NEWS 23

🔒
❌
Stats
Es gibt neue verfügbare Artikel. Klicken Sie, um die Seite zu aktualisieren.
Ältere BeiträgeNachDenkSeiten

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (18)


Vorschau ansehen

In dieser 18. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erzählt eine Leserin, wie ein älterer Kamerad ihrem 16-jährigen Vater vermutlich das Leben rettete, und berichtet von einem bewegenden Gespräch mit ihrem Enkel über den Kriegsdienst. Eine andere erzählt davon, wie sich ihr als kleines Mädchen der Anblick verwundeter Soldaten kurz vor Kriegsende ins Gedächtnis einbrannte. Ein anderer Leser teilt Geschichten über Verdrängung und Aufarbeitung und die langen Schatten von Nationalsozialismus und Krieg in einem Ort in Südniedersachsen.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, sowie den siebzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Er hätte das Rad auch selbst nehmen können.”

Sehr geehrte NachDenkSeiten
liebes NDS-Team,

ich bin Jahrgang 1957. Oft, sehr oft holen mich in der neuen Zeit der Kriegstüchtigkeit die Erzählungen meiner Eltern und meiner Schwiegermutter ein. Ich gebe sie hier aus meiner Erinnerung wieder.

Meine Mutter
Ihr Vater verstarb früh an einer schweren Erkrankung. Da war meine Mutter erst zwei Jahre alt, ihr älterer Bruder war vier. Ihr jüngerer Bruder wurde erst nach dem Tod des Vaters geboren. Er wurde im Alter von zwei Jahren auf dem Gutshof, auf dem die Mutter (meine Großmutter) arbeitete, von einem Pferd erschlagen. Meine Großmutter verließ daraufhin den Hof und zog ihre beiden anderen Kinder unter viel Entbehrungen allein groß. Dann kam der Krieg. Der ältere Bruder meiner Mutter erhielt im Jahre 1944 im Alter von 18 Jahren den „Stellungsbefehl” und wurde „eingezogen”. Im Januar 1945 verstarb meine kränkliche und immer um ihren Sohn besorgte Großmutter. Meine Mutter ließ ihrem Bruder per Feldpost eine Nachricht zukommen, in der (naiven) Hoffnung, er möge Fronturlaub zum Tode der Mutter erhalten. Sie wartete jeden Tag auf seine Heimkehr. Stattdessen erhielt sie etwa vier Wochen nach dem Tod der Mutter ein Telegramm: „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland.“ Sie war nun allein, mit 17 Jahren. Meine Großmutter hatte vom Tod ihres Sohnes nicht mehr erfahren, ob der Bruder meiner Mutter (mein Onkel, von dem ich nur aus den Erzählungen meiner Mutter weiß) noch vom Tode der Mutter erfahren hat, wusste sie nicht. Vermutlich aber wohl nicht. Das hoffte sie jedenfalls.

Mein Vater
Er wurde Anfang 1945 mit 16 Jahren noch eingezogen und an die Front in Marsch gesetzt. Doch er ist, wie er sagte, „dort nicht mehr angekommen”. Vorher kam der Befehl zum Rückzug. Seinen Kompanieführer, ein Däne, erwähnte mein Vater mehrmals anerkennend: „Er wollte nur noch, dass wir alle nach Hause kommen.” Es war ein eiliger Fußmarsch von vielen endlosen Kilometern, eine Flucht vor dem heranrückenden „Feind”.

Am Wegesrand habe er viele Erfrorene und Getötete gesehen. Mein Vater ging diesen langen Weg zusammen mit einem etwa 40-jährigen Kameraden, der aus der heimatlichen Nachbargemeinde stammte. Dieser Kamerad fand dann im Straßengraben ein altes Fahrrad. Er sagte: „Junge, nimm das Rad und fahr damit nach Hause”. Das tat mein Vater. Möglicherweise hat es sein Leben gerettet. Er hat seinen älteren Kameraden nie wieder gesehen. Ob er überlebt hat, weiß er nicht. Mein Vater sagte immer: „Er hätte das Rad auch selbst nehmen können.”

Meine Schwiegermutter
Auch ihr Bruder fiel mit 19 Jahren. Er war der Älteste und der einzige Bruder von vier Schwestern, die mit den Eltern zurückblieben.

Mein Schwiegervater
Er war Jahrgang 1921 und meldete sich im Alter von 17 Jahren freiwillig. Er nahm am Russland-Feldzug teil, wurde verletzt und kam ins Lazarett. Nach der Genesung kam er nach Nordafrika. In Tunesien geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. In der Gefangenschaft musste er Südfrüchte auf Schiffe verladen. Auf Entwendung einer Frucht (vor Hunger) stand die Todesstrafe. Er hatte gelernt, vor Erschöpfung im Stehen zu schlafen.

Erst im Jahre 1952 kam er im Alter von 31 Jahren endlich nach Hause. 1953 heiratete er und 1954 wurde das erste Kind (mein späterer Mann) geboren. Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter und meines Mannes schließe ich, dass er auf Grund seiner Kriegserfahrungen wohl an schweren chronischen Depressionen litt. Am rechten Bein hatte er eine Kriegsverletzung davongetragen, die ihm zusätzlich und dauerhaft auch sehr zusetzte. Im Jahre 1968, als er 47 Jahre alt war, sollte das Bein amputiert werden. Das war dann der letzte Auslöser für ihn, sich das Leben zu nehmen. Da war mein Mann 14 Jahre alt, seine jüngere Schwester war neun Jahre. Letztlich forderte der Krieg 23 Jahre nach Kriegsende noch seinen Tribut.

Wir sind die Kinder der Kriegsgeneration. Es war nicht immer leicht mit unseren Eltern. Aber heute weine ich manchmal um sie – und um uns. Ich hoffe inständig, dass der Krieg nachfolgenden Generationen erspart bleibt, auch wenn es manchmal hoffnungslos erscheinen mag. NIE wieder, heißt NIE wieder!

Ich habe fünf Enkelkinder. Mein jetzt neunjähriger Enkel antwortete mir kurz vor seinem achten Geburtstag auf meine Frage, ob er denn wie sein Vater und seine Mutter auch einmal zur Bundeswehr gehen möchte: „Nein, das möchte ich nicht, das ist ja lebensgefährlich!” Das bestätigte ich ihm und auf meine Rückfrage sagte er: „ICH WILL NICHT TÖTEN UND ICH WILL NICHT GETÖTET WERDEN!”. Das waren exakt seine Worte. Ich habe sie täglich im Kopf und sein Wort ist mir Befehl. Diese Metapher sei mir in diesem Zusammenhang ausnahmsweise erlaubt.

Beste Grüße
Angelika Achterkamp 


„Wir mußten das tote Kind im Straßengraben zurücklassen.”

Sehr geehrter, lieber Herr Müller, sehr geehrte Damen und Herren der NDS,

leider komme ich erst heute dazu, eine von vielen Dutzenden Erinnerungen zu formulieren. Bitte entschuldigen Sie den Verzug.

Meine damals vierzehnjährige Mutter erzählte oft diese Geschichte:

Ihre Mutter mußte im März 1945 aus einem kleinen Dorf aus Hinterpommern vor der herannahenden Roten Armee von ihrem mittelgroßen Bauernhof fliehen. Weil mein Großvater schon verstorben war, war meine damals 40-jährige Großmutter allein verantwortlich für ihre 4 halbwüchsigen Kinder und das wenige Hab und Gut, was sie auf dem Pferdewagen mitnehmen konnten.

Mit auf dem Treck war auch ein französischer Hilfsarbeiter sowie andere Dorfbewohner, darunter weitere Verwandte und eine Mutter mit einem Säuglingsmädchen.

Erst wenige Kilometer unterwegs, konnte sie ihr Kind nicht mehr nähren. „Sie hatte keine Milch mehr. Wir mußten das tote Kind im Straßengraben zurücklassen.”

Das war der Grund für meine Mutter ihrer Tochter, 15 Jahre später den Namen dieses Mädchens zu geben. Meine Schwester ist somit lebenslang Erinnerungsträgerin an dieses für meine Mutter traumatische Erleben.

Freundliche Grüße!
Bernd Ebener, Greifswald (*1958)


Die Zugfahrt über die beschädigten Brücken verfolgt mich noch heute.

Sehr geehrtes Team der NDS,

leider komme ich erst heute dazu, von meinen Erinnerungen zu berichten, die mich seit meinen Kindertagen zur absoluten Pazifistin gemacht haben.

Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Essen. Mein Vater war 1943 schon sehr krank und wurde nicht mehr eingezogen. Er blieb in Essen zurück, während meine Mutter und ich nach Sulzberg bei Kempten evakuiert wurden. Da beginnen auch meine Erinnerungen.

Es gab Fliegeralarm, die Sirenen heulten, was noch heute in meinen Ohren schrecklich klingt. Wir saßen im verdunkelten Zimmer oder versteckten uns im Straßengraben, wenn wir auf der Chaussee unterwegs waren. Bei einem Besuch in Kempten gab es Fliegeralarm, wir flohen in den Luftschutzbunker. Nach der Entwarnung lag vor dem Bunker eine Brandbombe und auf dem nahen Bahnhof stand ein Lazarettzug mit verwundeten Soldaten. Diese Bilder sehe ich noch heute nach 80 Jahren.

In den letzten Kriegsmonaten kam auch mein schwerkranker Vater ins Allgäu, da unsere Wohnung in Essen bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Eine Cousine mit einem Kleinkind und einem Baby musste aus Posen fliehen und kam im tiefsten Winter zu uns ins Allgäu.

Nach Kriegsende kamen erst Franzosen und dann Amerikaner ins Dorf. Wir mussten zeitweise die Häuser räumen und in den umliegenden Bauernhäusern unterkommen. 

Meine Eltern wollten dann zurück nach Essen. Die Zugfahrt über die beschädigten Brücken verfolgt mich noch heute. Essen lag in Trümmern und wir hatten lange nur verschiedene Notunterkünfte. Dann starb mein Vater. Meine Mutter bekam Arbeit als Trümmerfrau auf der Margarethenhöhe und auch ein Mansardenzimmer wurde uns zugewiesen.

Ich wurde 1947 eingeschult. Einen Schulranzen hatte ich nicht, sondern nur eine selbstgenähte Stofftasche. Es war eine schwierige Zeit, da meine Mutter aber zum Hamstern aufs Land fuhr, mussten wir nicht hungern. Meine Mutter hat später wieder geheiratet. Mein Stiefvater kam aus Ostpreußen. Er hat über seine Flucht geschrieben. Die Aufzeichnungen befinden sich noch in meinem Besitz. Sollten Sie Interesse haben, würde ich sie Ihnen gerne schicken. 

Obwohl ich schon seit mehreren Jahren eine treue NDS-Leserin bin, ist dies mein erster Leserbrief. Ich bedanke mich recht herzlich für die vielen guten und nützlichen Artikel.

Bitte weiter so, Sie werden gebraucht. 

Mit freundlichen Grüßen 
Mally Hahl


Als die verkohlten Papierfetzen bis nach Moringen flogen

Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,

ihre Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ hat mich sehr berührt und inspiriert, meine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit aufzuschreiben. Die Örtlichkeiten und Personen können Sie gern mit veröffentlichen, sie sind allgemein bekannt.

Mit freundlichen Grüßen

Nachkriegserinnerungen:

Ich wurde 1947 geboren und wuchs in der kleinen Stadt Moringen in Südniedersachsen auf. Über die Kriegszeit erfuhr ich von meiner Familie nur sehr spärlich etwas, wenn ich als 10-/12-jähriger Fragen stellte.

Der älteste Sohn meiner Oma väterlicherseits war in Russland als vermisst registriert, aber seine Mutter sagte: „Der Herrmann hat bestimmt eine nette russische Frau geheiratet und einen kleinen Bauernhof in der Ukraine, irgendwann kommt er zu Besuch und erzählt, wie gut es ihm geht.“ Unter Tränen hat sie ihn dann Anfang der 1960er-Jahre für tot erklären lassen.

