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Droht uns eine DDR 2.0? | Von Andreas Peglau

05. April 2026 um 08:47

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Droht uns eine DDR 2.0? | Von Andreas Peglau

Über einen schwierigen Systemvergleich

Ein Meinungsbeitrag von Andreas Peglau.

Immer wieder wird das Bild einer heraufziehenden „DDR 2.0“ verwendet, um negative gesellschaftliche Entwicklungen zu beschreiben. Doch inwieweit taugt die DDR tatsächlich dafür, eine Dystopie auszumalen? Wie fällt ein seriöser Vergleich der heutigen BRD mit dem 1990 verschwundenen östlichen Nachbarstaat aus? Und schließlich: Hat die Sicht auf DDR und „realen Sozialismus“ Einfluss auf die Stärke beziehungsweise Schwäche der gegenwärtigen Friedensbewegung?

Die Antwort auf letztere Frage will ich vorwegnehmen. Sie lautet: ja. Ich werde sie am Ende meines Beitrags genauer ausführen.

Leben in zwei Systemen

Was ich im Weiteren anbieten kann, ist eine Mischung aus Fakten und subjektiven Bewertungen. (1) Um diese Bewertungen verständlicher zu machen, zunächst ein paar autobiographische Informationen.

Ich bin 1957 geboren in Berlin, Hauptstadt der DDR, habe in Berlin-Pankow gewohnt, 400 Meter entfernt von der Mauer. In Abgrenzung von meinem permanent an der DDR herummäkelnden Vater wurde ich als Jugendlicher ein ziemlich naiver Sozialist mit dogmatischen Zügen, 1976, mit 19 Jahren, Mitglied der SED. Letzteres blieb ich bis zum Februar 1990: Als DDR-Regierungschef Hans Modrow die Parole „Deutschland einig Vaterland!“ übernahm, bin ich ausgestiegen, das wollte ich auf keinen Fall.

Von 1976 bis `81 habe ich an der Humboldt-Universität Klinische Psychologie studiert, dabei enttäuscht zur Kenntnis genommen, wie dürftig die „marxistische Psychologie“ war, die uns vermittelt wurde. Ich fing an, mich für die Bereicherung des Marxismus durch die Psychoanalyse zu begeistern, speziell für den „linken“ Psychoanalytiker Wilhelm Reich. Sein Werk beschäftigt mich bis heute. (2) Zwischen 1985 und 1991 war ich als Redakteur bei Jugendradio DT 64 vor allem für Lebenshilfesendungen zuständig, ab März `89 mit dem Psychotherapeuten Hans-Joachim Maaz als Gesprächspartner. (3) Nach dem DDR-Anschluss wechselten sich ABM-Stellen und Arbeitslosigkeit mehrmals ab. Eine 2002 begonnene Ausbildung zum psychoanalytischen Psychotherapeuten habe ich 2008 abschlossen. Ende letzten Jahres war Schluss mit dem Therapieren. Ich bin jetzt also formal gesehen: Rentner.

Was ich nicht mehr bin, ist: naiver Sozialist. Inzwischen betrachte ich den Marxismus als in hohem Maße revisions- und kritikbedürftig (4) und stehe der DDR in mehreren Aspekten recht kritisch gegenüber.

Die DDR-2.0-These

Die Frage, ob wir in einer DDR 2.0 leben oder darauf zusteuern, erzwingt eine schwierige Gegenüberstellung: der DDR von damals mit der BRD von heute. Ich muss etwas vergleichen, mit dem ich identifiziert, teils überidentifiziert war, was verschwand, als ich 33 war, mit etwas, mit dem ich mich nie identifizieren konnte, das ich zunehmend mit Angst und Zorn erlebe – jetzt, da ich 68 Jahre alt bin.

Zur Untermauerung der DDR 2.0-These wird meist auf drei gegenwärtige, oft als Demokratieabbau zusammengefasste Tendenzen verwiesen, die zugleich als DDR-typisch angesehen werden:

  1. Unterdrückung missliebiger Gesellschaftskritik beziehungsweise Einschränkung von Meinungsfreiheit,
  2. Gleichschaltung von Medien
  3. Überwachung der Bevölkerung.

Beim dritten Punkt – mit dem ich beginnen will – folgt üblicherweise der Verweis auf das Ministerium für Staatssicherheit. Schon hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. 

Überwachung 

Zum einen hatte die „Stasi“ weit mehr Aufgaben, als die Überwachung der eigenen Bürger. Zum anderen: Geheimdienst ist nicht gleich Geheimdienst. Die Frage, welchem Staat, welcher Politik diese Institution dient, ist wesentlich.

Die Westmächte, die in den Zweiten Weltkrieg ja nicht zuletzt eingegriffen hatten, um den Vormarsch der Sowjetunion zu stoppen, (5) betrieben ab 1945 die Destabilisierung des sich bildenden Ostblocks. Davon war auch die sowjetische Besatzungszone betroffen – unter anderem durch mehrere tausend Zuträger und Kollaborateure, welche von der 1946 gegründeten Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes angeworben wurden. (6) Diese Organisation war auf Initiative des US-Kriegsministeriums entstanden und operierte bis 1955 als Teil der CIA. (7) Mit ihrer Führung wurde Reinhard Gehlen beauftragt, zuvor General der faschistischen Wehrmacht, der im Krieg eine in Osteuropa tätige Spionageeinheit geleitet hatte. (8) Als Mitarbeiter der sogenannten „Organisation Gehlen“ wurden bevorzugt NS-Verbrecher rekrutiert, darunter 33 Angehörige jener „Einsatzgruppen“, die Hunderttausende von Morden zu verantworten hatten. Mitte der 1950er Jahre war etwa jeder zehnte BND-Mitarbeiter ein NS-Täter; in den Folgejahren erhöhte sich dieser Prozentsatz. (9)

1950 reagierte die DDR darauf, indem sie zu ihrem Schutz eine zusätzliche Behörde schuf, eben das Ministerium für Staatssicherheit. Geleitet wurde es von Wilhelm Zaisser, (10) im Spanienkrieg geachteter Kommandeur einer Internationalen Brigade. Doch der nachvollziehbare Zweck heiligte nicht sämtliche Mittel, die zur Anwendung kamen. Autoritär strukturierte, auf Befehlen beruhende und vorwiegend verdeckt agierende Institutionen bilden immer einen günstigen Nährboden für das Ausleben von Herrschsucht, Sadismus und Denunziantentum. Indem zu Unrecht viele Lebensentwürfe gestört oder zerstört wurden, sicherte die im Inland tätige Staatssicherheit die DDR nicht nur, sondern schädigte sie auch.

Das, was uns heute bevorsteht, unterscheidet sich davon jedoch sowohl quantitativ als auch qualitativ. Die in der DDR-Opposition aktive Autorin Daniela Dahn hat recherchiert, dass zu keinem Zeitpunkt mehr als 0,5 Prozent der DDR-Bürger – meist deutlich weniger – Objekt von Stasi-Observierung waren. (11) Es ist also realitätsfern, hier, wie es oft getan wird, von „flächendeckender“ Kontrolle zu sprechen.

US-Geheimdienste können dagegen längst jeglichen digitalen und telefonischen Austausch kontrollieren, Datenkraken wie Google oder Amazon liefern fleißig Zuarbeiten, im Gesundheitswesen – auch in der Psychotherapie (12) – werden zu fragwürdigen Zwecken Patientendaten digital gesammelt, die Kontrolle von Internetnutzung und privaten Geldausgaben wird vorbereitet, extrem einflussreiche Billionäre und Transhumanismus-Fanatiker wie Elon Musk planen, unsere Gehirne zu „verlinken“. Angesichts dessen zu behaupten, uns drohe eine stasimäßige Überwachung, wäre eine Untertreibung ersten Ranges. (13) Was jetzt gesichert werden soll, sind die gegen die absolute Mehrheit gerichteten Interessen von Superreichen, für die Staaten nur Vehikel sind – und Menschen größtenteils verzichtbare Schachfiguren. Die bereits stattfindende, erst recht die geplante Überwachung ist schon vom Ansatz her nicht nur menschen-, sondern auch lebensfeindlich.

Meinungs(un)freiheit in West … 

Zur Meinungsfreiheit beziehungsweise deren Einschränkung ist zu konstatieren: Vertrat man nicht gerade kommunistische Ideen (14) oder liebäugelte allzu offensichtlich mit dem Nationalsozialismus, konnte man in der BRD bis 2019 fast alles öffentlich aussprechen. Freilich ohne damit Wesentliches zu ändern. Das wirkungsarme Dampfablassen trug eher dazu bei, den Staat zu stabilisieren, weil es das falsche Bild einer Demokratie suggerierte. Doch eine Volksherrschaft gab es in der BRD zu keinem Zeitpunkt. (15) Nationale und internationale Kapitalisten sowie deren Handlanger in Staat und Medien hatten und haben das Land fest im Griff. (16)

Aber auch die relative Meinungsfreiheit wurde seit Frühjahr 2020 empfindlich beschnitten. Nicht nur bei einflussreichen Kritikern der regierungsamtlich vorgegebenen „Narrative“ über die angebliche „Corona-Pandemie“ oder den Ukraine-Krieg ist das Stören oder Zerstören von Lebensentwürfen zum Standard geworden – unter Beteiligung von Verfassungsschutz, Gerichten, Medien und Banken. Der Schweizer Militäranalytiker Jaques Baud (17) ist nur eines der jüngsten Beispiele dafür, dass dies auch EU-weit funktioniert.

Während in den letzten sechs Jahren die staatlichen Restriktionen um sich griffen, expandierte immerhin gleichzeitig eine Art Gegenkultur. Am lautesten meldet sie sich zu Wort in alternativen Medien wie apolut, Manova, TKP, multipolar, den Nachdenkseiten, auch in der jungen Welt, manchmal im Nordkurier, der Berliner und anderen Zeitungen wie neuerdings der Ostdeutschen Allgemeinen. Eine absolute Mediengleichschaltung existiert noch nicht. Aber BRD- und EU-Führung arbeiten hart daran, dass sie zustande kommt.

Auch die sonstige, aktuell noch gewährte Restfreiheit kann jederzeit wieder durch Lockdowns und Kontaktverbote abgewürgt werden, vielleicht nach Ausrufung eines – in Wirklichkeit ja leicht vermeidbaren – Energienotstandes, wegen einer angeblichen Grippe-Pandemie oder im Zuge eines herbeigelogenen „Spannungsfalls“. (18)

… und Ost

Wie fällt der Vergleich aus mit der Deutschen Demokratischen Republik bezüglich Unterdrückung von Gesellschaftskritik und, damit eng verbunden, Mediengleichschaltung? Beides war in der DDR weitaus stärker ausgeprägt als heute.

Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Staat, wie sie gegenwärtig in den genannten alternativen Medien stattfindet, wäre in der DDR undenkbar gewesen. Vor Herbst 1989 hätte man sich niemals offiziell, öffentlich angekündigt und öffentlich zugänglich in einer Gruppe zusammensetzen können, um das umgebende Gesellschaftssystem infrage zu stellen. Von Meinungsfreiheit konnte, sobald es über den privaten Rahmen hinausging, keine Rede sein in der DDR. Von Demokratie ebenfalls nicht. Weder das Volk noch die Arbeiter und Bauern waren an der Macht.

SED-Diktatur? 

Und nicht einmal, wie oft behauptet: „die Partei“. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass die Genossen an der Basis die Linien der Politik mitbestimmten.

Eine fast schon absolutistische Macht konzentrierte sich stattdessen bis 1971 bei Walter Ulricht, anschließend bei SED-Generalsekretär Erich Honecker, die beide recht eigenständige oder selbstherrliche Entscheidungen über das Leben der Bevölkerung treffen konnten. Unter ihnen agierten – mit rapide abnehmender Machtfülle –, SED-Politbüro, -Zentralkomitee und Ministerrat. (19)

Auf der Ebene der Parteigrundorganisationen ging es dann vor allem darum, das von oben Vorgegebene möglichst zustimmend zu diskutieren und kreativ umzusetzen. Auch wenn dort Kritik geäußert wurde, änderte diese nach meiner Erfahrung nie etwas an zentralen Vorgaben.

Im SED-Statut stand, „Kritik und Selbstkritik von unten“ seien „in jeder Weise zu fördern“, „Mängel in der Arbeit ohne Ansehen der Person“ zu benennen. (20) Wer sich daran hielt, war unter Umständen bald kein Genosse mehr. Der bekannte DDR-Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski (21) fasste das in einen Aphorismus: „Der Helm eines Kommunisten hat viele Beulen, manche stammen auch vom Gegner.“ In Wirklichkeit waren es oftmals keine Beulen im Helm, sondern Schädelbasisbrüche.

Medien-Vergleich

Um bei meiner Arbeitsstätte DDR-Rundfunk zu bleiben: Aus dem Politbüro kam täglich vom Genossen Joachim Hermann (22) – dem Verantwortlichen für Agitation und Propaganda – über den Vorsitzenden des Rundfunkkomitees und die Intendanten der fünf Sender bis hinunter zu den ausführenden Journalisten die sogenannte „Argumentation“. Das waren keine Vorschläge oder Diskussionsanregungen, sondern Anweisungen, was heute wie zu bewerten, hervorzuheben, zu verheimlichen, zu tun und zu unterlassen sei, oftmals: welche unglaubwürdigen Phrasen an diesem Tage besonders auszumalen waren. Bei all meiner Identifikation mit Staat und Weltanschauung: Diese fortwährenden autoritären Belehrungen, dieses vielfach billige Sich-in-die-eigene-Tasche-Lügen waren schwer auszuhalten.

Allerdings: Was die sogenannten BRD-Leitmedien, ob staatlich oder privat, seit 2014, seit dem Maidan-Putsch in der Ukraine an ebenso dreisten wie plumpen Lügen von sich geben, geht mittlerweile weit hinaus über alles, was ich in der DDR an verordneter Realitätsverdrehung erlebt habe. Von der Rolle heutiger Leitmedien bei Kriegshetze und Kriegsvorbereitung ganz zu schweigen.

