachdem die Ukraine und Russland zum Christentum konvertiert waren), so hatten nur die Nazis das Ziel, alle Slawen auszurotten und sich ihr Land anzueignen (den Lebensraum, also den Lebensraum Deutschlands).
Wie dem auch sei, das wiedervereinigte Deutschland hat seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 bis hin zum Staatsstreich des Euromaidan im Jahr 2014 nicht den geringsten Einwand gegen die Nazifizierung der Ukraine erhoben. Es bemüht sich, die Hunderte von Denkmälern zu ignorieren, die in der Ukraine zum Gedenken an die Nazis und ihre Kollaborateure errichtet wurden. Es ignoriert das Vorhaben der Selenskyj-Regierung, ein Pantheon der ukrainischen Helden zu errichten, und hat sich im Gegensatz zur Gedenkstätte Yad Vashem geweigert, sich zur staatlichen Umbettung des Verbrechers gegen die Menschlichkeit Andriy Melnyk am 25. Mai 2026 zu äußern [4]
Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion erklärte Transnistrien am 2. September 1990 seine Unabhängigkeit. Es handelt sich um ein kleines Tal am Dnjepr mit einem erstaunlichen Mikroklima, das die Sowjets zu einer Wissenschafts-Standort ausgebaut hatten. Fast ein Jahr später, am 27. August 1991, erklärte auch Moldawien seine Unabhängigkeit. Nun bildeten diese beiden Staaten bis dahin jedoch eine einzige Region, die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik. Am 28. Februar 1992 nahmen die Vereinigten Staaten jedoch acht unabhängige Sowjetrepubliken in die Vereinten Nationen auf, darunter auch Moldawien. Transnistrien jedoch nicht. In den Augen der UNO ist dieses Gebiet lediglich ein Teil Moldawiens. Unmittelbar danach versuchte die CIA, Transnistrien in einem Krieg, den wir vergessen haben, unter Kontrolle zu bringen [5].
Seitdem haben sich Moldawien und Transnistrien getrennt voneinander entwickelt. Die Lage ist umso komplexer, als Transnistrien nach wie vor sowjetisch geprägt ist und Michail Gorbatschows Traum von der Vereinbarkeit von Kommunismus und Demokratie verwirklicht hat. Allerdings ist das System nicht perfekt und es ist nicht gelungen, das Problem der Mafia zu lösen, wie es Russland unter Wladimir Putin getan hat.
Transnistrien, wo seit der Unabhängigkeit ein russisches Waffenarsenal und seit dem Krieg von 1992 eine russische Friedenstruppe stationiert sind, erhält kostenlos russisches Gas, da es den Knotenpunkt mehrerer russischer Gaspipelines nach Ost-, Mittel- und Westeuropa bewacht [6].
Seit 2019 setzt sich der US-amerikanische, militärisch-industrielle Komplex dafür ein, Russland zu schwächen, indem er es in Konflikte in der Ukraine und in Transnistrien verwickelt [7]. Im Jahr 2005 holte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel Ursula von der Leyen als Beraterin an ihre Seite. Die beiden Frauen drängen auf die Gründung der European Union Border Assistance Mission to Moldova and Ukraine (EUBAM) (Grenzunterstützungsmission der Europäischen Union in Moldawien und der Ukraine). Dieses europäische Gremium wird Transnistrien bedrängen, indem es dessen Grenzen zu Moldawien und der Ukraine umgibt, obwohl keiner dieser beiden Staaten Mitglied der Europäischen Union ist.
Das am 15. August 2025 in Anchorage zwischen den Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin geschlossene Abkommen sieht vor, dass der Donbass und Noworossija als russisch anerkannt werden. Das bedeutet, dass Odessa nicht mit Gewalt befreit, sondern durch einen Friedensvertrag annektiert wird. Odessa grenzt jedoch an Transnistrien. Präsident Putin hat vor zwei Wochen allen Bürgern Transnistriens, die dies beantragen, die russische Staatsbürgerschaft gewährt [8].Transnistrien wird somit nach dem Ende des Krieges in der Ukraine russisch werden, was zum Zerfall Moldawiens führen wird. Die Bevölkerung hat sich bereits zweimal in diesem Sinne geäußert.
Die Einheit der Europäischen Union scheint für uns nicht in Frage zustehen. Dennoch ist das Vereinigte Königreich 1973 der Union beigetreten und hat sich 2020 wieder aus ihr zurückgezogen. Im Jahr 2005 lehnten die Wähler in Frankreich und den Niederlanden die Referenden zur Europäischen Verfassung ab. Sie wurden nicht beachtet, da die EU von ihren „demokratischen Werten“ abwich. Im Jahr 2013 zwang die europäische Troika (damals bestehend aus Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich) den Zyprioten die schlichte Beschlagnahmung von Bankeinlagen über 100.000 Euro auf; die Europäische Union entfernte sich damit erneut von ihren „demokratischen und liberalen Werten“. Im Jahr 2024 greift die Europäische Kommission heimlich in die rumänischen Präsidentschaftswahlen ein und macht damit endgültig Schluss mit ihren „Werten“. Heute stellen die EU-Mitgliedstaaten, mit Ausnahme von Slowenien und Ungarn, die Einstimmigkeitsregel im Europäischen Rat in Frage.
Unterdessen bildet das Vereinigte Königreich, das nicht mehr Teil der EU ist, ein neues Militärbündnis, die „Nordmeerkräfte“. Diese neue Streitmacht setzt sich aus dänischen, estnischen, finnischen, isländischen, litauischen, lettischen, norwegischen und schwedischen Streitkräften zusammen. In Kürze sollen auch die deutschen, polnischen und türkischen Streitkräfte hinzukommen; vielleicht sogar die französischen, doch das Hin und Her zwischen London und Paris im Jahr 2025 ist nicht mehr angebracht. Es scheint, als sollen die Nordmeerkräfte die NATO ersetzen, sobald die Vereinigten Staaten Mitte 2027 aus dem Atlantischen Bündnis ausgetreten sind, so das Team von Präsident Trump.
Dieses Bündnis ist jedoch nicht mit der Existenz der EU vereinbar, die eine Folge der geheimen Klauseln des Marshall-Plans (1948) ist.
Wir stellen fest, dass die deutsche Wiederaufrüstung sowohl von der Europäischen Union als auch vom Vereinigten Königreich finanziert wird. Letzteres hatte in den 1930er Jahren die deutsche Wiederaufrüstung gegen die Sowjets finanziert. Erst nach dem Münchner Abkommen (29. bis 30. September 1938) schloss die UdSSR, in der Überzeugung, das nächste Opfer des Dritten Reiches zu sein, den deutsch-sowjetischen Pakt (23. August 1939), woraufhin sich Berlin gegen London wandte.

Erscheinungsdatum: April 2014
Ein Auszug daraus:
Neben dem Hartz-IV-Gesetz wurden zum Vorteil der Lobby auch noch die Leiharbeit, sowie die geringfügige Beschäftigung (400 Euro Jobs) eingeführt. Mit anderen Worten: Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhält-nisse wurden bewusst abgeschafft. Was das für die arbeitende Bevölkerung im Alter bedeutet, wird mittlerweile immer offensichtlicher.
Schon heute ist eine stark steigende Altersarmut zu beobachten, die unter diesen sozialfeindlichen Bedingungen in den kommenden Jahren massiv zunehmen wird. Der Zerfall des Wohlstands ist unter solchen Voraus-setzungen nicht mehr aufzuhalten.
Während die Rente zukünftig immer mehr schrumpfen wird, schöpfen die Polit-Darsteller wie üblich aus den Vollen. Sie haben vor kurzem erst, ein-stimmig ihre Bezüge um zehn Prozent erhöht. Man muss nur ganz oben an den richtigen Fleischtöpfen sitzen, und alles regelt sich von selbst.
Die Elite sitzt an den Schalthebeln und ist voll im Bilde über das, was noch auf uns zu kommt. Sie, die Polit-Darsteller und ihre Medien-Huren gaukeln den Untertanen eine heile Welt vor, die bereits vor dem Zerfall steht. Um Volksaufstände zu verhindern, muss die Wahrheit unter allen Umständen ver-schwiegen werden.
Die Wohlstands-Party, die die Polit-Darsteller über Jahrzehnte auf Pump mit Steuergeldern finanziert haben, geht allmählich dem Ende zu. Es wird nicht nur die Altersarmut sein, die zunimmt, sondern auch die Arbeitslosigkeit und vor allem die Proteste gegen die Europäische Union, die den Menschen in Europa immer mehr abverlangt.
Bei der am 22. bis 25 Mai stattfindenden Europawahl könnten die über-wiegend bürgerfeindlichen Parteien, die nach wie vor an dem EU-Monster, das Steuergelder in Milliarden-Höhe verschlingt, festhalten, herbe Verluste einfahren. Viele kleine Anti-Euro-Parteien hingegen könnten Mandate hinzugewinnen bzw. ins Europäische Parlament einziehen.
Das Problem in Europa wird dadurch aber nicht gelöst. Das EU-Monster selbst ist das Problem. Wie kann das EU-Monster, das mit der Einführung des Euro die Probleme in Europa erst geschaffen hat, jemals lösen? Der Euro hat die Staatsschuldenkrise in Europa beschleunigt, wie weiter oben dargelegt wurde.
War die Krise, in der wir uns bereits seit Jahren befinden, bewusst geplant? Dazu hat sich der französische Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali klar geäußert:(135)
“Die Krise sei nicht nur vorhersehbar gewesen, man habe sie sogar bewusst geplant, um eine starke europäische Haushaltsföderation zu schaffen.”
In dem YouTube-Video wird er weiter zitiert:
„Alle diejenigen, die wie ich das Privileg hatten, bei der Abfassung der ersten Version des Maastrichter Vertrages die Feder zu führen, taten alles, um sicherzustellen, dass ein Austritt unmöglich wäre.“
Ein weiteres Zitat in dem Video von Giuliano Amato, ehemaliger italienischer Ministerpräsident, darf in diesem Kontext hier nicht fehlen:
“Deshalb ziehe ich es vor, langsam vorzugehen und die Souveränität Stück für Stück zu zerbrechen, und dabei plötzliche Übergänge von den nationalen zu Befugnissen des Bundes zu vermeiden … Demokratie braucht keinen Souverän.”
