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☐ ☆ ✇ Uncut-News

Neue Videos am Mittwoch

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Die Schlagzeilen rauschen vorbei – wir liefern Orientierung mit Substanz

Unsere aktuellen Videos zeigen, worauf es ankommt: Relevante Themen, präzise Analysen und journalistische Tiefe ohne Spektakel. Vom Brennpunkt der Weltpolitik bis zum Umbruch in der Nachbarschaft – wir bieten die Informationen, die wirklich zählen. Kein Alarmismus, keine leeren Schlagzeilen – nur das, was euch weiterbringt. Für alle, die mitdenken, hinterfragen und mehr wollen. Jetzt ansehen, dranbleiben und mitreden – denn Aufklärung ist der Anfang von Veränderung.

Wer bedroht wirklich den Frieden in Europa? // GEGENPOL

Neues Schlachtfeld zwischen Russland und EU: Die bittere Wahrheit über Armenien

Überwacht das FBI Amerikaner, die KI-Rechenzentren kritisieren? (Redacted – deutsch)

US Hauptmann aus Moskau warnt die Welt: „Europa steht kurz vor einem Krieg mit Russland“ | Redacted

So entkommst du dem „Great Reset“

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Wie können wir dem Schlamassel ein Ende bereiten?!

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Warum der Westen beim Thema Israel versagt

Tucker Carlson: Offizielle Geschichte zum 1. Weltkrieg war Lüge!

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Digitale Dystopie: Ein investigativer Film über globale digitale Überwachung

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Streitgespräch: Ist Deutschland noch ein freies Land? // Frauke Petry & Ulrike Guérot

Wenn du so mit dir selbst sprichst, bekommst du alles, was du willst (Soul Alchemy – Deutsch)

David Icke warnt: Bereitet euch auf den Plan der künstlichen Intelligenz für euren Körper per Injektion vor!

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Tech-Whistleblower Mo Gawdat warnt: Nur noch 3 Jahre bis zum großen Knall!

Dirk Pohlmann – NATO -Osterweiterung, Sicherheit und Kriegswirtschaft

„Wer KI ignoriert, gehört zu den Verlierern“ Daniel Jung über die Notwendigkeit KI zu verstehen.

Neue Studie: Kein Vitamin hemmte Krebszellen stärker

Der große Umbau und der Moment, der dem System gefährlich wird

(Auszug von RSS-Feed)

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Neue Videos am Dienstag

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Aktuell, klar und auf den Punkt!

Mit unseren neuesten Videos erhaltet ihr einen strukturierten Einstieg in die wichtigsten Themen des Tages. Wir bündeln relevante Nachrichten, analysieren Hintergründe und zeigen Zusammenhänge auf – von internationalen Geschehnissen bis zu gesellschaftlichen Veränderungen. Frei von unnötigem Lärm und fern von einseitiger Darstellung setzen wir auf Inhalte, die wirklich weiterbringen. Seid dabei, hinterfragt und tauscht euch aus – denn Wissen lebt vom Mitdenken und Mitreden.

Xueqin: USA in Iran-Falle, Europas Krieg gegen Russland & ein Deal mit China

Warum der Iran den USA nicht vertraut (Redacted News – Deutsch)

Droht Europa der große Krieg? General Kujat über NATO, Ukraine und Russland

Jeffrey Sachs: Deutschland führt Europa in den Dritten Weltkrieg

Die Belagerung der Welt – Gas, Öl, Kerosin, Schwefel – IRAN, Europa, Russland, China und USA

Datenschutzparadies adé: Wie der Bundesrat das Parlament umgeht

Australien hat völlig den Verstand verloren – das sollten sie besser schnell in Ordnung bringen

Krall & Bubeck: Biden Ex-Berater packt aus der ECHTE Ölpreis ist 170 $

Martin Armstrong: Wohin steuert Amerika unter Trump – droht der Dritte Weltkrieg?

Hudson: Kriegsstrategie, da die US-Wirtschaft nicht mehr wettbewerbsfähig ist

Der grösste Grundrechtseingriff der Nachkriegszeit | Mike Wyniger über seine neue Corona-Doku

SKANDALDOKU aus Israel: OPFER rituellen MISSBRAUCHS treten zum ersten Mal vor die Kamera (Deutsch))

Die verstörendste Geschichte über Michael Jackson, die du noch nie gehört hast (Redacted News -DE)

DAS GOLDENE KALB NAMENS DEMOKRATIE mit Michael Werner, Ben Richter, Jan A. Karon und Peter Müller

CDU + CSU – Königsmord und Untergang, 30-20 Kipppunkt

Der Eiserne Mann: Ilja hat beide Beine verloren – aber nicht seinen Lebenswillen

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Gefängnis! Weil er nicht impfen wollte! | Arzt Heinrich Habig

Corona Enquete Sitzung vom 7. Mai: Eine Analyse von Rechtswissenschaftlerin Dr. Pfeil & Dr. Nehls

Nikola Tesla: „GOTT LEBT HIER“ (vollständige Erklärung) (Video Advice – Deutsch)

Corona zeigte, wie gehorsam die Deutschen sind

(Auszug von RSS-Feed)

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Neue Videos am Montag

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Mehr Durchblick in Minuten – Wissen, das euch weiterbringt!

Unsere Videos bieten euch präzise Erklärungen und kompakte Einordnungen zu aktuellen Entwicklungen. Von politischen Ereignissen über wirtschaftliche Trends bis hin zu gesellschaftlichen Fragen – wir bereiten alles verständlich und fundiert für euch auf. Perfekt für alle, die effizient informiert bleiben und Zusammenhänge besser verstehen wollen. Gleich ansehen und immer gut informiert sein!

Jeffrey Sachs: Deutschland führt Europa in den Dritten Weltkrieg

„Die Schweiz wird fallen“ – Max Otte mit düsterer Warnung

Michael Lüders: Verliert Deutschland seine Souveränität?

USA und Iran erneut auf Kollisionskurs

Russland – Unser Angriff steht unmittelbar bevor – Verlasst die Ukraine sofort (Redcated News – DE)

„Putins Handschuhe sind aus“ – Ex-CIA-Agent Larry Johnson über Russlands nächste Schritte (Redacted)

Tacheles # 207

„Putin will jetzt mit EU verhandeln“ – Punkt.PRERADOVIC mit Prof. Dr. Alexander Rahr

Kaum jemand weiß, was jetzt auf dem Spiel steht! – Dr. Jonas Tögel und Dr. Pascal Lottaz

Wem nützt programmierbares Geld? | Ernst Wolff Aktuell

„Wir landen im Krieg mit Russland“ – General Vad explodiert bei Lanz

Er arbeitete direkt für die Elite, und es ist schlimmer, als du denkst (Video Advice – Deutsch)

Die CIA Aussage, die die Welt erschütterte … und dann überall verboten wurde (Video Advice -Deutsch)

MAAßEN, LAUSEN, WODARG & URBAN: Dialog der Denker in APOLDA! | LIVE | #POLITIK

Empörungsindustrie, Zukunftsangst, Bewusstseinssprung |MANOVA Meinungen mit Sven Böttcher&Tom Lausen

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ German Foreign Policy

„Das Land durchschütteln“

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Testlauf im Bundestag

Als erster Testlauf für eine Minderheitsregierung in Deutschland kann im Rückblick die Bundestagsabstimmung vom 29. Januar 2025 über einen Antrag der CDU/CSU-Fraktion zur Flüchtlingsabwehr gelten. Der Plan schrieb, wie es hieß, ein „faktisches Einreiseverbot“ für Menschen ohne gültige Einreisedokumente vor, darunter insbesondere auch Asylsuchende.[1] Zudem verlangte er, Flüchtlinge, die „vollziehbar ausreisepflichtig“ seien, in „leerstehende[n] Kasernen und Containerbauten“ zu internieren; Angaben von Amnesty International zufolge ging es um eine Viertelmillion Menschen, darunter Kinder. Der Plan glich Konzepten, wie sie aus dem Repertoire der extremen Rechten bekannt waren; damit war er für Abgeordnete der SPD, von Bündnis 90/Die Grünen, der Linkspartei und des BSW von vorneherein nicht zustimmungsfähig. Der damalige CDU-Vorsitzende Friedrich Merz hatte vorab implizit klar bestätigt, er störe sich an Zustimmung der AfD nicht: „Ich gucke nicht rechts und nicht links, ich gucke nur geradeaus.“[2] Das Abstimmungsergebnis zeigte, dass die AfD bereit war, der Union zu einer Mehrheit zu verhelfen: 75 AfD-Abgeordnete votierten mit „ja“; dies ergab eine Mehrheit von 348 zu 345 Stimmen.[3] Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel jubelte anschließend: „Die Brandmauer ist gefallen!“[4]

Modell Europaparlament

Blieb die Abstimmung vom 29. Januar 2025 bislang die einzige im Bundestag, bei der die AfD absehbar – und offensichtlich einkalkuliert – als Mehrheitsbeschafferin genutzt wurde, so hat sich ein entsprechendes Vorgehen im Europaparlament mittlerweile etabliert. Dort nutzt die konservative EVP-Fraktion unter der Leitung ihres Vorsitzenden Manfred Weber (CSU) inzwischen zunehmend die Rechtsaußenfraktionen der European Conservatives and Reformists (ECR), der Patriots for Europe (PfE) und zuweilen auch von Europe of Sovereign Nations (ESN), um Anträge, denen die Fraktionen der Sozialdemokraten und der Grünen ihre Zustimmung verweigern, durch das Parlament zu bringen. Dies geschah erstmals am 19. September 2024, als eine Resolution mit einer konservativ-ultrarechten Mehrheit verabschiedet wurde, in der das Europaparlament sich als Richterin über die Parlamentswahl in Venezuela gerierte und den offiziell unterlegenen Kandidaten freihändig zum Wahlsieger erklärte.[5] Am 13. November 2025 erfolgte, ebenfalls mit konservativ-ultrarechter Mehrheit, eine weitreichende Aufweichung der Lieferkettenrichtlinie. Am 26. März 2026 stimmte das Europaparlament schließlich dank der Zustimmung der ECR, der PfE und der ESN einer drastischen Verschärfung der Flüchtlingsabwehr zu.[6] Weiteren Abstimmungen mit konservativ-ultrarechter Mehrheit steht nichts im Wege.

„Nicht davon abhängig machen, wer zustimmt“

Während es offiziell aus den Berliner Regierungsparteien CDU/CSU und SPD heißt, man habe vereinzelte gemeinsame Abstimmungen mit der AfD oder sogar ein Umschwenken auf eine Minderheitsregierung mit regelmäßiger Unterstützung durch die Partei nicht vor, werden inzwischen gegenteilige Stimmen lauter. So sprach sich kürzlich Torsten Albig (SPD), ein früherer Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, dafür aus, „bei bestimmten Themen“ mit der AfD zusammenzuarbeiten. In Ostdeutschland seien nach den Wahlen im September von der AfD tolerierte Minderheitsregierungen nicht auszuschließen.[7] Dies stieß zunächst auf breite Ablehnung. Ende vergangener Woche entflammte die Debatte erneut. So hatte der Kandidat für den FDP-Parteivorsitz Wolfgang Kubicki erklärt, er kenne „keine Brandmauer“ [8]; im Parlament dürfe seine Partei „Anträge … nicht davon abhängig machen, wer zustimmt“ [9]. Stattdessen werde man sehen, „wo Mehrheiten herkommen“. Martin Hagen, designierter FDP-Generalsekretär, hatte von einem „Popanz namens Brandmauer“ gesprochen und „für einen anderen Umgang“ mit der AfD plädiert. Nach seiner Wahl zum Parteivorsitzenden behauptete Kubicki zwar: „Es wird mit den Liberalen nie eine Zusammenarbeit mit der AfD geben.“ Allerdings befindet sich ein Vorgehen wie dasjenige von Merz Ende Januar 2025 unterhalb der Schwelle zu offizieller Kooperation.

„Die Brandmauer wird in Flammen aufgehen“

Parallel werden die Forderungen aus der Wirtschaft lauter, nicht mehr auf der „Brandmauer“ zu beharren und eventuell zu einer Minderheitsregierung überzugehen. Bereits im Herbst war berichtet worden, im Mittelstand nähmen die Kontakte zur AfD spürbar zu (german-foreign-policy.com berichtete [10]). Mitte April klagte Ex-Siemens-Chef Joe Kaeser, der heute als Aufsichtsratschef von Siemens Energy und Daimler Truck amtiert, nach „gesellschaftlichen Normen“ sei aktuell nur eine Große Koalition vorstellbar; weil diese nicht in der Lage sei, wirtschaftsfreundliche Gesetze zu verabschieden und den Sozialstaat einzureißen, werde sich sehr bald die Frage stellen: „Hat man den Mut, mit einer Minderheitsregierung das Land durchzuschütteln?“[11] Deutschland benötige dringend „eine Art Disruption“. Wenngleich es wohl einen „Riesenaufruhr“ geben werde, sagte Kaeser voraus: „Die Brandmauer wird in Flammen aufgehen.“ Während die großen Wirtschaftsverbände dies offiziell noch ablehnen, wagen sich mittlerweile weitere Unternehmer aus der Deckung. So erklärte etwa der einstige Trigema-Chef Wolfgang Grupp, die „Brandmauer“ zur AfD ergebe „keinen Sinn“.[12] Der Chef der Brockhaus Group, Caspar Brockhaus, fordert, es müssten umgehend „neue demokratische Konstellationen möglich werden“: „Die Brandmauer lähmt Politik, Wirtschaft und damit unser Land“. Parallel beginnt die Öffnung für eine Kooperation mit der extremen Rechten auch unter französischen Unternehmen (german-foreign-policy.com berichtete [13]).

„Die Räume des Sagbaren öffnen“

Zusätzlicher Rückenwind für eine mögliche Öffnung für die AfD kommt jetzt auch noch aus der Springer-Presse. Die Springer-Zeitung Welt am Sonntag hatte bereits Ende 2024 einen Namensbeitrag von Elon Musk abgedruckt, in dem es hieß: „Die Alternative für Deutschland ist der letzte Funke Hoffnung für dieses Land.“[14] Anschließend hatte die Zeitung Die Welt AfD-Chefin Weidel zu einem „Wirtschaftsgipfel“ eingeladen, während Konzernchef Mathias Döpfner bestätigte, er werde „weiterhin entschieden die Räume des Sagbaren öffnen“.[15] Bereits zuvor hatte Welt-TV Politiker der AfD in Interviews und Diskussionen zu Wort kommen lassen. In der vergangenen Woche schaltete sich die Bild-Zeitung verstärkt in die Debatte ein. Zunächst hieß es, man habe in einer – nicht näher qualifizierten – Umfrage unter der eigenen Leserschaft festgestellt, 84 Prozent sprächen sich für eine Zusammenarbeit der SPD mit der AfD aus, während kaum 14 Prozent dagegen seien.[16] Am Wochenende hieß es dann laut einer von Bild in Auftrag gegebenen INSA-Umfrage, fast 70 Prozent der Befragten gingen davon aus, es werde nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt sowie in Mecklenburg-Vorpommern im September mindestens einen Ministerpräsidenten von der AfD geben. Zur „Brandmauer“ befragt, vermuteten 45 Prozent, sie nutze der AfD; nur 30 Prozent meinten, sie schade ihr.[17] Auf die Frage, welche Koalition „die aktuellen Probleme am besten lösen“ könne, antworteten neun Prozent mit „Minderheitsregierung der Union“; 19 Prozent meinten: „Union und SPD“. Den höchsten Wert erreichte mit 23 Prozent die Variante „Union und AfD“.

 

[1] S. dazu Der Höhenflug der Rechten.

[2] Nadja Aswad, Nikolaus Harbusch, Filipp Piatov, Peter Tiede: Merz und der brisante Asyl-Poker mit der AfD. bild.de 24.01.2025.

[3] AfD verhilft Merz zu Mehrheit für Asylforderungen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.01.2025.

[4] Nadja Aswad, Nikolaus Harbusch, Filipp Piatov, Peter Tiede: Merz und der brisante Asyl-Poker mit der AfD. bild.de 24.01.2025.

[5] S. dazu Wer die Brandmauer bricht.

[6] EVP stimmt mit Rechtsaußen-Parteien für härtere Asylregeln. tagesschau.de 26.03.2026.

[7] Ex-Landeschef Albig empfiehlt SPD Zusammenarbeit mit AfD. noz.de 23.05.206.

[8] Mögliche neue FDP-Spitze uneinig über Umgang mit der AfD. zeit.de 29.05.2026.

[9] Rixa Fürsen: Kubickis designierter Vize stellt sich gegen ihn – „Will keinerlei Zusammenarbeit mit AfD“. welt.de 29.05.2026.

[10] S. dazu „Kein Platz für Brandmauern“ (II).

[11] Joe Kaeser: „Die Brandmauer wird in Flammen aufgehen“. thepioneer.de 20.04.2026.

[12] Forderungen aus der Wirtschaft nach Ende der Brandmauer. focus.de 31.05.2026.

[13] S. dazu Die Achse Berlin-RN.

[14] Elon Musk, Jan Philipp Burgard: Warum Elon Musk auf die AfD setzt – und warum er dabei irrt. welt.de 28.12.2024.

[15] Mathias Döpfner: Vor dem Donnerschlag? welt.de 14.01.2025.

[16] Stefan Schlagenhaufer: Das denken die BILD-Leser über die Brandmauer. bild.de 25.05.2026.

[17] Ismael Hormeß: Das denken die Deutschen wirklich über die AfD. bild.de 30.05.2026.

(Auszug von RSS-Feed)

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Iran hat die USA in die Falle gelockt: Larry Johnson warnt vor Energie-, Dollar- und Wirtschaftskrise

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In einem aktuellen Interview analysiert der ehemalige CIA-Mitarbeiter und Geheimdienstanalyst Larry Johnson die eskalierende Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran. Johnson kommt dabei zu einem bemerkenswerten Schluss: Trotz Luftangriffen, Sanktionen und militärischem Druck hätten die USA ihre strategischen Ziele bislang nicht erreicht. Stattdessen gerate Washington zunehmend in eine Lage, in der wirtschaftliche Schäden, geopolitische Isolation und der Verlust globalen Einflusses die eigentlichen Folgen der Konfrontation seien.

Angriffe auf Bandar Abbas – mehr Symbolik als Wirkung?

Ausgangspunkt der Diskussion sind die jüngsten amerikanischen Angriffe auf Ziele in Bandar Abbas.

Während das US-Zentralkommando erklärt, Raketen- und Drohnenstellungen zerstört zu haben, weist Johnson darauf hin, dass iranische Stellen lediglich von einem kleinen Einschlaggebiet ohne nennenswerte Schäden berichten.

Für ihn zeigt die Situation vor allem eines: Die Vereinigten Staaten wollen Druck ausüben, vermeiden aber gleichzeitig eine direkte Eskalation.

„Die USA stupsen Iran in die Brust, aber wenn Iran zum Gegenschlag ausholt, ziehen sie sich zurück“, beschreibt Johnson die derzeitige Lage.

Der iranische Raketenangriff auf einen US-Luftwaffenstützpunkt in Kuwait sei aus seiner Sicht bewusst als Warnsignal konzipiert gewesen und nicht als Versuch, amerikanische Flugzeuge oder Soldaten zu vernichten. Beide Seiten würden derzeit einen Balanceakt zwischen Krieg und Frieden vollziehen.

Die Verhandlungen stehen auf tönernen Füßen

In westlichen Medien wird immer wieder berichtet, ein neues Abkommen zwischen Washington und Teheran stehe kurz vor dem Abschluss.

Johnson sieht das deutlich skeptischer.

Er verweist darauf, dass die iranischen Forderungen seit Monaten unverändert seien:

  • Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte
  • Aufhebung der Öl-Sanktionen
  • Ende der israelischen Militäraktionen in Gaza und im Libanon
  • Anerkennung der iranischen Kontrolle über die Straße von Hormus

Keine dieser Forderungen sei bislang erfüllt worden.

Gleichzeitig verhängten die Vereinigten Staaten neue Sanktionen gegen iranische Fluggesellschaften.

Für Johnson ist das kein Zeichen von Kompromissbereitschaft, sondern das genaue Gegenteil.

Er erwartet deshalb, dass Donald Trump mögliche Verhandlungen erneut platzen lassen könnte, sobald entscheidende Zugeständnisse gefordert werden.

Die eigentliche Bombe heißt Stagflation

Der ehemalige CIA-Analyst glaubt, dass die größte Gefahr nicht auf dem Schlachtfeld liegt, sondern in der Wirtschaft.

Sollte die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus anhalten, drohe eine Mischung aus Inflation und Rezession – die klassische Stagflation.

Steigende Energiepreise würden die Produktionskosten weltweit erhöhen.

Gleichzeitig würden Unternehmen Investitionen zurückfahren und Arbeitsplätze abbauen.

Johnson warnt, dass diese Entwicklung nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern die gesamte Weltwirtschaft erfassen könnte.

„Menschen werden ihre Arbeit verlieren und gleichzeitig höhere Preise bezahlen müssen. Das ist eine tödliche Kombination.“

Halbleiterkrise als unterschätzte Gefahr

Besonders aufmerksam macht Johnson auf einen Faktor, der bisher kaum öffentliche Beachtung findet: Helium.

Nach seinen Angaben seien große Teile des weltweiten Heliumangebots durch die Krise im Persischen Golf vom Markt verschwunden.

Das habe direkte Auswirkungen auf die Chipindustrie.

Vor allem die Hersteller in Taiwan seien auf Helium angewiesen.

China verfüge dagegen weiterhin über ausreichende Mengen und habe seine Produktion sogar ausgebaut.

Die Folge:

  • steigende Preise für Halbleiter
  • höhere Kosten für Smartphones
  • teurere Computer
  • Belastungen für die gesamte Elektronikindustrie

Johnson sieht darin einen weiteren indirekten Vorteil für China.

Die angebliche Spaltung im Iran

Westliche Medien berichteten zuletzt über Spannungen zwischen der politischen Führung Irans und den Revolutionsgarden.

Johnson hält diese Darstellung für Wunschdenken.

Er verweist darauf, dass Präsident Masoud Peseschkian, Außenminister Abbas Araghtschi und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf alle enge Verbindungen zu den Revolutionsgarden besitzen und aus denselben politischen Strukturen hervorgegangen seien.

„Es gibt keine Spaltung. Diese Leute stammen alle aus demselben Umfeld.“

Die Hoffnung auf einen inneren Zerfall der iranischen Führung hält er daher für unrealistisch.

Das Uran ist nicht das eigentliche Thema

Besonders scharf kritisiert Johnson die westliche Debatte über das iranische Atomprogramm.

Die Diskussion über angereichertes Uran sei lediglich ein Nebenschauplatz.

Selbst wenn Iran sein Atomprogramm vollständig aufgeben würde, bliebe der Konflikt bestehen.

„Glaubt irgendjemand ernsthaft, die USA und Israel würden Iran dann plötzlich akzeptieren?“

Aus seiner Sicht geht es nicht um Uran.

Es gehe um die Existenz der Islamischen Republik selbst.

Seit dem Sturz des Schahs im Jahr 1979 hätten die Vereinigten Staaten versucht, Einfluss auf den Iran zurückzugewinnen und die politische Ordnung des Landes zu verändern.

Israel als treibende Kraft

Johnson vertritt die Auffassung, dass die Zerstörung der Islamischen Republik eines der zentralen strategischen Ziele Israels sei.

Er argumentiert, dass Israel Iran nicht nur als geopolitischen Gegner betrachte, sondern dessen Existenzmodell grundsätzlich ablehne.

Gleichzeitig wirft er der israelischen Führung vor, den Krieg im Libanon immer weiter auszuweiten.

Die Kämpfe gegen die Hisbollah seien längst nicht so erfolgreich, wie dies offiziell dargestellt werde.

Israel verfüge zwar weiterhin über eine überwältigende Luftüberlegenheit, stoße am Boden jedoch zunehmend an Grenzen.

Der Krieg im Libanon als entscheidender Faktor

Nach Ansicht Johnsons wird die Entwicklung im Libanon letztlich darüber entscheiden, ob sich die Spannungen zwischen Washington und Teheran beruhigen.

Iran habe wiederholt deutlich gemacht, dass ein Ende der regionalen Konflikte Voraussetzung für eine dauerhafte Lösung sei.

Solange Israel seine militärischen Operationen fortsetze, werde auch der Konflikt mit Iran weiter schwelen.

Die Grenzen amerikanischer Militärmacht

Einer der bemerkenswertesten Punkte des Interviews betrifft die militärischen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten.

Johnson argumentiert, dass die Konflikte der vergangenen Jahre die Grenzen amerikanischer Macht sichtbar gemacht hätten.

Der hohe Verbrauch von:

  • Tomahawk-Marschflugkörpern
  • JASSM-Präzisionsraketen
  • Patriot-Abfangraketen

habe die amerikanischen Reserven erheblich reduziert.

Dadurch würden die Handlungsmöglichkeiten gegenüber Russland, China und anderen Gegnern eingeschränkt.

„Die Vorstellung unbegrenzter amerikanischer Militärmacht hat einen schweren Schlag erlitten.“

Der Dollar verliert an Bedeutung

Am Ende richtet Johnson den Blick auf die Finanzmärkte.

Er verweist darauf, dass immer mehr Staaten amerikanische Staatsanleihen verkaufen statt kaufen.

Gleichzeitig werde Öl zunehmend in chinesischen Yuan und anderen Währungen gehandelt.

Für Johnson sind dies Anzeichen eines historischen Wandels.

Die Welt entferne sich schrittweise vom Dollar-zentrierten Finanzsystem.

„Die Welt hat sich verändert – und sie wird nicht mehr zu dem zurückkehren, was sie einmal war.“

Fazit

Larry Johnson zeichnet das Bild einer geopolitischen Zeitenwende.

Während die Vereinigten Staaten versuchen, Iran unter Druck zu setzen, könnten die eigentlichen Folgen des Konflikts anderswo sichtbar werden: in steigenden Energiepreisen, wirtschaftlicher Instabilität, einer stärkeren Rolle Chinas und einem schwindenden Vertrauen in die finanzielle und militärische Dominanz Washingtons.

Für Johnson hat die Auseinandersetzung längst eine Dimension erreicht, die weit über Iran hinausgeht. Sie sei Teil eines globalen Machtkampfes, in dem sich die internationale Ordnung grundlegend verändert.

(Auszug von RSS-Feed)

☐ ☆ ✇ NachDenkSeiten

Westend-Verleger Markus J. Karsten: „Gibt es eine legitime Forderung von rechts?“

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Nachdem eine Gruppe von Autoren in einem Offenen Brief den Westend Verlag wegen einer angeblichen „Neuausrichtung“ in Richtung rechts kritisiert, geht Verleger Markus J. Karsten in die Offensive. Im Interview mit den NachDenkSeiten spricht er von einer „dürftigen Argumentation“ der Kritiker und sagt, im Kern gehe es um eine Frage, die nicht gestellt werde, nämlich: „Gibt es eigentlich eine legitime Forderung von ‚rechts‘?“ Karsten, der den Verlag gegründet hat und seit über 22 Jahren führt, sagt, er empfinde die Kritik als „Ansporn“. „Was soll denn Verlagsarbeit anderes sein? Ich will wissen, wie andere ticken und welche Prioritäten sie bei welchen Problemen setzen, und auch, wo sie mich kritisieren.“ Im Interview kritisiert Karsten den Spiegel. Das Magazin habe über den Offenen Brief berichtet, ohne den Verlag vorab für eine Stellungnahme zu kontaktieren. Andere Medien zitierten unvollständig, so Karsten. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Spiegel hat diese Woche einen Artikel unter der Überschrift Offener Brief gegen Westend Verlag wegen »Nius«-Buchs veröffentlicht. In dem Beitrag geht es um ein Schreiben, das Autoren Ihres Verlages verfasst bzw. unterzeichnet haben. Eine angebliche „Neuausrichtung“ des Verlagsprogramms wird kritisiert. Was auffällt: Von Verlagsseite kommt niemand in dem Beitrag zu Wort. Hat der Spiegel Sie vor Veröffentlichung des Artikels kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten?

Markus J. Karsten: Nein.

Wie erklären Sie sich, dass das Magazin Sie nicht kontaktiert hat? Und: Was halten Sie davon?

Vermutlich dachte man, dass es die erwartete Skandalisierung schmälern würde. Was soll man davon halten?

Wie sieht es mit anderen Medien aus, die berichtet haben oder berichten wollen? Gab es da Presseanfragen beim Verlag?

Ja, es gab einige, die journalistisch sauber gearbeitet haben und uns um Stellungnahmen baten.

Lassen Sie uns auf die Ebene der Argumente gehen. In dem Brief heißt es:

Wir haben „Westend“ als Ort geschätzt, an dem sehr unterschiedliche Überzeugungen aufeinanderstießen, die allerdings in aller Regel von demokratischem Geist und dem Willen nach Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt waren. Wir haben im Sinne der Meinungsfreiheit selbstverständlich auch akzeptiert, dass Sie das Portfolio Ihres Verlages um Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt erweitert haben. Mit der Veröffentlichung des von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegebenen Bandes „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ haben Sie nun das Spektrum Ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert. Dieses Buch ragt nicht nur dadurch heraus, dass Sie damit Ihren Verlag den Führungspersonen eines Portals zur Verfügung stellen, das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft. Der Band enthält zudem Texte von Autorinnen und Autoren, deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei.

Das ist der Kern des Briefs. Beim Lesen fällt auf: Einerseits sprechen die Unterzeichner davon, dass sie „unterschiedliche Überzeugungen“ schätzen, andererseits gibt es dann doch einen „Stein des Anstoßes“. Wie argumentativ tragfähig ist aus Ihrer Sicht das Vorgetragene?

Zunächst muss man sagen, dass einer der Herausgeber des inkriminierten Buches einer der bekanntesten und reichweitenstärksten Journalisten Deutschlands ist, daran dürfte kein Zweifel bestehen. Die Frage, ob unter seinem Namen ein Buch erscheinen darf, überwiegt ganz offensichtlich andere, auch weltpolitisch brisante Fragen, beispielsweise die, ob es sich in Gaza um einen Genozid handelt oder nicht. Die Beantwortung dieser Frage dürfte bei den Unterzeichnern nicht ohne Zerwürfnisse möglich sein. Oder auch die Frage im Umgang mit dem Ukrainekrieg. Den Zusammenhalt bildet aber: Man kann ja für Meinungsfreiheit sein, wenn es unbedingt sein muss, aber wir bestimmen, ob sie auch „befördert“ werden darf, sprich ausgesprochen. Auch das Thema „Kriegstüchtigkeit“, eine originär linke Thematik, also die Frage, ob Menschen, die Krieg befürworten, aber selber nicht hingehen müssen, andere in den Tod schicken dürfen, möchte ich in diesem Kreis mal diskutiert sehen.

Sehen Sie weitere Schwachstellen in der Argumentation?

Jenseits der dürftigen Argumentation dreht es sich doch im Kern um die Frage, die nicht gestellt wird: Gibt es eigentlich eine legitime Forderung von „rechts“? Was bedeutet, welche Position darf überhaupt geäußert werden? Wer entscheidet darüber? Ein bockiges Nichtzurkenntnisnehmenwollen grundsätzlich abweichender Positionen wird umso hartnäckiger betrieben, je effektloser es ist – wie man wohl ganz objektiv feststellen muss. Die Leidtragenden sind die Schutzlosen und Schwächsten.

Es nicht angenehm zu realisieren, dass man es sich offenbar zu leicht gemacht hat. Ich empfinde das für mich selbst als Ansporn. Was soll denn Verlagsarbeit anderes sein? Ich will wissen, wie andere ticken und welche Prioritäten sie bei welchen Problemen setzen, und auch, wo sie mich kritisieren. Das habe ich wortwörtlich so auch der ZEIT geantwortet, die es aber vorzog, lieber ein bisschen etwas über Westend zusammenzugooglen, um dann die Welt mit diesem Geraune zu beglücken. Welcher Ressortleiter lässt so etwas zu? Hinzu kommt, dass ich unvollständig zitiert werde, es wurde sich das „rausgegrabbelt“, was in den kindlichen Untertassenhorizont passte.

