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Gestern — 23. April 2026

Bilderberger 2026 – Guttenberg: der transatlantische Netzwerker | Von Wolfgang Effenberger

23. April 2026 um 11:24

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Bilderberger 2026 – Guttenberg: der transatlantische Netzwerker | Von Wolfgang Effenberger

Dieselben Gesichter, neue Agenda — Washington: 9. bis 12. April 2026

Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger

Während der US-Kongress über Zölle streitet und die europäischen Parlamente ihre Haushalte debattieren, treffen sich 128 Personen im Salamander Hotel an der Potomac. Keine Protokolle, keine Pressezulassung, kein Rechenschaftsbericht. Nur ein knappes Kommuniqué mit Themenlisten — und die Gewissheit, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird.

Es ist das 72. Bilderberg-Treffen. Und es ist das erste, das nicht im Juni stattfindet, sondern im April — mitten in der politischen Saison, unmittelbar nach Trumps Zollschock und parallel zu NATO-Krisengesprächen über einen möglichen US-Rückzug aus dem Bündnis.

57 der 128 Teilnehmer waren bereits ein Jahr zuvor in Stockholm dabei. Fast die Hälfte. Darunter der NATO-Generalsekretär, der Chef von Google DeepMind, der CEO von Palantir, der Außenminister Polens, der Präsident Finnlands, der Exekutivdirektor der Internationalen Energiebehörde — und erstmals seit Jahren wieder Karl-Theodor zu Guttenberg.

Wer diese Namen kennt und weiß, was zwischen Stockholm und Washington beschlossen, gegründet und in Gesetze gegossen wurde, dem drängt sich eine Frage auf: Ist Bilderberg ein Diskussionsforum — oder ist es der Ort, an dem Entscheidungen abgesegnet werden, die anderswo bereits gefallen sind?

Die Antwort liegt nicht im Geheimnis. Sie liegt im Tempo.

1. Die Kontinuität — wer immer dabei ist und warum

57 von 128 Teilnehmern waren bereits 2025 in Stockholm. Das ist die Stammbesetzung. Bilderberg hat kein Mitgliederverzeichnis, keine Satzung, keine demokratische Legitimation. Es hat etwas Wirksameres: eine Steuerungsgruppe, die entscheidet, wer eingeladen wird. Und wer zweimal eingeladen wird, gehört zum Kern.

Dieser Kern ist in Washington deutlich sichtbar. Mark Rutte, NATO-Generalsekretär, 2025 und 2026 dabei — obwohl, oder gerade weil Trumps Drohung eines NATO-Austritts die Allianz in ihre schwerste Krise seit der Gründung geführt hat. Ebenso Samuel Paparo, Oberkommandierender des US Indo-Pacific Command — zuständig für genau jenes Szenario, das China als eigenständigen Agendapunkt auf den Plan gerufen hat. Radoslaw Sikorski, polnischer Außenminister, beide Jahre. Alexander Stubb, finnischer Staatspräsident, beide Jahre. Jens Stoltenberg, nach seinem NATO-Amt nun norwegischer Finanzminister, beide Jahre.

Auf der Wirtschaftsseite: Henry Kravis, Mitgründer von KKR, dem größten Private-Equity-Fonds der Welt — beide Jahre. Nadia Calviño, Präsidentin der Europäischen Investitionsbank — beide Jahre. José Manuel Barroso, heute im Dienst von Goldman Sachs International — beide Jahre. Valérie Baudson, CEO von Amundi, Europas größtem Vermögensverwalter — beide Jahre.

Daneben die Elite der Medien: Zanny Minton Beddoes vom Economist, John Micklethwait von Bloomberg, Gideon Rachman von der Financial Times, Fareed Zakaria von CNN — alle beide Jahre. Wer die Deutungshoheit über das kontrolliert, was die Öffentlichkeit über Krieg, Wirtschaft und Weltordnung erfährt, sitzt mit am Tisch.

Das ist keine Verschwörung. Das ist Netzwerkpflege auf höchstem Niveau — mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Bilderberger 2026 – Guttenberg: der transatlantische Netzwerker | Von Wolfgang Effenberger

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2. Agenda-Verschiebung:

Von der Bedrohungsdiagnose (2025) zur operativen Planung (2026) — neu: Future of Warfare, Arctic Security, China, Digital Finance.

Beim Vergleich der Agenden von 2025 und 2026 erkennt man eine Verschiebung, die mehr verrät als jedes Kommuniqué: 2025 waren in Stockholm Transatlantic Relationship, Authoritarian Axis, AI, Deterrence and National Security, Defence Innovation and Resilience die bestimmenden Themen.

2026 in Washington geht es um Future of Warfare, Trans-Atlantic Defence-Industrial Relationship, Arctic Security, Digital Finance, Global Trade. Die Sprache hat sich verändert. Hier wurde nicht mehr diagnostiziert, sondern Arbeitsaufträge vergeben.

Der Begriff "Authoritarian Axis" — jener Sammelbegriff, der Russland, China, Iran und Nordkorea zu einer Achse des Bösen zusammenfasste — ist verschwunden. Stattdessen erscheinen Russland und China als eigenständige Punkte. Das klingt nach Nüchternheit, ist aber das Gegenteil: Wer einen Gegner aus dem moralischen Rahmen herauslöst und ihn als separates strategisches Problem behandelt, bereitet konkrete Optionen vor, keine Rhetorik.

Die Bezeichnung "Arctic Security" ist neu — auch kein Zufall. Grönland, die Nordostpassage, die Ressourcen unter dem schmelzenden Eis: Das sind die Schlachtfelder der nächsten Dekade. Dass Donald Trump Grönland im selben Zeitraum zum amerikanischen Territorium erklären wollte, gibt diesem Agendapunkt seinen realpolitischen Kontext.

Unter dem Sammelbegriff "The West" schließlich — als philosophischer Punkt formuliert, aber mit handfester Bedeutung: Was bleibt vom Westen noch, wenn Amerika seine Verbündeten mit Zöllen bestraft und die NATO-Mitgliedschaft als Verhandlungsmasse sieht?

Trotz schwelender Iran-Krise fiel "Proliferation" — Atomwaffenverbreitung – unter den Tisch, obwohl die Iran-Krise weiter schwelt. Gestrichen wurden die demografischen Themen wie "Depopulation and Migration". Dafür kamen neue Schwerpunktthemen: "Future of Warfare" (Zukunft der Kriegführung) — direkter und offener als das alte "Defence Innovation". Neu und bezeichnend für den Grönland-Konflikt: "Arctic Security" 

In der Kontinuität blieben: Ukraine, Europa, Naher Osten und Energie. 

Die zentrale Verschiebung zu 2025 

2025 war die Agenda noch in einem Bedrohungsrahmen formuliert — Sicherheit, Abschreckung, Achsen. 2026 ist sie operativer: Krieg der Zukunft, transatlantische Rüstungsindustrie, digitales Geld, arktische Ressourcen. Das Netzwerk arbeitet nicht mehr an der Diagnose — es arbeitet an Lösungen, die es selbst umsetzt.

Die KI spielte durchaus eine starke Rolle, vor allem in Bereichen, die eigentlich unter OmniWar fallen. Das wurde auch von der Anzahl der KI-Vertreter unterstrichen und dürfte nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem neuen US-Befehlsbereich "Transformation and Training Command" stehen.

3. T2COM und FUSE/FUZE — wie Silicon Valley und Schlachtfeld verschmelzen

Am 2. Oktober 2025 — zwischen den Bilderberger-Treffen in Stockholm und Washington — wurde in den USA ein neues Militärkommando aktiviert: das "United States Army Transformation and Training Command", kurz T2COM, mit Sitz in Austin, Texas. Es umfasst 350.000 Personen und vereint Ausbildung, Doktrin, Rüstungsbeschaffung und Zukunftskonzepte unter einem Dach. (3) 

In T2COM verschmilzt das 1973 angesichts der verlorenen Vietnamkrieges geschaffene "Training and Doctrine Command" (TRADOC) und das "Army Futures Command" (AFC) zu einer einzigen Behörde, die Doktrin, Ausbildung, Rüstungsbeschaffung und Zukunftskonzepte unter einem Dach vereint. 350.000 Personen, drei untergeordnete Großkommandos — darunter das im Februar 2026 aktivierte "Futures and Concepts Command", zuständig für die Konzeption der Kriegsführung 2030 bis 2040.