Robert Cooper, Sonderberater der Europäischen Kommission und Mitglied des „European Council on Foreign Relations“ schrieb 2003 in seinem Buch, „The Breaking of Nations: Ordnung und Chaos in der Twenty First Century“, für das er 2004 den Orwell-Preis erhielt:
„Die weitreichendste Form imperialistischer Ausdehnung ist die der Europäischen Union… Die postmoderne europäische Antwort auf Bedrohungen besteht darin das System eines kooperativen Imperiums immer weiter auszudehnen.“

In dieser 16. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erfahren wir von schrecklichen Erlebnissen bei der Flucht aus Schlesien und von den Erinnerungen eines kleinen Jungen an fliegende Funken bei einem Brandbombenangriff. Eine Leserin erinnert sich an die Phosphorbomben auf Düsseldorf und daran, wie ihre Familie sich in Armut und Krieg durchschlug. Im letzten Beitrag geht es um Trauer in der Familie und die Verantwortung für heutige Kinder und Enkel.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil sowie den fünfzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Meine Haare brennen
Sehr geehrtes NDS-Team,
mein verstorbener Vater (Jahrgang 1932) erzählte von einer Begebenheit, die er als Vertriebener aus Schlesien im Flüchtlingstreck erlebt hat. Die Flüchtlinge mussten einen Fluss über eine Brücke überqueren. Die Brücke wurde von polnischen Soldaten kontrolliert. Alle Flüchtlinge mussten ihre Wertsachen den Soldaten übergeben. Eine junge Frau mit einem Säugling auf dem Arm wurde kontrolliert und gab an, keine Wertsachen zu haben.
Daraufhin durchsuchte ein Soldat die Frau und fand ihren Ehering, der im Rock eingenäht war. Der Soldat riss ihr daraufhin den Säugling aus den Armen und warf ihn in den Fluss.
Meine verstorbene Mutter (Jahrgang 1934) wohnte in einer Mansardenwohnung mit ihren Eltern und ihren 4 Schwestern in der Nähe des Krankenhauses. Nach einem Bombenangriff auf den Güterbahnhof fuhren LKWs mit verletzten Soldaten an ihrem Haus vorbei zum Krankenhaus. Sie konnten von oben sehen, wie die verletzten Soldaten auf den Pritschen der LKWs lagen, und ihre Schmerzschreie hat sie nie vergessen.
Ein Nachbar (Jahrgang 1940) erzählte uns, wie seine Mutter mit ihm auf dem Arm aus dem Haus flüchtete, da das Haus bei einem Bombenangriff von einer Brandbombe getroffen wurde. Die Angst, die dieses Kind und seine Mutter hatten, hat sich tief in die Erinnerung eingegraben, sodass er bis heute die Eindrücke des brennenden Hauses noch vor Augen hat, obwohl er in einem Alter war, in dem er noch nicht richtig sprechen konnte. Aber was er während der Flucht aus dem Haus rief, hat ihm seine Mutter noch erzählt. Durch die herabfliegenden Funken rief er immer wieder: „Meine Hage bennt”, sollte heißen: Meine Haare brennen.
Mein Schwiegervater (Jahrgang 1940) ist nur durch Zufall dem Tod entkommen. Er spielte draußen mit seinem Freund zusammen und wurde von seiner Mutter hereingerufen, damit er seinen Mittagsschlaf abhalten sollte. Sein Freund spielte alleine draußen weiter. Kurz darauf gab es Fliegeralarm, manchmal kam dieser jedoch zu spät. So lief mein Schwiegervater (damals ca. 5 Jahre alt) nach dem Bombenangriff nach draußen, um seinen Freund zu suchen. Man fand ihn zusammen mit einem erwachsenen Mann, der sich offensichtlich schützend über den Jungen geworfen hatte. Beide waren jedoch tot.
Die Oma meiner Schwiegermutter hat auch nach Kriegsende während eines Gewitters mit gepackten Koffern zusammen mit ihren beiden Töchtern auf der Bettkante gesessen und das Ende des Gewitters abgewartet. Dieses Verhalten hörte ich von anderen Bekannten.
In dieser Hinsicht möchte ich daran erinnern, dass die oben genannten Erfahrungen sicher auch von den Menschen im Gazastreifen, im Libanon, im Iran und überall dort, wo Krieg geführt wird, heute noch gemacht werden.
Wie schlimm derartige Dinge sind, kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man sie selbst erlebt hat oder über sehr viel Empathie verfügt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft die Empathie in sehr engen Grenzen hält. Im Hinblick auf unsere derzeitigen politischen Führungskräfte kann ich keinerlei Empathie oder auch nur Fürsorge – nicht einmal für die eigenen Bürger – erkennen.
Vielen Dank für Ihre Arbeit bei den NachDenkSeiten.
Es grüßt Sie
Ralf Glahn
Menschen versuchten, sich in den Rhein zu retten
Liebes NDS-Team,
ich bin Jahrgang 1957, also 12 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ins „Wirtschaftswunder“ geboren. Mein Bruder wurde am 10. Mai 1945 geboren und hat als noch Ungeborener die Schrecken der Bombennächte erlebt und die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Er kannte das verwüstete Düsseldorf.
Meine engste Familie (Großeltern, Eltern und deren Geschwister) haben alle den Krieg überlebt. Einige Großtanten haben Männer (auch bereits im Ersten Weltkrieg) und Söhne verloren, ein Onkel sein Bein.
Mein Großvater (*1890) war in Verdun, wo er durch einen Granatsplitter der eigenen Leute (heißt heute wohl „friendly fire“) eine Kopfverletzung erlitt, die ihm letztlich sein Leben gerettet hat, denn als Kriegsinvalide kam er nach Hause und wurde auch im folgenden Krieg nicht eingezogen.
Meine Mutter (1925) und meine Großeltern lebten in Düsseldorf. Meine Mutter war im BDM (Bund Deutscher Mädel). Sie war 14 Jahre zu Kriegsbeginn, und als 1940 die ersten Bomben auf Düsseldorf fielen, war das für die Menschen in und um Düsseldorf eine Attraktion, die Sensationstourismus hervorbrachte. Aber schon bald wurden die Bombenangriffe heftiger und Düsseldorf wurde fast täglich bombardiert, d.h. die Nächte mussten in Luftschutzkellern der Häuser verbracht werden.
Die Familie lebte in Benrath im Süden der Stadt, die Angriffe galten eher den Innenstadtbezirken und nördlichen Bezirken, auch insofern hatten sie „Glück“, sie wurden nicht ausgebombt und wohnungslos. 1945 bestand Düsseldorf aus Schutt und Asche, nur sehr wenige Wohn- und Geschäftshäuser und öffentliche Gebäude standen noch.
Mein Vater (*1919) stammte aus Urach in Süddeutschland, er war in der HJ (Hitlerjugend). Nach Ableistung seines Arbeitsdienstes wurde er eingezogen und war 20 Jahre, als der Krieg begonnen wurde. Er hatte „Glück”, er war anfangs in Norwegen, später in Deutschland und zuletzt in der Nähe von Düsseldorf bei der Flugabwehr stationiert.
Es wurden auch Phosphorbrandbomben auf Düsseldorf geworfen. Meine Eltern erzählten, dass Menschen versuchten, sich in den Rhein zu retten, aber der Phosphor ließ sich im Wasser nicht löschen, im Gegenteil.
Die Erzählungen von den Tieffliegern, die auf alles, was sich bewegte, schossen, haben sich mir besonders ins Gedächtnis gegraben.
Meine Großeltern waren keine Widerstandskämpfer, aber sie waren auch keine Nazis. Ich glaube auch nicht, dass sie den Nazis 1933 ihre Stimme gegeben haben, ich weiß es aber nicht. Was ich weiß: Mein Großvater war lange erwerbslos, das Geld reichte kaum zum Leben und meine Mutter bekam von der Vermieterfamilie Mittagessen, was dann in der Familie geteilt wurde. 1933 hat mein Großvater eine Stelle bei der DEMAG (Deutsche Maschinenfabrik AG) bekommen, meine Großmutter und ihre Schwester tanzten vor Freude.
Nach Ende des Krieges arbeitete mein Großvater für ein Mittagessen und Brot bei einem Bauern, das Brot war für Frau und Tochter.
Meine Eltern haben 1944 geheiratet. In Urach war die Not weniger groß und meine Familie in Düsseldorf erhielt von dort Unterstützung. Urach hat erst 1945 fünf Luftangriffe erlebt.
In meiner Familie wurde über das Naziregime, KZ, Judenverfolgung, Verfolgung von Kommunisten u.a., den bestialischen Krieg gesprochen, über Propaganda und Verführung der Kinder und Jugendlichen, auch darüber, dass 1943 die im Sportpalast in Berlin Versammelten auf die Frage von Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg?” voller Inbrunst und Begeisterung „Jaaaa!” brüllten.
Von meinen Eltern und Großeltern habe ich gelernt, was Propaganda und Manipulation anrichten und was Krieg bedeutet: Tod, Elend und Verzweiflung für die einfachen Menschen. Nie wieder sollte dergleichen von diesem Land ausgehen.
Ich fühle mich manchmal verzweifelt, wenn ich dieses Land heute betrachte, und ich schäme mich für Politik und Medien in diesem Land. Und ich bin froh, dass es Sie alle gibt, Sie sind mir eine Familie geworden.
Friedvolle und herzliche Grüße
Renate Lau-Gaiser
Sie hatte ein Foto vom Grab ihres Sohnes in ihrem Schlafzimmer
Hallo liebes NDS-Team,
Gott sei Dank, sind wir bisher noch vom Krieg verschont geblieben. Aber leider gibt’s in unserem Land viele, die entweder nichts wissen und/oder Krieg für ein Computerspiel halten. Inzwischen ist leider aus meinem direkten Umfeld niemand mehr am Leben, der den 2. WK bewusst erlebt hat.
