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Vom Hilfstransport zum Staatsfeind | Von Sabiene Jahn

22. Januar 2026 um 09:47

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Vom Hilfstransport zum Staatsfeind | Von Sabiene Jahn

Der Fall „Friedensbrücke“ und die neue Grenze zwischen Humanität und Staatsschutz

Am Morgen des 21. Januar 2026 lässt der Generalbundesanwalt in Berlin und Brandenburg drei Personen festnehmen. Einer deutsch-ukrainischen Staatsbürgerin wird geheimdienstliche Agententätigkeit vorgeworfen, zwei weiteren Beschuldigten die Unterstützung einer „ausländischen terroristischen Vereinigung“. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Hilfsverein aus Brandenburg, der seit 2015 offen dokumentierte humanitäre Transporte in den Donbass organisiert hat – Lieferungen von Medikamenten, Lebensmitteln, Technik und Hilfsgütern, die vom Verein selbst nie bestritten wurden. Strittig ist nicht die Existenz dieser Hilfstransporte. Bestritten wird deren rechtliche und politische Deutung. Die Bundesanwaltschaft behauptet, einzelne Lieferungen hätten auch militärisch relevante Güter umfasst, darunter angeblich Drohnen oder drohnenbezogene Technik. Der Verein weist diesen Vorwurf zurück und bestreitet jede Form militärischer Unterstützung. Gleichwohl verbindet sich in der öffentlichen Darstellung der Spionageverdacht mit dem Vereinsverfahren zu einem Gesamtbild, in dem aus humanitärer Hilfe der Verdacht organisierter Unterstützung wird.

Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn.

Am vergangenen Mittwoch verdichten sich zwei Erzählstränge, die im deutschen Ukraine-Diskurs seit Jahren nebeneinander herlaufen und sich nun im Strafrecht berühren. Auf der einen Seite die sicherheitsbehördliche Logik eines Staates, der Russland als Bedrohung und „Einflussoperation“ definiert und daraus Ermittlungen, Festnahmen und Verbotsarchitekturen ableitet. Auf der anderen Seite die Selbstbeschreibung eines Vereins, der seine Arbeit als humanitäre Hilfe für die Bevölkerung in einem kriegszerstörten Raum versteht – und der die Maßnahmen gegen sich als politisch motivierte Kriminalisierung deutet(1). Dazwischen liegt ein Terrain, das längst kein Sonderfall mehr ist. Die systematische Verengung legitimer Handlungsspielräume durch Sanktionsrecht, Antiterrorparagrafen, Verwaltungsentscheidungen und mediale Rahmungen – mit realen Konsequenzen für Vereine, Spender, Banken, Plattformen und am Ende für jede Form von „abweichender“ humanitärer Praxis.

Der aktuelle Anlass ist konkret: Festnahmen in Berlin und Brandenburg, vorgetragen als Mischung aus Spionageverdacht und Unterstützung „ausländischer terroristischer Organisationen“(2). In der Berichterstattung wird eine Frau (deutsch-ukrainische Staatsangehörigkeit) genannt, der geheimdienstliche Agententätigkeit vorgeworfen wird; dazu zwei Männer, denen zugeschrieben wird, seit 2016 in herausgehobener Stellung in einem Verein agiert zu haben, der Transporte von Versorgungsgütern, Medizinprodukten und – entscheidend – angeblich auch Drohnen in den Donbass organisiert haben soll(3).

Die Bundesanwaltschaft ordnet dabei die Volksrepubliken Donezk und Lugansk als terroristische Vereinigungen ein(4). Das ist die juristische Schiene, auf der aus Hilfeleistung eine Unterstützungstat werden kann. Zeitgleich wird in mehreren Medien betont, dass die Spionagefestnahme nicht notwendig mit dem Vereinsverfahren zusammenhänge(5). Die Dramaturgie in der öffentlichen Wahrnehmung verbindet beides dennoch zu einem Gesamtbild – „Netzwerke“, „Einfallstore“, „Unterwanderung“ oder „Helfer des Kreml“(6).

Der Redaktionstext der „Deutschen Welle“ (DW) bildet diese Logik in kondensierter Form ab. Dort heißt es, die Festgenommenen hätten „humanitäre Hilfe und Drohnen in die Ostukraine“ geschickt. Außerdem wird die Einstufung der „Volksrepublik Donezk“ und der „Volksrepublik Luhansk“ als terroristische Organisationen behauptet, verbunden mit dem Hinweis, die Gebiete seien 2014 „von moskautreuen Truppen besetzt“ worden(7). In dieser Wortwahl steckt bereits das Grundproblem. Wo der Staat – und ein erheblicher Teil der Leitmedien – einen geopolitischen Deutungsrahmen setzt, rutscht die Debatte über konkrete Handlungen – Medikamente, Rollstühle, Generatoren, Werkzeuge oder Kinderspielzeug – in eine Vorentscheidung hinein, die nicht mehr humanitär, sondern loyalitätspolitisch gelesen wird.

Wichtig ist, sauber zu trennen, was wir wissen, was behauptet wird und was sich daraus als Struktur ableiten lässt. „Wissen“ heißt hier zunächst, es gibt Ermittlungen, es gab Durchsuchungen (bereits im Mai 2025 bei Mitgliedern des Vereins „Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe“) und nun Festnahmen(8). Die Vorwürfe werden über § 129b StGB (Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung) und im Spionagekomplex über Agententätigkeit gerahmt(9). Medien referieren, die Bundesanwaltschaft habe ausgeführt, die mutmaßliche Spionin habe Informationen zu Teilnehmern hochrangiger Veranstaltungen gesammelt und sich über Rüstungsstandorte, Drohnentests und Drohnenlieferungen erkundigt. Teils habe sie frühere Mitarbeiter aus dem Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums angesprochen, die sie persönlich kannte(10). Ebenso wird in mehreren Berichten auf Vereinsstrukturen verwiesen, die Lieferungen in den Donbass organisiert haben sollen, einschließlich des Vorwurfs, Vereinsgelder – in einem Fall über 14.000 Euro – weitergeleitet und Transporte mitfinanziert zu haben(11).

