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Zwischen Vertreibung und Hoffnung: Wie der Libanon ums Überleben kämpft


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Aus dem südlichen Libanon sind seit Anfang März mehr als 1,2 Millionen Menschen vertrieben worden. Trotz eines von den USA verkündeten und kürzlich erneut verlängerten Waffenstillstandes greift die israelische Armee täglich Dörfer, Straßen, Brücken, medizinische Einrichtungen und Agrarland an. Die Zahl der Toten, Verletzten und der zerstörten Dörfer steigt täglich. Eine Reportage von Karin Leukefeld (Tyros, Beissour/Libanon).

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Israel will eine Pufferzone zum Schutz der eigenen Bevölkerung einrichten. Es spricht von Verteidigung gegen die „Terrororganisation Hisbollah“, die entwaffnet, zerschlagen, vernichtet werden soll, wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gerade zum wiederholten Mal erklärt hat. Der Südlibanon und Südbeirut würden aussehen wie Rafah und Khan Younis (Gazastreifen), so der israelische Verteidigungsminister Israel Katz.

Die libanesische Hisbollah beruft sich auf das 1. Zusatzprotokoll der Genfer Konvention 1977 und erklärt, dass sie die Souveränität des Libanon gegen eine rassistische Kolonial- und Besatzungsmacht verteidigt.

Die Bewohner des südlichen Libanon suchen Zuflucht in der Hauptstadt Beirut, deren südliche Vororte ebenfalls in Trümmern liegen. Notunterkünfte gibt es in Tyros, Sidon, in der Bekaa-Ebene und zahlreichen Orten im Küstengebirge. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist groß, die Autorin hat verschiedene Orte besucht und mit denen gesprochen, die vertrieben wurden, und denen, die helfen.

Litani Fluss. Foto von provisorisch reparierter Qasmiya Brücke – © Karin Leukefeld

Der umkämpfte Südlibanon

Der Verkehr auf der Küstenstraße Richtung Süden wird deutlich weniger, je mehr man sich der Qasmiya-Brücke nähert. Es ist die letzte Brücke, die den Fluss Litani überquert, bevor er in das Mittelmeer mündet. Am 9. April wurde die Brücke von der israelischen Luftwaffe zwei Mal bombardiert und zerstört. Sieben Brücken überquerten den Litani und verbanden den Südlibanon und die westliche Bekaa-Ebene mit dem Rest des Landes. Alle Brücken hat Israel zerstört. Die Qasimiya-Brücke wurde von der libanesischen Armee provisorisch wieder aufgebaut, um den Transport zum Hauptquartier der UN-Friedenstruppe UNIFIL in Naqoura und Hilfslieferungen in den besonders von israelischen Angriffen betroffenen Südlibanon zu ermöglichen.

Fahrt nach Tyros. Rote Kreuz Konvoi auf dem Weg in den Südlibanon – © Karin Leukefeld

Der Litani gehört zu einem weit verzweigten Netz von Wasserläufen, die sich vom Norden über die Golanhöhen bis zum Tiberias-See erstrecken und das Gebiet grün und fruchtbar machen. Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte das fruchtbare Ackerland zu Palästina oder Bilad as-Sham und war von dort ansässigen Familien seit Jahrhunderten bewirtschaftet worden. Es war der Brotkorb für Damaskus im Osten, Jerusalem im Süden, für den Berg Libanon und Beirut im Norden.

1916 wurde Palästina und Bilad as-Sham durch Großbritannien und Frankreich zerteilt (Sykes-Picot 1916), und mit der Erklärung des britischen Außenministers Lord Balfour (1917) wurde der Zionistischen Nationalbewegung zugesagt, dort eine „jüdische Heimstatt in Palästina“ zu errichten. Nach dem Ersten Weltkrieg, bei der Pariser Friedenskonferenz (1919/20) hatte die Zionistische Nationalbewegung eine Landkarte vorgelegt, wonach ihr Gebietsanspruch für die „jüdische Heimstatt“ in Palästina im Norden bis zum Litani-Fluss reichen sollte. Heute macht die Netanjahu-Regierung keinen Hehl daraus, dass sie genau das mit ihren Angriffen im Südlibanon und mit der Errichtung einer „Pufferzone“ umsetzen will.

Karte mit Gebietsanspruch für die ‘jüdische Heimstadt’ in Palästina bis zum Litani Fluss im Libanon – © Karin Leukefeld

Aus einem Garten wird eine Gärtnerei

Die Qasimiya-Brücke ist knapp 20 Kilometer von der historischen Hafenstadt Tyros entfernt. Schon 2024 hatte die Autorin dort in einem Gebäude der libanesischen Universität von Tyros Inlandsvertriebene aus den südlichen Dörfern entlang der „Blauen Linie“ getroffen. Mit einem Arbeitsprogramm der UN-Frauenorganisation hatten Frauen dort einen Garten angelegt, wo sie Kräuter, Salat und Gemüse anpflanzen konnten.

Zwei Jahre später sind die Flüchtlingsfamilien noch immer dort. Aus dem Garten ist eine Gärtnerei geworden, wo auch Blumenstauden, Rosmarin und Thymian zum Verkauf herangezogen werden. Daneben liegt ein großes Feld, auf dem im Wechsel Kartoffeln, Kohl oder anderes Gemüse wächst. Blumenstauden aller Art sind entlang der Umrandung gepflanzt. Drei große Hallen begrenzen das Feld auf einer Seite, wo Tomaten und Paprika unter hohen Zeltdächern herangezogen werden.

Vor dem Universitätsgebäude, in dem die Flüchtlingsfamilien untergebracht sind, herrscht im Gegensatz zu 2024 reges Treiben. Die Union der Gemeinden von Tyros ist für die Versorgung der Menschen verantwortlich und hat auf dem Gelände ihre Zentrale. Hier werden Inlandsvertriebene registriert, hier erhalten sie erste Hilfe, hier werden sie an andere Unterkünfte weitergeleitet. Der Leiter der Einrichtung sitzt an einem großen Tisch und ist umgeben von Frauen und Kindern, die sich und ihre Familien registrieren wollen. Er hört sie an, vergleicht ihre Namen auf großen Listen, die vor ihm auf dem Tisch liegen, und verweist sie an andere Mitarbeiter, die an Computern die Registrierung fortsetzen.

