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Gier: Ein Konzern wütet in Erfurt – Politiker schnappatmend und machtlos, Arbeiter werden entlassen und verhöhnt

11. Januar 2026 um 09:00

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Wie soziale Marktwirtschaft nicht funktioniert, aber Raubtierkapitalismus, dem kein Einhalt geboten wird, zeigt auf beklemmende Weise ein aktuelles Beispiel aus Ostdeutschland: Zalando, ein europaweit aufgestellter Online-Modehändler, macht kurzen Prozess. Der Konzern schließt in diesem Jahr 2026 seinen einzigen ostdeutschen Standort, das Logistikzentrum in Erfurt. Die Unternehmensentscheidung wird eiskalt mit Neuausrichtung und Modernisierung begründet. Dem nicht genug: 2.700 Mitarbeiter in Thüringen werden geradezu verhöhnt. Kein Wort findet sich zur eigentlichen Motivation: unstillbare Gier und noch mehr Profit für ein erfolgreiches Unternehmen. Die Bosse jubelten schon im alten Jahr über kräftige Effizienzgewinne. Sie raten den überflüssig gewordenen Erfurtern, doch umzuziehen, nach Westdeutschland. Dort braucht der Konzern für das neue Logistikzentrum Gießen (Hessen) möglicherweise auch ein paar fleißige Ost-„Zalandos“ für noch mehr Ertrag. Was für ein Zynismus. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Übler Schlag plus Zynismus gegen 2.700 Arbeiter, ihre Familien, ihre Stadt, ihre Region

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten für ein großes, erfolgreiches Unternehmen. Sie sind kompetent, fleißig und motiviert. Sie sorgen für ordentlich Umsatz und konstant dafür, dass die Bosse auf tiefschwarze Zahlen blicken können. Und doch flattert Ihnen und Ihren Kollegen plötzlich diese Nachricht auf den Tisch: Danke, aber Dein Werk macht dicht und Du bist draußen. In Erfurt in Thüringen erleben gerade 2.700 Menschen, Mitarbeiter im Zalando-Logistikzentrum, diesen „Das darf doch nicht wahr sein“-Albtraum. Die Mitarbeiter sind dabei völlig machtlos. Sie werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Das geschieht in einer Weise, die, wie ich finde, an Zynismus nicht zu übertreffen ist, fassungslos machend nachzulesen auf der Webseite des Konzerns.

In den folgenden Zeilen ist von Stärkung, Attraktivität, von der Schaffung deutlichen Mehrwerts und von Hilfe für Zalando, eine weitere Beschleunigung seines Wachstums zu erzielen, die Rede. Bla bla bla. Kurz gesagt: Die wollen einfach noch mehr Profit. Von Menschen ist keine Rede, mit Ausnahme der Kunden und Partner. Verpackt wird das Ganze in eine Wortwahl, die ich als pure Verachtung lese:

Zalando gestaltet sein europaweites Logistiknetzwerk aktiv neu, um seine Position im europäischen Mode- und Lifestyle-Markt weiter zu stärken. Durch die Neuaufstellung können wir unseren Kund*innen und Partnern auch in Zukunft erstklassigen Service zu attraktiven Konditionen anbieten. Damit schaffen wir für sie einen deutlichen Mehrwert und helfen Zalando, sein Wachstum in den kommenden Jahren weiter zu beschleunigen.
(Quelle: Zalando)

Tja, einfach klar unternehmerisch handeln die Zalandos, sagen sicher Experten kühl und nüchtern. Doch wo bleiben unternehmerische Verantwortung, Miteinander, Achtung der Arbeitnehmerschaft, der Respekt für die Menschen der Region, die Wahrung von Fairness? Allein die öffentliche Förderung und Subventionierung von Zalando in Thüringen brachte dem profitablen Konzern Millionen Euro extra ein … Trotzdem haben die Zalandos einen anderen Plan entwickelt, voller Superlative, das Beste, das Effizienteste …:

Wir streben in allen Bereichen stets nach den besten und effizientesten Strukturen, um die sich uns bietenden Marktchancen optimal zu nutzen. In den vergangenen Monaten haben wir unser europaweites Logistiknetzwerk gründlich überprüft und einen Plan entwickelt, um unsere Logistikkapazitäten im gemeinsamen Netzwerk von Zalando und ABOUT YOU bedarfsgerecht auszurichten und uns zukunftssicher aufzustellen.
(Quelle: Zalando)

