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„Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.“

01. Februar 2026 um 11:00

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Der Berliner Dirk Zöllner wird nach wie vor eher dem ostdeutschen Publikum ein Begriff sein. Der Sänger, Musiker, Komponist, Buchautor, ein Lebensfroher, Hungriger, Zweifelnder, Nachdenkender ist nach wie vor mit seiner Band „Die Zöllner”, im Duo mit seinem ewigen Freund und Kollegen, dem Pianisten und Sänger André Gensicke, und mit weiteren Projekten vor allem in Ostdeutschland unterwegs. Trotz eines engen Zeitplans hat sich Dirk Zöllner, einer der Erstunterzeichner des Berliner Appells, dennoch die Zeit genommen, um wieder einmal in ein intensives, persönliches Gespräch mit Frank Blenz für die NachDenkSeiten einzutauchen.

Frank Blenz: Hallo Dirk, ich beobachte und erlebe seit Langem Dein Ackern, Deine musikalischen Touren, Dein unermüdliches Machen, Dein verbindendes Tun. Kenne Deine Songs, habe Auftritte erlebt – und diese voller Freude. Nun ist wieder mal Zeit, Dich mit Fragen zu nerven (kleiner Scherz). Ich frage mich: Wie bist Du unterwegs, wie speist sich Dein voller Tourplan, welche Projekte, und welches Publikum erreichen Du und Deine Kollegen damit? Wen willst und kannst Du erreichen, einerseits als Künstler im Bereich populärer Musik, andererseits als Denker und Anstoßgeber? Deine Reisen durch das Land sind sicher für Dich wie das Sammeln von Eindrücken für ein Sittengemälde unserer (ganzen) Republik. Einig. Geteilt. Aufgerieben. Fragezeichen.

Dirk Zöllner: Es sind jetzt tatsächlich knapp über 40 Jahre, dass ich mein Überleben als freischaffender Musiker und Autor bestreite. Dafür bin ich sehr dankbar und darauf bin ich auch ein kleines bisschen stolz. Denn da waren nicht nur Erfolge zu feiern, es gab auch einige Klippen zu umschiffen. Tendenziell ist es für mich aber immer bergauf gegangen, sowohl seelisch als auch finanziell. Ich habe mir ein exquisites Publikum erkämpft – mit über 2.000 Konzerten, etwa 20 Alben, vier Büchern, etlichen Kolumnen und Einmischungen. Ich habe gesät, reichlich gegossen. Nun darf ich anscheinend ernten.

Alle meine aktuellen Projekte müssen in erster Linie Spaß machen, denn es handelt sich ja hier um den kostbaren Rest meines Lebens. Möglichst wenig Brechstange. Love & Peace! Und ja, mein Herz schlägt im Osten des Landes, hier sind mir die Menschen vertraut – mit allem Für und Wider. Einen gleichgeschalteten Menschentypus kann ich nicht erkennen, aber es gibt hier verbindende Erfahrungen. Wir haben dieselben Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen. Aus Helden wurden Unpersonen, aus Feindbildern Ikonen. Und es ist Fakt, dass wir in unserer Bundesrepublik gesamt gesehen eher die Rolle des Kunden als die des Verkäufers einnehmen.

Ich denke an Stichworte wie Krieg und Frieden, Wehrhaftigkeit, „meine Söhne kriegt ihr nicht”, Rüstungswahn Deutschland. Was sagst Du zu den irren Zahlen, dazu, dass der größte Rüstungskonzern in ein paar Jahren in die Top 3 der größten Konzerne weltweit aufsteigen könnte? Dazu kommt noch die herrschende Politik der Alternativlosigkeit. Das schreit doch auch nach Widerstand aus Künstlerkreisen?

Das knüpft recht gut an das an, was ich gerade geäußert habe: Die meisten Menschen aus dem Osten verfügen weder über Ländereien noch über Schlösser, Arbeitsmittel oder gefüllte Truhen – und somit natürlich auch nicht über das Sagen. Drastisch gesagt, gibt es nicht so viel zu verteidigen, außer das nackte Leben der Familie, vor allem das der Kinder.