Ich selbst wurde 1962 geboren und bin in Meißen aufgewachsen.
Im Nachhinein ärgere ich mich sehr darüber, dass ich nicht nachdrücklicher nachgefragt habe und damals auch nichts aufgeschrieben habe. Denn leider haben sowohl meine Großeltern als auch meine Eltern nicht gern über diese Zeit gesprochen.
Eine wichtige Berührung mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges hatte ich durch meine erste Klavierlehrerin. Sie hatte die Zerstörung Dresdens miterleben müssen, dabei außer ihrem Zuhause auch ihre Mutter verloren und war dann bei ihrem Bruder untergekommen, der Arzt in Meißen war.
Meine Heimatstadt wurde glücklicherweise von der Zerstörung durch Bomben verschont.
Während meiner Grundschulzeit (Unterstufe) hatte ich einen sehr guten Lehrer, der sehr viel Wert auf die Erziehung zur Friedensliebe gelegt hat. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal in Dresden die Ruine der Frauenkirche gesehen habe, jedenfalls ist auch durch diesen Anblick in mir die grundlegende Überzeugung, Nie wieder Krieg, gewachsen.
Und auch heute, bei aller Anerkennung der Leistungen zur wieder aufgebauten Frauenkirche, die ich auch mit meiner Mutti besucht habe, bin ich der Überzeugung, dass die Ruine als Mahnung hätte stehen bleiben sollen.
Gerade jetzt, wo Deutschland, zumindest die herrschenden Eliten, die Schrecken und Leiden des 2. WK vollkommen ausblenden und die gefährliche Militarisierung und Aufrüstung betreiben.
Ich muss in letzter Zeit sehr oft an meinen Vati denken, er war noch als junger Mann eingezogen worden, war an der Westfront und dann in Gefangenschaft in den berüchtigten Rheinwiesen-Lagern. Mit zwei seiner ehemaligen Kameraden war er lebenslang befreundet.
Übrigens, sowohl meine Mutti und mein Vati haben ihre einzigen Brüder im Krieg verloren. Meine Oma hatte ein Foto vom Grab ihres Sohnes in ihrem Schlafzimmer –
Von Muttis Bruder Heinz weiß ich nur, dass er Funker an der Ostfront war und 1944 mit 19 Jahren gefallen ist.
Vom Bruder meines Vaters ist mir noch weniger bekannt. –
Mein Vati, Jahrgang 1926, ist Ende 2007 gestorben. Im Nachgang ärgere ich mich sehr über mich selbst, dass ich ihn nicht mehr ausgefragt habe.
Auf jeden Fall, mein Vati und auch sein bester Freund, der mit ihm in Krieg und Gefangenschaft war, haben ihr ganzes Leben „Nie wieder Krieg” aus tiefster Seele vertreten. Auch hatten sie keinen Hass auf die Russen.
Wobei sie sogar dafür Gründe gehabt hätten, denn sie haben miterlebt, wie die Anlagen ihrer Betriebe demontiert wurden und gen Osten abtransportiert wurden. Mein Vater hat dann seine Chance genutzt und studiert und danach als Konstrukteur gearbeitet.
Bei meiner Mutter sah es anders aus. Da ihr Bruder nicht wiedergekommen war, hat sie es als ihre Pflicht angesehen, zu Hause zu bleiben und ihren Eltern in der Landwirtschaft zu helfen. Erst als mein Opa bereit war, der LPG beizutreten, hat sie den elterlichen Hof verlassen.
Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, war gerade bei den Eltern meiner Mutti eine ständige Traurigkeit und Sprachlosigkeit erkennbar. Sie hatten ihren Sohn verloren, und beim Radiohören wurde der Name des Dirigenten des Leipziger Orchesters genannt – es war der Name ihres gefallenen Sohnes.
Inzwischen habe ich außer meinem erwachsenen Sohn auch zwei niedliche kleine Enkelsöhne und ich bin sehr besorgt um deren Zukunft.
Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der 2. WK mit seinen fürchterlichen Auswirkungen und Folgen sich nicht wiederholen wird und alles zur Friedenserhaltung getan wird. Aber jetzt habe ich die Befürchtung, dass unser Land, auch durch den wiedererwachten Größenwahn, als Führungsmacht das Weltgeschehen beeinflussen will.
Was muss noch geschehen, damit die Leute endlich aufwachen?
Viele Grüße,
Christina Merbitz
Hier können Sie den siebzehnten Teil und hier den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Titelbild: daengnambung / shutterstock.com
„Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mußte: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir übten das oft aus Spaß beim Fangenspielen.“
Ein Beitrag von unserem Leser Uwe Strohmeyer zu unserem Aufruf.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil sowie den vierzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Der Horizont war über die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte.
Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,
anbei mein Beitrag. Er ist nun länger als ein kurzes Schlaglicht geworden. Ich kenne Ihre redaktionellen Erfordernisse nicht, daher habe ich den Text so gelassen, wie er mir „aus den Fingern kam“. In meinen Augen erscheint alles darin Gesagte wichtig. Vielleicht können Sie es dennoch, evtl. mit Kürzungen, verwenden.
Angesichts meiner Erlebnisse und Erinnerungen stehen mir die Haare zu Berge bei dem jetzigen Kriegsgeschrei in Europa und dem Rassismus gegenüber Rußland, vor allem in Deutschland. Ich kann die Verantwortlichen, die das tun und die, die ihnen zustimmen, nur als Wahnsinnige im Sinne von Arno Gruen[*] bezeichnen (Gruen steht hier natürlich nur als ein Beispiel von vielen kompetenten Autoren, die sich diesem Thema widmen). Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt, ja kennen sie nicht einmal, halten oder erklären Ideologie für Realität. Umso mehr geht mein Dank an Sie, das NachDenkSeiten-Team, für Ihre umfangreiche, kenntnisreiche und sachliche Berichterstattung seit 2003. Machen Sie bitte weiter so – ein Lichtblick im gegenwärtigen Dunkel.
Herzliche Grüße
Uwe Strohmeyer
Erinnerungen gegen den Krieg:
Ich bin im November 1941 in Meißen geboren. Ich wohnte mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner Großmutter in Brockwitz, heute Neu-Sörnewitz, einer Arbeitersiedlung am östlichen Rand von Meißen. Meinen Vater kannte ich nicht, er war im Krieg.
Wir waren umgeben von mehreren Fabriken und dem großen Gaswerk mit riesigen Gasbehältern. Die Einfahrt zur größten Fabrik lag ca. 50 m schräg gegenüber unserem Wohnhaus. Eine Industriebahn fuhr täglich mit großen Waggons vor unserem Haus hin und her. Die Elbe, deren Ufer einer meiner Spielplätze war, war ca. 1 km entfernt. Hinter dem Haus, im Hof befanden sich viele Kaninchenställe, in denen alle Hausbewohner ihre Kaninchen für eine Fleischmahlzeit hielten. Ich war öfter beim Schlachten dabei.
Ich ging immer wieder mit meinen Kinderfreunden auf die Felder zum Klauen
Da die Lebensmittel knapp waren und das Geld, das meine Mutter und meine Tante im Büro verdienten, oft nicht reichte, ging ich, sobald ich laufen konnte, oft mit meiner Großmutter oder meiner Tante zu den umliegenden Bauern, um Lebensmittel im Tausch zu erhalten. Wir wurden häufig höhnisch oder aggressiv abgewiesen. Daher ging ich immer wieder mit meinen Kinderfreunden mit Rucksäcken, Taschen und Körben gemeinsam auf die Felder am Rand der Siedlung zum Klauen: Möhren, Kartoffeln, Rüben, Zuckerrüben, alles, was wir fanden. Kräuter, die wir alle kannten, fanden wir am Wegesrand oder im naheliegenden Bahnwäldchen.
Der Himmel war hell erleuchtet, über uns tausende von dröhnenden Bombern
Es gab oft Luftalarm. Alle Hausbewohner rannten dann mit wenigen Habseligkeiten in den Gewölbekeller, wo wir dann stundenlang bei Kerzenlicht saßen, häufig mit Gasmasken auf. Ich hatte eine spezielle Kindermaske, unter der ich immer Beklemmungen bekam. Die Angst der Erwachsenen war deutlich spürbar, manche weinten. Eines Nachts, wir saßen schon länger im Keller, hörten wir ein Dröhnen. Herr K., unser Luftschutzwart, ging hinaus, um nachzusehen. Er rief laut, wir sollten rauskommen. Alle Erwachsenen und Kinder standen schließlich erstarrt auf der Straße, der Himmel war hell erleuchtet, über uns tausende (?) von dröhnenden Bombern, dicht an dicht. Sie flogen Richtung Dresden, warfen laufend Magnesiumfackeln ab. Ringsum stachen die grellen Scheinwerfer der FLAK in den Himmel und man hörte ihre Maschinenkanonen knallen.
Der Horizont war über die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte.
Ich stand mit Walther, meinem Spielfreund aus dem Haus, zwischen den Erwachsenen. Keiner kümmerte sich um uns, keiner sprach. Ich wußte, daß Tante H., eine Freundin unserer Familie, die wir oft besucht hatten, mit ihrer kleinen Tochter in Dresden war. Viele Jahre später wurde mir plötzlich mit Schrecken bewußt, daß seit diesem Tag niemand mehr in meiner Gegenwart von ihnen sprach.
Der Pilot mit seiner Brille in der Glaskanzel winkte mir zu
Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mußte: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir übten das oft aus Spaß beim Fangenspielen.
Meine Großmutter, die wegen ihrer Staublunge (von der Arbeit im Ziegelwerk) nicht mehr arbeiten konnte und den Haushalt führte, kümmerte sich tagsüber um mich, ließ mich bei der Hausarbeit und beim Einkaufen mitmachen, zeigte mir zu meinem Vergnügen viele Handgriffe und Essenszubereitungen. Manchmal mußte sie zum Arzt, ein langer Fußweg nach Meißen, so daß sie stundenlang fort war. Frau R., Walthers Mutter, ‚übernahm‘ mich dann. An einem solchen Tag war ich ihr ‚entwischt‘ und verbotenerweise zum Elbufer gegangen, um dort wachsendes Schnittlauch zu pflücken. Auf dem Rückweg auf der Cliebener Straße, rechts war die Fabrikmauer und ich sah schon unser Haus, überholte mich auf dem Rad Herr N., ein älterer entfernter Nachbar, der von den Wiesen sein Kaninchenfutter holte.