Diese „Entscheidung“ der Bosse, dieser „Plan“, richtigerweise das Plattmachen und Kassemachen des Standortes Erfurt, ist eine weit über wirtschaftliche Ziele hinausgehende – sie ist eine grundtief asoziale, zum schweren Schaden der Arbeiter des Unternehmens, die offenbart, dass Kapitalismus genauso wütet, wenn die Politik nicht eingreift, wenn sie durchwinkt und, mehr noch, die Interessen der Arbeitnehmer missachtet, wenn Arbeitnehmervertreter nicht gestärkt werden, wenn die Medien bei dem Spiel mitmachen. Ich denke da beispielsweise auch an eine andere gierige Firma, Tesla, an das damals mit viel Beifall begleitete Ausrollen roter Teppiche für den übermächtig scheinenden Konzern. Wenn die Bosse aber machen können, was sie wollen, wie hier nun wieder Zalando, dann erfahren ohnmächtige Politiker von „schwierigen“, aber „notwendigen“ Entscheidungen, die nicht zum Wohl der Arbeitnehmerschaft getroffen werden:

Dabei haben wir die schwierige, aber notwendige Entscheidung getroffen, unser Logistikzentrum in Erfurt bis Ende September 2026 zu schließen.
(Quelle: Zalando)

Notwendig? Nein – Zalando ist sehr profitabel

Bodo Ramelow, der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, bekam Schnappatmung, als er die schlechten Neuigkeiten aus seiner Landeshauptstadt Erfurt erfuhr. „Raubtierkapitalismus“, empörte der Pensionär sich.

Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung, säuselte eine butterweiche Protestnote via Instragram in die Öffentlichkeit. Zumindest warnte sie die potenziellen neuen „Zalandos“ am künftigen Standort Gießen (Hessen), dass sie ihre Arbeitnehmerrechte schneller wahren sollten als einst die Kollegen in Thüringen.

Schließlich beklagte Andreas Horn, Oberbürgermeister Erfurts, dass der Zalando-Plan nicht nur eine traurige Nachricht für Erfurt und Thüringen, sondern auch für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland sei.

Die Zalando-Bosse haben sicher Verständnis für den Ärger der Politiker, doch denken sie halt größer. Und zwar so: Europas größter Online-Modehändler Zalando hat zur Freude der Führungsetage auch 2025 Umsatz und Gewinn gesteigert und bleibt weiter ehrgeizig, Pardon, gierig. Hier ein Zitat aus der Zeitung Junge Welt:

Das Bruttowarenvolumen (GMV) stieg um fünf Prozent auf 4,1 Milliarden Euro und der Umsatz um 7,3 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, wie der Internetversandhändler am Dienstag mitteilte. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) wuchs auf 186 (172) Millionen Euro, was einer stabilen Marge von 6,5 Prozent entsprach.

Erstmals gab Zalando eine Prognose für das Geschäftsjahr 2025 ab: Demnach wird für 2025 ein Umsatz zwischen 12,1 und 12,4 Milliarden Euro erwartet, das bereinigte EBIT soll 550 bis 600 Millionen Euro erreichen. »Diese Steigerung resultiert aus Zalandos starker Performance im ersten Halbjahr«, hieß es. Zalando erwarte weitere Effizienzgewinne bei den Kosten sowie erste Synergien. Was das bedeutet, wurde im April klar: Die Zalando-Bosse hatten alle rund 450 Beschäftigten der drei internen Kundenservicegesellschaften entlassen. Die Entscheidung sei »Teil einer Umstrukturierung zur Effizienzsteigerung« gewesen. (Reuters/jW)

Erfurt war das erste Logistikzentrum Zalandos und hat nun seine Schuldigkeit getan?

Das Jahr 2025 ist für Zalando Geschichte, die Bilanz blendend, allein, da geht halt noch und weiterhin was. Erfurt war seit 2012 das erste Logistikzentrum des Online-Modehändlers. Es soll nun ersatzlos weichen. In Gießen entsteht das neueste, modernste Logistikzentrum. Und ein Zalando-Chef macht sogar den Erfurtern etwas Hoffnung in dem miesen Spiel. In der Gießener Allgemeinen findet sich dazu:

Zalando-Co-Chef David Schröter erklärte im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, dass es Ziel sei, dass möglichst viele Mitarbeiter aus Erfurt einen neuen Job finden – „beispielsweise am Zalando-Standort in Gießen“, der sich noch im Aufbau befinde. Laut Frohnmayer habe sich für Gießen auch an der geplanten Mitarbeiterzahl nichts geändert. „Dort werden bis zu 1700 Menschen arbeiten. Es ist aber unklar, wann diese Zahl erreicht wird. Zunächst werden wir mit ein paar Hundert Mitarbeitern starten.“ Stellen sind derzeit bereits ausgeschrieben.

