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„Deutscher Boden“ im Libanon und einstürzende Wohnhäuser

25. Februar 2026 um 09:00

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Montag, 16. Februar 2026. Es ist früh am Morgen, als der Wagen Beirut in Richtung Norden verlässt. Ziel der Fahrt ist die nordlibanesische Hafenstadt Tripoli, wo vor wenigen Tagen weitere Wohnhäuser eingestürzt sind und 13 Menschen unter ihren Trümmern begraben wurden. Eine Reportage von Karin Leukefeld.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Der Weg führt über die Corniche, die Küstenpromenade der libanesischen Hauptstadt, entlang des östlichen Mittelmeers. Wie immer absolvieren dort Frühaufsteher zügigen Schrittes ihr morgendliches Walking-Programm. Landeinwärts ist die Corniche von Soldaten gesäumt, die eine Art Schutzkette bilden, dazwischen stehen ihre Militärfahrzeuge. Besonders dicht stehen die Soldaten gegenüber dem militärischen Teil des Hafens von Beirut. Der Fahrer konzentriert sich auf den dichter werden Verkehr, prüft die Außenspiegel, die Hupe verschafft ihm immer wieder Durchfahrt.

Auf „deutschem Boden“ im Libanon

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist an diesem Morgen in Beirut aufgewacht. Dem Kurzprogramm des Bundespräsidialamtes war zu entnehmen, dass er am Abend zuvor auf dem Flughafen von Beirut gelandet war. Steinmeier soll an diesem Montag die Regierungsspitze des Libanon treffen: Präsident Joseph Aoun, Ministerpräsident Nawaf Salam und Parlamentspräsident Nabih Berri.

Einem Videoclip auf der Webseite des Bundespräsidialamtes sind wenige Sätze Steinmeiers in Anwesenheit von Aoun zu entnehmen: Er freue sich, in diesem „wunderbaren Land“ zu sein, und er freue sich auf seine Termine. Zudem „wisse (er) um die Bedeutung eines unabhängigen souveränen Libanon (…) in einem anspruchsvollen regionalen Sicherheitsumfeld“. Deutschland werde den Libanon auch nach dem Ende der UNIFIL-Mission weiter unterstützen, um das „Gewaltmonopol der libanesischen Armee zu stärken“. Man teile „ein überragendes gemeinsames Interesse“, man wolle, „dass endlich dauerhafter Frieden und Stabilität in der Region einkehren“.

Am Montagabend traf der Bundespräsident Soldatinnen und Soldaten auf der deutschen Fregatte Sachsen-Anhalt, wo er an Bord eine Rede hielt. Es sei ihm „eine Ehre“, die Gäste „an Bord der ‚Sachsen-Anhalt‘ willkommen zu heißen“, so Steinmeier: Man stehe „hier, wenn man so will, auf einem Stück deutschen Bodens im Libanon – Schiffsboden genauer gesagt –, fest vertäut im Hafen von Beirut.“

Gemeinsam anstoßen

Das „deutsche Schiff“ hat es dem Bundespräsidenten so sehr angetan, dass er seine Rede damit auch wieder schließt. Mit diesem „deutschen Schiff unter den Füßen und dem libanesischen Sternenhimmel über uns“ wolle man „gemeinsam anstoßen (…) auf die deutsch-libanesische Freundschaft, auf Verlässlichkeit und auf eine gemeinsame und geteilte Zukunft“, so Steinmeier, der am folgenden Tag nach Jordanien reiste, zu einem „Stabilitätsanker“, wie er dort sagen sollte.

Die deutsche Fregatte ist Teil der seeseitigen UN-Friedensmission für den Libanon UNIFIL, was Steinmeier auch erwähnte. Sie sollte Waffenschmuggel verhindern, was ihr allerdings, so libanesische Sicherheitskräfte gegenüber Journalisten, nur teilweise gelungen war. Die Waffen, die während des Syrienkrieges seeseitig in den Norden des Libanon geschmuggelt worden waren, um von Söldnern verschiedener Kampfverbände im Krieg gegen die syrische Armee im Nachbarland eingesetzt zu werden, wurden von den deutschen Fregatten immer wieder übersehen.