Deutlich wird, hier wird kaskadenartig massiv Druck ausgeübt und der entsteht heute selten als eine einzige Weisung. Druck wirkt normativ über den Sanktions- und Terrorismusrahmen. Wer Gebiete oder Strukturen als sanktioniert bzw. als terroristisch einstuft, verschiebt den rechtlichen Status von Handlungen in einem Schritt. Aus „Hilfe“ wird „Ressourcenzufluss“, aus „Transport“ wird „Unterstützung“, aus „Kontakt“ wird „Netzwerk“. Die Berichterstattung von 2022, auf die „WELT“ selbst verweist, arbeitete bereits mit dem zentralen Argument, dass den Regionen Donezk und Lugansk „weder unmittelbar noch mittelbar Gelder oder wirtschaftliche Ressourcen“ zugutekommen dürften – und dass Hilfslieferungen Legitimität verschaffen könnten(12). Das ist nicht nur ein moralischer Vorwurf. Es ist eine funktionale Brücke zwischen Außenpolitik und Strafrecht. Wer Legitimität als Ressource definiert, kann Humanitäres als politisches Kapital behandeln. In der aktuellen Welle wird diese Brücke durch die Spionage- und Terrorismus-Zuschreibung zusätzlich verstärkt.

Der Druck wirkt ebenso administrativ, über Ermächtigungen und Intransparenz. § 129b ist kein gewöhnlicher Straftatbestand im Sinne einer klaren, für Bürger leicht vorhersehbaren Grenze. Er ist strukturell an außenpolitische Interessen gekoppelt, weil die Verfolgung regelmäßig von politischen Bewertungen flankiert wird. Welche Gruppierung gilt als terroristisch? Ab wann? Mit welcher Reichweite? In der Praxis entsteht dadurch eine Grauzone, in der Handlungen rückblickend neu bewertet werden können – genau jener Punkt, der in der Debatte seit Monaten den Kern bildet. Vereine und Unterstützer behaupten, sie hätten humanitär gehandelt und sich im Rahmen dessen bewegt, was öffentlich-politisch (Stichwort Minsk-Prozess) lange Zeit als Konfliktbearbeitung galt. Staatliche Ermittler hingegen argumentieren, dass Ressourcen (auch Sachgüter) in einem Terror-Kontext objektiv Unterstützungswirkung entfalten können. Das ist weniger eine juristische Spitzfindigkeit als ein Machtinstrument. Es verschiebt die Risikoabwägung vollständig auf die Zivilgesellschaft – und zwar mit einem Risiko, das niemand mehr durch „gutes Verhalten“ zuverlässig minimieren kann, weil die Einstufung selbst politisch dynamisch bleibt.

Der Druck ist insbesondere finanziell und infrastrukturell wirkmächtig, über Banken, Zahlungsdienstleister, Plattformen und Logistik. Etliche Kontenkündigungen, die angedrohte Aberkennung von Gemeinnützigkeit und eine entblössende Negativpresse im Mainstream mit erheblicher Schlagseite. Das ist der Mechanismus, der heute in vielen Politikfeldern zu beobachten ist. Bevor ein Gericht rechtskräftig urteilt, entstehen faktische Sanktionen im Vorfeld – durch De-Risking, Kündigungen, Sperrungen, Ausladungen und Kooperationsabbrüchen. Man kann das als „privatisierte Vorwirkung“ staatlicher Risikologik beschreiben. Der Staat muss nicht verbieten, wenn das Umfeld den Akteur operativ austrocknet. In diesem Klima wird jede Strafverfolgungsnachricht zum Signal an Dritte. Wer weiter kooperiert, könnte der Nächste sein…

Im diskursiv-medialen Druck wird der Fall „Friedensbrücke“ zum Exempel eines breiteren Phänomens. Er ist kein Sonderfall mehr, aber ein Anlass zum Nachdenken und Entrüsten. Leitmedien erzählen solche Fälle selten als nüchterne Abwägung zwischen humanitärer Pflicht und Sanktionsregime. Sie erzählen sie als Loyalitätsgeschichte. Wer hilft, wem hilft er damit wirklich? Wer steckt dahinter? Wer nutzt wen? Das ist in Teilen legitime Recherche – aber es ist auch eine Rahmung, die die Unschuldsvermutung faktisch unterminiert, weil sie nicht auf konkrete Tatnachweise fokussiert, anstatt dessen auf Motive, Nähe und symbolische Bilder. Die „WELT“-Ästhetik, Fotos mit Uniformierten, Schlagworte mit „dubiose Spendenorganisationen“ ist dafür beispielhaft(13). Die öffentliche Botschaft lautet, wer in diese Sphäre tritt, steht außerhalb normaler Zivilgesellschaft, selbst wenn er Hilfsgüter transportiert.

Dass der Verein „Friedensbrücke“ und Liane Kilinc (die bereits im Exil lebt) das als politisch motivierte Kriminalisierung interpretieren, ist in der Stellungnahme vom 21. Januar 2026 unübersehbar. Dort wird die Einstufung der „Volksrepubliken“ als „völlige Missachtung historischer Realitäten“ bezeichnet. Es wird von „Kriminalisierung humanitärer Hilfe“ gesprochen und die deutsche Justiz als „Werkzeug“ einer von USA und NATO vorangetriebenen Kriegspolitik gedeutet. Zusätzlich wird eine Verbindung zu Enthüllungen rund um Butscha behauptet und daraus eine zeitliche Motivlage nahegelegt(14). Diese Passagen sind politische Positionierung. Zugleich zeigen sie, wie stark die Akteure sich bereits in einem existenziellen Konflikt mit dem deutschen Staat und dessen Rechtssystem sehen. Damit verschiebt sich die Kommunikation, weg von juristischer Verteidigung, hin zur Systemkritik. Das ist gemäß deutschem Grundgesetz erlaubt. Genau das wiederum erhöht im sicherheitsbehördlichen Blick die Plausibilität des „Netzwerk“-Narrativs. Ein Teufelskreis aus gegenseitiger Bestätigung entsteht, in dem jede Seite im Verhalten der anderen den Beweis für die eigene Deutung findet.

Die Intervention der ehemaligen Politikerin und Autorin Dagmar Henn – unabhängig davon, ob man ihre Folgerungen teilt – ist als Beitrag einer Gegenöffentlichkeit interessant. Henn beschreibt in einem älteren Artikel eine „Spionagegeschichte“, die sich aus ihrer Sicht aus nachrichtendienstnahen Quellen und Denkstilen des deutschen Staatsapparates speist. „Einfallstor“, „operieren“, „Netzwerke“ – das Vokabular verrate die Perspektive. Sie nennt als zentrale Deutungsinstanz Sabine Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem zentralen außen- und sicherheitspolitischen Beratungsinstitut von Bundesregierung und Bundestag, und kritisiert, es werde hier eine Nachrichtendienstlogik aus dem staatlichen Sicherheitsapparat in den gesellschaftlichen Raum übertragen(15). Das ist, analytisch betrachtet, eine relevante Beobachtung, weil sie einen Mechanismus benennt, der über diesen Einzelfall hinausweist. In Deutschland hat sich seit 2022 ein diskursives Muster etabliert, in dem die Grenze zwischen politischer Analyse, staatlicher Sicherheitskommunikation und moralischer Delegitimierung zunehmend verschwimmt. Sobald die Kategorie „Einfluss“ dominiert, wird nahezu jede Form von abweichender Positionierung als potenziell „gesteuert“ lesbar – und damit als Sicherheitsproblem, nicht als demokratische Normalität.