Nebenbemerkung zu Schröter: Gießen ist von Erfurt 225 Kilometer entfernt, was für etwaige Pendler eine Fahrzeit von zwei Stunden 40 Minuten bedeuten würde. Oder meint der Zalando-Boss, dann sollen sie halt umziehen?

Entlarvendes PR-Deutsch auf der Webseite des Konzerns

Zalando-Vize Schröter und die anderen Bosse verkaufen ihre Unternehmensasozialität noch als ehrbares Handeln, lassen Erklärungen veröffentlichen, die unter der Gürtellinie sind:

Wir haben diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Wir sind allen betroffenen Mitarbeiter*innen für ihren Beitrag außerordentlich dankbar und bedauern zutiefst die Auswirkungen, die diese Entscheidung auf unsere Kolleg*innen haben wird.

Wir legen größten Wert auf ein faires und respektvolles Vorgehen. In Erfurt setzen wir als Arbeitgeber auf einen offenen Dialog mit unseren Mitarbeiter*innen, ihren Vertretern sowie allen relevanten Partnern. Wir werden Verhandlungen mit dem Erfurter Betriebsrat über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan aufnehmen. Gemeinsam mit externen Expert*innen haben wir ein umfassendes Unterstützungsangebot entwickelt, um unsere Mitarbeiter*innen bei diesem Prozess mit Integrität und Mitgefühl zu begleiten.
(Quelle: Zalando)

Bosse: „Danke, Ihr dummen Zalandos“ – aber wir ziehen jetzt weiter

Die Zeilen lese ich für mich übersetzt so: Die Bosse sagen: „Danke, Ihr dummen Zalandos, aber wir ziehen jetzt mal weiter.“ Zuvor setzen sie dem Zynismus noch die Krone auf:

Über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren hat das hoch engagierte Team von rund 2.700 Zalandos in Erfurt einen wesentlichen Beitrag zu unserem Unternehmenserfolg geleistet und den Grundstein für unser heutiges Logistiknetzwerk gelegt. Wir fühlen uns mit Erfurt und der Region verbunden und werden mit lokalen Behörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammenarbeiten, um gemeinsam zu versuchen, die Auswirkungen zu mindern.
(Quelle: Zalando)

Titelbild: David Peperkamp/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

Statt Eisenbahnwaggons ab jetzt Panzer: Das ist nicht zukunftsweisend!

03. Januar 2026 um 11:00

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Wohin das Auge blickt, die zivile Wirtschaft wird in eine Kriegswirtschaft verwandelt. Das Drama wird dem Volk als alternativlos und wirtschaftlich sinnvoll verkauft. Mit Autos, Waggons oder Radiogeräten werde halt viel weniger Geld verdient als mit Panzern und Komponenten für die Rüstung. Arbeitsplätze würden geschaffen – wie im sächsischen Görlitz. Dort beginnt nach Regie bellizistischen Wahnsinns eine neue Zeit. Zeitenwende eben. Nach 175 Jahren schließt der Waggonbau Görlitz. Verkauft an den deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS, wird dieser ein Ort der Panzerproduktion. Erste Rüstungsgüter wurden produziert. Künftig werden statt Eisenbahnwaggons Teile für den Kampfpanzer Leopard 2, den Schützenpanzer Puma, den Radpanzer Boxer hergestellt – was für Zeiten. Zukunftsweisende nicht! Ein Zwischenruf von Frank Blenz.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Freut sich der Ministerpräsident?