Das Gauck‘sche oder Merz‘sche Freiheitsmantra erscheint den allermeisten seltsam befremdlich: Freiheit wäre wichtiger als Frieden. Freiheit, die eine Einheit mit gesammeltem Besitz und scharfen Ellenbogen darstellt, mit denen sich aufs Podium gekämpft wurde. „Freiheit, die heilt, ist niemals die gleiche Freiheit wie jene, die Menschen zerbricht“, hat der Poet Henry-Martin Klemt geschrieben. Freiheit ist sehr unterschiedlich definierbar. Die Freiheit von Geld- und Zeitdruck und die Freiheit von Angst ist für viele Menschen wertvoller als diese elitäre Freiheit.

Historiker von Gnaden stoßen artig ins gewünschte Horn und erklären, dass die Menschen aus dem Ostteil des Landes diktaturgeschädigt wären und letztendlich an die Leine wollen. Es wird sich in schlichtester Brutalität über Ängste und Stressgefühle erhoben. Ich habe ja schon erwähnt, wie im Osten gelernt wurde, zu erkennen, dass es der Wahrheiten durchaus verschiedene geben kann. Ich halte das sture Durchboxen der einen für vorsintflutlich. Wir haben die Möglichkeit der allseitigen Information, egozentrische Kriege sind nicht mehr zeitgemäß. Es ist doch idiotisch, dass sich immer noch so viele Menschen für die Interessen der Macht- und Geldmonster benutzen oder sogar verheizen lassen. Brachialkapitalismus im Endstadium. Okay, der Mehrheit ist die Möglichkeit der Flucht nicht gegeben, aber die Mehrheit hätte die Möglichkeit, sich rechtzeitig zu wehren! Und man sollte nach guten Reiseleitern Ausschau halten und nicht irgendwelchen Reiseverführern aufsitzen.

Unsere Regierung ist von gestern, wir brauchen eine Frischzellenkur, integre Galionsfiguren, die sich nicht kaufen lassen, die sich mutig gegen den Sog, gegen diese Abwärtsspirale der Eskalation stellen. Großherzige Friedensvermittler außerhalb der Rüstungslobby, die in der Lage sind, auch die Sichten des Gegners wahrzunehmen. Nicht im Traum würde ich mich von dieser bürokratisch verkrusteten Spießergesellschaft rekrutieren lassen oder ihnen das Leben meiner Kinder anvertrauen.

Ich verstehe aber, dass andere Künstleropas wie Lindenberg, Grönemeyer oder Niedecken die Welt, von der sie so viel erhalten haben, auch verbal verteidigen müssen. Das gebietet die Höflichkeit. Da ist Dankbarkeit. Dass jemand wie Maffay es schafft, trotzdem über den Tellerrand zu gucken, ist eine Ausnahme. Ich spüre, das dieser kleine Mann über ein sehr großes Herz verfügt – eines, in dem es auch noch Platz über das eigene Ego hinaus gibt.

Das zivilisatorische Leben, geht es kaputt? Was beobachtest Du, auch auf Deinen Reisen?

Es sieht tatsächlich so aus, als ob die Evolution gerade eine Pause einlegt oder sogar der Rückwärtsgang eingelegt wurde. Ich bin aber ein Optimist. Ich begegne auf meinen Touren durch Ostdeutschland nur selten so richtig vernagelten Menschen. Das kann – bei aller Bescheidenheit – auch daran liegen, dass mein Publikum das von mir vorgegebene, kulturell wertvolle Angebot spiegelt. Nein! Jetzt wirklich mal im Ernst: Es ist viel Zorn vorhanden, der aber nicht zur Apathie, sondern eher zur Renitenz führt. Die Menschen erfahren zu wenig Spiegelung bzw. eine von Politik und Medien verzerrte und irrlichternde. In Ermangelung der wahrhaftig gesellschaftspolitischen Präsenz sind sehr viele alternative private Kulturinseln entstanden außerhalb der alten staatlichen Systeme.

Die Bürokratie nimmt jeder Initiative die Luft zum Atmen, der gut gemeinte Rahmen ist zum engen Korsett geworden. Auf dem Weg durch die Instanzen geht zuerst der Spaß, dann das Geld und schließlich der Sinn verloren. Da hat die Alternative für Deutschland ein leichtes Spiel. Der Empörungskatalysator – verbal. Mal sehen, was passiert, wenn der wirklich zum Zuge kommt.