Wie sah denn Ihre vollständige Antwort aus?

Die komplette Antwort auf die Frage der ZEIT lautete: „Rechte Gesellschaftskritik, linke Gesellschaftskritik, ich weiß nicht mehr, ob man mit diesen Zuschreibungen weiterkommt, auch wenn ich mit dieser Infragestellung bereits eine Todsünde begehe. Linkssein ist ja ganz schön, aber werden andere davon satt? Ganz offensichtlich haben die Bücher der Briefeschreiber in den vergangenen Jahren nur äußerst begrenzt dazu geführt, Nöte zu mildern oder gar zu verhindern. Die Armutsquote bei Kindern hat zu Zeiten der Ampelkoalition deutlich zugelegt. Es ging also in die andere Richtung. Ist NIUS daran schuld…? Wenn wir in unseren Büchern die Zustände in Moria oder Gaza anprangern – ist das linke oder rechte Gesellschaftskritik? Wo ist „die Linke“ im Fall EU gegen Baud und jetzt Dogru? Immerhin: Gysi ist Erstunterzeichner. Ich ebenfalls. Also auch eine Allianz.“ Ich glaube, die Redakteurin hat noch nie von Baud und Dogru gehört.

Die Unterzeichner reden davon, dass das Portal Nius „Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft.“ Ein Beweis für die Aussage taucht in dem Brief nicht auf. Reden wir offen: Die öffentliche Atmosphäre ist von, sagen wir: „Ausschluss“ geprägt. X möchte nicht mit Y reden, Z möchte nicht, dass Y auf der Bühne steht. Die Verengung des Meinungskorridors ist seit langem Programm. Das hat sehr viel mit Macht, mit Herrschaft und dem damit verbundenen Kampf um die Definitionshoheit zu tun. Flankiert wird dieser Kampf von Akteuren, die vom hohen Ross des Moralapostels aus glauben, für die Allgemeinheit bestimmen zu können, wo die roten Linien des Sagbaren liegen und wer ein legitimer Sprecher sein darf und wer nicht. Die Selbstinszenierung lautet immer: „Wir sind die Guten. Wir sind die guten Demokraten. Und die anderen, das sind die Feinde der Demokratie.“ Bemerkenswert scheint mir: Als Menschen aus unserer Mitte aufgrund der Coronamaßnahmen alleine in Krankenhäusern und Heimen sterben mussten, haben die guten Demokraten geschwiegen. Jetzt, wo das gesamte Land „kriegstüchtig“ werden soll, schweigen sie auch – oder noch schlimmer, unterstützen den Kurs. Wie sehen Sie das?

Ja, die Berliner Zeitung hatte mich in einem Interview zu dem Vorwurf der Unterzeichner und Unterzeichnerinnen befragt, wonach die Autoren kritisieren, dass in diesem Buch Texte von Autoren abgedruckt seien, „deren Positionen der AfD nahestehen“. Nun, von den Beiträgern, wie es richtig heißen müsste, stehen einige den Parteien nahe, die in den Parlamenten die zum Himmel schreiende Coronapolitik durchgedrückt haben, die beschlossen haben, dass Abermilliarden für Tötungsmaterial ausgegeben oder Waffen in Kriegsgebiete geschickt werden, Sozialstaatsabbau betrieben und würdelos den Beanstandungen des BSW zur Auszählung der Bundestagswahl keinen Raum gegeben haben. Doppelmoral also. Ein leider nach wie vor unterbelichtetes Phänomen, was nicht verwundert, da dadurch die eigene Dürftigkeit kaschiert wird.

Sie wissen es: In dieser Zeit ist immer wieder von „Medienkompetenz“ die Rede. Vor allem Vertreter großer Medien betonen unaufhörlich, wie wichtig es sei, Propaganda und Manipulation zu durchschauen – freilich meinen sie dabei nicht ihre eigene Arbeit.

In Sachen Baud haben wir ein Paradebeispiel einer konzertierten Aktion. Ist den Initiatoren und den eingespannten Redakteuren, etwa vom Tagesspiegel, ihr Vorgehen nicht peinlich? Dort heißt das Buch von Jaques Baud „Putin – Herr des Geschehens“, statt „Putin – Herr des Geschehens?“. Passte halt besser ins eigene Weltbild, das Fragezeichen wegzulassen. In dem Buch steht keine einzige russische Quelle. Ist diesen Leuten nicht bewusst, dass es genau dieser eklatante Mangel an Wahrhaftigkeit ist, gepaart mit der bereits genannten Doppelmoral, weswegen ihnen keiner mehr zuhören will? Manipulationen, wohin das Auge reicht – worauf die NDS seit Jahren nicht müde werden hinzuweisen. Es wundert mich im Nachhinein nicht, dass sich die Initiatoren dieses Briefes schon immer mit ihnen schwertaten.

Sie haben den Tagesspiegel erwähnt. Das Blatt hat ja auch über den Offenen Brief berichtet.

In der Tat. In dem Artikel heißt es: „Zu den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern des Briefes gehören unter den vielen anderen Gregor Gysi, Ulrike Herrmann, Simone Schollack oder Andrea Ypsilanti, deren Bücher seit Jahren von Westend veröffentlicht werden.“

Richtig, und daran besteht kein Zweifel, müsste es heißen „deren Bücher VOR Jahren von Westend veröffentlicht wurden: Gysi 2015, Schmollack 2017 und Ypsilanti 2018. Es ist ja nicht so, dass wir ständig Bücher dieser Autoren veröffentlichen. Das mag man vielleicht jetzt nur als kleine Ungenauigkeit ansehen, aber Unschärfen dieser Art, bei unterschiedlichen Themen, sind immer wieder in Medien zu finden.

Was ich noch sagen möchte: Mit Andrea Ypsilanti verbindet mich übrigens eine langjährige Freundschaft. Ihr nehme ich auch ab, dass sie nicht nur über Migration spricht, sondern sich auch tatsächlich einsetzt für Menschen, die hier landen und sich problembeladen mit den hiesigen Verhältnissen zurechtfinden müssen. Jedenfalls: Wie kann man so manipulierend auftreten und glauben, das fiele dem Leser nicht auf? So sägt man doch nur noch das letzte Stückchen Ast ab, auf dem man sitzt, und der bereits halb abgerissen ist.

Noch ein Wort zu dem Begriff „kritisch“. Eines der pseudolinken Lieblingsworte: Wo bitteschön, wo ist eine sich selbst als links bezeichnende Linke durch kritisches Nachfragen aufgefallen, sagen wir seit 2016? Aber, ich wiederhole mich. Und es bleibt dabei, wie in alle Richtungen schon immer und immer wieder kommuniziert: Unsere Türen stehen seit jeher jederzeit offen.

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EU plant Chinazölle à la Trump

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In der Defensive

Hintergrund der EU-Pläne für drastisch verschärfte Zollmaßnahmen gegen China ist, dass immer weitere Segmente der chinesischen Industrie technologisch mit ihrer deutschen bzw. europäischen Konkurrenz gleichziehen oder sie sogar überholen. Das jüngste Beispiel sind Elektroautos; daneben sind aber auch diverse weitere Branchen betroffen. Dies hat zur Folge, dass deutsche Unternehmen immer weniger in die Volksrepublik exportieren können, während umgekehrt chinesische Unternehmen immer mehr in die Bundesrepublik liefern, was die deutsche Industrie nun auch auf ihrem Heimatmarkt immer stärker unter Druck setzt: Nicht mehr nur der Export leidet, sondern auch der Absatz im eigenen Land. Zwar ist China nach einer kurzzeitigen Ablösung durch die USA inzwischen wieder Deutschlands größter Handelspartner; zugleich ist aber das deutsche Handelsdefizit von 13 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf 89,3 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestiegen. Parallel konkurrieren chinesische Unternehmen auch auf Drittmärkten mit deutschen Firmen. Dies ist längst nicht mehr nur in Südostasien, in Lateinamerika und Afrika der Fall, sondern auch in Ost- und Südosteuropa und damit auf einem Markt, der – auch wegen der geographischen Nähe – als zentraler Absatzmarkt der deutschen Industrie gilt (german-foreign-policy.com berichtete [1]).

„Nationale Sicherheit“ als Vorwand

Zwar räumen Ökonomen ein, dass die deutsche Industrie langfristig gegen die chinesische Konkurrenz nur bestehen kann, wenn sie sich ihrerseits technologisch verbessert. Allerdings heißt es zunehmend, man müsse kurzfristig Maßnahmen ergreifen, um die unterlegenen deutschen bzw. europäischen Branchen abzuschotten. Die EU-Kommission soll an diesem Freitag über ein Papier diskutieren, das von Frankreich, Spanien, den Niederlanden und Litauen vorgelegt wurde und weitreichende Maßnahmen vorschlägt. So sollen Zölle künftig nicht mehr nur gegen einzelne Produkte verhängt werden können, sofern nachgewiesen ist, dass diese dank wettbewerbsverzerrender Subventionen besonders billig angeboten werden. Es sollen – ganz wie bislang in den USA [2] – auch komplette Branchen mit Zöllen belegt werden können; zudem soll die Festlegung von Importkontingenten möglich sein. Zu den Maßnahmen, die am heutigen Freitag in Brüssel diskutiert werden sollen, gehört auch die Option, Zölle künftig unter dem Vorwand zu verhängen, das sei zum Schutz der „nationalen Sicherheit“ geboten.[3] Das war zuletzt die Standardbegründung der Trump-Administration für ihre überbordenden Zölle. Das Papier mit den erwähnten Vorschlägen wird nicht zuletzt von Gabriel Felbermayr gelobt, einem Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft, der die Bundesregierung berät.

Um Dämpfung bemüht

Weil die EU-Pläne absehbar die Spannungen mit China anheizen dürften, Berlin sich aber Sorgen um das nach wie vor hochbedeutende Chinageschäft zahlreicher deutscher Konzerne macht, fährt die Bundesregierung nun zweigleisig. Zum einen ist sie bemüht, den drohenden Konflikt prophylaktisch zu dämpfen. Die Aufgabe übernahm Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, als sie sich in dieser Woche zu Gesprächen unter anderem mit Vizeministerpräsident He Lifeng und Handelsminister Wang Wentao in Beijing aufhielt. „Deutschland und China“ seien durch enge Wirtschaftsbeziehungen verbunden, die heute zu den „bedeutendsten … der Welt“ gehörten, säuselte Reiche; das bilaterale Handelsvolumen erreiche inzwischen 250 Milliarden Euro.[4] Dies gelte es zu pflegen. Reiche wurde von Repräsentanten unter anderem von Siemens, BASF, SAP, der Allianz und Airbus begleitet; auch einige mittelständische Unternehmer waren Teil der Wirtschaftsdelegation. Sie hofften „auf mehr Kooperationen und höhere Umsätze in China“, hieß es. Gleichzeitig war Reiche bemüht, um Akzeptanz für die geplanten Schritte der EU zu werben. „Unsere Unternehmen scheuen keinen Wettbewerb“, erklärte sie: „Wettbewerb“ müsse aber „so gestaltet und organisiert sein, dass er zu beiderseitigem Nutzen ist“.[5]

Kooperation mit Taiwan

Während Reiche abzuwiegeln suchte, erhöhte Berlin den Druck auf Beijing andernorts: mit der Reise einer Bundestagsdelegation nach Taiwan. Die Volksrepublik lehnt derartige Reisen als Einmischung in seine inneren Angelegenheiten ab, weil Taiwan – dies bestätigen nicht zuletzt die Vereinten Nationen – völkerrechtlich Teil des chinesischen Territoriums ist. Viele westliche Staaten, darunter Deutschland, unterstützen dagegen schon seit je systematisch die Regierung in Taipei, um ihr im Konflikt mit Beijing den Rücken zu stärken. Diesem Ziel dient auch die aktuelle Reise von insgesamt fünf Bundestagsabgeordneten, die noch bis zum Sonntag auf Taiwan bleiben. Wie der Leiter der Delegation, der Bundestagsabgeordnete Till Steffen (Bündnis 90/Die Grünen), erklärt, soll der Besuch beitragen, die ökonomische Abhängigkeit Deutschlands von der Volksrepublik zu verringern.[6] Als Beispiel nannte Steffen den Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI); dort gebe es Potenzial für eine engere deutsch-taiwanische Kooperation. Bereits jetzt besteht eine intensive Zusammenarbeit in der Halbleiterbranche: Taiwans Chipkonzern TSMC, der größte Auftragsfertiger der Welt, baut eine Fabrik in Dresden, in der ab 2027 Halbleiter gefertigt werden sollen. Die Delegation besuchte den Central Taiwan Science Park in Taichung, wo TSMC Fabriken unterhält.

Rüstungspläne

Allerdings beginnt die deutsch-taiwanische Kooperation inzwischen die Grenzen ziviler Wirtschaftszusammenarbeit zu überschreiten und nimmt nun auch Rüstungsvorhaben in den Blick. Im September 2025 waren auf der Rüstungsmesse Taipei Aerospace and Defence Technology Exhibition zum ersten Mal das Deutsche Wirtschaftsbüro Taipei und der Airbus-Konzern präsent. Das Wirtschaftsbüro bestätigte damals, man stelle Waren aus dem Sektor der „Sicherheit“ aus, während es bei Airbus hieß, man bewerbe mehr als nur die üblichen „kommerziellen“ Produkte.[7] Erst kurz zuvor hatte die Linksfraktion im Bundestag in einer Anfrage an die Bundesregierung festgestellt, es sei Munition aus dem Hamburger Hafen in den Hafen von Kaohsiung an der Südwestküste Taiwans geliefert worden.[8] Ende April wurde nun berichtet, China habe erstmals sieben europäische Rüstungsunternehmen auf eine Exportkontrollliste gesetzt, weil sie auf die eine oder andere Weise in Waffenlieferungen an Taiwan involviert gewesen seien. Zu den gelisteten Unternehmen zählt auch die deutsche Hensoldt AG.[9] Taiwans Präsident Lai Ching-te drang bei der Delegation aus dem Bundestag nun darauf, Berlin und Taipei sollten künftig nicht mehr nur in der Zivilwirtschaft eng kooperieren, sondern auch in Sachen Cybersicherheit und Rüstung.[10] Dies wird in Beijing gewöhnlich scharf kritisiert.

 

[1] S. dazu Strategischer Partner China.

[2] Jakob Hanke Vela, Sabine Gusbeth: Angst vor dem China-Schock – Europa plant neue Schutzzölle. handelsblatt.com 13.05.2026.

[3] Martin Greive, Jakob Hanke Vela, Moritz Koch, Julian Olk: Europa rüstet sich für den Handelskrieg mit China. handelsblatt.com 28.05.2026.

[4], [5] Reiche setzt auf Kooperation statt Konfrontation. tagesschau.de 27.05.2026.

[6] Bundestagsdelegation in Taiwan: Abhängigkeit von China reduzieren. deutschlandfunk.de 28.05.2026.

[7] S. dazu Am kürzeren Hebel.

[8] Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke: Munitions- und Rüstungsexporte über den Hamburger Hafen in der ersten Jahreshälfte 2025. Deutscher Bundestag, Drucksache 21/1221. Berlin, 13.08.2025.

[9] China adds 7 EU entities to export control list. english.scio.gov.cn 27.04.2026.

[10] Chen Yun, Hollie Younger: German delegation leader rejects Chinese interference. taipeitimes.com 26.05.2026.

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Frontarzt erhebt schwere Vorwürfe: „Gaza ist kein Kollateralschaden – es ist die Zerstörung einer Gesellschaft“

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Der britische Chirurg und Oxford-Mediziner Dr. Nick Maynard schildert in einem erschütternden Interview, was er nach eigenen Angaben in Gaza gesehen hat: zerstörte Krankenhäuser, getötetes medizinisches Personal, schwer verletzte Kinder, blockierte Behandlungen und ein Gesundheitssystem, das nicht einfach zusammengebrochen sei, sondern systematisch zerschlagen worden sei.

Maynard ist kein Aktivist aus der Ferne. Er arbeitet seit vielen Jahren mit palästinensischen Ärzten zusammen, unterrichtete Medizinstudenten in Gaza und war nach dem 7. Oktober mehrfach selbst vor Ort. Genau deshalb wiegen seine Aussagen schwer: Er spricht nicht über Theorie, sondern über eigene Beobachtungen, Kollegen, Patienten und Krankenhäuser, in denen er selbst gearbeitet hat.

Ein Arzt berichtet aus einem belagerten Gebiet

Maynard beschreibt Gaza bereits vor dem aktuellen Krieg als eingeschlossenes Gebiet, in dem die meisten Menschen das Territorium nie verlassen konnten. Die medizinische Versorgung sei trotz hochqualifizierter Ärzte und Pflegekräfte dauerhaft unterversorgt gewesen. Besonders Krebspatienten hätten oft Genehmigungen benötigt, um außerhalb Gazas behandelt zu werden – ein Prozess, der laut Maynard im Durchschnitt Monate dauerte. Ein Teil der Anträge sei abgelehnt worden, selbst bei lebensbedrohlichen Erkrankungen.

Nach Beginn der israelischen Offensive habe sich die Lage in eine humanitäre Katastrophe verwandelt. Maynard spricht von einer gezielten Zerstörung der medizinischen Infrastruktur. Von 36 Krankenhäusern seien nur noch wenige funktionsfähig gewesen; das Nasser-Krankenhaus im Süden sei eines der letzten großen verbliebenen Zentren gewesen – selbst dieses jedoch schwer beschädigt und eingeschränkt.

„Jedes Krankenhaus wurde angegriffen“

Besonders schwer wiegt Maynards Vorwurf, dass die Angriffe auf Krankenhäuser nicht bloß versehentliche Kollateralschäden gewesen seien. Er sagt, jedes Krankenhaus in Gaza sei angegriffen worden. Fast 2.000 Mitarbeiter des Gesundheitswesens seien im Verlauf des Krieges getötet worden. Im Verhältnis zur Bevölkerung sei die Zahl getöteter Gesundheitskräfte laut ihm extrem höher als in anderen Konflikten.

Maynard berichtet auch von einem Angriff auf das Al-Aqsa-Krankenhaus, während er selbst im Operationssaal arbeitete. Eine israelische Rakete habe die Intensivstation neben dem OP-Bereich getroffen. Danach hätten ausländische Helfer evakuiert werden müssen, und das Krankenhaus sei rasch weiter außer Funktion geraten.

Die israelische Begründung, Krankenhäuser würden als Hamas-Kommandozentren genutzt, weist Maynard für die Bereiche, die er selbst gesehen habe, zurück. Er betont, er könne nur bezeugen, was er selbst gesehen habe – aber in den von ihm betretenen klinischen Bereichen habe er keine militärische Nutzung durch Hamas festgestellt.

Die Zerstörung des Gesundheitswesens als Kriegsstrategie

Maynards zentrale These lautet: Die Angriffe auf Ärzte, Kliniken, Krankenwagen und medizinische Infrastruktur seien Teil einer umfassenderen Strategie, Gaza als lebensfähige Gesellschaft unbewohnbar zu machen. Wer Krankenhäuser zerstört, zerstört nicht nur Gebäude – er zerstört Geburtenstationen, Krebsbehandlung, Notfallmedizin, Dialyse, Kinderchirurgie, Intensivpflege und jede Hoffnung auf ein normales ziviles Leben.

Genau darin sieht Maynard den eigentlichen Kern der Katastrophe: Nicht nur Menschen sterben durch Bomben. Menschen sterben, weil Operationen nicht mehr möglich sind, Medikamente fehlen, Wunden nicht behandelt werden können, Krebs nicht therapiert wird und Kinder mit schweren Verletzungen keinen sicheren Ort mehr finden.

Vorwürfe über Festnahmen und Folter

Noch erschütternder sind Maynards Aussagen über palästinensische Gesundheitsarbeiter, die von israelischen Kräften festgenommen worden seien. Laut seiner Darstellung seien Hunderte medizinische Mitarbeiter verschleppt oder ohne Anklage festgehalten worden. Er spricht von Berichten über schwere Misshandlungen, Demütigungen, körperliche Gewalt und psychologische Folter.

Maynard sagt, er habe selbst Aussagen von Überlebenden aufgenommen. Einige seien tagelang unter entwürdigenden Bedingungen festgehalten, gefesselt, geschlagen und später in israelische Gefängnisse gebracht worden. Die Vorwürfe seien an internationale Gerichte weitergegeben worden.

Besonders wichtig: Diese Aussagen sind Vorwürfe und Zeugenaussagen aus dem Interview. Sie müssten juristisch unabhängig untersucht werden. Aber wenn sie auch nur teilweise zutreffen, handelt es sich um schwerste Verstöße gegen internationales Recht.

Ärzte als Zielscheibe

Maynard berichtet, dass vor allem erfahrene und leitende Ärzte festgenommen oder getötet worden seien. Er sieht darin kein zufälliges Muster, sondern einen Hinweis auf eine gezielte Schwächung des medizinischen Rückgrats Gazas.

Ein Gesundheitssystem besteht nicht nur aus Gebäuden. Es besteht aus Menschen: Chirurgen, Anästhesisten, Kinderärzten, Krankenschwestern, Technikern, Studenten, Sanitätern. Wenn diese Menschen getötet, vertrieben oder inhaftiert werden, ist selbst ein wieder aufgebautes Krankenhaus nur noch eine leere Hülle.

Experimentelle Waffen und neue Formen der Kriegsführung

Im Interview werden zudem Vorwürfe über neue oder ungewöhnliche Formen des militärischen Einsatzes angesprochen. Maynard berichtet von Aussagen über ferngesteuerte Systeme, Drohnen und sogar bewaffnete Hunde, die in Krankenhäuser eingedrungen seien. Diese Angaben beruhen auf Zeugenaussagen, die er nach eigenen Angaben von Kollegen erhalten habe.

Auch hier gilt: Solche Behauptungen verlangen unabhängige Untersuchung. Doch sie passen in ein größeres Bild moderner Kriegsführung, in der Gaza offenbar zum Labor für Überwachung, Drohnenkrieg, KI-gestützte Zielerfassung und urbane Kriegsführung geworden ist.

Der Westen wusste Bescheid

Ein besonders politischer Punkt des Interviews betrifft die Reaktion westlicher Regierungen. Maynard sagt, er und andere Ärzte hätten Beweise, Fotos und Berichte an britische und amerikanische Regierungsstellen weitergegeben. Man habe auch Vertreter der Biden-Regierung informiert. Die Reaktion sei zwar teilweise „sympathisch“ gewesen – aber folgenlos.

Das ist der eigentliche Skandal: Nicht nur, was in Gaza geschieht, sondern dass westliche Regierungen davon erfahren, Akten erhalten, Ärzte anhören – und dennoch Waffen, Rückendeckung oder diplomatischen Schutz weiterlaufen lassen.

Die moralische Bankrotterklärung

Der Artikel beginnt mit einem Vergleich zu Ruanda und der Frage, wie Genozide geschehen können, obwohl die Welt zusieht. Im Transkript wird argumentiert, dass die internationale Gemeinschaft auch diesmal sehr früh wusste, was in Gaza geschieht – und trotzdem nichts Entscheidendes unternahm.

Besonders scharf wird die Doppelmoral westlicher Politiker angegriffen: Jahrzehntelang habe man geschworen, Massengräuel nie wieder zuzulassen. Doch wenn der Täter ein enger Verbündeter sei, würden dieselben Prinzipien plötzlich relativiert, verdreht oder zum Schweigen gebracht.

Fazit: Gaza als Testfall für die Glaubwürdigkeit des Westens

Dr. Nick Maynards Aussagen sind ein Frontalangriff auf die offizielle Erzählung vom „präzisen Krieg gegen Hamas“. Was er beschreibt, ist kein chirurgischer Militäreinsatz, sondern die systematische Zerstörung der zivilen Lebensgrundlagen eines ganzen Gebiets.

Wenn Krankenhäuser zerstört, Ärzte getötet, Patienten blockiert, Kinder verstümmelt, Hilfsorganisationen behindert und Zeugen zum Schweigen gebracht werden, dann geht es nicht mehr nur um Krieg. Dann geht es um die Frage, ob internationales Recht überhaupt noch gilt – oder nur noch gegen Feinde des Westens angewendet wird.

Gaza ist damit nicht nur eine humanitäre Katastrophe. Es ist ein moralischer Stresstest für den Westen. Und nach den Aussagen dieses Frontarztes fällt das Urteil vernichtend aus.

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Irans Forderung an Washington: US-Truppen raus aus dem Golf – 300 Milliarden Dollar Wiederaufbau und Kontrolle über Hormus

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Die Verhandlungen zwischen Iran und den USA stehen offenbar an einem Punkt, an dem Teheran nicht mehr nur Zugeständnisse verlangt, sondern eine vollständige Neuordnung der amerikanischen Machtstellung im Nahen Osten fordert.

Nach den im Gespräch mit Larry Johnson diskutierten Berichten verlangt Iran einen dauerhaften Waffenstillstand, den Rückzug amerikanischer Kräfte aus der Region, volle Sanktionsaufhebung, die Freigabe eingefrorener Gelder, 300 Milliarden Dollar Wiederaufbaukompensation sowie Kontrolle über die Straße von Hormus. Johnson weist jedoch darauf hin, dass besonders die Forderung nach 300 Milliarden Dollar bislang nicht eindeutig offiziell bestätigt sei.

Der entscheidende Punkt: Iran tritt nicht wie ein geschwächter Staat auf, der um Erleichterungen bittet. Teheran verhandelt, als habe es den strategischen Hebel in der Hand. Und dieser Hebel heißt: Hormus.

Die Straße von Hormus als Druckmittel

Die Straße von Hormus ist eines der empfindlichsten Energie-Nadelöhre der Welt. Wer dort Kontrolle ausübt, beeinflusst Ölpreise, LNG-Ströme, Versicherungsprämien, Lieferketten und letztlich die Weltwirtschaft.

Johnson erklärt, Iran habe seine Position klar formuliert: Sanktionen runter, Vermögenswerte freigeben, Krieg in Gaza und Libanon stoppen – und akzeptieren, dass Iran an Hormus eine führende Rolle beansprucht. Teheran wolle dort Gebühren erheben, ob als Nutzergebühr oder Umweltabgabe.

Damit würde Iran nicht nur wirtschaftlichen Druck aufbauen, sondern ein strategisches Kontrollinstrument über den Golf etablieren. Für Washington wäre das ein direkter Angriff auf ein Ordnungssystem, das jahrzehntelang auf US-Flugzeugträgern, Militärbasen und Sanktionsmacht beruhte.

Trump zwischen Deal und Drohung

Johnson beschreibt Trump als widersprüchlich: An einem Tag signalisiert er Verhandlungsbereitschaft, am nächsten droht er wieder mit militärischer Eskalation. Im Gespräch fällt sinngemäß das Bild eines „menschlichen Pingpong-Balls“ – hin- und hergerissen zwischen Deal, Druck aus Israel, innenpolitischen Interessen und den Hardlinern in Washington.

Besonders auffällig ist laut Johnson, dass Iran sich von diesen Drohungen nicht mehr beeindrucken lässt. Teheran habe seine roten Linien formuliert und scheine nicht bereit zu sein, sie aufzugeben: Urananreicherung, Verfügung über angereichertes Uran, Autorität über Hormus und Aufhebung der Sanktionen.

Das ist der Kern der neuen Lage: Die USA drohen noch – aber Iran wirkt nicht mehr wie ein Gegner, der zurückweicht.

Israel, Libanon und die zweite Front

Parallel dazu eskaliert die Lage im Libanon. Johnson betont, Israel versuche weiterhin, den Süden Libanons massiv unter Druck zu setzen. Gleichzeitig habe die Hisbollah ihre Fähigkeiten nicht verloren, sondern offenbar ausgebaut – insbesondere im Bereich Drohnen.

Das ist für Israel gefährlich. Denn Luftangriffe können Gebäude zerstören, aber sie beseitigen keine eingegrabene, bewegliche und kampferfahrene Organisation. Johnson argumentiert, dass Israel zwar bombardieren könne, damit aber die Kontrolle am Boden nicht automatisch gewinne. Je weiter Israel vorstoße, desto größer würden die eigenen Verluste.

In dieser Lage wird jeder Deal zwischen Washington und Teheran auch zur Frage für Netanjahu: Akzeptiert Israel eine neue regionale Ordnung – oder versucht es, die Eskalation weiterzutreiben?

Der mögliche Abzug der USA aus der Region

Besonders brisant ist Johnsons Einschätzung, dass ein ernsthafter Deal auch sichtbare militärische Folgen haben müsste. Ein mögliches Signal wäre der Abzug amerikanischer Luftwaffeneinheiten und Militärflugzeuge aus der Region. Im Gespräch wird erwähnt, dass laut israelischen Berichten US-Militärflugzeuge im Fall einer Einigung binnen 72 Stunden aus Israel nach Europa verlegt werden könnten.

Sollte das eintreten, wäre es mehr als eine technische Verlegung. Es wäre ein Symbol: Die USA wären nicht mehr bereit, dauerhaft als militärischer Schutzschirm Israels und der Golfordnung aufzutreten.

Johnson geht noch weiter: Wenn die russisch-chinesische Vision für die Region Realität werde, verschwinde die amerikanische Militärpräsenz langfristig aus dem Golfraum.

China als Gewinner der neuen Ordnung

In Johnsons Analyse wäre China einer der großen Gewinner. Wenn Iran Wiederaufbau braucht, wenn Infrastruktur repariert, Häfen modernisiert, Energieanlagen aufgebaut und Verkehrswege gesichert werden müssen, dann werden nach seiner Einschätzung chinesische Ingenieure, Arbeiter und Unternehmen bereitstehen.

Das passt zur Logik der Neuen Seidenstraße: China muss nicht wie die USA mit Militärbasen dominieren. Peking baut Infrastruktur, bindet Länder wirtschaftlich ein und schafft Abhängigkeiten über Handel, Technologie und Finanzierung.

Ein 300-Milliarden-Dollar-Wiederaufbauprogramm für Iran wäre deshalb nicht nur eine Entschädigung. Es wäre der mögliche Startschuss für eine tiefere Einbindung Irans in eine chinesisch geprägte Wirtschaftsordnung.

Der strategische Absturz der USA

Für Washington wäre ein solcher Deal ein geopolitischer Rückzug von historischem Ausmaß.

Seit Jahrzehnten beruht die US-Macht im Nahen Osten auf vier Säulen:

  1. Militärbasen am Golf
  2. Kontrolle strategischer Energiewege
  3. Sanktionsmacht gegen Iran
  4. Schutzversprechen gegenüber Israel und Golfmonarchien

Wenn Iran nun Sanktionserleichterungen, Geldfreigaben, Wiederaufbauhilfen, Hormus-Kontrolle und US-Truppenabzug gleichzeitig auf den Tisch legt, dann geht es nicht mehr um einen normalen Friedensvertrag. Es geht um die Demontage der bisherigen US-Architektur im Nahen Osten.

Johnson sieht genau darin die tektonische Verschiebung: Die USA verlieren Abschreckungskraft, Israel verliert strategische Sicherheit, Iran gewinnt Spielraum, China gewinnt Einfluss und Russland erhält eine zusätzliche Front gegen westliche Dominanz.

Fazit: Kein Friedensdeal, sondern eine neue Weltordnung im Nahen Osten

Was hier verhandelt wird, ist weit mehr als ein Waffenstillstand. Es geht um die Frage, wer künftig die Regeln im Nahen Osten schreibt.

Wenn Iran mit seinen Forderungen auch nur teilweise durchkommt, wäre das ein dramatischer Machtverlust für Washington. Die USA müssten akzeptieren, dass ihre jahrzehntelange Strategie aus Sanktionen, Militärbasen und Druckpolitik an ihre Grenzen gestoßen ist.