Ob sich der sächsische Ministerpräsident gefreut hat, als er von der Nachricht über den Start der Panzerteile-Produktion in der Oberlausitzer Region erfuhr? Müsste er, gehört er doch zu den Entscheidungsträgern für das Wohlergehen der Ostdeutschen. Er und seine Ost-Kollegen hatten sich vor Kurzem extra in einem Schloss mit der Bundesregierung getroffen und vorgetragen, dass der Osten vom bundesdeutschen Höhenflug der Aufrüstung und der opulenten Aufträge ein Stück abbekommen müsse. Davon blieb der Osten bisher ausgeschlossen, so die Kritik. Der Umbau in Richtung Wehrhaftigkeit kommt nun endlich in die Gänge, wird Sachsens Landesvater sich vielleicht denken. Anderes wäre aber mutig und richtig, meine ich: von Rüstungsaufträgen zu lassen und vom Wahnsinn Aufrüstung. Doch davon spricht keiner, der etwas zu sagen hat im Land. Was wäre das für ein Signal, sperrten sich Ost-Ministerpräsidenten, Ostbeauftragte und Ostbürger massiv gegen den Wahnsinn? Doch so?

Eisenbahnwaggons sind Wertschöpfung, Panzer auch?

Dieses Beispiel steht nicht allein, es gibt ihrer viele im Land: Nach 175 Jahren schließt mit dem Waggonbau Görlitz ein bekannter und berühmter Industriestandort ziviler Produktion. Generationen haben hier Produkte geschaffen, die in aller Welt zum Einsatz kamen. Waggons für Schnellzüge, Doppelstockwagen und so weiter. Dass das stets leistungsfähige Werk im Osten des Landes jetzt zu einer „Waffenschmiede“ gemacht wird, ist meiner Beobachtung nach über Jahre durch zerstörerische Unternehmensentscheidungen strategisch geradezu heraufbeschworen worden. Die wechselnden West-Eigentümer hatten immer anderes vor, als den Standort, die Menschen zu achten – von wegen Eigentum verpflichtet, von wegen Unternehmerehre. Bombardier und Alstom zerlegten das Werk, die Tradition, sie verachteten die Beschäftigten. Die verzichteten auf Lohnansprüche, auf Urlaubsgeld. Alstom hatte jedoch einzig vor, Kasse zu machen. Nach und nach wurde der Waggonbau Görlitz, wie es böse heißt, „abgewickelt“. Der Verkauf an KNDS wurde zum finalen Akt, der den Görlitzern als ein zukunftsweisender angepriesen wird. Doch Panzer zu bauen, ist keine Wertschöpfung. Waggons schon, waren und sind sie doch Transportmittel für Menschen, überall auf der Erde bringen sie Menschen ans Ziel. Panzer dagegen?

Gerade wird geworben, dass KNDS Jobs schaffe und plane, einige Hundert Görlitzer der verbliebenen Gesamtbelegschaft zu übernehmen (vielleicht). Klar sprechende Betroffene sagen frei heraus, dass Görlitz wie so viele Ostwerke lediglich eine verlängerte Werkbank der westlichen Hauptstandorte ist. Nebenbei: Ebbt der Panzerboom ab, sind auch die Jobs futsch. Dagegen würden Waggons für Menschen immer gebraucht. Doch auch mit den Waggons wurde so verfahren, anderswo lässt sich billiger produzieren als in Deutschland. Selbst der ostdeutsche Arbeiter ist zu teuer …

Die Hoffnung stirbt zuletzt, also machen sie gute Miene …

Stolz sind die Waggonbauer, lese ich. Doch in den Worten des Betriebsrats zur Entwicklung in Görlitz sind vielfältige Bedenken erkennbar. Wohl findet er Formulierungen wie „versöhnlich stimmend“, „den Blick nach vorne richten“, „etwas Neues entsteht“ und „vielen Menschen Lohn und Brot sichernd“. In einem Bericht ist bei klarem Nachdenken Ernüchterndes zu lesen:

Nach den Worten von Betriebsratschef René Straube schauen die Mitarbeiter mit Stolz auf das Werk zurück. Görlitz habe Entwicklungen in der Branche maßgeblich beeinflusst. Bis Mitte der sogenannten Nullerjahre sei jeder Doppelstockwagen in Deutschland aus Görlitz gekommen. «Das war ein cooles Gefühl für uns alle, wenn wir durch Deutschland gefahren sind.» Versöhnlich stimme, dass man den Blick nach vorn richten könne. Hier entstehe etwas Neues, was vielen Menschen Lohn und Brot sichere.

Laut Standortleiter Jens Koep werden die Hallen bis Ende März 2026 geräumt und auf den Fertigungsstart von KNDS vorbereitet. Die Beschäftigten hätten sich mit dem Waggonbau identifiziert. Alle Mitarbeiter würden nun eine riesige Veränderung erleben. «Veränderung ist natürlich das, was den Menschen am meisten Angst macht.»