In den DDR-Medien spielte zwar das Einhämmern von undifferenzierten Feindbildern – die andern sind die nur Bösen, wir die nur Guten! – eine wichtige Rolle: Aber Kriegshetze kam nicht vor, zu keinem Zeitpunkt. Unsere Anwürfe richteten sich auch nie gegen andere Völker – sondern vor allem gegen Regierungen kapitalistischer Staaten, Hintermänner, Handlanger und Repräsentanten.

Ein Eklat im Jahr 1988

Ich habe als Genosse im DDR-Rundfunk auch keinen Schädelbasisbruch erlitten, halte dennoch eine meiner Beulen für erwähnenswert, weil symptomatisch.

Für die am 5. September 1988 ausgestrahlte Sendung Mensch, Mensch – brauche ich ein Vorbild? hatte ich nicht nur ein langes Gespräch geführt mit dem prominenten Psychologen und Buchautor Professor Reiner Werner, (23) sondern auch mehrere handverlesene Abiturienten interviewt: allesamt sehr DDR-identifiziert, einer wollte sogar NVA-Offizier werden. Sie teilten neben vielem anderen mit, dass der unter Hitler ermordete KPD-Chef Ernst Thälmann, (24) wie er in den DDR-Medien dargestellt wurde, für sie kein Vorbild sein könne, denn – so ihre Begründung – einen derartig fehlerlosen Menschen könne es doch gar nicht gegeben haben. (25) Das war eine ehrliche und völlig berechtigte Kritik an unserem oftmals erschreckend schönfärberischen Umgang mit Personen, die wir zu Säulenheiligen umfunktioniert hatten.

Doch nachdem die Kritik der Jugendlichen von einer Westberliner Zeitung, also „vom Gegner“, zustimmend aufgegriffen wurde, kam es zum Eklat. Sämtliche Abteilungen des DDR-Rundfunks mussten sich in extra dafür anberaumten Sitzungen die Sendung anhören, mit der Vorgabe, sich davon zu distanzieren. Was sie auch taten. Meine Chefin wurde strafversetzt, ich vor ein 12-köpfiges Gremium geladen, in dem offenbar zur Debatte stand, mich aus Rundfunk und SED hinauszuzuschmeißen. Dass mir das erspart blieb, lag vermutlich vor allem am Eingreifen meines nun ebenfalls politisch gefährdeten Gesprächspartners Reiner Werner.

Autoritäre Patriarchen

Es kann gut sein, dass dieser „Vorfall“ auch im Politbüro Erwähnung fand. Denn die Staats- und Parteiführung mischte sich bei Bedarf – und der Bedarf war riesig – in nahezu alles ein. Als oberste Marx-Engels-Lenin-Ausdeuter wussten sie natürlich fast alles besser, agierten als Gralshüter und Tugendwächter mit vermeintlich unumschränkten Kompetenzen.

Da wurde dann eben mal 1968 die Umarbeitung einer Aufführung von Goethes „Faust“ am Deutschen Theater angeordnet, nicht zuletzt, weil Faust dort unzureichend als „positiver Held“, als instinktiver Sozialist dargestellt wurde. (26) Diverse wichtige und gute DEFA-Spielfilme wurden verboten – darunter ein so herausragendes Werk wie die Verfilmung von Erik Neutschs Roman „Spur der Steine“ mit Manfred Krug, (27) ein Film, den ich heute noch verschenke, um mein Lebensgefühl in der DDR einfühlbarer zu machen. Pinselstriche von Malern wurden diffamiert, weil sie angeblich nicht dem „sozialistischen Realismus“ entsprachen – ein ausgesprochen schwammiger und ausdeutbarer Begriff.

Dass es am Berliner Ensemble schwierig war, Karten zu bekommen für ein Theaterstück von Michail Schatrow, lag auch daran, dass dort Lenin in den Mund gelegt wurde, ein Maler dürfe tatsächlich etwas derartig Realitätsfremdes auf die Leinwand bringen wie – so der Titel des Stückes – „Blaue Pferde auf rotem Gras“. (28)

Überhaupt hatten es ja viele DDR-Bürger – notgedrungen – perfektioniert, Kritisches „zwischen den Zeilen“ herauszulesen oder herauszuhören. Denn „in den Zeilen“ kam es kaum vor.

Schreckgespenst DDR

DIESE Missstände, die in der DDR übliche Unterdrückung von Individualität, die Gängelei, Kontrolle, Bevormundung, Schönfärberei und mediale Gleichschaltung sind leider tatsächlich gut geeignet, um die DDR als Schreckgespenst erscheinen zu lassen.

Insoweit ist es nachvollziehbar, dass Menschen, die ihr DDR-Bild vielleicht aus Leitmedien, Schulbüchern oder von der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ übernehmen, Angst haben vor einer DDR 2.0.

Nun zur Kehrseite: Was lässt sich an Argumenten ins Feld führen gegen die DDR-2.0-These?

Die BRD als kapitalismusfreie Zone

Egal, ob man meint, in der DDR habe es „richtigen Sozialismus“ gegeben, eines ist schwerlich zu leugnen: Sie war ein nicht-kapitalistischer Staat. Kapitalistische Ausbeutung wurde nach Kriegsende sofort massiv beschränkt, später völlig beendet. Würden wir hierzulande zur DDR-Kopie, hieße das dementsprechend: Die BRD ist gerade dabei, den Kapitalismus abzustreifen. Eine lachhafte Vorstellung.

Nach 1945 gab es zwar eine gesamtdeutsche Diskussion darüber, selbst bei der CDU/CSU, ob man vom Kapitalismus als Grundlage von Faschismus und Krieg wegkommen müsse. Doch in den westlichen Landesteilen wurden diese Ansätze durch die Westmächte torpediert. (29)

Aktuell spitzt sich die Umverteilung des Reichtums, damit auch von Macht zugunsten Superreicher in nie gekannter Weise zu. Superreiche sind letztlich immer Besitzer von „Kapital“. Der OXFAM-Bericht vom Januar 2026 hält fest: In der BRD ist die Zahl an Milliardären 2025 um ein Drittel gestiegen, auf 172. Einer davon verdient in weniger als anderthalb Stunden das Jahreseinkommen eines Durchnittsbürgers. Gleichzeitig lebt hier ein Fünftel der Menschen in Armut. (30)

Antifaschistisches (West)Deutschland?

Egal auch, was man an der DDR bemängelt, sie war Zeit ihres Bestehens ebenfalls ein antifaschistisch ausgerichteter Staat. Zunächst von der Sowjetunion vorgegeben und gefördert, wurde Antifaschismus 1949, mit DDR-Gründung, zur Staatsräson.

Zu glauben, auch der BRD-Staat habe jemals antifaschistischen Charakter gehabt, wäre grotesk. Ehemalige höhere NS-Beamte konnten es bis zum Bundeskanzler bringen, zu Ministerposten und Geheimdienst-Chefsesseln sowieso. (31) Dass sich die Zahl von Altnazis in Führungspositionen inzwischen verringert hat, dürfte deren altersbedingtem Aussterben geschuldet sein – jedenfalls keiner irgendwann nachgeholten politischen Säuberung.

Auch wenn heute regierungsamtlich gefordert wird, gegen die AfD mobil zu machen, geht es nicht um Antifaschismus, sondern darum, eine Umverteilung der Macht zu verhindern. Faschismus ist nicht zuletzt ein Synonym dafür, Völker in kriegerischer Weise aufeinander zu hetzen. Schaut man sich an, wer Entsprechendes vertritt und zu verantworten hat, sind das in allererster Linie die Regierungsparteien. (32) Schon seit 2014 ist es zudem unhinterfragter Bestandteil deutscher Außenpolitik, mit ukrainischen Neonazis zu kooperieren, inzwischen auch längst, sie mit Waffen zu beliefern.

Aber es ist doch immer wieder zu lesen, in der DDR seien „rechte“ Haltungen stärker verwurzelt gewesen als in der BRD ... (33) Das Gegenteil trifft zu – und lässt sich wissenschaftlich belegen.

Psychische Altlasten

Die seelischen Deformationen, die Faschismus, Krieg, Kaiserreich und jahrhundertelange patriarchal-autoritäre Verhältnisse hinterließen, lösten sich durch die Kapitulation Hitler-Deutschlands nicht in Luft auf. Die psychischen Strukturen der Menschen waren am 9. Mai 1945 immer noch dieselben wie am 7. Mai. Abgesehen davon, dass zahlreiche NS-Verbrecher aus dem Osten in den Westen übersiedelten, hatten beide Landesteile in dieser Hinsicht die gleiche Ausgangsbasis.

Für die BRD ergaben Forschungen immer wieder „ein stabiles Potential“ an Antisemitismus. Die Zahlenangaben schwanken; es ist oft von 15 % eindeutigen und 30–40 % latenten Antisemiten die Rede. (34) 1979/80 durchgeführte Untersuchungen ermittelten bei 13 % der Befragten ein „geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild“. (35)

Über die DDR ist zu sagen, dass der offizielle Anspruch, faschistoide Einstellungen in der Bevölkerung völlig überwunden zu haben, nicht zutraf. Was insofern kein Wunder war, als psychische Faktoren in der DDR sträflichst vernachlässigt wurden.

Ob insgeheim – vielleicht von der Staatsicherheit – kontinuierlich empirische Sozialforschung betrieben wurde zu solchen Einstellungen, ist mir nicht bekannt. Zumindest aus dem Jahr 1965 ist eine aufschlussreiche Untersuchung erhalten geblieben. Knapp 90 Prozent der befragten DDR-Bürger sprachen sich damals gegen eine Verjährung von NS-Verbrechen aus. Die Verurteilung dieser Verbrechen korrespondierte mit der Bewertung des Kriegsendes: Auf die Frage, ob der 8. Mai 1945 als Tag der Niederlage oder der Befreiung empfunden werde, antworteten 91 Prozent, für sie sei es der Tag der Befreiung. (36) Das dürfte rechtsextremistische Einstellungen ausschließen.

Nun weiß ich nicht, wie beim Befragen genau vorgegangen wurde, inwieweit vor allem die Anonymität gewahrt blieb. Jahrzehnte später entstandene Daten machen jedoch plausibel, dass dieses Befragungsergebnis weitgehend die Realität widerspiegelte.

Im Anstieg: „rechte“ Orientierungen

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre sah sich das Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung erstmals mit einem „markanten Anstieg […] rechtsextremistischer Orientierungen“ konfrontiert. Das wurde – wie ich meine, zu Recht – auf die vielfältigen, von der DDR-Führung ignorierten Probleme zurückgeführt, die zu einer Erosion der Gesellschaft beitrugen. 1988 ergaben Untersuchungen des Institutes, dass jeder achte 14- bis 18-jährige Jugendliche der Aussage zustimmte, „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“. (37) Die Staatsicherheit ermittelte zu dieser Zeit, dass das „rechte“ Milieu mehr als 15.000, teils gewalttätige Personen umfasste – also etwa 0,09% der DDR-Bevölkerung. (38) Das waren Alarmzeichen.

Doch ohne es zu bagatellisieren oder zu behaupten, beide Messungen hätten exakt dasselbe Phänomen abgebildet: Zwischen 13 Prozent und 0,09 Prozent besteht ebenso ein enormer Unterschied wie zwischen der Aussage, „der Nationalsozialismus hatte auch gute Seiten“ und einem „geschlossenen rechtsextremistischen Weltbild“.

Verordneter Antifaschismus?

Ein oft zu hörender Einwand lautet: „Der Antifaschismus in der DDR war gar nicht echt, sondern nur von oben verordnet!“ Auch das lässt sich widerlegen. Denn ein nur verordneter Antifaschismus hätte spätestens am 3. Oktober 1990 seinen Geist aufgeben müssen. Aber 1992 kam eine BRD-Untersuchung zu folgendem Schluss: Der „Anteil der Ostdeutschen, der sich antisemitisch, rechtsradikal oder ausländerfeindlich äußert“, ist „geringer als der entsprechende Anteil der Westdeutschen. Die Bundesbürger im Osten nehmen die Konsequenzen aus der NS-Vergangenheit für die Gegenwart ernster.“ Unter den Westdeutschen erwiesen sich 16% als Antisemiten, unter den Ostdeutschen 4%. (39)

Das Magazin Spiegel kommentierte, „die meisten früheren DDR-Bürger [haben sich] eine Aversion gegen das NS-Regime bewahrt“. (40) Man muss hinzufügen, dass bei derartigen Untersuchungen meist ganz Berlin zum Osten hinzugeschlagen wird – was das Ergebnis stark zu Ungunsten der Ossis verzerren dürfte.

1994 unterstrich eine forsa-Umfrage noch immer: „Die Befragten aus den neuen Bundesländern zeigen durchgehend eine klarere, kundigere und ablehnendere Haltung zum Nationalsozialismus.“ (41) Etwa zeitgleich kam der Politikwissenschaftler Jürgen Falter zum Ergebnis, „das rechtsextremistische Einstellungspotenzial […] im Westen“ sei „mehr als doppelt so groß wie im Osten.“ (42)

Erst 1998 stellte eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung fest, „dass rechtsextremistische Einstellungen im Osten häufiger anzutreffen waren als im Westen“. (43) Als Hintergrund wurde die zunehmende Desillusionierung beim „Ankommen“ in der immer unsozialer werdenden Marktwirtschaft vermutet.

Doch als eine Leipziger Forschergruppe 2002 ebenfalls damit begann, diese Einstellungen zu erfassen, vertraten im Westen 11,3 Prozent ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ — im Osten hingegen nur 8,1 Prozent. Bis 2016 blieb der „geschlossene Antisemitismus unter Westdeutschen […] fast durchweg verbreiteter als unter Ostdeutschen“. (44) Andere Forscher bilanzierten im selben Jahr, dass sich nun „Ost- und Westdeutsche […] im Ausmaß rechtsextremer Einstellungen kaum“ noch voneinander unterschieden. (45)

Extremismus-Prophylaxe

Wie hat die DDR es geschafft, obwohl 1949 mit derselben geschichtlichen Altlast startend wie die BRD, rechtsextreme Einstellungen im Vergleich zu Letzterer so deutlich – und so nachhaltig – zurückzudrängen?

