Wird der Krieg in der Ukraine im fünften Jahr durch Kompromisse beendet oder bis zum bitteren Ende auf dem Schlachtfeld ausgefochten? Der ehemalige CIA-Experte George Beebe sieht erste Zeichen für eine diplomatische Annäherung, während der Politologe John Mearsheimer vor Wunschdenken warnt. Beide haben kürzlich über geopolitische Zwänge, den China-Faktor und die unversöhnliche Logik des Sicherheitsdilemmas debattiert. Eine Zusammenfassung von Éva Péli.
Gibt es reale Signale für eine Kompromisslösung im Ukraine-Krieg, oder steuern die internationale Gemeinschaft und die europäische Sicherheitsordnung auf eine dauerhafte Zerstörung zu? George Beebe, ehemaliger Russland-Direktor der CIA, erkennt Zeichen für eine diplomatische Annäherung, die hinter den Kulissen zu wirken beginnt. Ihm widerspricht der Politikwissenschaftler John Mearsheimer: Er bleibt überzeugt, dass die Entscheidung über diesen Krieg allein auf dem Schlachtfeld fällt und Diplomatie derzeit kaum mehr als ein Schauspiel ist.
In einer ausführlichen Debatte für das Quincy Institute for Responsible Statecraft analysierten beide Experten die strategischen Interessenlagen von Washington, Moskau und Kiew. Sie sprachen am Donnerstag, einen Tag nach den Verhandlungen von Vertretern der drei Staaten in Genf. Während viele Beobachter darin ein Scheitern sahen, bewerten die Experten die Lage differenzierter.
Beebe: China-Faktor bestimmend
Der ehemalige CIA-Direktor George Beebe weist gleich am Anfang der Debatte darauf hin, dass der Konflikt das Symptom einer sterbenden unipolaren Weltordnung unter Führung der USA sei und kein imperialer Expansionsfeldzug Russlands zur Wiederherstellung der Sowjetunion „Dieser Krieg begann als geopolitischer Konflikt […] darüber, wie die europäische Sicherheitsordnung aussehen sollte“, so der Ex-Geheimdienstchef. Wenn nun Washington akzeptiert, dass der „unipolare Moment“ vorbei ist, öffnet sich paradoxerweise der Raum für Kompromisse.
Beebe betont, dass wir die endgültige Antwort auf die Frage, ob es Verhandlungsspielraum gebe, erst kennen werden, wenn sich die Präsidenten Russlands und der Ukraine zu einem Gipfeltreffen zusammensetzen, um ein Abkommen zu unterzeichnen. Für ihn ist dieser Moment näher, als die meisten Beobachter glauben. Er begründet das mit der geopolitischen Notwendigkeit:
„Die Herausforderung durch China wird von Dauer sein. Und der Anreiz für die Vereinigten Staaten, ihre Beziehungen zu Russland zu normalisieren, um uns den Umgang mit der Herausforderung durch China zu erleichtern, wird nicht verschwinden, egal wer im Weißen Haus sitzt. Die strukturellen Hindernisse, denen wir gegenüberstehen, um den Krieg in der Ukraine am Laufen zu halten, sind erheblich. Auch sie werden nicht verschwinden.“
Beebe erklärt, dass die strategischen Ziele der USA – nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit – eine Neuausrichtung erfahren haben. Washington könne es sich schlicht nicht mehr leisten, seine Ressourcen in einem europäischen Abnutzungskrieg zu binden, während Peking zum gleichwertigen Konkurrenten aufsteigt. Gleichzeitig erkenne die Führung in Kiew immer deutlicher, dass die Zeit nicht auf ihrer Seite steht: Die materielle und personelle Lage der Ukraine verschlechtere sich von Woche zu Woche, was den Anreiz für ein Abkommen massiv erhöhe.