Ein weiterer Gedanke, Du bist ja Berliner, was sagst Du dazu: Berlin, die Hauptstadt der Verwahrlosung. Was ist Dein Befund? Hast Du Vorschläge, den Spieß umzudrehen, endlich wieder an Aufbau, an Renaissance zu denken für eine knorke Hauptstadt?

Ich beschränke das mal auf meinen Stadtteil. Ich lebe im Königreich Köpenick. Hier wurde einiges vernachlässigt, so kleckerweise geflickt, aber im Moment wird überall sehr viel Neues gebaut. Das mag am grandiosen Erfolg des 1. FC Union liegen, der dieser Region natürlich gute Laune und Aufwind beschert. Neue Straßen und Straßenbahngleise, neuer S-Bahnhof, neue Stadtteile, neue Kindergärten und Spielplätze. Auf jeden Fall habe ich hier nicht so sehr das Gefühl der Verwahrlosung. Hier steppt immer noch der Bär! Auf recht natürliche Weise, ohne viel Konfetti und Wunderkerzen. Traurig sind die Touren über die Dörfer und Kleinstädte. Die monströsen Einkaufslager dazwischen und in den Orten selbst meist nicht mal mehr ein Bäcker und eine Kneipe. Das ist echt gruselig, da will man nicht begraben sein.

Deutschland besteht aus Ost und West, immer noch. Was macht der Osten?

Es kann Spaß machen, eine Minderheit zu sein. Aber wir brauchen unsere eigenen Häuptlinge, die uns ermöglichen, die regionalen Tänze auszuleben. Rektoren, Direktoren, Journalisten, Verlage und auch Lokalpolitiker. Die Linke hat da in ihrem Bedürfnis, bei der großen Polonaise dabei zu sein, an Schneid verloren und damit das alternative Druckventil für die emotionale Problembewältigung mitinstalliert. Es ist nun schwer, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern.

Mir fällt eine weitere Partei ein – das BSW – und der kleine Film, in dem Sahra Wagenknecht in die Lüfte geht. Im Hintergrund des kurzen Videos stehen Du und weitere Akteure. Erzähl bitte darüber, was das BSW für Dich bedeutet, was das Bündnis kann, was es braucht, was Du über die Anfeindungen, die Häme usw. sagst.

Ich finde es schade, dass sie sich mit ihren populistischen Spots nun am üblichen Dummenfang beteiligen. Reicht eine kulturvolle und höfliche Bestimmtheit nicht für fünf Prozent? Ich halte sie zumindest wegen ihrer Friedenspolitik für das kleinere Übel und damit für die derzeit einzige wählbare Partei. Momentan geht es ja beim BSW leider vor allem um den Machterhalt, also um die akribische Suche nach den fehlenden „drei“ Stimmen. Nun gut, ich wäre froh, wenn sie gefunden werden. Ich halte diese Partei ziemlich wichtig für das Gesamtspektrum. So, wie die CDU konservative nationale Traditionen vernachlässigt hat, so hat Die Linke – wie schon erwähnt – im Allgemeinen ebenfalls Kontakt zu ihrer eigentlichen Klientel verloren und ihre Grundpfeiler – den Idealismus und Pazifismus – angesägt. Die schweben ebenfalls in dieser realitätsfernen Zwischenwelt, in einem Staat im Staate. Im Kreise der Sahnehäubchen, oben auf der Torte.

Auch das ist Politik, kulturvolle – die Musik tönt bei Dir weiter laut, leise, kraftvoll, unermüdlich stehst Du auf der Bühne. Was steht im neuen Jahr an?