Eine wichtige Rolle spielte sicherlich das Ausmaß an staatlicher Kontrolle sowie an Ächtung und Bestrafung, die bei „rechten“ Aktionen drohten. Bereits 1964 war in der DDR die Verjährung von NS- und Kriegsverbrechen grundsätzlich aufgehoben worden. (46) In der BRD wurde erst 1979 beschlossen, dass Mord grundsätzlich nicht mehr verjährt – womit unter anderem NS-Morde weiterhin verfolgt werden konnten. (47) Letzteres geschah allerdings weiter äußerst spärlich. (48)

In der DDR waren NS-Verbrechen, auch der Massenmord an den Juden, präsent in Belletristik, Theater, Kino, Fernsehen, Radio und Druckmedien, im Schulunterricht sowieso, wo Besuche ehemaliger Konzentrationslager zum Pflichtprogramm gehörten. Der staatlich verankerte Antifaschismus wurde also durch offensive Geschichtsvermittlung gestützt. (49)

Da sich „rechtsextreme“ Einstellungen oft aus Verelendung und Ausgrenzung speisen, (50) muss sich gegen deren Entstehen auch die – im Vergleich zur BRD – weitaus stärkere materielle Absicherung ausgewirkt haben, die Unmöglichkeit, “in der Gosse“ zu landen sowie die größere soziale Eingebundenheit.

Es gibt einen zusätzlichen Grund, warum sich das antifaschistische Denken und Fühlen in den DDR-Bürgern verankert haben dürfte. Menschen sind von ihren Anlagen her mitfühlende, liebevolle, liebenswerte, pro-soziale, solidarische, friedfertige Wesen. (51) Eine gegen Faschismus, Rassismus und Krieg gerichtete politische Orientierung kommt daher ihrem Wesen, ihrer inneren Natur, ihren gesunden psychischen Bedürfnissen entgegen.

DDR-Charakteristik 

Ich will einige weitere Merkmale des DDR-Systems auflisten, die helfen, die DDR-2.0-These zu beurteilen. (52)

  1. Die weitaus kontinuierlichere und konsequentere Friedenspolitik – und das an der Seite der ebenfalls weitaus friedlicheren Großmacht, der Sowjetunion. Man vergleiche die von den USA initiierten, meist auch von westdeutschen Regierungen flankierten Kriege, Sanktionen, Attentate, Militärputsche, die Millionen von Menschen das Leben kosteten, mit den wenigen militärischen Interventionen der Sowjetunion, die zumal andere Hintergründe hatten.
  2. Keine Verdrängung (oder gar klammheimliche Verherrlichung wie in der BRD) des Angriffskrieges NS-Deutschlands gegen die Sowjetunion mit dessen bis zu 27 Millionen Opfern auf sowjetischer Seite.
  3. Die Unterbindung jeglichen Profitinteresses an Rüstung. Den von den Werktätigen erarbeiteten Mehrwert eignete sich keine Elite an, auch nicht etwa das SED-Politbüro.
  4. Die wesentlich ausgeprägtere Gleichberechtigung der Frauen, inklusive der gleichen Bezahlung für die gleiche Tätigkeit sowie der problemlosen, zügigen und kostenarmen Möglichkeit, sich scheiden zu lassen.
  5. Das umfangreiche Angebot kostenloser staatlicher Kinderbetreuung.
  6. Das kostenlose, für alle Bürger gleichermaßen zur Verfügung stehende Gesundheitssystem, das sich zu keinem Zeitpunkt gegen die Bürger richtete – wie es hierzulande mit dem Alibi der „Corona-Pandemie“ zur brutalen, oft tödlichen Realität geworden ist.
  7. Der allen offenstehende, kostenlose oder gut bezahlbare, republikweite Zugang zu kulturellen Veranstaltungen.
  8. Die im Vergleich zu heute verschwindend geringen Einkommensunterschiede.
  9. Die weitestgehende berufliche Chancengleichheit durch Überwindung bürgerlicher Bildungsprivilegien.

Zudem gab es

  1. In der DDR keine materiellen Existenzsorgen, keinen Konsumterror, keine Obdachlosigkeit, keine Arbeitslosigkeit, keinen Hunger, keine Armut.

Resümee 

Die These, wir befänden uns in einer DDR 2.0 oder bewegten uns auf sie zu, ist nur bei äußerst oberflächlicher oder voreingenommener Betrachtung aufrechtzuerhalten. In ihrem Kern ist sie schlicht: Blödsinn – der meist eine ungerechtfertigte DDR-Diffamierung verbindet mit einer genauso ungerechtfertigten BRD-Idealisierung.

Nicht nur war die Grundlage der DDR ein gänzlich anders gearteter Gesellschaftsentwurf als in der BRD. Sondern auch das reale Leben in der DDR unterschied sich hochgradig – und vielfach positiv – von dem Zustand, in dem wir heute leben, erst recht von den Zuständen, die uns die Herrschenden offenkundig überstülpen wollen.

Wer ernsthaft an die These einer aufkommenden DDR 2.0 glaubt, den bitte ich daher immer, sich damit zu befassen, was DDR 1.0 tatsächlich war. Das in kompetenter Weise beurteilen zu können, hat für diejenigen, die sich für Frieden engagieren, noch einmal eine spezifische Bedeutung. Das will ich abschließend näher erklären.

Die Schwäche der Friedensbewegung

In einer Reihe von Artikeln wird nach Gründen gesucht für die Schwäche der Friedensbewegung im Vergleich zur BRD der 1980er Jahre. Was in diesen Artikeln fast durchweg fehlt, sind angemessenen Bezüge zu psychologischen Aspekten – und zur DDR. Zunächst zur Psyche.

Die autoritären Charakterstrukturen, die uns allen, in Ost wie West, in der Kindheit anerzogen wurden – dem einen mehr, dem anderen weniger – stellen ein grundsätzliches Hindernis dar beim Sich-Aufbäumen gegen Obrigkeiten, also auch gegen staatliche Gewalt. Diese sogenannte Radfahrer-Persönlichkeit, die nach oben buckelt und nach unten tritt, wird aber schon seit ein paar Tausend Jahren herbeisozialisiert. (53) Daher kann sie nicht die Unterschiede erklären zwischen den 80er Jahren und heute. Doch sie spielt mit hinein.

In der DDR hatte man, wenn man sich an die auch für den Friedenskampf vorgegebenen Richtlinien hielt, keine „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufnäher trug, den Staat auf seiner Seite.

Auch in der BRD war es – solange man keine kommunistischen Ideen damit verband – damals viel ungefährlicher, öffentlich für den Frieden einzutreten. Man konnte zum Beispiel wie Wolfgang Niedecken und seine Kölner Band BAP bei der großen Antikriegsdemonstration am 10. Juni 1982 in Bonn auftreten, „Plant uns bloß nicht bei euch ein!“ (54) singen, gleichzeitig mit solchen Songs die LP-Hitlisten anführen und viel Geld verdienen. Versuchen Sie das mal heute!

Dann drohen Ihnen als „Lumpen-Pazifisten“ nicht nur massive Verleumdung und Ausgrenzung, sondern möglicherweise auch Kontoschließungen, Reiseverbote oder gar juristische Verfolgung als Putin-Versteher.

Aber warum war es 1982 ungefährlicher, sich im Westen für den Frieden zu engagieren? Weil es tatsächlich demokratischer zuging. Warum ging es demokratischer zu? Zum einen, weil im Zuge der 1968er Bewegungen die reaktionär-faschistoiden Strukturen der BRD ein Stück weit zu bröckeln begonnen hatten.

Doch zum anderen, weil es das sozialistische Weltsystem zu dieser Zeit noch gab – als ernstzunehmenden Systemkonkurrenten für den kapitalistischen Westen. Um in diesem Kampf der Systeme nicht ins Hintertreffen zu geraten, war es nicht nur wichtig, die BRD-Bevölkerung mit vielen schönen Konsumgütern zu beglücken, sondern ihr auch genügend Spielraum innerhalb der bürgerlichen Demokratiekulisse zu gewähren. Das Vorhandensein von realem Sozialismus, speziell der DDR, machte es also nötig, der BRD-Bevölkerung größere Freiheiten zuzugestehen inklusive des – im Vergleich zu heute – recht risikoarmen Friedensengagements.

Und es kommt auch hier noch etwas hinzu. Die DDR verkörperte trotz aller Verfehlungen und Defizite eine Alternative zur westlichen Gesellschaft; sie war der Beweis, dass es anders, in vielen Aspekten auch besser ging. Man musste nur mal einen Blick über die Mauer werfen, um das festzustellen.

Bewusst oder unbewusst dürften daher jene Hunderttausende, die in den 1980er Jahren im Westen gegen Aufrüstung und Krieg demonstrierten – auch wenn sie sich nicht für „links“ hielten –, registriert haben: Der Kapitalismus mitsamt seinen zum Krieg tendierenden Mechanismen ist grundsätzlich abschaffbar und ersetzbar. Das gestattete, sich Zukunftsvisionen auszumalen.

Genau das fehlt heute.

Ohne Ziel keine Bewegung

Seit um 1990 der „reale Sozialismus“ zusammenbrach, gelten revolutionäre Konzepte als obsolet, griffen Klosprüche um sich wie der vom „Ende der Geschichte“ oder „There is no alternative“. Demonstriert wird daher vorwiegend GEGEN etwas. Das WOFÜR, das WOHIN-STATTDESSEN ging verloren. Dieses Manko durchzieht auch die als alternativ bezeichneten Medien. Dort sind nach meinem Eindruck meist westsozialisierte, eher bürgerlich-konservativ ausgerichtete Menschen tonangebend.

Bei vielen von ihnen geht der ehrliche und mutige Kampf für Frieden und gegen das Zerstören der letzten Demokratiereste einher mit einer Art Sozialismus-Phobie. Vielleicht, weil sie Sozialismus unreflektiert gleichsetzen mit stalinistischem Terror – oder eben mit jenen Klischees, die ihnen genau jener Staat eingetrichtert hat, dessen Lügen sie doch auf anderen Gebieten so klug durchschauen.

Ihre Vorstellungen darüber, was sich verändern sollte, scheinen daher oft auf Nostalgisches fokussiert: „Es soll wieder sein wie vor 2020, als das Grundgesetz noch galt, als die Gesellschaft noch nicht gespalten war …“.

Aber die BRD-Gesellschaft war seit Anbeginn in vielfältiger Weise gespalten, nicht zuletzt in NS-Täter, -Mitläufer und -Opfer, in Oben und Unten, Reiche und Arme, Mächtige und weitgehend Ohnmächtige. Auch die Würde von Menschen wurde hier zu jeder Zeit angetastet, nicht erst seit den „Corona“-Lockdowns. Wer arm war, durfte schon immer unter Brücken pennen.

Ich behaupte daher: Die momentane Schwäche der deutschen Friedensbewegung hängt hochgradig zusammen mit der beschriebenen, negativ verzerrten Sicht auf die DDR, mit der auch unter Friedensbewegten verbreiteten, die Friedensbewegung zugleich spaltenden DDR-2.0-These.

Die seit 1949 anhaltende, auf antikommunistische Nazi-Traditionen aufbauende, von vielen verinnerlichte, seit 1990 immer rabiater werdende DDR-Verteufelung verhindert wahrzunehmen, dass die DDR 40 Jahre als ernstzunehmende Alternative zur BRD existierte. Das blockiert die Anerkennung der Vorteile sozialistischer, nichtkapitalistischer Politikansätze – insbesondere für eine nachhaltige Friedenssicherung. Was wiederum dazu beiträgt, dass keine durchdachten Gegenentwürfe zum Bestehenden, keine plausiblen Zukunftsvisionen angeboten werden, welche die Massen mitreißen und wieder auf die Straße bringen könnten. Wer nicht weiß, wohin er gehen will, muss Schwierigkeiten haben, überhaupt erst loszulaufen.

Also: Braucht die Friedensbewegung, genauer gesagt, brauchen die Friedensbewegten eine verbindende Zukunftsvision? Ja. Dabei geht es nicht darum, ein Dogma zu installieren – sondern die Grundlage für einen möglichst breiten Konsens zu schaffen, der viele heterogene Sichtweisen akzeptiert und integriert.

Existiert eine solche Vision? Nicht dass ich wüsste.

Lässt sich eine solche Vision erarbeiten? Ganz bestimmt – aber nur, wenn sie einen realitätsgerechten Rückblick auf DDR und „realen Sozialismus“ einschließt und die dort gemachten Erfahrungen auswertet. Das bedeutet auch: Ehemalige DDR-Bürger können einen ebenso spezifischen wie unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung der Friedensbewegung leisten, indem sie authentisch über ihr Leben in der DDR berichten.

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Anmerkungen und Quellen

(1) Mehr zu mir: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ueber-mich/.

(2) Siehe u.a.: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ein-marxistischer-psychoanalytiker-juedischer-herkunft-erlebt-das-ende-der-weimarer-republik/.

(3) https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/mensch-du-mensch-mensch-menschenskinder-und-stand-up-hans-joachim-maaz-im-gespraech-mit-andreas-peglau-bei-jugendradio-dt-64/.

(4) Siehe: https://apolut.net/menschen-sind-keine-marionetten-von-andreas-peglau/.