Für Iran wäre es ein historischer Sieg:
Sanktionen gelockert, Gelder freigegeben, Hormus anerkannt, US-Truppen zurückgedrängt und Wiederaufbau finanziert.

Für Israel wäre es ein strategischer Albtraum:
Ein gestärkter Iran, eine kampffähige Hisbollah und ein Amerika, das nicht mehr automatisch jede Eskalation absichert.

Und für China und Russland wäre es ein weiterer Beweis, dass die westlich dominierte Ordnung nicht mehr unangefochten ist.

Kurz gesagt: Sollte dieser Deal Realität werden, endet nicht nur eine Eskalation. Dann beginnt eine neue Machtordnung im Nahen Osten.

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Kampf um die Fed

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Stärker umstritten denn je zuvor

Kevin Warsh ist am Freitag vergangener Woche als 17. Vorsitzender der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) vereidigt worden. Seine Bestätigung war mit einer Zustimmung von nur 54 Senatoren bei 45 Gegenstimmen die bislang umstrittenste in der Geschichte der Fed. Die zuvor höchste Zahl an Gegenstimmen war 2010 bei der Bestätigung von Ben Bernanke im Amt verzeichnet worden; gegen ihn stimmten damals 30 Senatoren. Warsh war bereits 2017 als potenzieller Kandidat für den Fed-Vorsitz gehandelt worden. US-Präsident Donald Trump entschied sich damals jedoch für Jerome Powell.[1] Jetzt suchte Trump, der sich von Powell abgewandt hat und ihn seit längerem scharf attackiert, das für Warsh miserable Abstimmungsergebnis mit dem für seine Administration üblichen hymnischen Selbstlob zu kaschieren; er behauptete, „niemand“ sei „besser vorbereitet“ für den Fed-Vorsitz als Warsh.[2]

Verbindungen zum Trump-Clan

Der 56-jährige ehemalige Investmentbanker Warsh ist schon seit längerem mit der Fed vertraut. 2006 wurde der damals 35-Jährige von Präsident George W. Bush in die Notenbank berufen. Während der Finanzkrise gehörte er zum inneren Kreis des damaligen Zentralbankchefs Bernanke. Dieser beschreibt Warsh in seinen Memoiren („The Courage to Act“) als einen seiner engsten Begleiter.[3] Warsh verfügt – wie so viele in der aktuellen US-Administration – über enge familiäre bzw. freundschaftliche Verbindungen zum Trump-Clan. Sein Schwiegervater ist der New Yorker Milliardär Ronald Lauder, ein langjähriger Freund Donald Trumps und Großspender der Republikanischen Partei. Trump und Lauder lernten sich in den 1960er Jahren auf der Wharton School of Business an der University of Pennsylvania kennen.[4] Lauder unterstützte Trumps Wahlkampf mit einer Spende von mehr als einer Million US-Dollar.[5] Er gilt zudem als Urheber der Idee, die USA müssten Grönland in Besitz nehmen; Ende 2018 schlug er vor, die Vereinigten Staaten sollten die zu Dänemark gehörende Insel kaufen. 2025 bekräftigte Lauder in einem Meinungsbeitrag für die New York Post: „Trumps Grönland-Konzept war niemals absurd – es war strategisch.“ Der Schwiegervater des neuen Fed-Chefs verwies explizit auf wirtschaftliche und strategische Interessen: „Unter dem Eis und den Felsen verbirgt sich ein Schatz an seltenen Erden, die für KI, fortschrittliche Waffen und moderne Technologien unverzichtbar sind. Mit dem Rückgang des Eises entstehen neue Seewege, die den globalen Handel und die Sicherheit neugestalten.“[6]

Geldpolitik für den Wahlkampf

Neben den familiär-freundschaftlichen Beziehungen zwischen Trump und Warsh hat das politische Programm des neuen Fed-Vorsitzenden eine zentrale Rolle bei der Entscheidung des Präsidenten führ ihn gespielt. Im November stehen die Midterm Elections in den USA an; Trump ist erpicht auf niedrige Zinsen – in der Hoffnung, sie könnten das Wirtschaftswachstum antreiben.[7] Durch niedrigere Zinsen, wie Warsh sie verspricht, wird der Zugang zu Bankkrediten günstiger; infolgedessen kann mehr Kapital in die Produktion investiert werden, während zugleich der Konsum steigt – aufgrund günstigerer Möglichkeiten, sich privat zu verschulden.

„Regime change“ in der Fed

Der Multimillionär Warsh hat angekündigt, er stehe in der Fed für einen „regime change“. Gemeint ist ein grundlegender Umbau der US-Geldpolitik. Im Zuge der Finanzkrise 2008 begann die Fed im großen Stil Anleihen aufzukaufen. Ihre Vermögenswerte stiegen von etwa 800 Milliarden US-Dollar vor der Finanzkrise auf fast neun Billionen US-Dollar im Jahr 2022. Nach drei Jahren des Vermögensabbaus stiegen die Werte zuletzt wieder auf heute 6,7 Billionen US-Dollar. Warsh sieht darin eine Einmischung der Fed in Aufgaben der Fiskalpolitik jenseits der klassischen Geldpolitik. Er hält die Vermögenswerte für immer noch viel zu hoch und vertritt die Position, Krisen ließen sich mit Zinssenkungen besser bekämpfen.[8] Für erneute Zinssenkungen nennt Warsh zwei Argumente. Erstens sei ein durch Künstliche Intelligenz (KI) ausgelöster Produktivitätsboom zu erwarten. Dieser werde die Effizienz der Wirtschaft so stark steigern, dass Unternehmen trotz steigender Löhne die Preise stabil halten könnten. Dadurch könne die Fed die Zinsen senken, ohne ein Inflationsrisiko einzugehen. Zweitens sieht Warsh die Verkleinerung der Notenbankbilanz als günstige Voraussetzung für niedrigere Leitzinsen. „Gewissermaßen kann man sich einen niedrigeren Zinssatz leisten, wenn die Bilanz kleiner ist“, sagte Warsh.[9]

Der Mar-a-Lago Accord

Der Plan, die Leitzinsen zu senken, steht im Zusammenhang mit einem Plan des Ökonomen Stephen Miran, der bis zu seiner Ernennung zum stimmberechtigten Fed-Gouverneur im September 2025 als oberster Wirtschaftsberater von Donald Trump tätig war. Miran hatte 2024 ein Papier mit dem Titel „A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System“ veröffentlicht, in dem er mehrere wirtschaftspolitische Taktiken vorschlug, um den globalen Einfluss der USA wieder zu stärken. Zahlreiche seiner Vorschläge sind von der Trump-Administration bereits umgesetzt worden: Die US-Regierung nutzt Zölle, um die US-Industrie zu stärken; sie investiert – wie so gut wie alle westlichen Regierungen – erheblich mehr in das Militär; sie sucht die Energiepreise durch ein Überangebot zu senken, wenngleich sie damit zur Zeit aufgrund des Irankriegs keinen Erfolg hat; und schließlich unternimmt sie Anstrengungen, den US-Dollar zu schwächen.[10] Der Gedanke, den US-Dollar zu schwächen, um Importe weniger attraktiv zu machen und den US-Export zu stärken, kursiert schon länger in Washington und an der Wall Street und ist von Miran adaptiert worden. Der Gesamtplan wird – in Anlehnung an den Plaza Accord von 1985, der die Abwertung des US-Dollars gegenüber der D-Mark und dem Yen vorsah – als Mar-a-Lago Accord bezeichnet.[11]

Zölle und Schutz als Peitsche

Dabei gilt der Mar-a-Lago Accord als Teil eines umfassenderen Politikkonzepts, bei dem der internationale Handel mit US-amerikanischen Sicherheitsgarantien verknüpft werden soll: Wer sich nicht fügt, wird mit Zöllen bestraft und von den USA nicht mehr militärisch geschützt; dies trifft insbesondere die Staaten Europas, Japan und Südkorea.[12] Insbesondere schlagen Trump nahestehende Ökonomen ein verschärftes Modell bezüglich der US-Staatsschulden vor. Weil diese stetig wachsen – nicht zuletzt aufgrund der gigantischen US-Aufrüstung – und weil wegen der zunehmenden Schuldenlast auch die Zinsen steigen, sollen ausländische Gläubiger ihre US-Staatsanleihen in neue Anleihen mit extrem langen Laufzeiten umwandeln; die Rede ist von sage und schreibe 100 Jahren. Darüber hinaus sollen sie eine nur niedrige oder sogar auf Null gesenkte Verzinsung akzeptieren. Da kein Gläubiger diesem Tausch freiwillig zustimmen würde, soll die Einwilligung ebenfalls durch Zölle oder den Entzug militärischen Schutzes erzwungen werden.[13] Letzten Endes soll mit alledem auch die Stellung des US-Dollars als Weltleitwährung gefestigt werden.

Steigende Krisengefahr

Berliner Regierungsberater warnen, der in Aussicht gestellte Kurs des neuen Fed-Chefs Walsh könne für Deutschland und die EU gravierende Folgen haben. Trumps Zölle trieben die Preise nach oben; wegen des Irankriegs stiegen insbesondere die Energiepreise; das lasse den weiteren Anstieg der Inflation befürchten. Steuere die Fed nicht mit höheren Zinsen dagegen, dann könne die Inflation in Verbindung mit den anderen beschriebenen Maßnahmen des Mar-a-Lago Accords dazu beitragen, den US-Finanzmarkt zu destabilisieren. Falls es „in den USA erneut zu einer krisenhaften Entwicklung“ komme, werde dies „unmittelbar Auswirkungen auch auf die Finanzstabilität in Europa“ haben, konstatiert etwa Laura von Daniels von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).[14] Zudem sei es – vorsichtig formuliert – „offen“, ob beim Ausgreifen einer neuen Finanzkrise über die USA hinaus Washington „Rettungshilfen oder Liquiditätshilfen für andere Länder bereitstellen“ würde. Dann müsse eventuell die EU einspringen und mit „Euro-Liquiditätshilfen“ für Nicht-EU-Länder aushelfen.

 

[1] Antonia Mannweiler: Senat bestätigt Trump-Kandidaten Warsh als neuen Fed-Chef. handelsblatt.com 13.05.2026.

[2] Lara Dehari: Neuer Fed-Chef Kevin Warsh in Washington vereidigt. handelsblatt.com 22.05.2026.

[3] Patrick Schlereth: Wird Warsh sein Versprechen halten? faz.net 15.05.2026.

[4] Winand von Petersdorff-Campen: Ein Notenbanker wie aus dem Bilderbuch. faz.net 15.05.2026.

[5] Juliane Kipper: Steckt dieser Kosmetik-Milliardär hinter Trumps Grönland-Ideen? capital.de 24.01.2026.

[6] Ronald Lauder: I’m a Greenland expert — these 3 paths can make it America’s next frontier. nypost.com 04.02.2025.

[7] Laura von Daniels: Zündeln an der Zentralbankunabhängigkeit. swp-berlin.org 29.01.2026.

[8] Michael Maisch: Kevin Warsh bedeutet für die Fed und die Märkte eine Zeitenwende. handelsblatt.com 21.05.2026.

[9] Antonia Mannweiler: Der große Machtwechsel – was sich unter Kevin Warsh ändert. handelsblatt.com 15.05.2026.

[10] Rebecca Patterson: The Mar-a-Lago Accord’s Economic Ripple Effect Widens. cfr.org 27.01.2026.

[11] Moritz Kraemer:Mar-a-Lago Accord. lbbw.de 21.03.2025.

[12] Pablo Duarte: Mar-a-Lago-Abkommen: viel Lärm um nichts? flossbachvonstroch-reserchinstitute.com 28.03.2025.

[13] Moritz Kraemer: Mar-a-Lago Accord. lbbw.de 21.03.2025.

[14] Politikwissenschaftlerin: „Für uns keine gute Nachricht“. web.de 17.05.2026.

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„Angst muss man nicht vor Maschinen haben, sondern vor den Menschen, die sie entwickeln und missbrauchen.“

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Der Papst warnt in seiner ersten Enzyklika vor existenziellen Risiken der Künstlichen Intelligenz für Individuen und Völker. In den Händen von Monopolen drohten „Entmenschlichung“ und „Kolonialismus“. Richtig und wichtig findet Ralf Lankau den Vorstoß und hofft auf neue Impulse in der Diskussion. Im Interview mit den NachDenkSeiten zeichnet der Pädagoge, Medienwissenschaftler und Buchautor ein düsteres Bild der Zukunft für den Fall, dass man Elon Musk, Peter Thiel und andere Techmogule weiter gewähren lässt. Zugleich ist er sicher: Widerstand ist möglich! Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ralf Lankau, Jahrgang 1961, ist Professor für Digitaldesign, Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. Er leitet dort die grafik.werkstatt der Fakultät Medien, forscht zu Experimenteller Medienproduktion in Kunst, Lehre und Wissenschaft und publiziert zu Design, Kommunikationswissenschaft und (Medien-)Pädagogik. Er ist Mitinitiator des „Bündnis für humane Bildung“ und betreibt die Projekte „futur iii – Digitaltechnik zwischen Freiheitsversprechen und Totalüberwachung“ und „Die pädagogische Wende“. Dazu gab Lankau vor zwei Jahren im Beltz-Verlag das Buch „Die pädagogische Wende: Über die notwendige (Rück-)Besinnung auf das Unterrichten“ heraus.

Ralf Wurzbacher: Herr Lankau, das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Leo XIV., warnt in seiner ersten Enzyklika eindringlich vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz für Mensch, Gesellschaft und Natur. Er bezieht Stellung gegen „Entmenschlichung“, einen „neuen Kolonialismus“ und dringt darauf, die KI zu „entwaffnen“. Hatten Sie mit dieser Schärfe und Tiefe an Kritik gerechnet?

Ralf Lankau: Nein. Es gab zwar schon sehr kritische Äußerungen von Papst Franziskus, und Papst Leo XIV. bezeichnete bereits am zweiten Tag seines Pontifikats KI als eine der „größten Herausforderungen für den Schutz der Menschenwürde und der Gerechtigkeit der Arbeit“ (Papst Leo XIV, 2025). Aber ich bin von dieser Enzyklika positiv überrascht, weil sie so klar formuliert, dass diese Technik in der Hand kleiner Eliten maximalen Schaden für den einzelnen Menschen wie die sozialen Gemeinschaften anrichten kann.

Ein Zitat des Papstes lautet: „Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt.“ Für Peter Thiel, milliardenschwerer KI-Investor und Gründer des US-Unternehmens Palantir, das Überwachungssoftware für Polizei und Militärs entwickelt, sind das ungebührende Einmischungen. Wer die Technologie zügele, bereite dem Antichristen den Weg, bemerkte er unlängst. Wer von den beiden hat mehr zu melden?

Papst Leo XIV. spricht als Oberhaupt der katholischen Kirche für 1,4 Milliarden Menschen weltweit. Er repräsentiert und prägt die ethischen und moralischen Werte der christlichen Weltgemeinschaft, die seit 2000 Jahren unsere Kultur repräsentiert. Gemeinsam ist allen monotheistischen Religionen, zumindest in Demokratien, dass sie die Trennung von Staat und Glaubensgemeinschaft akzeptieren und versuchen, ein friedliches, interreligiöses Miteinander zu ermöglichen, die Ökumene. Religiöse Gemeinschaften sind Wertegemeinschaften. Und mit seiner Enzyklika zeigt Papst Leo XIV. sehr klar, dass es ihm um Würde und Gerechtigkeit geht.

Thiel hingegen ist der Repräsentant einer kleinen Clique von US-Milliardären, die aufgrund der seit den 1990er-Jahren fehlenden Regulierung der IT- und KI-Anwendungen rücksichtslos nur eigene Geschäftsinteressen vertreten und sich immer weiter bereichern. Elon Musk wird vermutlich der erste Billionär, was den Wahnsinn der Datenökonomie verdeutlicht. Thiel kümmert sich weder um Menschenwürde noch um Rechtssysteme. Es geht ihm ausschließlich um Partikularinteressen der Techkonzerne. Als Mitgründer von Palantir und Risikokapitalgeber argumentiert er für einen komplett unregulierten Techsektor und missbraucht dafür religiöse Symboliken wie den Antichristen oder religiöse Endzeitvisionen. Aber solchen Techmogulen gehören die wichtigsten digitalen, vor allem die sozial nur genannten Medien, und sie bestimmen daher, was Menschen in den Onlinekanälen sehen und hören.

Womit sie selbst eine neue Art Religion erschaffen haben?

Ja. Es ist eine perfide Mischung aus Fortschritts- und Technikgläubigkeit als eine Form von Ersatzreligion. Man muss das als zwei Strategien des Spätkapitalismus sehen: die vermeintliche Individualisierung und Ich-Bezogenheit auf der einen, der Verlust der Gemeinschaft von Familie, Nachbarschaft, Gemeinde auf der anderen Seite. Das Verbindende und Hoffnungspendende religiöser Gemeinschaften geht in säkularisierten Gesellschaften verloren. Diese Leerstelle sollen mit dem „Solutionism“ – englisch für Lösungskonzepte – technische Systeme für alle Probleme füllen, bis hin zur Unsterblichkeit durch den Transfer des Bewusstseins ins Netz. Das ist die „Wiedergeburt auf digitalisch“, absurd, aber ein Geschäftsmodell.

Kann ausgerechnet der Papst dem etwas entgegensetzen?

Leo XIV. referiert über die schon heute bekannten Folgen für Kinder, Jugendliche und übrigens auch Erwachsene durch netzbasierte Bildschirmmedien. Weltweit wird über die zwingend notwendige Regulierung von KI diskutiert. Die zugrunde liegenden Techniken haben ein ähnlich mächtiges Potenzial wie die Kernspaltung. Norbert Wiener, Vordenker und Namensgeber der Kybernetik, warnte schon 1947 im Vorwort zu seinem Buch „Kybernetik“: „Wir haben nicht einmal die Möglichkeit, diese neuen technischen Entwicklungen zu unterdrücken. Sie gehören zu diesem Zeitalter, und das Höchste, was irgend jemand von uns tun kann, ist, zu verhindern, dass die Entwicklung des Gebietes in die Hände der verantwortungslosesten und käuflichsten unserer Techniker gelegt wird.“

Genau das ist passiert …

Leider ja. Diese verantwortungslosesten und käuflichsten Techniker und ihre Partner lassen sich heute von A – Sam Altman, Open AI – bis Z – Marc Zuckerberg, Meta – durchbuchstabieren. Seit November 2022 werden Tools und Bots der generativen KI wie ChatGPT, Claude, Gemini oder X-AI ohne Rücksicht auf die Folgen für die Öffentlichkeit und die Menschen verbreitet. „The business of business is business“, heißt es bei den Neoliberalen. Investoren wie Marc Andreessen und Peter Thiel verdienen prächtig damit, aber die demokratischen Staaten kämpfen mit den Folgen und sind, aus Angst vor den Techkonzernen und Donald Trump, erschreckend zögerlich bei der Regulierung. Dabei wäre es Aufgabe des Gesetzgebers, die Rahmenbedingungen für den Einsatz von Technik festzulegen. Im Bundestag gibt es dafür sogar einen eigenen Ausschuss zur Technikfolgenabschätzung.

Von dem aber nichts zu hören ist. Etwa zu der fundamentalen Frage, was aus der Erwerbsarbeit wird, wenn KI sukzessive menschliche Fertigkeiten und Tätigkeiten übernimmt.

Nein. Das ist unverantwortlich, zumal über die Folgen von KI für den Arbeitsmarkt oder Sozialsysteme wie Gesundheit, Bildung oder den sozialen Zusammenhalt demokratischer Gesellschaften schon länger diskutiert wird. Ich erinnere nur an die 2017 von rund 100 US-Wissenschaftlern formulierten 23 KI-Leitsätze von Asilomar. Wobei auch diese Grundsätze der typischen Ideologie des Technikdeterminismus und Utilitarismus folgen, die vom Glauben an Fortschritt und Machbarkeit geprägt sind.

Die Vereinigung Deutscher Wissenschaft hat die Asilomar-Leitlinien 2018 in einer Stellungnahme deshalb auch als nicht weitreichend genug kritisiert. Statt aber diese Diskussion aufzugreifen und für generative KI zu aktualisieren, dominieren die Digitalenthusiasten, geblendet von den Milliardeninvestitionen, während die Realisten auf den KI-Crash warten, weil weder die Large Language Models (LLM) noch die notwendigen, immer größer werdenden Rechenzentren mit ihrem immensen Strom- und Wasserbedarf zukunftsfähig sind. Die Blase wird implodieren wie beim Internethype im Jahr 2000 oder beim Bankencrash 2008.

Beklemmend sind zwei weitere Perspektiven: Sofern die KI den Menschen nicht gleich auslöscht, was Experten inzwischen ernsthaft in Betracht ziehen, treibt die Technik eine radikale Entmenschlichung voran, indem sie auf die Kontrolle unserer Köpfe und Körper zielt.

Dass Maschinen die Weltherrschaft anstreben könnten, gehört zu den albernen Visionen und Stereotypen, um Menschen Angst zu machen. Das ist und bleibt Science-Fiction. Maschinen haben kein Bewusstsein, keinen Willen, keine Absichten. Angst muss man daher nicht vor Maschinen haben, sondern vor den Menschen, die sie entwickeln und sie zu eigenen Zwecken einsetzen. Ich denke dabei etwa an Drohnen, die in der Ukraine und in Gaza eingesetzt werden. Damit kann man schon heute Personen per Gesichtserkennung oder Irisscan identifizieren und liquidieren.

Die Frage ist daher, warum diese Fantastereien immer wieder aufgekocht werden. Es sind Ablenkungsstrategien, um zu kaschieren, was bereits alles mit KI-gesteuerten Geräten gemacht werden kann und gemacht wird. Dieses automatisierte Töten ohne Eingriff eines Menschen ist einer der Gründe, warum der neue Papst wie schon sein Vorgänger Franziskus bei KI interveniert. Techfirmen blenden ethische Fragen entweder aus oder werden für richtige Entscheidungen sanktioniert.

Anthropic aus den USA hat für sein KI-Modell Claude festgelegt, dass es weder US-Bürger überwachen noch als System für Drohnen autonom töten darf. Daraufhin wurde das Unternehmen vom Pentagon zum nationalen Sicherheitsrisiko erklärt und von staatlichen Aufträgen abgeschnitten. Amazon, Google, Microsoft, Nvidia, Open AI und weitere AI-Konzerne haben die Vereinbarungen mit dem Pentagon unterschrieben. Das Geschäft geht vor.

Was steht auf dem Spiel?

Es geht um die Frage, ob es gelingt, IT und KI als Werkzeuge zugunsten einer humanen und demokratischen Gesellschaft einzusetzen, oder ob ein paar Oligarchen sie weiterhin dafür missbrauchen, ihre eigene Vorherrschaft zu festigen. Wenn es nach Investoren wie Marc Andreessen geht, werden wir alle, vom Kleinkind bis zum Senior, immer eine digitale Nanny dabei haben, die uns sagt, was wir tun sollen. Das gruselige Manifest dazu heißt „Why AI will save the world“, also „Warum KI die Welt retten wird“.

Dabei ist schon jetzt durch zahlreiche Studien belegt, dass die Lernleistungen in Schulen seit Jahren kontinuierlich schlechter werden. Der Neurowissenschaftler Jared Cooney Horvath von der Universität Melbourne hat im Januar 2026 in einer schriftlichen Stellungnahme vor dem US-Senatsausschuss für Handel, Wissenschaft und Verkehr dargelegt, dass die Generation Z trotz ihres beispiellosen Zugangs zu Technologie kognitiv weniger leistungsfähig ist als frühere Generationen. Diese Generation ist demnach die erste in der modernen Geschichte, die in standardisierten Tests schlechter abschneidet als vorherige Generationen.

Horvath lehnt Technologie nicht per se ab. Er will allerdings Bildungsinstrumente an die tatsächlichen Lernprozesse des Menschen anpassen statt umgekehrt das Lernen an die digitalen Prozesse. Diese Fehlentwicklung hat auch schon die UNESCO in ihrem „2023 Global Education Monitor“ beklagt. Nicht das Lernen und der pädagogische Nutzen stünden im Mittelpunkt, sondern wirtschaftliche Interessen der IT-Anbieter und Aspekte der Datenökonomie.

Haben Sie den Eindruck, dass das den politischen und wirtschaftlichen Eliten in Deutschland wenigstens dämmert?

Nein. Die politisch Verantwortlichen haben von den IT-Lobbyisten jahrelang gehört, Deutschland hinke bei IT und KI hinterher und müsse die digitale Transformation möglichst schnell vorantreiben. Das ist aus Sicht der Techmonopole logisch. Dadurch wird die Infrastruktur für den digitalen Faschismus aufgebaut, den Rainer Mühlhoff in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus – Wie Tech-Milliardäre Macht und Zukunft formen“ treffend beschreibt). Ob man den technologischen Autoritarismus nun digitalen Faschismus, Despotismus oder Feudalismus nennt, ist eigentlich egal. So oder so werden wir im Netz der Datenkraken gefangen gehalten.

Wenn Mensch dabei ist, immer mehr zu verblöden: Wo soll das hinführen? Auch Blöde haben irgendwann Hunger, aber ohne Lohnarbeit gibt es kein Essen. Ahnen diese Technofaschisten gar nicht, in welchen Mist sie die Menschheit und den Planeten reiten?

Doch, sie wissen sehr genau, was passieren wird: Die sozialen Spannungen steigen bis zum Bürgerkrieg, die Ressourcen der Erde werden von wenigen Oligarchen gnadenlos ausgebeutet. Und die Menschen kämpfen um die wenigen verbliebenen Ressourcen wie Wasser und Nahrung, statt sich gegen die Potentaten zu wehren. Und das Schlimme ist: Die wollen es genau so. Das Ziel ist ein autokratischer Staat mit wenigen Techfürsten an der Spitze, drumherum ein Kokon an Loyalisten und Speichelleckern plus Armee und Polizei.

Nachzulesen ist das alles in den Papieren der Heritage Foundation zum „Project 2025“, aktualisiert zum „Project 2026“. Der „Rest“ der Bevölkerung dient als Arbeitssklaven und wird ansonsten per Streaming und sogenannten sozialen Diensten als Konsumäffchen an diversen Bildschirmen ruhiggestellt. Als Science-Fiction kennt man das schon, etwa im Film „Elysium“ von Neill Blomkamp. Wenige Reiche leben im Luxus auf dem Raumschiff, während die Bevölkerung auf der zerstörten Erde ums Überleben kämpft und von Armee und Polizei kontrolliert wird.

Wäre das dann eine Mixtur aus Aldous Huxleys „Brave New World“ und George Orwells „1984“?

Das Konzept nennt sich Elitismus, ist aber nur eine Variante der Oligarchie, zu der die USA verkommen sind. Es ist eine Mischung aus Ausbeutung, reiner Gier, allerdings mit bisher unbekannten Mengen an Geld und Einfluss in Privathänden. Wie Kraken haben sich die Techkonzerne in alle Gesellschaftsbereiche hineingefressen und steuern die Kommunikation und den Konsum. Selbst die US-Armee funktioniert nicht mehr ohne die Software Palantir von Alex Karp und Mitgründer Peter Thiel.

Die ICE-Behörde arbeitet mit der Software Gotham, ebenfalls von Palantir, um Migranten zu verhaften und ohne Prozess abzuschieben, Menschen, die zwar arbeiten und Steuern zahlen, aber keine Aufenthaltsgenehmigung haben. Die Daten für ICE hat Elon Musk in seinen vier Wochen im Weißen Haus abgegriffen. Es geht um solitäre Macht weniger Techmonarchen, die sich die Welt nach ihren psychotischen und rassistischen Vorstellungen weißer, männlicher Vorherrschaft gestalten. Auch das lässt sich nachlesen, im Manifest von Alex Karp: „The Technological Republic“.

Elon Musk will die Menschheit mit einem humanoiden Roboter namens Optimus beglücken, der uns in Zukunft in Milliardenzahl zur Hand gehen und ein „universell hohes Einkommen“ garantieren soll. Ist es nicht schlicht das viele Geld, dass diesen Techmogulen die Sinne vernebelt?

Nicht nur das Geld, auch der fehlende Widerspruch und Widerstand sowohl der Politik wie der Gesellschaft. Elon Musk ist ja das Paradebeispiel eines drogengesteuerten Psychopathen, der nicht nur größenwahnsinnige Projekte initiiert, die früher oder später scheitern. Er verfolgt sogar eugenische Projekte, indem er Frauen dafür bezahlt, für ihn Kinder auszutragen. Selbst der Mensch ist für ihn nur ein Produkt, das man durch künstliche Befruchtung und Genkontrolle nach den eigenen Vorstellungen herstellen kann. Thiel und ein Sohn von Trump sponsern die „Enhanced Games“, Menschenversuche mit kontrolliertem Doping, um die Leistungsgrenzen des Körpers auszutesten.

Es ist letztlich der Wahn, den Menschen, ganze Gesellschaften und die Welt durch Technik nach eigenen Vorstellungen zu formen. Das ist das Prinzip der kybernetischen Steuerung als Hybris, Perversion und gelebte Psychose. Karp, Thiel, Musk und ein paar andere halten sich für die Weltherrscher und kapieren gar nicht, dass sie lediglich die westlichen Demokratien zerstören und so den Raum schaffen für eine Übergangsphase der Ochlokratie, also der Herrschaft des Pöbels. Zu bestaunen in den USA mit Donald Trump und J. D. Vance als Marionetten der Techmonarchen an der vermeintlichen Spitze des Staates, bevor das System in einem technologischen Totalitarismus mündet. Technik ist nur das Mittel und die Infrastruktur, es geht um Macht und Herrschaft.

Ergo müsste zuerst der Kapitalismus überwunden werden, um den Wahnsinn zu überwinden?

Wenn man das, was derzeit in den USA zu beobachten ist, noch Kapitalismus nennen will, ja. Es ist ja eher eine marktradikale Version neoliberaler, libertärer Monopolisierung von Infrastruktur und Diensten, die nur dem Eigennutz weniger Narzissten und Psychos dient. Das schließt den Kreis zur Enzyklika des Papstes, der einfordert, dass Technik und Wirtschaft dem Gemeinwohl und der Humanität dienen müssen und kein Selbstzweck im Dienst kleiner Eliten sein dürfen. Und das Wichtigste dabei ist: Man kann sich wehren.

Wie?

In Deutschland muss man dazu nur das Grundgesetz lesen – und umsetzen. In Artikel 14 heißt es: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“, und laut Absatz 3 ist eine Enteignung „zum Wohle der Allgemeinheit zulässig“. Die Bundes- und Landesregierungen haben die Pflicht, den Einsatz von Wirtschaftsmacht und Technologien wie der KI zugunsten des Gemeinwohls zu steuern, zu reglementieren und notfalls Unternehmen zu vergesellschaften und/oder zu zerschlagen beziehungsweise Dienste, die sich gegen Demokratie und Gemeinwohl richten, in Europa zu verbieten.