Sein jüngerer Bruder, mein Vater, wurde 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen und sollte in Salzgitter feindliche Flugzeuge abschießen. Kurz vor Kriegende warf er seine Waffen weg und ging zu Fuß nach Hause.

Meine Oma hat nicht viel vom Krieg erzählt, nur von der Bombennacht 1943 in Kassel, als die verkohlten Papierfetzen bis nach Moringen flogen und dass die Moringer Juden auf den Knien das Gras aus den Steinritzen der Bürgersteige rupfen mussten, darüber hätte sich keiner aufgeregt, auch dann nicht, als die dann verschwunden waren.

Mein Opa war Lehrer und Tischler und ein Nazi- Gegner: „Die haben den dümmsten Bauern zum Ortsgruppenleiter gemacht, das konnte nichts Gutes werden.“ Aber er musste in seiner Werkstatt für die Wehrmacht Munitionskisten bauen, um zu überleben, und wurde kurz vor Kriegsende noch „zum Schanzen“ eingezogen.

Erst Mitte der 1960-er Jahre haben zwei evangelische Pfarrer (der eine fuhr einen Amischlitten, der andere hatte lange Haare) aufgedeckt, dass es in Moringen ein Konzentrationslager gab. Zuerst war es ein Frauen-KZ, das später nach Ravensbrück verlegt wurde, und dann ein KZ für Jugendliche, „Swingboys, Landstreicher, Verwahrloste und Kleinkriminelle“. Die mussten in der Landwirtschaft und bei der Firma Piller Zwangsarbeit leisten, über 100 wurden ermordet oder verhungerten und wurden auf dem örtlichen Friedhof begraben.

Als das öffentlich bekannt wurde, haben viele Einheimische das geleugnet, dabei haben sie jeden Tag das Klappern der Holzpantinen gehört, wenn die Häftlinge zur Arbeit und wieder zurück getrieben wurden. Der bis 1945 tätige ärztliche KZ- Direktor Dr. Krack hat nach Kriegsende eine Arztpraxis betrieben und einer der Wachleute einen Milchladen aufgemacht. Als Jugendliche haben wir das alles mit Abscheu wahrgenommen und als „Wiedergutmachung“ den von den Nazis verwüsteten Judenfriedhof wiederhergerichtet, dafür wollte uns die Kyffhäuserjugend nachts verprügeln.

Als dann anlässlich der 1.000-Jahr-Feier herauskam, dass in der von einem Göttinger „Historiker“ geschriebenen Chronik als Begründung für den Kriegsbeginn 1939 geschrieben stand, dass nach dem durch einen Juden verübten Attentat auf den deutschen Botschafter in Paris am 07.11.1938 „Deutschland gezwungen war, einen Selbstbehauptungskrieg anzufangen“, wurde die Öffentlichkeit aufmerksam, sodass diese Chronik eingestampft werden musste und neu geschrieben wurde. Darüber wurde sogar in den USA berichtet, und als Folge davon wurden die beiden evangelischen Pfarrer zwangsversetzt.

All diese Ereignisse: das Relativieren der Nazigräuel, die Verharmlosung der Kriegsereignisse und eine systematische Kultur des Vergessens und der Verdrängung haben später für mich zu der Erkenntnis geführt, dass die beginnende Militarisierung und die erstarkenden faschistisch geprägten rechten Parteien wie NPD und auch AfD auf die Nicht-Aufarbeitung der Nazi-Diktatur zurückzuführen sind.

Und wieder wird durch den Aufbau von Feindbildern (die Russen kommen) eine wahnsinnige Aufrüstung betrieben, und wieder profitieren davon die Rüstungsmonopole, die Finanzwirtschaft und deren Aktionäre. Diese Sofakrieger gehen natürlich nicht an die Front, sondern es werden die „normalen“ jungen Menschen in den Krieg geschickt, die dann traumatisiert, zerschossen oder überhaupt nicht wiederkommen.

Wann fangen die Menschen an zu begreifen, was Kriege bedeuten und dass jeder die Pflicht hat, diese zu verhindern?

A. Hilke


Titelbild: Überlebende aus Łódź auf dem Weg nach Berlin. / wikicommons / CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (17)


Vorschau ansehen

In dieser 17. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ schildert ein Zeitzeuge seine Beteiligung am „Volkssturm“ als 15-Jähriger und wie eine mutige Entscheidung seines Vorgesetzten ihm das Leben rettete; ein 12-Jähriger macht nach dem Krieg eine Entdeckung über die Russen, eine Familie leidet unter dem Verlust der Heimat, und eine Leserin erinnert sich an ihre Kinderfreundin Lotti.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil sowie den sechzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß

Ich bin 1954 geboren, mein Vater Jahrgang 1929 ist vermutlich einer der letzten lebenden Kriegsteilnehmer. Wir sind beide entsetzt über die zunehmende Militarisierung, den offenen Rassismus gegenüber Russen und die Verharmlosung von Krieg.

Als ich von dem Projekt der NDS mit den Kriegskommentaren erzählte, diktierte er mir folgende Erinnerung von der Teilnahme am Volkssturm:

„März 1945

Ungefähr 20 16-jährige Jugendliche (ich war zu dem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt) sollten unsere Heimatstadt Bernburg vor den anrückenden Amerikanern verteidigen. Wir wurden in die westlich gelegene Stadt Staßfurt transportiert. Dort schliefen wir in einer Schule in Betten ohne Matratzen. Der Feldwebel, der uns begleitete, teilte uns mit, dass er ständig telefonisch mit Städten weiter westlich in Kontakt stand, und sollten dort amerikanische Panzer auftauchen, würden wir informiert. Am nächsten Morgen wachten wir auf und hörten Panzergeräusche. Das müssen unsere sein, waren wir sicher, war aber ein Irrtum. Es war eine Rotte amerikanischer Panzer, die ungehindert in die Stadt fuhren.

Wir erhielten folgende Instruktionen: „Nie auf den Führersitz zielen, nur auf die Breitseite, der Kopf ist meist aus Gusseisen hergestellt, darum mit der Panzerfaust in den mittleren Teil schießen. Das Geschoß explodiert dann und verbraucht sämtlichen Sauerstoff im Inneren des Panzers, sodass Überlebende ersticken. Der Panzerkommandant wird versuchen, durch die Einstiegsluke zu entkommen. Er muss sofort erschossen werden.” So ist jeder Panzer ein Grab für Soldaten. Dass jeder Panzer von Infanterie begleitet wird, wurde nicht gesagt. Die Amis verschafften uns auch nicht den Vorteil und stellten sich quer. Sie fuhren ungehindert durch Staßfurt in Richtung der Kreisstadt Bernburg/Saale mit ihren 38.000 Einwohnern.

„Macht, dass ihr nach Bernburg kommt” sagte der Feldwebel „eine Gruppe südlich, eine nördlich.” Wir machten uns auf den Weg zurück. In Bernburg empfing uns die SS, ausgerüstet mit Maschinenpistolen, die uns unbekannt waren. Wir eilten zu unserem Lager und warteten auf den nächsten Einsatz.

In meinem 2. Einsatz befinde ich mich in einem Schützengraben. Er ist nicht sehr tief, damit ich auch wieder herauskomme. Vor mir ist ein Lager mit Ausländern (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter). Alle sollten sich in ihre Baracken zurückziehen. Die Franzosen vor mir missachteten den Befehl und versammelten sich vor der Eingangstür zu ihrer Baracke. Man befahl mir, dafür zu sorgen, dass sie in ihre Baracke gehen. Ich krabbelte aus meinem Loch heraus und entsicherte ein langes holländisches Gewehr vor ihren Augen. Da sie befürchteten, ich würde in die Menge schießen, flüchteten sie in das Innere der Baracke. Als ich die Entsicherung des Gewehrs beendet hatte, waren alle Franzosen vom Eingang weg.

Über uns flog ein US-Aufklärer. Auf ihn schoss ich und er drehte ab. In 2 km Entfernung erschienen zwei amerikanische Panzer. Sie drohten mit ihren Kanonen, schossen aber nicht. Für unsere Panzerfaust war die Entfernung viel zu groß, als dass wir sie hätten bekämpfen können. Sie drehten nach einer Weile ab. Die Nacht brach an. Gegen 3 Uhr wurden wir zusammengerufen. Wir wurden von unserem Feldwebel aufgefordert, nach Hause zu gehen. Unter uns kampfbereiten Jugendlichen regte sich Widerstand. „Dies ist ein Befehl!”, sagte unser Anführer Wenzlau. Wir sollten unsere Waffen unbrauchbar machen in unserem Lager in Bernburg. Dann gingen wir nach Hause.

Am gleichen Tag wurde Bernburg von den Amerikanern besetzt. Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß, nie zu kapitulieren, rettete aber 20 Jugendliche vor dem vermutlichen Heldentod.

Grit Reichert nach Diktat von Fritz Reichert


„Das sind ja Menschen!“

Meine Tante Agnes berichtete uns einmal von ihrem großartigen Erlebnis im Jahr 1948:

Auf dem Gendarmenmarkt vor der Ruine des Schauspielhauses gab das berühmte Alexandrow-Ensemble ein Konzert. Das seitdem bekannteste Lied war „Du, mein stielles Tal, grjuß Dich tausendmal”. Neben meiner Tante stand ein etwa zwölfjähriger Junge. Sichtlich beeindruckt vom Konzert der Russen, sagte er: „Das sind ja Menschen!“

Ich halte das Beschriebene für sehr bemerkens- und bedenkenswert – auch für die heutige Zeit mit ihrem geschürten Russenhaß.

k.d.


Mein Vater hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.

„Nie wieder Krieg!” – Damit bin ich aufgewachsen.

Ich wurde 1948 in Thüringen geboren. Mein Vater kam schwer verwundet aus dem Krieg zurück, seine beiden Brüder waren gefallen und ihm wurde als Kriegsfolge ein Bein am Oberschenkel amputiert. Danach haben meine Eltern geheiratet.

1950 kamen wir als Flüchtlinge in den Westen. Ich erinnere mich noch an das zerbombte Wuppertal und die Erklärung meiner Mutter: Das war der Krieg!

Der Krieg war für mich so präsent, als hätte ich ihn selbst erlebt. Es wurde viel darüber gesprochen, „Nie wieder Krieg!” Unsere Familien waren in alle Winde zerstreut. Die verlorene Heimat wurde bis weit in die 70er-Jahre beklagt, der Schmerz verging nur langsam. Mein Vater, der mehr als 100 Jahre alt geworden ist, hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.

Ich bin heimatlos, denn wo ich aufgewachsen bin, das war nicht meine Heimat, meine Heimat ist Thüringen. Und obwohl ich mein ganzes Leben im Westen verbracht habe, bin auch ich diese Sehnsucht nicht losgeworden.

Meine Mutter hat schlimme Dinge, Kälte und Hunger erlebt. Mein Vater hat Schreckliches erlebt, über das nicht gesprochen wurde, und wir Kinder haben es erst als Erwachsene teilweise erfahren. Wie haben unsere Eltern das alles verarbeitet? Warum waren sie manchmal so komisch?

„Nie wieder Krieg!” Ich kann es nicht fassen, dass wieder die Trommeln gerührt werden.

Brigitta H.


„Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.“

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

hier ist meine Geschichte:

In Ammendorf (Kreis Halle) produzierte die Gesellschaft „Orgacid“ den Kampfstoff S-Lost „Senfgas.“ Wir wohnten dieser „Fabrik” gegenüber. Es wurde natürlich geheim gehalten, was dort ‘fabriziert’ wurde. Ich lief jeden Tag auf dem Schulweg an der riesigen Mauer entlang. Ständig gab es Fliegeralarm.