(5) Siehe dazu auch: https://www.nachdenkseiten.de/?p=136088; https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Unthinkable

(6) „Der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes habe vor dessen Gründung 1956 in der Sowjetisch Besetzten Zone, SBZ, und in der früheren DDR extrem erfolgreich Agenten angeworben. ‚[…] Das heißt, bereits in den 1940er Jahren ist damals die Organisation Gehlen in der Lage, weitverzweigte Netze aufzubauen in einem großen geographischen Raum und auch mit einer großen Spannbreite, das heißt es ging nicht nur um Militärspionage, es ging auch um Wirtschaftsspionage, es gab auch Ansätze, auch den Sicherheitsbereich in den Blick zu nehmen.‘ […] 1953 umfasste das Agentennetz mehr als tausend registrierte Zuträger […]. Hinzu kam eine ähnlich hohe Zahl an Mitwissern und Helfern, die Informationen liefern konnten. […] die Bedingungen für Spionage [waren] in der frühen DDR – auch für andere westliche Geheimdienste wie die CIA – besonders günstig: ‚Wir haben offene Grenzen, wir haben Kontakte der Bevölkerung, die sich von keiner Seite vollständig kontrollieren lassen‘“ (https://www.deutschlandfunk.de/geschichte-des-bnd-die-spionage-der-organisation-gehlen-in-100.html).

(7) https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/223686/vor-60-jahren-gruendung-des-bnd/

(8)  https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Gehlen

(9) https://www.deutschlandfunk.de/bnd-bundesnachrichtendienst-nationalsozialismus-ns-taeter-100.html

(10) 1953 wurde Zaisser nach dem Versuch, Walter Ulricht abzulösen, politisch kaltgestellt (https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Zaisser).

(11) Dahn, D. (2009): Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen, Reinbek bei Hamburg, S. 174f.

(12) Zu Bestrebungen, den Patientenschutz wenigstens in der Psychotherapie zu verteidigen: https://kollegennetzwerk-psychotherapie.de/index.php?page=58040971&f=1&i=2068426342&s=58040971

(13) Siehe u.a.: https://www.manova.news/artikel/geschlossene-gesellschaft-2

(14) Mitglieder der Kommunistischen Partei, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und anderer „linker“ Organisationen, die als staatsgefährdend eingestuft wurden, wurden überwacht, zum Teil verfolgt oder inhaftiert. Sie durften – Stichwort „Radikalenerlass“ – lange Zeit nicht Beamte sein, nicht mal als Briefträger.

(15) Rainer Mausfeld schreibt: „Demokratie wird also nur soweit als ‚zulässig‘ angesehen, wie der Bereich der Wirtschaft von demokratischen Entscheidungsprozessen verschont ist – also solange sie keine Demokratie

Ist“ (zitiert in https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wp-content/uploads/2014/09/Rechtsruck-Zweite-Auflage-3-11-17-1.pdf, S. 79). Selbst auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung lässt sich seit 2011 nachlesen: „Das derzeit geltende Wahlsystem zum Deutschen Bundestag weist fundamentale Demokratiedefizite auf. Aus diesem Grund ist eine demokratische Wahlreform überfällig.“ (http://www.bpb.de/apuz/33522/hat-deutschland-ein-demokratischeswahlsystem).

(16) https://www.nachdenkseiten.de/?p=115769

(17) https://www.nachdenkseiten.de/?p=144473

(18) https://de.wikipedia.org/wiki/Spannungsfall

(19) Diverse Details dazu zum Beispiel in Krenz, E. (2025): Verlust und Erwartungen. Erinnerungen, Berlin.

(20) Statut der SED (1976), Berlin.

(21) https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Kuczynski

(22) https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Herrmann_(Politiker,_1928)

(23) https://de.wikipedia.org/wiki/Reiner_Werner

(24) https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Th%C3%A4lmann

(25) https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/mensch-mensch-brauche-ich-ein-vorbild-dt-64-sendung-vom-5-10-1988/

(26) Böhm, G. (2015): Vorwärts zu Goethe? Faust-Aufführungen im DDR-Theater, Berlin, S. 149–176.

(27) https://de.wikipedia.org/wiki/Spur_der_Steine; https://de.wikipedia.org/wiki/Spur_der_Steine_(Film)

(28) https://de.wikipedia.org/wiki/Blaue_Pferde_auf_rotem_Gras

(29) Dahn 2009 (wie Anm. 11), S. 37–48.

(30) https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2026-01-19-so-schnell-nie-so-gross-nie-milliardaersvermoegen-erreichen

(31) „Im Tagesspiegel vom 11. Februar 2020 [verweist] Caroline Fetscher […] auf im Dritten Reich verwurzelte ‚Kontinuitäten in fast allen Bereichen der [west!]deutschen Gesellschaft, in Konzernen, Behörden, im Bildungswesen, der Medizin, dem Militär und im Kulturbetrieb‘. […] Etwa ‚65 hohe Funktionsträger der CDU, 20 der CSU und 35 Politiker der FDP waren‘, so Fetscher weiter, ‚Mitglieder der NSDAP, ehe sie ihre Ämter in der bundesrepublikanischen Demokratie antraten, als Bürgermeister, Landtagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete, Fraktionsvorsitzende, Ministerpräsidenten, stellvertretende Ministerpräsidenten und hochrangige Diplomaten.‘ Caroline Fetscher benennt drei weitere prominente Fälle: Hans Globke, Mitverfasser der Nürnberger ‚Rassegesetze‘ und bis 1963 Kanzleramtschef unter Konrad Adenauer, Kurt Georg Kiesinger, Bundeskanzler von 1966 bis 1969, stellvertretender Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt des NS-Staates sowie Hans Filbinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg bis 1979. Letzterer ‚fällte als Marinerichter noch Ende des Zweiten Weltkriegs Todesurteile gegen Deserteure‘“ (https://www.manova.news/artikel/die-schattentrager). Nicht nur in Bezug auf prozentuale Anteile ehemaliger NSDAP-Mitglieder in Bundestag und Volkskammer, sondern auch in Bezug auf deren jeweilige Verstrickung bestanden gravierende Unterschiede: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren. Weitere Informationen: Dahn, D. (2019): Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit – eine Abrechnung, Reinbek bei Hamburg, S. 89–144.

(32) Siehe auch: https://apolut.net/lebensbejahend-lebensfeindlich-eine-alternative-zur-links-rechts-einteilung/.

(33) So war in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „Das braune Erbe der DDR“ zu erfahren: „Ostdeutschland hat ein Problem mit dem Rechtsextremismus. Wissenschaftler finden dafür eine Erklärung im System der DDR.“ (https://www.fr.de/politik/braune-erbe-11707837.html).

(34) https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_des_Antisemitismus_seit_1945

(35) Stöss, Richard (2010): Rechtsextremismus im Wandel, Berlin, S. 61.

(36) Niemann, H. (1995): Hinterm Zaun. Politische Kultur und Meinungsforschung in der DDR – die geheimen Berichte an das Politbüro der DDR, Berlin, S. 65–69.

(37) Friedrich, W. (2001): Ist der Rechtsextremismus im Osten ein Produkt der autoritären DDR? (https://www.bpb.de/system/files/pdf/HRDB0X.pdf), S. 19, 21f. Ausführlicher: Friedrich, W. (2002): Rechtsextremismus im Osten. Ein Resultat der DDR-Sozialisation? Leipzig (https://sachsen.rosalux.de/fileadmin/ls_sachsen/dokumente/Publikationen/Einzelpublikationen/Friedrich__Walter__Rechtsextremismus_im_Osten._2002._119_S..pdf).

(38) http://www.zeit.de/2012/08/DDR-Nazis/ Die DDR-Bevölkerung umfasst 1988 etwa 16,5 Millionen Menschen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/249217/umfrage/bevoelkerung-der-ddr/

(39) Stöss 2010 (wie Anm. 37), S. 62f.

(40) Ebd., S. 63f.

(41) Ebd.

(42) Ebd.

(43) Ebd.

(44) Decker, O./ Brähler, E. (Hrsg.) (2018): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft, Gießen, S. 84.

(45) Zick, A./ Küpper, B./ Krause, D. (2016): Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016, hg. von Melzer, R., Bonn, S. 130.

(46) Dementsprechend hieß es im Verfassungsartikel 91 der DDR: „Die allgemein anerkannten Normen des Völkerrechts über die Bestrafung von Verbrechen gegen den Frieden, gegen die Menschlichkeit und von Kriegsverbrechen sind unmittelbar geltendes Recht. Verbrechen dieser Art unterliegen nicht der Verjährung“ (https://www.verfassungen.de/ddr/verf68-i.htm)

(47) https://de.wikipedia.org/wiki/Verj%C3%A4hrungsdebatte

(48) http://www.michael-greve.de/strafen.htm

(49) Ausführlich dazu: Dahn, D. 2019 (wie Anm. 31), S. 145–182. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Bilder_des_Zeugen_Schattmann; Pätzold, K. (2010): Die Mär vom Antisemitismus, Berlin. Antisemtische Aspekte der SED-Politik bis 1967 diskutiert Mario Keßler: https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/912/file/ke%C3%9Fler_sed_juden_repression_toleranz_1995_de.pdf, Zusammenfassung S. 149–151.

(50) https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wp-content/uploads/2014/09/Rechtsruck-Zweite-Auflage-3-11-17-1.pdf, S. 81–84.

(51) https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wir-sind-keine-geborenen-krieger-zu-psychosozialen-voraussetzungen-von-friedfertigkeit-und-kriegstuechtigkeit/

(52) Für Belege der folgenden zehn Punkte siehe die genannten und weitere Bücher von Daniela Dahn sowie (auto)biografische Werke ehemaliger DDR-Bürger, die zum Beispiel im Verlag Neues Leben erschienen sind: https://www.eulenspiegel.com/buecher/neues-leben.html?start=0. Einen kurzen Überblick bietet Roesler, J. (2013): Geschichte der DDR, Köln. Zu den US-Verbrechen nach 1945 siehe zum Beispiel: https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba; https://de.wikipedia.org/wiki/Salvador_Allende; https://de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg; https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Ajax. Zu den Toten durch Sanktionen: https://www.telepolis.de/article/Millionen-Tote-fuer-Demokratie-und-Freiheit-9191381.html?seite=all.

(53) Siehe: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/vom-nicht-veralten-des-autoritaeren-charakters/

(54) Erschienen auf der LP „Vun drinne noh drusse" (1982) (https://bap.de/songtext/zehnter-juni/

(Letzte Internetabfrage 4.4.2026)

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Madame Toussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin: Abbildung von Erich Honecker (von 1976-1989 Staatsratsvorsitzener der DDR)

Bildquelle: Anton_Ivanov / shutterstock

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Menschen sind keine Marionetten | Von Andreas Peglau

23. März 2026 um 14:59

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Menschen sind keine Marionetten | Von Andreas Peglau

Eine Utopie, die über Karl Marx hinausgeht – und deren Verwirklichung heute Abend beginnen kann

Ein Meinungsbeitrag von Andreas Peglau.

Wenn wir mit guten Anlagen auf die Welt kommen, müssen wir nur eines tun: dafür sorgen, dass sich diese Anlagen entfalten. Dann werden wir unweigerlich ein diesen Anlagen gemäßes, also ebenfalls gutes, Gemeinwesen errichten. Wer und was sollten uns dann noch daran hindern?

Es gibt, trotz all ihrer Defizite, keine umfassendere und gründlicher ausgearbeitete Gesellschaftsauffassung als die auf Friedrich Engels und Karl Marx zurückgehende. Sie enthält den detaillierten Nachweis, dass Ausbeuterordnungen wie die kapitalistische zutiefst ungerecht, inhuman und notwendigerweise undemokratisch sind. Seit um 1990 das von der Sowjetunion geführte sozialistische Weltsystem zu Grabe getragen wurde, gelten „linke“, nichtkapitalistische Gesellschaftsentwürfe dennoch zumeist als erledigt. Mein Vorschlag ist, sie stattdessen ganzheitlich zu vervollständigen und grundlegend zu revidieren.

Davon, wie eine bessere Gesellschaft zu erlangen und zu gestalten sei, hatten Marx und Engels nur recht allgemeine, unausgegorene Vorstellungen. Im Glauben an ein vermeintliches Primat der Ökonomie bekämpften sie jede davon abweichende Sichtweise. Während ihre Lehre immer „ökonomistischer“ wurde, verschwand in ihr das, was das Wesenhafteste am Menschen ist: die Psyche.

In dem Beitrag Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten, (1) habe ich diesen Sachverhalt 2024 ausführlich dargelegt. Im nun vorliegenden Text nehme ich den Faden noch einmal auf: Wie kommen wir zu einer menschenwürdigen Gesellschaftsordnung?

Ich teile die Hoffnung von Marx und Engels auf ein weltumspannendes, klassenloses Gemeinwesen, in dem „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ und in der gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. (2) Doch dahin zu gelangen ist nur möglich, wenn endlich erforscht und einbezogen wird, was genau ein freies Individuum auszeichnet, welche einzelnen Bedingungen es benötigt, um frei zu sein, über welche Fähigkeiten Menschen verfügen und welche – gesunden! – Bedürfnisse sie motivieren. 

Das Fundament

Dass die antipsychologische Haltung von Marx und Engels (3) im „realen Sozialismus“ nie konsequent hinterfragt wurde, trug maßgeblich zu dessen Scheitern bei. Noch heute wollen Marxisten (4) zumeist „den Menschen“ befreien ohne sich zu fragen, wer der Mensch überhaupt ist, beabsichtigen sie, eine Gesellschaft zu erbauen, ohne sich um deren Fundament zu scheren.