So, wie wir in der Politik wieder eine wehrhafte Demokratie werden müssen, müssen wir in der Wirtschaft wieder eine soziale und humane Wirtschaft werden, die nicht nur auf Shareholder Value und Rendite schielt, sondern auf soziale Verantwortung, Gemeinschaft und Gemeinwohl ausgerichtet ist. Dass Papst Leo XIV. seine erste Lehrschrift diesem Thema widmet, zeigt nur, wie weit wir uns durch Fortschrittsglauben und Technikfixierung von einer humanen und sozialen Gemeinschaft entfernt haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Titelbild: CineVI/shutterstock.com

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„Versöhnung“ statt Reparationen

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Begeisterte Nazis

Die Sudetendeutschen – deutschsprachige Bürger vor allem in den grenznahen Regionen der damaligen Tschechoslowakei – waren schon sehr früh auf NS-Kurs eingeschwenkt. Bereits in den 1920er Jahren erstarkte in ihren Wohngebieten die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), die Anfang der 1930er Jahre eine Mitgliederzahl von rund 100.000 erreichte. Nach ihrer Auflösung trat zunächst die Sudetendeutsche Heimatfront an ihre Stelle, die sich 1935 in Sudetendeutsche Partei umbenannte und bei der tschechoslowakischen Parlamentswahl im Mai 1938 rund zwei Drittel aller Stimmen der Sudetendeutschen gewann. „Der Aufstieg der Nationalsozialisten“, konstatiert die Historikerin Eva Hahn, führte letzten Endes „zur politischen Destabilisierung des gesamten öffentlichen Lebens in den vorwiegend von deutschsprachiger Bevölkerung besiedelten Grenzgebieten der Tschechoslowakei.“[1] Nicht zuletzt mit Hilfe des Sudetendeutschen Freikorps schürten sudetendeutsche Faschisten im Jahr 1938 Unruhen, die das NS-Reich schließlich nutzte, um Großbritannien, Frankreich und Italien am 30. September 1938 zur Einigung auf das Münchner Diktat zu veranlassen. Schon am 1. Oktober marschierte die Wehrmacht unter dem Jubel zahlloser Sudetendeutscher in die Grenzgebiete der Tschechoslowakei ein; es war der Auftakt zur totalen Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates.

„Mustergau“ Sudetenland

Unter deutscher Besatzung galten die okkupierten Grenzgebiete der Tschechoslowakei, der „Sudetengau“ unter Gauleiter Konrad Henlein, als „Mustergau“. Bereits vor der Okkupation hatte eine Welle der Gewalt gegen nicht deutschsprachige Bürger der Tschechoslowakei und insbesondere gegen Jüdinnen und Juden begonnen. „Seit März 1938 kam es regelmäßig zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftslokale und gegen Juden“, heißt es etwa in einer Studie des Historikers Jörg Osterloh; schon im August und September 1938 hätten sich viele Juden „zur Flucht nach Innerböhmen gezwungen“ gesehen: „Die ersten Orte deklarierten sich bereits unverbrämt als ‚judenfrei‘.“[2] Nach dem Einmarsch der Wehrmacht eskalierte der antisemitische Terror. „Kaum ein anderes Gebiet des Reiches“, stellt Osterloh fest, „war Ende 1938 in einem ähnlichen Maße ‚judenrein‘ geworden wie der Sudetengau.“ Sudetendeutsche gingen immer wieder mit brutaler Gewalt auch gegen nichtjüdische Tschechoslowaken vor, die ihnen ebenfalls als „minderwertig“ galten. Noch im April 1944 diskutierten hochrangige SS- und NSDAP-Funktionäre über eine mögliche „totale Aussiedlung der Tschechen aus Böhmen und Mähren“ sowie über „die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und aller destruktiven Elemente der reichsfeindlichen Intelligenzschicht“.[3] Kriegsbedingt kam es nicht mehr dazu.

„Volksgruppe im Exil“

Die Sudetendeutschen, die aufgrund ihrer herausragenden Rolle bei der Vorbereitung der Zerschlagung der Tschechoslowakei, aufgrund ihrer Aktivitäten im Rahmen der Okkupation der tschechoslowakischen Grenzgebiete und aufgrund ihrer zahllosen weiteren Verbrechen dann nach dem Zweiten Weltkrieg meist in die heutige Bundesrepublik umgesiedelt wurden, begannen bald, sich neu zu organisieren – nicht gemeinsam mit weiteren Umgesiedelten unabhängig von der Herkunftsregion, sondern nur sich selbst als „Volksgruppe im Exil“, als Sudetendeutsche Landsmannschaft. Diese hatte von Beginn an zahlreiche schwer belastete NS-Funktionäre in ihren Reihen und immer wieder auch in leitenden Funktionen.[4] Zu den frühen Aktivitäten der umgesiedelten Sudetendeutschen gehörte es, tatsächlich oder auch angeblich durch die Umsiedlung erlittene Verluste zu berechnen, um sie, sobald sich eine Gelegenheit bot, als Entschädigung einfordern zu können.[5] 1954 übernahm der Freistaat Bayern offiziell die Schirmherrschaft über die Sudetendeutschen – ein Beleg dafür, wie klar der bundesdeutsche Staat sich hinter sie stellte. Die Forderung, „den Rechtsanspruch auf die Heimat“ und „deren Wiedergewinnung“ durchzusetzen, hat die staatlich intensiv protegierte Sudetendeutsche Landsmannschaft erst 2015 aus ihrer Satzung gestrichen – nach erbittert geführten internen Machtkämpfen.[6]

Das „Recht auf die Heimat“

In den vergangenen Tagen hieß es anlässlich der Durchführung des Sudetendeutschen Tages im tschechischen Brno mit Verweis auf die Satzungsänderung aus dem Jahr 2015, die Landsmannschaft habe sich von früheren Forderungen nach einer wie auch immer gearteten Rückgewinnung ihrer Herkunftsgebiete und nach Entschädigung für Umsiedlungsverluste getrennt. Dies trifft nur eingeschränkt zu. So taucht der Begriff „Wiedergewinnung“ in der aktuellen Satzung der Landsmannschaft zwar nicht mehr auf. Dafür heißt es, Rechtsverstöße wie etwa „Vertreibungen“ – dazu zählt für die Sudetendeutschen auch ihre Umsiedlung – seien „zu ächten“ und „auf der Grundlage eines gerechten Ausgleiches zu heilen“.[7] Zudem heißt es, „das Recht auf die Heimat“ müsse „gewahrt und garantiert“ werden. Beim „Recht auf die Heimat“ handelt es sich nicht um ein im internationalen Recht allgemein anerkanntes Prinzip, sondern um ein Konzept speziell deutscher Völkerrechtler. Was es bedeutet, hat im Jahr 2017 der damalige Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, erklärt: „Das Recht auf die Heimat … impliziert viele Fragen, darunter natürlich auch die nach einer materiellen Entschädigung.“[8] Wie es in der Satzung der Landsmannschaft heißt, dient „der Erfüllung des Satzungszweckes“ – dazu gehört das „Recht auf die Heimat“ – „der jährliche Sudetendeutsche Tag.“

Nicht ernst gemeint

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft hat seit Jahren systematisch darauf hingearbeitet, ihren Sudetendeutschen Tag in Gebieten in Tschechien abzuhalten, auf die sie ein „Recht auf die Heimat“ postuliert. Das ist ihr in diesem Jahr in Brno gelungen. Proteste in Tschechien wurden ignoriert. So hatte etwa das tschechische Parlament in einer Resolution vom 14. Mai seinen „Widerstand gegen die Abhaltung des 76. Sudetendeutschen Tages auf dem Territorium der Tschechischen Republik“ erklärt und ausdrücklich gewarnt, im Umfeld der Sudetendeutschen gebe es „seit langem Einstellungen …, die die Nachkriegsvereinbarung in Frage stellen“.[9] Am Wochenende erinnerten Demonstranten an die Massenverbrechen der Sudetendeutschen während der NS-Okkupation; die kommunistische Europaabgeordnete Kateřina Konečná erinnerte daran, dass die Bundesrepublik bis heute keinerlei Reparationen für die NS-Verbrechen gezahlt hat, und erklärte zur Forderung der Sudetendeutschen nach „Versöhnung“, sie werde erst glauben, dass dies „ernst gemeint“ sei, wenn die deutsche Seite Entschädigung leiste.[10] Davon kann bis heute nicht im Geringsten die Rede sein.[11]

 

[1] Hans Henning Hahn (Hg.): Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen Band 1. Frankfurt am Main 2007. S. dazu unsere Rezension.

[2] Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938-1945. München 2006. S. dazu Die entfesselnde Wirkung der Ostexpansion.

[3] Erich Später: Der homogene Stamm. Die sudetendeutsche Volksgemeinschaft. kritischebildung.de.

[4] Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft. Hamburg 2005.

[5] Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945-1955. Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen Band 2. Frankfurt am Main 2008. S. dazu unsere Rezension.

[6] S. dazu Kein Verzicht.

[7] Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Bundesverband e.V. sudeten.de.

[8] Dankesworte von Hartmut Koschyk MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, anlässlich der Entgegennahme des Menschenrechtspreises der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Augsburg am 3. Juni 2017. S. dazu Die Reparationsfrage.

[9] Widerstand von den Regierungsparteien. Frankfurter Allgemeine Zeitung 15.05.2026.

[10] Sudetoněmecký sjezd. denikn.cz 24.05.2026.

[11] S. auch Die Berliner Reparationsverweigerung (II), Das Recht des Täters und Nur Deutschland entschädigt nicht.

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Die Zwischenbilanz des Irankriegs

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Raketenbestände dezimiert

Eine der Ursachen dafür, dass US-Präsident Donald Trump bislang die Verhandlungen mit Iran fortführt und den US-amerikanisch-israelischen Angriffskrieg nicht erneut gestartet hat, liegt darin, dass die US-Streitkräfte ihre Waffenbestände in den 40 Tage währenden Kämpfen bereits stark dezimiert haben. Das geht aus einer Aufstellung des Washingtoner Center for Strategic & International Studies (CSIS) hervor. Demnach haben US-Truppen von den wohl 3.100 Tomahawk-Marschflugkörpern, die vor dem Krieg in US-Beständen lagerten, mehr als 1.000 verschossen. Eingesetzt wurden zudem mehr als 1.100 der insgesamt 4.400 Boden-Luft-Marschflugkörper JASSM.[1] Noch höher ist der verbrauchte Anteil bei Abwehrraketen, die unter anderem gegen relativ billige iranische Drohnen verwendet wurden; so wurden von den wohl 2.330 Patriot-Raketen zwischen 1.060 und 1.430 abgefeuert, von den wohl rund 360 THAAD-Raketen zwischen 190 und 290. Die Produktionsdauer einer Rakete wird etwa auf 42 Monate (Patriot) oder 47 Monate (Tomahawk) beziffert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Aufbereitung diverser Metalle, die für die Fertigung der Waffen unersetzlich sind, stark von der China kontrolliert wird; dies gilt nicht nur für die Seltenen Erden, sondern zum Beispiel auch für Wolfram.[2] Es dürfte die USA einige Mühe kosten, die Raketenbestände wieder zu füllen.

Marinehauptquartier schwer beschädigt

Es kommt hinzu, dass die Schäden an den US-Militäreinrichtungen im Mittleren Osten, die durch iranische Drohnen und Raketen verursacht wurden, offenkundig deutlich schwerer sind als bisher bekannt. Laut einer Recherche der Washington Post [3] trafen iranische Waffen mindestens 228 US-Ziele auf der Arabischen Halbinsel, im Irak und in Jordanien, wobei sie in einigen Fällen äußerst teure, nur mit erheblichem zeitlichen Aufwand zu ersetzende Anlagen zerstörten. Über die Basis der U.S. Navy in Bahrain etwa, auf der das Hauptquartier der Fifth Fleet untergebracht ist, wird berichtet, sie sei so schwer beschädigt worden, dass sie für Kommandofunktionen nicht mehr habe genutzt werden können; diese seien daraufhin an das CENTCOM-Hauptquartier auf der MacDill Air Force Base in Florida übertragen worden. Seit dem Beginn des Waffenstillstands haben Beobachter zuweilen geäußert, man müsse die Frage stellen, ob es überhaupt lohne, die US-Stützpunkte sämtlich wieder aufzubauen; sie lägen schließlich dauerhaft in Reichweite iranischer Raketen. Das wiegt umso schwerer, als die iranischen Streitkräfte laut Recherchen der New York Times wohl immer noch 70 Prozent ihrer Vorkriegsbestände an Raketen zur Verfügung haben, zudem 70 Prozent ihrer mobilen Raketenwerfer.[4] Erhebliche Drohnenbestände kommen hinzu.

In der Region unter Druck

Über die materiellen Schäden hinaus drohen den Vereinigten Staaten erhebliche politische Probleme. Mit dem Überfall auf Iran am 28. Februar hatte sich Washington über eindringlich vorgetragene Plädoyers der arabischen Golfstaaten hinweggesetzt, den Krieg nicht zu starten. Mittlerweile sind wenigstens einige Golfstaaten bereit, auf eine weitere Missachtung ihrer Interessen mit praktischen Gegenmaßnahmen zu reagieren. Nachdem die Vereinigten Staaten zu Monatsbeginn Maßnahmen zur gewaltsamen Öffnung der Straße von Hormuz („Project Freedom“) einleiteten, sperrten Saudi-Arabien und Kuwait US-Stützpunkte auf ihrem Territorium – etwa die Prince Sultan Air Base südöstlich von Riad – und vor allem auch ihren Luftraum für einschlägige US-Militäroperationen. Dies veranlasste die US-Administration, „Project Freedom“ binnen kürzester Zeit wieder einzufrieren.[5] Vergangene Woche wurde berichtet, Trump habe neue Überlegungen, punktuelle Angriffe auf Iran wieder aufzunehmen, auf Intervention nicht zuletzt Saudi-Arabiens zurückgestellt. Riad habe darauf hingewiesen, ein Wiederaufflammen des Krieges während der aktuellen Hadsch werde den saudischen Staat vor gravierende logistische Schwierigkeiten stellen sowie für den US-Präsidenten zu einem dramatischen Imageschaden führen.[6]

Schlechtere Ausgangsbasis

Vor diesem Hintergrund hat die Trump-Administration in den vergangenen Tagen erkennen lassen, zu einer Art Rahmenvereinbarung mit Teheran bereit zu sein. Sie soll nach aktuellem Stand 60 Tage gelten und sieht eine Verlängerung des Waffenstillstandes sowie die Öffnung der Straße von Hormuz vor. Demnach sollen die Vereinigten Staaten die Blockade iranischer Häfen beenden, während Iran keine Gebühren mehr für die Durchfahrt durch die Meerenge erhebt. Verhandlungen über ein neues Atomabkommen sollen dabei vorläufig ausgeklammert und erst nach Inkrafttreten der neuen Rahmenvereinbarung gestartet werden. Unbestätigten Berichten zufolge könnte Teheran zudem bereit sein zu bestätigen, es strebe den Bau von Kernwaffen nicht an. Das ist freilich schon seit je die offizielle Position Irans. Eine darüber hinaus gehende Annäherung beider Seiten im Atomstreit zeichnet sich bislang nicht ab. Der deutsche Diplomat Hans-Dieter Lucas, der in die Verhandlungen über das Nuklearabkommen von 2015 involviert war, hat darauf hingewiesen, dass die Ausgangsbasis für künftige Gespräche durch den 2018 von Trump vollzogenen Ausstieg aus der damaligen Vereinbarung erheblich schlechter geworden ist: Heute verfüge Iran über mehr als 400 Kilogramm zu 60 Prozent angereicherten Urans; „damals war es sehr viel weniger. Das sagt alles.“[7]

Unklare Perspektiven

Völlig unklar sind nach wie vor die Perspektiven für einen etwaigen Einsatz der Deutschen Marine in der Straße von Hormuz. Iran beharrt unverändert darauf, die Straße von Hormuz in Zukunft zu kontrollieren. Demnach müssten Durchfahrten bei der neu geschaffenen Persian Gulf Strait Authority in Teheran beantragt und von ihr genehmigt werden.[8] Irans Regierung hat Berichten zufolge eine gebührenfreie Passage nur vorläufig für die Dauer der Verhandlungen über das neue Atomabkommen zugesagt. Selbst wenn sie im weiteren Verlauf der Gespräche dauerhaft auf Gebühren verzichten müsste, bliebe dennoch ihr Anspruch auf die Kontrolle des Seeweges erhalten. Dies wäre aus Sicht des Westens eine signifikante Verschlechterung seiner Position am Persischen Golf. Insbesondere wäre unklar, wie Berlin den angestrebten Einsatz deutscher Kriegsschiffe in der Straße von Hormuz legitimieren oder gar durchsetzen wollte, sollte Teheran auf der Kontrolle über die Meerenge beharren. Damit stünden die deutsch-europäischen Bestrebungen, per Marineeinsatz die ausschlaggebende Macht in der strategisch bedeutenden Wasserstraße zu werden, vor dem Scheitern.

 

[1] Mark F. Cancian, Chris H. Park: Last Rounds? Status of Key Munitions at the Iran War Ceasefire. csis.org 21.04.2026.

[2] Janis Mackey Frayer, Stella Kim, Jennifer Jett: China controls a metal that’s key for the Iran war, sending the U.S. on a global hunt for more. nbcnews.com 25.05.2026.

[3] Evan Hill, Jarrett Ley, Alex Horton, Tara Copp, Dan Lamothe: Iran has hit far more U.S. military assets than reported, satellite images show. washingtonpost.com 07.05.2026.

[4] Adam Entous, Maggie Haberman, Jonathan Swan: U.S. Intelligence Shows Iran Retains Substantial Missile Capabilities. nytimes.com 12.05.2026.

[5] Gulf states derailed Trump’s ‘Project Freedom’ by cutting US access to airspace and bases. middleeasteye.net 07.05.2026.

[6] Shafik Mandhai: Trump postponed US attack on Iran after ‘Hajj warning’. middleeasteye.net 20.05.2026.

[7] „Von den Iranern hieß es: Congratulations to Germany!“ ga.de 25.05.2026.

[8] S. dazu Die Öffnung der Straße von Hormuz (II).

(Auszug von RSS-Feed)

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„Jeder große Krieg beginnt mit einer Lüge“ – Wie Zentralbanken, Imperien und Propaganda laut Richard Werner die Welt in Kriege treiben

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In einem langen Gespräch analysiert der Ökonom und Bankenexperte Richard Werner die geopolitischen Machtstrukturen hinter großen Kriegen – von der Lusitania über den Ersten Weltkrieg bis hin zu den heutigen Konflikten gegen Iran, Russland und China. Seine zentrale These: Große Kriege entstehen nicht spontan, sondern werden durch Propaganda, wirtschaftliche Interessen und geopolitische Strategien vorbereitet. Dabei spielten laut Werner insbesondere Zentralbanken, imperiale Machtzentren und kontrollierte Finanzsysteme eine entscheidende Rolle.

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„Der Iran-Krieg wegen Atomwaffen? Ein IQ-Test“

Gleich zu Beginn macht Werner eine provokante Aussage:
Wer glaube, der aktuelle Krieg gegen Iran habe tatsächlich primär mit dem iranischen Atomprogramm zu tun, falle auf Propaganda herein.

Er argumentiert:
Kriege würden historisch fast immer unter falschen Vorwänden verkauft —
während die eigentlichen geopolitischen und wirtschaftlichen Motive verborgen blieben.

Die Lusitania: Der Erste Weltkrieg als False Flag?

Als Beispiel nennt Werner den Untergang der RMS Lusitania im Jahr 1915.

Die offizielle Geschichte lautet:
Ein deutsches U-Boot habe ein ziviles Passagierschiff versenkt und dadurch anti-deutsche Stimmung in den USA erzeugt.

Werner behauptet jedoch:
Die britische Führung habe bewusst darauf hingearbeitet, die USA in den Krieg hineinzuziehen.

Er verweist darauf:

  • Die Lusitania sei offiziell als militärisches Hilfsschiff registriert gewesen.
  • Deutschland habe öffentlich davor gewarnt, das Schiff zu betreten.
  • Deutsche Anzeigen in amerikanischen Zeitungen hätten ausdrücklich erklärt, das Schiff könne angegriffen werden.

Besonders brisant:
Laut Werner sollen manche Zeitungen diese Warnungen absichtlich nicht veröffentlicht haben.

Er behauptet außerdem:
Die Briten hätten damals bereits deutsche Funkcodes mitlesen können und den Kapitän der Lusitania absichtlich auf eine Route gelenkt, die direkt an einem deutschen U-Boot vorbeiführte.

Winston Churchill habe sogar persönlich angeordnet, die Geschwindigkeit des Schiffes zu reduzieren —
obwohl dies das Risiko eines Angriffs erhöhte.

Für Werner ist die Lusitania deshalb ein klassisches Beispiel dafür,
wie ein Ereignis genutzt werde, um öffentliche Kriegsstimmung zu erzeugen.

„Normale Menschen wollen keinen Krieg“

Werner argumentiert mehrfach:
Die Mehrheit der Bevölkerung wolle niemals Krieg.

Gerade deshalb müssten:

  • Medienkampagnen,
  • Schockereignisse,
  • Feindbilder
  • und emotionale Narrative

geschaffen werden, um Bevölkerung und Politik in Richtung Krieg zu bewegen.

Er warnt:
Das eigentliche Problem sei,
dass viele Menschen sich schlicht nicht vorstellen könnten,
dass mächtige Kreise absichtlich globale Konflikte provozieren würden.

Der Erste Weltkrieg als Beginn der totalen Kontrolle

Werner beschreibt den Ersten Weltkrieg als Wendepunkt der modernen Geschichte.

Er nennt ihn:
den Beginn des modernen totalen Krieges.

Zum ersten Mal seien:

  • ganze Gesellschaften,
  • Industrien,
  • Frauen,
  • Medien
  • und Wirtschaftssysteme

vollständig militarisiert worden.

Laut Werner entstand in dieser Zeit:
eine neue Form zentralisierter Kontrolle,
die sich unter dem Vorwand des Krieges ausbreiten konnte.

Die Rolle Großbritanniens

Im Zentrum seiner historischen Analyse steht das Britische Empire.

Werner beschreibt Großbritannien als damalige globale Hegemonialmacht,
die ihre Dominanz über:

  • Kolonialismus,
  • Seemacht,
  • Finanzsysteme
  • und Handelskontrolle

gesichert habe.

Besonders ausführlich spricht er über:

  • die East India Company,
  • koloniale Ausbeutung,
  • Hungersnöte in Irland und Indien,
  • sowie die Kontrolle globaler Handelsrouten.

Er behauptet:
Großbritannien habe Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend als existenzielle Bedrohung gesehen.

Die wahre Ursache des Ersten Weltkriegs?

Werner glaubt:
Ein zentraler Auslöser des Ersten Weltkriegs sei das deutsche Infrastrukturprojekt der Berlin–Bagdad–Basra-Bahn gewesen.

Die Idee:
Deutschland wollte Rohstoffe und Energie über Landwege sichern —
ohne von britisch kontrollierten Seewegen abhängig zu sein.

Für das britische Empire sei dies eine strategische Katastrophe gewesen.

Denn:
Eine erfolgreiche kontinentale Verbindung von Europa bis in den Nahen Osten hätte die britische Seemacht massiv geschwächt.

Werner zieht dabei direkte Parallelen zur heutigen Weltlage.

China als „neues Deutschland“

Laut Werner befindet sich die Welt heute erneut in einer ähnlichen geopolitischen Phase.

Die Rolle des damaligen Deutschlands nehme heute China ein.

China versuche:

  • alternative Handelsrouten,
  • unabhängige Lieferketten,
  • eigene Finanzsysteme
  • und neue Infrastrukturprojekte

aufzubauen.

Das moderne Gegenstück zur Berlin–Bagdad-Bahn sei laut Werner:
die chinesische Belt-and-Road-Initiative („Neue Seidenstraße“).

Iran als Schlüssel gegen China

Besonders wichtig sei dabei Iran.

Werner argumentiert:
Iran sei nicht primär wegen seines Atomprogramms Ziel westlicher Angriffe —
sondern wegen seiner Rolle als Energie- und Transportkorridor für China.

Er verweist darauf,
dass bei Angriffen auf Iran auch Infrastrukturprojekte der Belt-and-Road-Initiative bombardiert worden seien:

  • Brücken,
  • Bahnlinien,
  • Transportkorridore.

Für Werner ist dies ein Beweis,
dass der eigentliche geopolitische Gegner China sei.

„Venezuela und Iran sind Teil derselben Strategie“

Werner sieht auch Venezuela als Teil derselben globalen Strategie.

Beide Länder:

  • verfügen über große Energieressourcen,
  • beliefern China,
  • und entziehen sich westlicher Kontrolle.

Er behauptet,
dass Regimewechsel-Operationen heute zunehmend offen stattfinden —
ohne die frühere „plausible Abstreitbarkeit“.

Zentralbanken und die Kontrolle der Staaten

Ein großer Teil des Interviews dreht sich um Zentralbanken und Finanzsysteme.

Werner schildert:

  • die Asienkrise 1997,
  • die Rolle des IWF,
  • Währungsangriffe,
  • Kapitalsteuerung
  • und Kreditmanipulationen.

Er behauptet:
Finanzkrisen würden oft künstlich verschärft,
um Staaten in Abhängigkeit zu treiben.

Als Beispiel nennt er Thailand:

  • Der Baht sei durch Zentralbankpolitik destabilisiert worden.
  • Danach habe der IWF harte Sparmaßnahmen verlangt.
  • In der Folge seien thailändische Vermögenswerte billig an ausländische Investoren verkauft worden.

Werner bezeichnet dieses Modell als:
„moderne wirtschaftliche Kolonialisierung“.

Der IWF als modernes Imperium?

Besonders kritisch äußert sich Werner über:

  • den IWF,
  • die Weltbank
  • und das Dollar-System.

Er argumentiert,
diese Institutionen dienten nicht primär der Entwicklung —
sondern der Kontrolle.

Die Belt-and-Road-Initiative Chinas stelle deshalb erstmals eine ernsthafte Alternative zum westlich dominierten Finanzsystem dar.

Die Gefahr eines neuen Weltkriegs

Am Ende warnt Werner eindringlich vor einer Eskalation Richtung Dritter Weltkrieg.

Er verweist:

  • auf die massive Aufrüstung Europas,
  • neue Wehrpflicht-Debatten,
  • NATO-Strategien,
  • Konflikte gegen Russland,
  • und die zunehmende Konfrontation mit China.

Besonders alarmierend sei,
dass viele Menschen glaubten,
niemand wolle einen Weltkrieg —
während gleichzeitig konkrete Vorbereitungen liefen.

Sein düsteres Fazit

Richard Werner zeichnet das Bild einer Welt,
in der:

  • Imperien ihre Dominanz sichern wollen,
  • Finanzsysteme geopolitisch eingesetzt werden,
  • Medien Kriegsnarrative verstärken,
  • und wirtschaftliche Rivalen systematisch bekämpft werden.

Für ihn sind:

  • der Krieg gegen Iran,
  • die Konfrontation mit Russland,
  • und der Druck auf China

keine getrennten Krisen —
sondern Teile eines globalen Machtkampfes um die Kontrolle der Weltordnung.

(Auszug von RSS-Feed)

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„Der neue Great Game“ – Brian Berletic warnt vor globaler US-Strategie gegen Iran, Russland und China

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Während westliche Medien die Konflikte gegen Russland, Iran und China meist getrennt behandeln, argumentiert der geopolitische Analyst Brian Berletic, dass all diese Krisen Teil einer einzigen langfristigen Strategie seien. In einem ausführlichen Interview beschreibt der ehemalige US-Marine und Betreiber des Kanals The New Atlas den aktuellen geopolitischen Konflikt als eine moderne Version des „Great Game“ – eines globalen Machtkampfes um Handelsrouten, Energie, Einflusszonen und die Zukunft der Weltordnung.

Seine zentrale These:
Die USA versuchen nicht mehr primär, Frieden oder Stabilität aufrechtzuerhalten — sondern den Aufstieg konkurrierender Machtzentren zu sabotieren, bevor die amerikanische Vorherrschaft endgültig zerbricht.

„Das eigentliche Ziel ist China“

Berletic macht gleich zu Beginn klar:
Iran, Russland und China seien keine getrennten Konflikte — sondern Teile eines einzigen geopolitischen Gesamtbildes.

Seiner Ansicht nach richtet sich die gesamte US-Strategie letztlich gegen China.

Russland solle geschwächt werden:

  • durch Sanktionen,
  • NATO-Ausweitung,
  • Angriffe auf Energieinfrastruktur,
  • und den Ukrainekrieg.

Iran wiederum werde:

  • militärisch,
  • wirtschaftlich
  • und geopolitisch

unter Druck gesetzt, um Chinas Energieversorgung zu destabilisieren.

Denn:
China ist massiv von Energieimporten aus dem Nahen Osten abhängig.

Berletic argumentiert:
Die Konflikte in Eurasien seien daher kein Zufall —
sondern Teil eines umfassenden Versuchs, Chinas langfristigen Aufstieg zu bremsen.

Diplomatie als Werkzeug der Eskalation

Besonders scharf kritisiert Berletic die amerikanische Diplomatie.

Die USA würden Gespräche nicht führen, um Konflikte zu lösen —
sondern um Zeit zu gewinnen, Narrative aufzubauen und weitere Eskalationen vorzubereiten.

Er verweist dabei:

  • auf die Ukraine,
  • auf Iran,
  • und auf Taiwan.

Immer wieder würden westliche Politiker öffentlich von „Verhandlungen“ sprechen,
während gleichzeitig:

  • Waffen geliefert,
  • Militärallianzen ausgebaut,
  • Sanktionen verschärft
  • und Konflikte vertieft würden.

Berletic beschreibt dies als eine Strategie des „Doppelspiels“:
Nach außen Diplomatie —
im Hintergrund Eskalation.

„Die USA wollen keine Balance – sie wollen Dominanz“

Ein zentraler Punkt des Interviews:
Die Vereinigten Staaten würden keine multipolare Welt akzeptieren.

Berletic erklärt:
Washington strebe keine Balance der Mächte an —
sondern globale Vorherrschaft („primacy“).

Er verweist dabei auf:

  • US-Strategiepapiere,
  • RAND-Studien,
  • Thinktank-Analysen
  • und offizielle Regierungsdokumente,

in denen immer wieder offen über die Sicherung amerikanischer Dominanz gesprochen werde.

Die eigentliche Angst der USA sei laut Berletic:
Dass Eurasien wirtschaftlich zusammenwächst.

Vor allem:

  • China,
  • Russland,
  • Iran,
  • Zentralasien
  • und Teile Europas

könnten gemeinsam einen Wirtschaftsraum bilden, der sich der amerikanischen Kontrolle entzieht.

Die Kontrolle der Handelsrouten

Besonders alarmierend ist Berletics Analyse der globalen Seewege.

Er argumentiert:
Die USA versuchen systematisch:

  • Energieflüsse,
  • Handelsrouten,
  • Meerengen
  • und maritime Knotenpunkte

unter Kontrolle zu halten.

Er nennt dabei:

  • die Straße von Hormus,
  • die Straße von Malakka,
  • den Indischen Ozean,
  • das Südchinesische Meer
  • und sogar die Ostsee.

Laut Berletic wird derzeit faktisch eine globale maritime Druckstrategie aufgebaut:

  • gegen russische Energie,
  • gegen iranische Exporte,
  • und indirekt gegen China.

„Die USA schaffen bewusst Instabilität“

Berletic geht noch weiter:
Washington versuche nicht mehr unbedingt, die Welt zu stabilisieren —
sondern sie kontrolliert zu destabilisieren.

Seiner Ansicht nach lautet die Logik:
Wenn die USA China wirtschaftlich nicht mehr einholen können,
dann müsse man:

  • Lieferketten zerstören,
  • Handelswege gefährden,
  • Energiepreise destabilisieren
  • und globale Unsicherheit erzeugen.

Das Ziel sei:
Den Aufstieg Chinas zu verlangsamen —
selbst wenn dies die Weltwirtschaft beschädigt.

Berletic formuliert es drastisch:
Die USA seien bereit,
„alles in Brand zu setzen“,
wenn dadurch ihre Vorherrschaft verlängert werden könne.

Die neue Energiekriegsführung

Ein großer Teil des Interviews dreht sich um Energie.

Berletic beschreibt,
wie Europa bereits durch:

  • Sanktionen,
  • Pipeline-Krisen,
  • LNG-Abhängigkeit
  • und die Zerstörung von Nord Stream

strategisch enger an die USA gebunden worden sei.

Nun werde dieselbe Strategie auf Asien übertragen.