Ich hörte plötzlich ein bekanntes Geräusch: Tiefflieger! Ich sah mich um, eine Maschine bog gerade von der Elbe in unsere Richtung ab, sie flog etwa in Haushöhe, ich dachte, sie landet, sprang an die Mauer und versteckte mich hinter einem Vorsprung. Es knallte und peitschte, Sirren, Motorkreischen, Herr N. hob aus dem Sattel ab, überschlug sich nach vorn und blieb liegen. In einem Impuls rannte ich los, um ihm aufzuhelfen. Da sah ich die nächste Maschine auf mich zu kommen. Ich erstarrte und sah ihr wie festgeklebt entgegen. Ich sah den Piloten mit seiner Brille in der Glaskanzel, er winkte mir zu und wackelte mit den Flügeln. Ich sah die Ringe am Rumpf und den Flügeln: blau-weiß-rot. Dann zog die Maschine mit rasendem Motor nach oben. Der Luftzug riß mich fast um.
Erst bei Frau R., die alles angesehen und mich geholt hatte, kam ich wieder zu mir. Jahrzehnte später forschte ich nach, welche Flugzeuge das waren. Es waren englische Spitfire, die ich auf Abbildungen sofort wiedererkannte an der Form und den Hoheitszeichen.
Am Ende des Krieges erlebte ich die Ankunft der Roten Armee in unserer Siedlung. Alle hatten Angst vor den Russen. Wir sahen aus den Fenstern, als die ersten Panzer einfuhren. Sie zerstörten beim Abbiegen vor unserem Haus die Straßenkreuzung, parkten dann vor dem Haus und in der Nebenstraße. Die Soldaten waren sehr freundlich zu uns und den anderen. Manche sprachen fließend Deutsch. Sie nahmen mich auf den Arm, brachten uns Schokolade und Kirschen. Ich durfte auf den Panzern herumturnen. Sie brachten mir Russisch bei, was ich eifrig gebrauchte. Später erfuhr ich, daß fast die Hälfte davon Schimpfwörter waren – daher das Gelächter der Soldaten.
Die Fenster waren total vereist
Im Sommer 1947 fuhr meine Mutter mit mir nach Braunschweig zu meinem Vater in die 4-Zimmer-Wohnung seiner Eltern. Mein Großvater betrieb dort eine Schneiderwerkstatt. Wir wohnten dort sechs Jahre lang in einem einzigen Zimmer. Anfangs spielte sich das Meiste aufgrund von Spannungen zwischen Eltern und Großeltern hier ab: Schlafen, Waschen, Essen, Schularbeiten, Studienarbeiten meines Vaters, der Bauingenieurwesen studierte. Mein Bett war nur durch eine spanische Wand abgetrennt, ich konnte jedes Wort hören. Heizung gab es nicht, im Winter war es immer unter 0° C, die Fenster total vereist. Jeden Morgen mußten wir den Küchenherd und die Öfen im Wohnzimmer und Werkstatt mit Holz bzw. Kohle anheizen. Ich mußte oft Kohlen und Holz aus dem Keller holen, der kein elektrisches Licht hatte. Später aßen wir gemeinsam im Wohnzimmer und Küche und verbrachten gemeinsame Abende. Meine zweite Großmutter brachte mir Kochen bei und vieles andere, was mir heute noch von Nutzen ist. Zu meinem Großvater durfte ich immer in die Werkstatt und zusehen.
Niemand beantwortete unsere Fragen danach
Zu den anderen Kindern auf der Straße fand ich schnell Kontakt. Unser Spielplatz war vor allem auf der Straße und im Übrigen in der ganzen Stadt, auf den Trümmergrundstücken, in den Parks und am Mittellandkanal. Niemand kontrollierte uns. Wir mußten nur zum Essen zu Hause sein, manchmal Einkaufen gehen.
Wir gingen oft ins verbotene „Läusekino“, ein Kino in den ehemaligen Kasernen in unserer Nähe, in denen Massen an Flüchtlingen untergebracht waren. Es kostete nur einen Groschen (Vor Juni 1948 zehn Pfennig Besatzungsgeld). Vor dem Film gab es immer „Fox tönende Wochenschau“, zu deren Beginn jedesmal unkommentierte Filmaufnahmen aus den KZs gezeigt wurden: Leichen wurden in riesige Öfen geschoben, Massen von Leichen von Frontladern in riesige Gruben geworfen, Kamerafahrten über Leichenberge, halbverhungerte Kinder, die im Schnee standen, Massen von zerlumpten gebeugten Männern und/oder Frauen mit Werkzeugen, die sich durch den Dreck schleppten usw., das reine Grauen. Wir verstanden das nicht und niemand beantwortete unsere Fragen danach. Später hat mir als Einzige meine Großmutter alles erzählt.
Übrigens hatten wir nie Läuse!
Die Braunschweiger mittelalterliche Innenstadt war von der britischen Luftwaffe fast vollständig zerstört worden. Die umgebenden Bürgerhäuser waren bis auf wenige Ausnahmen nicht beschädigt. Ebenso waren die Industrieanlagen und der damals modernste Güterbahnhof Europas am östlichen Stadtrand vollständig erhalten. Ich las später eine Veröffentlichung der britischen Armeeführung, daß die Piloten den Befehl hatten, nur die Braunschweiger Innenstadt mit Wohnhäusern und Läden mit Brandbomben zu zerstören.
Überall begegneten wir bettelnden Soldaten
Durch die gesamte Stadt zogen sich die Schienen der „Trümmerbahn“, die Schutt abfuhr oder Material zu Baustellen brachte. An allen möglichen Stellen standen Frauen und Männer, meist mehr Frauen, die Steine klopften oder brauchbare Trümmer sortierten. Auf vielen Trümmergrundstücken wohnten Menschen, Familien, Einzelne oder Paare, die mühsam versuchten, wiederaufzubauen. Die Räume waren offen, jeder hätte hineinsehen oder -gehen können.
Wir sammelten Schrott, z.T. Munition, den wir an die umherziehenden Lumpenhändler für ein kleines Taschengeld verkauften. Überall begegneten wir bettelnden Soldaten, fast immer in Uniform, stumm oder mit traurigen Worten. Sie waren blind, tasteten mit weißen Stöcken, trugen Verbände um den Kopf, am Arm, gingen an Krücken auf einem Bein, saßen ohne Beine auf einem Rollbrett, die Mütze neben sich, hatten nur einen Arm oder zwei Handprothesen. Manche kamen in die Hinterhöfe, spielten auf der singenden Säge und/oder sangen, andere spielten Geige, Mundharmonika oder sangen ohne Instrument. Wir Kinder gaben ihnen jedesmal Pfennige von unserem wenigen Geld.
Da alles knapp war, gab es Lebensmittel nur auf Marken. Übrige Waren erhielt man auf dem Schwarzmarkt. Ich bin öfter mit meinem Vater oder mit Großvater auf den Schwarzmarkt gegangen, um verschiedene Alltagswaren oder Kaffee bzw. Alkohol gegen Schmuck zu tauschen.
Mein Großvater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel
Heizmaterial war sehr knapp und teuer, wir gingen daher im Herbst und Winter mit vielen Anderen häufig „Kohlen klauen“ zur „Großen Brücke“ an der Helmstedter Straße. Unter der Großen Brücke liefen die Schienen aus der Ausfahrgruppe des riesigen Güterbahnhofs zusammen in Richtung nach oder von Helmstedt. Dort standen immer wieder lange Güterzüge mit Steinkohle vor einem roten Signal oder kamen auf einem ansteigenden Gleis nicht weiter, weil die Lok den extrem langen Zug (80 bis 100 volle Waggons) nicht schaffte. Meist ging ich mit meinen Großeltern dorthin, manchmal mit der ganzen Familie und Nachbarn. Ein Eisenbahner, der bei uns in der Dachwohnung wohnte, teilte uns die günstigsten Zeiten mit.
In der Regel gingen wir, meine Großeltern und ich, ca. 21:00 bis 22:00 Uhr mit dem Handwagen los. Es waren ca. 4 km. Mein Großvater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel, zum Kohlezerkleinern oder Zuschlagen, wenn nötig. Manchmal gingen wir morgens um 2 Uhr los, dann aber immer alle zusammen. Zu den Zügen gab es zwei Zugänge, die immer von einer Gruppe von Männern mit Knüppeln bewacht wurden, für den Fall, daß Polizei oder Bahnpersonal vorbeikam. Es ging einen langen Hang hinunter, man durfte nicht abrutschen. Die meisten Leute kannten sich schon, man half sich gegenseitig, alle paßten auf die Kinder und Jugendlichen auf. An den Schienen verteilten sich alle so, daß jeder gut arbeiten konnte. Kinder und Jugendliche kletterten auf die Waggons oder wurden hochgehoben und warfen die Kohlestücke hinunter, wo die Erwachsenen sie aufsammelten und verpackten. Ein Trupp von Erwachsenen ging zur Lok und warnte laut, wenn der Zug wieder anfuhr. Kinder und Jugendliche sprangen dann runter und die Erwachsenen griffen sie schnell, damit sie nicht unter die Räder gerieten. All das war ein Teil unserer Alltagsroutine.