Meine Eltern schickten mich 1943 nach meinem zweiten Schuljahr (zur Sicherheit) zu einer Tante nach Liebemühl in Ostpreußen, wohin man auch Berliner Schulkinder evakuierte.

Meine Memoiren „A memoir of war and migration – You Don’t Need to be Afraid Here” – habe ich privat drucken lassen. Hier ist ein Ausschnitt aus meinen Erinnerungen:

„Die Schulferien fingen am 15. Juli 1944 an. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrerin und den Berliner Kindern und stürmte die Treppe hoch zu unserer Wohnung. Aus heiterem Himmel sagte Tante Mie, wir würden nach Hause reisen. Ich war überglücklich. Wie sie es geschafft hatte, eine Reisegenehmigung und Fahrscheine zu bekommen, denn Reisen für die Zivilbevölkerung waren beschränkt, wußte ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, daß unserer Welt Zusammenbruch drohte: daß östlich und nordöstlich von uns die Russen durch die Baltischen Staaten vorrückten: Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war am 13. Juli – 450 Kilometer entfernt – überrannt worden. Die deutsche Wehrmacht verlor eine Schlacht nach der anderen. Kurz darauf waren die Russen in der Nähe von Warschau, 225 Kilometer südlich von uns. Wir packten meinen Koffer und ich zog ein sauberes Dirndl an. Tante Mie flocht mir weiße Schleifen in die Zöpfe.

Von dieser Reise bleibt mir nur eine Erinnerung. Wir wurden in ein überfülltes Abteil geschoben. Die beiden Bänke waren von jungen, erschöpften Soldaten besetzt: einige trugen Verbände. Die meisten schliefen. Sie waren so erschöpft, dass keiner Tante Mie seinen Platz anbot. Ein halbes Dutzend Menschen stand zwischen den Beinen der Soldaten. Der Gestank ungewaschener Körper war überwältigend. Tante Mie und ich standen stundenlang zusammengedrängt. ‘Hör auf zu nörgeln’, sagte sie zu meinem Gejammer. Schließlich bot mir einer der Soldaten an, mich auf seinen Schoß zu setzen. Ich setzte mich steif auf seine knochigen Kniee und klammerte mich an Tante Mie. Ich weigerte mich, mit ihm zu sprechen. Endlich stand ein Soldat auf und bot Tante Mie seinen Platz an. Ich rutschte schnell auf ihren Schoß und schlief ein.

Ich erinnere mich nicht an den Rest der Reise, aber wir erreichten an einem sonnigen Spätnachmittag den Bauernhof in Dobra, wo meine Eltern bei der Ernte halfen. Es war großer Betrieb auf dem Hof. Ein hoch mit Roggengarben beladener Wagen, von zwei Kühen gezogen, fuhr gerade durch das Tor. Dann hörte ich Muttis ‘Helga!’ Ich klammerte mich an sie und schluchzte vor Freude. Niemand hatte eine Ahnung gehabt, daß wir plötzlich auftauchen würden. Meine Eltern machten sich bestimmt Sorgen über die Nachrichten aus Ostpreußen. Die Geschichten, die Tante Mie ihnen erzählte, hätte ich überhaupt nicht verstanden. Ich entfloh der Gesellschaft von Erwachsenen und streifte mit meinem Cousin Erich durch die Felder. Wir waren frei. Der Krieg hatte sich noch nicht in das Leben dieser verschlafenen Ecke der Niederlausitz gedrängt. Der Krieg war noch weit entfernt im Osten. Tante Mie blieb nur ein paar Tage und fuhr dann nach Ostpreußen zurück. Am 20. Juli kam die Nachricht von einem Attentatsanschlag auf Hitler.

Eines Morgens Ende März 1945 schickte mich Mutti nach Halle, um Fräulein Mimi zu besuchen. Auf dem Fußweg entlang der Mauer der Chemiefabrik wehten vertrocknete Grasbündel aus dreckigen Schneehaufen hervor. Dann sah ich zwei alte Frauen langsam Schritt für Schritt auf mich zukommen. Jede trug ein Köfferchen und eine Wolldecke. Ich fing an zu laufen und rief ‘Tante Mie!’ Ich umarmte sie freudig und begrüßte Frau Augustin. (…)

Ich hörte nur Bruchstücke von dem, was die zwei Frauen von ihrer Flucht erzählten. Zwei Monate waren sie unterwegs. Sie hatten Liebemühl am 20. Januar in einem überfüllten Flüchtlingszug verlassen. Es ging eine Strecke westwärts, bis ein Zugunglück ihnen das Gleis versperrte. Bei eisigen Temperaturen kämpften sie sich durch tiefen Schnee, an Toten und Verletzten vorbei. Sie schlossen sich einem endlosen Treck an. Hochbeladene Pferdewagen und Menschen mit überladenen Handkarren verstopften die vereisten Straßen. Die fliehende Bevölkerung wurde von Tieffliegern angegriffen.

Dann hörte ich Tante Mie sagen: ‘… Im Schnee am Straßenrand brachte eine Mutter ein Kind zur Welt … es war totgeboren … die Mutter hat es in einer Schneewehe begraben.’

Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.”

Helga Woodruff (Copyright © 2021)


Niemand außer uns hat überlebt.

Mein Brief an den Bundeskanzler
kurz nach Kriegsausbruch:

„Guten Tag, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz, mein Name ist Christa Ackermann, ich bin 93 Jahre alt und habe den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt.

Ich bin in Wuppertal-Elberfeld geboren und wir haben damals am Albert Leo Schlageter-Platz im dritten Stock eines Vierfamilienhauses gewohnt, direkt neben dem schönen Rathaus von Wuppertal.

Die nächtlichen Fliegerangriffe auf die westdeutschen Städte sind mir noch gut in Erinnerung und die Warntöne einer Sirene erschrecken mich heute noch. Fast jede Nacht flüchteten wir, meine Mutter, meine kleine Schwester huckepack – und ich mit der gesamten Hausgemeinschaft in den bombensicheren? Luftschutzkeller, der eine Ausstiegsluke hatte, um nach einem eventuellen Luftangriff ins Freie klettern zu können.

Nach dem entsetzlichen Fliegerangriff auf Wuppertal-Barmen, der die Stadt in einer Nacht dem Erdboden gleich bombte, packte meine Mutter die notwendigsten Sachen und flüchtete mit meiner kleinen Schwester und mir zu meinen Großeltern ins Sauerland. So haben wir überlebt, denn einige Tage später erfolgte der Angriff auf Wuppertal (wir haben in dieser Nacht alles verloren und standen vor einem Nichts).

Auf die Schwesterstädte Barmen und Wuppertal wurden Phosphorbomben und Luftminen abgeworfen. Durch die Phosphorbomben wurden flüchtende Menschen in den Asphalt eingebrannt. Die Luftminen verursachen äußerlich Unversehrtheit; aber die Lungen der Menschen platzen, und so erging es meiner kleinen Freundin Lotti, ihrem kleinen zweijährigen Bruder Richard und der Mutter, Frau Arend, unserer Nachbarin.

Niemand außer uns hat überlebt.

Nach dem Angriff wurden die Toten auf dem Wuppertaler Marktplatz aufgereiht. Der Vater von Lotti und Richard (zur damaligen Zeit Soldat an der Ostfront) fand seine Frau, beide Kinder noch fest an der Hand, aufgereiht unter den Toten auf dem Marktplatz von Wuppertal.

Auf dem Foto im Anhang bin ich, ganz rechts im Bild – die Einzige, die überlebt hat.

WIR MACHEN UNS SCHULDIG!
Nie wieder Krieg von deutschem Boden.

gezeichnet
Christa Ackermann“


Hier können Sie den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: Everett Collection / shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

Ein Dank an unsere Leser!


Vorschau ansehen

Am 8. Mai hatten wir Sie dazu aufgerufen, uns Ihre Kriegs- und Nachkriegserinnerungen (und die Ihrer Eltern) zu schicken. Sie haben für uns Schubladen geleert, auf Dachböden und in Kellern gesucht, handschriftliche Aufzeichnungen abgetippt, noch lebende Zeitzeugen per WhatsApp befragt, eigene Erinnerungen hervorgeholt – und täglich erreichen uns immer noch viele Mails mit den Ergebnissen. Wir hätten nicht gedacht, dass dieser Aufruf auf eine so große Resonanz treffen würde. Vielen Dank noch einmal von uns allen in der Redaktion für Ihre vielen bewegenden Zuschriften! Die Reihe wird noch eine Weile fortgesetzt – in der Regel wird immer um 15:00 Uhr eine neue Folge erscheinen, da wir so viel gutes „Material“ erhalten haben. Ich habe, mit der Unterstützung meines Kollegen Christian Reimann, die Einsendungen gesichtet, sie dann ausgewählt und für die Veröffentlichung bei uns editiert. Eine Reaktion von Maike Gosch.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Beim Lesen der vielen Berichte, Fragmente, Erinnerungen begibt man sich auf eine Zeitreise in ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Der stickige Geruch der Keller, in die sich die Menschen zum Schutz vor Bomben zurückzogen, steigt in die Nase, ebenso wie der Geruch von gekochtem Rübenkraut als einzigem Essen im Hungerwinter oder der beißende Geruch der brennenden Gebäude.

Es sind viele Geschichten von Mut, von unglaublicher Tapferkeit, von Schmerz und Verlust, aber auch von Liebe, von Familie, von Überlebenswillen und der Kraft, weiterzumachen. Viele Erinnerungen schildern auch eine ganz andere, ein Kindersicht: Sie haben die Trümmerberge oft als Abenteuerspielplätze erlebt und – zum Glück – das ganze Ausmaß des Schmerzes und der Trauer der Eltern nicht begriffen.

Berührend sind auch die Berichte der jungen Männer, oft fast noch Kinder, aus den letzten Kriegsmonaten, die noch in das Geschehen hineingezogen oder -gezwungen wurden und sich irgendwie durchschlugen und überlebten. Man kann sich das aus heutiger Sicht einfach nicht vorstellen, was es für 15-, 16- oder 17-Jährige bedeutet hat, in einen Krieg zu ziehen.

Wie ein roter (blutroter) Faden zieht sich der Verlust von Vätern, Großvätern, Brüdern, Ehemännern, Cousins und Onkeln durch fast alle Geschichten. Jede Familie hatte so viele Tote zu beklagen, in die Familien wurden Lücken gerissen und insbesondere die Männer fehlten. Es war zu großen Teilen eine fast „vaterlose“ Generation, die in der Nachkriegszeit aufwuchs. Und selbst die, deren Väter nicht gefallen oder auf andere Art gestorben waren, sahen sie erst Jahre später wieder, nach der Kriegsgefangenschaft, und dann oft an Leib und Seele schwer verletzt.

Ein weiteres schreckliches Dauermotiv der Geschichten ist die Zerstörung der Städte, des bekannten Umfelds, der Gebäude, der Geschichte, der Struktur, des Halts. Der Bombenterror gegen Zivilisten und danach das Leben in Ruinen, in halbzerstörten Städten.

Ebenso schwer wogen der Verlust von Heimat, das Erlebnis von „Flucht und Vertreibung“, was ja ein geflügeltes Wort wurde in der Nachkriegszeit. Wie schwer das wog – physisch, aber auch seelisch. Die Strapazen, die Gräuel der Flucht, aber auch die Nachwirkungen, nach dem Ankommen als meist nicht willkommene Flüchtlinge, nur mit dem Wenigen, was sich am Körper oder auf einem kleinen Wagen transportieren ließ. Als „Habenichtse“ ankommen. Aber auch der Verlust von Gebäuden, Dörfern, Landschaften, des bekannten Dialekts, des Gefühls von Verwurzelung an einem Ort, von Gemeinschaften und Großfamilien, sozialen Zusammenhängen.

Das alles wurde irgendwie ertragen, unter Hunger, in zerbombten Städten – und weitergemacht, nach vorne geschaut. Geld verdient, Familien gegründet, Kinder großgezogen. Wir „Nachgeborenen“ werden uns wahrscheinlich nie wirklich vorstellen können, was für ein ungeheurer Kraftakt das gewesen sein muss.