Er verweist auf:

  • die Krise in Hormus,
  • Angriffe auf Schifffahrt,
  • Druck auf Indonesien,
  • militärische Präsenz rund um Malakka
  • und den Versuch, asiatische Staaten stärker von US-Energieexporten abhängig zu machen.

Taiwan als „asiatische Ukraine“

Besonders brisant sind Berletics Aussagen zu Taiwan.

Er glaubt nicht,
dass Washington jemals ernsthaft an einer friedlichen Lösung interessiert war.

Vielmehr werde Taiwan systematisch:

  • militärisch aufgerüstet,
  • politisch instrumentalisiert
  • und als Druckmittel gegen China benutzt.

Er bezeichnet Taiwan faktisch als:
eine potenzielle „asiatische Ukraine“.

Gemeinsam mit:

  • Japan,
  • Südkorea
  • und den Philippinen

solle Taiwan in eine regionale Anti-China-Front eingebunden werden.

Der globale „schmutzige Krieg“

Berletic spricht mehrfach von einem bereits laufenden „Dirty War“ gegen China.

Damit meint er:

  • Sabotage,
  • Wirtschaftskrieg,
  • politische Einflussoperationen,
  • Unterstützung bewaffneter Gruppen,
  • Angriffe auf Infrastrukturprojekte der Belt-and-Road-Initiative,
  • sowie Destabilisierung entlang chinesischer Handelsrouten.

Er nennt Beispiele aus:

  • Myanmar,
  • Pakistan,
  • Afghanistan
  • und Zentralasien.

Insbesondere chinesische Infrastrukturprojekte würden laut ihm gezielt unter Druck gesetzt.

Die eigentliche Angst Washingtons

Berletic beschreibt die größte amerikanische Sorge so:
China könnte dauerhaft stärker werden als die USA —
und eine multipolare Ordnung schaffen, in der Washington nicht mehr dominieren kann.

Genau deshalb versuche man:

  • Russland zu schwächen,
  • Iran zu isolieren,
  • Handelswege zu kontrollieren,
  • Bündnisse zu militarisieren
  • und Eurasien gespalten zu halten.

„Wie viel Schaden wird die USA noch anrichten?“

Das düsterste Element des Interviews ist jedoch Berletics Schlussfolgerung.

Er glaubt:
Das amerikanische Imperium befinde sich bereits in einer Phase strukturellen Niedergangs.

Die entscheidende Frage sei nicht mehr,
ob die US-Vorherrschaft endet —
sondern:
Wie viel Schaden dabei noch angerichtet wird.

Berletic warnt ausdrücklich davor,
die Eskalationsbereitschaft Washingtons zu unterschätzen.

Er verweist:

  • auf Diskussionen über Atomwaffen,
  • auf die massive Militarisierung Asiens,
  • auf die zunehmende Konfrontation mit Russland,
  • und auf die Bereitschaft, globale Wirtschaftskrisen in Kauf zu nehmen.

Das eigentliche Fazit

Zwischen den Zeilen beschreibt Berletic eine Welt am Übergang:

  • vom amerikanisch dominierten Unipolarismus,
  • hin zu einer multipolaren Ordnung.

Doch dieser Übergang verlaufe nicht friedlich.

Seiner Einschätzung nach versucht Washington:

  • den Wandel zu verzögern,
  • Rivalen zu schwächen,
  • Handelsrouten zu kontrollieren,
  • Eurasien gespalten zu halten
  • und geopolitische Konkurrenten gegeneinander auszuspielen.

Der Konflikt gegen Iran,
die Eskalation gegen Russland
und die Einkreisung Chinas

seien deshalb keine getrennten Krisen —
sondern Fronten desselben globalen Machtkampfes.

(Auszug von RSS-Feed)

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„Israel kann ohne die USA nicht weitermachen“ – Douglas Macgregor warnt vor regionalem Flächenbrand und dem Zerfall amerikanischer Machtprojektion

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Während westliche Medien weiterhin von möglichen Verhandlungen, diplomatischen Durchbrüchen und einer angeblichen „Deeskalation“ zwischen Washington und Teheran sprechen, zeichnet der ehemalige Pentagon-Berater und Oberst Douglas Macgregor ein völlig anderes Bild der Realität. In einem explosiven Interview beschreibt er den Nahen Osten als Region am Rand einer historischen geopolitischen Neuordnung — und warnt davor, dass die Vereinigten Staaten in einen Krieg hineingezogen werden könnten, den sie weder kontrollieren noch gewinnen können.

Für Macgregor steht fest:
Der Konflikt gegen Iran ist längst nicht mehr nur ein regionaler Krieg.
Er sei inzwischen Teil eines viel größeren Machtkampfes:

  • um die Zukunft Israels,
  • um die amerikanische Vorherrschaft,
  • um globale Energieversorgung,
  • und um die strategische Neuordnung des gesamten Nahen Ostens.

Seine Analyse ist dabei vernichtend:
Die USA hätten Iran massiv unterschätzt, ihre eigene Verwundbarkeit ignoriert und stünden nun vor einem geopolitischen Dilemma, aus dem es keinen einfachen Ausweg mehr gebe.

„Ein US-Rückzug wäre für Israel katastrophal“

Macgregor beginnt seine Analyse mit einer Aussage, die wie ein Schock wirkt:
Israel könne sich einen amerikanischen Rückzug aus dem Krieg faktisch nicht leisten.

Er argumentiert:
Die israelische Führung wisse genau, dass ihre gesamte strategische Position auf der permanenten Unterstützung durch die Vereinigten Staaten basiert.

Sollte Donald Trump plötzlich erklären:

  • es gebe „keine militärische Lösung“,
  • die USA würden sich zurückziehen,
  • oder die Kampfhandlungen würden eingefroren,

dann wäre dies laut Macgregor aus israelischer Sicht „katastrophal“.

Denn:
Israel müsse Washington dauerhaft im Konflikt halten.
Nur so könne Tel Aviv verhindern, geopolitisch isoliert zu werden.

Die Angst vor dem Ende amerikanischer Schutzmacht

Zwischen den Zeilen beschreibt Macgregor eine enorme strategische Panik innerhalb Israels.

Er deutet an:
Die israelische Führung fürchte weniger Iran selbst —
als vielmehr die Möglichkeit, dass die USA irgendwann nicht mehr bereit oder fähig sein könnten, die militärische Hauptlast zu tragen.

Genau deshalb, so seine Analyse, dürfe das Feuer des Krieges niemals vollständig erlöschen.

Denn sobald Washington sich zurückziehe, stelle sich sofort eine gefährliche Frage:
Warum sollten die USA später erneut militärisch eingreifen —
etwa gegen Türkei, Iran oder andere regionale Gegner Israels?

„Großisrael“ und die Eskalation im Libanon

Besonders explosiv sind Macgregors Aussagen über Israels strategische Ziele im Libanon.

Er behauptet offen:
Israel versuche derzeit, Südlibanon schrittweise zu „gazifizieren“ — also militärisch zu zerstören und langfristig in eine kontrollierte Zone umzuwandeln.

Das sei Teil einer breiteren Agenda:
einer territorialen und sicherheitspolitischen Ausdehnung israelischen Einflusses.

Ob diese Einschätzung zutrifft oder nicht —
bemerkenswert ist, dass ein ehemaliger hochrangiger US-Militärberater inzwischen öffentlich in solchen Kategorien spricht.

Die Türkei wird zum strategischen Gegenspieler

Noch brisanter wird das Interview, als Macgregor auf die Türkei zu sprechen kommt.

Er beschreibt Ankara inzwischen als einen der gefährlichsten geopolitischen Herausforderer Israels.

Laut Macgregor verfolgen türkische Strategen zunehmend neo-osmanische Vorstellungen:
Einflusszonen in:

  • Syrien,
  • Irak,
  • Libanon
  • und Teilen des östlichen Mittelmeers.

Er berichtet sogar von Gesprächen über türkische Karten ehemaliger osmanischer Gebiete, die Ankara weiterhin als historischen Einflussraum betrachtet.

Damit entsteht ein völlig neues Szenario:
Israel könnte künftig nicht nur mit Iran —
sondern gleichzeitig mit einer aufstrebenden Türkei konfrontiert werden.

Besonders bemerkenswert:
Macgregor verweist auf Aussagen des ehemaligen israelischen Premierministers Naftali Bennett, wonach die Türkei langfristig der gefährlichere Gegner Israels sein könnte als Iran selbst.

Ägypten – der unterschätzte Pulverfass-Staat

Macgregor warnt außerdem vor einer Entwicklung, die westliche Medien kaum thematisieren:
die zunehmende Wut in Ägypten.

Er beschreibt ein Land,
dessen Bevölkerung immer stärker gegen die Untätigkeit ihrer Regierung angesichts der Zerstörung in Gaza und Palästina rebelliert.

Viele Ägypter würden fragen:

  • Warum tut Ägypten nichts?
  • Warum schaut die größte arabische Nation nur zu?
  • Warum greift niemand ein?

Macgregor deutet an:
Sollte Ägypten innenpolitisch destabilisiert werden,
könnte der gesamte Nahe Osten explodieren.

„Trump handelt emotional, nicht strategisch“

Einer der härtesten Teile des Interviews richtet sich gegen Donald Trump selbst.

Macgregor erklärt offen:
Die Angriffe auf Iran seien niemals rational kalkuliert gewesen.

Wäre strategisches Denken im Spiel gewesen,
hätte Washington Iran niemals angegriffen.

Seiner Ansicht nach:

  • habe Emotion die Vernunft verdrängt,
  • sei Trump impulsiv,
  • und handle zunehmend unter politischem Druck.

Macgregor kritisiert besonders,
dass Trump offenbar davon ausging,
der Konflikt werde schnell enden —
eine Fehleinschätzung mit potenziell katastrophalen Folgen.

Iran hat sich angepasst – und ist stärker als erwartet

Besonders alarmierend ist Macgregors Einschätzung der militärischen Lage.

Er erklärt:
Iran habe seine Streitkräfte inzwischen massiv angepasst:

  • mobile Raketenwerfer verlegt,
  • Infrastruktur verteilt,
  • Kommandostrukturen stabilisiert,
  • westliche Flugmuster analysiert,
  • Luftabwehr angepasst.

Zusätzlich hätten:

  • Russland,
  • China,
  • Satellitenaufklärung,
  • ISR-Systeme,
  • technische Hilfe,
  • und Raketenunterstützung

Iran erheblich widerstandsfähiger gemacht.

Macgregor behauptet sogar,
westliche Luftoperationen seien inzwischen vorhersehbar geworden,
während iranische Fähigkeiten massiv unterschätzt worden seien.

Die Straße von Hormus als globaler Schockpunkt

Ein zentrales Thema bleibt die Energieversorgung.

Macgregor warnt:
Eine weitere Eskalation könnte die gesamte globale Energiearchitektur erschüttern.

Die Straße von Hormus sei dabei der gefährlichste Flaschenhals der Welt.

Sollte dort ein massiver Konflikt eskalieren:

  • könnten Ölpreise explodieren,
  • Lieferketten kollabieren,
  • die Weltwirtschaft in eine Schockphase geraten.

Besonders dramatisch:
Macgregor spricht von einem möglichen Jahrzehnt globaler wirtschaftlicher Schäden.

Das Ende amerikanischer Militärdominanz?

Der vielleicht wichtigste Teil des Interviews betrifft jedoch nicht Iran —
sondern die Vereinigten Staaten selbst.

Macgregor erklärt:
Die gesamte amerikanische Militärstrategie der letzten Jahrzehnte sei technologisch überholt.

Die Doktrin weltweiter Militärbasen („forward presence“) funktioniere nicht mehr:

  • moderne Raketen,
  • Hyperschallwaffen,
  • Drohnenschwärme,
  • Satellitenaufklärung,
  • Präzisionsschläge

hätten große US-Stützpunkte verwundbar gemacht.

Viele Basen im Nahen Osten seien laut ihm heute praktisch nicht mehr verteidigbar.

Die USA werden selbst zum Risiko für ihre Verbündeten

Macgregor geht noch weiter:
Amerikanische Militärpräsenz werde zunehmend nicht mehr als Schutz —
sondern als Gefahr wahrgenommen.

Denn:
Wo US-Stützpunkte stehen,
entstehen automatisch potenzielle Angriffsziele.

Deshalb könnten künftig:

  • Deutschland,
  • Südkorea,
  • Japan
  • und andere Verbündete

die amerikanische Präsenz zunehmend infrage stellen.

Die eigentliche Botschaft des Interviews

Zwischen allen geopolitischen Analysen zieht sich eine zentrale Botschaft durch das gesamte Gespräch:

Die Weltordnung verändert sich schneller,
als Washington bereit ist zu akzeptieren.

Macgregor beschreibt:

  • ein Amerika in strategischer Überdehnung,
  • ein Israel in wachsender Unsicherheit,
  • einen Iran, der widerstandsfähiger ist als erwartet,
  • eine Türkei im Aufstieg,
  • China und Russland als stille Gewinner,
  • und eine Militärdoktrin, die technologisch zunehmend zerfällt.

Sein düsteres Fazit:
Die USA könnten den Krieg gegen Iran möglicherweise nicht gewinnen —
ihn aber dennoch immer weiter eskalieren.

Und genau darin liege die größte Gefahr:
Ein Konflikt, der ursprünglich regional begann,
könnte sich zu einer globalen Energie-, Militär- und Systemkrise ausweiten,
deren Folgen weit über den Nahen Osten hinausreichen.

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Escobar, Baud, Ritter, Marandi, Marouf: Analysen und Meinungen. Interviews zur aktuellen Lage im Krieg gegen den Iran

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Zwischen diplomatischen Signalen, Drohungen weiterer Eskalation und widersprüchlichen Meldungen aus Washington, Teheran und Tel Aviv überschlagen sich derzeit die Ereignisse rund um den Krieg gegen den Iran. Während offiziell über Waffenstillstand, Hormus-Abkommen und neue Verhandlungen gesprochen wird, warnen zahlreiche Analysten, Militärs und geopolitische Beobachter vor einer möglichen Ausweitung des Konflikts mit globalen Folgen für Energieversorgung, Weltwirtschaft und die gesamte Machtbalance im Nahen Osten. In den folgenden Interviews und Analysen kommen unterschiedliche Stimmen, Einschätzungen und Perspektiven zur aktuellen Lage zu Wort.

Pepe Escobar: Iran stoppt Trumps Angriff – Russlands und Chinas gewaltiger Schachzug

Oberst Jacques Baud: USA vs. China – Die Iran-Falle und Taiwans Schatten

Seyed M. Marandi: Iran droht mit völliger Vernichtung jedes US-/israelischen Angriffsursprungs

Scott Ritter: Trumps Iran-Angriff ist eine Falle, die zu großer Demütigung führt

Larry Johnson: Iran feuert Anti-Schiffs-Raketen auf US-Kriegsschiff ab

Max Blumenthal: Israels Niederlage beginnt – Das zionistische Machtgefüge bricht in den USA zusammen

Seyed M. Marandi: Warum die Straße von Hormus die Weltwirtschaft ins Wanken bringen könnte

Laith Marouf: Hisbollah trifft 3 Iron-Dome-Batterien – Pufferzone zerstört

Oberst Larry Wilkerson: Israels schlimmste Niederlage bisher – es ist vorbei

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„Es war eine minimale Erleichterung, als wir die Leichen gefunden haben.“

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Der Fall von Hind Rajab ging um die Welt, da er repräsentativ zeigt, wie Kinder und Sanitäter in Gaza getötet werden. Sogar nachdem sie aus dem Leben gerissen wurde, erreicht ihre Stimme noch Menschen. Das fünfjährige Mädchen war bei der Familie ihres Onkels, als die Anordnung des IDF kam, Gaza-Stadt sofort zu verlassen. Einen sicheren Ort erreichten sie nie, denn auf der Flucht wurde das Auto ihrer Familie über 300-mal angeschossen und Hind blieb als einzige Überlebende des Massakers zurück. In ihren letzten Stunden versuchten Mitarbeiter des palästinensischen Roten Halbmond, das kleine, verängstigte Mädchen telefonisch zu beruhigen, während sie Hilfe schickten. Die aufgezeichneten Hilferufe Hinds legen heute noch Zeugnis ab, was ihr angetan wurde. Ihr Cousin Mohammed Salam Hamada ist Arzt in Frankfurt am Main und hatte der Familie den Kontakt zum Rettungsdienst hergestellt. Er sprach mit dem Journalisten Hassan Al Khalaf über den Versuch, seine Familie zu retten, darüber, wie die Menschen vor Ort versuchen zu überleben, und über die Rolle von Medizinpersonal in Gaza.

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Hassan Al Khalaf: Wie haben Sie den Vorfall erlebt und wie haben Sie versucht, Ihrer Familie zu helfen?

Mohammed Salam Hamada: Es war ein sehr schlimmes Erlebnis. Man fühlte sich absolut hilflos. Das Netz im Gazastreifen war größtenteils abgestürzt. Ich habe von anderen Verwandten die Info bekommen, dass sie den Kontakt zur Familie verloren haben und dass sie Hind, ihren Onkel Bashar, seine Frau und deren Kinder nicht erreichen können. Dann habe ich versucht, mit vielen Hilfsorganisationen zu telefonieren und Kontakt aufzunehmen, bis es mit dem Roten Halbmond in Ramallah geklappt hat. Es war alles nicht so einfach. Ich hatte viele schlaflose Nächte, vor allem die ersten Nächte waren wirklich katastrophal. Es war sehr schmerzhaft.

Wie haben Sie sich ab dem Moment, als Sie den Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond für Ihre Familie hergestellt haben, gefühlt?

Vielleicht ein bisschen Erleichterung, dass endlich Hilfe geleistet werden kann, aber Sicherheit hatte ich immer noch nicht, weil die Gefahr noch besteht. Ich komme selber aus Gaza und habe dort viele Jahre gelebt. Ich weiß, was der Rote Halbmond und das Rote Kreuz leisten können. Wenn jemand helfen kann, dann sind es diese Organisationen. Deshalb war ich froh, dass ich sie erreichen konnte. Es gab mehr Hoffnung als davor.

Durch Filme und Musik kennt man mittlerweile den Namen Hind Rajab, aber was sollten Menschen noch über Ihre Familie wissen?

Meine Familie waren ganz normale Menschen, die versucht haben, zu überleben. Der größte Teil der Familie lebt noch dort und eigentlich wollen sie dort leben. Es ist nicht so, dass das Ganze in der Vergangenheit ist. Es geht noch weiter. Die Menschen werden immer noch bedroht. Alle Häuser von meiner Familie und vielen anderen Familien wurden zerstört. Sie leben nicht mehr in diesen Häusern. Es wurde alles besetzt. Gaza ist bis zur Hälfte schon weg. Viele Menschen lebten zuvor auf sehr kleiner Fläche und diese Fläche wurde halbiert. Was die Leute über diese Familien wissen müssen, ist, dass die Menschen dort bedroht sind, aber trotzdem versuchen, jeden Tag zu überleben. Schon vor dem Krieg war es schwer, in Gaza zu überleben.

Es gibt eine Sache, die die Menschen dort relativ oft machen: Die Familienmitglieder werden untereinander zu anderen Kernfamilien geschickt. Falls eine Familie bombardiert wird, dann lebt ein Teil der Familie wenigstens weiter. So war das Schicksal von Hind, als sie bei ihrem Onkel war. Sie haben das Haus verlassen und sind zur Tankstelle, die unsere Familie betreibt, gegangen, weil sie dachten, dass sie dort sicher sind. Dann kam der Evakuierungsbefehl, und obwohl sie ihm gefolgt sind, wurden sie trotzdem getötet. Hinds Mutter Wesam wusste gar nicht, dass ihre Tochter plötzlich evakuiert werden muss. Die IDF kündigen so etwas nicht eine Woche vorher an, bevor sie intensiv bombardieren, sondern wenige Stunden, wenn überhaupt. Der Gazastreifen an sich ist eigentlich sehr klein mit nur 165 Quadratkilometern, also wohin kann man noch fliehen, wo man sicher ist?

Wie erging es Ihnen, als es keine Lebenszeichen mehr von Ihrer Familie gab?

Es waren schlaflose Nächte. Jedem Menschen würde es nicht so gut gehen, wenn man weiß, da sind fünf Kinder, die höchstwahrscheinlich erschossen noch für mehrere Tage im Auto liegen. Der Kontakt war verloren. Der ganzen Familie ging es nicht so gut und wir haben uns große Sorgen gemacht, dass sie entführt wurden, dass wir sie nie wiedersehen, dass sie es wahrscheinlich überlebt haben und woanders verschleppt wurden. Ob sie getötet wurden, wussten wir damals nicht. Wir haben versucht, mit vielen Organisationen Kontakt aufzunehmen. Es gab keine einzige Info, bis wir die Leichen gefunden haben.

Diesen Tag werde ich nie vergessen. Es war der absolute Horror für uns. Es wurde ein Rettungswagen zum Tatort geschickt. Dieser Rettungswagen wurde dann bombardiert und man konnte diesen Ort nicht besuchen. Er wurde vom israelischen Militär zum Sperrgebiet erklärt. Erst nach über neun Tagen konnte man endlich dahin, und man hat die Leichen im Auto gefunden. Es war ein sehr schlimmes Erlebnis. Natürlich war ich traurig, aber es war eine minimale Erleichterung, als wir die Leichen gefunden haben. Das kann man nicht verstehen, wenn man nicht selber aus einem Kriegsgebiet kommt. In vielen anderen Situationen haben die Leute aus Gaza ihre Familienangehörigen verloren und die Leichen nicht gefunden. Viele wissen nicht mal, wo sie sind, ob sie entführt oder getötet wurden. Wir waren absolut traurig, dass sie getötet wurden, aber als die Leichen gefunden wurden, wussten wir endlich, was mit ihnen passiert ist.

Hatten Sie persönlich Hoffnung, dass Hind und Ihre Familie sicher sein werden, wenn sie den Anordnungen des IDF zur Evakuierung folgen?

Die Familie hat alles gemacht, was ihnen gesagt wurde, aber gebracht hat es nichts. Als plötzlich die Anordnung zur Evakuierung kam, haben sie die Anordnung sofort befolgt, und am Ende wurden trotzdem alle getötet. Meine Mitmenschen und mehrere Hundert Leute werden getötet, vor allem Kinder. Kinder können nur Zivilisten sein, also wie soll ich da der IDF vertrauen? Natürlich vertraue ich diesen Menschen nicht. Von Sicherheit ist nicht die Rede in Gaza. Sogar die Hilfsorganisationen, die Botschafter, die Diplomaten, gar keiner fühlte sich sicher in Gaza. Weder meine Familie noch alle anderen Familien. Es gibt unendliche Berichterstattungen von Zivilisten und ziviler Infrastruktur, die bombardiert wurden.

Wie haben Sie vom Tod Ihrer Familie erfahren?

Wir haben uns als Familie jeden Tag erkundigt, ob es möglich ist, das Auto zu erreichen. Es ist eine große Straße, wo es passiert ist. Unsere Tankstelle liegt auch in der Nähe, deshalb kennen sie den Ort sehr gut. Als die IDF an diesem Ort waren, war es nicht möglich. Keiner konnte rein oder raus. Als sie abgezogen sind, konnte meine übrige Familie endlich das Auto erreichen. Sie haben das Auto und die Leichen direkt erkannt. Wir haben mit der Familie telefoniert, und so habe ich es direkt von den Familienmitgliedern erfahren. Es gibt keinen einzelnen Tag, an dem ich nicht an sie denke.

Wie geht es Hinds Mutter und den restlichen Überlebenden?

Für alle, die aus Gaza kommen oder in Gaza leben, ist es eine harte Zeit. Auch für die Angehörigen, die im Ausland leben, ist das alles noch nicht vorbei. Wir leben in einer absoluten Ausnahmesituation, und uns allen geht es nicht sehr gut. Die Bedrohung besteht noch. Gerade beim Fall von Hind würde sich jeder Mensch nicht gut fühlen, nachdem man so etwas erlebt und mitbekommen hat. Wenn man die Videos von Hind sieht oder die Aufnahmen vom Telefonat hört, erkennt man, dass sie ein sehr begabtes Kind ist. Es tut ihrer Mutter Wesam weh, das eigene Kind zu verlieren. Gleichzeitig kümmert sie sich um ihren Sohn, Hinds kleinen Bruder. Das ist keine leichte Sache, die man in Jahren verarbeiten kann. Jeder, der seine Kinder liebt, versteht das. Sie ist immer noch in dieser Phase, wo sie posttraumatisiert ist, denn es war ein sehr großes Trauma für sie. Sie ist dabei, das Ganze noch zu verarbeiten.

Auch Amir hat seine ganze Familie verloren. Er musste mit Anfang 20 seinen Vater, seine Mutter und seine vier Geschwister verlieren, die im selben Auto waren. Stell dir vor, wie es diesem Menschen geht. Er studiert seit zwei Jahren in der Türkei und war deshalb nicht dort.

Was ist es für ein Gefühl für Sie als Arzt, zu wissen, dass die IDF auch auf Sanitäter und Medizinpersonal schießt?

Mediziner und Sanitäter sind absolute Helden, gerade in Gaza. Sie werden tagtäglich bedroht, und diese Bedrohungen werden mehrmals realisiert, auch in diesem Fall von den beiden Sanitätern. Über den Roten Halbmond wurde die Kontaktaufnahme mit der IDF organisiert, damit die Sanitäter zum Auto können. Sogar die Route wurde vorher der IDF mitgeteilt. Es sollte eigentlich nur ein paar Minuten dauern, Hind zu retten. Wie ich auch hatten die IDF sogar die Nummern von den beiden Sanitätern. Es wurde alles organisiert, und trotzdem wurden sie angegriffen. Diese Menschen wissen, dass ihnen so was passieren könnte, und trotzdem haben sie ihr Leben riskiert. Es ist absolut heldenhaft, was sie gemacht haben – auch die anderen Kollegen dort. Ich kriege Nachrichten, was die Ärzte in ganz Gaza leisten. Wie viele Tage sie in Krankenhäusern verbracht und ihre Familien mitgenommen haben. Sie haben einfach im Krankenhaus gelebt, weil sie nicht raus konnten. Es ist kaum zu beschreiben, was sie geleistet haben. Es ist absolut großartig, aber gleichzeitig ist es auch katastrophal und kaum zu glauben, was die IDF mit ihnen gemacht haben.

Sind Sanitäter und Rettungswagen sicherer, wenn Sie dem IDF ihre Koordinaten mitteilen?

Dieses Beispiel zeigt das genaue Gegenteil. Sie befolgten die Anordnung. Bevor sie in ein Einsatzgebiet der IDF müssen, müssen sie es ihnen vorher mitteilen, was sie auch taten. Bei einem anderen bekannten Fall wurde in Rafah sogar gefilmt, wie sie beschossen wurden. Von der IDF wurde es natürlich bestritten, aber als die Videos veröffentlicht wurden, gab es keine Konsequenzen. Sie sind gezwungen, der IDF ihre Koordinaten mitzuteilen, aber es bringt nicht mehr Sicherheit, sondern gefährdet sie noch mehr.

Was haben Sie erlebt, als Sie in Gaza gelebt haben?

Ich habe 19 Jahre in Gaza gelebt und ich kannte die Straße, wo all das passiert ist, gut. Dort habe ich mehrere Kriege von 2006, 2007, 2008 und 2012 erlebt. Beim Krieg von 2014 war ich schon in Deutschland, aber meine Familie war noch dort, und so habe ich es weiterhin miterlebt. Man kann sich nicht total trennen, wenn die eigene Familie weiterhin dort ist. So habe ich weitere Kriege mitbekommen, wie auch den von 2021. Ich wollte Medizin studieren und hatte einen Verwandten in Deutschland, der mir empfohlen hat, es hier zu machen. Die Anreise hat zuerst nicht sofort geklappt, weil die Grenze zwei Monate durchgehend geschlossen war. Das war ein Rekord damals. Reibungslos läuft nichts in Gaza, aber Gott sei Dank hat es am Ende geklappt und dann bin ich rausgekommen.

Wen haben Sie noch in diesem Krieg verloren?

Es gibt natürlich den Vorfall mit Hind, aber auch viele andere Vorfälle, über die in den Nachrichten nicht berichtet wurde. Von Freunden, Verwandten und Bekannten kann ich nicht mehr zählen, wenn ich ehrlich bin. Extrem viele Menschen. Wenn ich zählen müsste, hätte ich Angst, jemanden zu vergessen. Da wäre die Familie, die mit Hind war, mein Bruder und sehr viele Freunde und Nachbarn. Im Haus meiner Tante hatten ihre drei Söhne und zwei Töchter mit all ihren Kindern Zuflucht gesucht, als sie bombardiert wurden. Keiner hat überlebt.

Was für eine Bedeutung hat Hind Rajabs Anruf nach ihrem Tod?

Es ist wichtig, um der Welt zu zeigen, was passiert. Es gibt über tausend Kinder, die getötet wurden und Ähnliches wie Hind Rajab erleben mussten. Kinder, die viele Tage verletzt unter bombardierten Häusern lagen. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Telefonat die Welt daran erinnert, dass diese Kinder in Palästina getötet werden. Noch schlimmer ist, dass das alles geleugnet und keine Verantwortung getragen wird.

Glauben Sie, dass amerikanische oder israelische Ermittlungen Konsequenzen nach sich ziehen?

Was soll da ermittelt werden? Die tun so, als ob sie nicht wissen, wer so etwas getan hat. Als ob sie etwas unternehmen werden und als ob das ein einzelner Fehler war. Im Gegenteil sogar. Die wissen zweifellos, wer es war. Wenn du 335-mal auf jemanden schießt, dann ist das kein Fehler. Die Verantwortlichen werden eher geschützt.

Wie stehen Sie zur Hind Rajab Foundation?

Jede Organisation, welche die Täter verfolgen und zur Rechenschaft ziehen kann, finde ich sehr gut. Die Foundation leistet prinzipiell eine sehr gute und wichtige Arbeit. In Brasilien, Argentinien und anderen Ländern haben mögliche Täter Urlaub gemacht und sie sollten von der Polizei festgehalten werden, aber sie sind einfach verschwunden. Die waren nicht mehr in dem Land zu finden, deshalb erwarte ich nichts. Es sind Versuche der Hind Rajab Foundation und anderen Organisationen, um Druck aufzubauen, aber die Sache ist politisch sehr aufgeladen. Die Politik kann mehr leisten als Gerichtshöfe, aber sie machen nicht das, was sie machen sollten. Politisch, nicht ethisch gesehen, wie profitieren sie davon? Man sieht, was mit Südafrika gemacht wird, weil sie Palästina unterstützt haben. Von den USA bekamen sie finanzielle Konsequenzen, um andere Länder einzuschüchtern.

Können Sie sich erklären, wieso der Fall in Deutschland kaum Berichterstattung erhielt im Vergleich zum englischsprachigen Raum?

Ich kann es mir nicht erklären. Ob die deutschen Journalisten darüber berichten oder nicht, es ist jetzt ein weltweit bekannter Fall. Die Wahrheit wird ihren Weg finden, auch wenn sie darüber nicht berichten.

Was löst der Kindheitswunsch von Hind, selbst Ärztin zu werden, in Ihnen aus?