Was ist dieses Fundament? Eben keine angeblich unabhängig vom Menschen waltenden „ökonomischen Naturgesetze“, (5) wie sie Marx zu erblicken glaubte. Solche Gesetze existieren nicht. Wirtschaft wird nicht von außermenschlichen Wesenheiten gemacht, sondern von realen, konkreten Individuen. (6) Und genau diese sind das Fundament jeglicher Gesellschaft. (7)

Die Bezeichnung „Individuen“ weist darauf hin, dass jeder und jede von ihnen einmalig und einzigartig ist. Doch ihre Gemeinsamkeiten verbinden sie. Dazu gehören nicht nur biologisch-anatomisch-physiologische Gegebenheiten. Sondern auch psychische Anlagen und Grundbedürfnisse. Erich Fromm vermerkte dazu: Selbst die volle Befriedigung jener „Bedürfnisse, die der Mensch mit dem Tier gemeinsam hat – Hunger, Durst und das Bedürfnis nach Schlaf und sexueller Befriedigung – […] gewährleistet noch nicht die geistige und seelische Gesundheit. Diese hängt von der Befriedigung jener Bedürfnisse und Leidenschaften ab, die spezifisch menschlich sind“. (8)

Es ist heute eine weitgehend akzeptierte These, für sämtliche Vertreter des seit mindestens 300.000 Jahren existierenden Homo sapiens (9) eine „psychische Einheit“, also im Prinzip gleichartige seelisch-geistige Anlagen und Strukturen anzunehmen. „Ein Mensch, der von Elefantenjagd oder Sammeln von Lotusknospen lebt, kann“, schreiben der Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow, „genauso analytisch, kritisch, skeptisch und einfallsreich sein […], wie jemand, der sein Geld als Kraftfahrer oder Wirt verdient oder einen universitären Fachbereich leitet“. (10)

Nur aus möglichst exakter Kenntnis dieser Gemeinsamkeiten ließe sich ableiten, welche sozialen Strukturen die für Menschen angemessenen sind. Ein tauglicher Gesellschaftsentwurf braucht ein reales, wissenschaftlich fundiertes Menschenbild als Grundlage. (11)

Einen solchen Entwurf gibt es nicht. Das liegt nicht mehr daran, dass zu wenig Wissen vorliegt. Sondern, dass dieses von vielen Menschen, Völkern und aus vielen Zeitaltern stammende interdisziplinäre Wissen nicht zusammengeführt wird.

Geniale Querdenker

Wie kommen wir auf die Welt, dumm und asozial? Ganz im Gegenteil. In der Säuglingsforschung häufen sich Belege dafür, „dass das kindliche Gehirn zu Beginn des Lebens für die Verarbeitung einer größtmöglichen Vielfalt von Reizklassen ausgestattet“ und der Mensch „ein von Geburt an lernfähiges, in Interaktion stehendes Individuum“ ist. (12)

Eine 1968 mit 1600 Kindern begonnene Langzeitstudie unterstrich diesen Sachverhalt – und zeigte zugleich, wie es weitergeht mit unserem geistigen Vermögen. Im Fokus der Studie stand „Genialität“ – verstanden als Fähigkeit, auf eine einzige Frage viele verschiedene, auch widersprüchliche Antworten zu finden, nicht linear und eindimensional, sondern schöpferisch, vernetzt zu denken, man könnte auch sagen: quer zu denken. Als auf diese Weise „genial“ konnten im Alter von drei bis fünf Jahren 98 Prozent der getesteten Kinder eingestuft werden. Schon fünf Jahre später, im Alter von acht bis zehn Jahren, war ihr Anteil auf 32 Prozent gefallen. Weitere fünf Jahre danach gab es unter den nun 13–15-Jährigen nur noch zehn Prozent „Genies“. Das lag immerhin klar über den Resultaten einer Kontrollgruppe von 200.000, mindestens 25 Jahre alten Erwachsenen: Gerade einmal zwei Prozent von ihnen hatten sich ihre „Genialität“ bewahrt. (13)

Das übliche „Hineinwachsen“ in die üblichen Sozialstrukturen erweitert also die Möglichkeiten individueller (und gesellschaftlicher!) Entwicklung in erster Linie nicht, sondern schränkt sie vor allem massiv ein. (14) Wir erleiden einen dramatischen Verlust an intellektuellen Potenzen und kreativen Gestaltungsmöglichkeiten, damit auch an gesundem Selbstvertrauen.

Und wie steht es mit der Fähigkeit und Bereitschaft zu sozialem Fühlen, Denken und Handeln: Muss sie uns erst beigebracht werden? Davon kann ebenfalls keine Rede sein. Schon vor der Geburt interagieren wir mit unseren Müttern. (15) Auf die Welt gekommen, stellen wir uns mit allen Sinnen auf sie ein, wollen sie riechen, noch immer ihren Herzschlag und ihre Stimme hören, brauchen Blick- und Hautkontakt zu ihnen, reagieren intensiv auf ihren emotionalen Zustand, sind ebenso beziehungsbedürftig wie beziehungsfähig. (16) Drei Monate alte Säuglinge „zeigen Mitgefühl“, können „zwischen gutem und bösem Verhalten unterscheiden“. (17) Kleine Kinder verfügen über Gerechtigkeitssinn, (18) „trösten andere bei Kummer“, (19) sind in der Lage, „Ziele gemeinsam mit anderen zu entwickeln“ und motiviert, „anderen zu helfen und mit ihnen zu teilen“. (20) Untersuchungen verschiedener Wissenschaftsrichtungen stützen diese Befunde. (21)

Falsch ist deshalb auch die Vorstellung von Marx und Engels, wir seien, was das Geistig-Seelische betrifft, leere Blätter, auf welche die Gesellschaft irgendwie ihren Text schreibt, hohle Gefäße, die von den Maximen der Wirtschaft abgefüllt werden. (22)

Der gute Kern … 

Wir kommen also nicht nur „genial“ auf die Welt, sondern auch gut: Menschen sind von ihren Anlagen her sensible, kontaktfreudige, mitfühlende, liebevolle, liebenswerte, neugierige, wissbegierige, kreative, prosoziale Wesen. Wir besitzen eine Art „guten Kern“. (23) Dabei handelt es sich nicht um etwas Passives, das erst wie Dornröschen aus dem Tiefschlaf geküsst werden müsste.

Unsere Anlagen streben aktiv und energisch danach, sich zu verwirklichen. (25) Wie die Wurzeln von Bäumen nach Wasser und Nährstoffen, ihre Blätter nach Licht suchen, (25) suchen unsere Potentiale nach Entfaltungsmöglichkeiten. Wir wollen unserer inneren Natur gemäß leben, mit uns selbst, anderen Menschen und der äußeren Natur angemessen umgehen, unvermeidbare Konflikte konstruktiv lösen. Gelingt das, macht es uns friedlich, zufrieden, (26) vielleicht glücklich, dient zugleich der Selbst- und Arterhaltung.

… wird verschüttet … 

Doch seit mehreren Jahrtausenden wird der gute Kern zunehmend durch oft als „patriarchalisch“ bezeichnete Sozialstrukturen (27) unterdrückt, werden die psychisch recht heil auf die Welt kommenden Menschen (28) so kaputt gemacht, dass sie zu diesen Strukturen passen. (29) Deren hierarchischer Aufbau, die Spaltung in machtvolle Herrscher und entmächtigte Untertanen, spiegeln sich in den Individuen wider: Ihre seelischen Anlagen werden zu Machtgier und Unterwürfigkeit, zum „autoritären Charakter“ verzerrt, der nach oben buckelt und – wenn er kann – nach unten tritt. (30)

Das geht einher mit Gehirnwäsche und Gefühlsunterdrückung. Die Herrschenden meinen, ihre Herrschaft sei notwendig und berechtigt. Damit die Untertanen diesen Unfug akzeptieren, müssen deren geistige und seelische Kompetenzen sowie deren emotionale Sensibilität frühzeitig beschnitten werden. Kinder, so beschrieb es Wilhelm Reich 1933, durchliefen daher zunächst „den autoritären Miniaturstaat der Familie, […] um später dem allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen einordnungsfähig zu sein. Dies mache sie „ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, im bürgerlichen Sinne brav und erziehbar“. (31) Wer diesen Prozess durchlitten hat, erinnert sich kaum noch daran, dass er zu Selbstbestimmtheit fähig ist, glaubt (Ver-)Führer zu benötigen, die ihm sagen wo‘s langgeht, hat, wie es Erich Fromm nannte, „Furcht vor der Freiheit“. (32)

Weil die dabei entstehende gesunde Wut auf drangsalierende Autoritäten sich nicht offen zeigen kann – wer darf schon Vater, Mutter, Lehrern, später Chefs gegen‘s Schienenbein treten –, staut sie sich allmählich an zu zerstörerischem Hass. Die meisten Erwachsenen sind, ohne es zu wissen, psychosoziale Zeitbomben, somit unbewusst empfänglich für Kriegshetze und verwendbar für Kriegsführung. Wilhelm Reich formulierte es so: Dass der psychisch deformierte Mensch entgegen seinen Lebensinteressen „handelt, fühlt und denkt“, bilde „ein wesentliches Stück der massenpsychologischen Grundlage desjenigen Krieges (…), der von einigen wenigen aus imperialistischen Interessen insceniert wird“. (33) 

… und bleibt lebendig

Allerdings gibt es inzwischen eine Vielzahl von Menschen, die diese Schädigungen bei sich erkennen und auf verschiedene Weise, nicht zuletzt psychotherapeutisch, daran arbeiten, sie loszuwerden. Unser verschütteter Kern bleibt lebendig, kann lebenslang freigelegt werden. Es ist nicht möglich, sämtliche uns zugefügte Störungen restlos auszuheilen. Doch wir können uns dem Zustand seelischer Gesundheit wieder deutlich annähern.

Und: Jedes Neugeborene bringt das Potential für einen Neuanfang mit auf die Welt. Auch wenn sich in Gesellschaften wie der unsrigen dieses Potential nicht unbeschadet durchs Aufwachsen hindurch retten lässt: Kinder sind im Vergleich zu Erwachsenen nicht nur die intelligenteren, sondern auch die besseren Menschen. Dürften die gegenwärtig Fünf- bis Zehnjährigen darüber abstimmen und entscheiden, ob das in der BRD erwirtschaftete Geld weiter hochgradig für Aufrüstung, Kriegshetze und Kriegsvorbereitung ausgegeben werden soll oder für ein konstruktives, friedliches, verständnis-, im Idealfall liebevolles Zusammenwirken in Familie, Kindergarten, Schule, Beruf, Gesellschaft und zwischen den Völkern: Wir wären umgehend gerettet vor der hausgemachten Kriegsgefahr.

Die Erwachsenen jedoch wählen heute wieder einmal mehrheitlich kriegsgeile Regierungsparteien. In der Bibel wird Jesus der Satz in den Mund gelegt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nie ins Himmelreich kommen.“ (34) Aktualisiert muss es wohl heißen: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr umkommen.“

(K)eine einfache Lösung 

Das von mir skizzierte Menschenbild ermöglicht einen vielleicht überraschenden aber logischen Schluss. Wenn wir diese guten Anlagen besitzen, müssen wir im Grunde nur eines tun: dafür sorgen, dass sie sich entfalten können.Schaffen wir das, werden wir unweigerlich ein diesen Anlagen gemäßes – also ebenfalls gutes – Gemeinwesen errichten. Wer und was sollten uns dann noch daran hindern?

Das bedeutet nicht, dass der Weg dorthin leicht sein wird.

Festzuhalten ist: Es geht hier um einen gänzlich anderen Ansatz als um die Erwartung, Fortschritt entstünde durchs Wirken „ökonomischer Naturgesetze“, die nur erkannt und beachtet werden müssten.

Begründete Hoffnung auf die Realisierbarkeit eines derartigen Gemeinwesens lässt sich stattdessen aus der Menschheitsgeschichte schöpfen.

1848 findet sich zu Beginn des Kommunistischen Manifestes der Satz: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ (35) Als Engels diese Schrift 1888 wieder herausgab, lagen neue Funde zur Anthropogenese vor. Nun versah er den Satz mit der lapidaren Fußnote: „Das heißt, genau gesprochen, die schriftlich überlieferte Geschichte“. (36) Auch nach damaligem Kenntnisstand war das eine extreme Einschränkung. Heute wissen wir, dass die Anfänge von Schrift etwa 5.300 Jahren zurückreichen. (37) Für die Menschwerdung werden zumeist sechs Millionen Jahre veranschlagt. Nach Engels‘ Diktum hieße das: Klassen kämpften in weniger als 0,01 Prozent der Menschheitsentwicklung miteinander. Oder, wenn wir die 300.000 Jahre des Homo sapiens zugrunde legen: in weniger als zwei Prozent von dessen Existenz. (38)

Tatsächlich erbrachten archäologische und anthropologische Forschungen für fast die gesamte Menschwerdung keine Hinweise auf das Vorhandensein von institutionalisierter Unterdrückung, Ausbeutung, Staaten, Klassen oder Krieg. Im Gegensatz zur menschlichen Psyche ist all das – zeitlich betrachtet – absolut marginal.

Es liegen zwar auch für die Urzeit Indizien vor für zwischenmenschliche Gewalttaten; die früheste wird auf ein Alter von circa 430.000 Jahren datiert. (39) Doch nachdem der Archäologe Harald Meller, der Historiker Kai Michel und der Evolutionsbiologe Carel van Schaik die gesamten drei Millionen Jahre seit Aufkommen der Gattung Homo durchforstet, „dabei keine bedeutende Spur […] ausgelassen haben“, bilanzieren sie:

„Es gibt nicht einmal eine Handvoll Belege für die absichtliche Tötung von Menschen.“ (40)

Selbst wenn es sich bei diesen Tötungen um Morde gehandelt haben sollte, was in Ermangelung von Augenzeugenberichten nie zu klären ist: Ein Mord ist kein Krieg. Harald Meller und seine Co-Autoren merken zudem an: 

„Sucht man nach prähistorischen Belegen für Krieg, Mord und Totschlag, entdeckt man stattdessen Indizien von Pflege und Fürsorge. Der paläoarchäologische Befund bezeugt: Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen und unterstützt, ansonsten wären viele Verletzungen einem Todesurteil gleichgekommen.“

Als Beispiel führen sie einen, ebenfalls vor circa 430.000 Jahren verstorbenen Neandertaler an, der „an einer ganzen Reihe von degenerativen Krankheiten, Traumata, einer Verkürzung des rechten Armes und wohl Blindheit des linken Auges sowie massiver Schwerhörigkeit“ litt, dennoch ein Alter von „vierzig bis fünfzig Jahren“ erreichte – was nur bei „tägliche[r] Unterstützung“ seiner Gruppe inklusive Wundbehandlung denkbar war. (41) Erst vor circa 7.000 Jahren entstanden Massengräber, die von Fachleuten weitgehend übereinstimmend als Beleg kriegerischer Massaker eingestuft werden. (42) Die Bildung von Staaten setzte vor rund 6.000 Jahren ein. (43)

Friedlich und solidarisch miteinander umzugehen, scheint also die anthropogenetische Normalität zu sein.