In Zukunft, nach dem von Israel und den USA geradezu erzwungenen Ende der UNIFIL-Mission im Südlibanon Ende 2026, könnte – möglicherweise neben den USA und Frankreich – auch die deutsche Marine mit deutschen Bodentruppen im Libanon in diesem „anspruchsvollen Sicherheitsumfeld“ stationiert werden.

Mit Libanon und Jordanien besuche der Bundespräsident „zwei Nachbarländer Israels“, hieß es in den Nachrichten des Deutschlandfunks. Der Fokus der Reise Steinmeiers lag also auf der „Sicherheit Israels“, die seit der Adenauerzeit in den 1950er-Jahren im alles überragenden Interesse jeder bisherigen Bundesregierung ist. Zwar spricht Steinmeier von der „Sicherheit der Region“, doch die Sicherheit der Länder, die wie Libanon, Syrien und die besetzten palästinensischen Gebiete täglich von Israel attackiert werden, wird Israels Interessen untergeordnet. Gemäß der UN-Charta hat jedes Land das gleiche Recht auf territoriale Integrität und Souveränität, die israelische Straffreiheit allerdings hat Vorrang.

Deutschland ist der zweitgrößte Waffenlieferant an Israel und rühmt sich, „strategischer Partner Israels“ zu sein, „an Bedeutung nur von den Vereinigten Staaten übertroffen“. Deutsche Waffen und Panzerersatzteile werden in Gaza, im Westjordanland, in Syrien und im Libanon eingesetzt. Doch so sehr ins Detail geht Steinmeier – zumindest nach offiziellen Darstellungen – nicht. Und im Libanon ist man zu höflich, um das in einem offiziellen Rahmen gegenüber dem Bundespräsidenten anzusprechen. Zumal man froh über die deutsche Unterstützung für die libanesische Armee ist.

Mit zweierlei Maß

Die Mühen der Ebenen gehören nicht in das Programm eines solchen Auftritts. Es ging dem deutschen Bundespräsidenten weder um die schlechten Lebensverhältnisse vieler Libanesen noch um EU-Sanktionen gegen das Land. Diese wurden 2025 um ein weiteres Jahr bis Juli 2026 verlängert. Neben den EU-Sanktionen gibt es weitere Sanktionen der Vereinten Nationen, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten. Auch die Probleme der „neuen“ Flüchtlinge aus Syrien – vor allem syrische Alawiten – waren kein Thema. Zwar wurde der 218 Opfer der Explosion im Hafen von Beirut (2020) gedacht, nicht aber der mehr als 3.000 Libanesen, die bei einer ferngesteuerten Explosion ihrer persönlichen Funkrufempfänger, sogenannte Pager, im September 2024 schwer verletzt, verstümmelt oder getötet wurden. Israel übernahm damals fast stolz die Verantwortung für die Mossad-Aktion und wurde bis heute für den nach internationalem Recht verbotenen Angriff auf die Zivilbevölkerung nicht zur Rechenschaft gezogen.

Dafür mahnte der deutsche Bundespräsident in Beirut, Libanon und Israel müssten „ihre Verpflichtungen aus dem Waffenstillstandsabkommen von 2024“ erfüllen. Der Libanon müsse die Entwaffnung der Hisbollah sicherstellen, um die Voraussetzungen für einen israelischen Rückzug zu schaffen, so Steinmeier.

Das ist die israelisch-amerikanische Interpretation der Vereinbarung. Die Einhaltung der UN-Sicherheitsratsresolution 1701 – von der Hisbollah erfüllt – wird von Israel ignoriert. Demnach sollen sich bis auf UNIFIL und die libanesische Armee keine bewaffneten Kräfte mehr im Süden des Libanon – zwischen der „Blauen Linie“ und dem Litani-Fluss – aufhalten, weder Kämpfer der Hisbollah oder palästinensische Einheiten noch die israelische Armee. Die aber bombt, zerstört, tötet ungestraft im Libanon und hält im Süden des Landes fünf Hügel besetzt, mit umgebenden „Pufferzonen“ sind das laut UNIFIL 4.000 Quadratkilometer. Weder die UNIFIL noch die libanesische Armee und auch nicht die Bewohner des Südlibanon sind vor israelischen Angriffen sicher.