Der Architekt dieses Umbaus ist Daniel P. Driscoll, Secretary of the Army — und Bilderberg-Teilnehmer 2026. 

Heeresminister Daniel P. Driscoll ist der politische Architekt von T2COM. Da drängt sich die Erinnerung an den stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz auf, der ab 1992 die Leitlinien zur Verteidigungsplanung entwickelte, die im TRADOC-Dokument 525 -5 "Force XXI Operations A Concept for the Evolution of Full-Dimensional Operations for the Stragegic Army of the Early Twenty-First Century" festgehalten sind.

Nun wurden also genau zwischen den beiden Bilderberg-Treffen in Stockholm und Washington das "Training and Doctrine Command" (TRADOC) und das "Army Futures Command" (AFC) zusammengelegt. Dieser Schritt war innen- wie außenpolitisch motiviert und soll wie 1973 angesichts des verlorenen Ukrainekrieges den ansteigenden Spannungen in den USA Rechnung tragen. 

Driscolls Kernbotschaft, formuliert bereits im Oktober 2025 bei der Fachmesse/Tagung der „Association of the United States Army“ (AUSA) in Washington (4), bei der Militär, Industrie und Politik zusammenkommen:

„Unsere Gegner nutzen KI, Robotik und autonome Systeme, um die Kriegsführung zu verändern. Wenn wir nicht schnell handeln und innovativ sind, riskieren wir, den Anschluss zu verlieren.“

Sechs Wochen vor dem Angriff auf den Iran, am 9. Januar 2026, unterzeichnete der US‑Verteidigungsminister ein Memorandum mit dem Titel „Strategie für Künstliche Intelligenz des Kriegsministeriums“. (5) 

Nur zwei Wochen vor dem Bilderbergtreffen in Washington besuchte Driscoll am 26. März 2026 das "Army Cyber Command" und ließ sich KI-gestützte Offensivoperationen und Drohnen-Cyber-Kopplung demonstrieren — exakt die Themen, die dann in Washington auf der Agenda standen. (6)

Das Pentagon-Dokument "AI Strategy for the Department of War" vom Januar 2026 — also drei Monate vor Bilderberg — nennt explizit Programme wie Swarm Forge (KI-Drohnenschwärme), Agent Network (KI-gestützte Kill-Chain-Entscheidungen) und Ender's Foundry (KI-Kriegssimulation). Diese Konzepte brauchen zivile Tech-Partner. (7)

Heeresminister und Bilderberg-Teilnehmer Daniel Driscoll hat mit FUZE einen Venture Capital-Mechanismus eingeführt, der Startups wie Anduril (Schimpf), Palantir (Karp) und Anthropic (Clark) in 70 Tagen unter Rüstungsvertrag bringt — ohne parlamentarische Kontrolle.

Die Namen zweier Startups sind aus Herr der Ringe entlehnt:

"Anduril" ist vor allem der Name von Aragorns Schwert in "Der Herr der Ringe" und bedeutet in Tolkiens Elbensprache Quenya "Westschimmer" bzw. wird mit dem Beinamen "Flamme des Westens" verbunden (8) und "Palantir" die sehenden Steine.

Das neue "Army Transformation and Training Command" als institutioneller Rahmen der zivil-militärischen Fusion: Das neue "Army Transformation and Training Command" fungiert als institutioneller Rahmen der zivil-militärischen Fusion.

Der entscheidende Mechanismus: Zivil-militärische Fusion 

Driscoll kommt nicht aus dem Militär. Er kommt aus dem "Venture Capital", war CEO des 200-Millionen-Dollar-Fonds Flex Capital. Und genau das trägt er ins Pentagon: Im September 2025 lancierte er FUZE — ein Rüstungsbeschaffungsmodell, das den Risikokapitalismus des Silicon Valley direkt in die Kriegsmaschinerie überträgt.

750 Millionen Dollar jährlich fließen seither in ein System, das Startups identifiziert, sie in 60 bis 70 Tagen unter Vertrag nimmt und ihre Prototypen innerhalb von Wochen zu den Soldaten bringt. Kein Ausschreibungsverfahren im klassischen Sinn, keine mehrjährigen Entwicklungszyklen, keine parlamentarische Begleitung. Driscoll selbst nannte es ein "cradle-to-grave capital funding model" — von der Idee bis zur Waffe, durchfinanziert wie ein Startup auf dem Weg zum Börsengang.

Der erste Wettbewerb fand in Kooperation mit Y Combinator statt — jenem Startup-Beschleuniger aus dem Silicon Valley, der unter anderem Airbnb und Dropbox groß gemacht hat. Nun sind Drohnenschwärme und elektronische Kriegsführung dran.

Die Nutznießer sitzen in Washington beim Bilderberg-Treffen: Brian Schimpf, Co-Gründer und CEO von Anduril Industries — bereits mit milliardenschweren Army-Aufträgen ausgestattet. Alex Karp, CEO von Palantir — Enterprise-Service-Vertrag mit der US Army. Jack Clark, Co-Gründer von Anthropic — KI-Modelle für militärische Entscheidungsprozesse. Eric Schmidt, ehemaliger Google-Chef, heute Relativity Space.

Das Pentagon-Dokument "Artificial Intelligence Strategy for the Department of War" vom Januar 2026 — drei Monate vor Bilderberg — nennt die Programme beim Namen: Swarm Forge für KI-gesteuerte Drohnenschwärme, Agent Network für KI-gestützte Kill-Chain-Entscheidungen, Ender's Foundry für KI-Kriegssimulation. Diese Programme brauchen zivile Partner. Die zivilen Partner sitzen in Washington.

Die Grenze zwischen dem Silicon Valley und dem Schlachtfeld existiert zwar rechtlich noch, aber praktisch nicht mehr.

Genau hier liegt der Omniwar-Kern: T2COM hat mit dem FUZE-Modell einen Venture-Capital-Ansatz für Rüstungsbeschaffung eingeführt — nicht-traditionelle Rüstungsunternehmen sollen schneller als klassische Konzerne liefern. Die Bilderberg-Teilnehmer Brian Schimpf (Anduril), Alex Karp (Palantir), Jack Clark (Anthropic) und Eric Schmidt sind genau jene "non-traditional defense contractors", die Driscoll meint. Sie sitzen nicht zufällig am selben Tisch wie Driscoll in Washington.

T2COM ist der institutionelle Rahmen, der erklärt, warum bei Bilderberg 2026 so viele KI-Vertreter saßen: Es geht nicht um eine abstrakte Technologiedebatte, sondern um die Vergabe konkreter Aufträge und die Abstimmung von Doktrin und Industrie — in einem Forum, das keine Protokolle führt. Das ist Omniwar in der Praxis: Die Grenze zwischen Silicon Valley und Schlachtfeld wird in Washington eingerissen, bevor das Parlament davon erfährt.

FUZE — offiziell Army FUZE — ist ein im September 2025 von Daniel Driscoll eingeführtes Rüstungsbeschaffungsmodell, das das Silicon-Valley-Prinzip des Risikokapitals direkt ins Pentagon überträgt. Driscoll kommt selbst aus der VC-Welt, er war CEO des 200-Millionen-Dollar-Fonds "Flex Capital".

Statt des klassischen Beschaffungszyklus von 12–18 Monaten oder jahrzehntelanger Großaufträge an etablierte Rüstungskonzerne soll FUZE mithilfe von Startups innerhalb von Wochen erste Prototypen für Soldaten verfügbar machen.

Dazu bündelt FUZE vier bestehende Förderprogramme unter einem Dach: 

  1. xTech: Pitch-Wettbewerbe ("Shark Tank für Rüstung"), Einstieg für Newcomer
  2. SBIR/STTR: Staatsgelder für Kleinunternehmen, ohne Eigenkapitalabgabe
  3. TMI: Reifung und Härtung von Prototypen für den Feldeinsatz
  4. ManTEch: Skalierung erfolgreicher Technologien zur Massenproduktion, Volumen: 750 Millionen Dollar jährlich — mit angekündigter Steigerung. Erstes Partnerprogramm gemeinsam mit Y Combinator, dem bekanntesten Startup-Accelerator des Silicon Valley.

FUZE bricht bewusst mit dem alten Modell der großen Rüstungskonzerne ("primes"). Driscoll sagte explizit, er würde es als Erfolg bezeichnen, wenn in seiner Amtszeit ein Rüstungskonzern pleitegeht.