Neben dem Mutterschiff DIE ZÖLLNER, mit dem ich gerade wieder mit Pauken und Trompeten und Volldampf unterwegs war, wird es im kommenden Sommer „Die Zöllner im Trio Infernale“ geben. Hier bringen mein langjähriger Kompagnon, der Pianist André Gensicke, und der Cellist Tobias Unterberg alias b.deutung eher die stilleren Lieder unseres umfangreichen Repertoires zu Gehör. Außerdem gibt es noch „Zöllners Blinde Passagiere“, ein Freundesprojekt mit der großartigen Sängerin Steffi Breiting, mit einem völlig eigenständigen Programm und extra dafür geschriebenen Liedern, davon wird im Herbst ein Album erscheinen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch die Kollaboration mit Manuel Schmid, dem Sänger der Stern Combo Meißen, mit dem ich „Die schönsten Balladen aus dem Land vor unserer Zeit” zelebriere. Kunstlieder der Komponisten Franz Bartzsch, Wolfgang Scheffler, Michael Heubach, Holger Biege, Stefan Trepte und vielen anderen. Von Mitte Januar bis Mitte Februar ‘26 geht es auf Tour, und auch hier ist ein neues Album im Gepäck. Zwischen Weihnachten und Silvester arbeite ich an der Fortsetzung der Graphic Novel „Machandeltal“, gemeinsam mit dem Zeichner Jörg Menge. Hier werden wir im kommenden Jahr mit einer multimedialen Lesung unterwegs sein – Wort, Bild und Musik.

Dirk, nochmal sammle ich Stichworte für Dich: mündiger Bürger, direkte Demokratie, soziale Gerechtigkeit, ungerechte Verteilung, Annäherung West/Ost (ist das überhaupt möglich oder bleibt die latente Teilung?), Altparteien, Stichwort Vertrauen in die Politik zurückholen – mit dem gegenwärtigen Politikerhandeln etwa?

Demokratie kann nur bei sozialer Gerechtigkeit funktionieren. Ich bin sehr für die gerechte Verteilung des ungeheuren Reichtums. Aber als echter Linker kann ich das nicht nur für die eigene Nationalität einfordern, also gerecht verteilter Reichtum im Sonnenstaat, hinter Glas, Beton und Stacheldraht. Man muss vor der eigenen Haustür anfangen, das ist richtig. Dann brauchen die Menschenmassen auch nicht mehr in die umzäunten Billigmastanlagen der betonierten südlichen Gestade transportiert werden, um sich den wohlverdienten Urlaub zu leisten. Jede Gesellschaft ist eine Inszenierung. Ich glaube, wir können das alles irgendwie besser und nachhaltiger. Dazu bedarf es aber auch mehr Talent und Phantasie. Baerbock und Habeck, die wir im Freundeskreis immer liebevoll „Schweini & Poldi“ nannten, fehlte irgendwie die Sensibilität.

Die Politik sollte die Kunst nicht für ihre Zwecke einspannen, sie sollte ihr vielmehr folgen, denn sie ist die einzige evolutionäre Kraft. So hat es Joseph Beuys, einer der Gründungsväter der Grünen, gesagt. Ich glaube das auch, denn unsere Zukunft kann nur im Betreten von neuem Land zu finden sein. Unendliches Wachstum auf unserer endlichen Erde ist totaler Schwachsinn. Wir sollten fähige Leute in große Pools wählen und dann die Politiker auslosen, sie gut bezahlen, Lobbyismus verbieten. Grundsätzlich nach vier Jahren neu auslosen, damit keiner dem Geldsammeln erliegt oder sich im Hochgefühl für die Reinkarnation einer biblischen Gestalt hält und sich am goldenen Thron festschrauben will. Wenn einer offensichtlich befähigt ist und der Evolution spürbar Raum gibt, sollte man ihm eine zweite oder auch dritte Runde einräumen.

Abschließend ein Zöllner‘scher Ausblick auf 2026, bitte!

Auf jeden Fall sollten wir mehr spinnen und nach einer neuen Inszenierung suchen und nicht alles so spaßfrei zerpflücken – spielerischer, freundlicher. Wettspiel statt Wettstreit. Zuhören, auch dem vermeintlichen Feind. Nicht nur das Negative vermuten, auf das Positive hoffen. Nachdenken. Probieren und auch wieder verwerfen. In Bewegung bleiben, denn Veränderung ist Glück.

Danke Dir für das Gespräch.