Zumindest laut Protokoll des Bundespräsidialamtes Berlin blieb unerwähnt, dass Israel seit dem „Waffenstillstand“ mehr als 10.000 Angriffe auf den Libanon geflogen hat, wie aus UNIFIL-Zahlen hervorgeht. Israel hat ganze Landstriche und Dörfer dem Erdboden gleichgebombt, fast täglich werden bei den Angriffen Menschen getötet. Auch am Tag des Steinmeier-Besuches bombardierte Israel den Süden des Libanon. Am vergangenen Samstag, wenige Tage nach dem Ende der Steinmeier-Reise, bombardierte Israel nahezu gleichzeitig drei Wohnhäuser in der Umgebung der Stadt Baalbek in der nordöstlichen Bekaa-Ebene. Mindestens zehn Personen wurden getötet und 30 Personen verletzt. Die Orte in Baalbek wurden von israelischen Kampfjets gezielt attackiert. Bei den Toten in Baalbek handelte es sich nach Angaben der Hisbollah um acht ihrer Kämpfer, darunter zwei Kommandeure.

Zwei der Toten wurden aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Ain al Hilwa gemeldet, das bei Sidon im Süden des Libanon liegt. Bei dem Angriff auf Ain al Hilwa waren Drohnen im Einsatz, die Berichten zufolge von israelischen Kriegsschiffen vor der Küste des Libanon gesteuert wurden. Die Raketen schlugen im Hittin Viertel des Lagers ein und trafen das Gebäude der ehemaligen palästinensischen Sicherheitsbehörde. Das Gebäude wird aktuell als Zentrum für Hilfsgüter benutzt. Bei den Toten handelte es sich um zwei Mitglieder der Hamas-Jugendorganisation.

Einstürzende Wohnhäuser

Auch die Opfer der zahlreichen eingestürzten Wohnhäuser im Libanon waren laut öffentlichen Verlautbarungen – kein Thema bei den deutsch-libanesischen Gesprächen. Der mangelhafte Zustand libanesischer Gebäude sorgt immer wieder für Tote und Obdachlosigkeit. In Tripoli, der einst blühenden nordlibanesischen Hafenstadt, sind in diesem Winter mindestens 15 Personen beim Einsturz ihrer Wohnhäuser ums Leben gekommen. Ende Januar starben ein Vater und seine Tochter, als zwei Häuser zusammenbrachen. Am 8. Februar stürzten erneut zwei Häuser in Bab al-Tabbaneh ein, 13 Menschen starben. Seit Winterbeginn mussten zahlreiche Evakuierungen von Wohnhäusern in Tripoli vorgenommen werden, weil sie einsturzgefährdet waren. Nach Angaben der Stadtverwaltung müssten weitere 114 Wohngebäude geräumt werden, doch für die 600 davon betroffenen Familien gibt es keinen alternativen Wohnraum.

© Karin Leukefeld

In Bab al-Tabbaneh, einem der ärmsten Stadtviertel von Tripoli, traf die Autorin Bewohner der eine Woche zuvor eingestürzten Wohnhäuser. Die Häuser standen einst oberhalb einer viel befahrenen Straße mit Geschäftshäusern, Cafés und einer Tankstelle. Zu dem höher gelegenen Viertel gelangt man über eine steile Straße, die zu dem dicht bebauten Hang hinaufführt. Man passiert einen Kontrollposten der libanesischen Armee.

Viele Jahre lang fanden an diesem Hang Kämpfe zwischen den Alawiten des höher gelegenen Jbeil Mohsen und Sunniten aus Bab al-Tabbaneh statt. Der nach außen hin religiöse Konflikt zwischen den beiden Gruppen entstand im Osmanischen Reich, als die herrschenden sunnitischen Osmanen die Alawiten unterdrückten. Die Alawiten sind eine Strömung des schiitischen Islam. In der jüngeren Geschichte geht der auch bewaffnete Konflikt zurück auf die Zeit des libanesischen Bürgerkrieges (1975-1990) und kam auch danach nicht zur Ruhe. Kern der Auseinandersetzung war die Gegnerschaft (der Sunniten) oder Unterstützung (der Alawiten) gegen oder für die Regierung von Hafez, später Bashar al-Assad, die beide aus einer alawitischen Familie stammten. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, zumal die Bewohner beider Viertel unterprivilegiert und arm sind. Die Stabilität der Wohnhäuser in beiden Vierteln hat teilweise schwer unter den Kämpfen gelitten.