Er schüttete mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten
Wenn wir zu Hause zu Mittag oder Abend aßen, erzählte mein Vater jedesmal von seinen Kriegserlebnissen. Es gab manchmal wochenlang kein anderes Thema. Er ließ sich auch nicht davon abhalten. Sonntags mußte ich mit ihm immer Spazierengehen. Dann schüttete er mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten, ich kam nicht zu Wort. Nachts wurde ich oft wach durch das laute Schreien meines Vaters, der immer wieder vom Krieg träumte und danach bei Licht das Geträumte meiner Mutter erzählen mußte. Das wiederholte sich ca. vier Jahre lang. Ich konnte mit meinen Eltern über meine eigenen Erlebnisse bzw. Fragen nicht reden. Meine Versuche wurden immer abgeblockt: „Was willst Du, ist doch lange vorbei“ oder „Laß uns lieber über was anderes reden“ oder „Das kannst Du doch gar nicht wissen, Du warst doch viel zu klein“ oder „Was Du Dir aber auch immer für Blödsinn ausdenkst“ usw. Zum Glück fand ich bei meinen Großeltern immer Gehör.
Mein Vater besaß einen Jagdschein und konnte sich daher Waffen kaufen (Pistolen, Gewehre verschiedenen Kalibers), was er auch bis zu seinem Tod tat. Er stellte zudem auch selbst die entsprechende Munition her. Er erklärte diese kleine Waffensammlung damit, daß er vorbereitet sein müsse, wenn die Russen kommen, denn das würden sie tun und dann könnte er die Familie beschützen.
Sie sind nur ein kleines Beispiel für eine ganze betrogene Generation.
Heute kann ich mir als Therapeut das Verhalten meiner Eltern, das ich hier nur grob darstellen konnte und unter dem ich und andere zum Teil sehr zu leiden hatten, als schweres Kriegstrauma erklären, das ihnen als jungen Menschen zugefügt wurde.
Sie sind nur ein kleines Beispiel für eine ganze betrogene Generation. Sie hätten alle Hilfe, Therapien, zumindest Verständnis, Erkenntnis, Ermutigung gebraucht. Fast nichts davon ist geschehen, stattdessen Zudecken, Vergessen, Aufrüstung, Konsum, Verteufelung der Sowjetunion usw. Wie es im zerrissenen Inneren dieser Generation und deren Kindern aussah, interessierte nicht. Wer an seelischen Qualen litt, war entweder ein Schwächling oder sollte zum Nervenarzt (damals ‚Arzt für Verrückte‘ oder ‚Seelenklempner‘ u.ä.) gehen und sich Pillen geben lassen.
Titelbild: wikidcommons / Bundesarchiv / Unknown author / CC BY-SA 3.0 de
[«*] Arno Gruen, Der Verrat am Selbst – die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, dtv.
Ders.: Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität, dtv.
Clintel Foundation
Der folgende Beitrag deckt die kriminellen Methoden der Klimaille kristallklar auf! A. d. Übers.
In einem kürzlich geführten Interview mit John Stossel schildert der Klimapolitikforscher Roger Pielke Jr., wie er vom Weißen Haus, vom Kongress und von seiner eigenen Universität beruflich sanktioniert wurde. Er weigerte sich, seine Ansichten aufzugeben: „Man kann nicht einfach ‚gestrichen‘ werden.“
Der Klimapolitikforscher Roger Pielke Jr. hat kürzlich seinen größten Erfolg erzielt. Nach einem langen und einsamen Kampf räumte der IPCC ein, dass die am häufigsten verwendeten Klimaszenarien unrealistisch sind (siehe zum Beispiel hier: Roger Pielke Jr.: Die Korrektur an RCP 8.5 kam viel zu spät). Pielke hatte diesen wichtigen Punkt ein Jahrzehnt lang immer wieder betont, wurde aber aufgrund seiner Ansichten zum Klimawandel praktisch geächtet.
In einem aktuellen Interview mit John Stossel beschreibt Roger Pielke Jr., wie er beruflich bestraft wurde, obwohl er Ansichten vertritt, die seiner Meinung nach durchaus im Mainstream der Klimawissenschaft liegen. Das Video argumentiert, dass Pielke nicht deshalb zur Zielscheibe wurde, weil er den Klimawandel leugnete, sondern weil er übertriebene Behauptungen in Frage stellte, die den Klimawandel mit extremen Wetterkatastrophen in Verbindung bringen (neben Klimaszenarien ein weiteres Thema, mit dem sich Pielke intensiv beschäftigt).
Video:
Pielke betont wiederholt, dass er den wissenschaftlichen Konsens akzeptiert, wonach Treibhausgase zur Erwärmung des Planeten führen und der Klimawandel real ist. Seine Arbeit genoss seit Jahrzehnten hohes Ansehen, wurde vom IPCC zitiert und international gelobt. Er widersprach jedoch Aktivisten und Medienvertretern, die jeden Hurrikan, jede Überschwemmung oder jeden Waldbrand als Beweis für eine sich abzeichnende Klimaapokalypse darstellten. Laut Pielke stützten die Daten nicht die Behauptung, dass Hurrikane und andere Katastrophen über die natürliche Schwankungsbreite hinaus deutlich häufiger oder intensiver geworden seien.
Im Mittelpunkt seiner Forschung standen die durch Stürme verursachten wirtschaftlichen Schäden. Er argumentierte, dass die steigenden Kosten von Naturkatastrophen größtenteils durch Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und den zunehmenden Wohlstand in gefährdeten Gebieten zu erklären seien. So würde beispielsweise ein Hurrikan, der das heutige Miami trifft, naturgemäß weitaus größere Schäden anrichten als ein ähnlicher Sturm vor einem Jahrhundert, da sich in seinem Weg heute weitaus teurere Gebäude und Infrastruktur befinden. Zwar können wärmere Ozeane zu stärkeren Stürmen beitragen, doch laut Pielke ist die Atmosphäre zu komplex, um jeden Katastrophentrend direkt auf den Klimawandel zurückzuführen.
Die Kontroverse spitzte sich zu, nachdem Umweltaktivisten und progressive Organisationen beschlossen hatten, extreme Wetterereignisse als zentrales öffentliches Gesicht des Klimawandels in den Vordergrund zu rücken. Pielke sagt, dies habe ihn „auf die falsche Seite“ gestellt, weil bseine Forschungsergebnisse dieses Narrativ nicht stützten. Er erinnert sich, Warnungen von Kollegen erhalten zu haben, die ihm sagten, dass selbst korrekte Forschungsergebnisse als Verharmlosung des Klimawandels „falsch interpretiert“ werden könnten. Pielke sagt, er habe sich geweigert, seine Schlussfolgerungen zu ändern, um politischen Erwartungen gerecht zu werden.
Das Interview beschreibt, wie Organisationen aus dem Umfeld der Umweltbewegung ihn daraufhin aggressiv ins Visier nahmen. Insbesondere der linksgerichtete Think Tank Center for American Progress und dessen Medienarm ThinkProgress veröffentlichten angeblich wiederholt Angriffe, in denen sie ihm vorwarfen, Fehlinformationen zu verbreiten und die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Pielke sagt, durchgesickerte E-Mails hätten später Diskussionen offenbart, in denen Bemühungen gefeiert wurden, ihn „zu entplattformen“. Er wurde in Aktivistenkreisen zum Staatsfeind, obwohl er sich auf Erkenntnisse stützte, die auch in IPCC-Berichten enthalten waren.
Die Situation spitzte sich zu, nachdem Pielke vor dem Kongress ausgesagt hatte, dass langfristige Katastrophendaten keinen auf den Klimawandel zurückzuführenden Anstieg zeigten. Nach seiner Aussage griffen ihn Vertreter der Obama-Regierung öffentlich an. Stossel hebt hervor, dass Barack Obamas wissenschaftlicher Berater ein umfangreiches Memo veröffentlichte, in dem er Pielke persönlich kritisierte und dessen Aussagen als irreführend und außerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams bezeichnete. Pielke empfand dies als außergewöhnlich, da seine Arbeit direkt durch etablierte wissenschaftliche Literatur gestützt wurde.
Bald darauf forderten Kongressabgeordnete Untersuchungen, ob Pielke und andere Forscher heimlich Gelder von Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie erhalten hätten. Obwohl die Untersuchung keine Hinweise auf unzulässige Finanzierung oder wissenschaftliches Fehlverhalten ergab, sagt Pielke, dass allein die Anschuldigung seinem Ruf schwer geschadet habe. Einladungen zu Vorträgen blieben aus, die Medienberichterstattung konzentrierte sich auf die Vorwürfe statt auf die spätere Entlastung, und der Verdacht hielt trotz seiner Rehabilitierung an.
Die schmerzhaftesten Folgen, so Pielke, gingen von seiner eigenen Universität aus. Nach Jahren erfolgreicher Forschung und Fördermitteln in Millionenhöhe habe die University of Colorado Boulder ihn nach und nach an den Rand gedrängt. Sein Forschungszentrum wurde geschlossen, seine Lehraufgaben wurden unregelmäßig, die administrative Unterstützung versiegte, und schließlich wurde er in ein winziges Büro verbannt, das mit leeren Aktenschränken vollgestopft war. Berichten zufolge hatten Kollegen Angst, ihn öffentlich zu verteidigen, weil sie befürchteten, selbst zur Zielscheibe zu werden.
Pielke beschreibt diese Erfahrung eher als eine schleichende Kampagne der beruflichen Isolierung denn als eine direkte Entlassung. Er sagt, die Universitätsleitung habe wiederholte Beschwerden ignoriert und keine stichhaltige Erklärung für ihre Behandlung ihm gegenüber geliefert. Als er nach 24 Jahren in den Ruhestand ging, habe sich niemand aus der Universitätsleitung bei ihm gemeldet.
Schließlich verließ Pielke die akademische Welt und wechselte zum American Enterprise Institute, wo er nach eigenen Angaben nun mehr akademische Freiheit genießt als in seinen letzten Jahren an der Universität. Trotz dieser Tortur betont er, dass er nicht wirklich „gecancelt“ wurde, da er weiterhin öffentlich sprach und sich weigerte, seine Ansichten aufzugeben. Das Interview präsentiert seine Geschichte letztlich als Warnung vor ideologischer Konformität, politischem Druck und den Gefahren, Wissenschaftler zu bestrafen, die vorherrschende Narrative hinterfragen, auch wenn sie die zugrunde liegende Wissenschaft akzeptieren.