Es wäre schön gewesen, wenn Sie die Chance gehabt hätte. Dieser ganze Krieg fühlt sich sehr komisch an. Ich liebe meinen Job und tue ihn sehr gerne, aber es ist sehr seltsam, dass ich hier in Deutschland ärztliche Leistungen problemlos durchführen kann, aber gleichzeitig können die einfachsten Sachen in meiner Heimat nicht durchgeführt werden. Es gibt Aufnahmen von einem ärztlichen Kollegen aus Gaza, der das Bein seiner Tochter ohne jegliche Anästhesie, ohne jegliche Betäubung, amputiert hat. Jeder Mensch auf dieser Welt, wo wir leben, hat das Recht, dass so was schmerzfrei passiert. In erster Linie hätte ihr so was nie passieren dürfen. Sie wurde durch den Krieg verletzt, und deshalb hat sie ihr Bein verloren. Wenn sie schon verletzt wird, muss sie es wenigstens weniger schmerzhaft erleben. Zu dieser Zeit durften leider keine Betäubungsmittel in den Gazastreifen importiert werden, und das ist kein Einzelfall. Es gibt viele solcher Extremfälle. Ich bekomme oft von Familienangehörigen und Bekannten Fragen, weil ich Arzt bin, was man tun kann und wie man gewisse Krankheiten diagnostizieren kann. Im ganzen Gazastreifen gibt es keine MRT-Geräte mehr. Es ist absolut katastrophal, dass nicht mal ein so gängiges und notwendiges diagnostisches Mittel, dass in Deutschland jeden Tag mehrere Tausend Male benutzt wird, vorhanden ist.

Wie versuchen Sie als Arzt, den Menschen aus Gaza, die Sie kontaktieren, zu helfen?

Wenn man ehrlich ist, ist die einzige Lösung vernünftige Diagnostik und dementsprechend vernünftige Therapien. Aktuell gibt es das im Gazastreifen nicht. Ein guter Freund von mir hat Schilddrüsenkrebs bekommen, und alles, was er braucht, ist eine Überweisung an ein gutes Krankenhaus in Ägypten, wo er eine adäquate Therapie erhält, aber es ist aktuell nicht möglich. Insgesamt ist es sehr frustrierend. Der letzte Bekannte, der mich gefragt hat, beklagt eine Überfunktion seiner Schilddrüse. Man könnte es so simpel mit Medikamenten therapieren, aber diese Medikamente gibt es in Gaza nicht. Obwohl er noch um die 30 ist, hat er schon starke Symptome wie hoher Puls und hoher Blutdruck. Im schlimmsten Fall kann das zum Herzstillstand führen, wenn man es nicht therapiert. Das war nur ein Beispiel von extrem vielen Beispielen. Ein junger Mensch mit Problemen in den Gelenken hat mich auch um Rat gebeten. Man müsste nur eine relativ kleine Operation durchführen und dann könnte er ein relativ normales Leben führen, aber es fehlen die Mittel dafür. Wenn er nicht behandelt wird, muss er lebenslang hinken und es besteht das Risiko auf Arthrose im jungen Alter. Es fällt mir schwer, den Menschen zu sagen: „Du könntest daran sterben.“

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie schlechte Nachrichten überbringen müssen?

Ich versuche immer, mit den Mitteln, die sie vor Ort haben, zu arbeiten. Die Menschen aus Gaza sind nicht so einfach unterzukriegen. Sie sind in der Regel trotzdem noch hoffnungsvoll und motiviert. Im Gegenteil, sie geben mir die Hoffnung. Es sind einfach starke Menschen, von denen man vieles lernen kann. Gott sei Dank habe ich nie jemandem gesagt, dass ich ihnen nicht helfen kann, auch wenn es ein sehr komplexer Fall ist und es sehr wenig Hoffnung gibt. Wenn es wirklich schlimm ist, bleibe ich mindestens neutral. Dann erkläre ich, was der Fall ist, was es bedeuten kann und was für Eventualitäten es gibt. Wir bleiben immer optimistisch.

Über den Interviewpartner: Mohammed Salem Hamada ist Arzt in einer Frankfurter Klinik und befindet sich in der Weiterbildung zum Orthopäden. Der Palästinenser ist in Gaza geboren und verließ seine Heimat 2014, um Medizin zu studieren. Er stellte 2024 Verwandten, die unter Beschuss des IDF standen, den Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond her und versucht heute noch aus der Ferne, die Menschen in Gaza gesundheitlich zu beraten.

Titelbild: Diane Krauthamer / Flickr

(Auszug von RSS-Feed)

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Krieg oder Frieden? „Wir stehen am Scheideweg“

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Wie spielt man auf der Bühne ein Theaterstück zum Thema „Krieg“? Vor allem aber auch: Wie lässt sich so ein Theaterstück mit einem kritischen Blick umsetzen? Zwei Theaterschauspielerinnen haben einen Weg gefunden. Das Stück „Krieg oder Frieden“ richtet die Perspektive auf die aktuell von Politikern angestrebte Kriegstüchtigkeit und geht den Fragen nach: „Was ist Krieg?“ Und: „Wo fängt er an – im Außen oder im Innern?“. Im Interview mit den NachDenkSeiten sprechen Magdalena Scharler und Jenny Helene Wübbe über ein Theaterstück, das auf eine Weise entstanden ist, die erkennen lässt: Beide haben das Thema ernst genommen. Ein gut 15 Meter langer Tisch war gefüllt mit Büchern. „Wir haben gelesen und gelesen und gelesen“, sagt Wübbe. Eine Erkenntnis: Die Gesellschaft habe den Bezug zum Krieg komplett verloren, „wir wissen nicht mehr, was Krieg bedeutet.“ Scharler merkt an: „Entstanden ist die Idee aus unserer persönlichen Fassungslosigkeit darüber, dass diese unsägliche Kriegstreiberei der Politik und vieler Medien verhältnismäßig unwidersprochen bleibt.“ Von Marcus Klöckner.

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Marcus Klöckner: Frau Scharler, Frau Wübbe: „Krieg oder Frieden?“ – ist das hier die Frage?

Magdalene Scharler: Für mich ist es, glaube ich, weniger eine Frage als eine Entscheidung, vor der ich wie jeder von uns und vor der wir auch als Gesellschaft jeden Tag stehen.

Ganz ohne Kitsch, sondern ganz praktisch – setze ich mich in Bewegung, um etwas für den Frieden zu tun, in mir selbst, in meinen Beziehungen, in meinem weiteren Umfeld … Oder entscheide ich mich für das kriegerische Prinzip, in dem ich passiv und faul bleibe und weil ich nicht verzeihen oder verstehen, nicht ins Gespräch gehen will, geschweige denn auf eine Demo. Oder weil ich auch kein Buch lese, das vielleicht alles, was ich bisher dachte, in Frage stellen könnte …

Aber ja – wenn Sie das so fragen – es ist wahrscheinlich schon so ein Sein- oder Nicht-Seins-Moment, den wir gerade erleben. Daher: Ja, das ist jetzt und hier die Frage.

Jenny Wübbe: Es ist für mich auch die große Überschrift von dem, was jetzt auf uns zukommt. Es ist die Konsequenz daraus, wenn das jeweils andere in seiner Kraft versagt. Ja, eine Entscheidung, wir stehen jetzt am Scheideweg: Wohin gehen wir? Gleichzeitig schwingt da auch die Chance, die Möglichkeit auf Frieden mit – für die es dann aber auch eine aktive Entscheidung braucht.

MS: Und vielleicht schwang das bei der Titelgebung für unser Stück mehr oder weniger bewusst auch mit, die Ungeduld und Provokation: Liebe Leute, was wollt ihr denn jetzt?! Entscheidet Euch! Und handelt dann. Jetzt.

In Ihrem Theaterstück greifen Sie ein zentrales Thema auf: Deutschland soll „kriegstüchtig“ werden. Erzählen Sie uns bitte mehr von Ihrem Theaterstück. Was ist der Ansatz? Worum geht es?

MS: Aus der Rückschau betrachtet war unser Ansatz vermutlich der, dass wir ja selbst gar nicht wissen, was Krieg ist, uns aber aus vielen Gründen sehr unwohl dabei war, wie schnell das ging mit dem „Hurra, wir machen Deutschland kriegstüchtig!“.

Unsere Generation hier in Deutschland kennt natürlich die Familientraumata, die verursacht wurden durch das, was unsere Großväter getan und auch erlitten und dann in verwandelter Form weitergegeben haben, aber ansonsten kennen wir doch Krieg nur aus dem Fernsehen.

Für mich kam der Krieg dann allerdings spürbar näher, als 2015 die große Flüchtlingswelle nach Deutschland kam – und ich einige Jahre sehr intensiv mit Flüchtlingen aus Syrien und Irak Theater gemacht habe. Wir hatten zufälligerweise immer Endproben, also sehr intensive Probenphasen, wenn gerade die „Endkämpfe“ um Aleppo oder Afrin waren. Und da sind die Leute dann während der Proben zusammengebrochen, waren wortwörtlich gelb und grün im Gesicht, weil das Haus der Mutter, die noch dort war, bombardiert wurde und man stundenlang nicht wußte, was ist usw., und sie wollten dann aber unbedingt weitermachen, weiterproben, Theater machen … – aber das ist alles ein ganz eigenes Thema …

Und jetzt geht es darum …

…, dass wir in unserem Stück erstmal gar nicht den Anspruch stellen, von irgendetwas Ahnung zu haben – unser hoffentlich gesunder Menschenverstand, unser Herz sagt uns zwar: Krieg ist nicht gut. Und deshalb haben wir uns entschieden, dieses Stück zu machen. Aber dann gehen wir darin vor allem auf Forschungsreise – Erster Weltkrieg, Clausewitz, Drohnen, Risikokapital – der neue Big Player in der Kriegsindustrie, Kognitive Kriegsführung. Wir versuchen, uns selbst eine Meinung zu bilden, die Zusammenhänge zu verstehen, und lassen das Publikum an unseren Entdeckungen teilhaben – es kann danach denken, was es will. Aber eben informierter als zuvor. Es kann nicht mehr sagen: Huch, das haben wir aber nicht gewusst.

JW: Das Wesen des Krieges verändert sich momentan mit den KI-basierten Waffensystemen ähnlich grundlegend, wie es das im Ersten Weltkrieg getan hat. Es ist kein Raum mehr da für menschliches Zögern, Hadern, es gibt keine Möglichkeit der Gnade mehr. Was im Ersten Weltkrieg das Gas war, ist heute die Drohne auf einem Besenstil. Das stellen wir in unserem Stück gegenüber.

Hinzu kommt – und das ist ein Hauptaspekt im Stück –, dass es nun einen weiteren Kriegsschauplatz gibt: Das menschlich Gehirn bzw. der Mensch an sich. Das klingt erst einmal alles nach großer Verschwörungstheorie, kann man aber alles auf der Website der NATO nachlesen. Krieg wird nicht mehr „nur“ auf dem Land, in der Luft, im Wasser, Weltall oder Cyberspace geführt – sondern kognitiv, im menschlichen Gehirn. Das war eine Thematik, mit der wir uns für unser Stück befassen mussten – weil sie den Krieg so verändert, dass wir ihn nicht einmal mehr merken.

MS: Dabei stehen wir mittendrin.

JW: Und sind selbst die Waffe.

MS: Ja, konsequent zu Ende gedacht ist das tatsächlich so – wenn wir zum Beispiel die Algorithmen füttern, die Frequenz in den sozialen Medien mit unseren Beiträgen erhöhen und die Aufmerksamkeitsverschmutzung unserer Gehirne dadurch munter mitbeschleunigen, oder indem wir die vorgedachten Gedanken weitergeben. Ach, das führt jetzt viel zu weit …

JW: Da kann man unser Stück gucken oder das Buch von Jonas Tögel lesen.

MS: Was ja sicher die meisten Leser der NachDenkSeiten sowieso getan haben. Aber viele in unserem Publikum eben nicht – und das ist sehr spannend, zu erleben, wie sie auf diese Informationen reagieren. Überraschend unvoreingenommen, aber eben auch naiv.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

MS: Entstanden ist die Idee aus unserer persönlichen Fassungslosigkeit darüber, dass diese unsägliche Kriegstreiberei der Politik und vieler Medien verhältnismäßig unwidersprochen bleibt; und dass die meisten Theater da leider wieder sehr still sind – so wie bei Corona auch.

JW: Als ich in die Oberstufe kam, wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Es gab damals (in meinen Kreisen) keinen Zweifel darüber, dass das eine gute Sache ist. Umso fassungsloser macht es mich, zu erleben, wie die Bewertungen von Krieg oder Frieden sich heute vertauscht haben; wie sich das Blatt einmal komplett gewendet hat, ohne großen Aufschrei. Der Diskurs darüber findet schlicht und ergreifend nicht statt. Theater sind doch Orte für gesellschaftliche Debatten und Dialog. Aber auch hier wird darüber viel geschwiegen, wird weggeschaut und ignoriert. Ein Armutszeugnis, wenn Sie mich fragen. Naja, da haben wir uns gesagt: Worüber ein Stück machen, wenn nicht darüber?

MS: Und ich kann mich erinnern an die Demos in meiner Schulzeit, damals gegen den Irak-Krieg von Bush Junior. Da sind alle Schüler – und die meisten Lehrer gleich mit – vormittags demonstrieren gegangen. Und Schröder hat doch eigentlich mit seinem Nein zum Irak-Krieg die Wahl gewonnen. In meiner mündlichen Abiprüfung habe ich über die Kriegslügen der USA, Massenvernichtungswaffen etc. pp. gesprochen. Das war die Stimmung, von der ich als 80er-Jahre-Kind immer dachte, es sei quasi so etwas wie ein inoffizielles deutsches Grundgesetz, dieses „Nie wieder“.

JW: Und jetzt fragt man sich: Wo ist das alles hin?

MS: Wir waren am Freitag beim Schulstreik gegen Wehrpflicht hier in Berlin. Das ist toll, was die Schüler da auf die Beine stellen. Wie kreativ und klug sie das auch machen. Aber man fragt sich: Wo sind die ganzen Eltern?!

JW: Auch die Eltern von den Kindern, die noch zu klein sind, um selbst zu streiken …

Wie sieht konkret die Umsetzung auf der Bühne aus?

MS: Ja, da hatten wir lange eine Scheu – wie können wir das machen? Wie können wir zwei Mädels diesem Thema in seiner Existenzialität und Dimension gerecht werden. Das war uns sehr wichtig, da einen intelligenten Kniff zu finden … Und der Kniff ist, glaube ich, mehr denn je das Spielen. Es ist die ganze Zeit im Stück total ersichtlich, dass wir spielen – wie die Kinder. Und dabei verhandeln wir eben hochkomplexe Inhalte. Wir erobern sie uns. Und es gibt dabei immer wieder was zu lachen. Humor ist so wichtig, damit es eben nicht dieses Oberlehrerhafte bekommt oder ins Betroffenheitstheater mutiert. Nö, wir spielen mit Inbrunst, voller Liebe zu den Möglichkeiten, die das Theater bietet – da wechseln wir dann auch recht hemmungslos zwischen diversen Spielstilen und geschichtlichen Epochen hin und her. Es gibt zum Beispiel zwei NATO-Generäle, die haben bei aller Finsternis, die sie verhandeln, fast schon was Clowneskes und dabei verschroben Liebenswertes – sie sind eigentlich die Publikumslieblinge.

JW: Umso besser kriegen wir aber die Heftigkeit dessen, was sie verhandeln, in den Köpfen der Menschen platziert.

MS: Weil man ihnen erstmal offen begegnet, sich schon freut auf ihre nächste Szene, und nicht von vornherein denkt: Ach ja, die Welt ist schlecht und kompliziert, ich weiß. Da schalt ich lieber ab.

JW: Und umso stärker wirken im Gegensatz dann auch die stilistisch und inhaltlich ganz anderen Szenen, die zum Beispiel recht nüchtern aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs berichten.

MS: Wobei es auch da übers Spielen beginnt – wir spielen erstmal Szenen nach und plötzlich sind wir drin im Kriegsschauplatz, im Schützengraben. Und da ändert sich dann der Tonfall.

Wie haben Sie sich diesem Thema genähert? War es schwer, das Ganze in ein Theaterstück zu verpacken? Haben Sie viel recherchiert?

JW: Wir hatten einen sehr, sehr langen Tisch. Wirklich, der ist extrem lang, bestimmt 15 Meter. Und der war voller Bücher: Wir haben uns des Themas aus allen möglichen Richtungen angenommen, haben recherchiert in der Geschichte, Literatur, Philosophie und Psychologie. Wir haben gelesen und gelesen und gelesen, haben uns regelrecht in dem Thema gewälzt – bis wir damit in den Probenraum gegangen sind.

MS: Und da haben wir dann erstmal rausgehauen. Also wir haben alles, was wir uns angelesen haben, in Improvisationen verwandelt – ganz unvoreingenommen, ohne großen Plan. Wir hatten diese wirkliche Masse an Informationen in uns und haben dann im Spielen geprüft: Was ist geblieben, was haben wir so verinnerlicht, dass wir es ad hoc in Spielszenen verwandeln können. Wohin führt uns das?

JW: Da entstehen dann Dinge, Umsetzungsmöglichkeiten, die kann man sich vorher gar nicht ausdenken.

MS: Und dann kommen natürlich auch so Glücksgeschenke dazu. Die Grundidee zu unseren zwei NATO-Generälen zum Beispiel. Sie stammt aus einer Art Essay von August Cole and Hervé Le Guyader „Cognitive – A 6th Domain of Operations?”, veröffentlicht im Auftrag der NATO. Ein Machwerk, das macht einen, auch unter künstlerischen Gesichtspunkten, sprachlos – da verhandeln nämlich tatsächlich zwei fiktive Generäle dieses hochkomplexe Thema auf dem Niveau eines Groschenromans. Und so etwas ist für uns natürlich bestes „Spielfutter“.

JW: Das wird dann bis zum Exzess weitergesponnen.

MS: … und dann wieder auf spielbare oder vielmehr anguckbare Temperatur zurückgedampft.

JW: Ja, das Schwierigste war eigentlich immer die Entscheidung: Was kommt ins Stück? Es ist so ein umfassendes Thema, dass wir damit locker drei weitere Stücke hätten füllen können. Das Konzept für ein Anschluss-Stück steht bereits. Jetzt benötigen wir die Gelder dazu.

In Ihrer Pressemitteilung platzieren Sie drei Fragen zentral, nämlich: „Warum ist Kriegstüchtigkeit plötzlich sexy und Frieden von gestern? Was ist überhaupt Krieg? Und wo fängt er an – im Außen oder Innen?“
Haben Sie mittlerweile Antworten darauf gefunden?

JW: Krieg ist, wenn ich dem Gegner meinen Willen aufzwinge. Und weil der das in der Regel nicht will, kommt es zur Gegenwehr.

MS: Und damit das gar nicht erst passiert, die Gegenwehr, wird in den Köpfen und Herzen der Menschen rummanipuliert. Also beginnt der Krieg eigentlich immer Innen.

Das ist vielleicht unsere Haupterkenntnis, frei nach Clausewitz, der eigentlich eh schon alle Antworten parat hat. Man muss sie nur ernst nehmen und nicht glauben, sie hätten mit der Gegenwart nichts zu tun.

JW: Wir haben den Bezug dazu komplett verloren, wir wissen nicht mehr, was Krieg bedeutet. Es ist nicht nur ein cooles Computerspiel – wie es auf der Website der Bundeswehr übrigens bestens inszeniert wird. Man fährt nicht an die Front, um dort ein bisschen Kaffee für die Kollegen zu kochen. Im Ernst, das wird von manchen Menschen echt gedacht.

Es ist, wie Magdalena sagt: eine tägliche Entscheidung. Und die ist nicht schnell und bequem oder leicht getroffen. Die Bequemlichkeit spielt, denke ich, auch eine große Rolle. Ich sehe es ja auch in meinem eigenen engen Umfeld: Es wird nicht hingeschaut, es wird ignoriert und lieber auf ein leicht verdaulicheres Thema fokussiert. Die Kriegsmaschinerie kann dabei total freidrehen, ihr werden keine Grenzen mehr gesetzt.

Aber wir müssen diese Entscheidung treffen. Wir haben die Wahl, jeden Tag aufs Neue. Wir können das.

MS: Der großartige Alexander Kluge, der ja viel zum Krieg gearbeitet hat, hat gesagt: „Wir müssen nicht nur über Krieg erzählen, nicht nur über Frieden schließen, nicht nur nachbeten, was die Medien sagen. Sondern in unserer wirklichen Erfahrung müssen wir nachgucken, um zu studieren, was Krieg und was Frieden ist. Da liegen die Auswege.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Anmerkung Redaktion
Das Stück von Magdalena Scharler und Jenny Helene Wübbe ist hier zu sehen:

30. Mai 2026, 20:00 Uhr
Theaterwerft Greifswald
Bahnhofsstraße 44 / 45, 17489 Greifswald
Tickets: 15 / 11 Euro, www.theaterwerft.de

3. Juni 2026, 19:00 Uhr
Kulturkirche St. Jakobi, Stralsund
Jacobiturmstraße 28, 18439 Stralsund
Tickets: 15 / 10 Euro

www.kriegoderfrieden.com

Titelbild: Simon Detel

(Auszug von RSS-Feed)

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„Wenn die Welt der Kinder untergeht“

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Während ihres aktuellen Aufenthaltes im Libanon hat unsere Autorin Karin Leukefeld den palästinensischen Arzt Dr. Ghassan Abu Sitta getroffen. Abu Sitta ist Chirurg und auf plastische Chirurgie spezialisiert. Als Freiwilliger für Medecins sans Frontiere (MSF) [Ärzte ohne Grenzen – Anm. d. Red.] ist Abu Sitta in vielen Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz gewesen. Seit 2024 leitet er den neu eingerichteten Lehrstuhl für „Konfliktmedizin“ an der Amerikanischen Universität in Beirut, AUB. Seine Aussagen sind eine Anklage gegen eine Welt, die das Leid von Kindern zur Randnotiz degradiert. Was in Gaza und nun im Libanon geschieht, beschreibt der Arzt nicht als „Kollateralschaden“, sondern als systematische Zerstörung von Leben, Familien und Zukunft. Seine Erfahrungen zeigen: Der Krieg endet nicht mit Bomben – er setzt sich in den Körpern und Seelen der Überlebenden fort.

In mehr als 30 Jahren hat Ghassan Abu Sitta in Kriegs- und Kriseneinsätzen Erfahrungen gesammelt, die zu der Entwicklung einer „Konfliktmedizin“ führte, wie sie nur in Beirut gelehrt wird. Die Angriffe auf das Gesundheitswesen in Gaza und auch im Libanon habe Israel in einer geradezu „spektakulären Weise“ und dazu völlig straffrei vollzogen, so der Arzt im Gespräch. Das humanitäre und internationale Recht werde mißachtet. Der Genozid gegen die Palästinenser in Gaza setze sich aktuell gegen die Bevölkerung des Libanon fort, so Abu Sitta. Er erinnerte an die vom israelischen Mossad durchgeführten „Pager-Attacken“ am 17. September 2024, bei denen mehr als 3.000 Personen im Libanon schwerste Verletzungen erlitten, die sie ihr Leben lang zeichnen würden.

Israel habe alle roten Linien, die nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen worden seien, absichtlich überschritten und werde dabei von den USA und europäischen Staaten unterstützt. „Das bedeutet, Israel handelt in deren Interesse“, so Abu Sitta. Dieser Komplizenschaft müsse man sich deutlich widersetzen. Dass der langjährige Al-Khaida-Vertreter Abu Mohamed Al Jolani von US- und UN-Sanktionen freigesprochen werde und gleichzeitig Richter und Richterinnen am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und die UN-Sonderbeauftragte für Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten, Francesca Albanese, mit Sanktionen dafür bestraft werde, dass sie den israelischen Genozid an den Palästinensern beim Namen nenne, beweise, dass das internationale Recht zerstört werden solle.

Internationale humanitäre und Hilfsorganisationen in Kriegs- und Krisengebieten sind oft im Einsatz in Kriegen, die auch von den Regierungen ihrer Länder finanziert werden. Angesichts des Genozids in Gaza sei eine scharfe Trennung erforderlich, so Abu Sitta. Gebraucht werde ein „neuer Sozialvertrag“ so der Arzt. In humanitären und Hilfsorganisationen werde darüber zunehmend gesprochen.

Das Interview wurde am 1. Mai dieses Jahres auf Englisch geführt und von der Autorin ins Deutsche übersetzt.

Wenn die Welt der Kinder untergeht

Karin Leukefeld: Dr. Ghassan, Sie sind Palästinenser, aber Ihr Land ist besetzt. Wir treffen uns hier in Beirut, Sie sind britischer Staatsbürger und Rektor der Universität in Glasgow. Wo leben Sie?

Dr. Ghassan Abu Sitta: Ich pendele zwischen den beiden Ländern. Als ich aus Gaza zurückkam, habe ich verschiedene Male versucht, wieder dorthin einzureisen, die Israelis haben mir die Einreise untersagt. Da ich zwischen 2011 und 2019 hier am Krankenhaus der Amerikanischen Universität (AUB) die Abteilung für plastische Chirurgie geleitet habe, hatte ich noch Kontakte hierher. Uns war sehr schnell klar, dass der israelische Krieg gegen Gaza nur Teil eines sehr viel größeren regionalen Projekts ist, um die Landkarte der Region zu dominieren und zu verändern. Und so war es.

Sehr schnell hatten wir hier im Libanon auch Krieg. Ich bin umgezogen und kam hier am 17. September 2024 an. (Das war der Tag der „Pager-Angriffe“, KL). Ich sollte als Professor den Lehrstuhl für Konfliktmedizin übernehmen. Dieser Lehrstuhl spiegelt die Tatsache, dass wir in einer Region leben, wo Kriegsverletzungen zu den wichtigsten Faktoren der menschlichen Gesundheit gehören. Besonders der Libanon und hier das AUB-Krankenhaus sind in ihrer Geschichte durch diese Art von Verletzungen geprägt worden.

Sie haben einen Hilfsfonds für palästinensische Kinder aus Gaza eingerichtet.

Als wir den Ghassan Abu Sitta Fonds für Kinder starteten, ging es darum, palästinensische Kinder aus Gaza hierher zu holen und sie hier zu behandeln. Der Grund war, dass es hier ein Ausmaß an Fachwissen und Erfahrung für die Behandlung solcher Verletzungen gibt, besonders im Krankenhaus der Amerikanischen Universität, wie man es weltweit nirgends findet, außer in Militärkrankenhäusern. Sie werden nirgends eine zivile akademische Einrichtung finden, wo es so viel Fachwissen über Kriegsverletzungen gibt. Allein die Kriege im Libanon, die israelischen Invasionen in den Libanon, aber auch der Irak-Krieg und der Krieg in Syrien. Aus allen diesen Kriegen kamen Verletzte hierher, um behandelt zu werden. Viele von ihnen waren Patienten von MSF, Médecins sans Frontière.

Die Komplexität vieler Kriegsverletzungen, die ich in Gaza gesehen hatte, erforderte das Fachwissen von Ärzten, die ihr Leben lang verletzte Kinder behandelt hatten. Wir konnten Kinder aus Gaza durch Ägypten hierherbringen. Doch als dann der Krieg 2024 auch im Libanon begann, haben wir zusätzlich zu den palästinensischen Kindern auch libanesische Kinder hier behandelt. Und das machen wir bis heute. Während des letzten Krieges 2024 haben wir rund 1.400 Kinder behandelt, die im Krieg verletzt worden waren. Wir haben sie rekonstruktiv chirurgisch behandelt – mit Rehabilitation – und medizinisch versorgt, und gleichzeitig haben wir mehr Kinder für rekonstruktive Chirurgie aus dem Gazastreifen in den Libanon geholt.

Das ist eine große Zahl an Kindern. Wie viele Ärzte arbeiten in Ihrem Team?

Wir können alle Abteilungen des AUB-Krankenhauses hier in Beirut nutzen. Es kommt also jeweils auf die Art der Verletzung an. Einige Kinder benötigen eine orthopädische Operation, andere Kinder müssen von Augenärzten behandelt werden. Wieder andere Kinder brauchen plastische Operationen. Hier am AUB-Krankenhaus haben wir sehr viele Fachbereiche zu unserer Verfügung, wo die Kinder je nach ihrer Verletzung behandelt werden können. Seit der aktuelle Krieg begonnen hat, haben wir ein gemeinsames Projekt mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF und mit dem libanesischen Gesundheitsministerium. Wir wurden die Einrichtung, in die alle pädiatrischen Kriegsverletzungen – also alle Kinder mit Kriegsverletzungen – im Libanon eingewiesen wurden.

Wie alt sind Ihre Patienten?

Gestern habe ich ein sieben Monate altes Kind operiert und die Ältesten, die wir haben, sind 17, 18 Jahre alt. Wir definieren als Kind einen Patienten, der jünger als 18 Jahre ist.

Das bloße Ausmaß der Morde hat die palästinensischen Familien komplett neu gestaltet

Für die palästinensischen Kinder ist ja auch vorgesehen, dass sie nach der Operation und der Behandlungszeit eine Zeit der Erholung bei einer Gastfamilie verbringen. Funktioniert das?

Wir bringen die Familien mit, oder einen Teil der Familie. Aufgrund der Vorgehensweise der israelischen Behörden darüber, wer Gaza verlassen darf, ist es meist ein Elternteil, das die Kinder begleiten kann. Die Verwüstung in Gaza ist derart, dass in vielen Fällen die Eltern unserer Patienten getötet wurden. Wir haben also Kinder hier, die von einer Tante, einem Onkel betreut werden oder von einem einzelnen Elternteil, der überlebt hat, oder von einer Großmutter, die als einzige überlebende Erwachsene ein Kind betreut. Das bloße Ausmaß der Morde hat die palästinensischen Familien komplett neu gestaltet. Das sieht man daran, wer in der Lage ist, ein Kind hierher zu begleiten.

Konnten auch kriegsverletzte Kinder aus Syrien oder aus dem Irak so unterstützt werden?

Zwischen 2012 und 2019 war ich an einem ähnlichen Projekt für kriegsverletzte Kinder beteiligt. Damals war ich Leiter der Abteilung für plastische Chirurgie am AUB-Krankenhaus. Wir hatten ein pädiatrisches Projekt für kriegsverletzte Kinder in dessen Rahmen auch kriegsverletzte Kinder aus Syrien behandelt wurden. Gleichzeitig habe ich auch verletzte irakische Kinder behandelt, die aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem AUB-Krankenhaus und dem irakischen Gesundheitsministerium gekommen waren.

Die Welt, die sie kannten, gibt es nicht mehr

Gibt es Ähnlichkeiten bei den Kriegsverletzungen aus den verschiedenen Ländern? Oder unterscheiden sie sich?

Die Art der Kriegsverletzungen sind verschieden. Die palästinensischen Kinder in Gaza und die libanesischen Kinder werden bei sich zu Hause verletzt, auf die gleiche Weise. Oder sie werden in einem Auto verletzt, wenn sie versuchen, von zu Hause zu fliehen. Das bedeutet, dass sie unterschiedslos Geschwister oder Eltern verloren haben, oder beides. Die Verletzung ist nicht nur physisch, sondern diese Kinder sind emotional, sozial und existenziell verletzt. Die Welt dieser Kinder ist untergegangen. Die Welt, die sie kannten, gibt es nicht mehr. Ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Nachbarschaft, ihre Geschwister, ihre Schule, alles gibt es nicht mehr. Und diese Verletzungen sehen wir auch jetzt bei den libanesischen Kindern in diesem Krieg. Alle wurden zu Hause verletzt. Fast alle haben entweder die Eltern oder Geschwister verloren.

Wir haben mittlerweile eine Besprechung mit dem gesamten Team eingeführt, das die Kinder betreut. Dabei geht es um Fragen, wie diese Kinder angesprochen werden, wenn sie in der Intensivstation aufwachen. Wie sagt man ihnen, dass ihre Geschwister getötet wurden, dass ihre Eltern getötet wurden? Wir haben das Team also um einen Psychologen erweitert. Einer unserer Kollegen arbeitet in der Kinderpalliativstation im AUB-Krankenhaus, er wird jetzt mit uns zusammenarbeiten. Das ermöglicht uns, diesen Kindern die schlechten Nachrichten zu überbringen. Wir müssen das in Zusammenarbeit mit der Person machen, die von der Familie überlebt hat. Und wir müssen es richtig machen.

Das AUB-Krankenhaus ist ja ein Universitätskrankenhaus. Arbeiten auch Medizinstudenten mit den kriegsverletzten Kindern?