Stattdessen fließt das Geld direkt zu jenen Firmen, die auch in Washington bei Bilderberg saßen: FUZE ist damit der institutionelle Mechanismus, der die Grenze zwischen Venture Capital, Silicon Valley und Kriegsführung auflöst — mit bewusst gesenkter Einstiegshürde für Firmen, die noch nie mit dem Militär zusammengearbeitet haben.

Palantir‑Mitgründer Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska (Kommunikations‑ und Strategieverantwortlicher bei Palantir) haben mit ihrem Buch "Die technologische Republik: Harte Macht, weiche Überzeugung und die Zukunft des Westens" eine Art Palantir‑Manifest vorgelegt. Darin argumentieren sie, dass das Atomzeitalter als Grundlage der Abschreckung zu Ende gehe und eine neue Ära KI‑gestützter Abschreckung beginne. (9)

Das Buch ist bewusst als politisch‑strategisches Manifest angelegt: Es verbindet geopolitische Analyse, Kulturkritik und einen programmatischen Entwurf für eine "technologische Republik". (10)

Technologischer und ökonomischer Vorsprung hängt – so ihre These – stark davon ab, ob Eliten bereit sind, sich gegen den Mainstream zu stellen und kontroverse Technologie (insbesondere militärnahe KI) zu entwickeln. (11)

Während Befürworter die klare Benennung strategischer Risiken: KI‑Rüstungswettlauf, geopolitische Rivalen, eine überforderte Bürokratie und die Kurzfristigkeit der Märkte loben, sehen Kritiker einen massiven Interessenkonflikt, da Palantir direkt von staatlichen Sicherheits‑ und Militäraufträgen profitiert. (12) Umstritten ist zudem das Demokratie‑ und Freiheitsverständnis: Die starke Betonung von Geheimdiensten, Militär und "harter Macht" wirft Fragen auf, wie transparente Kontrolle, Bürgerrechte und Missbrauchsrisiken gehandhabt werden sollen. (13) 

Omniwar nicht als Theorie, sondern als Beschaffungsrichtlinie.

Was FUZE in seiner Konsequenz bedeutet: Der Krieg wird nicht mehr nur von Staaten geführt, sondern von einer Investitionskette — vom Startup-Pitch über den VC-Fonds bis zur Kill-Chain — und das alles in 70 Tagen, ohne dass irgendein Parlament die Zeit hätte, auch nur eine Frage zu stellen.

Der Begriff "Dual-Use" taucht in den FUZE-Dokumenten ausdrücklich auf. Das heißt: Technologien, die heute zivil vermarktet werden, können morgen auf dem Schlachtfeld landen — und umgekehrt.

Bilderberg 2026 war in diesem Licht kein Diskussionsforum. Es war ein Abstimmungsgespräch zwischen den Architekten dieses Systems: dem Auftraggeber (Driscoll), den Auftragnehmern (Karp, Schimpf, Clark, Schmidt) und den politischen Absicherern (Rutte, Sikorski, Stubb).

Alles nicht protokolliert. Alles freiwillig. Alles legal. 

4. Guttenberg und die deutsche Frage

Erstmals wieder bei Bilderberg: Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemaliger Bundesverteidigungsminister, 2011 wegen Plagiats zurückgetreten, seither in New York und Washington ansässig als Chef von Spitzberg Partners — einer Beratungs- und Investmentfirma im transatlantischen Rüstungs- und Technologiebereich — ein transatlantischer Netzwerker mit CSU-Herkunft und Washington-Basis.

Guttenberg war zuletzt vor Jahren bei Bilderberg. Jetzt ist er wieder da — in Washington, im April 2026, während Friedrich Merz mit einer historisch knappen Mehrheit von neun Stimmen das Kanzleramt hält und die deutschen Rüstungsausgaben auf ein Rekordniveau steigen.

Am 22. November 2019 schrieb Wolfgang Effenberger in WORLD ECONOMY unter dem Titel "US-Krieg gegen Rivalen China": 

„Für den ‚Deep State' in den USA scheint der aalglatte Musterschüler Guttenberg also der richtige Mann zu sein, der Deutschland nach den Vorgaben der USA in den Krieg führen und diesen der Bevölkerung als ‚Kampf gegen das Böse' verkaufen kann. Deutschland wäre dann hinterher wieder der Schuldige.“

2019 war Guttenberg noch weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.

Sieben Jahre später sitzt er in Washington beim Bilderberg-Treffen, während auf der Agenda steht: "Trans-Atlantic Defence-Industrial Relationship, Future of Warfare, China". Die moralische Rahmung — der Kampf gegen das Böse — wurde 2025 noch unter dem Begriff "Authoritarian Axis" geführt. 2026 ist sie in die Einzelteile zerlegt und operationalisiert.

Drei Dinge haben sich seit 2019 verändert, die den Aussagen im Artikel von 2019 zusätzliches Gewicht geben: China ist jetzt explizit auf der Bilderberg-Agenda — erstmals als eigenständiger Punkt.

Der "Kampf gegen das Böse"-Rahmen ist bereits vorbereitet — durch die Agendapunkte "The West" und "Authoritarian Axis" (2025) wurde das moralische Narrativ aufgebaut, das in dem Artikel von 2019 bereits beschrieben wurde.

Guttenberg ist heute kein Politiker mehr, sondern ein transatlantischer Netzwerker mit direktem Zugang zu Washington und Berlin. Seine Einladung erklärt sich daher zunächst durch seine Funktion: Er ist einer der wenigen Deutschen, die gleichzeitig tief im amerikanischen Establishment verankert sind und in der deutschen CDU/CSU-Welt noch Ansehen genießen.

Die drei möglichen Rollen bei Bilderberg:

  1. Transatlantischer Übersetzer: Guttenberg versteht beide Seiten — das macht ihn in einem Jahr wertvoll, in dem das Verhältnis USA–Europa unter Trump erheblich gestresst ist. Agendapunkt "Trans-Atlantic Defence-Industrial Relationship" und "The West" sind genau sein Terrain.
  2. Rüstungs- und Tech-Investor: Spitzberg Partners bewegt sich im Dual-Use-Bereich. Im FUZE-Kontext — Silicon Valley trifft Rüstung — ist ein Mann mit politischem Kapital in Deutschland und VC-Netzwerk in Amerika eine wertvolle Verbindung.
  3. Politischer Platzhalter: Merz ist seit Mai 2025 Kanzler, aber mit einer schwachen Mehrheit von gerade mal neun Stimmen im zweiten Wahlgang gestartet — historisch einmalig. Die Koalition mit der SPD ist fragil. Eine reguläre Bundestagswahl findet 2029 statt.

Guttenberg hat zuletzt mehrfach eine Rückkehr in die Politik ausgeschlossen — zuletzt 2022 gegenüber dem Stern. Aber solche Aussagen haben in der politischen Geschichte eine bekannte Halbwertszeit.

Guttenbergs Profil passt präziser denn je — transatlantisch vernetzt, mediengewandt, mit dem Nimbus des gescheiterten Helden, der einen zweite Chance verdient.

Guttenberg, ein Mann mit transatlantischem Kapital, CDU-Herkunft, Washington-Netzwerk und Bilderberg-Einladung — kurz nach einem historisch schwachen Kanzlerstart von Merz. Bilderberg lädt keine Touristen ein. So dürfte er als Option im Raum gehalten werden — nicht als designierter Nachfolger, aber als jemand, dem man signalisiert, dass die Tür noch offen ist, wenn die Zeit kommt. Das ist die klassische Bilderberg-Funktion: keine Entscheidungen, aber Möglichkeiten vorbereiten.

5. Kernthese

Die eigentliche Macht liegt im Tempo. Wer 70 Tage schneller ist als das Parlament, braucht keine Verschwörung.

Die Teilnehmerlisten des Bilderberg-Treffens sind öffentlich, die Agenden sind abrufbar, die Namen sind bekannt. Und doch bekommt kaum jemand etwas mit.

Während Parlamente beraten, Öffentlichkeiten debattieren und Wahlen Regierungen aus- und einwechseln, trifft sich einmal im Jahr ein Kreis von 120 bis 150 Personen, der niemandem Rechenschaft schuldet — und koordiniert, was als nächstes kommt. FUZE bringt ein Rüstungsstartup in 70 Tagen unter Vertrag. T2COM entwirft die Kriegsführung von 2030 bis 2040. Bilderberg stimmt die Akteure ab, bevor die Öffentlichkeit die Fragen kennt.

Das ist kein Komplott, das ist Architektur. 