Doch auch für Russland sieht Beebe eine strategische Sackgasse, die sich durch militärische Siege allein nicht auflösen lasse:
„Selbst wenn sie alle Gebiete erobern, die sie erobern wollen, haben sie immer noch das Sicherheitsproblem der NATO, das sie ohne Zusammenarbeit mit dem Westen nicht lösen können. Sie befinden sich weiterhin in einer geopolitischen Sackgasse, untergeordnet gegenüber China, unfähig, zwischen Ost und West zu lavieren und die Rolle einer Großmacht zu spielen.“
Besonders der technologische Rückstand zwinge den Kreml dazu, einen Ausweg zu suchen. Ohne Zugang zu westlichen Hochtechnologien werde Russland im 21. Jahrhundert als Weltmacht marginalisiert. Dies schaffe den Raum für „kreative Lösungen“, etwa entmilitarisierte Zonen im Donbass, die es beiden Seiten erlauben könnten, politisch das Gesicht zu wahren. Beebe ist überzeugt: Wir werden in naher Zukunft „wesentliche Durchbrüche“ erleben.
Medienkritik: Wird der Verhandlungsspielraum kleingeredet?
Ein zentraler Punkt in Beebes Rede ist die Kritik an der westlichen Berichterstattung. Er wirft den Mainstream-Medien vor, Verhandlungsspielräume bewusst kleinzureden und einen Propagandakrieg zu führen:
„Fast alle Mainstream-Medien in den Vereinigten Staaten und Europa wollen keine Kompromisslösung. Sie wollen keine Zugeständnisse an Russland. Sie wollen das Ganze als einen Feudalstreit darstellen und den Verhandlungsspielraum herunterspielen. Jedes Mal, wenn eine Runde ohne sofortigen Durchbruch endet, verkünden sie den Misserfolg. Tatsächlich nähern sich die Seiten wichtigen Kompromissen an.“
Laut Beebe erfordern die Antworten auf die verbleibenden heiklen Fragen Zeit, Kreativität und einen schrittweisen Ansatz zur Vertrauensbildung. Dass in Genf keine Lösung präsentiert wurde, sei kein Scheitern, sondern Teil eines ernsthaften Prozesses.
Anzeichen für Wende? Putin und Selenskyj unter Druck
Ein wesentliches Indiz für die Bereitschaft zu Verhandlungen sehe Beebe darin, dass sowohl Wladimir Putin als auch Wolodymyr Selenskyj damit begonnen haben, ihre jeweilige Bevölkerung auf schmerzhafte Kompromisse vorzubereiten.
Selenskyj bringe Instrumente ins Spiel, die einen Kompromissvertrag legitimieren könnten. Er spreche über neue Präsidentschaftswahlen und ein mögliches Referendum, um die Last einer solch folgenschweren Entscheidung auf eine breitere demokratische Basis zu stellen. Putin schwächt laut Beebe bereits den innenpolitischen Widerstand gegen mögliche Zugeständnisse. Als Beleg nennt er das Vorgehen gegen nationalistische Kanäle auf der Online-Plattform Telegram. Da gerade diese patriotischen Kreise jedem Kompromiss am stärksten widersprechen würden, ebne der Kreml durch deren gezielte Einhegung den Weg für eine Verhandlungslösung, so der ehemalige CIA-Mann.
Mearsheimer: warum Russland den Krieg als Überlebenskampf sieht
Mearsheimer räumt zwar ein, dass beide Seiten theoretisch zu Kompromissen gezwungen sind, bezweifelt jedoch entschieden, dass es Verhandlungsspielraum gibt. Seine Analyse stützt sich auf die russische Wahrnehmung, die der Westen systematisch ignoriert:
„Es ist für die meisten Westler bemerkenswert schwer zu verstehen, dass Russland diese Situation in der Ukraine als existenzielle Bedrohung ansieht. Die Russen sehen darin eine Bedrohung für ihr Überleben. Es spielt keine Rolle, ob Amerikaner oder Europäer dieses Argument akzeptieren – das Einzige, was zählt, ist, was die Russen denken. Die russische Elite versteht fast ausnahmslos, dass die Ukraine und die NATO eine Bedrohung für ihr Überleben darstellen. Und ihre Sichtweise ist das, was zählt.“
Mearsheimer widerspricht Beebe entschieden in der Frage russischer Flexibilität. Er warnt davor, russische Signale falsch zu verstehen oder sich von westlichen Narrativen täuschen zu lassen. Wer an der Härte Moskaus zweifle, solle die jüngsten Erklärungen von Außenminister Sergej Lawrow verfolgen: „Auf russischer Seite hat sich nichts bewegt.“ Russland werde keines der vier annektierten Gebiete in der Ukraine wieder aufgeben, da sie als unverzichtbare Sicherheitszonen betrachtet werden.