Jeder kann den Weg zu der Einsturzstelle der Häuser in Tabbaneh zeigen. Auf einem Gehweg vor noch höher gelegenen Häusern sitzen und stehen einige Menschen, die sich angeregt unterhalten. Alle hatten in den beiden Häuser gewohnt und den Einsturz überlebt, oder sie sind Angehörige der nun obdachlos gewordenen Menschen.

„Wir sind Menschen, wir brauchen eine Wohnung“

Unter den Menschen ist auch die 78-jährige Leyla Mahmud Tishreen. Ganz in schwarz gekleidet sitzt sie gegenüber den Trümmern und wischt sich Tränen aus den Augen. Hier habe sie seit ihrer Heirat vor 56 Jahren mit ihrem Mann gelebt, berichtet die Frau. Ihr Mann sei vor vier Jahren gestorben, sie habe allein dort gewohnt. An diesem Tag hatte sie das Haus verlassen, um bei einem ihrer Kinder, die zumeist in der Nähe wohnten, zum Essen zu gehen, erinnert sie sich. Kaum sei sie dort angekommen, habe sich die Nachricht von den einstürzenden Häusern wie ein Lauffeuer in Tabbaneh verbreitet. Voller Angst sei sie mit ihrem Sohn und dessen Familie zurück zu ihrem Haus gelaufen, doch es sei nicht mehr da gewesen. Nur Trümmer, so die 78-Jährige und zeigt auf eine Kachel, die aus den Trümmern hervorschaut.

© Karin Leukefeld

„Mein Boden hatte diese Kacheln“, sagt sie und schaut wie gebannt auf den Trümmerberg. „Meine Wohnung war ganz oben, im dritten Stock, nach und nach haben wir erneuert, repariert. Immer, wenn wir etwas Geld übrig hatten.“ Alle ihre Ersparnisse, die sie „für ein gutes Leben im Alter“ zurückgelegt hatte, seien mit dem Einsturz verloren gegangen. Sie lebe jetzt bei ihrer Tochter, die im Parterre eines Hauses in der Nähe wohne. Ihr Sohn wohne auch in der Nähe, doch es sei ein hohes Haus. Er wohne im siebten Stock, einen Aufzug gebe es nicht, die Treppen hinauf könne sie nicht mehr steigen. „Und unser Haus ist auch einsturzgefährdet“, sagt ihr Sohn und zeigt auf seinem Handy Fotos und Videos, auf denen tiefe Risse in Boden, Decken und in den Wänden zu sehen sind. Immer wieder habe er beim Stadtrat auf den schlechten Zustand der Häuser aufmerksam gemacht, doch nie sei etwas geschehen. „In unserem Haus leben 170 Menschen, was wird aus uns, wenn es einstürzt?!“

Immer wieder entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch unter den Menschen und sie tauschen aus, was ihnen der Stadtrat gesagt hatte. Man habe sie zwar registriert, doch wisse man nicht, wann, wo und wie sie Hilfe erhalten würden. Man habe keine neue Unterkunft zugewiesen bekommen, man wisse nicht, wie viel Geld man erhalten werde. Er habe gehört, dass jeder 1.000 US-Dollar erhalten solle, wirft Mahmud Zaman ein. Er habe wie durch ein Wunder überlebt, weil er rausgegangen sei, um etwas zu besorgen. Sein Freund sei in der Wohnung gewesen, als das Haus einstürzte: „Nun liegt er mit vielen Brüchen und Quetschungen im Krankenhaus.“ 1.000 US-Dollar seien zu wenig, so Zaman. Wie sollte er bezahlen, wenn seine Mutter jetzt sterben sollte und er sie beerdigen müsse? Er habe gespart, weil er heiraten wollte. Doch nun sei alles dahin. „Wir wollen doch nur, dass man sich um uns kümmert“, sagt ein Mann in staubiger Arbeitskleidung. „Wir sind Menschen, wir sind arm. Wir brauchen ein Haus, eine Wohnung, wir brauchen Kleidung, Essen und Medizin.“