Grenzen bürgerlicher Ordnung

Die Veränderungen, die nötig sind, damit sich diese Normalität wieder einstellt, durchziehen sämtliche Lebensbereiche: Familie, Schule, Beruf, Partnerschaft, Sexualität, Kunst, Kultur, Politik, Ökonomie, Ökologie … Das stößt früher oder später an die Grenzen bürgerlicher Ordnung. (44) Kapitalismus (45) braucht autoritär strukturierte, in Selbstwert, Beziehungs- und Solidarisierungsfähigkeit gestörte Untertanen, die sich verdummen, ausbeuten, entzweien, unterdrücken und in Eroberungskriege schicken lassen.

Die dafür benötigten seelischen Deformationen werden massenhaft hergestellt, systematisch herbeisozialisiert. (46) In der BRD kommt heute fast jedes dritte Kind fremdbestimmt, per Kaiserschnitt zur Welt: mehr als eine Verdopplung seit 1993. (47) „Andere entscheiden über dich“ wird damit bereits zum Begrüßungsmotto und Vorgeschmack aufs Kommende: normgerechtes Sich-Unterordnen unter Eltern, Erzieher, Lehrer, Chefs, Ärzte, staatliche Institutionen, Regierung und Profitinteressen. Damit sich menschliche Potentiale umfassend verwirklichen können, ist die Umwälzung kapitalistischer Macht- und Eigentumsverhältnisse unverzichtbar.

Ökonomie reicht nie

Doch so wesentlich das ist: Wie die vom Terrorregime Josef Stalins frühzeitig kontaminierte Geschichte des „realen Sozialismus“ und schließlich dessen Zusammenbruch belegen, genügt es nicht als Grundlage einer gesunden Gesellschaft.

Marx glaubte, das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen, der gesellschaftliche „Überbau“ würde schon irgendwie hinterherkommen, wenn erst mal die wirtschaftliche „Basis“ umgewälzt ist. (48)

Genauso wurde es im „realen Sozialismus“ gehandhabt – mit dem bekanntem Misserfolg, dass sich 1990, mehr als 40 Jahre nach DDR-Gründung, die meisten ihrer Einwohner noch immer als kompatibel mit der kapitalistischen BRD empfanden. Bei der Volkskammerwahl am 18. März 1990 gab es eine Beteiligung von 94 Prozent. Über 47 Prozent wählten die CDU-geführte „Allianz für Deutschland“, die für schnellstmögliche DDR-Auflösung stand. Nur 16 Prozent erhielt dagegen die PDS, die einzige Partei, die keine baldige „Wiedervereinigung“ wollte, geschweige denn einen Anschluss, wie er am 3. Oktober 1990 exekutiert wurde. (49)

Menschliche und gesellschaftliche Strukturen

Bereits 56 Jahre zuvor hatte Wilhelm Reich in der Massenpsychologie des Faschismus auf den Zusammenhang hingewiesen, der dann im „realen Sozialismus“ ignoriert wurde:

„Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“ (50)

Neuerungen im Äußeren genügen ebenso wenig wie Wandlungen im Inneren – beides ist vonnöten und kann nicht losgelöst voneinander verwirklicht werden. Eine klare Absage sowohl an Ökonomismus wie auch an Psychologismus.

Ich konkretisiere es heute so für mich: Wenn Menschen ihre herbeisozialisierten Störungen bearbeiten, lindern, ausheilen, werden sie gesünder als es die Masse der Bevölkerung ist und als es die Normen der Gesellschaft vorsehen. Dadurch lösen sie bei anderen Verunsicherungen aus oder aggressive Abwehr. Kommen sie und ihre unangepassten Haltungen zu Bekanntheit, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Machtapparat gegen sie wendet. Sollten sie ihre Sichtweisen dennoch weiterhin verbreiten, droht ihnen Verfolgung, im schlimmsten Fall Vernichtung.

Ein Prinzip, das Wilhelm Reich nicht nur selbst erlitten, (51) sondern auch metaphorisch an der Legende von Jesus Christus illustriert hat. Jesus wurde – so Reichs Interpretation – gekreuzigt, weil die anderen seine Ehrlichkeit, Offenheit, Emotionalität, Weisheit und seine Kritik nicht ertrugen. (52) Das hat seine Entsprechung in der verbreiteten Erziehungspraxis. Da Normalneurotiker die bei ihnen selbst längst verdrängte Lebendigkeit, Emotionalität, Spontanität, Kreativität, Wissbegier schwer ertragen, behindern oder unterdrücken sie all das auch bei Kindern. In einer kranken Gesellschaft (53) kann niemand auf Dauer gesund bleiben.

Doch wie Reich erkannte, ist es ebenso zum Scheitern verurteilt, eine frühere Gesellschaft überwinden zu wollen ohne zu berücksichtigen, dass sie in den Individuen fortlebt. Diese Individuen waren ja diese Gesellschaft, haben sie getragen und mitgestaltet; von Kindesbeinen an wurden ihnen deren Normen, Haltungen, Werte eingetrichtert. Dadurch haben sich diese tief in der Psyche verankert. Umso mehr, wenn sie entlastende, haltgebende Orientierung bieten: „Ich mach ja nur, was mir gesagt wird. Alle anderen sind doch auch dieser Meinung, wie sollte ich es da infrage stellen.“ Obgleich ein solcher Halt neurotisch, letztlich selbstschädigend ist: Menschen wehren sich zumeist dagegen, ihn zu verlieren, wehren damit auch positive Veränderungen ab und behindern so das Entstehen besserer gesellschaftlicher Verhältnisse. Und sie geben per Erziehung, vielleicht gemildert, ihre unbewusst beibehaltenen Normen weiter an die nächste Generation.

In unser aller Interesse 

Wer kann diesen Teufelskreis durchbrechen? Menschen, die ihre erlittenen seelischen Deformierungen wahrnehmen und an ihnen arbeiten, nicht zuletzt in psychotherapeutischen Zusammenhängen. Und die zugleich – am besten gemeinsam – um politische, ökonomische, kulturelle, sexuelle, ökologische Lebensbedingungen kämpfen, welche ermöglichen, dass die Generationen ihrer Kinder, Enkel und Urenkel dieses Deformiert-Werden immer weniger, schließlich gar nicht mehr erleiden müssen.

Beides hängt ohnehin zusammen. Unsere Störungen als Fakt anzuerkennen und aufzuarbeiten macht uns fähiger zu konstruktiven Umwälzungen, privat wie gesellschaftlich, zum Aufbau guter und gleichberechtigter Partnerschaften, zum Genießen erfüllter Sexualität, zur Konfrontation mit lebensfeindlichen, kriegsverherrlichenden Normen in Schule, Beruf, Medien, Kirche, Politik und Staat, zur Suche nach Gleichgesinnten, mit denen sich dagegen Widerstand leisten lässt. Und es schafft bessere Voraussetzungen, um Kinder liebevoll, nicht-autoritär ins Leben zu begleiten.

Schon weil die individuelle Schuld an der Spitze der Machtpyramide um ein Vielfaches höher ist als an deren Basis, ist es schwer, die Herrschenden für solch tiefgreifende Veränderungen zu gewinnen: Sie müssen mit Verurteilung und Bestrafung, zumindest Entmachtung und Verachtung rechnen, sobald bessere Zeiten anbrechen. Objektiv betrachtet leben aber nicht nur die Unterdrückten unter unwürdigen Umständen, sondern auch die Unterdrücker: Menschen auszubeuten, zu verdummen, für massenhaftes Elend, rapide Umweltzerstörung und Kriege, für hunderttausende Tode verantwortlich zu sein, ist alles andere als anstrebenswert, läuft auf ein völlig verfehltes Leben hinaus, unabhängig davon, ob sich die Täter das bewusstmachen oder nicht. Wer möchte mit ihnen tauschen?

Doch selbst US-Präsidenten und andere Staatenlenker, die skrupellos den Mord an Einzelnen oder Massen befehlen, selbst Söldner, Glaubensfanatiker, Neofaschisten, die diese Morde dann begehen, die Andersdenkende massakrieren, sind vor wenigen Jahrzehnten mit gesundem Potential auf die Welt gekommen, wollten und konnten lieben.

Und: Sie können ihr verabscheuungswürdiges Tun nur bewerkstelligen, weil sie von der Masse der Bevölkerung hinreichend unterstützt werden. Die staatlichen Strukturen und die uns anerzogenen autoritären Anteile machen uns, bewusst oder unbewusst, zu Komplizen der Machthaber, zu Mitschuldigen am lebensfeindlichen Agieren unseres Staates, spätestens durch das Zahlen von Steuern, mit denen Waffen bezahlt werden, die unschuldige Menschen töten.

Es ist daher im Interesse von uns allen, menschenwürdige Verhältnisse herzustellen. 

Psychosoziale Revolution … 

Da in der Tat alles mit allem zusammenhängt, lässt sich mit den notwendigen Veränderungen auch überall beginnen, mit Selbsterkenntnis und daraus resultierender Selbstveränderung schon heute Abend. Doch es müssen Handlungen folgen, welche auch die äußere Welt verändern, von Partnerschaft und Familie bis hin zur Gesellschaft. Wir können und sollten bei uns selbst anfangen – aber dort nicht stehen bleiben. Was wir brauchen, ist eine psychosoziale Revolution. (54) Diese Revolution muss nicht hinzukommen zur politisch-ökonomischen Umwälzung. Sondern sie beinhaltet zwangsläufig politisch-ökonomische Umwälzungen, (55) kann ohne sie gar nicht nachhaltig erfolgreich sein.

Psychosoziale Revolution steht somit für die Gesamtheit der erforderlichen Veränderungen. (56) Sie findet nicht erst beim Abschaffen des Kapitalismus statt, sondern bildet die Grundlage, um ihn dauerhaft abzuschaffen. Und sie muss nach dessen Abschaffung fortgeführt werden.

… für eine menschenwürdige Ordnung

Ein Manko des Begriffes ist: Er enthält keine inhaltliche Aussage über das Ziel dieser Revolution. Ich schlage als Arbeitstitel für dieses Ziel vor: „menschenwürdige Ordnung“. Die dafür ebenfalls in Frage kommenden Worte Sozialismus und Kommunismus sind nicht eindeutig definiert, werden sehr unterschiedlich gebraucht, (57) oft auch missbraucht, nicht zuletzt in „Nationalsozialismus“, und wurden insbesondere durch den Stalinismus diskreditiert.

Auch „menschenwürdige Ordnung“ muss exakter definiert werden, lässt sich aber gut als Ausgangspunkt überprüfbarer sozialwissenschaftlicher und psychologischer Fragestellungen nutzen: Was genau ist eines Menschen würdig, wodurch wird seine Würde verletzt oder bewahrt?

„Menschenwürdige Ordnung“ steht darüber hinaus im Einklang mit den Forderungen des 25-jährigen Marx, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist. (58) „Alle Verhältnisse“ – das sind eben weitaus mehr als nur ökonomische. Erich Fromm hat das, was daraus entstehen soll, rund 130 Jahre später im Bild einer Gesellschaft gefasst, „in der sich niemand mehr bedroht fühlen muss: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“. (59)

Mit oder ohne Gewalt? 

Die DDR hat noch in ihrem Niedergang 1989 einen ihrer zahlreichen Vorzüge (60) offenbart. Es stand die Wahl zwischen dem militärischen Niederschlagen der oppositionellen Bewegungen und einem gewaltlosen Abdanken. Die sich offenkundig noch immer mit dem Volk verbunden fühlende Führung entschied sich für Letzteres. Die vermeintliche „friedliche Revolution“ von unten war in Wirklichkeit vor allem ein friedlicher, sicher auch von Resignation getragener Machtverzicht von oben. (61)
Bittere Erfahrungen vieler anderer Länder sprechen dafür, dass dergleichen von kapitalistischen Machthabern nicht zu erwarten ist. Wo immer möglich, wurde deren Entmachtung durch Attentate auf Oppositionelle, Terror, Militärputsche und Kriege verzögert, verhindert oder rückgängig gemacht. Dass es dabei zu unzähligen Toten kam, war für die Herrschenden nie von Belang. (62)

Muss also eine Revolution, die den Kapitalismus hinwegfegen soll, zwangsläufig mit enormer Gewaltausübung einhergehen? Das glaubten nicht einmal die Stammväter des Marxismus.