In dem immer noch gültigen US-Strategiepapier 525‑3‑1 "Win in a Complex World 2020-2040" vom September 2014 wird explizit argumentiert, dass die US‑Armee in allen Domänen — Land, Luft, See, Cyber, Weltraum und Informationsraum — gleichzeitig wirken muss. Angesichts erstarkter Gegner wie Russland, China und nun auch der Iran muss nun sequenziert vorgegangen werden.

„TRADOC 525‑3‑1 bildet zwar weiterhin einen wichtigen Referenzrahmen, wird in seiner 2014 skizzierten Sequenz und Tiefe aber durch die inzwischen etablierte Multi‑Domain‑Transformation und Army‑2030‑Planung faktisch nicht mehr eins zu eins umgesetzt werden können.“ Das alte Ziel, Gegner wie Russland oder China in ihrer Handlungsfreiheit so zu begrenzen, dass sie sich entweder fügen oder in einem möglichen Krieg unterliegen, ist noch nicht aufgegeben worden. Die Doktrin einer permanenten Druckausübung, die nichts mit einer klassischen Verteidigung zu tun hat, wird von den BRICS-Staaten und den Ländern des Globalen Südens massiv bekämpft. Diese Staaten streben nach einer multipolaren Friedensordnung. (14)

Die US-Strategie muss also angepasst werden.

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Anmerkungen und Quellen 

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020) sowie "Die unterschätzte Macht" (2022).

Demnächst werden von Wolfgang Effenberger die Bücher "Vom Krieg zur Weltordnung – Reden und Essays zu Krieg, Frieden und Geopolitik 2009-2026" (Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Michael Meyen) sowie Strategie der Unausweichlichkeit Transformation und Technokratie Der kalte Geist des Krieges (Mit einem Vorwort von Prof. Mag. Dr. Hermann Mückler) im etica-Verlag erscheinen.

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1) Bilderberg Meetings: List of Participants 2025, 71st Bilderberg Meeting, Stockholm, 12.–15. Juni 2025.
URL: https://bilderbergmeetings.org/meetings/meeting-2025/participants-2025
Abgerufen: 15. April 2026

Teilnehmerliste 2026: Bilderberg Meetings: List of Participants 2026, 72nd Bilderberg Meeting, Washington D.C., 9.–12. April 2026.
URL: https://bilderbergmeetings.org/meetings/meeting-2026/participants-2026
Abgerufen: 15. April 2026

2) bilderbergmeetings.org

3) https://en.wikipedia.org/wiki/United_States_Army_Transformation_and_Training_Command

4) https://teamorlando.org/army-secretary-daniel-driscoll-outlines-transformation-plans-at-ausa-2025/

5) https://media.defense.gov/2026/Jan/12/2003855671/-1/-1/0/ARTIFICIAL-INTELLIGENCE-STRATEGY-FOR-THE-DEPARTMENT-OF-WAR.PDF

6) https://www.army.mil/article/291503/secretary_of_the_army_sees_future_of_cyber_warfare_ai_integration_at_arcyber

7) https://media.defense.gov/2026/Jan/12/2003855671/-1/-1/0/ARTIFICIAL-INTELLIGENCE-STRATEGY-FOR-THE-DEPARTMENT-OF-WAR.PDF

8) https://lotr.fandom.com/de/wiki/And%C3%BAril

9) https://www.all-ai.de/news/beitrage2026/palantier-manifest-22punkte

10) https://therepublicjournal.com/book-reviews/reviews-of-the-technological-republic/

11) https://techrepublicbook.com/

12) https://www.heise.de/news/Palantir-CEO-schreibt-Buch-und-kritisiert-das-Silicon-Valley-10292580.html

13) https://spartanat.com/de/die-thesen-von-alex-karp

14) https://books.google.com/books/about/TRADOC_Pamphlet_525_3_1.html?id=U04OzgEACAAJ

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Karl-Theodor zu Guttenberg (ehem. Bundesverteidigungsminister)
Bildquelle: Markus Wissmann / shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)
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Die Seelenräuber | Von Roland Rottenfußer

10. März 2026 um 09:00

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Die Seelenräuber | Von Roland Rottenfußer
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Die Seelenräuber | Von Roland Rottenfußer

Ereignisse wie der Fall Epstein zeigen, wie eng Sexualität oft mit Machtmissbrauch verzahnt ist — das Schicksal der Opfer erzählt uns viel darüber, wie Macht „funktioniert“.

Ein Beitrag von Roland Rottenfußer.

„Bald darauf fragte er mich, ob ich gerne seine Genitalien berühren würde. Ich wollte es nicht — aber er schon. Und er war mein Vater, also tat ich es.“

Virginia Giuffre beschreibt die „Logik“ sexueller Gewalt auf sehr einfache und gerade deshalb erschütternde Weise. Bekannt wurde Giuffre, die sich 2025 mit 41 Jahren das Leben nahm, vor allem als eine der wichtigsten Zeuginnen im Prozess gegen Jeffrey Epstein. Und durch ein Foto mit dem britischen Prinzen Andrew, an den Epstein sie „ausgeliehen“ hatte. In ihrem Fall und unzähligen vergleichbaren Fällen geht es um mehr als das oftmals starke sexuelle Verlangen von Männern. Es geht um Machtmissbrauch, der sexuell eingefärbt ist, und um Triebbefriedigung, die durch Machtmittel erzwungen wird — ohne Rücksicht auf die Frauen und Mädchen, die nicht als eigenständige, empfindende Wesen wahrgenommen werden. Seelenverletzungen entstehen bereits durch Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt — kommen beim Täter Sexsucht und die elitäre Vorstellung hinzu, als „Prominenter“ über den üblichen ethischen Normen zu stehen, können die Seelen der Opfer noch nachhaltiger beschädigt werden. Männer mit kranker Psyche stellen sich auf den Standpunkt:

„Wenn ich nur dann Sex hätte, wenn es die Frau wirklich will, käme ich nicht genügend auf meine Kosten.“

Also wenden sie allerlei Manipulationsmethoden an, wählen mit Vorliebe Mädchen, die hilflos und ihnen auf irgendeinem Gebiet unterlegen sind. Speziell durch ein starkes Macht- und Altersgefälle kompensieren sie ihre eigene Unfähigkeit, gleichberechtigte Partnerschaften zu leben, die ihrem Gegenüber die Würde lassen. Der Artikel widmet sich nicht den politischen Verstrickungen des Falles Epstein. Vielmehr geht der Autor anhand von Einzelschicksalen der Frage nach, wie jemand Gewalt über einen anderen Menschen erlangt — oft sogar ohne körperliche Gewaltanwendung. Indirekt gilt aber auch hier: Das Private ist politisch.

Triggerwarnung: In diesem Artikel werden Fallbeispiele sexueller Gewalt und damit verbundene belastende innerpsychische Vorgänge dargestellt. Gerade auf Frauen, die Vergleichbares erlebt haben, könnte dies verstörend wirken, obwohl sich der Autor auf die Seite der Opfer stellt und sein Text der Aufklärung über Sachverhalte sowie als Warnung vor Missbrauchstätern dienen soll.

Es gibt eine typische Täterpsyche bei sexuellen Gewaltdelikten. Ebenso gibt es aber auch eine Charakterstruktur des „idealen“ Opfers. Die französische Lektorin und Autorin Vanessa Springora beschreibt sie so:

„Ein abwesender, unerreichbarer Vater, der eine unergründliche Leere in meinem Leben hinterlassen hat. (…) Eine gewisse sexuelle Frühreife. Und vor allem ein ungeheures Bedürfnis, gesehen zu werden.“

Springora meint mit dieser Beschreibung sich selbst. Mit 14 Jahren wurde sie die Geliebte eines fast vier Jahrzehnte älteren Mannes, eines Intellektuellen und Päderasten, den sie abgekürzt „G.“ nennt. Freiwillig.

Mit dieser Freiwilligkeit ist es freilich so eine Sache. Der Titel ihrer Autobiografie — „Die Einwilligung“, die 2020 zum Bestseller avancierte, nimmt genau auf diesen Punkt Bezug. Ein Mädchen ist einem erfahrenen Mann normalerweise nicht gewachsen — schon gar nicht, wenn er über erprobtes Talent verfügt, weibliche Wesen mit rhetorischen Mitteln „rumzukriegen“. Man nennt es auch Sprachgewalt. Nicht umsonst sind ja der Gesetzgeber wie auch die öffentliche Meinung besonders empfindlich, wenn es um Vertrauensmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen geht. Vanessa Springora, die erst über 30 Jahre nach diesem prägenden Ereignis ihrer Jugend die Worte fand, um über das Geschehene zu berichten, schreibt:

„Die Schutzbedürftigkeit ist genau der Spalt, durch den Menschen mit psychischen Profilen wie G. einen Fuß in die Tür bekommen. Sie ist der Grund, weshalb die Begriffe ‚Einwilligung‘ oder ‚Einvernehmen‘ den Sachverhalt letztlich nicht treffen.“

Was heißt hier „freiwillig“?