Was steckt also „wirklich“ hinter der eklatanten Verfolgungsjagd eines kleinen Hilfsvereins aus Brandenburg? Seriös lässt sich das derzeit nur als Strukturhypothese formulieren, nicht als abschließende Enthüllung über Drahtzieher. Der Druck entsteht aus dem Zusammenwirken von EU-Sanktionsarchitektur, nationalem Sicherheitsrecht (insbesondere § 129b als Hebel), politischer Außen- und Bündnispolitik, und einer Medienlogik, die Loyalitätsabweichung schnell in Verdachtsnarrative übersetzt. Das ist ein Systemeffekt. Wenn Außenpolitik moralisch absolut gesetzt wird – „wir“ gegen „sie“–, dann werden rechtliche Instrumente elastischer, präventive Eingriffe wahrscheinlicher und „Neutralität“ sozial riskanter. Der Fall ist deshalb kein Sonderfall, weil er in vielen Feldern ähnlich verläuft. Bei Palästina-Solidarität, bei Russland-Nähe, bei bestimmten Corona-Aufarbeitungsnetzwerken und bei Whistleblower-Konstellationen.

Ähnlich ist immer das Muster. Zuerst die Rahmung, dann administrative und schliesslich ökonomische Austrocknung, danach strafrechtliche Zuspitzung, schlussendlich eine gesellschaftliche Botschaft an alle anderen, was künftig als „normal“ gilt.

Das entscheidende ist jedoch, welche Prüfkriterien sind in einem solchen Klima noch belastbar? Wenn die Einstufung einer ausländischen Struktur als „terroristisch“ die Schlüsselvariable ist, dann muss sich Berichterstattung an genau dieser Einstufung abarbeiten. Wer trifft sie, auf welcher Grundlage, in welchem Verfahren, mit welchen Kontrollmöglichkeiten, und mit welcher Vorhersehbarkeit für Bürger und Organisationen? Wenn humanitäre Hilfe (Sachgüter) in Konflikträumen grundsätzlich als „Ressource“ gilt, die „militärische Entschlüsse“ stärken könne, dann ist die humanitäre Idee selbst gefährdet, weil sie in ein Motivationsstrafrecht kippt. Nicht die konkrete Tat zählt, viel mehr eine zugeschriebene Wirkung auf Dritte.

Damit wird humanitäre Hilfe in bestimmten politischen Räumen praktisch unmöglich, außer sie erfolgt über politisch privilegierte Kanäle.

Genau hier berührt der Fall die europäische Dimension. Europa ist nicht nur Rechtsraum – es ist auch Bündnisraum. Seit 2022 sind Sanktionen und Sicherheitskommunikation zu Leitplanken geworden, an denen nationale Politik ihre Handlungsfähigkeit demonstriert. Gleichzeitig bleibt die humanitäre Norm rhetorisch unangetastet. Natürlich will niemand „gegen Hilfe“ sein. Also wird der Konflikt auf die Ebene der Empfängerdefinition verschoben – Hilfe ja, aber eben nur an „die richtigen“. Wer diese „Richtigkeit“ politisch festlegt, kontrolliert faktisch die Humanität. Der Donbass ist dafür der härteste Testfall, weil er seit 2014 ein Raum konkurrierender Souveränitätsbehauptungen ist – und weil die deutsche Öffentlichkeit diesen Raum in weiten Teilen erst wahrnimmt, seit er in einen größeren Krieg mit der NATO eingebettet ist. In einem solchen Raum wird jede Lieferung zwangsläufig politisch gelesen, selbst wenn sie aus Sicht der Helfer banal und lebensrettend ist.

Das macht die Lage für Vereine in Deutschland existenziell. Wer in politisch umstrittenen Räumen hilft, setzt sich heute nicht mehr nur dem Risiko von Spendenverlusten oder Shitstorms aus. Er exponiert sich gegenüber Ermittlungen, Kontensperrungen, Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmen und Haft. Für die Zivilgesellschaft ist das eine neue Qualität.

Interessanterweise gilt diese Logik jedoch nicht symmetrisch. Die staatlich oder privat koordinierte humanitäre Hilfe an Kiew wurde nicht mit einer Silbe gerügt. Im Jahr 2022 erreichte die private Spendenhilfe für die Ukraine mit über einer Milliarde Euro einen historischen Höchststand – den höchsten jemals in Deutschland für eine einzelne Notsituation erfassten Betrag, so das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), die maßgebliche Spendenforschungsstelle in Deutschland(16). Kaum jemand stellte damals die Frage, wo der Krieg tatsächlich tobte – nicht in Kiew, sondern nahezu ausschließlich östlich, im Donbass –, und kaum jemand wusste, wo dieser Landstrich überhaupt liegt und welche lange westliche Vorgeschichte dieser Krieg hatte. Sanktionen gegen diese Spender sind bis heute nicht bekannt geworden(17). Die Schwelle, ab der Humanitäres als sicherheitsrelevant gilt, sinkt deutlich, sobald geopolitische Loyalität zur Binnenanforderung wird. Die Folge ist Selbstzensur im Organisieren, Spenden und Reden – und am Ende eine Art „Zulassungslogik“ für Mitgefühl. Man kann diese Entwicklung politisch begrüßen oder verurteilen.

Entscheidend ist etwas anderes. Sie verlangt Transparenz und Proportionalität. Transparenz heißt, wenn der Staat über § 129b eine Einstufung und Verfolgung trägt, muss er auch die Kriterien, den Zeitpunkt, die Reichweite und die Abgrenzung (zivil/ militärisch) so darlegen, dass Bürger ihr Verhalten daran orientieren können. Proportionalität bedeutet, der Nachweis, dass konkrete Güter konkret militärisch genutzt oder konkret zweckgerichtet an bewaffnete Akteure geliefert wurden, muss den Kern bilden – nicht die Vermutung, dass jede Hilfe „geeignet“ sei, Entschlüsse zu stärken. Hinzu kommt ein Punkt von erheblicher rechtsstaatlicher Brisanz: Die strafrechtliche Relevanz wird hier erst bis zu zehn Jahre nach den beanstandeten Handlungen konstruiert. Ein Verein soll sich heute für Tätigkeiten verantworten, die zum Zeitpunkt ihres Vollzugs weder verboten noch als terroristische Unterstützung eingestuft waren(18).