In einem gemeinsamen Bericht von UN-Habitat und der UN-Kinderhilfsorganisation UNICEF (2018) wird Tabbaneh als „einkommensschwaches, benachteiligtes Viertel“ beschrieben, mit „schwacher öffentlicher Sozial- und Grundversorgung und „begrenzten Lebensgrundlagen“. Die Einwohnerzahl wird damals mit 20.499 Personen angegeben, rund 17,1 Prozent davon sind Syrer und palästinensische Flüchtlinge aus Syrien. Die meisten der Syrer kamen zwischen 2011 und 2017 nach Tabbaneh, sind also Kriegsflüchtlinge. Die Probleme der Bevölkerung werden ausführlich mit hoher Arbeitslosigkeit und hohen chronischen Erkrankungen beschrieben. Von den 765 Gebäuden waren 74 Prozent Wohnhäuser, die zumeist zwischen 1944 und 1975 gebaut worden waren. Elf Prozent der Häuser waren nicht ans Stromnetz, 26 Prozent der Häuser waren nicht an die Wasserversorgung angeschlossen. 51 Prozent der Wohnhäuser benötigten schon 2018, als der UN-Bericht entstand, umfassende Reparaturmaßnahmen und „Notfallinterventionen“.

Tripoli gilt als die ärmste Stadt im Libanon. Söhne der Stadt sind allerdings der langjährige Ministerpräsident Najib Mikati und sein Bruder Taha, die laut Forbes 2026 mit jeweils 3,1 Milliarden US-Dollar die beiden reichsten Männer des Libanon sind. Ihr auf Telekommunikationsfirmen beruhender Reichtum hat für Tripoli und seine Bewohner ebenso wenig Fortschritt gebracht wie viele Worte verschiedener Regierungen.

Der Wiederaufbau wird dauern

Nur wenige Kilometer entfernt, im Zentrum von Tripoli, ist Bürgermeister Abdul Hamid Kerimeh ein viel beschäftigter Mann. Nur wenige Minuten hat er Zeit, um Fragen der Autorin zu beantworten, dann wartet schon der Nächste, um zu ihm vorgelassen zu werden. Kerimeh ist erst seit sechs Monaten im Amt, sagt er höflich. Er habe eine schwere Last aus den vorherigen Jahren übernommen. „Vor der Finanzkrise hatten wir 60 Millionen US-Dollar auf der Bank, zwei Millionen davon sind uns geblieben.“ Die unsicheren Häuser in Tabbaneh und anderen Stadtteilen seien nicht die einzige Herausforderung für den Stadtrat.

Mit der Regierung in Beirut sei ein Notfallplan ausgearbeitet worden. Vorgesehen seien Zahlungen an die obdachlos gewordenen Menschen für ein Jahr, damit sie eine neue Wohnung finden könnten. Das Gesundheitsministerium habe zugesagt, die Kosten für die medizinische Behandlung aller Verletzten zu übernehmen. Weitere Evakuierungen seien vorgesehen, der Wiederaufbau werde vermutlich erst in zwei Jahren richtig beginnen können, sagt Bürgermeister Karimeh. „Ein Ingenieursteam hat die Aufgabe, die Bausubstanz zu prüfen, dann werden Neubaugebiete ausgesucht.“ Die Koordinierung in Beirut liege in den Händen des Notfallkomitees, das direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt sei. Er habe Hoffnung.

Zumal in Tripoli wieder mehr investiert werde. Der Hafen sei stärker frequentiert, ein nahe gelegener Flughafen werde renoviert, jährlich werde es zukünftig eine Messe geben. Und, fügt er hinzu, eine neue Freihandelszone nahe am Hafen werde eröffnet. „Das wird neue Investoren anlocken, Arbeitsplätze schaffen“, er sei zuversichtlich, dass die Stadt wirtschaftlich wieder auf die Beine komme.