Leben und arbeiten in einer Notunterkunft

Für die Autorin hat er keine Zeit, verweist sie aber an die Medienabteilung, die von dem libanesischen Journalisten Bilal Kashmar geleitet wird. Er nimmt sich Zeit, um die Situation zu erklären.

Der Journalist Bilal Kashmar leited das Medienzentrum Union der städtischen Mitarbeiter Tyros – © Karin Leukefeld

Seit Beginn des neuen Krieges Anfang März gebe es in Tyros 13 Notaufnahmeplätze, in denen insgesamt 4.000 Personen untergebracht seien, sagt er. Außerhalb dieser Unterkünfte lebten weitere 17.000 Menschen in Zelten oder in Wohnungen, die sie gemietet hätten oder unentgeltlich nutzen könnten. Alle kämen aus den Grenzdörfern um Bint Jbeil, Marjajoun, Naqoura und aus dem Umland von Tyros.

Aus den Kriegsjahren 2023 und 2024 seien noch 60 Familien in Tyros untergebracht. Damals sei auch das Agrarprojekt der UN-Frauenorganisation ins Leben gerufen worden. Die meisten Frauen aus den südlichen Dörfern seien Bäuerinnen und konnten so ihre Kenntnisse in der Landwirtschaft nutzen, erklärt Bilal Kashmar. Die Flüchtlingsfrauen arbeiteten jeweils einen Monat in dem Projekt und erhielten für ihre Arbeit einen Tageslohn. Nach einem Monat übernehme eine andere Gruppe von Frauen die Arbeit und so rotierten die Arbeiterinnen, damit alle in den Genuss bezahlter Arbeit kommen könnten.

Neu hinzugekommen sei eine Küche, die täglich für die Flüchtlinge koche. Die Küchenarbeiterinnen arbeiteten nach dem gleichen Prinzip wie die Frauen in dem Agrarprojekt. Arbeit und Aufgaben würden wechseln, monatlich werde ein Köchinnenteam durch ein anderes ersetzt. Nach dem gleichen Prinzip hätten auch die Männer Arbeit gefunden. Sie verteilten die Hilfspakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, Matratzen und spezielle Pakete mit Babynahrung an die Familien. „Jeder Einzelne wird hier registriert und erhält nach Größe der Familie monatlich ein oder zwei Hilfspakete“, erklärt Bilal Kashmar und fügt hinzu, dass die Hilfe alle Inlandsvertriebenen erhielten: „Die 4.000, die in Notunterkünften leben, und die 17.000, die außerhalb der Notunterkünfte eine Bleibe gefunden haben.“

Verteilung von Hilfsgütern an Inlandsvertriebene in Tyros – © Karin Leukefeld

Aktuell seien 691 palästinensische und 400 syrische Flüchtlinge bei ihnen registriert, hinzu kämen etwa 15 Personen aus afrikanischen Ländern wie Sudan und Äthiopien. 3.555 Kinder im Alter zwischen 0 und 17 Jahren seien registriert, weder Kindergarten noch Schulunterricht könnte angeboten werden. Die Hilfe werde von der Regierung in Beirut, genauer gesagt vom Rat für den Südlibanon zur Verfügung gestellt. Finanziert werde die Hilfe durch ausländische Regierungen, teilweise auch durch Hilfsorganisationen. „Wir sehen hier allerdings sehr, sehr viel weniger ausländische Hilfsorganisationen als bei früheren Konflikten“, fügt der Journalist hinzu. „Das hat natürlich politische Gründe.“

Der Journalist führt die Gründe nicht weiter aus, doch schon an anderer Stelle hat die Autorin gehört, dass vor allem europäische Regierungen nicht helfen wollen, weil Hisbollah und Israel involviert seien. Israel sieht Hilfe für die libanesische Bevölkerung als Hilfe für Hisbollah an, eine Sichtweise, die von Verbündeten Israels in den USA oder Europa nicht erklärt, aber offenbar doch übernommen wird.

Die Notunterkünfte und die rotierende Arbeit für die Vertriebenen in Tyros werden vor allem von der Union der Gemeinden von Tyros, von libanesischen, spanischen, einer australischen Hilfsorganisation und von der Frauenorganisation der Vereinten Nationen unterstützt. Das libanesische Rote Kreuz schickt zwei Mal wöchentlich eine Ambulanz, wo die Leute sich untersuchen lassen können. Allerdings gibt es in Tyros auch Arztpraxen und Kliniken, die die Vertriebenen versorgen.

Seit die israelischen Angriffe immer näher rückten, seien nur noch wenige Journalisten in Tyros, sagt Bilal Kashmar. Es sei wichtig, dass es Fotos und Berichte aus ihrem Gebiet gäbe, doch „ändern werden sie nichts“. Die Zeit des Vietnamkrieges, als Berichte von Journalisten über Gräueltaten und Kriegsverbrechen noch einen Krieg stoppen konnten, diese Zeit sei vorbei. Neue Waffen, politische Rücksichtslosigkeit, Missachtung internationalen Rechts und der Vereinten Nationen bestimmten das Geschehen. In Europa, auch in Deutschland gehe es um Aufträge für die Rüstungsindustrie. Und diejenigen, die angegriffen würden, dächten auch nur daran, Waffen zu bekommen, mit denen sie sich wehren und ihr Land verteidigen könnten. „Wir hatten immer Sympathien für Europa und fühlten uns den Gesellschaften dort nahe“, so der Journalist. „Aber jetzt sehen wir niemanden von dort hier, bei uns.“

Munifa Odaibi ist Küchenchefin. Täglich werden 4000 Mahlzeiten für die Inlandsvertriebenen in Tyros zubereitet – © Karin Leukefeld

Es ist Mittagszeit. Aus der gegenüberliegenden Küche zieht der Duft von Essen durch die Gänge. Bilal Kashmar begleitet die Autorin hinüber und stellt sie dem Team um Munifa Obeida vor, die Küchenchefin. Munifa teilt die Arbeit ein, kontrolliert, ob die Kochtöpfe nicht zu heiß werden, und behält den Überblick. An der Wand hängt der Essensplan für die Woche: Reis und Gemüse, Reis und Huhn, Reis und Gulasch, Kartoffeln und Gemüse. Heute gibt es Mujadarrah, ein einfaches, typisches südlibanesisches Gericht der Landbevölkerung. Dafür werden Zwiebeln angebraten und mit Linsen und Gewürzen zu einem Eintopf gemischt. Gekocht wird auf Gaskochern, die Frauen wechseln sich beim Umrühren des Essens in den großen Töpfen ab.