Solange diese beiden Anforderungen nicht erfüllt sind, bleibt im Raum, was zu Recht zu gesellschaftlichem Nachdenken mahnt. Nämlich, dass sich Rechtsstaatlichkeit nicht erst im Urteil zeigt. Es ist der Weg dorthin – und dass der Weg dahin in geopolitisierten Zeiten immer häufiger selbst zur Strafe wird. An diesem Punkt reduziert sich der gesamte Fall auf drei nüchterne, aber rechtsstaatlich entscheidende Fragen. Erstens: Lässt sich der zentrale Vorwurf der militärischen Unterstützung überhaupt belegen? Gibt es belastbare Beweise dafür, dass über den Verein Drohnen oder militärisch nutzbare Technik geliefert wurden – oder bleibt dieser Vorwurf eine Behauptung, gestützt auf Vermutungen, Deutungen und politische Kontextannahmen? Solange dieser Nachweis nicht geführt ist, bleibt der Kern der Anklage offen.

Zweitens gilt dasselbe für den Spionagevorwurf gegen die deutsch-ukrainische Beschuldigte. Auch hier ist nicht die Nähe, nicht der Kontakt und nicht die Beobachtung an sich strafbar. Strafbewährt ist nur eine nachweisbare Weitergabe geheimhaltungsbedürftiger Informationen mit Schädigungsabsicht. Wenn bereits das Beobachten oder Erheben von Informationen über mutmaßliche Militärtransporte als hinreichender Spionageverdacht genügen soll, dann gerät die Grenze zwischen legitimer Wahrnehmung und strafbarer Handlung gefährlich ins Rutschen – und mit ihr der Maßstab, ab wann Untersuchungshaft überhaupt noch verhältnismäßig ist.

Drittens berührt der Fall einen Punkt, der in der westdeutsch geprägten Sicherheitspolitik oft übersehen wird, für viele Ostdeutsche jedoch bis heute eine zentrale rechtliche Referenz ist, den Zwei-plus-Vier-Vertrag als völkerrechtlich bindende Friedensgrundlage. Für eine Generation, die ihre staatliche Existenz aus genau diesem Vertrag ableitet, ist er ein rechtlicher Schutzraum – und kein historisches Dokument – gegen neue Kriegsrhetorik, neue Bündnislogiken und neue Feindbilder. Während eine überwiegend westdeutsch sozialisierte Regierung diesen Vertrag politisch entkernt, bleibt er für viele Ostdeutsche die zentrale juristische Referenz, aus der sie der heutigen Militarisierung in rechtsstaatlicher Weise entgegentreten(19).

Wenn Haft zur Vorleistung auf einen noch nicht geführten Beweis wird, wenn Humanität nur noch unter geopolitischem Vorbehalt erlaubt ist und wenn völkerrechtliche Friedensverträge politisch marginalisiert werden, dann geht es längst nicht mehr nur um einen Verein aus Brandenburg. Dann geht es um die Frage, wie belastbar der Rechtsstaat bleibt, wenn Geopolitik beginnt, seine Maßstäbe zu setzen. Der Fall „Friedensbrücke“ ist damit ein Brennglas. Er zeigt, wie schnell in Deutschland aus einer politisch unpopulären Humanität ein Sicherheitsproblem werden kann, wie stark Medienrahmen die Vorverurteilung befördern, und wie wirkmächtig die Mischung aus Sanktionsrecht, Antiterrorparagrafen und administrativer Intransparenz ist. Und er stellt eine Frage, die über Donbass, Russland und Ukraine hinausreicht.

Wollen wir in Europa einen Zustand, in dem „Humanität“ nicht mehr eine Norm ist, und die dem Politischen Grenzen setzt? Oder wollen wir dieses Instrument, das nur innerhalb politisch definierter Grenzen erlaubt bleibt? Diese Fragen sind nicht abstrakt. Sie entscheiden darüber, ob Zivilgesellschaft künftig noch helfen darf – oder nur noch dort, wo es geopolitisch erwünscht ist.

Hier der Link zum Interview mit Liane Kilinc, Vorsitzende des Vereins Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe e.V.:

Im Gespräch: Liane Kilinc | Ist der Verein Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe e.V. ein "Terror-Unterstützer"?: https://apolut.net/im-gespraech-liane-kilinc/

Quellen und Anmerkungen:

1.) https://apolut.net/angriff-auf-humanitare-hilfe-hausdurchsuchung-beim-verein-friedensbrucke/ – Artikel von Sabiene Jahn, Mai 2025; ergänzend Stellungnahme des Vereins „Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe“: (Mai 2025) https://fbko.org/?S=Aktuelles_Fuer-die-Medien_Detail&lang=DE&D=Mp1ELrISjIkkQcvO; (21.01.2026, Telegram): https://t.me/No_Pasaran2022/51790

2.) https://www.generalbundesanwalt.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/Pressemitteilung-vom-21-01-2026.html

3.) https://www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/berlin-brandenburg-mutmassliche-unterstuetzer-prorussischer-gruppen-festgenommen-15162833.html

4.) https://www.zdfheute.de/politik/ausland/festnahmen-brandenburg-unterstuetzer-russland-ukraine-krieg-100.html

5.) https://www.stern.de/news/drei-festnahmen-mit-mutmasslichem-bezug-zu-russland-in-berlin-und-brandenburg-37062504.html – Medienberichte zur Trennung der Fälle.