Ermutigend dagegen die Geschichten von Tapferkeit, von Solidarität und Zivilcourage, sei es beim Verstecken von Deserteuren, der Unterstützung jüdischer Mitbürger oder anderen guten Taten.

Immer wieder kam auch das Schweigen in den Familien über diese Erlebnisse zur Sprache. Es wurde in vielen Familien kaum oder gar nicht darüber gesprochen. Obwohl es so einschneidende und schreckliche Erlebnisse waren, dass die Eltern oder Großeltern ihr Leben lang darunter litten und der Schmerz und die Traumata, auch wenn über sie nicht gesprochen wurde, das Familienleben und die Beziehungen noch über Jahrzehnte belasteten. Vielleicht kann diese Aktion einen kleinen Beitrag dazu leisten, dieses Schweigen zu brechen, aufzuweichen, aufzulösen. Denn so schrecklich die Geschichten auch sind, so heilsam kann ihr Erzählen sein.

Und das Zuhören. Immer wieder haben Sie wiederholt, dass Sie eine Lehre aus diesen Erlebnissen, den eigenen und denen Ihrer Eltern, gezogen haben: Nie wieder Krieg! Das ist auch für viele von uns Jüngeren eine starke und klare Überzeugung. Aber sie hat ein ganz anderes Gewicht, wenn sie von unseren „Älteren“ kommt, die genau wissen, wovon sie sprechen.

Es sind Geschichten aus einer Welt, die zeitlich gar nicht so weit von uns entfernt ist, nicht mal ein Menschenleben lang, aber wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen. Um so wichtiger, dass diese vielen Zeitzeugenberichte, wie Elemente einer Collage, sie noch einmal nah an uns spätere Generationen heranholen und in die heutige Zeit bringen, wo eine Kriegsbeteiligung Deutschlands wieder in die Nähe des Möglichen zu rücken droht.

Es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass wir so viel Wissen – oder zumindest den Zugang dazu – haben wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Menschheit, aber nicht annähernd in gleichem Maße Zugang zu Weisheit. Die Weisheit eines langen Lebens, Weisheit, die sich aus Erlebnissen und Erfahrungen speist. Diese haben Sie mit uns geteilt, und dafür danken wir Ihnen sehr!

Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (10)


Vorschau ansehen

„Die Vergangenheit war immer da. In Blicken. In plötzlichem Schweigen. In Sätzen, die abrupt endeten. Man spürte, dass hinter all dem Erinnerungen lagen, über die nicht gesprochen werden konnte. Und vielleicht bestand gerade darin die eigentliche Last dieser Nachkriegsgeneration. Nicht nur im Erlebten selbst, sondern auch darin, ein Leben lang mit Dingen weiterleben zu müssen, für die es oft keine Worte mehr gab.“

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil sowie den neunten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Beitrag von unserem Leser Volker Neu zu unserem Aufruf.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Der Krieg war vorbei. Für meine Eltern nicht.

Der 8. Mai gilt als Tag des Kriegsendes. Als Kapitulation, Zusammenbruch oder Befreiung, je nachdem, aus welcher Perspektive man auf die Geschichte blickt. Doch für viele Menschen endete der Krieg nicht einfach an einem bestimmten Datum. Seine Folgen blieben über Jahre, oft über ganze Generationen hinweg spürbar.

Wenn heute wieder mit erschreckender Selbstverständlichkeit über Krieg, Aufrüstung und militärische Stärke gesprochen wird, denke ich oft an meine Eltern. Beide waren Kinder, als der Zweite Weltkrieg endete. Mein Vater dreizehn, meine Mutter elf Jahre alt. Und doch hatten beide zu diesem Zeitpunkt bereits Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte.

Für meine Eltern endete der Krieg nicht einfach mit dem 8. Mai 1945. Die Waffen schwiegen irgendwann. Doch die Folgen des Krieges blieben noch lange Teil ihres Lebens.

Mein Vater war dreizehn Jahre alt, als der Krieg endete. Sein Vater war noch in Kriegsgefangenschaft und sollte erst zwei Jahre später zurückkehren. Der ältere Bruder war irgendwo in Deutschland gestrandet und bekam keine Zuzugsgenehmigung nach Dortmund. Die Familie lebte in einer zerbombten Stadt, das Elternhaus war zerstört, die Wohnung ausgebombt. Dortmund bestand damals aus Ruinen, Staub, Rauch und Menschen, die versuchten, irgendwie weiterzumachen. Einer musste Geld verdienen. Also arbeitete der Dreizehnjährige.

Durch einen Onkel bekam er eine Stelle im Brückenbau. Als „Pinnewärmer“. Ein Begriff aus einer anderen Zeit, fast vergessen wie die Menschen dahinter. Damals wurden Stahlkonstruktionen noch mit glühenden Nieten verbunden. Der Pinnewärmer erhitzte die schweren Metallstifte in einer Esse, bis sie rot glühten. Dann wurden sie weitergereicht, eingesetzt und mit schweren Hämmern gestaucht. Beim Abkühlen zog sich das Metall zusammen und verband die Stahlträger dauerhaft miteinander.

Es war schwere, gefährliche Arbeit. Hitze, Funkenflug, Lärm. Und mitten darin ein Kind. Nicht, weil es besonders tapfer gewesen wäre, sondern weil das Nachkriegselend Kinder in Funktionen zwang, für die sie nie gedacht waren. Wie gefährlich diese Arbeit tatsächlich war, zeigte sich eines Tages brutal. Mein Vater erlitt einen schweren Unfall. Ein glühender Niet prallte ihm gegen den Kopf. Er kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Ärzte hatten ihn bereits aufgegeben. Tagelang rechnete kaum noch jemand damit, dass er überleben würde. Doch irgendwann setzte er sich plötzlich im Bett auf und sagte nur: „Ich habe Hunger.“

Noch härter traf das Schicksal meine Mutter. Ihre Familie stammte aus Ostpreußen. Eine große Familie, tief verwurzelt in ihrer Heimat. Als die Front Anfang 1945 näher kam, begann die Flucht. Ein Teil der Verwandtschaft floh über Land, andere über die Ostsee. Meine Großeltern flohen mit meiner Mutter und ihren Geschwistern nach Pillau, dem letzten großen Hafen Ostpreußens. Dort gingen sie an Bord der „Karlsruhe“, eines alten Frachtdampfers, der Flüchtlinge nach Westen bringen sollte.

Die „Karlsruhe“ verließ Pillau im April 1945 mit über tausend Menschen an Bord. Flüchtlinge, Verwundete, Kinder. Viel zu viele Menschen für ein Schiff dieser Größe. Sie fuhr im Rahmen der Evakuierungsoperation „Hannibal“, mit der Hunderttausende Menschen aus den deutschen Ostgebieten über die Ostsee gebracht werden sollten. Begleitet wurde der kleine Konvoi von Minensuchbooten. Doch die überladene „Karlsruhe“ war langsam und fiel zurück. Genau das machte sie angreifbar.

Am 13. April 1945 griffen sowjetische Bomber den Dampfer an. Torpedos trafen das Schiff. Die „Karlsruhe“ sank innerhalb weniger Minuten in der eisigen Ostsee. Von den über tausend Menschen an Bord überlebten nur etwa 150. Mein Großvater ertrank. Auch die jüngsten Geschwister meiner Mutter starben im Wasser.

Meine Mutter kam zusammen mit ihrer Mutter nach Kopenhagen. Dort wurde im Juni 1945 auch ihre jüngste Schwester geboren. Später ging es weiter nach Aalborg in Dänemark. Dort lebten sie in einem Internierungslager für deutsche Flüchtlinge. Die Menschen waren in Baracken und ehemaligen Militärunterkünften untergebracht, standen unter Aufsicht und durften das Lager nicht einfach verlassen. Viele wussten nicht, ob Angehörige noch lebten oder ob sie jemals nach Deutschland zurückkehren würden. Der Krieg war vorbei, aber das Leben blieb geprägt von Unsicherheit, Enge und dem Gefühl, nirgendwo mehr wirklich zu Hause zu sein.

Erst Jahrzehnte später wurde mir wirklich bewusst, was das eigentlich bedeutete. 2014 starb mein Vater. Ich ging damals mit meiner Mutter zum Versicherungsamt, um die Witwenrente zu beantragen. Dort fragte die Sachbearbeiterin beiläufig: „Wann kamen Sie denn wieder aus dem Ausland nach Deutschland zurück?“ Meine Mutter überlegte lange und sagte schließlich: Ende 1948 oder Anfang 1949. In diesem Moment begriff ich zum ersten Mal wirklich: Meine Mutter hatte entscheidende Jahre ihrer Kindheit und Jugend erst in Internierungslagern in Dänemark und später als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein verbracht.

Später kam es in Schleswig-Holstein zur Zusammenführung der Familie. Die beiden jüngeren Geschwister, die nach der Versenkung der „Karlsruhe“ von einem anderen Schiff gerettet worden waren, lebten inzwischen ebenfalls dort. Die Familie kam auf einen Bauernhof bei Rendsburg, wo alle mitarbeiten mussten. Irgendwie schien meine Mutter diese Zeit sogar in guter Erinnerung zu haben. Vielleicht, weil das Dorf klein war. Vielleicht, weil manche Menschen trotz allem menschlich blieben.

Denn Flüchtlinge hatten es damals keineswegs leicht, auch nicht in Deutschland. Das wird heute oft verdrängt oder romantisiert. Gerade in Schleswig-Holstein herrschten nach dem Krieg chaotische Zustände. Hunderttausende Vertriebene und Flüchtlinge mussten untergebracht werden, obwohl es selbst der einheimischen Bevölkerung an Wohnraum, Nahrung und Arbeit fehlte. Viele lebten jahrelang in Lagern, Baracken oder behelfsmäßigen Unterkünften. Familien wurden zwangsweise bei Fremden einquartiert, oft auf engstem Raum. Nicht selten begegnete man den Flüchtlingen mit Ablehnung, Misstrauen oder offener Feindseligkeit, weil sie als zusätzliche Belastung wahrgenommen wurden. Auch das gehört zur Wahrheit der Nachkriegszeit: Der Krieg war offiziell vorbei, aber für Millionen Menschen ging das Leben im Ausnahmezustand weiter.

1953 sollte die Familie endlich ihre erste eigene Wohnung bekommen. Ein Neubeginn nach Jahren von Flucht, Lagerleben und Verlust. Doch wieder spielte das Schicksal eine andere Melodie. Meine Großmutter starb mit nur 41 Jahren. Woran, weiß heute niemand mehr. Die Kinder kamen unter Vormundschaft. Die jüngste Schwester erst zu Verwandten, später in ein Heim. Dort endete die Nachkriegsgeschichte nicht mit Geborgenheit, sondern mit Gewalt und Schlägen.

Über diese Jahre sprach meine Mutter später fast nie. Wenn man sie fragte, sagte sie meist nur: „Das weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern. Das ist lange vorbei.“

Doch gerade dieses Abwehren sagte oft mehr als viele Erzählungen. Denn vieles verschwindet nicht einfach aus dem Gedächtnis. Menschen, die schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben, lernen oft, Erinnerungen innerlich wegzuschließen, um überhaupt weiterleben zu können. Gerade die Kriegsgeneration funktionierte häufig genau so: nicht reden, weitermachen, aushalten. Gefühle wurden verdrängt, Erinnerungen eingesperrt, weil der Alltag sonst kaum zu bewältigen gewesen wäre. Vielleicht war das Schweigen meiner Mutter deshalb nicht Ausdruck des Vergessens. Vielleicht war es ein lebenslanger Schutzmechanismus gegen Erinnerungen, die zu schmerzhaft waren, um sie noch einmal hervorzuholen.