Link: https://clintel.org/you-cant-be-cancelled/
Übersetzt von Christian Freuer
Der Beitrag Dich kann niemand auslöschen! erschien zuerst auf EIKE - Europäisches Institut für Klima & Energie.
In dieser 14. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ haben wir einige kürzere Beiträge gesammelt: Kindheitserinnerungen eines kleinen Mädchens, das im Keller des Flughafens Tempelhof auf seine Mutter wartet, Berichte über den Verlust eines guten Freundes, über ein gefährliches Missverständnis mit feindlichen Soldaten, das sich zum Glück aufklären ließ, und über Familien, in denen der Krieg tiefe Wunden riss.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil sowie den dreizehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
Wir Kinder kannten nicht den Grund
„Ich bin in 1938 geboren. Wir wohnten in Tempelhof nahe dem Flughafen. Als die Angriffe immer heftiger wurden und wir fast jede Nacht im Keller verbrachten, erfuhr meine Mutter von der Möglichkeit, kleine Kinder abends zum Flughafen zu bringen, damit sie die Nacht ruhig ohne Fliegeralarm dort verbringen konnten. Am Morgen wurden sie wieder von ihren Müttern abgeholt. Ich war 4-5 Jahre. Wir Kinder wurden mit dem Fahrstuhl in den unteren Teil des Flughafens gebracht. Und ich glaube, es gab auch ein Abendbrot. Die größte Sorge, die ich hatte, war, dass meiner Mutter etwas passiert sei und sie mich nicht am Morgen abholen könnte.
Ca. 1942 bin ich mit meiner Mutter nach Schlesien verschickt worden, um weiter ein etwas ruhiges Leben zu haben. Dort wurde ich ca. 1944 eingeschult und in der Erinnerung war unser Leben dort gut, bis die Russen im Dorf einmarschierten. Meine Mutter und andere Mütter mit den Kindern mussten jede Nacht ein geheimes Quartier suchen, um zu übernachten. Wir Kinder kannten nicht den Grund, aber viel später verstand ich den Grund: die Angst, dass die Russen sie vergewaltigen könnten.
Diese Erlebnisse lassen mich nicht los und ich verstehe nicht, warum wir “kriegstüchtig” werden müssen, anstatt alles dafür zu tun, um in keinen Krieg gezogen zu werden.“
Diese Zeilen habe ich heute von meiner Mutter auf meine Bitte, etwas aufzuschreiben, bekommen, handgeschrieben, fotografiert und per WhatsApp verschickt. Sie ist Großmutter von vier “Jungs” zwischen 27 und 36 Jahren und einer kleinen Enkelin.
Unsere Familie in Berlin war in meiner Erinnerung ziemlich groß, ich hatte auch das Glück, meine Urgroßeltern mütterlicherseits kennenzulernen. An meinen Urgroßvater erinnere ich mich noch sehr gut: Er war steinalt und hatte einen Klumpfuß; Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg, wie es mir erzählt wurde.
Der Vater meines Vaters ist gefallen. Er wurde 31 Jahre alt.
Ich danke euch sehr für diese Initiative und den Anstoß, mit den Erinnerungen „rauszurücken“. Im Laufe der Jahre habe ich schon ab und zu etwas gehört über die Kriegsjahre – nicht viel. Dass meine Mutter im Alter von vier Jahren ohne ihre Mutter in den Luftschutzkeller abstieg, hörte ich erst vor Kurzem, und die Geschichte mit Oma in Schlesien las ich heute zum ersten Mal.
Wer will seine Kinder auch mit solchen Sachen belasten? Es bleiben eben Kinder, auch wenn sie 25, 40 oder jetzt 60 sind.
Und? Haben wir genug gefragt? Ich glaube, wir haben es versäumt.
Und wir waren gutgläubig in dem Mantra, dass so etwas niemals mehr passieren darf.
Petra Kabisch
“Er lag da, als wäre er gar nicht tot”
Liebe NachDenkSeiten,
herzlichen Dank für ihre unermesslich wertvolle Arbeit.
Veröffentlichen Sie gern unentgeltlich – wenn es passt – meinen kurzen Artikel über die Kriegserinnerungen meines Vaters.(…)
Danke
Michael Haas
Menschen, die im Frieden aufgewachsen sind, können sich das Grauen des Krieges nicht vorstellen. Danke, dass ihr Erinnerungen daran veröffentlicht und so dem Frieden dient.
Ich bin Jahrgang 1958, also 13 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren.
Meine Eltern haben mir vom Krieg erzählt. Meine Mutter sagte einmal: „Die Besten sind nicht zurückgekommen.” Einmal habe ich einen Brief meines Vaters aus dem Lazarett an seine Eltern gelesen, der irgendwie die Jahre überdauert hat.
Er ist 1924 geboren, hat sich mit 17 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, war lange in Russland im Krieg. Er starb vor 20 Jahren. Ein Freund von ihm, Michael, ist bei einem Angriff gefallen. Wie beschönigend dieses Wort ist: „gefallen“. Niemand würde bei einem Opfer während eines Bankraubs von gefallen sprechen. Ein wenig klingt es, als könne das Sterben im Krieg richtig sein, notwendig vielleicht, als wäre es etwas Ehrenvolles.
„Er lag da, als wäre er gar nicht tot”, erzählte mein Vater. „Mit offenem Mund, auf dem Rücken, die Augen geschlossen, als schliefe er, die Arme und Beine entspannt. Sein Gesicht war friedlich. Als wir ihn umdrehten, sahen wir das Loch im Hinterkopf. Beim Laufen im Sturmangriff reißt du den Mund auf.” Mein Vater wischte sich mit der Hand eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich frage mich manchmal, ob mein Vorname eine Erinnerung an diesen ‘Gefallenen‘ ist. Und stelle mir vor, wie es ist, einen Freund auf solche Weise zu verlieren.
„Die Propaganda der Nazis war raffiniert. Da gab es den widerlichen Film ‘Jud Süß‘, der das scheinbar Abstoßende dieser Menschen auf den Punkt bringen sollte. Die Slaven Russlands wurden als Untermenschen bezeichnet, dabei sahen sie aus wie wir und kämpften, scheinbar ohne Angst vor dem Tod. Es wurden Bilder von armen slavischen Menschen veröffentlicht. Das waren die angeblichen Untermenschen. Wenn du nichts zu essen hast, siehst du schnell ängstlich und hilflos aus und kannst als scheinbarer Beweis für Untermenschentum missbraucht werden.”
Er erzählte von Reiterangriffen in Russland in deutschem Maschinengewehrfeuer, das alles, Soldaten und Pferde niedermähte. Eine Mischung aus Grauen und Erstaunen über diese Bilder spiegelte sich in seinem Gesicht. „Hunderte starben sinnlos. Und sie wussten, dass sie keine Chance hatten. Es kam mir vor, als wollten sie uns zeigen, dass wir Russland nur besiegen können, wenn wir jeden umbringen.”
„Du kannst dir nicht vorstellen, was Menschen zu leiden im Stande sind. Wir gruben uns frierend Höhlen im Schnee, manchmal mit bloßen Händen. Nach der Kapitulation von General Paulus in Stalingrad war der Krieg im Grunde verloren. Aber wer das sagte, riskierte, wegen Wehrkraftzersetzung erschossen zu werden. Irgendwie hofften wir auf ein Wunder und darauf, dass sich die Engländer und Amis doch noch gegen die Russen werfen würden. Abwegig war diese Hoffnung nicht. Schließlich soll Churchill nach dem Krieg gesagt haben: ‚Wir haben das falsche Schwein geschlachtet.‘”
„Wir waren auf Erkundung in einem Wald, die Maschinenpistolen im Anschlag. Plötzlich sah ich Mündungsfeuer. Im selben Moment hat mich die Kugel erwischt. Die Russen saßen in den Bäumen. Verletzt lag ich im Schnee zwischen jungen Tannen, wo ich kaum zu sehen war. Unsere Einheit musste sich zurückziehen. Ich hoffte, dass mich der Feind nicht finden würde. Am Abend gelang unseren Männern ein Gegenangriff. Ich wurde in ein Lazarett gebracht.”
Die Lebenspartnerin meines Vaters zeigte mir Jahre nach seinem Tod den Brief an seine Eltern aus dem Lazarett. Er war voll Respekt ihnen gegenüber und dem Gedanken an seine Pflicht als Soldat geprägt. Außerdem schrieb er von seiner unendlichen Müdigkeit und der Hoffnung, dass der Wahnsinn ein Ende fände.
Ein Loch in der Schulter meines Vaters erinnerte an den Schuss des Russen. Einmal fragte meine Schwester Sylvia den passionierten Jäger: “Papi, haben die Russen gedacht, du bist ein Bock?”
Meine Mutter guckte direkt in das Kanonenrohr eines Panzers
Kleine Episode aus Kriegszeiten:
Meine Mutter wohnte in einem beschädigten Haus, der Luftdruck einer Bombe in der Nachbarschaft hatte den Dachstuhl eingedrückt. Ihr erster Mann ist in Smolensk an Fleckfieber gestorben. Meinen Vater lernte sie in dieser Zeit kennen, da er als Elektriker einen Job als Strom-Zähler-Ableser hatte. Ob es noch im Krieg war, weiß ich nicht. Jedenfalls klopfte es heftig an der Eingangstür, meine Mutter öffnete und guckte direkt in das Kanonenrohr eines Panzers, der direkt vor der Tür stand. Eine Stimme rief: „Hier vor einigen Minuten bum-bum”. Nach einigen Minuten Überlegen kam die Lösung – mein Vater hatte die Eigenart, die Holz-Rolladen an den Fenstern immer besonders schnell herunterzulassen, was ein Maschinengewehr-ähnliches Geräusch erzeugte. Der Panzerfahrer gab sich erst dann zufrieden, nachdem mein Vater noch einmal das Rolladen-Herunterlassen demonstrierte, das war das „bum-bum“.