Vanessa lernte den wesentlich älteren Gabriel Matzneff — In Vanessa Springoras Text wird er als „G.“ anonymisiert, während in der Öffentlichkeit sein tatsächlicher Name Gabriel Matzneff verwendet wird — 1986 bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung in Anwesenheit ihrer Mutter kennen. Sofort beginnt der prominente Schriftsteller zu gockeln und schreibt dem Mädchen intime Briefe. In diesem gebildeten Milieu wird die Aufmerksamkeit des Stars zunächst eher als Ehre denn als Belästigung empfunden.

„Wie hätte ich mich nicht geschmeichelt fühlen sollen, dass ein Mann und noch dazu ein ‚Literat‘ die Güte gehabt hatte, seine Augen auf mich zu richten?“

Bald aber ist Matzneffs Wunsch, mit Vanessa zu schlafen, nicht mehr zu übersehen. Warum sich das Mädchen darauf einlässt, erklärt sie selbst:

„Ich fühle mich unfähig zu reagieren und überrumpelt, vor allem aber will ich nicht wie eine Idiotin dastehen (…) und auch nicht wie eine dumme Göre, die keine Ahnung vom Leben hat.“

Der über 50-jährige setzt seine ganze Lebenserfahrung und Überredungskunst ein, um zum Ziel zu gelangen:

„In zärtlichem Tonfall brüstet er sich mit seiner Erfahrung und seinem Können, dank derer es ihm gelungen sei, auch sehr junge Mädchen zu entjungfern, ohne ihnen jemals wehzutun. Er geht so weit, zu behaupten, dass sie ihr ganzes Leben lang gerührt daran zurückdächten (…)“

Die Kumpanei der Linksintellektuellen

Bald darauf ist Vanessa Springora quasi offiziell Matzneffs Geliebte. Jeder weiß es — auch ihre Mutter. Im Rückblick kommt es ihr so vor, dass „jemand“ sie damals vor all dem hätte beschützen müssen.

„Dafür hätte es wohl auch ein kulturelles Klima gebraucht, das weniger Nachsicht und Wohlwollen dafür gezeigt hätte als jene Zeit. Tatsächlich verteidigte eine große Zahl von linken Journalisten und Intellektuellen zehn Jahre vor meiner Begegnung mit G., gegen Ende der Siebzigerjahre, öffentlich Erwachsene, die wegen ‚verbotener‘ Beziehungen zu Minderjährigen angeklagt wurden.“

Ein offener Brief prominenter Literaten setzte sich 1977 für die Legalisierung von sexuellen Beziehungen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen ein. Unterschrieben wurde er unter anderem von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Die Initiatoren erhielten nur wenig Absagen. Es wurde gefordert, das sexuelle Schutzalter abzuschaffen.

„Der Grund dafür ist, dass man sich in den Siebzigerjahren im Namen der Befreiung von moralischen Zwängen und der sexuellen Revolution die freie sexuelle Entfaltung aller Körper auf die Fahne schrieb. Die Beschneidung der Sexualität Heranwachsender erschien in dieser Perspektive als ein Symptom gesellschaftlicher Unterdrückung, und die Einschränkung der Sexualität auf gleichaltrige Individuen wurde als eine Form der Ausgrenzung empfunden.“

Vanessa Springora sieht in dieser „Zeitstimmung“ auch den Hauptgrund für die Komplizenschaft ihrer Mutter:

„Das waren die Rahmenbedingungen, die meine Mutter schließlich dazu brachten, sich an G.s Anwesenheit in unserem Leben zu gewöhnen.“ Matzneff war für die Mutter auch „der Vater, den sie mir nicht bieten konnte.“

Propagandist der Pädophilie

Der berühmte Schriftsteller war jedoch ein notorischer Pädophiler, der aus seiner Neigung keinen Hehl machte und es sowohl auf Mädchen als auch auf Jungen abgesehen hatte. In seinem berühmt gewordenen Buch „Les moins de seize ans“ („Die unter 16-Jährigen“) schrieb er 1974:

„Was mich fesselt, ist weniger ein bestimmtes Geschlecht als die extreme Jugend, also die Spanne zwischen dem zehnten und dem sechzehnten Lebensjahr, die mir — weit mehr, als man für gewöhnlich unter dieser Formulierung versteht — das wahre dritte Geschlecht zu sein scheint.“

Matzneff ist so eitel und fühlt sich offenbar vor gesetzlicher Verfolgung so sicher, dass er seine Eroberungen regelmäßig literarisch verwertet und die Mädchen damit vor einem großen Publikum — wenn auch anonym — bloßstellt. Seine Bücher, so formulierte es Vanessa Springora im Rückblick, „schildern seine stürmischen Liebesabenteuer mit einer Schar junger Mädchen, deren Avancen sich G. offenbar nicht entziehen kann. Diese Geliebten sind alle sehr fordernd, und weil er ziemlich schnell nicht mehr weiß, wie er ihrer Herr werden soll, jongliert er geradezu akrobatisch mit immer schamloseren Lügen.“

Die Lektüre seiner Werke öffnet Vanessa die Augen:

„Allmählich durchschaue ich sein Spiel. Er liebt es, seine Situation zu dramatisieren. Sich bedauern zu lassen. Jede Episode seines Lebens wird instrumentalisiert.“

Die Enthüllungen enthalten tatsächlich die abstoßendsten Geständnisse. So schreibt Matzneff in seinem Tagebuch über eine sextouristische Reise auf die Philippinen:

„Die kleinen Jungs zwischen elf und zwölf Jahren, die ich hier in mein Bett bekomme, sind ein seltener Leckerbissen.“

Niemals auf Augenhöhe

Zu befreien vermag Vanessa sich dennoch noch nicht.

„In der Zeit vor meinem fünfzehnten Geburtstag hat G. sich in den Kopf gesetzt, alle Bereiche meines Lebens zu kontrollieren. Er ist in gewisser Weise mein Vormund geworden.“

Dabei war ihr schon früh klar, dass sie die „Liebe“ ihres väterlichen Freundes niemals für sich allein haben würde — und dass die Affäre spätestens dann zu Ende wäre, wenn sie in seinen Augen „zu alt“ geworden wäre. G. hat „diese Geschichte schon sein ganzes Leben lang hundertmal durchgespielt.“ Vanessa schreibt, dass G. „zu sexuellen und literarischen Zwecken meine Jugend ausbeutete.“ Dennoch ist sie lange Zeit machtlos:

„Unsere Liebe war ein so machtvoller Traum, dass nichts, nicht eine einzige der spärlichen Warnungen meines Umfelds, genügt hatte, um mich wachzurütteln. Sie war der perverseste Alptraum. Sie war eine unbeschreibliche Gewalt.“

Klar analysiert sie, dass Matzneff sie durch ein erdrückendes Übergewicht an Erfahrung, Charisma und rhetorischen Fähigkeiten klein gehalten hat.

„Aber einem verbalen Schlagabtausch mit ihm bin ich nicht gewachsen. Im Vergleich zu ihm, dem Schriftsteller und Intellektuellen bin ich zu jung und unerfahren.“

Als Jugendliche konnte sie noch nicht durchschauen, was ihr als über 40-Jährige völlig klar ist:

„Es ist für mich absolut unmöglich, mit ihm auf Augenhöhe zu kämpfen.“

Die Vorliebe mancher erwachsener Männer für sehr junge Frauen verweist demnach nicht allein auf eine bestimmte sexuelle Präferenz. Gerade die Tatsache, dass Mädchen in der Pubertät niemals „auf Augenhöhe“ sein können, und somit leichter im Sinne des Älteren zu lenken sind, könnte für Männer, die Angst vor einer gleichberechtigten Beziehung haben, den Reiz ausmachen.

Schriftsteller als „Vampire“

Zu den hellsichtigsten Passagen im Buch „Die Einwilligung“ gehört Vanessas Bemerkung, Matzneff sei ein Mensch,

„für den der andere nicht existiert“.