„Wir fangen morgens um acht Uhr an und sind meist gegen vier Uhr am Nachmittag fertig“, sagt Munifa fröhlich. Die Vorbereitung des Gemüses werde draußen gemacht, dann gehe es in der Küche weiter. Wenn das Essen fertig sei, werde es in Plastikschalen gefüllt, in Kisten verpackt und zu den einzelnen Notunterkünften gefahren. In der Küche gehe es dann an das Abwaschen und Aufräumen, damit am nächsten Morgen alles bereit für die Arbeit sei. Munifa strahlt unter ihrem eng anliegenden Kopftuch und scherzt mit den Köchinnen. „Für Mujadarrah brauchen wir Geduld. Es muss immer gerührt werden, damit es nicht anbrennt.“

Köchinnen des Küchenprojekts. Täglich werden 4000 Mahlzeiten für die Notunterkünfte gekocht. – © Karin Leukefeld

An der Wand weisen die Logos auf die fünf Organisationen hin, die die Arbeit im Küchenprojekt und auch in der Gärtnerei finanziell unterstützen. Beide Projekte werden von einer „Auf Frauen ausgerichteten Notfallhilfe“ getragen. Die Träger sind zwei libanesische Hilfsorganisationen, eine Organisation aus Australien und UN-Women, das Frauenprogramm der Vereinten Nationen.

Meine Kinder sind mein Leben

Zurück im Büro von Bilal Kashmar geht es noch einmal um die Frage, ob die Autorin mit Familien sprechen könne. Die Familien fühlten sich aber inzwischen oft gestört und bedrängt, vor allem weil ihre Lebensumstände sehr beengt und einfach seien, der libanesischen Gastfreundschaft nicht angemessen. Also hat der Journalist eine Frau aus dem Küchenprojekt gebeten, die Fragen der ausländischen Journalisten zu beantworten.

Farah (Die Glückliche) Ali Hejazi beginnt zögernd, schüchtern zu erzählen. Sie komme aus Aita Shaab, an der Grenze, wo sie mit Mann und Kindern gelebt habe. Zum ersten Mal sei sie mit der Familie 2023 nach Tyros geflohen. Doch nach dem Waffenstillstand Ende 2024 seien sie zurück ins Dorf gegangen und hätten dort 15 Monate leben können, bevor sie Anfang März erneut vertrieben wurden. Fünf Kinder habe sie, vier Mädchen und Mohammad, einen 14-jährigen Jungen. Das Leben in der Notunterkunft sei für sie alle schwierig, räumt sie ein. Sie teilten sich einen Klassenraum mit einer anderen Familie, ihre jeweiligen Bereiche seien durch eine Trennwand geteilt. Besonders schwierig sei, sich das Bad mit so vielen Frauen zu teilen. Alle hofften, bald wieder in ihre Dörfer zurückkehren zu können.

„Niemand ist glücklich“, sagt sie leise. „Wir sind alle müde.“ Die Flucht sei furchtbar gewesen, das Auto sei kaputt gegangen, sie hätten mehr als einen Tag gebraucht, um Tyros zu erreichen. Gut sei, dass sie in der Küche arbeiten könne. Sie bereite das Gemüse zu, das anschließend gekocht werde. Ihr Arbeitsplatz mit den anderen Frauen sei draußen vor der Küche, aber manchmal würden sie auch wechseln. Ihr Mann könnte immer mal wieder im Lager arbeiten, doch so ein Leben seien sie nicht gewohnt. „Im Dorf hat er wie alle anderen gearbeitet und auch ich hatte meine Aufgaben. Die Kinder gingen zur Schule (…)“. Die schmale Frau verstummt und blickt auf ihre Hände. „Ich möchte nur, dass es meinen Kindern gut geht, dass sie glücklich werden, dass sie in Frieden leben können, mit allen anderen Menschen.“ Und nach einer kurzen Pause fügt Farah hinzu: „Meine Kinder sind mein Leben, durch sie atme ich.“ Ein Lächeln zieht über ihr Gesicht, sie steht auf und legt den Arm um einen Jungen, der durch die Türe sieht: „Mein Sohn Mohammad“, sagt sie stolz.

Farah Ali Hejazi mit ihrem Sohn Mohammad. meine Kinder sind mein Leben. – © Karin Leukefeld

Der Weg zurück nach Beirut führt erneut über die provisorisch errichtete Qasimiya-Brücke. Rechts und links liegt Agrarland, das weiterhin von der örtlichen Bevölkerung und syrischen Landarbeitern bearbeitet wird. Was für die Bevölkerung des Libanon Lebensgrundlage, Souveränität und Bewegungsfreiheit bedeutet, ist für den Staat Israel militärisches Gelände. Geht es nach Tel Aviv und seinen Verbündeten, soll der Litani-Fluss die zukünftige Grenze werden.

Gastfreundschaft im Berg Libanon

Auch im Drusengebiet des Berg Libanon haben Inlandsvertriebene aus den südlichen Vororten von Beirut und aus dem Südlibanon Zuflucht gefunden. Der Ort Beissour hat rund 10.000 Einwohner und versorgte im Krieg 2024 mehr als 5.000 Hilfesuchende. Dieses Mal haben die Behörden 4.000 Inlandsvertriebene registriert. Nur wenige von ihnen sind in der einzigen Notunterkunft des Ortes, einer Schule untergekommen. Die meisten Vertriebenen wurden von Familien aufgenommen oder haben sich, wenn sie genug Geld hatten, in eine der Ferienwohnungen in Beissour eingemietet.

Auf den Höhen des Berg Libanon Küstengebirge – © Karin Leukefeld

Der Ort liegt rund 900 Meter über dem Meeresspiegel und ist etwa 25 Kilometer von Beirut entfernt. Beissour ist wegen der frischen kühlen Luft und den umliegenden Pinienwäldern ein beliebter Ferienort und Ausgangspunkt zahlreicher Wanderwege. In dem Ort leben Drusen und Christen, die Vertriebene und Hilfesuchende nicht abweisen.