Mein Vater war im Krieg am Scheinwerfer zu Gange, mit denen nachts die Flieger angestrahlt wurden, um sie zu lokalisieren. Ein sehr gefährlicher Job, denn nicht selten eröffneten die Flieger dann das Maschinengewehrfeuer in Richtung Scheinwerfer. Er hatte Glück.
Ich habe nach 18 Monaten Wehrdienst anschließend verweigert und wurde auch anerkannt, da mich der Militarismus regelrecht angewidert hat.
E.J.A.
„Ihr wart ja nicht im Krieg, ihr wart ja nicht im Krieg“.
Jahrgang 1950:
Aufgewachsen in einem Dorf, durch das der Westwall ging, alle 500 Meter ein Bunker, dort gespielt und auf Trümmergrundstücken und Feldern, auf denen Granaten lagen, Handgranate mit nach Hause genommen, sah so interessant aus, hatte einen Schutzengel.
Keinen Schutzengel hatten der Bruder meiner Mutter, die Männer meiner Tanten, Nachbar Onkel Willy im Rollstuhl „Onkel Willy, warum hast du keine Beine“, Opa vom Nachbarjungen lag zerfetzt im abgedunkelten Zimmer.
Und immer wieder mein Vater „Ihr wart ja nicht im Krieg, ihr wart ja nicht im Krieg“.
Krieg hört nicht auf mit dem Ende des Krieges.
Johanna Stürtzel
Er war auf der „Tirpitz“ gewesen.
Als Jg. 65 gehöre ich zu den Begnadeten, die noch keinen Krieg erleben mussten.
Erinnern kann ich mich an die Erzählungen von Großonkel Willi, der beide Weltkriege als Soldat mitgemacht hat. Wirklich betroffen gemacht hat mich, als ich herausgefunden habe, dass mein Großvater, der kurz vor meiner Geburt starb, noch weitere Söhne gehabt hat, die alle den Krieg nicht überlebt haben. Es wurde so gut wie nie darüber gesprochen. Irgendwann wurde dann der Letzte für tot erklärt. Er war auf der „Tirpitz“ gewesen.
Als ich im Winter auf einem Schiff in den nordnorwegischen Gewässern unterwegs war – warm, satt und unbedroht -, bin ich nachts draußen gewesen, habe die Kälte gespürt und in das undurchsichtige, tiefschwarze Wasser geschaut. Ich habe mir vorgestellt, wie die jungen Männer, die kaum erwachsen geworden sind,im Stahlrumpf des Schiffes eingeschlossen, gekentert, ohne große Chance auf Rettung in Dunkelheit im eisigen Wasser auf ihren Tod gewartet haben. Sie konnten nicht mal mehr um ihr Leben kämpfen. Nach dem ersten Chaos, nach dem vergeblichen Versuch, irgendetwas zu finden, um der Situation zu entkommen, wird ihnen tödlich bewußt geworden sein, dass sie hier, mutterseelenallein, irgendwo im Nirgendwo, elendig verrecken werden. Die schiere Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Panik und Überlebenskampf werden sich bis zum bitteren Ende abgewechselt haben.
Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt es, Menschen einem derartigen Horror auszusetzen. Kriege werden immer Oben gegen Unten geführt.
Ute Giesen
„Denn wir waren ja im falschen Krieg gewesen!“
Liebe Journalisten der NachDenkSeiten,
mit großer Hochachtung vor Ihrem unermüdlichen Bemühen um Frieden
danke und grüße ich herzlich,
Karen Bauer
Während wieder Luftwaffe mit ihren Übungen über unsere Köpfe und Häuser donnert, erinnere ich mich:
Mein Vater wurde mit 18 Jahren kurz vor dem Abitur aus der Schule heraus rekrutiert, kurzzeitig ausgebildet und als jüngster Kapitänleutnant der Marine nach Norwegen entsendet. Sein Schiff, ein als Minensuchboot umgebauter Walfischfänger als Begleitboot eines Flottenverbands, wurde von der englischen Luftwaffe angegriffen.
Mein Vater wurde schwer verwundet, Granatensplitter durchdrangen seinen Bauchraum, seine Gedärme purzelten auf den Schiffsboden, er sammelte sie wieder ein, drückte sie in den Bauch zurück und blieb auf der Brücke. Weitere Splitter verankerten sich in seinen Beinen. Später im Lazarett gab man nichts auf sein Leben, ein Sarg stand schon bereit. Er schwebte lange zwischen Leben und Tod.
Den zerstörten Körper behielt er sein Leben lang, die Splitter in den Beinen wurden nie entfernt, die Giftstoffe des Metalls waren im Verdacht, seinen Tod später durch Hautkrebs verursacht zu haben.
Mein Vater kam als 22-jähriger junger Mann aus dem Krieg heim und durfte nicht hoffen, einmal eine Frau zu finden, die mit den Verletzungen zurechtkam. Welch Kummer! Er verlor seinen Heimatort und Elternhaus, seine Eltern und Geschwister waren geflohen und zerstreut. Er sagte einmal zu mir:
„Das Grausamste aber war, heimzukehren und vom eigenen Volk angespuckt zu werden, denn wir waren ja im falschen Krieg gewesen!”
Mein Großvater mütterlicherseits starb als Soldat 1939. Meine Großmutter zog ihre drei kleinen Kinder alleine groß.
Meine Großtante und ihr Gatte verloren im Ersten Weltkrieg alle vier Söhne als Soldaten an der Front.
Mein Schwiegervater wurde mit 16 Jahren an die Front geworfen, Zeit seines Lebens durfte man ihn nicht nach seinen Erfahrungen fragen, er schwieg über seine Erlebnisse.
Meine Tante mit ihren 16 Lenzen stand in der Verantwortung für ein Dutzend weiterer Mädchen an Flakscheinwerfern. Alle ihre Kameradinnen verloren bei einem Luftangriff ihr Leben, allein meine Tante blieb zurück. Das hat sie nie verwunden.
Eine Großtante und ihre Tochter wurden von russischen Soldaten vergewaltigt. Als weitere Truppen kamen, wurde die Tochter in einem Erdloch versteckt. Diese Großtante kannte man nie mehr wirklich fröhlich.
Jungen Menschen lege ich einige Bücher ans Herz, dies nur eine kleine Auswahl:
In dieser 13. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ berichtet ein Leser davon, wie sein Vater fast als Deserteur erschossen wurde, ein weiterer davon, wie er als Grundschulkind die letzten Kriegsjahre erlebte, und im dritten Beitrag geht es in das brennende und zerbombte Berlin, in dem ein Kind sich zwischen Trümmerbergen und mit Hamsterfahrten durchschlägt.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.
Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!
Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil sowie den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.
„Wir haben nur gedacht: du Arschloch! Du hättest uns gestern noch alle erschießen lassen!“
Liebe Mannschaft der NachDenkSeiten,
Unser Vater musste den Krieg gegen die Sowjetunion mitmachen. Er hat uns über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht berichtet, über das Erschießen von Kommissaren und Partisanen und die Taktik der verbrannten Erde. Selbst Gießereiarbeiter, bekam er den Befehl, eine Gießerei vollständig zu zerstören:
„Da musste in jeden Schmelzofen und auch noch in jede Werkbank eine Sprengladung rein, damit nichts, aber auch gar nichts erhalten blieb.“
Als er sich weigerte, einen Kommissar zu erschießen, wurde dieser von einem anderen Soldaten erschossen.
Zusammen mit weiteren Soldaten musste unser Vater verkohlte Leichen aus Eisenbahnwaggons bergen; verwundete Soldaten, die bei lebendigem Leibe verbrannt waren, weil beim Rückzug im eisigen russischen Winter der Kanonenofen umgestürzt war und das Stroh, auf dem die Verwundeten lagen, sofort Feuer gefangen hatte.
Ende Januar 1945 sollte unser Vater als Deserteur hingerichtet werden, weil er befehlsgemäß (!) aus dem Kessel an der Weichsel ausgebrochen war und das überlebt hat, zusammen mit den letzten 30 Mann seines Regiments. Befehlsgemäß, aber logischerweise ohne schriftliche Marschpapiere, hatten sie sich tagelang in winzigen Grüppchen bis nach Rathenow zum Standort ihrer Einheit durchgeschlagen.
Unser Vater berichtete:
„In Rathenow kam uns in der Straße eine Nachrichtenhelferin entgegen; die war schon völlig aufgelöst:
‘Ihr müsst sofort verschwinden! Gestern sind schon welche von euch angekommen, die sollen erschossen werden als Deserteure!’“
Unser Vater zu seinen drei Kameraden:
„Wir müssen zur Kaserne. Wir haben keine Marschpapiere. Wenn wir irgendwo aufgegriffen werden, werden wir erst recht erschossen; so haben wir vielleicht noch eine Möglichkeit.“
Unser Vater weiter:
„Dort sind wir von so einem einarmigen Major erst mal zur Sau gemacht worden.“
Der schrie uns an:
„Wo wart ihr? Im Kessel? Am Kessel! Am Kochkessel habt ihr gesessen! Und mit der Suppenkelle hat euch der Russe verjagt! Ich habe meinen Gefechtsstand 1914 nicht verlassen! Mit dem Krückstock hab’ ich die verjagt! …“
Manch einem mag das heute und aus sicherer Entfernung wie Kabarett klingen, aber hier zeigt sich die ganze Menschenverachtung der Offiziere gegenüber dem einfachen Soldaten, dem „Menschenmaterial“.
Unser Vater weiter:
„Dann sind wir alle eingesperrt worden. Und nur, weil auch der Regimentskommandeur rausgekommen war [aus dem Kessel] und einen Tag später eintraf und bestätigt hat, daß die Einheit zerschlagen war, wurden wir dann nicht erschossen.
Am nächsten Tag ließ dieser Major uns dann antreten und sagte:
‘Heil, Soldaten! Ich soll euch grüßen von eurem Oberst! Ihr habt euch tapfer geschlagen!’“
Unser Vater:
„Wir haben nur gedacht: du Arschloch! Du hättest uns gestern noch alle erschießen lassen!“
Die neu aufgestellte Einheit wurde im März nach Dänemark verlegt. Aber mit dem 8. Mai war das Sterben noch nicht zu Ende. Die Einheit ging in britische Kriegsgefangenschaft und wurde zum Minenräumen eingesetzt, wobei von 600 Mann nochmal 150 ums Leben kamen.