Titelbild: Johanna Bergmann/shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

Erinnerungen an Mutter Beimer | Von Dirk C. Fleck

17. Januar 2026 um 22:22

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Erinnerungen an Mutter Beimer | Von Dirk C. Fleck

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

In den neunziger Jahren hatte ich das Privileg, für die WELT und später für die Berliner Morgenpost an jedem Sonnabend auf einer ganzen Seite eine prominente deutsche Persönlichkeit vorzustellen. Insgesamt sind es über 200 Porträts geworden. Warum ich jetzt ausgerechnet an die Begegnung mit Marie-Luise Marjan zurück denke weiß ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die inzwischen 85jährige mich an eine Figur aus Kafkas Erzählungen erinnerte, an die Sängerin Josefine nämlich, einer Maus, die von ihrem Mäusevolk bewundert wird, obwohl ihr Gesang oft nur ein erbärmliches Pfeifen ist. Hier ist die Reportage mit „Josefine“ Marjan im Wortlaut:

Wenn die Menschen einem auf der Straße zuwinken, wenn sie die Scheiben ihrer Autos herunter drehen und »Alles Gute!« rufen, wenn einem im Restaurant wie selbstverständlich der beste Platz zugewiesen wird und der Aperitif aufs Haus geht – wenn einem also so viel Gutes widerfährt, dann ist man in Deutschland mit Mutter Beimer unterwegs.

Marie-Luise Marjan nimmt die Huldigungen, die ihr auf Schritt und Tritt entgegenschlagen, mit Grandezza entgegen. Sie winkt zurück, lacht und verteilt Kusshändchen. »Ich nehme dieses Spiel an«, sagt sie, »was soll ich mich dagegen wehren? Das kostet zu viel Kraft.«

Die Schauspielerin aus der »Lindenstraße« ist der lebende Beweis dafür, dass der schlichte Charakter einer deutschen Haus-und Reisekauffrau, den sie nun seit Jahren auf dem Bildschirm verkörpert, in diesem Land allemal höher geschätzt wird, als das lächerliche Stargehabe vieler Kollegen. Zwei schlicht, zwei kraus – das ist es, was die Menschen immer noch am besten verstehen.

Die Begegnung mit Mutter Beimer kommt gerade recht. Sie bindet mich wieder in eine Realität, die ich kaum noch zu erkennen vermochte, nachdem ich eine Woche zuvor Professor Jürgen Hubbert in Sindelfingen interviewte hatte. Der Mercedes-Chef ließ sich nach dem Gespräch vom Fotografen dazu überreden, die Steilwand der hauseigenen Teststrecke im Sprint zu durchlaufen. Einen der wichtigsten deutschen Wirtschaftsführer in seiner transparenten Blässe mit hängender Zunge und wehender Krawatte am Konzernimage arbeiten zu sehen, war einfach nur absurd und entbehrte nicht einer gewissen Lächerlichkeit.

Marie-Luise Marjan ist nicht lächerlich, sie ist ehrlich. »Die Mutter Beimer kann ich spielen, bis ich achtzig bin«, sagt sie und rückt die Stola über ihrem weißen Kleid zurecht. Ein solches Kleid würde sie in der Lindenstraße nie tragen.

 »Die Leute kennen mich im Nachthemd, sie kennen mich in hässlichen fleischfarbenen Bodys und schlecht sitzenden Büstenhaltern. Trotz dieses trutschigen Outfits ist es mir gelungen, der Figur Lebenskraft, Sinnlichkeit und Humor einzuhauchen. Deshalb sprechen die Menschen mich auf der Straße an. Ich bin eben wie sie, da gibt es keine Berührungsängste.«

Frau Marjan leistet ihren Dienst mit Hingabe, als habe sie die Aufgabe in der Lotterie gewonnen. Das Fernsehvolk lässt sie seit sechzehn Jahren gewähren, eine Ewigkeit, wenn man die Halbwertzeiten heutiger Stars in Betracht zieht. Die Menschen können sich nicht sattsehen an ihrem Gesicht. Es hat weder Ecken noch Kanten, es ist weichgespült und taumelt beständig an der Grenze des Vergessens. Es ist die Mutterpflanze der guten deutschen Hausfrau, eine Projektionsfläche für alle unerfüllten Sehnsüchte.

Bevor Marie-Luise Marjan 1985 Helga Beimer wurde, hatte sie zwanzig Jahre lang Theater gespielt – vom Starruhm war sie so weit entfernt, wie Heinz Konsalik vom Literaturnobelpreis.