Mittlerweile wurde bekannt, dass die Stiftung des internationalen Container- und Logistikunternehmens CMA, die CMA CGM Stiftung, zugesagt habe, einen Notfallfonds in Höhe von einer Million US-Dollar zur Unterstützung von Tripoli, der zweitgrößten Stadt des Landes, aufzulegen. Schwerpunkt soll die Hilfe für die obdachlos gewordenen Familien sein.

Titelbild: © Karin Leukefeld

(Auszug von RSS-Feed)

Mexiko versucht, zwischen Kuba und den USA zu vermitteln

22. Februar 2026 um 11:00

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Mexiko-Stadt/Havanna. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum hat am Mittwoch bekannt gegeben, dass sie Gespräche mit den USA und Kuba führt, um die Spannungen zwischen den beiden Ländern abzubauen. Sie versucht damit auch, die durch US-Präsident Donald Trump nochmals verschärfte Blockade und die Drohungen gegen Drittländer zu lockern. Von Edgar Göll.

Weiterhin betonte Sheinbaum, dass diese Haltung Mexikos auf den Prinzipien der Selbstbestimmung der Völker, der Nichteinmischung und der Verteidigung der Menschenrechte gegründet sei.

„Nur die Kubaner selbst können über die Regierung in Kuba entscheiden”, betonte Sheinbaum. Sie hob hervor, dass Mexiko seine Bemühungen auf die „friedliche Beilegung von Konflikten” konzentriere, wie es die Verfassung vorgebe.

„Wir werden weiterhin Hilfe leisten”, bekräftigte die Präsidentin. „Die Schiffe kehren bereits zum Wiederbeladen zurück”, fügte sie mit Blick auf die beiden Schiffe hinzu, mit denen Mexiko vergangene Woche über 800 Tonnen Lebensmittel nach Kuba geschickt hatte.

Nicht nur die mexikanische Regierung unterstütze Kuba und das kubanische Volk, sondern es gebe in ihrem Land auch zahlreiche Bürgerinitiativen, sagte Sheinbaum. Sie erwähnte den Start der Kampagne „Von Volk zu Volk: Lasst uns die Blockade beenden”, die von den zivilgesellschaftlichen Organisationen „Va por Cuba” und dem José-Martí-Verband der in Mexiko lebenden Kubaner organisiert wird.

Unterdessen gab Kuba bekannt, dass die von Mexiko gelieferten Hilfsgüter in mehreren der westlichen Provinzen verteilt werden, wobei besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Schwangere und ältere Menschen Priorität haben würden.

Die kubanische Regierung warnte, dass die jüngste von der US-Regierung verhängte Ölblockade zu einer schweren Treibstoffknappheit in dem Karibikstaat geführt habe, die sich negativ auf das Leben der Menschen und die wirtschaftliche Entwicklung auswirke (amerika21 berichtete hier und hier). Die wirtschaftlichen Folgen dieser feindseligen Politik seien erheblich. Dies machte die Regierung bereits in ihrem Bericht an die UN-Generalversammlung im vergangenen Jahr öffentlich.

Der seit Jahrzehnten andauernde Wirtschaftskrieg verursache neben den materiellen Schäden auch tiefes menschliches Leid. Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla erklärte dazu im September 2025: „Es ist unmöglich, den emotionalen Schaden, die Angst, das Leid und die Entbehrungen, die die Blockade in kubanischen Familien verursacht, in Zahlen auszudrücken.”

Die totale Ölblockade der USA stellt eine weitere Eskalationsstufe dar, von der besonders die Mobilität in und nach Kuba betroffen ist. Der Treibstoffmangel führt zu zahlreichen Flugausfällen, Umbuchungen und Betriebsstörungen an kubanischen Flughäfen.

Bezogen darauf erklärte Sheinbaum bereits vor einigen Tagen, dass Flugzeuge, die von oder nach Kuba fliegen, in Mexiko tanken können, sofern die kubanischen Behörden dies wünschten. Für Langstreckenflüge, hauptsächlich nach Europa, könnte dies eine vorübergehende Lösung darstellen, während die betroffenen Fluggesellschaften weitere Alternativen prüfen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Amerika21.