Viele Verhaltensweisen von Missbrauchstätern sind nur so erklärlich, dass diese in ihren Opfern lediglich „brauchbare“ leere Hüllen ohne seelisches Eigenleben sehen. Was diese empfinden, wird gar nicht wahrgenommen oder „tut nichts zur Sache“. Was zählt, ist allein die „Funktion“ der Mädchen im Zusammenhang mit den Bedürfnissen der älteren Männer. Vanessa verwendet drastische Bilder, um die Persönlichkeit ihres „Liebhabers“ zu charakterisieren.

„Schriftsteller gewinnen nicht immer bei näherem Kennenlernen. Man würde ihnen Unrecht tun, wenn man glaubte, sie seien wie alle Welt. Sie sind viel schlimmer. Sie sind Vampire.“

Auch über seine Affäre mit Vanessa hat Matzneff ja später ein Buch sowie Tagebücher geschrieben, die zwischen ihrem 16. und 25. Lebensjahr erschienen.

„Wenn man mit einer solchen Brutalität vom Bild des Anderen Besitz ergreift, dann bedeutet das nichts anderes, als dass man ihm seine Seele raubt“,

schreibt sie.

„Meine gesamte Lebensenergie ist aus meinem Körper gewichen und wurde von der Tinte dieses abscheulichen Buches aufgesaugt.“

Die psychischen Spätfolgen: Panikattacken und Schuldgefühle

Etwa zwei Jahre nach Beginn dieser „Beziehung“, als sie 16 war, schaffte Vanessa Springora den Absprung. Zu Ende war ihre Geschichte deshalb jedoch noch lange nicht. Es gab Tage, an denen sich Vanessa wünschte, „für immer von der Erde zu verschwinden“. Als Spätfolge des Missbrauchs hatte sie häufig unter Panikattacken zu leiden. Sie entwickelte zudem extreme Essstörungen.

„Ich war im Begriff, mich zu verflüchtigen, mich in Luft aufzulösen, zu verschwinden. Ein grauenhaftes Gefühl, als würde ich dem Reich der Lebenden entrissen, aber in Zeitlupe.“

Diese psychische Erkrankung interpretiert sie als Neigung zur Selbstzerstörung. „Warum hatte ich einen solchen Berg von Schuldgefühlen in mir angehäuft, dass ich jetzt glaubte, ich würde die ‚Todesstrafe‘ verdienen?“ Ein Arzt sagt zu ihr: „Sie haben gerade eine psychotische Episode mit einer Phase der Depersonalisation erlebt.“

Es gehört zu den Verdiensten dieses mutigen Buches, dass es die psychischen Folgen sexueller Kontakte zwischen minderjährigen Mädchen und wesentlich älteren Männern drastisch deutlich macht.

Häufig werden die damit verbundenen Langzeittraumatisierungen nicht mit der gebotenen Schärfe gesehen, was auch das Umfeld der Betroffenen zu einer Haltung der Duldung und Bagatellisierung verführt. Wenn keine physische Gewalt stattgefunden hat, wenn das Mädchen „es wollte“ und auch immer wieder zu ihrem wesentlich älteren „Liebeslehrer“ zurückkehrte, sehen viele kein Problem.

Die psychischen Langzeitfolgen solcher Affären sprechen jedoch eine andere Sprache.

Notwendige „Froschperspektive“

Geschichten, wie sie Vanessa Springora erzählt, erhielten in jüngster Zeit viel zusätzliche Aufmerksamkeit durch die Enthüllungen rund um den Investor und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und dessen „Assistentin“ Ghislaine Maxwell. Oft dreht sich die Presseberichterstattung über den Skandal aber überwiegend um mögliche Täter und Mitwisser. Dieser oder jene Prominente habe im E-Mail-Kontakt zu Epstein gestanden und seien verdächtig, selbst in den organisierten Missbrauch von Kindern und sehr jungen Frauen verwickelt gewesen zu sein. In den Hintergrund gerät dabei das Schicksal der Opfer, über deren Gefühle und schwere Traumatisierungen die Berichterstattung meist hinweggleitet.

Speziell bei der Lektüre von Virginia Roberts Giuffres Buch Nobody’s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit zeigt sich jedoch drastisch, mit welcher Art und welchem Ausmaß von Verbrechen wir es hier zu tun haben. Es ist nötig, diese „Froschperspektive“ eines schwer misshandelten Mädchens genauer zu betrachten, um dann im zweiten Schritt das „große Ganze“ und auch die politischen Implikationen des Falles Epstein besser in den Blick nehmen zu können.

Virginia Giuffre, geborene Roberts, wurde vor allem durch ein Foto mit dem britischen Prinzen Andrew bekannt, an den sie von Epstein „verliehen“ worden war. In einem Akt großer Selbstüberwindung führte Giuffre mehrere nervenaufreibende Prozesse und wurde so zu einer der meistbeachteten Anklägerinnen und Zeuginnen im Fall Epstein.

Ein „Riecher“ für Mädchen mit angeknackster Psyche

Virginia Giuffres Autobiografie leistet gerade in den Anfangskapiteln einen wertvollen Beitrag dazu, wie ein Mensch dazu gebracht werden kann, eine jahrelange entwürdigende Existenz als „Sexsklavin“ hinzunehmen. Und dies, ohne durchgehend in physischer Gefangenschaft gewesen zu sein, wie es etwa das Entführungsopfer Natascha Kampusch in ihrem Buch „3096 Tage“ beschreibt. Es beginnt damit, dass sich Täter mit Vorliebe einen bestimmten Typ Mädchen für ihre „Zwecke“ aussuchen. Ghislaine Maxwell, die enge Vertraute und Komplizin von Jeffrey Epstein, hatte dafür einen „Riecher“. Eines Tages sprach sie Virginia auf der Straße an, um ihr das Angebot zu unterbreiten, bei einem reichen älteren Herrn eine Massageausbildung zu absolvieren.

Giuffre hat bei späteren Recherchen herausgefunden,

dass Menschen, die in der Kindheit Opfer von Missbrauch wurden, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit als Erwachsene erneut Missbrauch erleben.“

Das Risiko sei „15-mal größer“. Virginia war als junges Mädchen von zwei Jungen, 17 und 18 Jahre alt, auf dem Rücksitz eines Autos vergewaltigt worden, während sie ohnmächtig war. Noch schwerer wiegt aber die Vergewaltigung durch ihren Vater in jungen Jahren.

„An diesem Abend berührte mich mein Vater in meinem Zimmer auf eine Weise, wie mich nie zuvor jemand angefasst hatte. Er erzählte mir, ich sei sein geliebtes kleines Mädchen, sein Liebling, und er zeige mir auf diese Weise, dass er mich ‚ganz besonders lieb‘ habe. (…) Bald darauf fragte er mich, ob ich gerne seine Genitalien berühren würde. Ich wollte es nicht — aber er schon. Und er war mein Vater, also tat sich es.“

Virginias Vater und einer seiner Freunde vereinbarten sogar, ihre Töchter zu tauschen.

„Jenna kann bei uns schlafen und Sheila hier.“

Ihre Mutter schwieg zum Missbrauch an ihrer Tochter. Sie wurde zu einer duldenden Mittäterin.

Duldungsstarre als Überlebensmodus

Virginia lernte Epstein und Maxwell in einem schon deutlich „angeknacksten“ Seelenzustand sowie in einer sozial prekären Situation kennen. Beide führten Virginia schrittweise an die dann folgende Vergewaltigung heran. Sie wurde zunächst in eine luxuriöse Villa eingeladen, wo sie ihren künftigen „Ausbilder“ kennenlernen sollte. Zu ihrer Überraschung lag dieser zur Begrüßung nackt und bäuchlings auf einer Liege.

„Erst später wurde mir die Routiniertheit bewusst, mit der die beiden meine Abwehrmechanismen Schritt für Schritt abbauten. Immer, wenn ich ein leichtes Unbehagen verspürte, sagte mir mein Blick auf Maxwell, dass ich überreagierte.“

Irgendwann, nachdem Giuffre Epsteins Rücken massiert hatte, drehte dieser sich um und begann, sich selbst sexuell zu stimulieren. „Das stört dich doch nicht, oder?“ sagte er. In diesem Moment hätte sie vielleicht noch fliehen können. Doch sie verfiel in eine Art Starre.