Marx anerkannte 1872, auf dem Haager Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation,

„daß man die Institutionen, die Sitten und die Traditionen der verschiedenen Länder berücksichtigen muß, und wir leugnen nicht, daß es Länder gibt, wie Amerika, England, und wenn mir eure Institutionen besser bekannt wären, würde ich vielleicht noch Holland hinzufügen, wo die Arbeiter auf friedlichem Wege zu ihrem Ziel gelangen können.“ (63)

„[O]hne Heer, ohne Polizei, ohne Gerichte,“ setzte er hinzu, „würden die Könige an dem Tage, wo sie gezwungen sein würden, ihre Macht nur mit moralischem Einfluß und moralischer Autorität aufrechtzuerhalten, nur schwache Hindernisse für das Vorwärtsschreiten der Revolution sein.“ (64)

Noch 1891, vier Jahre vor seinem Tod, konnte sich Friedrich Engels „vorstellen, die alte Gesellschaft könne friedlich in die neue hineinwachsen in Ländern, wo die Volksvertretung alle Macht in sich konzentriert, wo man verfassungsmäßig tun kann, was man will, sobald man die Majorität des Volks hinter sich hat.“ Allerdings gelte das, meinte er, nicht für „Deutschland, wo die Regierung fast allmächtig und der Reichstag und alle andern Vertretungskörper ohne wirkliche Macht“ sei. (65)

2026 ist die BRD ebenfalls meilenweit davon entfernt, über eine tatsächliche Volksvertretung zu verfügen, welche die Macht in sich konzentriert. Folgen wir Engels, könnte die Schaffung eines solchen Gremiums erleichtern, friedlich zur neuen Gesellschaft zu gelangen. Initiativen wie die für eine „direktdemokratische Verfassungsgebung“ (66) gehen in diese Richtung und sind unterstützenswert. Doch sie ignorieren die herbeisozialisierten patriarchalen, autoritären, destruktiven Persönlichkeitsanteile, die in uns herumspuken. „Direkte Demokratie“, Volksentscheide und Volksherrschaft sind nur in dem Maße eine Lösung, wie die Angehörigen des Volkes sich ihr Gut- und „Genial“-Sein bewahren oder zurückerobern. Ein gesundes Gemeinwesen braucht psychisch gesunde Menschen als Grundlage. Um psychisch gesund sein zu können, brauchen wir ein gesundes Gemeinwesen. Dieser Zusammenhang ist nicht auflösbar.

Auf Chancen zu gewaltarmen sozialen Übergängen verweist ebenfalls das von mir skizzierte Menschenbild. Gegen unsere gesunden Interessen zu regieren, ist nur solange möglich, wie sich nicht genügend von uns dieser Interessen bewusst sind. Ist unser angeborenes Potential nicht verschüttet – oder wird es wieder freigelegt –, spüren wir, was uns guttut, was wir brauchen, wohin es gehen soll. Zugleich: wovon wir uns befreien sollten, was uns schadet. Unterdrückung schadet immer.

Je mehr Menschen diese Unterdrückung wahrnehmen und bewusst unter ihr leiden, desto mehr wächst der Widerstand. Und desto schwieriger wird es für die Herrschenden, sich zu behaupten. Psychisch gesunde Menschen würden niemals eine kapitalistische Gesellschaft aufbauen. Weshalb sollten sie sich schaden? Wilhelm Reich notierte 1934:

„Je grösser die Massenbasis der revolutionären Bewegung, desto geringere Gewaltanwendung ist notwendig, desto mehr schwindet auch die Angst der Masse vor der Revolution.“ (67)

Dennoch ist Revolution immer, unvermeidlich, ein aggressiver Akt. Doch davor müssen wir keine Angst haben. Aggression, abgeleitet vom lateinischen „aggredere“, auf jemanden oder etwas zugehen, etwas in Angriff nehmen, ist nicht nur nichts Schlechtes, sondern ein lebensnotwendiger, gesunder Bestandteil unseres Handlungsrepertoires. (68) Schon zu Beginn unseres Lebens benötigen wir diese Fähigkeit, um uns – jedenfalls bei einer natürlichen Geburt – durch den engen Geburtskanal hinaus zu drängen, auf die Welt zu kommen. Nur mittels Aggression ist Abgrenzung, Durchsetzung, Selbstverteidigung und Selbstbehauptung möglich.

In den Spiegel schauen

Wer sich für eine psychosoziale Revolution engagieren will, steht vor der Frage: womit beginnen?

Für politisch-ökonomische Umwälzungen wurden seit 1848 diverse Ideen publiziert. Dem kann und brauche ich nichts hinzuzufügen. Aber auch wer sich für Veränderungen engagieren möchte, welche direkter an der Psyche ansetzen, steht nicht mit leeren Händen da. Bevor ich abschließend auf einige Vorleistungen hinweise, an die sich anknüpfen lässt, will ich benennen, was das Sich-Einlassen auf diese Thematik am häufigsten behindert.

Bei Vorträgen und Diskussionen, ob öffentlich oder privat, erlebe ich es immer wieder: Den meisten leuchtet die Darstellung psychosozialer Wechselwirkungen ein – solange sie allgemein bleibt. Doch sobald es um sie persönlich geht, um ihre eigene Lebensgeschichte, Kindheit, Elternbeziehung, ihre daraus entstandene seelische Gestörtheit und die dadurch verursachte Schuld, die sie inzwischen als Vater, Mutter, Erzieher, Partner oder Staatsbürger auf sich geladen haben, wird die Herausforderung von vielen offenbar als zu ängstigend empfunden – und sie steigen aus.

Als ich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann, mich intensiver mit der Psychoanalyse zu befassen, hatte ich ebenfalls mit dieser Erschütterung zu kämpfen. (69) Unterstützt durch mehrjährige Erfahrungen als Patient Reichianischer Körpertherapie und (innerhalb meiner Psychoanalytiker-Ausbildung) analytischer Psychotherapie ist es mir jedoch zur Selbstverständlichkeit geworden, auch über mich in dieser Weise nachzudenken.

Ich bin Teil des Systems, in das ich hineingeboren wurde, das mich umgibt, wurde von ihm geprägt, trage willentlich oder gegen meinen Willen zu dessen Bestand und Entwicklung bei.

Im gesellschaftlichen Ozean gibt es keine unberührten privaten Inseln, das umgebende Wasser sickert überall ein, kein Filter hält es komplett auf. Wer die negativen Aspekte eines sozialen Systems überwinden will, muss zugleich danach suchen, inwieweit er diese Aspekte verinnerlicht hat – und auch dagegen etwas tun. (70)

Vorleistungen

Wilhelm Reich hat sich theoretisch sowie praktisch damit befasst, menschliches Potential zu schützen und zu fördern. Seine Vorschläge, die er zum Teil schon selbst umsetzte und dokumentierte, umfassen die Unterstützung werdender Mütter, natürliche Geburt, (71) liebevolles Begleiten des Säuglings und Kleinkindes beim Aufwachsen in nicht-autoritären, lebensbejahenden Verhältnissen, die Gleichberechtigung der Geschlechter, lustvolle Sexualität sowie ganzheitliche Therapieansätze.

Nachzulesen ist das unter anderem in Reichs 2017 auf Deutsch erschienenem Buch Kinder der Zukunft, das ich hier rezensiert habe.

Ein Teil dieses erst posthum aus Reichs Arbeiten zusammengestellten Bandes entstand im Austausch mit dessen bestem Freund, dem schottischen Pädagogen Alexander S. Neill. In seiner Summerhill-Schule wurde und wird noch heute nicht-autoritäre, demokratische Erziehung und Bildung praktiziert, oft fälschlich als „anti-autoritär“ bezeichnet. Den knappsten Einstieg in die Grundlagen dieses seit über 100 Jahren erfolgreichen Schul-Projektes bieten die Fragen und Antworten.

Auszüge daraus habe ich 2024 zu einem Hörbuch verarbeitet, das hier kostenlos heruntergeladen und angehört werden kann.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre hat Hans-Joachim Maaz Anregungen von Reich, Neill und anderen in seinem Konzept einer therapeutischen Kultur aufgenommen und dieses später zur Beziehungskultur weiterentwickelt. Mit der Liebesfalle will ich nur eines seiner Bücher hervorheben. Weitere sind hier aufgelistet.

Von März 1989 bis April 1991 habe ich mit Hans-Joachim Maaz Gespräche geführt für den DDR-Sender Jugendradio DT 64, auch über therapeutische Kultur.

Davon inspiriert war dann ebenfalls das Buch, das ich im Jahr 2000 zusammen mit dem Verein ich.ev herausgegeben habe: Weltall, Erde, …ICH. Anregungen für ein (selbst)bewussteres Leben.

Die wichtigsten Beiträge daraus sind hier nachzulesen. Sie gliedern sich unter anderem in die Abschnitte

  • Natürlichere Geburt
  • Mehr Begleiten, weniger Erziehen
  • Sich selbst helfen: zusammen und allein
  • Therapie: sich helfen lassen
  • Freiere Sexualität, Partnerschaft und Liebe
  • Gemeinschaftlicheres Wohnen, Arbeiten und Leben

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Anmerkungen und Quellen

(1) Peglau, A. (2024): Menschen als Marionetten? Wie Marx und Engels die reale Psyche in ihrer Lehre verdrängten (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/menschen-als-marionetten-wie-marx-und-engels-die-reale-psyche-in-ihrer-lehre-verdraengten-download-des-gesamten-textes/).

(2) Zitiert ebd., S. 63. Schon 1845 hatten Moses Heß und Engels geschrieben, dass „der falsche […] Satz: ‚Jedem nach seinen Fähigkeiten‘, […] umgewandelt werden muß in den Satz: Jedem nach Bedürfnis“ (Der Doktor Kuhlmann aus Holstein; MEGA Bd. 5, Berlin/Boston, S. 590-601, hier S., 599).

(3) Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 60–63.

(4) Die Lehre von Marx und Engels ist nicht identisch mit dem, wofür sich die Bezeichnung „Marxismus“ einbürgerte, noch weniger mit „Marxismus-Leninismus“. Nach Engels‘ Tod setzte nicht nur Simplifizierung ein, sondern alsbald auch die Aufspaltung in gegensätzliche, teils feindliche „Marxismen“ (ebd., S. 6f., Anm. 3, 4, 11).

(5) Insbesondere im Kapital, dem Hauptwerk von Marx, häufen sich derartige „Gesetze“. Bereits im Vorwort ist von „den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion“ die Rede, welche „mit eherner Notwendigkeit“ wirken und sich durchsetzen. Als „letzte[n] Endzweck“ seines Buches benennt Marx dort, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen“. Die „Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation“ werde von ihm als „naturgeschichtliche[r] Prozeß“ aufgefasst. Entrinnen ließe sich diesen „Gesetzen“ in keinem Fall, meinte Marx: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist […], kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren.“ (zitiert ebd., S. 41–45).

(6) Zu Beginn ihrer Kooperation war das auch Marx und Engels nicht fremd. 1848, im Kommunistischen Manifest, teilten sie ihre Erwartung mit, anstelle der „bürgerlichen Gesellschaft“ werde „eine Assoziation“ treten, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Doch die Individuen gerieten ihnen immer mehr aus dem Blick (ebd., S. 60–63).

(7) Wobei „Gesellschaft“ eine Abstraktion darstellt, eine weit ausdeutbare Vokabel für eine Vielzahl von Menschen und die Art ihres Aufeinander-Einwirkens. Die Enzyklopädie Philosophie (2021, hrsg. von H. J. Sandkühler, Hamburg, S. 869) verweist auf die Definition des Lexikons für Soziologie: Gesellschaft „als das jeweils umfassendste System menschlichen Zusammenlebens“. Marx meinte um 1857, die „Gesellschaft besteht nicht aus Individuen“, in ihr würde sich nur „die Summe der Beziehungen, Verhältnisse“ ausdrücken, „worin diese Individuen zueinander stehen“ – zwischenmenschliche Beziehungen also ohne Menschen: ein unauflösbarer Widerspruch (zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 60).

(8) Fromm, E. (1989): Wege aus einer kranken Gesellschaft, in ders.: GA, Bd. 4, München, S. 1–244, hier S. 51.

(9) Peglau, A. (2025): Wir sind keine geborenen Krieger. Zu psychosozialen Voraussetzungen von Friedfertigkeit und „Kriegstüchtigkeit“ (https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wir-sind-keine-geborenen-krieger-zu-psychosozialen-voraussetzungen-von-friedfertigkeit-und-kriegstuechtigkeit/), S. 1.

(10) Siehe Graeber, D./ Wengrow, D. (2021): Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart, S. 114f.; Bregman, R. (2020): Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg, S. 79f.

(11) In negativer Weise wird der Zusammenhang zwischen Menschenbild und Gesellschaftssystem durchaus berücksichtigt: Aus der Behauptung, Menschen seien angeboren böse, asozial, destruktiv oder dumm leiten Herrscher vielfach ihr Recht, ja ihre angebliche Pflicht ab, zu kontrollieren, zu gängeln, zu strafen.

(12) https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/saeuglingsforschung.

(13) Ausführlich: Land, G./ Jarman, B. (1993): Breakpoint and beyond. Mastering the future – today, New York. Zusammenfassung u.a. hier: https://jugend-online-event.de/vom-genie-zum-angepassten-denken-und-handeln/. Referiert wird diese Untersuchung ebenfalls in dem 2013 veröffentlichten Film Alphabet – Angst oder Liebe von Erwin Wagenhofer (https://de.wikipedia.org/wiki/Alphabet_(Film)).

(14) In der Schule erhalten wir zwar „Bildung“. Aber wie viel von dem, mit dem wir uns dort in Kindheit und Jugend herumschlagen, benötigen wir im späteren Leben tatsächlich? Ich meine, die gebräuchlichen Schulsysteme dienen in erster Linie der Disziplinierung und Anpassung an soziale Strukturen – und dem Vermitteln von des zum Funktionieren innerhalb dieser Strukturen nötigen Wissens.

(15) https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/paradiesische-neun-monate-fruehe-praegungen-zur-gewaltbereitschaft-aus-sicht-der-vorgeburtlichen-psychologie/

(16) Siehe auch Dornes, M. (2001): Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen. Frankfurt a. M.; derselbe (2001): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt a. M.; Stern, D. N. (2002): Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt, denkt. München/ Zürich.

(17) https://www.deutschlandfunkkultur.de/entwicklungspsychologie-babys-sind-kleine-moralapostel-100.html. Ausführlich: Bloom, P. (2014): Jedes Kind kennt Gut und Böse – Wie das Gewissen entsteht, München.

(18) https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(15)00558-8?_returnURL=https%3A%2F%2Flinkinghub.elsevier.com%2Fretrieve%2Fpii%2FS0960982215005588%3Fshowall%3Dtrue. Siehe auch: https://sciencev2.orf.at/stories/1759992/index.html.