Und wahrscheinlich liegt darin etwas, das viele Kinder dieser Generation erlebt haben: Die Vergangenheit war immer da. In Blicken. In plötzlichem Schweigen. In Sätzen, die abrupt endeten. Man spürte, dass hinter all dem Erinnerungen lagen, über die nicht gesprochen werden konnte. Und vielleicht bestand gerade darin die eigentliche Last dieser Nachkriegsgeneration. Nicht nur im Erlebten selbst, sondern auch darin, ein Leben lang mit Dingen weiterleben zu müssen, für die es oft keine Worte mehr gab.

2020 wurde das Wrack der „Karlsruhe“ vor der polnischen Küste entdeckt. Taucher fanden Kisten, Fahrzeuge und Frachtreste im Inneren des Schiffes. Weil die „Karlsruhe“ eines der letzten Schiffe war, die Königsberg verlassen hatten, entstanden sofort Spekulationen über das verschollene Bernsteinzimmer. Doch das Wrack ist vor allem eines: ein Seekriegsgrab.

Dort unten liegen keine Mythen. Dort unten liegen Menschen.

Vielleicht fehlt unserer Zeit auch etwas, das es früher einmal gab: eine starke gesellschaftliche Stimme gegen den Krieg. In den 1980er-Jahren gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Aus Angst vor Aufrüstung. Aus Angst vor einem neuen Krieg in Europa. Viele wussten noch aus eigener Erfahrung oder aus den Geschichten ihrer Eltern, was Krieg wirklich bedeutet.

Heute wird wieder über militärische Stärke, Abschreckung und Kriegstüchtigkeit gesprochen. Oft nüchtern, technokratisch, fast wie über Verwaltungsfragen. Aber Krieg bleibt am Ende nie abstrakt. Denn am Ende bedeutet Krieg immer auch, dass irgendjemand über das Leben anderer Menschen entscheidet. Darüber, wer kämpfen soll. Wer töten soll. Wer sterben soll.

Gerade deshalb dürfte Krieg niemals etwas sein, das man einfach Politikern, Militärs oder geopolitischen Strategien überlässt. Krieg geht die Menschen an. Immer.

Vielleicht müssten wir uns gerade daran viel öfter erinnern. Nicht erst dann, wenn die nächsten Züge wieder voller Flüchtlinge sind.

Volker Neu


Hier können Sie den elften Teil und hier den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Zwischen Vertreibung und Hoffnung: Wie der Libanon ums Überleben kämpft


Vorschau ansehen

Aus dem südlichen Libanon sind seit Anfang März mehr als 1,2 Millionen Menschen vertrieben worden. Trotz eines von den USA verkündeten und kürzlich erneut verlängerten Waffenstillstandes greift die israelische Armee täglich Dörfer, Straßen, Brücken, medizinische Einrichtungen und Agrarland an. Die Zahl der Toten, Verletzten und der zerstörten Dörfer steigt täglich. Eine Reportage von Karin Leukefeld (Tyros, Beissour/Libanon).

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Israel will eine Pufferzone zum Schutz der eigenen Bevölkerung einrichten. Es spricht von Verteidigung gegen die „Terrororganisation Hisbollah“, die entwaffnet, zerschlagen, vernichtet werden soll, wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gerade zum wiederholten Mal erklärt hat. Der Südlibanon und Südbeirut würden aussehen wie Rafah und Khan Younis (Gazastreifen), so der israelische Verteidigungsminister Israel Katz.

Die libanesische Hisbollah beruft sich auf das 1. Zusatzprotokoll der Genfer Konvention 1977 und erklärt, dass sie die Souveränität des Libanon gegen eine rassistische Kolonial- und Besatzungsmacht verteidigt.

Die Bewohner des südlichen Libanon suchen Zuflucht in der Hauptstadt Beirut, deren südliche Vororte ebenfalls in Trümmern liegen. Notunterkünfte gibt es in Tyros, Sidon, in der Bekaa-Ebene und zahlreichen Orten im Küstengebirge. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist groß, die Autorin hat verschiedene Orte besucht und mit denen gesprochen, die vertrieben wurden, und denen, die helfen.

Litani Fluss. Foto von provisorisch reparierter Qasmiya Brücke – © Karin Leukefeld

Der umkämpfte Südlibanon

Der Verkehr auf der Küstenstraße Richtung Süden wird deutlich weniger, je mehr man sich der Qasmiya-Brücke nähert. Es ist die letzte Brücke, die den Fluss Litani überquert, bevor er in das Mittelmeer mündet. Am 9. April wurde die Brücke von der israelischen Luftwaffe zwei Mal bombardiert und zerstört. Sieben Brücken überquerten den Litani und verbanden den Südlibanon und die westliche Bekaa-Ebene mit dem Rest des Landes. Alle Brücken hat Israel zerstört. Die Qasimiya-Brücke wurde von der libanesischen Armee provisorisch wieder aufgebaut, um den Transport zum Hauptquartier der UN-Friedenstruppe UNIFIL in Naqoura und Hilfslieferungen in den besonders von israelischen Angriffen betroffenen Südlibanon zu ermöglichen.

Fahrt nach Tyros. Rote Kreuz Konvoi auf dem Weg in den Südlibanon – © Karin Leukefeld

Der Litani gehört zu einem weit verzweigten Netz von Wasserläufen, die sich vom Norden über die Golanhöhen bis zum Tiberias-See erstrecken und das Gebiet grün und fruchtbar machen. Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte das fruchtbare Ackerland zu Palästina oder Bilad as-Sham und war von dort ansässigen Familien seit Jahrhunderten bewirtschaftet worden. Es war der Brotkorb für Damaskus im Osten, Jerusalem im Süden, für den Berg Libanon und Beirut im Norden.

1916 wurde Palästina und Bilad as-Sham durch Großbritannien und Frankreich zerteilt (Sykes-Picot 1916), und mit der Erklärung des britischen Außenministers Lord Balfour (1917) wurde der Zionistischen Nationalbewegung zugesagt, dort eine „jüdische Heimstatt in Palästina“ zu errichten. Nach dem Ersten Weltkrieg, bei der Pariser Friedenskonferenz (1919/20) hatte die Zionistische Nationalbewegung eine Landkarte vorgelegt, wonach ihr Gebietsanspruch für die „jüdische Heimstatt“ in Palästina im Norden bis zum Litani-Fluss reichen sollte. Heute macht die Netanjahu-Regierung keinen Hehl daraus, dass sie genau das mit ihren Angriffen im Südlibanon und mit der Errichtung einer „Pufferzone“ umsetzen will.

Karte mit Gebietsanspruch für die ‘jüdische Heimstadt’ in Palästina bis zum Litani Fluss im Libanon – © Karin Leukefeld

Aus einem Garten wird eine Gärtnerei

Die Qasimiya-Brücke ist knapp 20 Kilometer von der historischen Hafenstadt Tyros entfernt. Schon 2024 hatte die Autorin dort in einem Gebäude der libanesischen Universität von Tyros Inlandsvertriebene aus den südlichen Dörfern entlang der „Blauen Linie“ getroffen. Mit einem Arbeitsprogramm der UN-Frauenorganisation hatten Frauen dort einen Garten angelegt, wo sie Kräuter, Salat und Gemüse anpflanzen konnten.

Zwei Jahre später sind die Flüchtlingsfamilien noch immer dort. Aus dem Garten ist eine Gärtnerei geworden, wo auch Blumenstauden, Rosmarin und Thymian zum Verkauf herangezogen werden. Daneben liegt ein großes Feld, auf dem im Wechsel Kartoffeln, Kohl oder anderes Gemüse wächst. Blumenstauden aller Art sind entlang der Umrandung gepflanzt. Drei große Hallen begrenzen das Feld auf einer Seite, wo Tomaten und Paprika unter hohen Zeltdächern herangezogen werden.

Vor dem Universitätsgebäude, in dem die Flüchtlingsfamilien untergebracht sind, herrscht im Gegensatz zu 2024 reges Treiben. Die Union der Gemeinden von Tyros ist für die Versorgung der Menschen verantwortlich und hat auf dem Gelände ihre Zentrale. Hier werden Inlandsvertriebene registriert, hier erhalten sie erste Hilfe, hier werden sie an andere Unterkünfte weitergeleitet. Der Leiter der Einrichtung sitzt an einem großen Tisch und ist umgeben von Frauen und Kindern, die sich und ihre Familien registrieren wollen. Er hört sie an, vergleicht ihre Namen auf großen Listen, die vor ihm auf dem Tisch liegen, und verweist sie an andere Mitarbeiter, die an Computern die Registrierung fortsetzen.

Leben und arbeiten in einer Notunterkunft

Für die Autorin hat er keine Zeit, verweist sie aber an die Medienabteilung, die von dem libanesischen Journalisten Bilal Kashmar geleitet wird. Er nimmt sich Zeit, um die Situation zu erklären.

Der Journalist Bilal Kashmar leited das Medienzentrum Union der städtischen Mitarbeiter Tyros – © Karin Leukefeld

Seit Beginn des neuen Krieges Anfang März gebe es in Tyros 13 Notaufnahmeplätze, in denen insgesamt 4.000 Personen untergebracht seien, sagt er. Außerhalb dieser Unterkünfte lebten weitere 17.000 Menschen in Zelten oder in Wohnungen, die sie gemietet hätten oder unentgeltlich nutzen könnten. Alle kämen aus den Grenzdörfern um Bint Jbeil, Marjajoun, Naqoura und aus dem Umland von Tyros.

Aus den Kriegsjahren 2023 und 2024 seien noch 60 Familien in Tyros untergebracht. Damals sei auch das Agrarprojekt der UN-Frauenorganisation ins Leben gerufen worden. Die meisten Frauen aus den südlichen Dörfern seien Bäuerinnen und konnten so ihre Kenntnisse in der Landwirtschaft nutzen, erklärt Bilal Kashmar. Die Flüchtlingsfrauen arbeiteten jeweils einen Monat in dem Projekt und erhielten für ihre Arbeit einen Tageslohn. Nach einem Monat übernehme eine andere Gruppe von Frauen die Arbeit und so rotierten die Arbeiterinnen, damit alle in den Genuss bezahlter Arbeit kommen könnten.

Neu hinzugekommen sei eine Küche, die täglich für die Flüchtlinge koche. Die Küchenarbeiterinnen arbeiteten nach dem gleichen Prinzip wie die Frauen in dem Agrarprojekt. Arbeit und Aufgaben würden wechseln, monatlich werde ein Köchinnenteam durch ein anderes ersetzt. Nach dem gleichen Prinzip hätten auch die Männer Arbeit gefunden. Sie verteilten die Hilfspakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, Matratzen und spezielle Pakete mit Babynahrung an die Familien. „Jeder Einzelne wird hier registriert und erhält nach Größe der Familie monatlich ein oder zwei Hilfspakete“, erklärt Bilal Kashmar und fügt hinzu, dass die Hilfe alle Inlandsvertriebenen erhielten: „Die 4.000, die in Notunterkünften leben, und die 17.000, die außerhalb der Notunterkünfte eine Bleibe gefunden haben.“

Verteilung von Hilfsgütern an Inlandsvertriebene in Tyros – © Karin Leukefeld

Aktuell seien 691 palästinensische und 400 syrische Flüchtlinge bei ihnen registriert, hinzu kämen etwa 15 Personen aus afrikanischen Ländern wie Sudan und Äthiopien. 3.555 Kinder im Alter zwischen 0 und 17 Jahren seien registriert, weder Kindergarten noch Schulunterricht könnte angeboten werden. Die Hilfe werde von der Regierung in Beirut, genauer gesagt vom Rat für den Südlibanon zur Verfügung gestellt. Finanziert werde die Hilfe durch ausländische Regierungen, teilweise auch durch Hilfsorganisationen. „Wir sehen hier allerdings sehr, sehr viel weniger ausländische Hilfsorganisationen als bei früheren Konflikten“, fügt der Journalist hinzu. „Das hat natürlich politische Gründe.“

Der Journalist führt die Gründe nicht weiter aus, doch schon an anderer Stelle hat die Autorin gehört, dass vor allem europäische Regierungen nicht helfen wollen, weil Hisbollah und Israel involviert seien. Israel sieht Hilfe für die libanesische Bevölkerung als Hilfe für Hisbollah an, eine Sichtweise, die von Verbündeten Israels in den USA oder Europa nicht erklärt, aber offenbar doch übernommen wird.