In einer Schule wartet Kamal Matar vom Ministerium für soziale Angelegenheiten. Hier sei die einzige Notunterkunft des Ortes, erklärt er, 247 Personen seien in der Schule registriert. Das Ministerium sorge für Essen, das täglich von einer Großküche geliefert werde. Die Familien in der Schule könnten die Küche nutzen, sie würden mit Strom, Wasser und die Kinder für Online-Unterricht auch mit Internet versorgt. Medizinische Versorgung sei mehrmals wöchentlich möglich, dabei würden die örtlichen Gesundheitszentren auch von Médecins sans Frontières, den Ärzten ohne Grenzen, unterstützt. Pro Klassenraum seien zwei bis drei Familien untergebracht, je nachdem, wie groß diese seien. Innerhalb der Klassenräume würden die Bereiche mit Schutzwänden abgetrennt. Meist seien die Familien innerhalb eines Klassenraums miteinander verwandt. Lebensmittel und Hygieneartikel würden monatlich verteilt.

Das Gespräch wird wiederholt von Bewohnern der Schule unterbrochen, die mit ihren Fragen zu den Mitarbeitern des Ministeriums kommen: Wann wird das Essen geliefert, wann bekommen wir Internetverbindung, wann wird wieder ein Arzt in die Schule kommen? Ansonsten herrscht in der Eingangshalle und auf dem Schulhof reges Treiben. Die Menschen sitzen in kleinen Gruppen zusammen, manche rauchen Narquila, die beliebte Wasserpfeife. Jungs spielen Fußball, die älteren Schülerinnen und Schüler sitzen mit ihren Handys abseits, zeigen sich kleine Filme oder diskutieren miteinander.

Die meisten kämen aus den südlichen Vororten von Beirut, antwortet Kamal Matar auf die Frage nach der Herkunft der Vertriebenen. Doch auch aus dem Südlibanon, aus Nabatieh, Toul, Qana seien Familien gekommen. Die beiden Ministeriumsmitarbeiter werden von örtlichen Freiwilligen wie Omar al Aridi unterstützt. Es sei gut, dass die Hilfsgüter zentral durch das Ministerium verteilt würden, sagt er. Doch die Regierung habe wenig Erfahrung mit der Unterstützung von Vertriebenen, und so dauere manches sehr lang. 93 Kinder unter 18 Jahren seien registriert, die eigentlich zur Schule gehen müssten. Das aber sei nicht gewährleistet und für Kinder und Eltern ein Problem. Allerdings gäbe es unter den Vertriebenen eine Lehrerin aus den südlichen Vororten von Beirut, die habe sich bereit erklärt, die Kinder täglich zu unterrichten.

Nimm Deinen Stift und ein Blatt Papier und lächele

Die Lehrerin heißt Ghazal, ihre Familie musste Ruweiss verlassen, einen Ortsteil im südlichen Beirut, der bei israelischen Angriffen schwer verwüstet wurde. Sie, ihr Mann und die beiden Jungen seien schon vor dem Krieg in Beissour gewesen, um Urlaub zu machen, erzählt sie. Von Anfang an hätten sie sich sehr wohl unter den Bewohnern von Beissour gefühlt, sie seien gastfreundlich, aufgeschlossen und ohne Vorurteile. Sie hätten sich wie in einer großen Familie gefühlt und mit einigen seien sie in Verbindung geblieben. Als der Krieg 2024 begann, seien sie sofort nach Beissour gefahren und dann erneut im März 2026.

Hadi (links) und Mehdi (rechts) Söhne der Lehrerin Ghazal – © Karin Leukefeld

Ghazal stellt ihre beiden Jungen vor: Hadi ist 16 und Mehdi 14,5. Beide seien sehr gut in der Schule, fügt sie stolz hinzu. „Das liegt an unserer Mutter, sie ist stellvertretende Leiterin einer Schule und hat uns von Anfang an an das Lernen gewöhnt“, sagt Hadi und zwinkert mit den Augen. Er bereitet sich auf das Baccalaureate vor, etwa vergleichbar mit dem deutschen Abitur. Ihm fehle die Schule sehr, die angebotenen Online-Kurse nehme er wahr, aber es sei nicht vergleichbar mit richtigem Unterricht. Mehdi, der jüngere von beiden, strahlt und sagt, er sei froh über die Freizeit ohne Schule. „Kein Unterricht bedeutet, niemand kann mich hier wie eine Zitrone ausquetschen“, erklärt er. Er wolle Ingenieur werden, sagt Mehdi. Später wolle er eine eigene, libanesische Autoproduktion aufbauen. Auf seinem Handy zeigt er die Pläne, die er entworfen hat, um das erste „rein libanesische Auto“ zu entwickeln und zu bauen. Der ältere Bruder Hadi schüttelt den Kopf und sagt, Mehdi sei ein Träumer und habe immer wieder neue Ideen. Er selbst wolle im Libanon studieren, vielleicht könne er Bankkaufmann werden und sich in Künstlicher Intelligenz schulen lassen. Die Zukunft für beide ist offen, meint die Mutter, doch beide seien wirklich sehr, sehr gute Schüler.

Die beiden Jungen vermissen ihr Zuhause. Alles habe sich verändert, ihre eigene Lebensart, Familienkultur, ihre Freunde, die Schule, die Nachbarn fehlten. Auch die Mutter vermisst ihr Zuhause, sagt sie. „Ich vermisse meine Küche, meine Arbeit und ich vermisse meine Mutter sehr. Sie ist bei der Familie meines Bruders.“

Um die Zeit gut zu nutzen, biete sie den Jugendlichen in der Notunterkunft täglich drei Stunden Unterricht an. Die 49 Schüler und Schülerinnen habe sie in drei Gruppen aufgeteilt: die Vorschulkinder im Alter von drei bis sechs Jahren, die Grundschüler im Alter von sechs bis zehn Jahren und die fortgeschrittenen Schüler im Alter von zehn bis 13 Jahren. Für die älteren Schüler – auch für ihre Söhne – werde Online-Unterricht angeboten.

Gelernt wird in einem großen Raum, in dem die drei Gruppen verteilt sitzen. Entsprechend der Altersstufe mache sie mit allen Schülern das Gleiche: arabische Sprache, englische Sprache und Mathematik. Sie bereite Arbeitsbögen mit Fragen vor, die von den Schülern beantwortet werden müssten. Die Bögen würden von ihr korrigiert und manchmal gebe es Prüfungen.