6.) https://www.welt.de/politik/deutschland/article6970ad75568b91954b0e9e08/spionage-und-terror-unterstuetzung-doppel-razzia-gegen-mutmassliche-agenten-und-unterstuetzer-russlands.html

7.) https://www.dw.com/ru/v-berline-i-brandenburge-zaderzany-predpolagaemye-agenty-rf/a-75591627 -

8.) https://apolut.net/angriff-auf-humanitare-hilfe-hausdurchsuchung-beim-verein-friedensbrucke/

9.) https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__129b.html - StGB – Strafgesetzbuch, §§ 129b

10.) https://www.dw.com/de/mutmaßliche-russland-spionin-in-berlin-festgenommen/a-75592437

11.) https://www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/berlin-brandenburg-mutmassliche-unterstuetzer-prorussischer-gruppen-festgenommen-15162833.html

12.) https://www.welt.de/politik/deutschland/article6970ad75568b91954b0e9e08/spionage-und-terror-unterstuetzung-doppel-razzia-gegen-mutmassliche-agenten-und-unterstuetzer-russlands.html

13.) https://www.welt.de/politik/deutschland/article6970ad75568b91954b0e9e08/spionage-und-terror-unterstuetzung-doppel-razzia-gegen-mutmassliche-agenten-und-unterstuetzer-russlands.html

14.) https://t.me/No_Pasaran2022/51790 - Stellungnahme des Vereins vom 21. Januar 2026 (Telegram); ergänzend https://fbko.org/?S=Aktuelles_Fuer-die-Medien_Detail&lang=DE&D=Mp1ELrISjIkkQcvO

15.) https://www.freidenker.org/?p=22860

16.) https://www.dzi.de/pressemitteilungen/mehr-als-1-milliarde-euro-spenden-fuer-die-ukraine-in-2022/ - Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), ergänzend https://www.spendenrat.de/krieg-in-der-ukraine-ausserordentliche-spendenentwicklung/

17.) https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_humanitarian_aid_to_Ukraine_during_the_Russo-Ukrainian_war

18.) https://www.buzer.de/103_GG.htm - Art. 103 Abs. 2 GG

19.) https://www.bundestag.de/resource/blob/1034760/WD-2-061-24-pdf.pdf - Zwei-plus-Vier-Vertrag (1990), Völkerrechtlicher Friedensvertrag

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Dank an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Liane Kilinc, Vorsitzende des Vereins Friedensbrücke – Kriegsopferhilfe e.V.

Bildquelle: apolut

(Auszug von RSS-Feed)

Geopolitische Prognose aus Russland für 2026: Multipolare Realität jenseits von Erwartungen | Von Sabiene Jahn

14. Januar 2026 um 13:06

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Geopolitische Prognose aus Russland für 2026: Multipolare Realität jenseits von Erwartungen | Von Sabiene Jahn

Eskalation ohne Entscheidung

Der russische Politologe Dmitri Trenin entwirft in seiner Prognose für 2026 ein umfassendes, nüchternes Bild der internationalen Lage. Es geht um eine fortschreitende Fragmentierung der Weltordnung. Im Zentrum stehen die Fortdauer des Krieges in der Ukraine, die schleichende Ausweitung von Konfliktzonen unterhalb offener Kriegsschwellen, die strukturellen Begrenzungen europäischer Handlungsfähigkeit, die innenpolitische Polarisierung der USA sowie die begrenzte Kohärenz der sogenannten "Weltmehrheit". Die Analyse zeichnet eine multipolare Welt, in der Konflikte sich verstetigen – getragen von konkurrierenden Machtprojektionen, regionalen Interessen und dem Fehlen eines verbindenden Ordnungsrahmens. Trenins Text, durchzogen von einem Hauch trockenen Humors – etwa bei der Beschreibung Trumps als "strahlend, aber alternd" –, lädt ein, Geopolitik jenseits von Illusionen zu betrachten.

Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn.

Die geopolitische Prognose für das Jahr 2026, die Dmitri Trenin zu Jahresbeginn in der Zeitschrift "Profil" veröffentlicht hat, versteht sich als strategische Lagebeschreibung. Sie ist keine prophetische Vorhersage. Trenin, Direktor des Instituts für Weltwirtschaft und Strategie der Nationalen Forschungsuniversität „Hochschule für Wirtschaft“ und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, weist einleitend auf die Fragilität jeder Prognose hin. In einer Phase beschleunigter geopolitischer Umbrüche sei die Gefahr groß, Entwicklungen falsch zu gewichten oder ihre Tragweite zu unterschätzen. Eine Warnung, die sich angesichts aktueller Ereignisse – wie der US-Operation in Venezuela – als zutreffend erweist. Dennoch sei der Versuch sinnvoll, strukturelle Linien sichtbar zu machen, die über tagespolitische Ereignisse hinausweisen.

Diese methodische Vorsicht prägt den gesamten Text. Trenin konzentriert sich auf Kräfteverhältnisse, Eskalationslogiken und institutionelle Verschiebungen. Seine Prognose dient als analytisches Raster. Es ordnet Zusammenhänge und beschreibt Entwicklungskorridore – erklärend, nicht voraussagend.

Zentral ist die Feststellung, dass die internationale Ordnung sich weiter zu einer multipolaren Welt entwickelt. Allerdings in einer realen, konfliktbeladenen Form, nicht in einer normativ erhofften, stabilisierenden Variante. Trenin unterscheidet klar zwischen einer „gewünschten“ Multipolarität – oft als Gegenentwurf zu westlicher Dominanz idealisiert – und einer tatsächlich entstehenden Ordnung. Diese basiert auf konkurrierenden Machtprojektionen. Sie ist durchzogen von regionalen Konflikten, asymmetrischen Eskalationen und dem Fehlen allgemein akzeptierter Regeln. Hier schwingt Trenins Sarkasmus mit: Die "Weltmehrheit" als harmonischer Block gegen den Westen? Das sei eine Selbsttäuschung, wie er trocken feststellt.

Vor diesem Hintergrund analysiert Trenin den Krieg in der Ukraine als anhaltenden zentralen Konflikt des Systems. Ein Friedensabkommen, das aus russischer Sicht tragfähig wäre, hält er für 2026 unwahrscheinlich. Die Gründe liegen vor allem auf politischer Ebene. Europäische Führungseliten, unterstützt von Teilen des US-Establishments wie der Demokratischen Partei und dem "tiefen Staat", würden Versuche blockieren, einen Ausgleich unter Bedingungen zu erreichen, die Moskau akzeptieren könnte. Selbst Donald Trump könnte aus innenpolitischem Kalkül – etwa um seine Basis zu festigen – seine Haltung verschärfen. Das könnte zusätzliche Sanktionen gegen russische Energieexporte bedeuten oder Aktionen gegen die "Schattenflotte" von Tankern. Solche ökonomischen Druckmittel würden die diplomatischen Bemühungen des Kremls seit 2025 stoppen und die militärische Operation mit neuer Intensität fortsetzen lassen.