»Im ersten Jahr wurde ich als Naive engagiert, später dann als schwere Sentimentale. So steht es in den Verträgen: schwere Sentimentale. Gerhart Hauptmanns Rose Bernd ist so eine.«

Sie hat alles gespielt, von Shakespeare über Kleist bis zu Brecht.

»Wenn man Huren und Königinnen gegeben hat«, sagt sie, »wenn man den Gatten ermordet und Revolutionen angezettelt hat, dann ist die eigene Person nicht so wichtig. Die Figuren, die man verkörpert, dürfen ja jeden Fehler machen, ohne je dafür bestraft zu werden. Im wahren Leben wird man schneller beschädigt.«

Nietzsche nannte diese Secondhand-Existenz den beglückenden Wahn der Schauspieler.

»Sie glauben tatsächlich, dass es den historischen Personen, welche sie darstellen, so zumute gewesen sei wie ihnen bei ihrer Darstellung. Das wäre freilich eine schöne Entdeckung, dass es nur des hellseherischen Schauspielers bedürfe, statt aller Denker, um ins Wesen irgendeines Zustandes hinabzuleuchten!«,

empörte er sich.

Marie-Luise Marjan schnuppert an der Rose, die der Wirt des italienischen Restaurants am Hamburger Rothenbaum eigens für sie auf den Tisch gestellt hat. »Wussten Sie«, fragt sie mit blitzenden Augen, »dass es eine Marie-Luise-Marjan-Rose gibt? Sie ist weiß, mit einem Hauch von Rosa auf der Innenseite.«

Sie prostet mir zu und schaut auf die Uhr, es steht noch ein weiterer Pressetermin an. Ich begleite sie zum Taxistand. Ein Wagen hupt, Mutter Beimer winkt zurück.

»Eigentlich müsste ich ein Buch darüber schreiben, was mir mit den Leuten so alles passiert«,

sagt sie und schmunzelt.

»Die Geschichte in der Sauna zum Beispiel. Da kommt eine Frau auf mich zu, reißt mir den Bademantel auf und sagt: ›Sie sind ja gar nicht so dick wie in der Serie!‹ Oder die Sache im Flugzeug. Ich hatte meine Schuhe ausgezogen. Der Herr neben mir starrte unentwegt auf meine Füße. Plötzlich sagte er: ›Ich kenne Sie.‹ – ›Warum starren Sie mir dann auf die Füße und nicht ins Gesicht?‹, fragte ich. Da antwortete er: ›Sie haben mal eine Szene gespielt, in der Sie barfuß aufgetreten sind. Und zwar als der Chef Ihres Mannes zu Ihnen nach Hause kam. Das habe ich nie vergessen ...‹.«

Sie lacht noch, als ich ihr die Taxitür öffne. »Wissen Sie, was das wirklich Großartige an meiner Popularität ist?«, fragt sie mich zum Abschied. »Ich kann in Deutschland nicht mehr verloren gehen!« Ich schließe sie in die Arme, sie lässt es sich gerne gefallen.

PS: Marie-Luise Marjan engagiert sich seit 1990 bei UNICEF und beim Kinderhilfswerk PLAN International. Die Fernsehserie Lindenstraße lief noch bis 2010.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: VasylYurlov / shutterstock

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Was wir für Fortschritt halten, ist reine Plünderung | Von Dirk C. Fleck

03. Januar 2026 um 11:35

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Was wir für Fortschritt halten, ist reine Plünderung | Von Dirk C. Fleck

Einige Gedanken querbeet

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

»Es stimmt nicht, dass gegen die Dummheit kein Kraut gewachsen ist. Es wird nur nicht angepflanzt!« – Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), Naturforscher und Schriftsteller.

Neulich sah ich im Hamburger Abendblatt ein halbseitiges Foto von einem Wal, von dessen gigantischer Schwanzflosse das Wasser perlte. Natürlich dachte ich zunächst, es handele sich um einen Bericht über die Ausrottung der Meeressäuger. Unter dem Bild stand: »Wal griff Urlauber an!«

Den Menschen ins Bewusstsein zu bringen, dass sie nicht nur Kulturwesen, sondern auch Naturwesen sind, die verinnerlicht haben, dass die Natur ein Existenzrecht hat, unabhängig da- von, ob sie etwas davon haben, ist eine Herkulesaufgabe, von der niemand weiß, wie sie bewerkstelligt werden kann.