Die Familie der Lehrerin Ghazal mit der Autorin – © Privat

„Die Kinder haben viele Probleme“, berichtet die Lehrerin. „Jedes einzelne Kind hat viel, manche haben alles verloren. Ihr Zuhause, beide Eltern oder einen Elternteil, Geschwister.“ Das treffe besonders auf die Kinder zu, die aus dem Südlibanon geflohen seien. Manche seien mit Onkel oder Tante oder mit Großeltern gekommen. Ein, zwei Mal die Woche käme eine Psychologin mit einem Kinderarzt, die mit den Kindern sprechen und sie untersuchen würden. „Wir alle sind traurig“, sagt sie auf die Frage, wie sie persönlich das Leid, von dem sie erfahre, verarbeiten könne. Für die Kinder sei es furchtbar, manche würden nicht mehr sprechen, nicht mehr essen, isolierten sich von den anderen, würden krank.

Auch für sie persönlich, für ihren Mann und die Söhne sei es schwer. Besonders der ältere, Hadi, sei sehr traurig und leide unter der Situation. „Für Mehdi, den Jüngeren, ist es anders. Er findet immer etwas, wofür er sich begeistern kann, er hat ein fröhliches Gemüt.“ Doch „auch wenn wir lachen, wir alle sind sehr traurig. Es ist schwer, nicht zu Hause sein zu können.“ Sie selbst sehe jeden Morgen in den Spiegel und sage zu sich: „Lächele!“ Und den gleichen Rat gebe sie ihren Söhnen und ihren Schülern jeden Tag mit auf den Weg: „Nimm Deinen Stift, ein Blatt Papier und lächele!“

Helfen steht an erster Stelle

Der Schulleiter ist gekommen und möchte die Autorin sehen, die in seiner Schule Recherchen über die Vertriebenen anstellt. Er könne zwar einer ausländischen Journalistin kein Interview geben, da ihm die Genehmigung des libanesischen Schulministeriums fehle, seines Arbeitgebers. Doch gegen ein Gespräch habe er nichts einzuwenden, möchte nur namentlich nicht genannt werden. Dann wird starker Kaffee eingeschenkt.

Die Libanesen seien ein geduldiges Volk, sagt der Schulleiter, der auch Lehrer der Physik ist. Es gäbe verschiedene Parteien, doch wenn es um Libanon gehe und um die Vertriebenen, stehe „Helfen immer an erster Stelle“. Die meisten seien im Laufe ihres Lebens schon einmal von israelischen Truppen vertrieben worden, auch Beissour wollten die Israelis 1982 einnehmen, doch sie alle – Drusen und Christen – haben sich ihnen entgegengestellt. Aktuell sei die Lage im Libanon schwierig, weil es enormen Druck von außen gäbe. „Wir sind mit starker Einmischung konfrontiert, aus politischem Interesse.“ Die ausländischen Kräfte, die sich einmischten, suchten sich jedes Mal wieder Führer innerhalb des Landes, die sie für ihre Interessen nutzen könnten, fügt er hinzu: „Führer von Familien, von Unternehmen, von Religionen, von Parteien.“ Die würden dann mit Macht und Geld unterstützt.

Die Libanesen, die Bevölkerung allgemein hätten damit nichts zu tun, seufzt er. Sie seien diejenigen, die den Preis bezahlen müssten. Auf die Frage, welches das größte Problem für den Libanon sei, die Religion oder die ausländische Einmischung, sagt der Schulleiter nach einer kurzen Denkpause: „Israel ist unser zentrales Problem. Seit meiner Kindheit ist Israel hier viele Male einmarschiert, und mit jedem Mal ist die Einmischung und sind die Probleme im Libanon größer geworden. Ich sage dazu nur eins: Wer mein Land besetzt, ist mein Feind.“

Titelbild: “Verteilung von Hilfsgütern an Inlandsvertriebene in Tyros” © Karin Leukefeld

(Auszug von RSS-Feed)

„Es war eine minimale Erleichterung, als wir die Leichen gefunden haben.“


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Der Fall von Hind Rajab ging um die Welt, da er repräsentativ zeigt, wie Kinder und Sanitäter in Gaza getötet werden. Sogar nachdem sie aus dem Leben gerissen wurde, erreicht ihre Stimme noch Menschen. Das fünfjährige Mädchen war bei der Familie ihres Onkels, als die Anordnung des IDF kam, Gaza-Stadt sofort zu verlassen. Einen sicheren Ort erreichten sie nie, denn auf der Flucht wurde das Auto ihrer Familie über 300-mal angeschossen und Hind blieb als einzige Überlebende des Massakers zurück. In ihren letzten Stunden versuchten Mitarbeiter des palästinensischen Roten Halbmond, das kleine, verängstigte Mädchen telefonisch zu beruhigen, während sie Hilfe schickten. Die aufgezeichneten Hilferufe Hinds legen heute noch Zeugnis ab, was ihr angetan wurde. Ihr Cousin Mohammed Salam Hamada ist Arzt in Frankfurt am Main und hatte der Familie den Kontakt zum Rettungsdienst hergestellt. Er sprach mit dem Journalisten Hassan Al Khalaf über den Versuch, seine Familie zu retten, darüber, wie die Menschen vor Ort versuchen zu überleben, und über die Rolle von Medizinpersonal in Gaza.

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Hassan Al Khalaf: Wie haben Sie den Vorfall erlebt und wie haben Sie versucht, Ihrer Familie zu helfen?

Mohammed Salam Hamada: Es war ein sehr schlimmes Erlebnis. Man fühlte sich absolut hilflos. Das Netz im Gazastreifen war größtenteils abgestürzt. Ich habe von anderen Verwandten die Info bekommen, dass sie den Kontakt zur Familie verloren haben und dass sie Hind, ihren Onkel Bashar, seine Frau und deren Kinder nicht erreichen können. Dann habe ich versucht, mit vielen Hilfsorganisationen zu telefonieren und Kontakt aufzunehmen, bis es mit dem Roten Halbmond in Ramallah geklappt hat. Es war alles nicht so einfach. Ich hatte viele schlaflose Nächte, vor allem die ersten Nächte waren wirklich katastrophal. Es war sehr schmerzhaft.