Trenin bleibt konkret, ohne in operative Details abzutauchen. Russische Truppen setzen ihren Vormarsch fort und erobern restliche Gebiete der Donezker Volksrepublik (DVR) sowie der Region Saporischschja. Pufferzonen in Charkow und Sumy werden erweitert, möglicherweise mit Vorstößen in andere Richtungen. Die ukrainischen Streitkräfte nehmen Rückzüge hin, stabilisieren die Front aber durch europäische Hilfe und erweiterte Mobilisierung. Das Ergebnis ist ein langwieriger Abnutzungskrieg. Geländegewinne werden zäh erkämpft, ressourcenintensiv und abhängig von wirtschaftlicher Durchhaltefähigkeit.

Besonders betont Trenin die qualitative Veränderung der Kriegsführung. Er prognostiziert zunehmende Brutalisierung, etwa durch Provokationen, die psychologische Destabilisierung anstreben. Moskaus Zurückhaltung – "Krieg gegen das Regime, nicht das Volk" – könnte als Schwäche missverstanden werden. Das ermutigt zu dreisteren Ausfällen und zwingt Russland, Tabus aufzugeben. Militärtechnisch impliziert das eine Verschiebung: Von konventionellen Frontkämpfen zu hybriden Mitteln wie Drohnen oder Cyber-Elementen.

Der Schauplatz erweitert sich schleichend. "Anonyme" Angriffe auf russische Tanker oder Hinterland-Objekte provozieren "stille" Diversionen gegen europäische Ziele. Dieser "nicht offizielle Krieg" – ein russisch-europäischer Hybrid, wie Trenin ironisch andeutet – intensiviert sich. Ohne zu einem Großkonflikt zu eskalieren, berührt er ökonomische Nerven, etwa durch Störungen im Energiehandel.

In der Ukraine erwartet Trenin Regime-Stabilität, aber mit Rotationen. Eine Ablösung Selenskyjs via Korruptionsskandal könnte Waleri Saluschnij oder Kyrilo Budanow bringen – letzterer als "flexibler" Extremist. Kiew gerät unter europäische Kontrolle. Kiew gerät unter europäische Kontrolle, während die Lage sich wirtschaftlich verschlechtert, doch ein gesellschaftliches "Ernüchtern" bleibt aus – der aktivste Teil der Bevölkerung bleibt antirussisch.

Europa bleibt ideologischer Bollwerk des Liberal-Globalismus, trotz unpopulärer Regierungen in Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Kein Elitenwechsel, stattdessen Vorbereitung auf eine kalte-Krieg-ähnliche Konfrontation mit Russland – als "Verteidigung der Zivilisation". Diese "ideelle Klammer" reicht kurzfristig. Praktisch dämpfen finanzielle Engpässe die Militarisierung: Sozialausgaben und US-Rückzug aus Kiew-Finanzierung priorisieren. Dissidenz (z. B. in Ungarn, Slowakei) bleibt marginal. Doch US-Umorientierung auf Hemisphäre und Asien könnte ein Vakuum schaffen und alte Rivalitäten wecken.

Die USA sind innenpolitisch fragmentiert. Trotz Jubiläumsfeiern (250 Jahre Unabhängigkeit), G20-Gipfel und Fussball-WM verliert Trump Einfluss – durch Kongressverluste und Parteikämpfe. Polarisierung spitzt sich zu, ohne Bürgerkrieg. Außenpolitisch priorisiert er die Westliche Hemisphäre. Die Venezuela-Operation (mit Maduro-Festnahme) untermauert das und bedroht Kuba, Nicaragua, Kolumbien, Mexiko. Der Druck auf Kanada wächst gemäß Trenin, Grönland soll kontrolliert werden. Das belastet Russlands Reputation, schwächt aber US-Engagement in der Ukraine. Ökonomisch impliziert das Sanktionsverschärfungen.

Im Nahen und Mittleren Osten prognostiziert Trenin anhaltende Spannungen, die sich um Sicherheitsfragen drehen. Israel unter Netanyahu priorisiert das Raketenpotenzial des Iran und rechnet mit Trumps Hilfe für mögliche Aktionen – ähnlich dem 12-tägigen Krieg im Juni 2025, bei dem iranische Luftabwehrsysteme versagten und Russland sowie China nur verbal reagierten, ohne einzugreifen. Militärtechnisch zielen solche Operationen auf ballistische Raketen ab, unter der Annahme, dass Teherans Verteidigung unzureichend ist. Gleichzeitig bleibt der Iran selbst instabil: An der Spitze verschärft sich der Kampf um die Nachfolge des obersten Führers, während an der Basis wirtschaftliche Härten zu Massenprotesten führen, die das Regime weiter unter Druck setzen. Im Falle einer Krise – nicht unbedingt noch 2026 – könnte eine Umstrukturierung eintreten, mit stärkerer Rolle der Sicherheitskräfte wie dem IRGC und abnehmendem Einfluss der Ajatollahs. Dennoch würde Iran seine Ansprüche auf regionale Macht nicht aufgeben, auch wenn der "revolutionäre" Eifer nachlassen könnte.

China, prognostiziert Trenin, baut seine Militärmacht in vielfältigen Bereichen aus – von Atomwaffen über Raketen bis hin zu See- und Luftstreitkräften –, um eine strategische Parität mit den USA zu erreichen und regionale Überlegenheit im westlichen Pazifik zu sichern. Die Beziehungen zu Washington und Tokio verschlechtern sich parallel, doch eine akute Krise mit bewaffnetem Konflikt um Taiwan erscheint für 2026 unwahrscheinlich. Japan strebt ähnlich wie Europa eine stärkere Selbstbehauptung an, unabhängig von automatischer US-Unterstützung, was in der Praxis Militarisierung bedeutet und die Bereitschaft, eigene Atomwaffen innerhalb weniger Monate oder Wochen zu entwickeln.

Auf der Koreanischen Halbinsel stärkt Nordkorea seine nukleare Raketenmacht sowie die Bündnisse mit Russland und China, was den US-Allianzen mit Japan und Südkorea ein Gegengewicht schafft. Dennoch – und gerade deswegen – scheint ein militärischer Konflikt zwischen Pjöngjang und Seoul oder Washington unwahrscheinlich.