Die Notunterkünfte und die rotierende Arbeit für die Vertriebenen in Tyros werden vor allem von der Union der Gemeinden von Tyros, von libanesischen, spanischen, einer australischen Hilfsorganisation und von der Frauenorganisation der Vereinten Nationen unterstützt. Das libanesische Rote Kreuz schickt zwei Mal wöchentlich eine Ambulanz, wo die Leute sich untersuchen lassen können. Allerdings gibt es in Tyros auch Arztpraxen und Kliniken, die die Vertriebenen versorgen.

Seit die israelischen Angriffe immer näher rückten, seien nur noch wenige Journalisten in Tyros, sagt Bilal Kashmar. Es sei wichtig, dass es Fotos und Berichte aus ihrem Gebiet gäbe, doch „ändern werden sie nichts“. Die Zeit des Vietnamkrieges, als Berichte von Journalisten über Gräueltaten und Kriegsverbrechen noch einen Krieg stoppen konnten, diese Zeit sei vorbei. Neue Waffen, politische Rücksichtslosigkeit, Missachtung internationalen Rechts und der Vereinten Nationen bestimmten das Geschehen. In Europa, auch in Deutschland gehe es um Aufträge für die Rüstungsindustrie. Und diejenigen, die angegriffen würden, dächten auch nur daran, Waffen zu bekommen, mit denen sie sich wehren und ihr Land verteidigen könnten. „Wir hatten immer Sympathien für Europa und fühlten uns den Gesellschaften dort nahe“, so der Journalist. „Aber jetzt sehen wir niemanden von dort hier, bei uns.“

Munifa Odaibi ist Küchenchefin. Täglich werden 4000 Mahlzeiten für die Inlandsvertriebenen in Tyros zubereitet – © Karin Leukefeld

Es ist Mittagszeit. Aus der gegenüberliegenden Küche zieht der Duft von Essen durch die Gänge. Bilal Kashmar begleitet die Autorin hinüber und stellt sie dem Team um Munifa Obeida vor, die Küchenchefin. Munifa teilt die Arbeit ein, kontrolliert, ob die Kochtöpfe nicht zu heiß werden, und behält den Überblick. An der Wand hängt der Essensplan für die Woche: Reis und Gemüse, Reis und Huhn, Reis und Gulasch, Kartoffeln und Gemüse. Heute gibt es Mujadarrah, ein einfaches, typisches südlibanesisches Gericht der Landbevölkerung. Dafür werden Zwiebeln angebraten und mit Linsen und Gewürzen zu einem Eintopf gemischt. Gekocht wird auf Gaskochern, die Frauen wechseln sich beim Umrühren des Essens in den großen Töpfen ab.

„Wir fangen morgens um acht Uhr an und sind meist gegen vier Uhr am Nachmittag fertig“, sagt Munifa fröhlich. Die Vorbereitung des Gemüses werde draußen gemacht, dann gehe es in der Küche weiter. Wenn das Essen fertig sei, werde es in Plastikschalen gefüllt, in Kisten verpackt und zu den einzelnen Notunterkünften gefahren. In der Küche gehe es dann an das Abwaschen und Aufräumen, damit am nächsten Morgen alles bereit für die Arbeit sei. Munifa strahlt unter ihrem eng anliegenden Kopftuch und scherzt mit den Köchinnen. „Für Mujadarrah brauchen wir Geduld. Es muss immer gerührt werden, damit es nicht anbrennt.“

Köchinnen des Küchenprojekts. Täglich werden 4000 Mahlzeiten für die Notunterkünfte gekocht. – © Karin Leukefeld

An der Wand weisen die Logos auf die fünf Organisationen hin, die die Arbeit im Küchenprojekt und auch in der Gärtnerei finanziell unterstützen. Beide Projekte werden von einer „Auf Frauen ausgerichteten Notfallhilfe“ getragen. Die Träger sind zwei libanesische Hilfsorganisationen, eine Organisation aus Australien und UN-Women, das Frauenprogramm der Vereinten Nationen.

Meine Kinder sind mein Leben

Zurück im Büro von Bilal Kashmar geht es noch einmal um die Frage, ob die Autorin mit Familien sprechen könne. Die Familien fühlten sich aber inzwischen oft gestört und bedrängt, vor allem weil ihre Lebensumstände sehr beengt und einfach seien, der libanesischen Gastfreundschaft nicht angemessen. Also hat der Journalist eine Frau aus dem Küchenprojekt gebeten, die Fragen der ausländischen Journalisten zu beantworten.

Farah (Die Glückliche) Ali Hejazi beginnt zögernd, schüchtern zu erzählen. Sie komme aus Aita Shaab, an der Grenze, wo sie mit Mann und Kindern gelebt habe. Zum ersten Mal sei sie mit der Familie 2023 nach Tyros geflohen. Doch nach dem Waffenstillstand Ende 2024 seien sie zurück ins Dorf gegangen und hätten dort 15 Monate leben können, bevor sie Anfang März erneut vertrieben wurden. Fünf Kinder habe sie, vier Mädchen und Mohammad, einen 14-jährigen Jungen. Das Leben in der Notunterkunft sei für sie alle schwierig, räumt sie ein. Sie teilten sich einen Klassenraum mit einer anderen Familie, ihre jeweiligen Bereiche seien durch eine Trennwand geteilt. Besonders schwierig sei, sich das Bad mit so vielen Frauen zu teilen. Alle hofften, bald wieder in ihre Dörfer zurückkehren zu können.

„Niemand ist glücklich“, sagt sie leise. „Wir sind alle müde.“ Die Flucht sei furchtbar gewesen, das Auto sei kaputt gegangen, sie hätten mehr als einen Tag gebraucht, um Tyros zu erreichen. Gut sei, dass sie in der Küche arbeiten könne. Sie bereite das Gemüse zu, das anschließend gekocht werde. Ihr Arbeitsplatz mit den anderen Frauen sei draußen vor der Küche, aber manchmal würden sie auch wechseln. Ihr Mann könnte immer mal wieder im Lager arbeiten, doch so ein Leben seien sie nicht gewohnt. „Im Dorf hat er wie alle anderen gearbeitet und auch ich hatte meine Aufgaben. Die Kinder gingen zur Schule (…)“. Die schmale Frau verstummt und blickt auf ihre Hände. „Ich möchte nur, dass es meinen Kindern gut geht, dass sie glücklich werden, dass sie in Frieden leben können, mit allen anderen Menschen.“ Und nach einer kurzen Pause fügt Farah hinzu: „Meine Kinder sind mein Leben, durch sie atme ich.“ Ein Lächeln zieht über ihr Gesicht, sie steht auf und legt den Arm um einen Jungen, der durch die Türe sieht: „Mein Sohn Mohammad“, sagt sie stolz.

Farah Ali Hejazi mit ihrem Sohn Mohammad. meine Kinder sind mein Leben. – © Karin Leukefeld

Der Weg zurück nach Beirut führt erneut über die provisorisch errichtete Qasimiya-Brücke. Rechts und links liegt Agrarland, das weiterhin von der örtlichen Bevölkerung und syrischen Landarbeitern bearbeitet wird. Was für die Bevölkerung des Libanon Lebensgrundlage, Souveränität und Bewegungsfreiheit bedeutet, ist für den Staat Israel militärisches Gelände. Geht es nach Tel Aviv und seinen Verbündeten, soll der Litani-Fluss die zukünftige Grenze werden.

Gastfreundschaft im Berg Libanon

Auch im Drusengebiet des Berg Libanon haben Inlandsvertriebene aus den südlichen Vororten von Beirut und aus dem Südlibanon Zuflucht gefunden. Der Ort Beissour hat rund 10.000 Einwohner und versorgte im Krieg 2024 mehr als 5.000 Hilfesuchende. Dieses Mal haben die Behörden 4.000 Inlandsvertriebene registriert. Nur wenige von ihnen sind in der einzigen Notunterkunft des Ortes, einer Schule untergekommen. Die meisten Vertriebenen wurden von Familien aufgenommen oder haben sich, wenn sie genug Geld hatten, in eine der Ferienwohnungen in Beissour eingemietet.

Auf den Höhen des Berg Libanon Küstengebirge – © Karin Leukefeld

Der Ort liegt rund 900 Meter über dem Meeresspiegel und ist etwa 25 Kilometer von Beirut entfernt. Beissour ist wegen der frischen kühlen Luft und den umliegenden Pinienwäldern ein beliebter Ferienort und Ausgangspunkt zahlreicher Wanderwege. In dem Ort leben Drusen und Christen, die Vertriebene und Hilfesuchende nicht abweisen.

In einer Schule wartet Kamal Matar vom Ministerium für soziale Angelegenheiten. Hier sei die einzige Notunterkunft des Ortes, erklärt er, 247 Personen seien in der Schule registriert. Das Ministerium sorge für Essen, das täglich von einer Großküche geliefert werde. Die Familien in der Schule könnten die Küche nutzen, sie würden mit Strom, Wasser und die Kinder für Online-Unterricht auch mit Internet versorgt. Medizinische Versorgung sei mehrmals wöchentlich möglich, dabei würden die örtlichen Gesundheitszentren auch von Médecins sans Frontières, den Ärzten ohne Grenzen, unterstützt. Pro Klassenraum seien zwei bis drei Familien untergebracht, je nachdem, wie groß diese seien. Innerhalb der Klassenräume würden die Bereiche mit Schutzwänden abgetrennt. Meist seien die Familien innerhalb eines Klassenraums miteinander verwandt. Lebensmittel und Hygieneartikel würden monatlich verteilt.

Das Gespräch wird wiederholt von Bewohnern der Schule unterbrochen, die mit ihren Fragen zu den Mitarbeitern des Ministeriums kommen: Wann wird das Essen geliefert, wann bekommen wir Internetverbindung, wann wird wieder ein Arzt in die Schule kommen? Ansonsten herrscht in der Eingangshalle und auf dem Schulhof reges Treiben. Die Menschen sitzen in kleinen Gruppen zusammen, manche rauchen Narquila, die beliebte Wasserpfeife. Jungs spielen Fußball, die älteren Schülerinnen und Schüler sitzen mit ihren Handys abseits, zeigen sich kleine Filme oder diskutieren miteinander.

Die meisten kämen aus den südlichen Vororten von Beirut, antwortet Kamal Matar auf die Frage nach der Herkunft der Vertriebenen. Doch auch aus dem Südlibanon, aus Nabatieh, Toul, Qana seien Familien gekommen. Die beiden Ministeriumsmitarbeiter werden von örtlichen Freiwilligen wie Omar al Aridi unterstützt. Es sei gut, dass die Hilfsgüter zentral durch das Ministerium verteilt würden, sagt er. Doch die Regierung habe wenig Erfahrung mit der Unterstützung von Vertriebenen, und so dauere manches sehr lang. 93 Kinder unter 18 Jahren seien registriert, die eigentlich zur Schule gehen müssten. Das aber sei nicht gewährleistet und für Kinder und Eltern ein Problem. Allerdings gäbe es unter den Vertriebenen eine Lehrerin aus den südlichen Vororten von Beirut, die habe sich bereit erklärt, die Kinder täglich zu unterrichten.