Es geht nicht mehr um links oder rechts, es geht auch nicht um oben oder unten, es geht um zukunftsfeindlich oder zukunftsfreundlich.

Was wir für Fortschritt halten, ist nicht Ausfluss von Intelligenz, sondern ein Substanzverzehr – reine Plünderung.

Der chinesische Astronaut Taylor Gun-Jin Wang nach seiner Rückkehr aus dem All:

»Ein chinesisches Märchen erzählt von einigen Männern, die ausgeschickt wurden, einem jungen Mädchen etwas Böses anzutun. Als sie aber sahen, wie schön es war, waren sie so gerührt, dass sie stattdessen seine Beschützer wurden. Ebenso erging es mir, als ich die Erde zum ersten Male erblickte: Ich konnte sie nur noch lieben und verschonen.«

Wenn man nicht ohnehin der Meinung ist, dass der Drops gelutscht ist, weil wir es bereits heute mit irreparablen Langzeitschäden zu Lande (Atommüll, Abholzung der Regenwälder, Verlust der Artenvielfalt, Pestizideinsatz in der Landwirtschaft), zu Wasser (Plastikschwemme) und in der Luft (Geoengineering) zu tun haben, muss man wohl konzedieren, dass der Umbau unserer globalen Konsumkultur das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit sein wird.

Es war Erhard Eppler (1926-2019), der gesagt hat, dass die Naturvölker vermutlich keinen ersprießlicheren Umgang mit der Natur gepflegt haben als wir - sie hatten nur keine Motorsägen.

Als die Maori Neuseeland besiedelten, haben sie die tierischen und pflanzlichen Ressourcen derart unachtsam geplündert, dass ihr Lebensraum kaum noch etwas hergab. Während wir den Ökozid bewusst in Kauf nehmen, kamen die Maori zur Besinnung. Sie erklärten die am stärksten geschädigten Gebiete zu Tabuzonen, in denen nicht gejagt, gefischt oder Holz geschlagen werden durfte. Manche Zonen waren für Menschen ganz gesperrt. Erst wenn sich die Natur wieder erholt hatte, wurde das Tabu gelöst. Jetzt ging es auf eine andere Region über, die ökologisch auf der Kippe stand und die ebenfalls eine Atempause brauchte. Auf diese Weise entstand ein gesunder Kreislauf – Mensch nimmt, Mensch lässt in Ruhe. Die Natur weiß das zu schätzen.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit der Earth-First- Aktivistin Judi Bari. Es war 1990 im sogenannten Redwood-Summer, als zehntausende US-amerikanischer Umweltschützer gegen die Lumber-Companies mobil machten, welche die kalifornischen Küsten-Mammutbäume „abernten“ wollten. Wir schlenderten die Dorfstraße von Alderpoint hinunter in ein lang gezogenes Tal, in dem Hunderte bemooster, mannshoher Baumstümpfe in Reih und Glied standen wie Grabmale auf einem Heldenfriedhof.

»All das hier war vor vierzig Jahren noch mit majestätischen Urwäldern bedeckt«,

bemerkte Judi,

»bis zu zweitausend Jahre alte Redwood-Riesen ragten über hundert Meter hoch in den Himmel. Zwischen Platt Mountain auf der einen und Wool Mountain auf der anderen Seite lebten unzählige Vogelarten, Reptilien und Wildkatzen. In den Bächen tummelten sich Forellen und Lachse. Dort drüben rauschte ein Wasserfall in die Tiefe ...«

Meine Begleiterin ging in die Hocke und ließ eine Handvoll staubiger Erde durch die Finger rieseln.

»Wo sind die Pflanzen und Tiere?«, fragte sie mit brüchiger Stimme, »wie können wir es nur aushalten ohne sie?«

Wir haben uns regelrecht in die Natur verbissen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ist der Umstand, dass Menschen in manchen meiner Träume nicht mehr vorkommen, nun der Tatsache geschuldet, dass wir einfach von der Erde verbannt wurden? Oder sind wir entbehrlich geworden, weil wir unsere Aufgabe pflichtbewusst erfüllt haben? Diese Aufgabe hieß dann wohl: Haut das filigrane Netzwerk auf dem blauen Planeten in tausend Stücke, damit ich mir neue Bahnen suchen kann, denn ich, die Evolution, spiele und experimentiere gern.