Im nahen Ausland Russlands zeichnet Trenin ein Bild relativer Stabilität mit nuancierten Verschiebungen. Belarus vertieft die Integration mit Russland auf militärischer Basis, einschließlich nuklearer Elemente, was durch Trumps Schwächung und Europas Feindseligkeit gegenüber Minsk die „multivektorale Politik einschränkt“. Moldawien, nun ein EU-Satellit, wird kaum einen bewaffneten Konflikt mit Transnistrien riskieren, sondern eher über Distanzierung von Russland verhandeln – die endgültige Lösung hängt von der Ukraine-Operation ab. In Armenien siegt wahrscheinlich Paschinjans Partei bei den Juni-Wahlen, was den Westkurs fortsetzt, bei Erhaltung vorteilhafter wirtschaftlicher Bindungen an Russland. Die armenisch-aserbaidschanische Regelung bleibt unter Kontrolle von Washington, Ankara, Brüssel und London, ein neuer Ausbruch ist unwahrscheinlich. Mit Aserbaidschan pflegt Moskau kühle, aber funktionale Beziehungen, ebenso wie pragmatischen Dialog mit Georgien. Die Länder Zentralasiens stärken ihre Verbindungen zu Russland, halten sie jedoch überwiegend geschäftlich – ihre multivektorale Außenpolitik und die Konstruktion einer eigenen Identität (mit der russischen Periode als "vorübergehender Aberration") führen langfristig zu größerer Distanz.

Trenins Reflexion zu "kollektivem Westen" und "Weltmehrheit" ist besonders pointiert. Der Westen bildet eine gemeinsame Zivilisation, aber keinen geschlossenen politischen Block mehr – Europa verliert seinen privilegierten Status und wird zur Ressource US-amerikanischer Außenpolitik, während die NATO als Dominanzinstrument erhalten bleibt. Die "Weltmehrheit" in Formaten wie BRICS oder SCO ist kein homogener Gegenpol: Länder wie China, Indien, Brasilien, Türkei, Saudi-Arabien, Südafrika, Katar, Kambodscha oder Kasachstan handeln primär in nationalen Interessen, oft in Kooperation mit dem Westen, wie UNO-Abstimmungen zeigen. Konflikte innerhalb dieser Gruppe – etwa zwischen Indien und Pakistan oder den Emiraten und Saudi-Arabien – unterstreichen das. Sarkastisch merkt Trenin an: "Multipolarität als Visitenkarte der Vielfalt – real, nicht gewünscht.“

Aus dieser Analyse leitet Dmitri Trenin ab, die multipolare Welt entsteht als Nebenprodukt konkurrierender Projekte, mit USA, China, Russland und Indien als Schlüsseln. Regionale Mächte gewinnen an Gewicht; traditionelle Weststaaten könnten Autonomie zurückerobern – aber nicht 2026. Stattdessen herrscht Unsicherheit und Transformation. Für die vollständige Lektüre empfiehlt die Autorin die deutschsprachige Fassung bei Globalbridge (exklusiv von Chefredakteur Dr. Christian Müller) oder das russisches Original im Magazin „Profil".

Quellen und Anmerkungen:

1.) https://globalbridge.ch/geopolitische-prognose-fuer-2026-aus-russischer-sicht/

2.) https://profile.ru/politics/prognoz-ostorozhnyj-kakimi-budut-mezhdunarodnye-otnosheniya-v-2026-godu-1804226/

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Dank an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: Shutterstock AI / shutterstock

Geopolitische Prognose aus Russland für 2026: Multipolare Realität jenseits von Erwartungen | Von Sabiene Jahn

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Truppen als Friedensgarantie? Europas gefährlicher Irrtum

07. Januar 2026 um 17:44

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Truppen als Friedensgarantie? Europas gefährlicher Irrtum

Frankreich und Großbritannien wollen nach einem Waffenstillstand Truppen in die Ukraine entsenden. Offiziell geht es um Stabilisierung und Abschreckung. Doch selbst ein ehemaliger Berater Selenskyjs warnt: Die westliche Militärpräsenz zielt weniger auf Russland als auf innere Zerfallsrisiken der Ukraine, und wird in Moskau als offene Provokation verstanden. Europa droht, Frieden zu versprechen und Eskalation zu liefern.

Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn.

Als Frankreich und Großbritannien am Dienstag ihre Absicht erklärten, im Falle eines Waffenstillstands Bodentruppen in die Ukraine zu entsenden, wurde der Schritt in europäischen Hauptstädten als nüchterne Sicherheitsvorsorge präsentiert (1). Militärische „Zentren“, Abschreckung, Stabilisierung – die vertrauten Begriffe westlicher Kriseninterventionen waren rasch zur Hand (2).

Doch je häufiger diese Vokabeln wiederholt werden, desto deutlicher tritt ein grundlegendes Missverständnis zutage. Europa spricht über Frieden, handelt aber in einer Logik, die von Moskau seit Jahren als Eskalation gelesen wird (3). Dass ausgerechnet ein ehemaliger Insider aus dem Machtapparat Kiews diesen Widerspruch offen benennt, verleiht der Debatte eine neue Schärfe.

Der frühere Berater des ukrainischen Präsidenten, Aleksey Arestovich, hat den westlichen Truppenplänen eine Deutung gegeben, die im offiziellen Diskurs kaum vorkommt (4). Nicht Russland sei der primäre Adressat dieser Überlegungen, argumentiert er. Es sei die Ukraine selbst. Aus seiner Sicht geht es weniger um die Sicherung eines Waffenstillstands als um die Eindämmung eines möglichen innerukrainischen Bürgerkriegs (5). Die Gründe dafür benennt er präzise. Eine bis an die Zähne bewaffnete Gesellschaft, hunderttausende kampferprobte Veteranen, eine extreme politische Polarisierung und konkurrierende Machtzentren, die im Schatten des Krieges entstanden sind (6). Was in westlichen Erklärungen als „Stabilisierung“ firmiert, erscheint aus dieser Perspektive als präventive Ordnungsmacht gegen innere Zerfallsrisiken.

Diese Diagnose ist brisant, weil sie den europäischen Narrativrahmen verschiebt. Während Paris und London den geplanten Einsatz als Schutzschild gegen Russland darstellen (7), legt Arestovich offen, dass westliche Militärpräsenz vor allem als Puffer zwischen rivalisierenden ukrainischen Lagern gedacht ist (8). Er verweist dabei auf mögliche Konfliktlinien zwischen Teilen des Militärs, die sich um den ehemaligen Oberbefehlshaber Valery Zaluzhny gruppieren, und ultranationalistischen Kräften um Figuren wie Andrey Biletsky (9). In dieser Lesart wäre die „Koalition der Willigen“ kein Friedensgarant. In einem politisch fragilen Staat, dessen innere Kohäsion längst brüchig geworden ist wäre sie Ordnungsmacht.