Ja. Unser Lehrstuhl für Konfliktmedizin ist ein pädagogischer Lehrstuhl. Der Lehrstuhl erkennt die Tatsache an, dass jeder Arzt, der in dieser Region ausgebildet wird, auch in der Behandlung gesundheitlicher Kriegsfolgen ausgebildet werden muß. Denn Kriegsverletzungen sind ein wichtiger Faktor in der hiesigen Gesundheitsversorgung. Wenn jemand morgen als ausgebildeter Arzt in Palästina oder Libanon oder Syrien, Irak, Libyen eingesetzt wird, wird er dort mit Kriegsverletzungen und deren Folgen konfrontiert. Darum sind wir überzeugt, dass die medizinische Ausbildung in unserer Region die Behandlung von Kriegsverletzungen beinhalten muss.

Wie reagieren die Studenten auf die Arbeit mit den verletzten Kindern?

Sie werden überrascht sein – viele der Studenten wollen diese Arbeit machen. Und wir zeigen Ihnen auch, dass das Verständnis des Sozialen und der Psychologie im Umgang mit den kleinen Patienten genauso wichtig ist wie die klinische Versorgung. Sie sollen bei uns lernen, Kriegsverletzungen anders, neu zu sehen und zu behandeln.

Die Studenten werden vermutlich noch nicht mit solchen Verletzungen konfrontiert worden sein. Gibt es Unterstützung?

Es gibt Unterstützung, ja. Das wurde mit den medizinischen Ausbildungszentren vereinbart. Das ist auch erforderlich, weil der Umgang mit pädiatrischen Kriegsverletzungen sehr viel schwieriger ist.

Sie sagten, in anderen Ländern werden diese Verletzungen in Militärkrankenhäusern behandelt. Hier in Beirut ist es aber eine Sache der Notwendigkeit?

Ja, und es ist eine Erfahrung. Für mich ist klar, dass man hier nicht davon ausgehen kann, dass dieser eine Krieg der letzte Krieg sein wird. Der Krieg, der alle Kriege beendet, sozusagen …

… wie man beim Ersten Weltkrieg sagte und das Ergebnis war dann ein Frieden, der jeden Frieden beendete

Ja.

Als Sie nach Ihrer Rückkehr aus Gaza Ende 2023 über Ihre Erfahrungen dort sprachen, sagten sie auch, dieser Krieg wird in den Libanon kommen.

Genau. Es ist offensichtlich, dass Israel alles, was südlich des Litani-Flusses liegt, dem Norden von Gaza gleichmachen will. Verbrannte Erde, einschließlich der Unternehmen, die Israel anheuert, um selbst die Trümmer der Dörfer abzutragen. Es soll nicht einmal mehr Trümmer dort geben, nur flaches Land. Israel bezahlt den Unternehmen pro Gebäude 5.000 Schekel, die gleiche Summe wie in Gaza. Es sind die gleichen Unternehmen, die sie für Beit Hanoun und Jabalia bezahlt haben, die sie jetzt für Khiam und Bint Jbeil bezahlen.

Dieser Lehrstuhl für Konfliktmedizin ist etwas Außergewöhnliches, an europäischen Universitäten gibt es das nicht. Wie hat es angefangen?

Mir war schon 2011, als ich das erste Mal hier gearbeitet habe, aufgefallen, dass die Kollegen im AUB-Krankenhaus, die Kriegsverletzte behandelten, ihre Ausbildung in der Zeit des Bürgerkrieges (1975 – 1990) gemacht hatten. Die jungen Kollegen, die aus den USA oder Europa kamen, kannten das nicht. Die Erfahrung verschwand also, wenn die älteren Kollegen pensioniert wurden, und angesichts der Situation in dieser Region musste sich da etwas ändern. Die Erfahrung, Kriegsverletzungen zu behandeln, musste institutionalisiert werden, damit sie in der Einrichtung bleibt und von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. So entstand hier die Konfliktmedizin.

Das Programm umfasste Forschung, Ausbildung und die klinische Praxis. Wir konzentrierten uns auf die Versorgung der Kinder aus den Kriegen Syrien und Irak, auch mit Unterstützung des irakischen Gesundheitsministeriums, wie ich schon sagte. Das konnte fortgesetzt werden, bis 2019 der Zusammenbruch des libanesischen Bankensystems alles stoppte. Ich ging zurück ins Vereinigte Königreich.

Die Kriege in der Region gingen weiter – in Syrien, im Irak, im Jemen. Und Sie waren weiter zu Einsätzen an verschiedenen Fronten?

Ja, als Arzt war ich immer wieder vor Ort in Einsätzen, und als der Gaza-Krieg 2023 begann, gab es in der AUB in Beirut die Entscheidung, einen Lehrstuhl für Konfliktmedizin einzurichten. Als ich aus Gaza zurückkam, wurde ich gefragt, ob ich als Professor die Leitung übernehmen wolle, zumal ich das Programm der Konfliktmedizin mitentwickelt hatte. So war das.

Das Ganze entwickelt sich weiter. Eigentlich müssen wir heute die Bezeichnung „Konfliktmedizin“ in „Nachkriegschirurgie“ ändern. Bisher sprach man von „Kriegschirurgie“ und der Arzt ist der Typ, der die Kugeln entfernt und die Knochen flickt. Aber wir sehen, dass jeder Aspekt der Medizin von der Verletzung beeinflußt wird. Wir brauchen Augenärzte, Mikrobiologen, Intensivmediziner, orthopädische Chirurgen und Gefäßchirurgen und vieles mehr. So, wie die industrielle Revolution die moderne Medizin beeinflusst hat, so bringen Kriege Umwälzungen eines ähnlichen Ausmaßes mit sich, die Medizin in allen Bereichen formen.

Können Sie das für Laien etwas konkretisieren?

Es geht nicht darum, einen neuen Fachbereich zu schaffen, sondern in jedem Bereich die Besonderheit von Kriegsverletzungen und wie sie sich darstellen zu verstehen und einzubeziehen. Ein Augenarzt muss verstehen, wie die Druckwelle einer Explosion das Auge zerreißt, wie er am besten so viel wie möglich erhalten kann, wenn Splitter in das Auge eingedrungen sind. Ein orthopädischer Chirurg muss den Unterschied verstehen zwischen einer Fraktur, die durch einen Verkehrsunfall verursacht wurde oder durch eine Explosion.

Und dann haben wir ein riesiges Problem im Bereich der Mikrobiologie. In der ganzen Region kämpfen wir mit multiresistenten Bakterien. Das wurde erstmals nach 2003 von den Amerikanern beschrieben, die vom „Iraqibacter“ sprachen. Sie fanden diese Bakterien in irakischen Soldaten, die aus dem Irak-Krieg mit bakteriellen Infektionen zurückkamen. Und diese Bakterien waren gegen die meisten Antibiotika resistent. Heute ist es so, dass nahezu alle Kriegsverletzten in Gaza und im Libanon multiresistente bakterielle Infektionen aufweisen. Wir sehen, dass alles, was mit menschlicher Gesundheit zu tun hat, durch Krieg neu geformt wird, sich verändert. Es ist also notwendig, dass es innerhalb einer akademischen Einrichtung, innerhalb einer Klinik immer Fachkräfte gibt, die diese Patienten betreuen, die darin ausgebildet sind, den Zusammenhang zu verstehen.

Alles, was mit menschlicher Gesundheit zu tun hat, wird durch Krieg neu geformt

Sie sind nicht nur erfahrener Chirurg und Professor an der Amerikanischen Universität und Klinik in Beirut, sie sprechen über den Krieg und die Folgen auch öffentlich. Dabei haben sie einmal europäische Staaten als „Achse des Völkermords“ bezeichnet, warum?

Es steht völlig außer Zweifel, dass Israel ohne die materielle Unterstützung verschiedener Staaten den Völkermord in Gaza nicht hätte ausführen können. Das Vereinigte Königreich hat nicht nur Waffen an Israel geliefert und das Land finanziell unterstützt, 60 Prozent der elektronischen Überwachung wurde von Flugzeugen der Royal Airforce durchgeführt, die von Zypern gestartet sind. Als die Israelis Jemen bombardierten, haben Jets der italienischen Luftwaffe sie aufgetankt. Die Amerikaner haben 80 Prozent der Waffen und Munition geliefert, Deutschland kommt gleich danach. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass Edward Said recht hatte, als er feststellte, „Der Hund wackelt mit dem Schwanz“. Israel bleibt eine Siedlerkolonie des westlichen Imperialismus. Darum wird es von den westlichen Staaten unterstützt.

Manche in vergleichbarer Position wie Sie sprechen nicht oder kaum. Sie dagegen sagen laut und deutlich Ihre Meinung – ist das auch Ergebnis dessen, was Sie seit Jahrzehnten erlebt und gesehen haben?

Genauso ist es. Es gibt keinen Platz für Zurückhaltung, nachdem 22.000 Kinder völlig straffrei ermordet wurden. 64.000 Kinder wurden zu Waisen gemacht. Als ich in Gaza war, habe ich damit angefangen, so eine Formel auf die Patientenblätter zu schreiben, eine Art Code: „WCNSF, Wounded Child no surviving Family – verletztes Kind, keine überlebende Familie“. Das war ein Hinweis an die Mitarbeiter der Sozialabteilung im Al Shifa Krankenhaus, die das Kind füttern mussten. Am nächsten Tag musste jemand dem Kind etwas zu essen geben, musste es versorgen, die Verbände wechseln. Das ist ein Phänomen, das ich hier wieder sehe und das ich nie zuvor bei meinen Einsätzen gesehen hatte. Das muss aufhören. Mit dieser erzwungenen Art des Völkermords muss gebrochen werden. Gaza ist kein Einzelfall. Gaza wird sich überall wiederholen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Titelbild: Ghassan Abu Sitta/privat

(Auszug von RSS-Feed)

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Deutsche Journalistin seit über 100 Tagen in syrischer Gefangenschaft – „Die systematische Verfolgung von Journalisten durch enge Verbündete der Bundesregierung kann nicht hingenommen werden.“

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Eva Maria Michelmann berichtete über das Wiedererstarken des IS, als sie dort am 18. Januar mit ihrem Kollegen Ahmet Polad von extremistischen Stammesmilizen in Kooperation mit der syrischen Übergangsregierung angegriffen und entführt wurde. Dies geschah in der Stadt Raqqa im Rahmen der syrischen Eroberung der autonomen kurdischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, auch als Rojava bekannt. Seit über 100 Tagen behauptet die syrische Regierung, nichts über ihren Aufenthalt zu wissen, obwohl Augenzeugen gegenüber den Anwälten der Familie bestätigten, dass ein ranghoher Repräsentant zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung dort war. Ihr Bruder, Dr. Antonius Michelmann, sprach mit dem Journalisten Hassan Al Khalaf über die Haftbedingungen und Folter, die seine Schwester im syrischen Gefängnis durchlebt, sowie über das dringend notwendige Handeln der Bundesregierung, aber auch, wie die Familie den fehlenden Einsatz der Bundesregierung, trotz enger Zusammenarbeit mit Damaskus, selbst ausgleichen und nach Zeugen suchen musste.

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Zum Zeitpunkt des Interviews hatte die syrische Übergangsregierung noch nicht bestätigt, was die Familie schon in Erfahrung brachte: nämlich, dass sie Eva Michelmann in einem syrischen Gefängnis festhalten.

Hassan Al Khalaf: Wie haben Sie von Eva Marias Verschwinden erfahren?

Antonius Michelmann: Meine Schwester ist als Journalistin in Rojava gewesen. Dort gibt es eine sehr systematische Solidaritätsarbeit. Eine Organisation namens People’s Bridge, die Übersetzungsarbeiten der kurdischen Nachrichten aus Rojava macht, hat mich am Abend kontaktiert, als meine Schwester infolge des Angriffs entführt wurde. Die Truppen der selbsternannten syrischen Regierung haben die Demokratische Selbstverwaltung Nord von Ostsyrien in Koordination mit islamistischen Stammeskriegern erobert – Leute, die wie der IS so tun, als ob sie muslimisch wären, aber in Wahrheit faschistische Terrorbanden sind. Auf Scharas Befehl wurden Leute attackiert und die Stadt Raqqa angegriffen. Vor diesen Terroristen mussten meine Schwester und 200 weitere Zivilisten in ein Jugendzentrum fliehen. Dieses Jugendzentrum wurde dann von syrischen Regierungstruppen umstellt. Nach Verhandlungen zwischen der syrischen Übergangsregierung mit den SDF, den kurdischen Kräften der autonomen Region, wurden die meisten freigelassen und von besagten Kräften in Sicherheit gebracht – nur meine Schwester und Ahmet Polad nicht. Diese beiden wurden abgesondert und in einem PKW mitgenommen.

Wofür hat sie sich als Journalistin in Rojava eingesetzt?

Meine Schwester ist zuallererst dahin, weil sie von der Revolution, die dort stattgefunden hatte, berichten wollte. In Rojava fand eine kleine Revolution statt, wo die Menschen sich ihre eigene Selbstverwaltung erkämpft haben. Sie kämpften dafür, dass ethnische Minderheiten, religiöse Gruppen und alle Menschen zusammenleben, sowie dafür, dass Frauenrechte in der Region durchgesetzt werden. Sie standen gegen faschistische, brutale Gruppen wie den islamischen Staat, Al-Nusra und Al-Qaida. Es ist somit eine demokratische Revolution gewesen. Sogar ökologische Standards wurden dort berücksichtigt. Darüber wollte sie berichten, weil sie Rojava als Vorbild für die Welt ansah. Sie war stets eine Unterstützerin Geflüchteter, schutzsuchender Frauen und Obdachloser. Ganz konkret ging es in letzten Berichten darum, wie faschistische Kräfte, die diese Region angreifen, dort wieder erstarken. Teilweise waren es ja auch diese IS-Kräfte, die auf Befehl von Al Schara an dieser Eroberung teilnahmen und am Ende meine Schwester auch in dieses Jugendzentrum reingetrieben haben, aus dem sie dann verschleppt wurde.

Welche Lebenszeichen haben Sie von ihr erreicht, seit sie als vermisst gilt?

Wir sind als Familie sehr erleichtert darüber, dass meine Schwester lebt. Monatelang gab es kein richtiges Lebenszeichen von ihr. Gleichzeitig ist uns schlecht vor Sorge wegen ihres Gesundheitszustandes. Durch eigene Arbeit konnten wir vor Kurzem Zeugen auftreiben, die berichtet haben, dass meine Schwester tatsächlich lebt. Es war ein SDF-Kämpfer, der im Rahmen eines Gefangenenaustauschs mit der syrischen Regierung freigelassen wurde. Er hat berichtet, dass meine Schwester als deutsche Journalistin in Aleppo festgehalten wird und dass dort schlechte Zustände herrschen. Er hat sie nicht getroffen, aber es ist ein offenes Geheimnis im Gefängnis, dass dort eine deutsche Journalistin ist.

Das war das erste Lebenszeichen, das uns Anfang April erreicht hat. Ein anderer Zeuge, der auch im Jugendzentrum Zuflucht suchte, sah, wie ein ranghoher Oberst der syrischen Regierung während ihrer Inhaftierung anwesend war. Es handelte sich um den Leiter für innere Sicherheit von Aleppo, Mohammed Abdul Ghani. Durch die Zeugenaussagen war einwandfrei bewiesen, dass meine Schwester lebt und von der syrischen Regierung verschleppt wurde. Erst danach war es auf einmal möglich, dass das Auswärtige Amt meine Schwester innerhalb weniger Tage besuchen konnte, und zwar in Damaskus. Das bedeutet, sie muss kurz nach diesem Gefangenenaustausch, als der Zeuge freikam, von Aleppo nach Damaskus verlegt worden sein.

Wir gehen davon aus, dass ihr Gesundheitszustand sehr schlecht ist.

Unter welchen Bedingungen hält man sie gefangen?

Sie wird dort gegen ihren Willen in einer Incommunicado-Haft gehalten. Diese Form der Haft trifft zu, wenn man ohne Kontakt zur Außenwelt, zu Anwälten und sogar zu Familienangehörigen und unter Leugnung ihrer Verschleppung festgehalten wird. Das ist dieses sogenannte „Verschwindenlassen“. Es ist eine Methode, um Menschen richtig zu foltern, sie zu brechen und die Familienangehörigen zu terrorisieren und sie einzuschüchtern. Nach Maßstäben der UN-Antifolterkonvention gilt die Schwelle zur Folter als überschritten, wenn es länger als 15 Tage dauert, aber meine Schwester ist für 95 Tage in Aleppo unter diesen Bedingungen festgehalten worden. Des Weiteren wissen wir von Zeugen aus Aleppo, dass die Leute dort Hunger leiden, dass sie nicht nur Beleidigungen, sondern auch körperlicher Gewalt ausgesetzt waren.

Wir haben jetzt auch eine neue Zeugin, die ganz gezielt aussagt, dass meine Schwester körperlich gefoltert wurde und dass sie in längeren Verhören Tag und Nacht war. Sie wurde in weitgehender Isolationshaft gehalten. Das sind alles weitere Foltermerkmale. Wir gehen davon aus, dass es meiner Schwester physisch und psychisch sehr schlecht geht. Sie muss da dringend raus. Ahmet Polad ist auch betroffen von dieser Methode, die ganz systematisch gegen Journalisten eingesetzt wird. Das Committee for protesting journalists dokumentierte, dass allein im Januar mehrere Journalisten „verschwinden gelassen“ wurden. Unser Kampf für Eva und Ahmet ist ein Teil des Kampfes dafür, dass all diese Menschen freikommen.

Wie haben Sie Zugang zur neuesten Zeugin erhalten, die bezeugen konnte, dass Eva im Gefängnis Folter ausgesetzt war?

Die Zeugenaussagen, die wir auftreiben konnten, sind dadurch zustande gekommen, dass meine Anwälte Kommunisten sind, die sich seit Jahrzehnten sehr selbstlos und aktiv einsetzen für Migranten, Unterdrückte und für Verfolgte. Dementsprechend arbeiten sie eng zusammen mit Menschen, die verfolgt werden, weil ihnen vorgeworfen wird, Teil der kurdischen Befreiungsbewegung zu sein. Deswegen gibt es dort enge, vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen wie etwa zu den Menschen bei People’s Bridge. Durch diese Vernetzung und durch das systematische Suchen nach Zeugen, aber auch durch das Bekanntmachen des Falls in der Region, war es möglich, bestimmte Menschen zu finden. Andersherum haben sich dann auch bestimmte Menschen gemeldet, die mit ihr im Trakt waren und dann freigelassen wurden. Die Freigelassenen haben es dann weitergegeben an eine Journalistin, und sie hat es weitergegeben an eine Person, die uns darüber informiert hat. Die Namen liegen unseren Anwälten vor, aber sie bevorzugen, anonym zu bleiben, um sich nicht selbst in Gefahr zu begeben. Es herrscht eine sehr ernste Lage dort. Umso mehr versprühen wir auch ein Riesenmitgefühl und große Solidarität mit all den anderen Menschen, Journalisten, Aktivisten und sogar Anwälten, die dort verschleppt wurden.

Ist Ihnen ein Grund bekannt, wieso Eva Maria immer noch festgehalten und verhört wird?

Es gehört zur Incommunicado-Haft, dass man die Opfer der Willkür von Sicherheitskräften ausliefert. Wir haben keinerlei Informationen darüber, was ihr vorgeworfen wird, wir wissen ja nicht mal, in welchem Gefängnis sie ist. Wir gehen aus mehreren Gründen davon aus, dass sie strafrechtlich kriminalisiert wird. Der erste Grund ist, dass sie nicht Teil des Gefangenenaustauschs war. Der zweite Grund ist, dass sie von offizieller Seite verschleppt wurde. Somit sind sie gezwungen, irgendeine Rechtfertigung zu erfinden, die ihre Verschleppung legitimiert. Der dritte Punkt ist: Es gibt zahlreiche, gut dokumentierte Fälle aus jüngster Zeit, zum Beispiel durch das Committee to protect journalists, dass Journalisten, die dort teilweise mit dieser Incommunicado-Haft verschleppt wurden, hinterher Terrorismus und Spionage vorgeworfen wurde.

Unsere Anwälte haben das Strafrecht dort untersucht. Es basiert auch weiterhin auf den Vorschriften des Assad-Regimes. Dort sind willkürlich auslegbare Paragraphen drin, die solche Verfolgungen und Kriminalisierungen ermöglichen. Damit rechnen wir, aber es ist für uns keine Sache, der wir uns unterordnen. Wir fordern die Freilassung meiner Schwester. Eine Journalistin zu inhaftieren und zu kriminalisieren im Zuge einer Eroberung auf fremdem Staatsgebiet in einer selbstverwalteten Region ist ein Verbrechen. Auf Grundlage von Folter und Verbrechen hat man keine Strafverfahren zu führen. Das ist ganz klar die Argumentationslinie, die wir von der Bundesregierung erwarten. Es ist nicht hinnehmbar, wenn nun eine Anklage in Damaskus akzeptiert wird. Eva muss bedingungslos freikommen, und sie darf nicht für ihre Arbeit kriminalisiert werden.

Besteht Grund zur Sorge, dass sie und ihr Kollege Ahmet Polad wegen journalistischer Arbeit so behandelt werden?

Selbstverständlich. Meine Schwester und Ahmet Polad waren dort in Rojava und haben über die fortschrittlich-demokratischen Errungenschaften wie Frauenrechte, Gleichberechtigung von Minderheiten und Anhänger diverser Weltanschauungen berichtet. Das ist so einem Regime wie dem von Al Schara, einem ehemaligen Al-Qaida- und Al-Nusra-Terroristen, zuwider. Sie begehen Massaker an der Bevölkerung und wollen Andersdenkende unterdrücken. Dass denen eine fortschrittliche Journalistin ein Dorn im Auge ist, ist klar. Deswegen ist die Aufklärungsarbeit der Journalisten vor Ort eine wichtige Arbeit, auf die man stolz sein muss. Meine Schwester hat zum Beispiel kurz vor ihrer Entführung vom Wiedererstarken von fundamentalistischen Terrororganisationen, aus denen Al Schara selbst stammt, berichtet. Die deutsche Regierung sucht gerade sehr enge Beziehungen zum Regime von Al Schara. Das ist eine Sache, die uns wirklich Sorgen macht. Wie kann es sein, dass die zusammenarbeiten? Vielleicht will man meine Schwester, Ahmet Polat und all diese Leute unter den Teppich kehren, um diese engen Beziehungen fortführen und ausbauen zu können.

Wie hat es sich angefühlt, zu sehen, dass Ahmad Al Schara in Berlin empfangen wird?

Ich hab da absolut kein Verständnis dafür, dass so jemand in Amt und Würde gehoben wird – ein ehemaliger Al-Qaida- und Al-Nusra-Terrorist, der verantwortlich ist für Massaker an Drusen und Alawiten. Es werden zahlreiche Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverbrechen im jüngsten Syrien dokumentiert. Dass man mit so jemandem Abschiebeabkommen schließt und Geschäfte machen will, dafür fehlt mir absolut jedes Verständnis. Allein die Europäische Union und die Bundesregierung haben hohe Summen für Al Schara versprochen. Natürlich wird das wieder auf deutsche Konten zurückgehen. Menschenrechte scheinen da keine Rolle zu spielen, und das macht mir ernsthafte Sorgen. Ich erwarte von unserer Bundesregierung, insbesondere von Friedrich Merz, Frank-Walter Steinmeier und Ursula von der Leyen, dass sie sich ganz persönlich dafür stark machen, dass eine deutsche Journalistin, die dort verschleppt und gefoltert wird, nur weil sie ihre Arbeit macht, bedingungslos und ohne Kompromiss rausgelassen wird.

Wissen Sie, ob ihr Verbleib gegenüber dem syrischen Präsidenten erwähnt wurde?

Es wurde uns vorher vom Auswärtigen Amt zugesichert, dass es auf der Tagesordnung stehen würde. Im Nachhinein haben sich weder die verantwortlichen Politiker noch das Auswärtige Amt in irgendeiner Pressemitteilung oder einem Pressebericht dazu geäußert. Wir wissen es nicht und wir gehen davon aus, dass es kein Thema war. Auch der Einsatz der Bundesregierung ist meiner Ansicht nach nicht vorhanden. Bis auf leere Worte und freundliche Versprechungen haben wir da nicht viel erfahren. Es ist im Gegenteil sogar so gewesen, dass wir das Auswärtige Amt mit Informationen und mit weiteren Zeugenaussagen versorgen mussten, bis tatsächlich endlich mal was passiert ist. Jetzt ist es auch wieder so, dass wir an der Kurzleine gehalten werden. Meine Schwester wurde jetzt kurz in Damaskus besucht unter Begleitung von syrischem Sicherheitspersonal, und wir kriegen nicht mal gesagt, in welchem Gefängnis sie ist.

Sehen Sie bei der Bundesregierung und dem Auswärtigen Amt ernsthafte Bemühungen, sie aus der Haft zu retten?

Ich möchte einzelnen Sachbearbeitern im Auswärtigen Amt nicht ihre Bereitschaft absprechen, aber es ist Tatsache, dass wir bisher alle Informationen selbstständig aufgetrieben und dem Auswärtigen Amt zur Verfügung gestellt haben. Ganz besonders durch die harte Arbeit der Menschen bei People’s Bridge und von unseren kommunistischen Anwälten, die sehr stark in der internationalen Solidarität vernetzt sind und deshalb Kontakte vor Ort haben. Für uns zählen die Ergebnisse, und das Ergebnis ist die Freilassung meiner Schwester. Obwohl sie dringend da raus muss, ist nichts passiert. Da ist ja nicht mal ein richtiger Besuch möglich gewesen, und das trotz der engsten Zusammenarbeit mit der deutschen Bundesregierung mit diesem Regime. Das ist nicht genug. Sie ist in sehr ernster gesundheitlicher Verfassung.

Wir wissen aus zahlreichen Fällen wie zum Beispiel Deniz Yücel in der Türkei oder bei der Verschleppung von Menschen in Argentinien unter der Militärdiktatur dort, dass wenn sich Regierungen als Chefsache für die Freilassung dieser Menschen eingesetzt haben, dass sie dann auch freigekommen sind. Zugleich wissen wir auch, was passiert, wenn die Regierungen nichts tun, wie im Fall von Elisabeth Käsemann. Sie wurde von der argentinischen Militärdiktatur gefangen genommen, und alle anderen Länder wie Großbritannien und Frankreich haben sich dafür eingesetzt, ihre Staatsbürger zu befreien. Nur die deutsche Regierung hat sie dort sitzen lassen, bis sie dann am Ende getötet wurde. Dazu werden wir es nicht kommen lassen. Deswegen sind wir unbedingt auch auf die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit angewiesen, damit dort nicht einfach durch irgendwelche opportunistischen Verhaltensweisen gegenüber so einem Regime aufgrund von Geschäftsinteressen die Gesundheit meiner Schwester und anderer Journalisten auf der Strecke bleibt. Es muss Aufmerksamkeit darauf fallen, was die Bundesregierung treibt und mit was für Leuten sie zusammenarbeitet, damit der Druck auf die syrische Regierung groß wird.

Können Sie sich erklären, wieso die syrische Übergangsregierung für lange Zeit behauptete, nichts über ihren Aufenthalt zu wissen, obwohl sie laut offiziellen Aussagen des Auswärtigen Amtes in einem syrischen Gefängnis festsitzt?

Jetzt ist meine Schwester eine Zeugin dessen, was dort wirklich passiert. Genauso natürlich die anderen verschleppten Journalisten, die der Übergangsregierung ein Dorn im Auge sind. Wir wissen durch zahlreiche Zeugenaussagen, dass meine Schwester in Syrien verschleppt ist, wir wissen vom Auswärtigen Amt, dass sie besucht wurde, und wir wissen auch, wer die Verantwortlichen waren. Ganz konkret vor Ort war es Mohammed Abdul Ghani, ein Verantwortlicher des syrischen Sicherheitsapparates in Aleppo. Wir wissen, dass der gesamte Angriff auf diese Region, wo meine Schwester war, unter direktem Befehl von Al Schara und der syrischen Übergangsregierung stattfand. Es ist natürlich klar, dass eine Journalistin, die darüber berichtet, wie solche IS-Terrorbanden mit einem Jolani zusammenarbeiten, im Fokus von so einem Regime steht und dass man sie deshalb verschleppen und verstummen will. Zugleich versucht gerade die deutsche Bundesregierung, mit ebenjenem Al Schara eng zusammenzuarbeiten. Das bedeutet dass natürlich beide Regierungen Interesse daran haben, denen die Weste weißzuwaschen, um so zu tun, als ob demokratische Zustände dort herrschen. Das bereitet uns ernste Sorgen.

Sie haben einen Offenen Brief an den Kanzler, den Bundespräsidenten und die EU-Kommissionspräsidentin unterzeichnet. Was sind Ihre konkreten Forderungen?

Erstmal sind wir bezüglich des Offenen Briefs sehr dankbar, dass er von 160 Menschen, von Mitgliedern des Bundestags, von Menschenrechtsaktivisten und von zahlreichen Journalisten unterzeichnet wurde. Unsere Forderung richtet sich vor allem natürlich an die syrische Regierung, dass sie unsere Journalisten Ahmet Polat und meine Schwester Eva Maria Michelmann freilassen sollen. Weiterhin fordern wir, dass die Bundesregierung und die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen diesen Fall persönlich zur Chefsache machen. Die systematische Verfolgung von Journalisten durch enge Verbündete der Bundesregierung kann nicht hingenommen werden. Menschenrechte sind nichts, was bei Verhandlungen hinten steht, das hat ganz vorne zu stehen. Das ist es, was wir fordern mit Unterstützung von den Unterzeichnern.

War Eva Maria Michelmann jemals auf so einen Fall vorbereitet?

Meine Schwester ist eine mutige Journalistin, die das Herz am rechten Fleck hat, aber sie ist gleichzeitig auch keine Abenteurerin oder Träumerin. Sie stürzt sich nicht blind in sinnlose Gefahren. Sie hat einen schlauen und aufmerksamen Verstand. Sie wusste ganz genau, was sie da tut. Sie ist in eine Region gereist, die insgesamt sehr umkämpft ist, aber sie hielt sich in einem sicheren Gebiet auf: die demokratische Region Nordost-Syrien Rojava. Dort musste man sich als Frau und als Journalistin keine Sorgen machen. Dass die syrische Regierung diese Region mit Rückendeckung von Großmächten wie den USA und der Türkei überfällt, bleibt ein Verbrechen. Sie war sicherlich darauf vorbereitet, dass solche Verbrechen passieren können. Ohne das in Kauf zu nehmen, wäre sie dort nicht hingegangen. Nur weil man seine Arbeit ernst nimmt und versteht, welches Berufsrisiko es gibt, ist es keine Rechtfertigung, sie dort alleine zu lassen.

Ist Syrien mit Hinblick auf Presse- und Meinungsfreiheit ein sicheres Herkunftsland, in das die Bundesregierung guten Gewissens abschieben sollte?

Wir haben ja gesehen, wie sicher dieses Land ist, anhand dessen, wie wir unsere Zeugen schützen müssen, weil sie Angst um ihr Leben haben. Dort gab es allein im letzten, aber auch in diesem Jahr außergerichtliche Hinrichtungen auf offener Straße. Es sind Tausende Alawiten und Drusen in Massengräbern hingerichtet worden. In Aleppo sind noch über hunderttausend Menschen auf der Flucht vor diesen Banden. Wir haben jetzt gesehen, wer und was das war, die in Raqqa meine Schwester verfolgt haben. Das waren marodierende Milizen, die auf Befehl der syrischen Übergangsregierung handeln. Wenn man ein freiheitsliebender Mensch ist, seine Meinung sagen will und wenn man gleichberechtigt leben will, dann ist es natürlich kein sicheres Land. Deswegen muss jeder Mensch das Recht haben, von dort zu fliehen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, zu entscheiden, wo er leben will, aber ich bin nicht dafür, dass jeder Verbrecher sein Land wechseln kann.