Pflanzen lernen. Über ihre Wurzeln senden sie chemische, mechanische und elektrische Signale an Nachbarpflanzen aus. Im Saft ihrer Äste und Blätter schwimmen sogenannte ›Phytohormone‹, die wichtige Botschaften übermitteln. In ihren Stängeln werden Sinneswahrnehmungen wie in einem Nervensystem weitergeleitet. Über bestimmte Duftstoffe können sie mit anderen kommunizieren, Insekten anlocken oder vertreiben. Werden Pflanzen durch weidende Tiere oder Insektenbefall beschädigt, so raten sie anderen Pflanzen, Abwehrstoffe wie Phenol oder Tannin zu produzieren, die sie für Schädlinge unverdaulich machen. Ach, was wissen wir schon …

Ich habe keinen Gießplan für meine Pflanzen. Ich weiß, wann sie Wasser brauchen, ich folge einfach ihrem Ruf. Unsere Kommunikation ist aber nicht aufs »Essenfassen« beschränkt. Wenn ich mit einer Idee schwanger gehe, wenn ich dabei bis in die letzten Winkel meiner Wohnung laufe, um meinen Kopf zu kühlen, dann ertappe ich mich gelegentlich dabei, wie ich eine Pflanze berühre, ihre Blätter auf Schadstellen untersuche, ihr den Staub abwische, sie ins rechte Licht rücke. Die Pflege meiner Pflanzen geschieht unbewusst, ohne dass ich dabei nachlässig wäre. Im Gegenteil: In diesen meditativen Augenblicken bin ich ihnen sehr nah. Ich erkenne ihre Bedürfnisse und gehe auf sie ein. Als Dank saugen sie jeden gedanklichen Ballast aus mir, sodass ich mit einem klaren Ergebnis an den Computer zurückkehre. Ich benutze keine Worte, wenn ich mit ihnen spreche, ich richte nicht einmal formulierte Gedanken an sie. Unser Verständnis funktioniert auf einer anderen Ebene, es liegt jenseits aller Missverständnisse.

Auf dem hart gefrorenem flachen Land ist die Natur zu Trümmern zerschlagen worden. Die Splitter liegen zwischen Kiesgruben, Möbellagern und bröckelnden Zementfabriken verstreut. Ich zähle die Baumstümpfe an der parallel laufenden Landstraße, hinter der ein Heer von Hochspannungsmasten über eingezäunte Wiesen stampft. Hunderte von Krähen lassen sich auf dem Acker nieder, ein Bulldozer schiebt Sand in den Priel. Das Surren der Reifen auf der provisorischen Spur wirkt beruhigend. Daran ändert auch die staubende Urinfahne aus dem Viehtransporter nichts. Ich orientiere mich am Mercedes-Stern und nicht an den ängstlich geweiteten Augen, die zwischen den Stahlrosten um Hilfe flehen ...

Das norwegische Parlament hat gerade entschieden, große Gebiete im Nordatlantik für den Tiefseebergbau zu öffnen. In dem 281.000 Quadratkilometer umfassenden Gebiet zwischen Ostgrönland und Spitzbergen lagern nach Schätzungen von Geowissenschaftlern rund 45 Millionen Tonnen Zink sowie 38 Millionen Tonnen Kupfer, also das Doppelte der heute weltweit geförderten Menge. Außerdem soll die Meereskruste große Mengen an Gold, Silber, Mangan, Titan, Kobalt, Nickel und den begehrten »seltenen Erden« enthalten. Ein Fraß, den sich die unersättliche Konsumgesellschaft unserer Tage nicht entgehen lassen will.

"Der klarste Weg ins Universum führt durch einen wilden Wald.“ John Muir (1838-1914) war ein schottisch-amerikanischer Naturwissenschaftler, Entdecker, Schriftsteller, Erfinder, Ingenieur und Geologe.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: studiovin / shutterstock

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