Titelbild: Octavio Hoyos / Shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)

China und Russland verurteilen US-Sanktionen gegen Kubas Ölsektor

15. Februar 2026 um 11:00

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Beide Länder stellen Hilfen in Aussicht. Mexiko denkt über eine Wiederaufnahme der Öllieferungen nach, zwei Schiffe mit Lebensmittel sind bereits eingetroffen. Von Steffen Niese.

Beijing/Moskau et al. Vertreter der chinesischen und russischen Regierung haben die Ausweitung der US-Blockade auf den kubanischen Ölsektor kritisiert. Laut US-Präsident Donald Trump stellt Kuba eine „nationale Bedrohung” für sein Land dar. Er droht daher jedem Land Strafzölle an, das Kuba mit Öl beliefert.

Lin Jian, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, erklärte am Dienstag, dass sein Land fest an der Seite des karibischen Landes stehe und die angedrohten Sanktionen kategorisch ablehne. Das „inhumane” Vorgehen der US-Regierung beraube Kuba jeglicher Überlebens- und Entwicklungschancen. Im Rahmen des Möglichen würde China auch weiterhin Unterstützung leisten.

Der Außenminister der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, bezeichnete die De-facto-Ölblockade der USA als „neokoloniale Praktik”. Deren alleiniges Ziel sei, die Wirtschaft Kubas zu strangulieren. Lawrow bekräftigte weiterhin die Solidarität seines Landes mit den Bevölkerungen von Kuba und Venezuela. Der russische Botschafter in Havanna, Víctor Koronelli, äußerte angesichts der Politik des maximalen Drucks aus Washington seine Besorgnis über die Stabilität und Sicherheit in der Region.

Die Solidaritätsbekundungen finden im Kontext einer verstärkten militärischen Präsenz der USA in der Region statt. Anfang der Woche wurden drei US-amerikanische Kriegsschiffe vor der kubanischen Küste gesichtet. Eines der Schiffe befand sich nur acht Seemeilen von der Insel Cayo Romano entfernt und damit unmittelbar an der Grenze zum kubanischen Hoheitsgebiet.

Trotz dieser Drohgebärden im Zusammenspiel mit den angekündigten Strafzöllen für Kubas Öllieferanten prüft neben Russland auch Mexiko eine Wiederaufnahme der Lieferungen. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum kündigte am Dienstag an, dass ihr Land „alle Maßnahmen ergreife, um erneut Öl liefern zu können, das für das kubanische Volk dringend notwendig ist”.

Am Donnerstag sind zwei Schiffe mit 814 Tonnen humanitären Hilfsgütern aus Mexiko eingetroffen. Die Schiffe „Papaloapan” und „Isla Holbox” hatten Güter wie Milchpulver, Bohnen, Reis, Thunfischkonserven und Speiseöl sowie Hygenieartikel an Bord.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Amerika21.

Titelbild: cinecycle / Shutterstock

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Israel schließt Ärzte ohne Grenzen aus Gaza und Westjordanland aus

08. Februar 2026 um 12:00

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Die Hilfsorganisation hatte sich geweigert, Daten ihrer palästinensischen Mitarbeiter an die israelischen Behörden weiterzugeben. Von Ingrid Chahine.

Israel hat die Organisation für medizinische Nothilfe „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières, MSF), mit einem Verbot belegt, in Gaza und im besetzten Westjordanland tätig zu sein. Dies geschah, nachdem die Organisation sich geweigert hatte, eine Liste ihrer palästinensischen Mitarbeiter herauszugeben.

MSF ist eine von 37 Organisationen, denen ein Verbot droht, weil sie sich weigern, die neu auferlegten „Sicherheits- und Transparenzanforderungen” zu erfüllen.

Die Verhandlungen zwischen den Besatzungsbehörden und MSF laufen bereits seit März 2025, als Israel erstmals bekannt gab, dass jede humanitäre Organisation, die sich offiziell für die Arbeit in Gaza registrieren lassen möchte, eine Liste mit allen persönlichen Daten ihrer lokalen und internationalen Teammitglieder vorlegen muss.

In einer Stellungnahme gab die Organisation bekannt, dass sie nach dem Scheitern der Verhandlungen mit den Besatzungsbehörden weder eine Liste ihrer palästinensischen noch ihrer internationalen Mitarbeiter herausgeben werde.

