Climate Cost Case Pakistan
39 Bauern aus Pakistan ziehen zwei deutsche Unternehmen, RWE und Heidelberg Materials, vor Gericht. Anlass sind deren hohe Treibhausgasemissionen; sie haben, wie es in der Klage heißt, mit ihrer klimaschädlichen Wirkung zu den katastrophalen tödlichen Fluten beigetragen, die das südasiatische Land im Sommer 2022 heimgesucht haben.[1] Die im Dezember vergangenen Jahres beim Landgericht Heidelberg eingereichte Klage fordert eine Teilentschädigung für die Verluste der 39 Bauern, von denen viele zwei volle Ernten verloren haben; das hat ihre Familien, die ohnehin schon am Rande des Existenzminimums lebten, in tiefe Existenznöte gestürzt. Laut dem European Centre for Constitutional and Human Rights (ECCHR), das die Landwirte vertritt, wurden die beiden Unternehmen ausgewählt, weil sie zwei der drei größten Kohlendioxidemittenten in Deutschland sind. In der Klageschrift heißt es, die Auswirkungen der von den beiden Unternehmen in Deutschland ausgestoßenen Treibhausgase seien trotz fehlender räumlicher Nähe noch in Tausenden Kilometern Entfernung zu spüren. Weiterhin erklären die Kläger, die Unternehmen hätten eine gesetzliche Pflicht, den Schaden zu minimieren, von dem sie wussten, dass er durch den Ausstoß von Treibhausgasen entstehen würde.[2] Die Klage wird derzeit geprüft.
„Monsun auf Steroiden“
Die beispiellosen Regenfälle im Sommer 2022 setzten ein Drittel Pakistans monatelang unter Wasser und führten zu den schlimmsten Fluten in der bekannten Geschichte des Landes. Rund 1.700 Menschen starben infolge des Hochwassers; schätzungsweise 33 Millionen Menschen wurden vertrieben.[3] Nach Angaben der staatlichen Katastrophenschutzbehörde wurden mehr als 12.000 Kilometer Straßen, 390 Brücken und über 1.800.000 Häuser zerstört. Zudem wurden rund 925.000 Todesfälle bei Nutztieren gemeldet, von denen viele infolge der Fluten aufgrund von Mangel an Futter und sauberem Trinkwasser starben. In bestimmten Provinzen des Landes verseuchten die Überschwemmungen den Boden und das Grundwasser und vernichteten die Ernte eines ganzen Jahres; der Gesamtschaden für die pakistanische Wirtschaft wird auf mindestens 30 Milliarden US-Dollar beziffert. Laut Angaben einer Website, die über die Klage informiert („Climate Cost Case Pakistan“), entwickelt sich Pakistan zu einem „globalen Hotspot“, an dem sich die durch die Klimakrise entfesselten zerstörerischen Kräfte konzentrieren, was zu häufigen Katastrophen im Land führt.[4] Die damalige pakistanische Ministerin für den Klimawandel, Sherry Rehman, bezeichnete die Fluten als „klimabedingte humanitäre Katastrophe epischen Ausmaßes“; UN-Generalsekretär António Guterres nannte sie einen „Monsun auf Steroiden“.[5]
Wer Schaden verursacht, muss zahlen
Das aktuelle Gerichtsverfahren wurde am 28. Oktober 2025 eingeleitet, als die 39 Bauern die beiden deutschen Unternehmen offiziell über ihre Absicht informierten, Entschädigungszahlungen zu verlangen. Zunächst forderten sie sie zu einem Dialog sowie zu einem Mediationsverfahren auf.[6] Nachdem die Unternehmen dies abgelehnt hatten, reichten die Bauern am 22. Dezember 2025 ihre Klage beim Landgericht Heidelberg ein. Die Bauern stützen ihre Klage auf den einfachen, aber wichtigen Rechtsgrundsatz: Wer Schaden verursacht, muss dafür bezahlen.[7] Hinsichtlich der Frage, ob die deutsche Justiz zuständig sei, verweisen die Kläger auf den Präzedenzfall Saúl Luciano Lliuya gegen RWE, in dem ein deutsches Gericht im Mai 2025 entschied, große CO2-Emittenten könnten für klimabedingte Schäden auch im Ausland haftbar gemacht werden. Laut Angaben des ECCHR nimmt die Klage auf zwei Paragrafen des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) Bezug: §906, der sich auf Schadensersatz aufgrund der „Zuführung unwägbarer Stoffe“ bezieht, und §823, der sich auf die Verantwortung für Schäden oder Verletzungen bezieht, die einer anderen Person vorsätzlich oder fahrlässig zugefügt wurden.