Wie haben Sie sich ab dem Moment, als Sie den Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond für Ihre Familie hergestellt haben, gefühlt?

Vielleicht ein bisschen Erleichterung, dass endlich Hilfe geleistet werden kann, aber Sicherheit hatte ich immer noch nicht, weil die Gefahr noch besteht. Ich komme selber aus Gaza und habe dort viele Jahre gelebt. Ich weiß, was der Rote Halbmond und das Rote Kreuz leisten können. Wenn jemand helfen kann, dann sind es diese Organisationen. Deshalb war ich froh, dass ich sie erreichen konnte. Es gab mehr Hoffnung als davor.

Durch Filme und Musik kennt man mittlerweile den Namen Hind Rajab, aber was sollten Menschen noch über Ihre Familie wissen?

Meine Familie waren ganz normale Menschen, die versucht haben, zu überleben. Der größte Teil der Familie lebt noch dort und eigentlich wollen sie dort leben. Es ist nicht so, dass das Ganze in der Vergangenheit ist. Es geht noch weiter. Die Menschen werden immer noch bedroht. Alle Häuser von meiner Familie und vielen anderen Familien wurden zerstört. Sie leben nicht mehr in diesen Häusern. Es wurde alles besetzt. Gaza ist bis zur Hälfte schon weg. Viele Menschen lebten zuvor auf sehr kleiner Fläche und diese Fläche wurde halbiert. Was die Leute über diese Familien wissen müssen, ist, dass die Menschen dort bedroht sind, aber trotzdem versuchen, jeden Tag zu überleben. Schon vor dem Krieg war es schwer, in Gaza zu überleben.

Es gibt eine Sache, die die Menschen dort relativ oft machen: Die Familienmitglieder werden untereinander zu anderen Kernfamilien geschickt. Falls eine Familie bombardiert wird, dann lebt ein Teil der Familie wenigstens weiter. So war das Schicksal von Hind, als sie bei ihrem Onkel war. Sie haben das Haus verlassen und sind zur Tankstelle, die unsere Familie betreibt, gegangen, weil sie dachten, dass sie dort sicher sind. Dann kam der Evakuierungsbefehl, und obwohl sie ihm gefolgt sind, wurden sie trotzdem getötet. Hinds Mutter Wesam wusste gar nicht, dass ihre Tochter plötzlich evakuiert werden muss. Die IDF kündigen so etwas nicht eine Woche vorher an, bevor sie intensiv bombardieren, sondern wenige Stunden, wenn überhaupt. Der Gazastreifen an sich ist eigentlich sehr klein mit nur 165 Quadratkilometern, also wohin kann man noch fliehen, wo man sicher ist?

Wie erging es Ihnen, als es keine Lebenszeichen mehr von Ihrer Familie gab?

Es waren schlaflose Nächte. Jedem Menschen würde es nicht so gut gehen, wenn man weiß, da sind fünf Kinder, die höchstwahrscheinlich erschossen noch für mehrere Tage im Auto liegen. Der Kontakt war verloren. Der ganzen Familie ging es nicht so gut und wir haben uns große Sorgen gemacht, dass sie entführt wurden, dass wir sie nie wiedersehen, dass sie es wahrscheinlich überlebt haben und woanders verschleppt wurden. Ob sie getötet wurden, wussten wir damals nicht. Wir haben versucht, mit vielen Organisationen Kontakt aufzunehmen. Es gab keine einzige Info, bis wir die Leichen gefunden haben.

Diesen Tag werde ich nie vergessen. Es war der absolute Horror für uns. Es wurde ein Rettungswagen zum Tatort geschickt. Dieser Rettungswagen wurde dann bombardiert und man konnte diesen Ort nicht besuchen. Er wurde vom israelischen Militär zum Sperrgebiet erklärt. Erst nach über neun Tagen konnte man endlich dahin, und man hat die Leichen im Auto gefunden. Es war ein sehr schlimmes Erlebnis. Natürlich war ich traurig, aber es war eine minimale Erleichterung, als wir die Leichen gefunden haben. Das kann man nicht verstehen, wenn man nicht selber aus einem Kriegsgebiet kommt. In vielen anderen Situationen haben die Leute aus Gaza ihre Familienangehörigen verloren und die Leichen nicht gefunden. Viele wissen nicht mal, wo sie sind, ob sie entführt oder getötet wurden. Wir waren absolut traurig, dass sie getötet wurden, aber als die Leichen gefunden wurden, wussten wir endlich, was mit ihnen passiert ist.

Hatten Sie persönlich Hoffnung, dass Hind und Ihre Familie sicher sein werden, wenn sie den Anordnungen des IDF zur Evakuierung folgen?

Die Familie hat alles gemacht, was ihnen gesagt wurde, aber gebracht hat es nichts. Als plötzlich die Anordnung zur Evakuierung kam, haben sie die Anordnung sofort befolgt, und am Ende wurden trotzdem alle getötet. Meine Mitmenschen und mehrere Hundert Leute werden getötet, vor allem Kinder. Kinder können nur Zivilisten sein, also wie soll ich da der IDF vertrauen? Natürlich vertraue ich diesen Menschen nicht. Von Sicherheit ist nicht die Rede in Gaza. Sogar die Hilfsorganisationen, die Botschafter, die Diplomaten, gar keiner fühlte sich sicher in Gaza. Weder meine Familie noch alle anderen Familien. Es gibt unendliche Berichterstattungen von Zivilisten und ziviler Infrastruktur, die bombardiert wurden.

Wie haben Sie vom Tod Ihrer Familie erfahren?

Wir haben uns als Familie jeden Tag erkundigt, ob es möglich ist, das Auto zu erreichen. Es ist eine große Straße, wo es passiert ist. Unsere Tankstelle liegt auch in der Nähe, deshalb kennen sie den Ort sehr gut. Als die IDF an diesem Ort waren, war es nicht möglich. Keiner konnte rein oder raus. Als sie abgezogen sind, konnte meine übrige Familie endlich das Auto erreichen. Sie haben das Auto und die Leichen direkt erkannt. Wir haben mit der Familie telefoniert, und so habe ich es direkt von den Familienmitgliedern erfahren. Es gibt keinen einzelnen Tag, an dem ich nicht an sie denke.