Mangels konkreter Zusicherungen hinsichtlich der Sicherheit der Teammitglieder und der unabhängigen Fortführung ihrer medizinischen Arbeit im Gazastreifen und im besetzten Westjordanland stelle die Einhaltung der Forderung der Besatzungsbehörden unter den gegenwärtigen Umständen ein inakzeptables Risiko für die Mitarbeiter dar, so MSF.

Diese Position folgt auf eine frühere Erklärung der Organisation, in der sie sich zunächst bereit zeigte, eine definierte und begrenzte Liste mit Namen von Mitarbeitern weiterzugeben, jedoch nur unter klaren Bedingungen und nach Erreichen einer Einigung.

Dieses Angebot hätte es der Organisation laut eigener Aussage ermöglichen sollen, ihre „lebenswichtigen Operationen” fortzusetzen, gleichzeitig den Missbrauch personenbezogener Daten zu verhindern und sicherzustellen, dass ihre Mitarbeiter nicht aufgrund ihrer Arbeit ins Visier genommen werden. Die Besatzungsmacht gab jedoch keine Garantien.

Mehr als 100 Hilfsorganisationen hatten Israel zuvor vorgeworfen, systematisch lebensrettende Hilfe für die Bewohner des Gazastreifens zu blockieren. Die Aussicht, die geforderten Unterlagen an dieselbe Instanz zu übergeben, die Hilfe als Waffe einsetzt und während des Völkermords im Gazastreifen mindestens 1.700 medizinische Fachkräfte getötet hat, löste Empörung aus.

Das Außenministerium der Besatzungsmacht reagierte mit dem Vorwurf an MSF, „etwas zu verbergen“, da die Organisation sich weigerte, die angeforderten [vertraulichen] Informationen herauszugeben. Das Ministerium stellte die Forderung als eine Frage der Transparenz und Sicherheit dar und bezeichnete die Weigerung als Beweis für die „Zusammenarbeit der Organisation mit der Hamas“.

Parallel dazu führt das Ministerium koordinierte Angriffe auf MSF sowohl über seinen offiziellen X-Account als auch über den von COGAT durch, der Koordinationsstelle für Regierungsaktivitäten in den [besetzten] Gebieten. Als wichtigste militärische Instanz, die für die Umsetzung der Besatzungspolitik in den palästinensischen Gebieten verantwortlich ist, fungiert COGAT auch als „Wächter“ über humanitäre Organisationen und regelt den Zugang, die Registrierung und die Genehmigung von Einsätzen.

Die derzeitige Blockade der MSF kann nicht getrennt werden von der Bilanz der Besatzungsmacht, die systematisch alles Leben in Gaza ins Visier nimmt, darunter insbesondere auch medizinisches Personal und Gesundheitseinrichtungen.

Beispielsweise führten israelische Besatzungstruppen am 2. Oktober 2025 einen Angriff auf eine Straße in Gaza durch, wo MSF-Teammitglieder darauf warteten, in einen Bus zu steigen, der sie zu einem Feldlazarett in Deir Al-Balah bringen sollte. Alle Teammitglieder trugen MSF-Westen, wodurch sie eindeutig als medizinische humanitäre Helfer zu erkennen waren.

Bei diesem Angriff wurde das MSF-Teammitglied Omar Hayek getötet und zahlreiche andere verletzt. Zwei Tage später erlag ein weiterer Mitarbeiter, Abed El Hameed, seinen schweren Verletzungen. Laut der Erklärung der Organisation war der 43-jährige Abed das 15. MSF-Teammitglied, das seit dem 7. Oktober 2023 von den Besatzungstruppen in Gaza getötet wurde, und das dritte, das in weniger als 20 Tagen ums Leben kam.

Die israelischen Streitkräfte behaupteten wie schon in mehreren früheren Fällen, dass der Angriff „auf einen Hamas-Aktivisten im Zentrum von Gaza abzielte”, und kündigten an, dass Ermittlungen eingeleitet worden seien.

Der Beitrag erschien im Original im libanesischen Onlineportal Al-Akhbar (Die Nachricht). Übersetzung aus dem Englischen von Marta Andujo.

Titelbild: Ms Jane Campbell / Shutterstock

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