Im Dezember 1945 gelang es unserem Vater, aus der Gefangenschaft zu entkommen und auf heute unvorstellbare Weise Ende 1946 in seine Heimat bei Leipzig zurückzukehren.
Unser Vater ist bis zu seinem Tod mit 91 Jahren immer wieder nachts aus dem Bett gestürzt, weil er in Deckung springen wollte, wenn er vom Krieg geträumt hat.
Dabei waren das hier nur winzige Bruchstücke seiner Erlebnisse, die ich auf Dutzenden Seiten festgehalten habe.
Unsere Mutter berichtete uns vom April 1945:
„Als wir auf dem Feld gearbeitet haben, sind die Amis mit ihren Tieffliegern gekommen und haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat, auch auf Pferdefuhrwerke von Bauern, die auf der Straße fuhren, obwohl da kein deutscher Soldat weit und breit war …“
Im Januar 2023, als der Bundestag die Panzerlieferung an die Ukraine beschlossen hat, habe ich diese und weitere Kriegserlebnisse meiner Eltern aufgeschrieben und in einem Brief allen Fraktionen von Linkspartei bis AfD zugeschickt und vorgeschlagen, zur Vernunft und Diplomatie zurückzukehren. Jedoch von keiner einzigen Fraktion habe ich auch nur eine Eingangsbestätigung erhalten. Sogar für die Linkspartei war es wohl wichtiger, sich von der Friedens-Demo zu distanzieren, die Frau Wagenknecht und Frau Schwarzer für den 25. Februar in Berlin organisiert hatten. Auf Vernunft und Mitmenschlichkeit kann man wohl bei den meisten unserer Politiker (und Medien) nicht mehr setzen.
Und in wenigen Wochen jährt sich nun zum 85. Mal der Tag, an dem unter dem Decknamen „Fall Barbarossa“ die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel und die meisten sowjetischen Einheiten im Schlaf überrascht wurden – der 22. Juni 1941.
Jörg Fauser
Stadtroda
PS:
Wie soll man sechs Jahre Tod und Schrecken in einem für den Leser nicht zu langen Brief zusammenfassen?
Die Schulklassen mussten auf dem Feld mitarbeiten
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie fragten nach Kriegserinnerungen. Nun, ich bin im Jahr 1958 geboren, sodass ich den Krieg nicht direkt erlebt habe.
Mein Vater, Jahrgang 1932, hat einiges erzählt:
Mein Vater war 7 Jahre alt, als sein Vater in den Krieg gezogen ist. Er war mit seiner Zwillingsschwester und ihrer kranken Mutter alleine zu Hause. Mit fortschreitendem Verlauf des Krieges fand immer weniger Schulunterricht statt. Die Schulklassen mussten die örtlichen Bauern bei ihrer Arbeit unterstützen, also auf dem Feld mitarbeiten. Mein Vater hatte ein Gespür für das Pferd des Bauern, bei dem er regelmäßig war, sodass er das Pferd führen konnte.
Bombardierungen trafen diese Kleinstadt am Rande des westfälischen Münsterlandes vor allem auf der anderen Seite des Eisenbahnstranges, da dort die Industrieanlagen angesiedelt waren.
Zum Kriegsende musste die Familie ihr Haus räumen. Es wurden russische Offiziere einquartiert. Es gab also auch russische Soldaten im heutigen Nordrhein-Westfalen.
Obwohl meine Großeltern Haus und Garten hatten, haben auch sie Hunger erlebt. Meine Großmutter konnte Klöppeln. Mein Vater und seine Schwester sind mit deren Handarbeiten zu den Bauern gezogen und haben diese gegen Lebensmittel eingetauscht.
Meine ganze Familie hat den Krieg körperlich unversehrt überstanden. Mein Vater hat seinen Vater 1949 wieder gesehen. Da war er 17, und mein Großvater kam aus französischer Gefangenschaft zurück. Mit den seelischen Folgen, die diese schlimmen Jahre in meiner Familie angerichtet haben, bin ich groß geworden.
Das sind die Erinnerungen, die ich beisteuern kann.
Ich danke Ihnen für Ihr Friedensengagement.
Ralf Brester
Man konnte die Gesichter der Piloten erkennen
Geschätzte Redaktion,
hatte bereits 2023 mal einige eigene Gedanken zum Ukrainekrieg und dem darauf entbrannten, im Grunde uns selbst ruinierenden extremen Russenhaß im Lande zusammengetragen (…), wo auch einige (…) eigene Kriegserlebnisse dargelegt wurden. Nachstehend einiges dazu. Wenn man sich damit beschäftigt, fallen einem Sachen ohne Ende ein.
Man selbst erfreut sich mit 88 der Gnade der frühen Geburt, weshalb das alles hier nicht mehr lange ertragen werden muß. Nichtsdestotrotz kommen aber kriegsbedingt immer mehr Kindheitserinnerungen auf.
Berlin hat man nach Bomben-Hageln aus dem Luftschutzkeller kommend brennen sehen. Den Vater, im Krieg seit Oktober 1939 (man selbst vierjährig) und Hauptmann einer Pionier-Kompanie, die beim Rückzug immer die letzten sind, um alles zu sprengen, verlor man am 13. März 1945, seinem 11-jährigen Hochzeitstag, auf dem Felde der Ehre durch einen Volltreffer der eigenen Artillerie, die beim Rückzug immer die ersten sind und ihre Munition verballern – offenbar egal wohin und modern als „Kollateralschaden“ bezeichnet.
Einen gewissen Bezug zur Ukraine hatte man als Kind auch. Es gab mal die Einquartierung eines Offiziers der Waffen-SS. Das war ein Ukrainer. In der Nähe der elterlichen Wohnung in Berlin-Wilmersdorf gab es eine SS-Schule.
Um die Ecke besagter Schule, Berliner Str. Ecke Kaiserallee, wurde 1938 in der Babelsberger Str. eine Synagoge abgefackelt. Die Ruine diente Kindern lange als Spielplatz, bis dann auch vor der eigenen Haustür weitere Ruinen in großer Zahl als Spielplätze verfügbar waren.
Als 10-Jähriger geriet man mal in Thüringen beim Milchholen in einen US-Kampfflieger-Angriff. Man konnte die Gesichter der Piloten erkennen, und es schien ihnen Spaß zu machen. Sie flogen immer hin und her und ballerten auf Menschen.
Nach dem Krieg waren in Berlin viele Straßen nur noch schmale Fußwege zwischen Trümmerbergen. Auch die Reichstagsruine war ein hoch interessanter Spielplatz. Nach dem mit immer höherer Wahrscheinlichkeit zu erwartenden provozierten WK III mit Kernwaffeneinsatz zumindest in Europa werden aber wohl kaum noch Kinder übrig bleiben, um dann wieder in einer Reichstagsruine spielen zu können!
Man erinnert sich auch an die vielen gelben Sterne am Revers von Passanten, denen von Kindern „Jude Itzig“ hinterher gerufen wurde. Diese waren aber vergleichsweise schnell aus dem Straßenbild wieder verschwunden.
Hakenkreuzfahnen gab es damals viele. Hatte man keine am Fenster, gab es Ärger. Aber die Deutschen lieben ja wohl Fahnen über alles, was man jetzt wieder an den vielen gelb/blauen überall sieht – auch an Kirche und am Gemeindehaus. Man hätte sich allerdings auch gewünscht, die 10 Millionen vertriebenen Deutschen wären seiner Zeit einst ebenso freundlich aufgenommen worden wie jetzt die geflohenen Ukrainer, was mitnichten der Fall war. Bekanntlich wurden einst deutsche Juden, denen die Flucht ins benachbarte Ausland gelang, in die Heimat zurückgeschickt, sofern sie kein Geld für den eigenen Unterhalt hatten.
Man erinnert sich an einen zunächst ganz seltenen Bombentrichter im Park an der Kaiserallee/Ecke Hindenburgdamm, jetzt Bundesallee/Ecke Volkspark. Da kamen Leute mit der S-Bahn, um sich den anzusehen. Solche Raritäten wurden dann aber sehr schnell Gemeingut, und man konnte zu Hause bleiben, um so etwas zu sehen. Unter Kindern beliebt war auch das Sammeln und Tauschen von Granat- bzw. Bombensplittern. Was aber bald auch nicht mehr so interessant war, wenn man so etwas auch im eigenen Balkonblumenkasten finden konnte.
In Berlin wurde 1942 die Schulen geschlossen, sodass alle Mütter mit schulpflichtigen Kindern die Stadt verlassen mußten – evakuiert wurden.
Die Hungerei nach dem Krieg ist ein Kapitel für sich. Statt Pausenbrot in der Schule hatte man zeitweilig ein Tütchen mit Rübenschnitzeln. Das ist der Abfall bei der Zuckerherstellung aus Zuckerrüben und dient in der Regel als Schweinefutter. Es gab dann aber auch Schulspeisung. Das war ein Brötchen, ein Becher wässeriger Kakao und ein Napf mit Suppe aus Dörrkohl und Trockenkartoffeln – igitt. Im Klassenzimmer stand ein Ofen, und ein langes, an der Decke hängendes Ofenrohr führte zu einem der überwiegend mit Pappe verkleideten Fenster hinaus. Und Schüler wurden abwechselnd dazu verdonnert, ein Brikett zum Heizen mit in die Schule zu bringen.
Dann gab es die Hamsterfahrten in völlig überfüllten Zügen, zum Teil auf dem Trittbrett stehend. Der letzte Schmuck wurde für etwas Butter, ein paar Mohrrüben und Kartoffeln eingetauscht. Und wenn man Pech hatte, nahm einem die VoPo dann das, was man 4 km von Liepe bis Bukow durch das Luch geschleppt hatte, am Bahnhof alles wieder ab …
Hartmut Wohler
Titelbild: wikicommons