Wie geht es Hinds Mutter und den restlichen Überlebenden?

Für alle, die aus Gaza kommen oder in Gaza leben, ist es eine harte Zeit. Auch für die Angehörigen, die im Ausland leben, ist das alles noch nicht vorbei. Wir leben in einer absoluten Ausnahmesituation, und uns allen geht es nicht sehr gut. Die Bedrohung besteht noch. Gerade beim Fall von Hind würde sich jeder Mensch nicht gut fühlen, nachdem man so etwas erlebt und mitbekommen hat. Wenn man die Videos von Hind sieht oder die Aufnahmen vom Telefonat hört, erkennt man, dass sie ein sehr begabtes Kind ist. Es tut ihrer Mutter Wesam weh, das eigene Kind zu verlieren. Gleichzeitig kümmert sie sich um ihren Sohn, Hinds kleinen Bruder. Das ist keine leichte Sache, die man in Jahren verarbeiten kann. Jeder, der seine Kinder liebt, versteht das. Sie ist immer noch in dieser Phase, wo sie posttraumatisiert ist, denn es war ein sehr großes Trauma für sie. Sie ist dabei, das Ganze noch zu verarbeiten.

Auch Amir hat seine ganze Familie verloren. Er musste mit Anfang 20 seinen Vater, seine Mutter und seine vier Geschwister verlieren, die im selben Auto waren. Stell dir vor, wie es diesem Menschen geht. Er studiert seit zwei Jahren in der Türkei und war deshalb nicht dort.

Was ist es für ein Gefühl für Sie als Arzt, zu wissen, dass die IDF auch auf Sanitäter und Medizinpersonal schießt?

Mediziner und Sanitäter sind absolute Helden, gerade in Gaza. Sie werden tagtäglich bedroht, und diese Bedrohungen werden mehrmals realisiert, auch in diesem Fall von den beiden Sanitätern. Über den Roten Halbmond wurde die Kontaktaufnahme mit der IDF organisiert, damit die Sanitäter zum Auto können. Sogar die Route wurde vorher der IDF mitgeteilt. Es sollte eigentlich nur ein paar Minuten dauern, Hind zu retten. Wie ich auch hatten die IDF sogar die Nummern von den beiden Sanitätern. Es wurde alles organisiert, und trotzdem wurden sie angegriffen. Diese Menschen wissen, dass ihnen so was passieren könnte, und trotzdem haben sie ihr Leben riskiert. Es ist absolut heldenhaft, was sie gemacht haben – auch die anderen Kollegen dort. Ich kriege Nachrichten, was die Ärzte in ganz Gaza leisten. Wie viele Tage sie in Krankenhäusern verbracht und ihre Familien mitgenommen haben. Sie haben einfach im Krankenhaus gelebt, weil sie nicht raus konnten. Es ist kaum zu beschreiben, was sie geleistet haben. Es ist absolut großartig, aber gleichzeitig ist es auch katastrophal und kaum zu glauben, was die IDF mit ihnen gemacht haben.

Sind Sanitäter und Rettungswagen sicherer, wenn Sie dem IDF ihre Koordinaten mitteilen?

Dieses Beispiel zeigt das genaue Gegenteil. Sie befolgten die Anordnung. Bevor sie in ein Einsatzgebiet der IDF müssen, müssen sie es ihnen vorher mitteilen, was sie auch taten. Bei einem anderen bekannten Fall wurde in Rafah sogar gefilmt, wie sie beschossen wurden. Von der IDF wurde es natürlich bestritten, aber als die Videos veröffentlicht wurden, gab es keine Konsequenzen. Sie sind gezwungen, der IDF ihre Koordinaten mitzuteilen, aber es bringt nicht mehr Sicherheit, sondern gefährdet sie noch mehr.

Was haben Sie erlebt, als Sie in Gaza gelebt haben?

Ich habe 19 Jahre in Gaza gelebt und ich kannte die Straße, wo all das passiert ist, gut. Dort habe ich mehrere Kriege von 2006, 2007, 2008 und 2012 erlebt. Beim Krieg von 2014 war ich schon in Deutschland, aber meine Familie war noch dort, und so habe ich es weiterhin miterlebt. Man kann sich nicht total trennen, wenn die eigene Familie weiterhin dort ist. So habe ich weitere Kriege mitbekommen, wie auch den von 2021. Ich wollte Medizin studieren und hatte einen Verwandten in Deutschland, der mir empfohlen hat, es hier zu machen. Die Anreise hat zuerst nicht sofort geklappt, weil die Grenze zwei Monate durchgehend geschlossen war. Das war ein Rekord damals. Reibungslos läuft nichts in Gaza, aber Gott sei Dank hat es am Ende geklappt und dann bin ich rausgekommen.

Wen haben Sie noch in diesem Krieg verloren?

Es gibt natürlich den Vorfall mit Hind, aber auch viele andere Vorfälle, über die in den Nachrichten nicht berichtet wurde. Von Freunden, Verwandten und Bekannten kann ich nicht mehr zählen, wenn ich ehrlich bin. Extrem viele Menschen. Wenn ich zählen müsste, hätte ich Angst, jemanden zu vergessen. Da wäre die Familie, die mit Hind war, mein Bruder und sehr viele Freunde und Nachbarn. Im Haus meiner Tante hatten ihre drei Söhne und zwei Töchter mit all ihren Kindern Zuflucht gesucht, als sie bombardiert wurden. Keiner hat überlebt.

Was für eine Bedeutung hat Hind Rajabs Anruf nach ihrem Tod?

Es ist wichtig, um der Welt zu zeigen, was passiert. Es gibt über tausend Kinder, die getötet wurden und Ähnliches wie Hind Rajab erleben mussten. Kinder, die viele Tage verletzt unter bombardierten Häusern lagen. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Telefonat die Welt daran erinnert, dass diese Kinder in Palästina getötet werden. Noch schlimmer ist, dass das alles geleugnet und keine Verantwortung getragen wird.

Glauben Sie, dass amerikanische oder israelische Ermittlungen Konsequenzen nach sich ziehen?

Was soll da ermittelt werden? Die tun so, als ob sie nicht wissen, wer so etwas getan hat. Als ob sie etwas unternehmen werden und als ob das ein einzelner Fehler war. Im Gegenteil sogar. Die wissen zweifellos, wer es war. Wenn du 335-mal auf jemanden schießt, dann ist das kein Fehler. Die Verantwortlichen werden eher geschützt.