„In diesem Augenblick zerbrach etwas in mir. (…) Eine vertraute Leere überkam mich (…) Mein Körper konnte diesem Raum nicht entkommen, aber mein Geist hielt es dort nicht aus. Also versetzte er mich in eine Art Autopilot-Modus: unterwürfig und nur darauf konzentriert, zu überleben.“

In weiteren Schritten wurde Virginia dahin gebracht, den Geschlechtsverkehr mit Epstein zu vollziehen — ohne rohe Gewalt, jedoch mit einer Mischung aus Überredung, Überrumpelung und autoritärem Gehabe. Später vermag sie ihre damalige Psychodynamik hellsichtig zu analysieren. Eine große Rolle spielte dabei ihre biografische Prägung:

„Wenn ein Kind von einem geliebten Menschen missbraucht wird — so wie ich von meinem Vater —, dann gelangt es zu der Überzeugung, dass Liebe und Schmerz, Liebe und Vertrauensbruch, Liebe und Grenzverletzung zusammengehören. Ich wusste nicht, dass Missbrauchsopfer Warnsignale nicht richtig erkennen können, weil sie verletzendem Verhalten gegenüber abgestumpft sind. Ich wusste nicht, dass eine häufige Bewältigungsstrategie bei sexuellem Missbrauch darin besteht, sich loszulösen von dem, was gerade geschieht, sich ‚aufzuspalten‘ in einen gefügigen Körper und einen abgeschotteten Geist.“

„Selbst schuld“?

Eine wichtige Frage, die sich für Leser in dieser Phase der Missbrauchsgeschichte stellt, ist: Warum ist Virginia Giuffre nach dieser ersten schlimmen Erfahrung und obwohl man sie nicht in Epsteins Anwesen festgehalten hat, „wieder hingegangen“ — mehrfach und sogar über Jahre? Ist sie insofern nicht an allem, was mit ihr geschehen ist, „selbst schuld“? Giuffre verneint dies:

„Diese Haltung missachtet zutiefst, was so viele von uns schon durchgemacht haben, bevor wir Epstein trafen, und wie gut er darin war, Mädchen zu erkennen, deren Wunden sie angreifbar machten. Mehrere von uns waren als Kinder sexuell belästigt und vergewaltigt worden; viele von uns waren arm oder sogar obdachlos.“

Überdies drohte Epstein mit Gewalt gegen Virginias Familie, sollte sie je erzählen, was in diesem Haus vorgeht. „Wir wissen, auf welche Schule dein Bruder geht.“ Außerdem bekam das Mädchen für ihre „Dienste“ ja auch mehr Geld, als sie je zuvor in ihrem Leben verdient hatte. Ab einem bestimmten Punkt wurde es für sie zu „einem Job“, und Menschen gewöhnen sich an vieles. Schließlich wurde Virginia an Freunde und Geschäftspartner Epsteins weiter „verliehen“. In das Milieu der Reichen, Schönen und Berühmten integriert zu werden und sich ständig in einem luxuriösen Ambiente aufzuhalten, besaß für sie eine nicht zu unterschätzende Verführungskraft.

Eine für das Mädchen „schmeichelhafte“ Begegnung mit dem britischen Prinzen Andrew nahm — wie bei vielen ihrer Begegnungen mit Stars und politischen Würdenträgern eine schlimme Wendung.

„Auf dem Rückweg eröffnete mir Maxwell: ‚Zu Hause machst du für ihn dasselbe wie für Jeffrey.‘ Ich wusste, Widerspruch war zwecklos.“

Natascha Kampusch und das „Stockholm-Syndrom“

Um Virginia Giuffres Beziehung zu Epstein und Maxwell zu verstehen, liegt auch der populär gewordene Begriff „Stockholm-Syndrom“ nahe.

„Einige andere Opfer haben davon berichtet, dass sie am Stockholm-Syndrom litten, bei dem Opfer als Überlebensstrategie positive Gefühle für den Täter entwickeln. Heute erkenne ich, dass es bei mir genauso war.“

Schon Natascha Kampusch, die 1998 von dem Einzeltäter Wolfgang Priklopil entführt und über acht Jahre in seinem Keller gefangen gehalten wurde, beschreibt ihre Gefühle und Reaktionen in den ersten Stunden nach ihrer Gefangennahme sehr eindrucksvoll:

„Ein Ruck ging durch meine Welt, die Realität verschob sich ein kleines Stück. (…) Als Erwachsener weiß man, dass man ein Stück von sich selbst verliert, wenn man Gegebenheiten erdulden muss, die bis zu ihrem Eintreten völlig außerhalb des eigenen Vorstellungsvermögens waren. Der Boden, auf dem die eigene Persönlichkeit steht, bekommt einen Riss. Und doch ist die einzig richtige Reaktion, sich anzupassen, denn sie sichert das Überleben.“

Natascha Kampusch jedenfalls schuf sich einen „Kokon der Normalität“ als Überlebensstrategie. Langes Stillhalten jedoch, so verständlich es menschlich auch ist, birgt die Gefahr der Gewöhnung. Die andauernde Anpassung an den Täter deformiert das Bewusstsein des Opfers schleichend, bis hin zur Verinnerlichung von dessen Rechtfertigungsnarrativen.

„Ich steckte bereits so tief in der Gefangenschaft, dass die Gefangenschaft längst in mir steckte“,

schreibt Kampusch hellsichtig.

Sadismus als tiefer liegende Motivation

Schuldgefühle und Scham sind gerade bei Opfern sexueller Übergriffe zusätzliche Belastungen — Gefühle, die unbeteiligte Beobachter als „unnötige“ Selbstherabsetzung ansehen mögen, die aber nichtsdestotrotz psychische Realität sind. Die Erinnerung daran, was man alles mit sich machen ließ, ist quälend. Speziell dann, wenn die Opfer aufgrund von Stimulation sexuelle Reaktionen zeigen, ist dies mit Scham verbunden und stellt eine scheinbare Entlastung für die Täter dar.

Virginia Giuffre berichtet in ihrem Buch weiter von einer zunehmend sadistischen Komponente in Epsteins Sexualverhalten. Sie schreibt:

„Er interessierte sich neuerdings für Sadomasochismus — und zwar gänzlich ungeniert. (…) Er hatte damit angefangen, mit Peitschen, Fesseln und anderen Folterexperimenten zu experimentieren.“

Ein Kunde, an den Epstein Giuffre „ausgeliehen“ hatte, sei „nicht an Zärtlichkeiten interessiert“ gewesen.

„Mehrfach würgte er mich, bis ich das Bewusstsein verlor. Er hatte Freude daran, mich in Todesangst zu sehen.“

Die Identität dieses Mannes, den sie den „Premierminister“ nennt, hat Virginia Giuffre bis zum Schluss im Dunkeln gelassen — aus Angst vor seiner Macht, die offenbar größer war als jene Epsteins oder Prinz Andrews.

Der Psychodynamik der Opfer steht jene der Täter gegenüber, die nicht ausschließlich mit sexueller Triebbefriedigung zu tun hat. Macht scheint vielfach die tieferliegende Motivation zu sein, der Vollzug von Sexualität nur deren vordergründige Ausdrucksform.

Speziell bei Epstein und Priklopil, mit Abstrichen auch bei Matzneff, scheint eine Komponente von Sadismus am Werk gewesen zu sein. Erich Fromm definiert diesen als

„das Bestreben, einen anderen Menschen völlig in die Gewalt zu bekommen, ihn zu einem hilflosen Gegenstand des eigenen Willens zu machen, zum absoluten Herrscher über ihn, zu seinem Gott zu werden und mit ihm machen zu können, was einem gefällt.“

Sind Frauen das unschuldige Geschlecht?

Im Rahmen der brutalen Machtausübung durch die Männer haben Frauen oder Mädchen nur einen begrenzten Spielraum. Ihre Macht besteht in ihrer Wirkung auf Männer in einer Begegnung, zu der sie von diesen erzwungen wurden. So gibt Vanessa Springora zu Protokoll:

„Mal fühle ich mich wie berauscht, all diese Macht! Es ist so leicht, einen Mann glücklich zu machen. (…) Ich rufe mir in Erinnerung, dass es meine Mission hier auf Erden ist, Männern Lust zu verschaffen.“

Die Schlussfolgerung, nur Männer seien zu bösem und krankem Verhalten fähig, verbietet sich angesichts der „assistierenden“ Funktion, die einige Frauen bei den in diesem Artikel dargestellten Verbrechen innehatten. So hat Springoras Mutter die Beziehung Vanessas zu „G.“ offenbar aufgrund einer Art von Eitelkeit geduldet, quasi zur Schwiegermutter eines Prominenten avanciert zu sein.