KNDS hatte im Mai in Aussicht gestellt, 350 bis 400 Mitarbeiter aus Görlitz zu übernehmen. Zuletzt waren in dem Werk noch etwa 700 Leute beschäftigt. Nach Angaben des Unternehmens sind 170 Kollegen in das Alstom-Werk nach Bautzen gewechselt. Gut 60 seien bisher von KNDS übernommen. Betriebsrat Straube rechnet damit, dass es aber auch «feuchte Augen» gibt. Vielen Kollegen werde das Ende des Waggonbaus jetzt erst klar.

(Quelle: MSN)

Rüstungskonzern beherrscht das zynische Zahlen-Jo-Jo der Arbeitsplätze

Etwas Neues entsteht also, unter Vorbehalt. Aha. 700 Menschen waren „zuletzt“ noch beschäftigt. 350 bis 400 sollen „übernommen werden“. 170 seien schon von Görlitz nach Bautzen (50 Kilometer Entfernung) gewechselt. Und die, die man für den Panzerbau nicht mehr braucht? Da wird es also „feuchte Augen“ geben. Was hat das mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, mit Perspektive, mit Zukunft zu tun?

Die Geschichte, als würde sie sich wiederholen

Zukunft heißt in Görlitz Baugruppen für Kampfpanzer statt Eisenbahnwaggons. Da lohnt ein Blick in Vergangenheit, als würde sich Geschichte wiederholen. Beim öffentlich-rechtlichen MDR findet sich dazu:

In Görlitz sollen fortan Baugruppen für den Kampfpanzer Leopard 2 und den Schützenpanzer Puma sowie Module für den Radpanzer Boxer hergestellt werden. 2027 will man die Serienproduktion von Panzerwannen vorbereiten, die voraussichtlich im Jahr darauf beginnt.

Im Görlitzer Waggonbau wurden in den 1930er-Jahren schon einmal Rüstungsgüter für die Wehrmacht hergestellt, darunter Funk- und Schützen-Panzerwagen, MG-Wagen und Panzeraufbauten.

(Quelle: MDR)

Nochmal: der Umbau ziviler Industrie in militärische ist nicht zukunftsweisend, im Gegenteil

In einem Beitrag auf den NachDenkSeiten kommentierte ich die Übernahme einer zivilen Firma in einer anderen sächsischen Region durch eine rüstungsorientierte und die Begeisterung der Beteiligten bis hin in die Kommunalpolitik. So schwärmte der Bürgermeister des Ortes geradezu:

„Ein kleiner Schritt für einen Bürgermeister, aber ein großer Schritt für Schöneck und das Vogtland.“

Ihm folgte ein Professor der Universität der Bundeswehr München, der die Vermittlung der Übernahme mit einer euphorischen Botschaft feierte. Ganz visionärer Experte, führt der Vogtländer aus:

„Wenn es uns nun gemeinsam gelingt, daraus den entscheidenden Schritt für Sachsen hin zu einer neuen Industrie zu gestalten, freue ich mich besonders, dass dieser Aufbruch in meiner Heimat beginnt.“

(Quelle: Freie Presse)

Der Jubel, die Euphorie verdienen heftigen Widerspruch. Aufrüstung ist kein Aufbruch, Rüstungsindustrie ist keine neue Industrie, derlei Handeln ist weder ein kleiner noch ein großer Schritt – egal, ob in Görlitz oder in Schöneck.

Der kommunale Alltag kennt andere Sorgen

Nochmal ein Blick nach Schöneck. Die Jubelfeier zur Übernahme eines Werkes durch den Raumfahrt- und Technologiekonzern OHB (der sächsische Ministerpräsident war auch dabei) ist vorbei. Der große Schritt für die Region (inmitten des Rüstungswahns) ist noch nicht gesetzt, schon zieht der schnöde kommunale Alltag wieder ein. Die Heimatzeitung berichtet, dass am Ratstisch dicke Luft herrscht, die Landgemeinde Mühlental ist betroffen:

Die jährlichen Verwaltungskosten an die Stadt Schöneck haben die Schwelle von einer Viertelmillion Euro überschritten. Der Unmut über die Ausgaben wird am Schönecker Ratstisch geteilt.

„Uns erdrückt die Last“: Gemeinde im Vogtland im Sog einer Kostenspirale.

(Quelle: Freie Presse)

Uns erdrückt die Last. Lasst uns Panzer bauen?

Titelbild: Mike Mareen/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)
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