Wenn Al Schara oder auch Assad gesagt hätte, „ich will mich vor der syrischen Bevölkerung in Sicherheit bringen”, dann finde ich natürlich, er muss dort bleiben und sich den Konsequenzen stellen. Doch jeder friedliebende Mensch soll in der Lage sein, seinen Lebensort wählen zu dürfen. Ich bin völlig gegen diese Abschiebeabkommen, und erst recht natürlich mit so einem verbrecherischen Regime. Da sieht man, wie sehr die Arbeit von Journalisten, die über die wahre Lage dort aufklären, den Plänen von Al Schara und leider auch unserer Bundesregierung einen Strich durch die Rechnung macht.

Titelbild: wk1003mike/shutterstock.com

Über den Interviewpartner: Dr. Antonius Michelmann engagiert sich seit der Verschleppung von Eva Michelmann mit seiner Familie für ihre Freilassung aus syrischer Haft. Er verfügt über einen Doktortitel in Chemie, unterrichtet Naturwissenschaften an einer weiterführenden Schule, und sogar seine Schüler erstellten ein Video für Social Media, um auf ihre Inhaftierung aufmerksam zu machen. Für die anfallenden Kosten, die dafür notwendig sind, sammelt die Familie Spenden auf Solidarität International e.V.

Die deutsche Journalistin Eva Michelmann arbeitete unter anderem für die Nachrichtenagentur ETHA, beherrscht kurdisch als auch türkisch und lebt seit 2022 in Rojava.

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Juraprofessor Martin Schwab: „Solche Richter können gar nicht unabhängig sein“/Coronaverfahren Julia Neigel (Interview Teil 2)

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„Ich kann mir das nur so erklären, dass das Gericht nicht wollte, dass ich in der mündlichen Verhandlung zu Wort komme“, sagt Jura-Professor Martin Schwab im zweiten Teil des Interviews mit den NachDenkSeiten in Sachen Corona-Verfahren Julia Neigel. In diesem Interview bekräftigen Schwab und die Künstlerin Neigel ihre Kritik an der sächsischen Justiz. „Wenn es in diesem Verfahren mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte das Gericht den Normenkontrollantrag von Frau Neigel für zulässig erachten und in eine inhaltliche Prüfung der 2G-Verordnung und Lockdown-Verordnung eintreten müssen“, sagt Schwab. Detailliert schildert Neigel, wie ihr Juristenteam in ihrem Verfahren gegen die Corona-Maßnahmen vorgeht und was sie erlebt hat. Sie spricht von einem „dunklen Mittelalter des Rechtsstaates“ und sagt, scheinbar sei verdecktes Ziel im Prozess, einen „Haftungsschaden von der sächsischen Staatskanzlei abzuwenden“. Im Hinblick auf einige Corona-Maßnahmen begründet die Sängerin, warum sie darin ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sieht. Von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Marcus Klöckner: Sie, Herr Schwab, haben, wenn ich das richtig verstanden habe, spezielle persönliche Erfahrungen mit dem Gericht gemacht, und zwar: In der dritten mündlichen Verhandlung wurden Sie nicht per Videoschalte zugelassen. Stimmt das? Und: Wie erklären Sie sich das?

Martin Schwab: Ich hatte den zuständigen Richtern mitgeteilt, dass ich am 29. Januar 2026 nicht an der dritten mündlichen Verhandlung teilnehmen kann, weil ich an diesem Tag meine Vorlesungen in Bielefeld halten musste. Zwei Wochen später wäre das kein Problem gewesen, weil dann schon die Semesterferien angefangen hatten. Das Gericht hat auf meine Lehrverpflichtung keine Rücksicht genommen.

Mehrere Versuche wurden vom gesamten Anwaltsteam unternommen, das Gericht umzustimmen – ohne Erfolg. Selbst als ich am 29. Januar 2026 an meinem Computer saß und bereit gewesen wäre, per Videokonferenz an der Verhandlung teilzunehmen, wurde der Antrag, mich per Video zuzuschalten, abgelehnt.

Ich kann mir das nur so erklären, dass das Gericht nicht wollte, dass ich in der mündlichen Verhandlung zu Wort komme.

Zur Frage, ob und ggf. wann die 2G-Verordnung durch die Lockdown-Verordnung ersetzt wurde, hatte ich in meinen Schriftsätzen vieles ausgeführt und mit einschlägiger Rechtsprechung belegt. Einen sachlichen Grund, meine Teilnahme zu verhindern, gab es also nicht.

Julia Neigel: Tatsache ist, dass jeder im Team sich auf einzelne Aufgaben spezialisiert hat, weil der Prozessstoff extrem aufwändig ist. Darunter fielen Recherchen zu Verordnungen, Studien, Statistiken, Medienaussagen der Politiker, EU-Recht, Medizinrecht, Kulturrecht etc. Prof. Dr. Martin Schwab hat sich unter anderem auf die Verkündungs- und Inkrafttretungsfrage spezialisiert und die wichtigsten Schriftsätze dazu verfasst. Das Gericht hat unsere Anträge auf Zuschaltung meines mandatierten Juristen unsachlich und diskriminierend abgelehnt.

Das erinnert an das, was Sie zuvor angesprochen haben, also den Umgang des Gerichts mit ihrem Gewerkschaftsvertreter.

Julia Neigel: Die Richter maßten sich an, mir erklären zu wollen, welcher Anwalt für mich wichtig wäre und wer nicht. Sie behaupteten, weil er ja kein Verwaltungsrechtler, sondern „nur“ Rechtswissenschaftler sei und ich genug Anwälte hätte, müsse er ja nicht zugeschaltet werden. Das erinnerte mich an die willkürlichen Methoden der Personenbeschränkungen der Corona-Politik. Man hätte auch gleich sagen können: Am Weihnachten musst Du dich z.B. bei fünf Kindern für nur vier entscheiden, weil wir die Anzahl der Zusammenkunft begrenzen werden, oder man darf nur drei von vier Musikern auf die Bühne lassen, weil uns die Nase des vierten Musikers nicht passt. Auch hier fand erneut ein Eingriff der Richter in die prozessuale Waffengleichheit zugunsten des Prozessgegners, der Regierung statt, um mein Juristen-Team zu unterminieren.

Was sind Ihre Schlüsse?

Julia Neigel: Es ist für uns offensichtlich, dass die Richter im dritten Verhandlungstermin im Februar 2026 unseren Vortrag zu den Ergebnissen der Beweisaufnahme, den neuralgischen Punkten hinsichtlich der schweren Mängel an der Verordnungserstellung sowie die juristischen Konsequenzen, die Prof. Dr. Martin Schwab dazu abgeben hat können, der Öffentlichkeit vorenthalten wollten. Nur so ist es erklärbar, dass die Pressestelle des OVG insbesondere die Medien bezüglich der öffentlichen mündlichen Verhandlung nicht informiert hat und Martin Schwab keine Videozuschaltung erlaubte. Videozuschaltungen sind bei Gerichten gang und gäbe. Hätten wir die Medien nicht drei Tage vor Termin selbst informiert, hätte es an diesem Tag gar keine Zuhörer, geschweige denn Presse im Saal gegeben. Dass Prof. Dr. Martin Schwab hierzu am selben Tage auch nicht angehört werden sollte, passt hierzu ins klare Bild. Man stelle sich vor, die Journalisten hätten gehört, was er zu sagen hat, und hätten darüber geschrieben.

Was wäre dann gewesen?

Julia Neigel: Ganz Deutschland hätte sofort lesen können, dass die betroffenen Bürger für den Zeitraum vom 22. November 2021 bis 23. November 2021 wegen rechtswidriger Maßnahmen der sächsischen Regierung Amtshaftungsansprüche stellen können, weil das verkündete Inkrafttreten der Lockdown-Verordnung am 22. November 2021 verpatzt wurde, aber zugleich Strafen und Schließungen von Betrieben verhängt wurden. Zu diesem Zeitpunkt war kein Gesetzes- und Verordnungsblatt gedruckt und damit die Verordnung gesetzlich nicht in Kraft. Die Beweisaufnahme der letzten zwei Jahre hat ergeben, dass die Regierung das sehr wohl wusste, sodass sie den Lockdown und alle etwaigen Strafen während dieser zwei Tage formell nicht erlassen durfte. Die sächsische Regierung hat die Bevölkerung hierbei belogen und getäuscht und wider besseres Wissen gegenüber der Öffentlichkeit den Schein erweckt, dass die Lockdown-Verordnung für diesen Zeitraum gesetzlich wirksam wäre.

Als wir in der Verhandlung zwei Jahre zuvor am 8. Februar 2024 aufzeigten, dass die Lockdown-Verordnung bis zum 25. November 2021 auf der Website der Regierung nur als Entwurf zu finden war und damit möglicherweise der Lockdown über vier Monate unwirksam war, haben die Richter die Prüfung der Unwirksamkeit der Verordnung verweigert. Der Gegner hat die Klageerweiterung auf die Lockdown-Verordnung abgelehnt. Sie haben mit einem Teilurteil die Prüfung der Unwirksamkeit des Lockdowns aus der Klage herausgenommen und den effektiven Rechtsschutz für eine separate Klage vereitelt, weil sie ihrer Hinweispflicht innerhalb der Frist nicht nachgekommen sind.

Wie meinen Sie das?

Julia Neigel: Richter haben eine Hinweispflicht gegenüber dem Kläger. Wenn etwas mit den Anträgen nicht stimmt, müssen sie den Kläger darauf hinweisen, damit dieser gegebenenfalls einen anderen Klageweg in der möglichen Frist bestreiten kann. Diese Frist war ein Jahr. Der gesetzlichen Hinweispflicht sind die Richter hier nicht nachgekommen. Bei Hinweis des Gerichts hätte ich die Klageerweiterung in ein separates Verfahren umwandeln lassen. Dafür genügt ein einfacher Antrag während der Verhandlung. Doch da das Teilurteil drei Jahre dauerte, war die Frist von einem Jahr vorbei. Die Richter meinten, die Klageerweiterung würden man am OVG grundsätzlich als separates Verfahren führen und außerdem hätte diese Lockdown-Verordnung nichts mit der 2G-Verordnung zu tun, zumal der Prozessgegner die Klageerweiterung ablehnte. Daher wäre die Prüfung der Verordnung abzuweisen.

Die Richter widersprachen sich. Die beiden Verordnungen und die formelle Zulassung meiner Klage hängen sehr wohl zusammen und unmittelbar von der Frage ab, wann die Lockdown-Verordnung in Kraft tritt oder nicht. Ist sie zu spät in Kraft getreten, muss das Gericht die Lockdown-Verordnung für unwirksam erklären. Das sollte mit dem Teilurteil verhindert werden. In beiden Verordnungen wurden die Bereiche der Kultureinschränkungen angegriffen. Noch dreister war dann der zwei Tage nach dem Teilurteil getroffene Beschluss der Wiedereröffnung der Beweisaufnahme, die eben genau diese Prüfung des Zeitpunkts des Inkrafttretens der Lockdown-Verordnung zum Ziel hatte. Mit dem zuvor durchgeführten Teilurteil war ein mögliches negatives Ergebnis für die Regierung vereitelt und hatte keine rechtlichen Konsequenzen. Es ist mittlerweile so klar zu durchschauen, wie die Richter ergebnisorientiert zu Gunsten ihrer Dienstherren handelten. Ziel war es scheinbar einzig und allein, Haftungsschaden von der sächsischen Staatskanzlei abzuwenden, offensichtlich egal wie. So sieht also das dunkle Mittelalter des Rechtsstaates aus.

Damit ist immer noch nicht Schluss. Frau Neigel, Sie haben in einem Gespräch mir gegenüber erwähnt, dass es einen „Prozessbevollmächtigten“ geben soll, der die Verfassungsnorm, die wegen des Verkündungsmangels von Ihnen herangezogen wurde, angeblich mitverfasst hat. Stimmt das? Und: Was bedeutet das?

Julia Neigel: Ja, das stimmt. Marcel Luthe hat seine Biographie minutiös recherchiert. Der Anwalt der sächsischen Regierung war ab 1. Januar 1991 im Sächsischen Justizministerium tätig. In dieser Funktion hat er die Erarbeitung der Sächsischen Verfassung institutionell begleitet, grundlegende Gesetze des Freistaates entworfen – darunter das Verfassungsgerichtshofsgesetz und jene Bestimmungen, aus denen die Verkündungsanforderungen für Rechtsnormen folgen: nämlich den Art. 75 und 76 der Sächsischen Verfassung, um die es im Verfahren bei der Frage des Inkrafttretens der Lockdown-Verordnung konkret geht.

Er leitete dann bis 2005 die Abteilung Parlamentsdienste der Landtagsverwaltung, vertrat den Landtag vor dem Verfassungsgerichtshof – so kannte er seine eigene Norm also von drei Seiten: als Verfasser, als parlamentarischer Begleiter und später als Vizepräsident des Verfassungsgerichtshofs. Seine biographische Konstellation schließt zu 100 Prozent aus, dass seine wahrheitswidrige Behauptung der Wirksamkeit der Lockdown-Verordnung am 22. November 2021 beim Gerichtsprozess auf Rechtsunkenntnis beruht. Wer die Verkündungsvorschriften selbst entworfen hat und weiß, dass das Gesetzes- und Verordnungsblatt, welches zum Inkrafttreten zwingend benötigt wird, erst am 23. November 2021 zur Post gebracht wurde und bis dahin nur ein Entwurf mit dem Platzhalter „SXXX” online stand, weil diese Drucksache am 22. November 2021 noch gar nicht gedruckt war, kann die Behauptung, besagte Verordnung sei am 22. November 2021 um 0:00 Uhr wirksam in Kraft getreten, im Hinblick auf die Erfordernisse aus der sächsischen Verfassung nicht gutgläubig aufgestellt haben.

Hinzu kommt, dass er, bis wir das Gegenteil bewiesen haben, anfänglich sogar behauptet hat, dass die Drucksache schon am 20. November 2021 gedruckt und verkündet gewesen sei und der besagte Online-Entwurf, der nur mit einem Platzhalter ohne Drucksachennummer versehen war und der lediglich bis zum 24. November 2021 öffentlich zu finden war, ein reines „Versehen“ gewesen wäre. Man habe am 22. November 2021, am Tag der Verkündung, vergessen, den Entwurf auszutauschen. Das war kein Versehen. Vom 20. November 2021 bis zum 23. November 2021 existierte laut der Beweisaufnahme kein Gesetzes- und Verordnungsblatt als Drucksache, weil es noch gar nicht gedruckt war, und die Regierung wusste das ebenso wie deren Anwalt. Dies alles begründet unseren Verdacht des direkten Vorsatzes und unsere Strafanzeige auch gegen Amtsträger eines Ministeriums.

Herr Schwab, wie erklären Sie sich, die Gesamtlage betreffend, die Klage von Frau Neigel?

Martin Schwab: Wenn es in diesem Verfahren mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte das Gericht den Normenkontrollantrag von Frau Neigel für zulässig erachten und in eine inhaltliche Prüfung der 2G-Verordnung und Lockdown-Verordnung eintreten müssen.

Zusammen mit meiner Mitarbeiterin Annette Merkel, die sich mit ihrem medizinischen Wissen – sie ist staatlich geprüfte Heilpraktikerin –, mit profunden Recherchen, mit zielführenden Aufbau- und Formulierungsvorschlägen und mit wichtigen strategischen Überlegungen an der Schriftsatzarbeit beteiligt hat, hatte ich allein zu diesem Thema zwei dicke Schriftsätze verfasst, die ich dem OVG Bautzen im Verfahren von Julia Neigel vorgelegt habe. Der erste dieser beiden Schriftsätze umfasst 163 Seiten und datiert vom 4. Februar 2024, noch bevor die RKI-Protokolle veröffentlicht wurden. Hierin wird herausgearbeitet, dass schon die damals veröffentlichten Daten des RKI und des Bundesgesundheitsministeriums die Killervirus-Pandemie-Erzählung in keiner Weise stützten. In diesem und außerdem in einem weiteren, 426 Seiten umfassenden Schriftsatz vom 13. Januar 2026 finden sich jede Menge Fakten und Belege, die eindeutig beweisen, dass die Killervirus-Pandemie-Erzählung und die daraus abgeleiteten Maßnahmen nicht nur auf groben Fehlannahmen, sondern auf vorsätzlichen Falschbehauptungen beruhten. Diesem Vortrag hätte das OVG Bautzen nachgehen müssen.

Julia Neigel: Alle Juristen im Team haben jeden Blickwinkel der Maßnahmen auseinandergenommen und reichlich vorgetragen. Die Schriftsätze sind zahlreich und fundiert, zum Beispiel auch zum Thema mildere Mittel, bedingte Zulassung der „Corona-Impfstoffe“ und des Verbotes, dieses als einrichtungsbezogenes Impfpflicht-Mittel für 2G zu nutzen. Wir haben den Verdacht: Die Richter wollten die Klage formell nicht zulassen, weil anhand all unserer Beweise bei materieller Prüfung und bei Nutzung der Denk- und Rechtslogik sich zwingend ergibt, dass 2G für verfassungswidrig, im Mindesten aber für unverhältnismäßig zu erklären ist und die Regierung dadurch einen Schaden ausgleichen muss. Erst recht gilt dies für die Lockdown-Verordnung, die massive Schäden bei der Gesellschaft ausgelöst hat. Um uns den Weg zum Bundesverwaltungsgericht abzuschneiden, wurde durch die Richter des OVG die Revision nicht zugelassen. Wir haben nun Nichtzulassungsbeschwerde und Revisionsbegründung eingereicht. Die Rechtsauffassung dieser Richter, dass man Verordnungen ohne Zugänglichmachung für die Bürger geheim in Kraft treten lassen könne, liest sich wie eine Entscheidung aus den Tagen der Monarchie und des Adels, der glaubt, über sein Fußvolk willkürlich verfügen zu dürfen.

Sie haben jetzt den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt. Was sind Ihre Forderungen? Was erwarten Sie?

Julia Neigel: Dieses Verfahren und das Verhalten der Verantwortlichen haben uns gezeigt, dass der Rechtsstaat reformiert und zu seinen tatsächlichen Pflichten zurückgeführt werden muss. Ich erinnere an Art. 6 EMRK, an das Menschenrecht auf ein faires Verfahren. Wir fordern vollständige Aufklärung, da dieser Prozess nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Wir fordern Richter, die neutral, fair und gerecht handeln, das Recht nicht verdrehen, nicht vorverurteilen und erst recht keine Urteilsentwürfe nebst Ergebnis vor Verhandlung und Beweisaufnahme in Stein gemeißelt haben. Wir fordern die Staatsanwaltschaft auf, tätig zu werden und ihre Pflicht zu tun, auch wenn wir wissen, dass sie weisungsgebunden ist. Wir fordern das sächsische Parlament auf, die Pflichtverletzung der betreffenden Ministerin zu prüfen.

Es muss geprüft werden, was am OVG Bautzen versäumt und umgangen wurde, ob es Absprachen gab, um ein für uns günstiges Urteil nicht fällen zu müssen. Diese Tricksereien müssen unterbunden werden. In jedem Fall gehen wir mit jedem Rechtsmittel gegen diese Methoden vor, bis wir ein faires Verfahren vor einem unabhängigen und politisch neutralen Gericht bekommen, welches unsere Beweise würdigt und gerecht entscheidet. Das System der Gewaltenteilung krankt an seiner eigenen Korruptheit. Richter müssen von unabhängigen Kollegen sowie ohne Parteibuch berufen werden, nicht von Politikern instrumentalisiert und installiert werden. Diese Methode hat schon zu viel Vertrauen in den Rechtsstaat zerstört und geht dem Rechtsbankrott entgegen. Der Begriff „Bananenrepublik“ kommt nicht von ungefähr.

Martin Schwab: Das Verhalten des Pressesprechers hat jedenfalls gezeigt, dass es keine gute Idee ist, Menschen, die jahrelang in der Ministerialbürokratie ihren Dienst verrichtet haben, anschließend auf einen Richterstuhl zu setzen. Solche Richter können gar nicht unabhängig sein – weil sie die Brille der Exekutive niemals werden ablegen können.

Soweit zur aktuellen Entwicklung. Lassen Sie uns zurückschauen, um besser zu verstehen, wie Sie überhaupt zu Ihrer Klage gekommen sind. Im November 2021 haben Sie ein Normenkontrollverfahren gegen zwei Corona-Verordnungen des Freistaats Sachsen eingereicht. Was ist der Grund?

Julia Neigel: Nach ewig langem Lockdown konnten wir wieder auf Tour, mussten aber die Konzerte unter dem 3G-Regime – als geimpft, genesen, getestet und mit Abstand von 1,5 Metern von Person zu Person – durchführen. Das schon war für uns und unser Publikum Zumutung genug. Indessen häuften sich im Bereich der Kulturschaffenden die Selbstmorde, Insolvenzen, Depressionen, Geschäftsaufgaben. Beinahe jeder Prominente, der Kritik an der Corona-Politik äußerte, wurde zudem in den Medien geächtet.

Selbstmorde?

Julia Neigel: Ja, ich selbst kenne zwölf Kulturschaffende, die sich in dieser Zeit aus Verzweiflung das Leben genommen haben. Monatelanges Arbeitsverbot ohne finanziellen Ausgleich hinterließ seine Spuren. Die Kulturszene stand wegen mangelhafter Fördermittel und politischer „Systemunrelevanz“ schon längst kurz vor dem Kollaps, als wir endlich wieder auf die Bühnen durften. Die Künstler, die dieses politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Desaster überlebt hatten, waren einfach nur noch froh, wieder arbeiten zu können.

Was war nun das Problem?

Julia Neigel: Die 3G-Regel ließ meist nur 25 Prozent der Zuschauerzahl im Verhältnis zur räumlichen Kapazität zu. Die fehlenden Einnahmen durch die Zuschauerbegrenzung wurde durch ein bundesweites Veranstaltungs-Förderprogramm ersetzt. Unsere Tournee als 3G-Veranstaltungen war lange schon ausverkauft. Am 22. November 2021 sollte verkündet werden, dass am 25. November 2021 die pandemische Lage nationaler Tragweite aufgehoben wird. Das wussten wir schon zuvor und machte uns Hoffnung, wieder zur Normalität zurückzukehren.

Das war aber nicht so?

Julia Neigel: Genau. Am 15. November 2021, drei Tage von dem ersten Konzert in Sachsen, kam die Meldung, dass die sächsische Regierung, anstelle die Maßnahmen dann aufzuheben, von 3G- auf ein 2G-Regime – also nur geimpft und genesen – umstellt, obwohl die pandemische Lage nationaler Tragweite im Begriff war, bundesweit aufgehoben zu werden. Die sächsische Regierung rief stattdessen die Überlastung des Gesundheitswesens aus und ging in einem Art Staatsstreich radikal gegen die Freiheitsrechte der Menschen vor. Wie sich später herausstellte, gab es diese allgemeine Überlastung in Sachsen zwar so eben gerade nicht, aber es wurde als Grund für 2G benannt. Bayern und andere Bundesländer wollten dem Beispiel folgen. Die CDU und die SPD debattierten indessen im Parlament schon über die allgemeine Impfpflicht, was 2G zum Dauerzustand gemacht hätte. Während also in anderen europäischen Staaten die Maßnahmen schon längst aufgehoben waren, schon die höchsten Gerichte feststellten, dass ein Kulturlockdown gegen das Diskriminierungsverbot verstieße, sowie 2G verfassungswidrig wäre, ebenso wie ein Lockdown allgemein verfassungswidrig sei, zog man in Sachsen nun die Daumenschrauben an.

Was heißt das?

Julia Neigel: Mehr als ein Drittel des Publikums, der Menschen mit natürlichem Gesundheitsstatus mussten ihre Tickets zurückgeben und vor der Tür draußen bleiben – wie ein durchnässter Hund im Regen. Obwohl die Kulturelle Teilhabe ein Menschenrecht nach Art. 15 UN-Sozialpakt und Art. 17 AEMR ist, schien es niemanden zu interessieren, dass der völkerrechtliche Schutz dieses Teils der Gesellschaft gebrochen wurde. Dabei war das Mittel des Zugangs die sogenannte „Corona-Impfung“, ein nur bedingt zugelassenes und ein sich im medizinischen Versuch befindliches unerforschtes Pharmaprodukt.

Der Umgang mit den Künstlern war für Sie diskriminierend?

Julia Neigel: So ist es. Wir Künstler wurden das ganze Jahr 2020 bis in den Herbst 2021 hinein von den Politikern als unwichtig deklariert, diskriminiert, wirtschaftlich und gesellschaftlich vergessen, unsere Berufsgruppe hatte das längste Arbeitsverbot. Nun sollten wir jetzt auch noch indirekt unter Pharmawerbung jeden kulturell ausschließen und bestrafen, der bei der sogenannten „Impfkampagne“ nicht mitmachte. Ich weigerte mich, dies Menschen anzutun.

Und mit 2G …

… wurde uns die Pistole gezielt auf die Brust gesetzt: Wenn wir 2G verweigern würden, dann gäbe es keinen finanziellen Ausgleich für die Absage von schon entstandenen und hohen Produktionskosten, das Förderprogramm 3G fiel nämlich damit weg. Würden wir 2G aber machen, wäre es andererseits unmöglich, innerhalb ein paar Tagen eine zuvor mit nur 25 Prozent Kapazität ausverkaufte Halle nun zu 100 Prozent zu füllen, zumal die „Ungeimpften“, die Tickets hatten, diese nun zurückgeben mussten, zumal wir damit eine Diskriminierung unterstützt hätten.

Was Sie hier beschreiben, betraf auf die ein oder andere Weise mehr oder weniger alle Bürger.

Julia Neigel: Natürlich, denn Menschenrechte wurden bundesweit überall über Bord geworfen: Wir mussten mitansehen, wie Krankenhäuser und Seniorenheime monatelange Besuchsverbote ausriefen, obwohl die vollständige soziale Isolation von wehrlosen und hilflosen Menschen von über 14 Tagen nach dem Infektionsschutzgesetz und seinem § 28 a Abs. 2 Satz 2 wegen des Verbots der psychischen und körperlichen Folter nach der Nelson-Mandela-Regelung der UNO schlichtweg strikt verboten ist. Menschen durften nur am gesellschaftlichen Leben teilhaben, wenn sie sich einem medizinischen Versuch unterwarfen, über den sie nicht vollständig aufgeklärt wurden. Von dem, was unsere Kinder ertragen mussten, möchte ich erst gar nicht anfangen.

Was heißt das konkret?

Julia Neigel: 2G und all das Beschriebene waren ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und was da mit uns Künstlern und unserem Publikum gemacht wurde, war ein Teil davon und offensichtliche Erpressung und Nötigung. Während zig Millionen gekaufter Dosen im Lager der Verfall drohte, sollten wir, die wir ausgehungert nach Konzerten waren, uns nun für die Pharmaindustrie instrumentalisieren lassen oder uns mit einer eigenen Absage quasi wirtschaftlich selbst ruinieren. Ich lasse mich nicht zum Objekt des Staates machen. Es verstößt auch gegen meine Selbstwürde und mein Gewissen.

All diese Methoden, mit uns umzugehen, haben mich zutiefst schockiert. Ich hätte niemals gedacht, dass dies in Deutschland passieren kann. Deshalb habe ich gesagt: Nicht mit mir.

Und deshalb haben Sie sich zur Klage entschieden.

Julia Neigel: Richtig, ich beschloss, am 16. November 2021 ein Eilverfahren gegen die gültige 2G-Verordnung am sächsischen Oberverwaltungsgericht, dem OVG Bautzen, einzureichen, schon alleine wegen meines Publikums.

Am Freitag, den 19. November 2021, bekam ich vom OVG, übrigens von den Richtern der darauffolgenden regulären Normenkontrollverfahrens, die Mitteilung, dass sie mein Eilverfahren ablehnen.

Mit welcher Begründung?

Julia Neigel: Sinngemäß: Die Menschen hätten sich ja „impfen“ lassen können, dann wäre der kulturelle Ausschluss der Pandemietreiber aus der Gesellschaft nicht nötig geworden – dabei war 2G ja das genaue Gegenteil. Alle „Geimpften“ dachten irrtümlicherweise, dass sie nicht mehr ansteckend wären, weil man das so beworben hat. Zeitgleich propagierte der sächsische Ministerpräsident in den Medien das Nudging „Pandemie der Ungeimpften“. Es war offensichtlich, dass 2G als einrichtungsbezogene Impfpflicht in der Kultur an den kulturell und sozial ausgehungerten Menschen genutzt werden sollte, um die Impfquote zu erhöhen.

Am 24. November 2021, also noch in der Frist, reichte ich nach Ablehnung des Eilverfahrens deshalb die reguläre Normenkontrollklage gegen die 2G-Verordnung ein, währenddessen der totale Lockdown nebst Ausgangssperren durch den Ministerpräsidenten über die Medien ausgerufen wurde. Der Prozessgegner, die sächsischen Regierung, teilte im Verfahren mit, dass die 2G-Verordnung bei Einreichung der Normenkontrollklage am 24. November 2021 also nicht mehr gültig gewesen sei, obwohl diese laut § 23 der 2G-Verordnung erst am 25. November 2021 außer Kraft trat und eine Pressekonferenz der Regierung noch lange keine rechtsgültige Verordnung ersetzt. Die 2G-Verordnung wäre laut Prozessgegner am 22. November 2024 vorzeitig von einer Lockdown-Verordnung aufgehoben und abgelöst worden.

Stimmte das denn?

Julia Neigel: Nein, später stellte es sich als wahrheitswidrig heraus. Wegen dieser Behauptung aber reichte ich eine Klageerweiterung auf die darauffolgende Kettenverordnung, die Lockdown-Verordnung ein, weil diese am 24. November 2021 online nicht als rechtswirksam in Kraft getretene Verordnung zu finden war. Es ist nun belegt, dass die Regierung mit ihrer Behauptung, die Lockdown-Verordnung sei am 22. November 2021 in Kraft getreten, der Öffentlichkeit sowie gegenüber dem Gericht wider besseres Wissen die Unwahrheit gesagt hat.

Die Berliner Zeitung schrieb zu den gesamten Vorgängen sinngemäß, dass wir hier möglicherweise einen „Sachsensumpf 2.0“ hätten, was ich nachvollziehen kann. Es ist wohl oft schon so gelaufen, aber bisher nicht aufgedeckt worden. Wir wissen spätestens seit dem Urteil des EuGH, dass die deutsche Staatsanwaltschaft nicht unabhängig, sondern durch das Justizministerium politisch weisungsgebunden ist und bis heute, trotz Rüge des Europäischen Gerichts, den Makel am § 146 GVG dazu immer noch nicht geändert wurde. Wir wissen auch, dass Richter in ihrer Karriereleiter von der Gunst des Justizministers und dessen Parteiprogramm abhängig sind, oft ein Parteibuch haben, zum Teil ins Ministerium in die „Verwendung“ gerufen werden, um Weisungen zu empfangen und umzusetzen, bevor sie an ein höheres Gericht befördert werden. Der Rechtsstaat muss reformiert werden, sonst verursacht er durch die Verschmelzung mit der Politik noch mehr schweres Unrecht. Die Gewaltenteilung funktioniert nicht mehr. Wir brauchen eine Gewaltentrennung.

Das Titelbild zeigt einerseites das Urteil von 2026 zur 2G-Verordnung vs. Urteilsentwurf. Die roten Stellen zeigen die Übereinstimmung zwischen Urteilsentwurf und dem Urteil.
Und andererseits das Teilurteil vom Februar 2024 zur Lockdown-Verordnung vs. Urteilsentwurf. Die roten Stellen zeigen die Übereinstimmung zwischen dem Urteilsentwurf und dem Teilurteil.

Titelbild: © Dana Barthel (Julia Neigel)

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