Nimm Deinen Stift und ein Blatt Papier und lächele

Die Lehrerin heißt Ghazal, ihre Familie musste Ruweiss verlassen, einen Ortsteil im südlichen Beirut, der bei israelischen Angriffen schwer verwüstet wurde. Sie, ihr Mann und die beiden Jungen seien schon vor dem Krieg in Beissour gewesen, um Urlaub zu machen, erzählt sie. Von Anfang an hätten sie sich sehr wohl unter den Bewohnern von Beissour gefühlt, sie seien gastfreundlich, aufgeschlossen und ohne Vorurteile. Sie hätten sich wie in einer großen Familie gefühlt und mit einigen seien sie in Verbindung geblieben. Als der Krieg 2024 begann, seien sie sofort nach Beissour gefahren und dann erneut im März 2026.

Hadi (links) und Mehdi (rechts) Söhne der Lehrerin Ghazal – © Karin Leukefeld

Ghazal stellt ihre beiden Jungen vor: Hadi ist 16 und Mehdi 14,5. Beide seien sehr gut in der Schule, fügt sie stolz hinzu. „Das liegt an unserer Mutter, sie ist stellvertretende Leiterin einer Schule und hat uns von Anfang an an das Lernen gewöhnt“, sagt Hadi und zwinkert mit den Augen. Er bereitet sich auf das Baccalaureate vor, etwa vergleichbar mit dem deutschen Abitur. Ihm fehle die Schule sehr, die angebotenen Online-Kurse nehme er wahr, aber es sei nicht vergleichbar mit richtigem Unterricht. Mehdi, der jüngere von beiden, strahlt und sagt, er sei froh über die Freizeit ohne Schule. „Kein Unterricht bedeutet, niemand kann mich hier wie eine Zitrone ausquetschen“, erklärt er. Er wolle Ingenieur werden, sagt Mehdi. Später wolle er eine eigene, libanesische Autoproduktion aufbauen. Auf seinem Handy zeigt er die Pläne, die er entworfen hat, um das erste „rein libanesische Auto“ zu entwickeln und zu bauen. Der ältere Bruder Hadi schüttelt den Kopf und sagt, Mehdi sei ein Träumer und habe immer wieder neue Ideen. Er selbst wolle im Libanon studieren, vielleicht könne er Bankkaufmann werden und sich in Künstlicher Intelligenz schulen lassen. Die Zukunft für beide ist offen, meint die Mutter, doch beide seien wirklich sehr, sehr gute Schüler.

Die beiden Jungen vermissen ihr Zuhause. Alles habe sich verändert, ihre eigene Lebensart, Familienkultur, ihre Freunde, die Schule, die Nachbarn fehlten. Auch die Mutter vermisst ihr Zuhause, sagt sie. „Ich vermisse meine Küche, meine Arbeit und ich vermisse meine Mutter sehr. Sie ist bei der Familie meines Bruders.“

Um die Zeit gut zu nutzen, biete sie den Jugendlichen in der Notunterkunft täglich drei Stunden Unterricht an. Die 49 Schüler und Schülerinnen habe sie in drei Gruppen aufgeteilt: die Vorschulkinder im Alter von drei bis sechs Jahren, die Grundschüler im Alter von sechs bis zehn Jahren und die fortgeschrittenen Schüler im Alter von zehn bis 13 Jahren. Für die älteren Schüler – auch für ihre Söhne – werde Online-Unterricht angeboten.

Gelernt wird in einem großen Raum, in dem die drei Gruppen verteilt sitzen. Entsprechend der Altersstufe mache sie mit allen Schülern das Gleiche: arabische Sprache, englische Sprache und Mathematik. Sie bereite Arbeitsbögen mit Fragen vor, die von den Schülern beantwortet werden müssten. Die Bögen würden von ihr korrigiert und manchmal gebe es Prüfungen.

Die Familie der Lehrerin Ghazal mit der Autorin – © Privat

„Die Kinder haben viele Probleme“, berichtet die Lehrerin. „Jedes einzelne Kind hat viel, manche haben alles verloren. Ihr Zuhause, beide Eltern oder einen Elternteil, Geschwister.“ Das treffe besonders auf die Kinder zu, die aus dem Südlibanon geflohen seien. Manche seien mit Onkel oder Tante oder mit Großeltern gekommen. Ein, zwei Mal die Woche käme eine Psychologin mit einem Kinderarzt, die mit den Kindern sprechen und sie untersuchen würden. „Wir alle sind traurig“, sagt sie auf die Frage, wie sie persönlich das Leid, von dem sie erfahre, verarbeiten könne. Für die Kinder sei es furchtbar, manche würden nicht mehr sprechen, nicht mehr essen, isolierten sich von den anderen, würden krank.

Auch für sie persönlich, für ihren Mann und die Söhne sei es schwer. Besonders der ältere, Hadi, sei sehr traurig und leide unter der Situation. „Für Mehdi, den Jüngeren, ist es anders. Er findet immer etwas, wofür er sich begeistern kann, er hat ein fröhliches Gemüt.“ Doch „auch wenn wir lachen, wir alle sind sehr traurig. Es ist schwer, nicht zu Hause sein zu können.“ Sie selbst sehe jeden Morgen in den Spiegel und sage zu sich: „Lächele!“ Und den gleichen Rat gebe sie ihren Söhnen und ihren Schülern jeden Tag mit auf den Weg: „Nimm Deinen Stift, ein Blatt Papier und lächele!“

Helfen steht an erster Stelle

Der Schulleiter ist gekommen und möchte die Autorin sehen, die in seiner Schule Recherchen über die Vertriebenen anstellt. Er könne zwar einer ausländischen Journalistin kein Interview geben, da ihm die Genehmigung des libanesischen Schulministeriums fehle, seines Arbeitgebers. Doch gegen ein Gespräch habe er nichts einzuwenden, möchte nur namentlich nicht genannt werden. Dann wird starker Kaffee eingeschenkt.

Die Libanesen seien ein geduldiges Volk, sagt der Schulleiter, der auch Lehrer der Physik ist. Es gäbe verschiedene Parteien, doch wenn es um Libanon gehe und um die Vertriebenen, stehe „Helfen immer an erster Stelle“. Die meisten seien im Laufe ihres Lebens schon einmal von israelischen Truppen vertrieben worden, auch Beissour wollten die Israelis 1982 einnehmen, doch sie alle – Drusen und Christen – haben sich ihnen entgegengestellt. Aktuell sei die Lage im Libanon schwierig, weil es enormen Druck von außen gäbe. „Wir sind mit starker Einmischung konfrontiert, aus politischem Interesse.“ Die ausländischen Kräfte, die sich einmischten, suchten sich jedes Mal wieder Führer innerhalb des Landes, die sie für ihre Interessen nutzen könnten, fügt er hinzu: „Führer von Familien, von Unternehmen, von Religionen, von Parteien.“ Die würden dann mit Macht und Geld unterstützt.

Die Libanesen, die Bevölkerung allgemein hätten damit nichts zu tun, seufzt er. Sie seien diejenigen, die den Preis bezahlen müssten. Auf die Frage, welches das größte Problem für den Libanon sei, die Religion oder die ausländische Einmischung, sagt der Schulleiter nach einer kurzen Denkpause: „Israel ist unser zentrales Problem. Seit meiner Kindheit ist Israel hier viele Male einmarschiert, und mit jedem Mal ist die Einmischung und sind die Probleme im Libanon größer geworden. Ich sage dazu nur eins: Wer mein Land besetzt, ist mein Feind.“

Titelbild: “Verteilung von Hilfsgütern an Inlandsvertriebene in Tyros” © Karin Leukefeld

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (9)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil sowie den achten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit

Ich bin Jahrgang 1941. Wir wohnten in einem damals kleinen Ort in der Nähe von Hanau. Als dieser im März 1944 in 20 Minuten dem Erdboden gleichgemacht wurde, stand meine Mutter mit mir vor dem Hoftor. Es zog ein endloser Zug von ausgebombten Menschen mit rußgeschwärzten, stumpfen Gesichtern an uns vorbei. Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war es irgendwie unwirklich dunkel.

Gut in Erinnerung sind mir auch die ständigen Fliegeralarme und die Zeit im Luftschutzkeller. Das sind so die einzigen direkten Erinnerungen an den Krieg.

Die Nachkriegszeit dagegen werde ich nie vergessen. Mein Opa war Spengler und er hatte ein Paar Tafeln Weißblech über den Krieg gerettet. Daraus stellte er Dosen her, die meine Mutter und meine Tante bei den Bauern für ein Paar Zwiebeln und Kartoffel eintauschten. Ich musste da immer mit. Mit einem kleinen Jungen im Schlepptau sprang auch mal ein Becher Milch für mich heraus.

Gut erinnern kann ich mich noch an den Hungerwinter 46/47. Wie gesagt, wir wohnten in der Nähe von Hanau, wo es sehr viele Kasernen der Amis gab. Die Amis kippten dann ihr überschüssiges Essen in den Wald oder in Bombentrichter. Da sah ich dann Menschen, die noch weniger als wir hatten, die Essensreste wieder herausholen. Nachdem sie die Ratten verscheucht hatten! Diese Bilder vergisst man nie.

Ein amerikanischer Soldat schenkte mir einmal eine Banane. Ich hielt das Ding für eine Gurke und biss hinein. Der Ami konnte sich nicht einkriegen vor Lachen. Es war meine erste Banane, die ich im Leben sah und wusste ja nicht, dass man die schälen musste.

Verständnislos sehe ich, wie leichtfertig heute mit Lebensmitteln umgegangen wird. Wenn man satt ist, ab in den Mülleimer. Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit. Während ich diese Zeilen schreibe, erfüllt mich ein unbändiger Zorn auf all diese Wadephuls, Strack- Zimmermann, Kiesewetter, Pistorius, Hofreiter und wie diese verantwortungslosen Kriegshetzer alle heißen, die nicht die geringste Ahnung haben von dem, was sie anrichten.

Manfred Bareiter


Er zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg

Vielen Dank an die NachDenkSeiten-Redaktion für Ihren Aufruf! 

Geldanbetung oder Anbetung der Liebe?

Mein Großvater, geboren 1899, überlebte als Sanitäter den Zweiten Weltkrieg körperlich unversehrt. Doch er wurde durch den Anblick der vielen Toten, Verstümmelten und oft nicht zu rettenden Männer traumatisiert. Bis ins hohe Alter erzählte er mit Schmerz in der Stimme die Geschichten und zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg. Meine Mutter, geboren 1934, sagt immer wieder: „Der Vater, der in den Krieg ging, war ein anderer als der zurückkam.“ Sie selbst erlitt ein Trauma unter dem seelischen Vaterverlust. Und noch ich, geboren 1962, litt unter diesen Verhältnissen. 

Wem nützen diese Kriege außer denen, die sehr viel Geld daran verdienen? Der Geldanbetung können wir nur die Anbetung der Liebe entgegensetzen, sage ich als Christ.

Uwe Friedemann


In dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben

Im Anhang meine Erinnerungen!

Meine Erinnerungen an den Krieg

Ich bin Jahrgang 1948 und damit vom direkten Krieg verschont worden. Mein Vater wurde 1940 einberufen und war zunächst in Frankreich und 1942 im Kaukasus in Russland eingesetzt. Er erzählte nicht viel vom Krieg, immer nur relativ harmlose Sachen: Die Soldaten waren während des Einmarschierens immer wieder eingeschlafen, wurden aber von den Mitmarschierenden weitergeschoben. Von Russland erzählte er immer nur vom ironisch genannten „Gefrierfleischorden“, den sie erhalten haben.

Erst nachdem unsere Eltern 1964 bzw. 1971 gestorben waren, fanden wir unter den Unterlagen die während Krieges zwischen meinen Eltern geführte regelmäßige Korrespondenz, soweit dies während des Krieges möglich war. Wir, meine ältere Schwester und ich, hatten vorher Hemmungen, die Eltern weiter über den Krieg zu befragen, weil wir noch jung waren und spürten, dass sie darüber fast nicht reden konnten.