(19) https://www.familienhandbuch.de/babys-kinder/bildungsbereiche/soziale/EmpathieundsozialesVerstehenindenerstenLebensjahren.php. Siehe auch: Bischoff-Köhler, D. (2011): Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend, Stuttgart.

(20) https://www.mpg.de/4658054/Kooperation_bei_Kleinkindern

(21) Siehe z.B. Hüther, G. (2003): Die Evolution der Liebe. Was Darwin bereits ahnte und die Darwinisten nicht wahrhaben wollen. Göttingen; Solms, M./ Turnbull, O. (2004): Das Gehirn und die innere Welt. Neurowissenschaft und Psychoanalyse. Düsseldorf/ Zürich, S. 138ff., 148; Tomasello, M. (2010): Warum wir kooperieren, Berlin; Klein, S. (2011): Der Sinn des Gebens. Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen. Frankfurt a. M.; Bauer, J. (2011): Schmerzgrenze. Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt. München; Bregman, R. 2020 (wie Anm. 10); Peglau 2025 (wie Anm. 9).

(22) Schon 1845, in den Manuskripten zur Deutschen Ideologie, reduzierten Marx und Engels das, was an den „wirklichen Individuen“ und deren Lebensbedingungen wichtig sei, auf „die körperliche [!] Organisation dieser Individuen & ihr dadurch gegebenes Verhältniß zur übrigen Natur“. „Man könne „die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Thieren unterscheiden“. Bewusstsein wird hier zu einem Unterscheidungsmerkmal unter vielen degradiert, gleichzeitig auf dieselbe Stufe gestellt wie die von Marx und Engels als irrational bekämpfte Religion. In Wahrheit begännen Menschen, „sich von den Thieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produziren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist“. Was „die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen“ seien dagegen „Nebelbildungen im Gehirn […], nothwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatirbaren & an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses“. Moral, Religion, Ideologie und ihnen entsprechende „Bewußtseinsformen“ besäßen weder „Selbständigkeit“ noch „Geschichte“ oder „Entwicklung“. „Bei mir ist […] das Ideelle nichts anders als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle“, ließ Marx dann in der zweiten Kapital-Auflage seine Leser wissen. Um ihre Vorhersagen politischer Umbrüche zu begründen, wechselten Marx und Engels allerdings bei Bedarf zur Annahme, ökonomische Prozesse erzeugten bei den Arbeitern gezwungenermaßen das Bewusstsein ihrer Situation inklusive Bereitschaft und Fähigkeit zur Revolution (zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 29, siehe dort auch S. 45–47).

(23) Wilhelm Reich (1986, Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln, S. 11) sprach hier vom „biologischen“ Kern, der uns ermögliche, „ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes, oder, wenn begründet, rational hassendes Tier“ zu sein.

(24) Sigmund Freud, der sich den Menschen freilich als angeboren asozial vorstellte, ging ganz zu Recht von einer „dynamische(n) Auffassung der seelischen Vorgänge“ aus (https://www.freudedition.net/node/226697).

(25) Siehe Wohlleben, P. (2015): Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt, München.

(26) Im Deutschen hängen die Worte „Frieden“, „friedlich“ und „zufrieden“ eng zusammen (https://www.dwds.de/wb/etymwb/Zufriedenheit).

(27) Patriarchalisch, von Männern beherrscht, ist eine zu enge Definition. In diesen Gesellschaften wird der größte Teil der Bevölkerung, Männer wie Frauen, von den jeweils Herrschenden, zu denen auch Frauen gehören können, unterdrückt. In der Familie dominieren zwar meist Männer. Doch sie unterdrücken zusammen mit ihren Frauen die Kinder. Und: Die Unterdrückung gesunder Gefühle und Strebungen betrifft jedes Mitglied solcher Gesellschaften: Von seelischer Gesundheit kann auch an der Spitze der sozialen Hierarchie keine Rede sein.

(28) Was auch immer uns bereits in unserer vorgeburtlichen Entwicklungsphase belasten oder schädigen kann: Es macht uns nicht zu schlechten Menschen. Zudem dürften prä- und perinatale Schädigungen zumeist ausheilen, wenn die Betroffenen danach in einer tatsächlich auf sie zugeschnittenen Umwelt aufwachsen könnten – was eben in aller Regel nicht der Fall ist.

(29) Das korrespondiert mit dem bekannten Satz aus dem Kommunistischen Manifest: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse“. Marx und Engel sind jedoch nie der Frage nachgegangen, wie dieser Gedankentransfer vonstatten geht (siehe Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 15f.). Erst Wilhelm Reich (1933, Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker, o.O., S. 12) lieferte dann die entwicklungspsychologische Basis nach: „In der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit Hilfe der Erziehung und der Familieninstitution“ – heute wären die Medien zu ergänzen – „ihre Position sichert, indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Gesellschaftsmitglieder macht.“

(30) https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/vom-nicht-veralten-des-autoritaeren-charakters/

(31) Reich, W. (2020): Massenpsychologie des Faschismus. Der Originaltext, Gießen, S. 38.

(32) Fromm, E. (1989): Die Furcht vor der Freiheit, in ders.: GA, Bd. 1, München, S. 215–392.

(33) Reich, W. 2020, (wie Anm. 31), S. 40.

(34) https://www.bibleserver.com/LUT/Matth%C3%A4us18,3

(35) Zitiert in Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 47f.

(36) Siehe ebd. Obwohl er am Ende seines Lebens wusste, dass die allerlängste Zeit der Menschwerdung im unerforschten Dunkel lag, pries Engels die Lehre von Marx und ihm weiterhin als „Auffassung des Weltgeschichtsverlaufs“, welche die Ursache „aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse […] in der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft“ sieht (zitiert ebd., S. 59). An den „ökonomischen Naturgesetzen“ hielt er ohnehin fest. Wie wenig auch die von Engels und Marx angenommene Stufenfolge ökonomischer Formationen zutraf, belegen Graeber und Wengrow (2021, wie Anm. 10). Siehe dazu Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 29–33, 47–49, 68–70.

(37) https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schrift

(38) Ebenso wenig für die schon vor bis zu 450.000 Jahren als eigenständige Art bestehenden Neandertaler, die nach den vorliegenden Forschungsergebnissen ebenfalls in die Annahme „psychischer Einheit“ einzuschließen sind (siehe Peglau 2025, wie Anm. 9, S. 6).

(39) Sala-et-al_PONE oder https://www.researchgate.net/figure/Cranium-17-bone-traumatic-fractures-A-Frontal-view-of-Cranium-17-showing-the-position_fig4_277326376; https://www.20min.ch/story/cranium-17-das-aelteste-mordopfer-der-geschichte-162218687169.

(40) Meller, H., Michel, K., van Schaik, C. (2024): Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen, München, S. 146.

(41) Ebd., S. 139.

(42) Peglau 2025 (wie Anm. 9), S. 5.

(43) https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsentstehung

(44) Und zwar auf jedem dieser Gebiete. Für die Ökologie hat das Naomi Klein (Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima, Frankfurt a. M., 2016) ausführlich belegt.

(45) Darüber, was „Kapitalismus“ ist, besteht keine Einigung (vgl. Sandkühler 2021, wie Anm. 6., S. 1192–1212). Ich verwende „Kapitalismus“ als Synonym eines Systems, in dem sich Produktionsmittel, Betriebe, Industriezweige in so hohem Maße in Privatbesitz befinden, Reichtum und politische Macht in den Händen einzelner Unternehmer so konzentrieren, dass die Gesellschaft weitgehend von ihnen beherrscht wird – woran eine bürgerliche Scheindemokratie nichts ändert. China demonstriert gegenwärtig, dass es möglicherweise genügt, den kapitalistischen Wirtschaftssektor stark zu reduzieren und zu kontrollieren, um eine menschwürdige Gesellschaft zu gestalten. Siehe dazu: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/andreas-peglau-utopie-oder-dystopie-zitate-und-notizen-zu-china-mai-2020-bis-oktober-2021/

(46) Es wäre allerdings albern, anzunehmen, dafür gebe es einen regierungsamtlichem Masterplan. (Tiefen)psychologische Zusammenhänge dürfte denen, die in diesem Staat politische Karriere machen egal oder unbekannt sein. Es genügt zudem vollauf, Menschen in beschriebener Weise autoritär umzustrukturieren – dann handeln sie in der Regel von sich aus so, dass sie nicht in allzu bedrohlichen Widerspruch geraten mit herrschenden Verhältnissen.

(47) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_N024_23.html. Alternativen beschreibt zum Beispiel Frederick Leboyer in Büchern wie Geburt ohne Gewalt, München, 1995. Indem für Geburten Krankenhäuser zur Regel geworden sind, wurde ohnehin ein natürlicher Vorgang, bei dem 96 % der Kinder gesund und komplikationslos zur Welt kommen, pathologisiert und – im Westen – kommerzialisiert. Unterstützt wird das auch, indem seit 2010 freie Hebammen, die oft natürlichere Geburtspraktiken anbieten, durch drastisch erhöhte Haftpflichtprämien zur Aufgabe gezwungen werden.

(48) „Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. […] Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen […]. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um“. Auf diesen „Überbau“ ging Marx nie tiefgründig ein (zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 55f.).

(49) https://de.wikipedia.org/wiki/Volkskammerwahl_1990.

(50) Wilhelm Reich (2020), wie Anm. 31, S. 195.

(51) Vgl. https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wp-content/uploads/2007/11/WR_Ausstellung.pdf, S. 8, 16.

(52) Reich, W. (1997): Christusmord. Die emotionale Pest des Menschen, Frankfurt a. M. Entsprechende Gedanken durchziehen auch Reichs Rede an den kleinen Mann, hier als gekürzt als Hörbuch: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/wilhelm-reichs-rede-an-den-kleinen-mann-auszuege-hoerbuch-kostenlos-herunterladen-und-anhoeren/

(53) Erich Fromm, der von der „Pathologie der Normalität“ sprach, widmete ein ganzes Buch den „Wege[n] aus einer kranken Gesellschaft“ (siehe Anm. 8).

(54) Eine andere denkbare Formulierung wäre: ganzheitliche Revolution. Aber dieser Begriff wird so inflationär gebraucht und ist so unscharf, dass ich ihn nicht verwenden will.

(55) Das habe ich zuvor noch nicht ausreichend begreifen können oder wollen und die psychosoziale Revolution bisher nur als wichtige Ergänzung eingeordnet.

(56) Auch das ist ein Gedanke, der zumindest implizit schon bei Reich zu finden ist, wenn er – zum Beispiel in der Massenpsychologie (wie Anm. 31) – von den untrennbaren Wechselbeziehungen von Sexualität, Erziehung, Religion und Politik schreibt.

(57) Siehe Mittelstraß, J. (Hg.) (2004): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. Stuttgart/ Weimar, Bd. 3, S. 857–859. Auch die Abgrenzung zwischen den Begriffen „Sozialismus“ und „Kommunismus“ (ebd., S. 425f.) ist vage. Marx und Engels nutzten beide Begriffe zunächst synonym, unterschieden sie alsbald stärker, maßen dieser Unterscheidung später wieder weniger Gewicht bei.

(58) Zitiert in Peglau 2024, wie Anm. 1, S. 8.

(59) Fromm, E. (1989): Die Anatomie der menschlichen Destruktivität, in ders.: GA, Bd. 7, München, S. 395.

(60) Siehe dazu u.a.: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ddr-2-0-und-friedensbewegung/; https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/ddr-2-0-oder-wo-leben-wir-heute/

(61) Siehe Hertle, H.-H./ Stephan, G.-R. (2014): Das Ende der SED. Die letzten Tage des Zentralkomitees, Berlin.

(62) Siehe zum Beispiel https://www.telepolis.de/article/Millionen-Tote-fuer-Demokratie-und-Freiheit-9191381.html?seite=all; https://de.wikipedia.org/wiki/Patrice_Lumumba; https://de.wikipedia.org/wiki/Salvador_Allende; https://de.wikipedia.org/wiki/Vietnamkrieg; https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Ajax.

(63) Marx, K. (1976): [Rede auf dem Haager Kongreß], MEW, Bd. 18, Berlin/ DDR, S. 159–161, hier S. 160.

(64) Ebd., S. 160f.

(65) Engels, F. (1891): Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs, MEW, Bd. 22, Berlin/ DDR, S. 234.

(66) https://innn.it/Demokratieheilen

(67) https://archive.org/details/Parell_1934_Was_ist_Klassenbewusstsein_k, S. 56. Kommentierte Auszüge aus diesem Buch: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/die-mehrzahl-lebt-ihr-unterjochtes-dasein-unbewusst-wilhelm-reichs-weiterfuehrung-der-massenpsychologie-des-faschismus-im-jahr-1934/

(68) Siehe Peglau 2025 (wie Anm. 9), S. 9.

(69) Siehe: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/meine-annaeherungen-an-die-psychoanalyse-in-ddr-und-brd-von-1957-bis-2000/

(70) Die Attraktivität des Marxismus liegt nicht zuletzt daran, dass er diese Konfrontation mit sich selbst erspart, indem er die Verursachung der gesellschaftlichen Misere ökonomischen Gesetzen zuschreibt oder der für Marx zentral gewordenen, personifizierten Phantasiegestalt namens „das Kapital“. Mit dem Etikett „Kapital“ beklebte Marx ein Sammelsurium, das gar nicht auf einen Nenner zu bringen war, verschmolz Dinge, Menschen, Prozesse, Verhältnisse, Beziehungen, Berechnungen, Reales und Irreales zu einer nur suggerierten Einheit. Ausführlicher Nachweis in Peglau 2024 (wie Anm. 1), S. 33–39.

(71) Das hat Reichs ältere Tochter Eva Reich weitergeführt, siehe https://weltall-erde-ich.de/schwangerschaft-geburt-und-selbststeuerung/. Siehe außerdem Literaturangabe in Anmerkung 49.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Marionetten hängen an Fäden im Puppentheater
Bildquelle: Konrad Burdyn / shutterstock

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