Das Sicherheitsdilemma: fundamentales Misstrauen gegenüber Washington
Den Kern des Dissenses bildet das Sicherheitsdilemma. Während Beebe auf ein Abkommen setzt, das die Sicherheitsinteressen beider Staaten beachtet, hält Mearsheimer dies für ein logisches und praktisches Paradoxon. Er argumentiert, dass jede Sicherheitsgarantie für die Ukraine von Russland zwangsläufig als neue Bedrohung wahrgenommen wird. Dieser unauflösbare Widerspruch blockiert nach Mearsheimers Analyse jeden dauerhaften Ausgleich.
„Georges Argument lautet, dass man die Sicherheitsbedenken der Ukraine und gleichzeitig auch die Sicherheitsbedenken Russlands ausräumen kann. Und ich sage, dass das einfach nicht stimmt. Die Russen wollen, um es ganz offen zu sagen, die Ukrainer über den Tisch ziehen. Sie wollen sicherstellen, dass die Ukraine keine nennenswerten militärischen Fähigkeiten und keine bedeutenden Bündnisse hat – dass sie in einer sehr wichtigen Hinsicht schutzlos ist.“
Jede Form westlicher Sicherheitsgarantien, die Beebe erwähne – etwa, dass die USA oder Europa der Ukraine bei neuen Angriffen zu Hilfe kommen könnten –, sei für Moskau „kategorisch inakzeptabel“. Genau darum werde dieser Krieg geführt: um jede militärische Präsenz des Westens in der Ukraine dauerhaft zu unterbinden. Hinzu komme ein fundamentales und begründetes Misstrauen gegenüber Washington.
Die Russen machten sich keine Illusionen: Sie wüssten, dass die USA – unabhängig von der aktuellen Regierung – darauf aus seien, Russland massiv zu schaden. Da ein Deal mit Trump durch einen Regierungswechsel 2028 hinfällig werden könnte, traue Moskau den US-Amerikanern nicht über den Weg. Statt auf unsichere diplomatische Versprechen zu setzen, strebe Russland danach, die Ukraine militärisch und geografisch so zu neutralisieren, dass die eigene Sicherheit auch ohne westliche Garantien maximiert werde.
Fazit: Die NATO-Entscheidung von 2008 als strategischer Fehler
Während Ex-CIA-Analytiker Beebe darauf setzt, dass der massive Druck der China-Herausforderung und die materielle Erschöpfung beider Seiten zwangsläufig in einen diplomatischen Durchbruch münden, bleibt Mearsheimer bei seiner unerbittlichen Diagnose: Es gebe keinen Ausweg, solange beide Akteure ihre Positionen als existenziell definieren. Mearsheimers Bilanz fällt entsprechend nüchtern aus:
„Die Entscheidung vom April 2008, die Ukraine in die NATO aufzunehmen, wird eines Tages als eine der katastrophalsten außenpolitischen Fehlentscheidungen eingestuft werden, die Washington jemals getroffen hat. Sie hat diese Katastrophe heraufbeschworen […] und ich sehe keinen Ausweg. Für die Ukraine gibt es auf absehbare Zeit nichts als Elend.“
Ob Beebes Kalkül der strategischen Vernunft oder Mearsheimers Analyse existenzieller Ängste die Oberhand gewinnt, werden die kommenden Monate entscheiden. Die Debatte macht jedoch eines unmissverständlich klar: Einfache Lösungen sind nicht zu erwarten. Solange der Verhandlungstisch keine Antworten auf die Sicherheitsarchitektur einer Atommacht liefert, behält das Schlachtfeld das letzte Wort.
Eine alte Weisheit, vielfach zitiert, sagt, einen Krieg zu beginnen ist einfach, ihn zu beenden weit weniger. Das zeigt sich ein weiteres Mal in der Ukraine.
Titelbild: Gil C / Shutterstock![]()