Unter den Top 100 weltweit
Während Pakistan nicht einmal ein Prozent zu den globalen Kohlenstoffemissionen beiträgt, gehören der Beklagte RWE, einer der größten Stromerzeuger Europas, und Heidelberg Materials, einer der weltweit größten Zementhersteller, zu den größten Kohlenstoffemittenten überhaupt.[8] Die beiden Unternehmen fallen in die Kategorie der „Kohlenstoff-Giganten“, mit dem Unternehmen bezeichnet werden, die maßgeblich zum Klimawandel beigetragen haben. Der Begriff wurde durch Studien des Climate Accountability Institute geprägt, die ergaben, dass etwas mehr als 100 Unternehmen für fast 70 Prozent der historischen industriellen Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich sind. RWE und Heidelberg Materials sind zwei davon. Laut „Climate Cost Case Pakistan“ ist RWE für mindestens 0,68 Prozent, Heidelberg Materials für 0,12 Prozent der weltweiten Industrieemissionen seit 1965 verantwortlich.[9] Auf der Website heißt es weiter, RWE und Heidelberg Materials hätten trotz ihres Wissens um die durch ihre Emissionen verursachten Schäden nicht nur sehr wenig zur Emissionsreduzierung unternommen; sie hätten darüber hinaus auch noch jahrzehntelang versucht, von Gesetzgebern eingeführte verbindliche Vorschriften zum Klimaschutz abzuschwächen.[10]
Präzedenzfälle
Die Klage der 39 pakistanischen Bauern ist nicht der erste solche Fall, der vor ein deutsches Gericht gebracht wurde. Im Jahr 2015 verklagte der peruanische Bauer Saúl Luciano Lliuya RWE wegen ähnlicher Vorwürfe. Allerdings wies das zuständige deutsche Gericht die Klage im Jahr 2025 ab.[11] Es entschied jedoch, dass Unternehmen grundsätzlich für bestimmte klimabedingte Schäden haftbar gemacht werden können, die durch ihre Kohlenstoffemissionen verursacht wurden; damit ebnete es den Weg für die aktuelle Klage der pakistanischen Landwirte. Miriam Saage-Maaß, Legal Director beim ECCHR, erläutert, Urteile wie dieses machten Deutschland „bis zu einem gewissen Grad“ zu einem günstigen Gerichtsstand für Klimaklagen; allerdings weist sie auch darauf hin, dass transnationale Klimafälle weltweit zunehmend verfolgt werden. Außerdem wurde Anfang 2012, nachdem bei einem Brand in einer Textilfabrik in der südpakistanischen Metropole Karachi mehr als 250 Arbeiter ums Leben gekommen waren, eine Klage gegen das deutsche Unternehmen KiK eingereicht, das einen Großteil seiner Waren aus dieser Fabrik bezog. In der Klage hieß es, das Unternehmen habe es versäumt, grundlegende Standards zur Brand- und Gebäudesicherheit zu gewährleisten. Obwohl die Klage aus verfahrensrechtlichen Gründen abgewiesen wurde, zahlte KiK den Opfern letztendlich eine Entschädigung. Der Fall löste zudem eine Debatte über die Festlegung von Rechenschaftspflichten in den globalen Lieferketten aus.
[1] Pernia Mubashir: Why Pakistani farmers are suing two German companies for deadly 2022 floods. aljazeera.com 20.03.2026.
[2] Climate Cost Case Pakistan: Pakistani farmers vs. RWE and Heidelberg Materials. climatecostcase.org.
[3] Alia Chughtai: Mapping the scale of damage by the catastrophic Pakistan floods. aljazeera.com 16.09.2022.
[4] Climate Cost Case Pakistan: Polluters have to pay! climatecostcase.org.
[5] Pernia Mubashir: Why Pakistani farmers are suing two German companies for deadly 2022 floods. aljazeera.com 20.03.2026.
[6] ECCHR: Pakistani farmers demand compensation from RWE and Heidelberg Materials. ecchr.eu.
[7] ECCHR: Pakistani farmers take climate justice fight against RWE and Heidelberg Materials to German court. ecchr.eu 20.01.2026.
[8] Climate Cost Case Pakistan: Polluters have to pay! climatecostcase.org.
[9] Climate Cost Case Pakistan: RWE and Heidelberg Materials: A history of irresponsibility. climatecostcase.org.
[10] Climate Cost Case Pakistan: Pakistani farmers vs. RWE and Heidelberg Materials. climatecostcase.org.
[11] Pernia Mubashir: Why Pakistani farmers are suing two German companies for deadly 2022 floods. aljazeera.com 20.03.2026.
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