Genau hier beginnt das strategische Problem Europas. Denn selbst wenn diese Analyse zutrifft, bleibt die Außenwirkung dieselbe. Aus russischer Sicht ändert es nichts, ob westliche Truppen als Friedenssicherung, Abschreckung oder Stabilisierung etikettiert werden (10). Bodentruppen aus NATO-Staaten auf ukrainischem Territorium sind für Moskau seit Jahren eine rote Linie (11). Der Kreml hat unmissverständlich klargemacht, dass eine solche Präsenz unter keinen Umständen akzeptiert wird und im Ernstfall militärisch beantwortet würde (12).

Hier offenbart sich ein tiefer Graben zwischen europäischem Selbstverständnis und russischer Wahrnehmung. Die EU denkt Sicherheit additiv - mehr Garantien, mehr Präsenz und mehr Überwachung sollen Stabilität erzeugen (13). Russland denkt Sicherheit relational und territorial - jede dauerhafte westliche Militärstruktur in der Ukraine wird als strategische Vorverlagerung interpretiert, unabhängig von ihrem formalen Auftrag (14). Dass Europa diese Logik weiterhin ignoriert, ist ein analytisches Versäumnis.

Die öffentlichen Auftritte von Emmanuel Macron und Keir Starmer illustrieren diese Schieflage (15). Sie sprechen von „praktischen Grundlagen des Friedens“ und davon, dass der schwierigste Teil noch bevorstehe (16). Zugleich wird die zentrale Hürde ausgeblendet. Russland soll einem Waffenstillstand zustimmen, dessen institutionelle Absicherung es von vornherein als inakzeptabel betrachtet (17).

Auch die Rolle der USA verstärkt diesen Eindruck. Die Bereitschaft Washingtons, Überwachungsmechanismen zu führen oder als Sicherheitsnetz zu fungieren, signalisiert Kontinuität statt Neubeginn (18). Aus Moskauer Sicht fügt sich das nahtlos in das Bild eines westlichen Blocks, der den Krieg einfriert - zu Bedingungen, die langfristig westliche Einflusszonen sichern sollen (19).

Besonders heikel ist die implizite Delegitimierung der ukrainischen Souveränität, die sich aus Arestovichs Aussagen ergibt. Wenn westliche Truppen notwendig erscheinen, um innere Konflikte zu kontrollieren, stellt sich die Frage, wessen Staatlichkeit hier eigentlich stabilisiert werden soll (20). Der Westen betont die demokratische Selbstbestimmung der Ukraine, handelt aber zunehmend so, als traue er der eigenen politischen Ordnung des Landes nicht mehr (21).

Am Ende steht eine unbequeme Erkenntnis. Europa provoziert weiter, weil es die sicherheitspolitische Logik des Gegenübers systematisch unterschätzt (22). Die geplante Truppenentsendung ist Ausdruck dieses Blindflecks. Sie soll Ordnung schaffen, produziert aber aus russischer Sicht Unsicherheit (23). Sie soll Frieden absichern, verengt aber den politischen Raum für einen tragfähigen Ausgleich (24). Arestovichs Intervention wirkt deshalb weniger wie eine Randmeinung als wie ein Warnsignal. Sie macht sichtbar, dass der Krieg längst mehr ist als eine Frontlinie zwischen zwei Staaten (25). Wer Frieden ernsthaft anstrebt, muss diese Mehrschichtigkeit anerkennen und akzeptieren, dass militärische Garantien dort an ihre Grenze stoßen, wo sie selbst Teil des Konflikts werden (26).

Quellen und Anmerkungen:

1.) https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ukraine-gipfeltreffen-sicherheitsgarantien-100.html

2.) https://www.bbc.com/news/articles/c17zee20qpzo

3.) https://www.reuters.com/world/europe/russia-warns-enormous-danger-if-nato-sends-troops-ukraine-2024-05-08/

4.) https://www.irishsun.com/news/278793790/west-wants-to-send-troops-to-ukraine-over-civil-war-fears-ex-zelensky-adviser

5.) Ebenda.

6.) Ebenda.

7.) https://abcnews.go.com/International/france-uk-commit-deploying-troops-ukraine-ceasefire-agreed/story?id=128958047

8.) https://swentr.site/russia/630670-west-ukraine-troops-civil-war/

9.) https://jp.reuters.com/article/special-report-ukraine-struggles-to-control-maverick-battalions-idUSKCN0Q30YQ/; https://graphics.thomsonreuters.com/15/07/UKRAINE-CRISIS:BATTALIONS.pdf

10.) http://kremlin.ru/events/president/news; http://en.kremlin.ru/search?query=Statements on foreign troops in Ukraine&page=2

11.) https://www.pravda.com.ua/eng/news/2025/08/20/7527106/; https://www.wionews.com/world/any-deployment-of-nato-forces-in-ukraine-completely-unacceptable-lavrov-says-8733421

12.) https://tass.com/politics/2057083

13.) https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/01/06/robust-security-guarantees-for-a-solid-and-lasting-peace-in-ukraine-statement-of-the-coalition-of-the-willing-issued-by-france/

14.) http://static.kremlin.ru/media/events/files/41d527556bec8deb3530.pdf

15.) https://www.elysee.fr/en/emmanuel-macron/2026/01/06/robust-security-guarantees-for-a-solid-and-lasting-peace-in-ukraine

16.) https://www.bbc.com/news/live/c14rn8m00j4t

17.) https://www.nytimes.com/2025/12/25/world/europe/russia-ukraine-peace-plan.html

18.) https://www.cbc.ca/news/politics/ukraine-security-guarantees-9.7035465

19.) https://www.aljazeera.com/news/2025/5/29/ukraine-submits-ceasefire-plan-but-russia-responds-with-escalation

20.) https://www.irishsun.com/news/278793790/west-wants-to-send-troops-to-ukraine-over-civil-war-fears-ex-zelensky-adviser

21.) https://www.foreignaffairs.com/ukraine/ukraines-security-now-depends-europe

22.) https://www.reuters.com/world/europe/nato-will-not-be-intimidated-by-russias-threats-rutte-says-ukraine-mission-hq-2024-10-14/

23.) https://tass.com/politics/2059897

24.) https://www.crisisgroup.org/europe-central-asia/eastern-europe/ukraine

25.) https://www.britannica.com/event/2022-Russian-invasion-of-Ukraine

26.) https://www.sipri.org/commentary/essay/2024/nato-new-need-some-old-ideas

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Dank an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: paparazzza / shutterstock

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