Bei dem Medienspektakel um den verirrten Wal, den die einen Timmy und die anderen „Hope“ nennen, fällt mir immer eine frühere Kollegin ein. Ich nenne sie mal Sanne, aber sie hieß natürlich anders.
Sanne war eine typische Späthippiebraut von der Sorte, die in den 90ern noch mit VW-Bus und 200er Mercedes Diesel durch die Gegend tuckerten und für deren Feindbild der gutbürgerliche Durchschnittspendler herhalten musste, der Schuld an Ozonloch, Peak Oil und einfach allem hatte. So einfach war das.
Sanne trug aus Überzeugung nie Rock oder Kleid, sondern trotz Antiamerikanismus oder vielleicht auch wegen historischer Unbedarftheit stets Jeans. Nur einmal machte sie eine Ausnahme. In einem romantischem Anflug hatte sich ihr langjähriger Lebensgefährte zu einem Hochzeitsantrag durchgerungen und dafür Vernünftiges, wie steuerliche Gründe und Altersvorsorge, vorgeschoben. Und so lieh sich Sanne für die nüchterne Trauung auf dem Standesamt ein kleines Schwarzes von einer Kollegin. Das andere Stück Stoff machte gleich einen anderen Menschen aus ihr, es stand ihr ausgesprochen gut, aber Sanne fühlte sich unwohl, so etwas passe einfach nicht zu ihr. Was ihr dabei umso mehr gefiel waren die Komplimente von allen, denen sie sich so zeigte. Aber gut! Auch die hartgesottensten Öko-Schicksen sind am Ende ganz normale Frauen.
Ich kann mir vorstellen, dass Sanne heute mit den Omas gegen Rechts marschiert, wäre aber trotzdem geschockt, wenn es so wäre, denn ich habe sie als nette und angenehme Person in Erinnerung. Damals waren die Gräben noch nicht so unüberwindbar wie heute und man konnte miteinander auskommen.
Was mich nun an die Walgeschichte erinnert, sind die wilden Katzen, die sich auf dem Außengelände unserer Einrichtung zur Freude aller herumtrieben. Natürlich haben wir sie nicht angefüttert, worauf unter anderem Sanne aus Verantwortungsgefühl großen Wert legte. Und so kam es, dass eines Tages eine Taube in die Fänge eines dieser verzeckten dreifarbigen Glückskätzchen geriet. Sanne war geschockt und rief mich um Hilfe, denn wir hatten gemeinsam Dienst in unserer Gruppe und wenn es um solche Dinge ging, spielte Feminismus keine Rolle mehr, Drecksarbeit war Männersache. Ich weigerte mich aber aus genau so einem Verantwortungsgefühl, in die Sache einzugreifen. Vergeblich, wie mir von Anfang an klar war. Sanne rannte nach draußen, vertrieb laut schreiend und wild gestikulierend das Kätzchen von seiner Beute und nun lag die verletzte Taube auf dem Rasen, blutig und nicht mehr fähig zu fliegen. Und wieder verging Sanne vor Mitleid. Ich griff mir einen Spaten und die Geschichte war zu Ende. Ach, Männer sind einfach so brutal.
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