Mütter schicken ihre Töchter vor

Bei Ghislaine Maxwell liegt eine noch subtilere Psychodynamik vor. Virginia Giuffre sieht ihr „Besitzerpaar“ als eine Einheit an.

„Mit der Zeit sah ich in Epstein und Maxwell weniger ein Paar als vielmehr zwei Hälften eines bösen Ganzen.“

Maxwell, die seit 2022 in Haft ist, verkörpert psychologisch eine Art „mütterliche“ Funktion in der Beziehung: Sie duldet den Missbrauch durch den Mann an dem Mädchen und unterstützt ihn insgeheim. Einmal fragte Guiffre ihre Peinigerin sogar ganz offen nach deren eigenen Gefühlen:

„Irgendwann fragte ich sie, warum es sie nicht störte, dass er mit so vielen anderen Sex haben wollte. Sie antwortete, es sei eine Erleichterung. Sein Sexhunger sei so riesig, dass eine einzelne Person ihn nie stillen könnte.“

Dies entspricht einer, unter anderem bei „Familienaufstellungen“ nach Bert Hellinger, aufgedeckten Dynamik. Einige Ehefrauen liefern ihre Töchter aus, um vom ungeliebten sexuellen „Dienst“ an ihren Männern entlastet zu werden.

Die Gesellschaft schaut weg

Neben der Mitschuld der Mutterfiguren an diesem Geschehen ist auch jenes der größeren Gemeinschaft zu sehen. Virginia Giuffre berichtet von einer erschütternden Szene:. Sie hatte sich im größeren Familienkreis dazu durchgerungen, offen darüber zu sprechen, dass ihr Vater sie seit Jahren missbrauchte. Wie reagierten die Anwesenden, darunter Onkel und Tante?

„Ich würde nur zu gerne berichten, dass sie alle aufstanden und einen Schutzwall um mich herum bildeten. Aber sie rührten sich nicht. Nach einer stillen Schrecksekunde packte mich mein Vater mit einer Hand an der Kehle und schlug mir mit der anderen ins Gesicht. (…) Am nächsten Morgen wachte ich mit dem Gefühl auf, dass sich ja jetzt, da ich den Missbrauch durch meinen Vater endlich lautstark offenbart hatte, etwas ändern müsse. Vielleicht würde ja wenigstens irgendjemand anerkennen, was ich durchgemacht hatte. Stattdessen tat die gesamte Großfamilie bis zu unserer Rückfahrt nach Florida so, als wäre nichts geschehen.“

Dieser Vorgang kann geradezu symbolisch für das komplizenhafte Schweigen der Mehrheitsgesellschaft zum Missbrauchsgeschehen stehen. Der Film Das Fest von Thomas Vinterberg stellt einen vergleichbaren Vorgang kollektiver Verdrängung in künstlerisch hochwertiger Form dar.

Übermenschenfantasien der „Eliten“

Höchst interessant sind beide Fallgeschichten auch mit Blick auf das überhöhte Selbstbild der sogenannten Eliten.

Vanessa Springora sieht sich auch als Opfer der übermäßigen Ehrfurcht eines „gebildeten“ Umfelds vor Prominenz, Intellekt und Künstlertum.

„Aber was ist schon das Leben einer anonymen Heranwachsenden wert im Vergleich zum literarischen Werk eines höheren Wesens?“,

schreibt sie an einer Stelle.

Einmal weinte sich Vanessa bei einem Mann namens Emil aus, einem älteren Bekannten von Gabriel Matzneff, dem sie vertraute. Dieser war ihr aber keine Hilfe. Er sagte:

„G. ist ein Künstler, ein sehr großer Schriftsteller (…). Sie lieben ihn, dann müssen Sie seine Persönlichkeit akzeptieren. G. wird sich niemals ändern. Er hat Ihnen eine ungeheure Ehre erwiesen, indem er Sie auserwählt hat. Ihre Aufgabe ist es, ihn auf seinem schöpferischen Weg zu begleiten, und auch, sich seinen Launen zu beugen.“

Sie bemängelt eine Doppelmoral, die darin besteht, gegenüber Angehörigen einer „Elite“ — zum Beispiel Schriftstellern, Filmemachern oder Malern — nachsichtiger zu sein als gegenüber Tätern aus „normalen“ Milieus.

„Offensichtlich gehört der Künstler einer besonderen Kaste an, er gilt als ein Wesen, das über uns steht und das wir mit Allmachtsbefugnissen ausstatten, ohne eine andere Gegenleistung dafür zu erwarten als die Produktion eines originellen und subversiven Werkes.“

Jenseits von Gut und Böse

Als Steigerung dieser professionellen Arroganz legte Jeffrey Epstein offenbar geradezu eine Übermenschen-Attitüde an den Tag. Sie erinnert an Dostojewskis Helden Rodion Raskolnikow, der in „Schuld und Sühne“ eine ihm fremde Frau ermordet — einfach, weil er sich für den Vertreter eines überlegenen Menschenschlags ansieht, für den übliche moralische Maßstäbe nicht zu gelten haben.

„Alles, was mir in Epsteins Welt zugestoßen war, hatte nur bestätigt, dass gewisse privilegierte Menschen in einem Grenzbereich außerhalb des Gesetzes stehen, ganz gleich, wie niederträchtig sie sich verhalten.“

Vielleicht erklärt dies einiges, was uns am Verhalten der Macht-, Kultur- und Wirtschaftseliten immer wieder abstößt. Der Vorwurf, dass manche von ihnen buchstäblich über Leichen gehen, ist nicht übertrieben.

Eine unserer Protagonistinnen hat ihre Missbrauchserfahrungen nämlich leider nicht überlebt. Virginia Giuffre beschreibt am Ende ihres Buches die Langzeitfolgen ihrer Traumatisierung, die ihr Leben auch nach der Befreiung von Epstein und der Gründung einer Familie mit ihrem Ehemann Robert nachhaltig überschatteten.

Das Trauma, das im Schatten lauert

Sie beschreibt, dass sie immer wieder, wie aus dem Hinterhalt, von Flashbacks und Anflügen schwarzer Depression überfallen wurde.

„Doch Überlebende wie ich wissen nur zu gut, dass es immer noch da ist und im Schatten lauert. Egal, wie viele Jahre vergangen sind oder wie viele Therapeuten man konsultiert hat, es kann plötzlich und unerwartet wieder auftauchen, wie aus dem Nichts.“

Auf einen kurzen, jedoch erschütternden Nenner hat Herbert Grönemeyer diese Dynamik in seinem Lied „Sie“ gebracht, das von einem Missbrauchsopfer erzählt:

„Sie hat lange verzweifelt gewartet.
Die Jahre zeigen kein Erbarmen.
Das heilt keine Zeit“.

Wie im Fall Jeffrey Epstein gibt es auch zum Tod von Virginia Giuffre „Verschwörungserzählungen“, wonach es sich um Mord, nicht um Selbstmord gehandelt haben soll. Ob sie jedoch von mächtigen Menschen um die Ecke gebracht wurde, die sich vor ihren Enthüllungen fürchteten, oder ob sie tatsächlich den zermürbenden Langzeitfolgen ihres Traumas erlegen ist — klar bleibt in beiden Fällen, dass es einen oder mehrere Schuldige an ihrem Tod gab.

Eine gründliche Aufarbeitung des Geschehens und mehr Achtsamkeit seitens der Gesamtgesellschaft sind notwendig, um diesen umfassenden Komplex verbrecherischen Missbrauchs zumindest zu begrenzen. Sonst werden auch in Zukunft immer wieder neue, unbedarfte Mädchen und auch Jungen solche Schicksale erleiden.

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Roland Rottenfußer, Jahrgang 1963, war nach dem Germanistikstudium als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage tätig. Von 2001 bis 2005 war er Redakteur beim spirituellen Magazin connection, später für den Zeitpunkt. Er arbeitete als Lektor, Buch-Werbetexter und Autorenscout für den Goldmann Verlag. Seit 2006 ist er Chefredakteur von Hinter den Schlagzeilen. Von 2020 bis 2023 war er Chefredakteur vom Rubikon, seit April 2023 ist er Mitherausgeber und Chefredakteur von Manova.

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 21. Februar 2026 auf manova.news.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Rückblick auf unerkennbaren Mann mit Kind stehend im Aufzug, Entführung Kinder Konzept.
Bildquelle: Roman Chazov / shutterstock

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