Wie stehen Sie zur Hind Rajab Foundation?

Jede Organisation, welche die Täter verfolgen und zur Rechenschaft ziehen kann, finde ich sehr gut. Die Foundation leistet prinzipiell eine sehr gute und wichtige Arbeit. In Brasilien, Argentinien und anderen Ländern haben mögliche Täter Urlaub gemacht und sie sollten von der Polizei festgehalten werden, aber sie sind einfach verschwunden. Die waren nicht mehr in dem Land zu finden, deshalb erwarte ich nichts. Es sind Versuche der Hind Rajab Foundation und anderen Organisationen, um Druck aufzubauen, aber die Sache ist politisch sehr aufgeladen. Die Politik kann mehr leisten als Gerichtshöfe, aber sie machen nicht das, was sie machen sollten. Politisch, nicht ethisch gesehen, wie profitieren sie davon? Man sieht, was mit Südafrika gemacht wird, weil sie Palästina unterstützt haben. Von den USA bekamen sie finanzielle Konsequenzen, um andere Länder einzuschüchtern.

Können Sie sich erklären, wieso der Fall in Deutschland kaum Berichterstattung erhielt im Vergleich zum englischsprachigen Raum?

Ich kann es mir nicht erklären. Ob die deutschen Journalisten darüber berichten oder nicht, es ist jetzt ein weltweit bekannter Fall. Die Wahrheit wird ihren Weg finden, auch wenn sie darüber nicht berichten.

Was löst der Kindheitswunsch von Hind, selbst Ärztin zu werden, in Ihnen aus?

Es wäre schön gewesen, wenn Sie die Chance gehabt hätte. Dieser ganze Krieg fühlt sich sehr komisch an. Ich liebe meinen Job und tue ihn sehr gerne, aber es ist sehr seltsam, dass ich hier in Deutschland ärztliche Leistungen problemlos durchführen kann, aber gleichzeitig können die einfachsten Sachen in meiner Heimat nicht durchgeführt werden. Es gibt Aufnahmen von einem ärztlichen Kollegen aus Gaza, der das Bein seiner Tochter ohne jegliche Anästhesie, ohne jegliche Betäubung, amputiert hat. Jeder Mensch auf dieser Welt, wo wir leben, hat das Recht, dass so was schmerzfrei passiert. In erster Linie hätte ihr so was nie passieren dürfen. Sie wurde durch den Krieg verletzt, und deshalb hat sie ihr Bein verloren. Wenn sie schon verletzt wird, muss sie es wenigstens weniger schmerzhaft erleben. Zu dieser Zeit durften leider keine Betäubungsmittel in den Gazastreifen importiert werden, und das ist kein Einzelfall. Es gibt viele solcher Extremfälle. Ich bekomme oft von Familienangehörigen und Bekannten Fragen, weil ich Arzt bin, was man tun kann und wie man gewisse Krankheiten diagnostizieren kann. Im ganzen Gazastreifen gibt es keine MRT-Geräte mehr. Es ist absolut katastrophal, dass nicht mal ein so gängiges und notwendiges diagnostisches Mittel, dass in Deutschland jeden Tag mehrere Tausend Male benutzt wird, vorhanden ist.

Wie versuchen Sie als Arzt, den Menschen aus Gaza, die Sie kontaktieren, zu helfen?

Wenn man ehrlich ist, ist die einzige Lösung vernünftige Diagnostik und dementsprechend vernünftige Therapien. Aktuell gibt es das im Gazastreifen nicht. Ein guter Freund von mir hat Schilddrüsenkrebs bekommen, und alles, was er braucht, ist eine Überweisung an ein gutes Krankenhaus in Ägypten, wo er eine adäquate Therapie erhält, aber es ist aktuell nicht möglich. Insgesamt ist es sehr frustrierend. Der letzte Bekannte, der mich gefragt hat, beklagt eine Überfunktion seiner Schilddrüse. Man könnte es so simpel mit Medikamenten therapieren, aber diese Medikamente gibt es in Gaza nicht. Obwohl er noch um die 30 ist, hat er schon starke Symptome wie hoher Puls und hoher Blutdruck. Im schlimmsten Fall kann das zum Herzstillstand führen, wenn man es nicht therapiert. Das war nur ein Beispiel von extrem vielen Beispielen. Ein junger Mensch mit Problemen in den Gelenken hat mich auch um Rat gebeten. Man müsste nur eine relativ kleine Operation durchführen und dann könnte er ein relativ normales Leben führen, aber es fehlen die Mittel dafür. Wenn er nicht behandelt wird, muss er lebenslang hinken und es besteht das Risiko auf Arthrose im jungen Alter. Es fällt mir schwer, den Menschen zu sagen: „Du könntest daran sterben.“

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie schlechte Nachrichten überbringen müssen?

Ich versuche immer, mit den Mitteln, die sie vor Ort haben, zu arbeiten. Die Menschen aus Gaza sind nicht so einfach unterzukriegen. Sie sind in der Regel trotzdem noch hoffnungsvoll und motiviert. Im Gegenteil, sie geben mir die Hoffnung. Es sind einfach starke Menschen, von denen man vieles lernen kann. Gott sei Dank habe ich nie jemandem gesagt, dass ich ihnen nicht helfen kann, auch wenn es ein sehr komplexer Fall ist und es sehr wenig Hoffnung gibt. Wenn es wirklich schlimm ist, bleibe ich mindestens neutral. Dann erkläre ich, was der Fall ist, was es bedeuten kann und was für Eventualitäten es gibt. Wir bleiben immer optimistisch.

Über den Interviewpartner: Mohammed Salem Hamada ist Arzt in einer Frankfurter Klinik und befindet sich in der Weiterbildung zum Orthopäden. Der Palästinenser ist in Gaza geboren und verließ seine Heimat 2014, um Medizin zu studieren. Er stellte 2024 Verwandten, die unter Beschuss des IDF standen, den Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond her und versucht heute noch aus der Ferne, die Menschen in Gaza gesundheitlich zu beraten.

Titelbild: Diane Krauthamer / Flickr

(Auszug von RSS-Feed)
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