Mein Vater hatte sich vor dem Krieg mit etwa 8 Burschen zusammengefunden und eine gemeinsame Hütte im Schwarzwald gemietet. Diese schrieben sich gegenseitig Briefe von ihren Kriegseinsätzen in Russland und Frankreich und sie wurden untereinander weitergereicht.

Aus diesen beiden Brief-Serien konnten wir viele Details erfahren. Darunter fanden wir dann auch ein sehr kleines Foto eines Schlachtfelds mit unzähligen Toten und zerfetzten herumliegenden Leichenteilen. Genaueres konnten wir nicht darüber erfahren.

An die ersten Jahre kann ich mich nicht erinnern, von meiner Mutter erfuhr ich aber, dass sie mich vermutlich ohne die Care-Pakete nicht durchgebracht hätte. Auch alle meine weiteren fünf Onkels sowie der Mann meiner Tante waren im Krieg gewesen.

Im Laufe meiner frühen Kindheit habe ich mitbekommen, dass ein Bruder meiner Mutter im Krieg gefallen und ein Bruder meines Vaters vermisst war. Dessen Frau mit zwei Töchtern sah sich dann nach Jahren vergeblichen Hoffens gezwungen, auch wegen der beiden Mädchen und der notwendigen Hinterbliebenen-Rente, ihn für tot erklären zu lassen.

Meine Eltern heirateten 1942 während eines Heimaturlaubs meines Vaters. Sie fanden dann eine erste Wohnung mit zwei Zimmern, die meine Mutter während des Kriegs allein bewohnte, aber auch ihre Eltern in der Altstadt oft besuchte.

Diese erste Wohnung war nach dem Angriff und dem Kriegsende ihr Glück. Von sechs Kriegsteilnehmern aus der engeren Familie kamen lediglich vier zurück. Sie waren froh, dass sie nach und nach fürs Erste dort ein Dach über dem Kopf hatten. So wohnte dort der größte Teil der Familie: Mein Vater, meine Mutter, meine Tante und ihr Mann, der Bruder meiner Mutter und seine Frau, drei Kinder Jahrgang 1944, 1946, zwei Jahrgang 1948.

Auf meine Heimatstadt Freiburg erfolgte am 27.11.1944 abends der große Angriff der Royal Air Force mit Zerstörung der gesamten Altstadt, nur das Münster blieb stehen. 2.800 Menschen wurden getötet, 4.200 verletzt und 11.000 obdachlos.

Meine Großeltern mit ihren vier Kindern wohnten in der Altstadt zur Miete. Bei diesem Angriff wurde das vierstöckige Haus vollständig zerstört, es war nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante mit ihrem 10 Monate alten Kind kamen im Luftschutzkeller mit dem Leben davon.

Der Großvater arbeitete bei der Post nicht weit von der Altstadt. Das Postgebäude erhielt einen Volltreffer und war ebenfalls zerstört. Das Personal flüchtete in den Luftschutzkeller, ihm schlug durch die Wucht des Treffers eine Eisentür gegen den Kopf. Er überlebte kurzzeitig. Die Familie wusste nichts über ihn und suchte zu Fuß – es fuhr keine Straßenbahn mehr – nach ihm. Sie fanden ihn nach mehreren falschen Adressen in unterschiedlichen Stadtteilen in einer Klinik. Dort starb er nach fünf Tagen und wurde in einem Massengrab mit fast 3.000 Toten begraben.

Die Familie hoffte zunächst, bei einer älteren Tante unterzukommen. Diese Wohnung war aber so winzig, dass nicht zusätzlich drei weitere Personen mit Kind dort bleiben konnten. Sie wussten nicht weiter und beschlossen, zum Bruder meiner Großmutter in Loßburg (ca. 75 km) zu gehen. Sie schleppten sich mit Kind im Kinderwagen, wobei sie immer wieder von Tieffliegern bedroht wurden.

Im Schwarzwald kam der Schnee dazu, zwischendurch ruhten sie sich in Scheunen aus. Sie schafften es schließlich im tiefen Schnee nur bis zu einem Bauernhof (ca. 30 km) in Waldau. Sie hatten Glück und die Bäuerin nahm sie sofort auf, der Bauer war auch im Krieg. Meine Mutter half auf dem Bauernhof und lernte dort melken. Aus dieser Begegnung ergab sich eine lange Freundschaft und meine Tante zog viel später aus Freiburg ins Altenteil des Hofs wegen ihrer Tochter, die schwer Asthma hatte.

Längere Zeit nach Kriegsende wurden den beiden anderen Ehepaaren je eine Notwohnung zugewiesen.

Als ich ca. 4 Jahr alt war, ist meine Familie in ein ursprünglich schönes Haus in der Altstadt gezogen, von dem der erste Stock stehen geblieben und das dann wiederaufgebaut worden war. An eigener Erinnerung weiß ich nur noch, dass ich (ca. 8 Jahre alt) nach einem Ausflug nach Basel völlig verwundert über die schönen, mehrstöckigen, sehr gepflegten Häuser war. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben, ich habe mir nichts anderes vorstellen können.

Außerdem weiß ich noch, ich war ein schüchternes Kind, das nicht viel sprach, aber zuhörte. Als ich ca. 4 Jahre alt war, erzählte eine Verwandte meiner Mutter von einem Bombentreffer, bei dem die Bewohner in den Keller geflüchtet waren und dort verschüttet und verbrannt wurden. Da konnte niemand lebendig herausgeholt werden.

Dieses „nur Zuhören und Aufnehmen“ führte dazu, dass ich, als ich schon eigene Kinder hatte, schweißgebadet aufwachte, weil ich träumte, dass in unserem zweistöckigen Keller alles verschüttet und verbrannt war und meine ca. 8/9-jährigen Kinder drin gerettet werden mussten.

Dann weiß ich noch, dass unsere Eltern uns (8 /10 Jahre) morgens vorsichtig über den plötzlichen Tod meines anderen Großvaters informierten. Trotz meiner Zuneigung zu ihm war mein erster Gedanke Erleichterung und „Gott sei Dank kein Krieg“!

Und wir müssen weiterhin darum kämpfen, dass gilt: Nie wieder Krieg!

Waltraud Faaß


Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Die Anregung der NachDenkSeiten, seine Kriegserinnerungen der Redaktion mitzuteilen, löste in mir eine starke Reaktion aus, der ich mich nicht entziehen konnte:

Geboren wurde ich im April 1941. Drei Monate später war mein Vater in Russland gefallen, ganz offiziell ein Held und ich ein Halbwaise. Meine Mutter, seine Frau, war im Alter von 27 Jahren Witwe mit drei kleinen Kindern. Das war zwar für die Betroffenen und die persönliche Umgebung sehr tragisch, aber normal in den vorherrschenden Kriegszeiten, deren massive Verwerfungen erst noch kommen sollten.

Meine ersten Erinnerungen als Kleinkind beziehen sich auf Flugzeuggeschwader am Himmel, die über uns hinweg gen Osten flogen. Sie beziehen sich auf Lametta, mit dem wir Kinder spielten, und Fliegeralarm mit Sirenen, wie sie heute noch heulen und uns in den dunklen, feuchten Keller trieben.

Besonders deutlich in Erinnerung habe ich, wie meine Mutter mich auf den Arm nahm und mir die Silhouette der etwa 70 Kilometer entfernt brennenden Stadt Hamburg zeigte. Es war ein einziges Feuerwerk. Das muss nicht stimmen, ich habe aber diese Erinnerung. Als mit Kriegsende britische Soldaten in unser Haus kamen, reagierten meine Mutter und ihre Schwester vor lauter Angst hysterisch. Sie wussten nicht, was sie erwartete. Die Soldaten gingen, wie sie gekommen waren.

Auf einer Wiese gegenüber unserem Haus standen dicht gedrängt gefangene deutsche Soldaten. Setzen oder sich bewegen konnten sie sich nicht.

Flüchtlingstrecks fuhren durch den Ort. Einmal sah ich, wie sich zwei Frauen heftig um ein Pferd stritten.

Einige der Flüchtlinge wurde bei uns einquartiert. Die Einquartierung verlief friedlich. Es kam vor, dass sich durch den Kontakt jahrelange Freundschaften entwickelten.

Heimkehrende Soldaten mit zum Teil schwersten Verletzungen und Amputationen wurden für Jahre zum täglichen Bild. Der Staat reduzierte sich auf das Wenigste. Die Verzweiflung, der Hunger, die Not, das Elend waren allgegenwärtig.

Der Winter 1946/47 war bitterkalt. In dem Raum, in dem wir schliefen, fehlte in einem Fenster das Glas. Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Das Jahr 1947 war für mich das Steckrübenjahr. Heute weiß ich, dass die Historiker es 1917 zuordnen. Da haben wohl fast alle nichts weiter als Steckrüben gegessen.

Im Frühjahr des gleichen Jahres wurde ich eingeschult. Es begann eine vierjährige Leidenszeit. Jeder Tag Schule war eine einzige Qual. So empfinde ich es noch heute.

In der ersten Klasse waren wir nach meiner Erinnerung 80 Schüler und Schülerinnen (Die Zahl muss nicht stimmen. Viele, zu viele waren es auf jeden Fall). Ich war mit der Jüngste. Es herrschte das Recht des Stärkeren und ich wurde häufig geschlagen, von den Mitschülern, aber auch von den Lehrern. Von den Lehrern noch am meisten. Ein Lehrer hieß „Otto“. Auch den Namen habe ich nicht vergessen. Dieser Lehrer verhaute mich mehrfach mit dem Stock auf dem Po vor versammelter Klasse. Eine Demütigung.

Nach der vierten Klasse blieb ich sitzen. Eine Katastrophe und gleichzeitig ein Glück. Mein Schulleben normalisiert sich. Aus dem Stand war ich der beste Schüler in der Klasse. Wir waren arm, sehr arm. Meine Mutter hatte keinen erlernten Beruf. Sie würde ja doch heiraten, hieß es. Sie musste Hilfsarbeiten in einer Großküche verrichten. Das reichte gerade zum Überleben.

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Frage, wie heute üblich, „Was möchtest Du essen?“ kam nicht vor. Alte Pullover wurden aufgeribbelt und zu Strümpfen gestrickt. Ich hatte eine Lederhose. Die trug ich mehrere Jahre im Sommer wie im Winter.

Mit dem Land ging es langsam bergauf. Wir blieben arm. Im Jahre 1959 löste sich meine Familie auf. Ich war auf mich allein gestellt.

Beim Militär lernte ich den Umgang mit Waffen und was für ein Mordinstrument schon eine ganz normale Pistole sein kann. Gleichwohl, trotz aller politischen Spannungen zwischen Ost und West, herrschte Frieden in Deutschland über Jahrzehnte hinweg und ich konnte meinen Weg gehen.

Heute stehen wir wieder vor einem großen Krieg. Deutschland ist vereint und dabei, die größte konventionelle Armee Europas aufzubauen.

Diese Armee braucht einen Feind und hat ihn gefunden. An Frieden denkt von den politischen Verantwortlichen in Deutschland niemand. Die nächste Katastrophe wird vorbereitet. Überstehen werden wir sie nicht.

Dr.-Ing.
Joachim Metz


Hier können Sie den zehnten Teil, hier den elften Teil und hier den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (7)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, sowie den sechsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Der kleine Teddy

Kurz vor Kriegsende war ich 2 Jahre alt. Ich besaß einen sehr kleinen (Steif-) Teddy, den mir mein Vater geschenkt hatte. Der Teddy sah etwas ramponiert aus, aber ich liebte ihn trotzdem sehr, teilte jede Nacht das Bett mit ihm, indem ich ihn mit auf mein Kopfkissen legte.

Jahre später erzählte mein Vater mir seine Geschichte: Wir wohnten in Freital, einem Ort unmittelbar an der Dresdener Stadtgrenze. Einen Tag nach den Bombardierungen von Dresden im Februar 45 fuhr mein Vater mit dem Fahrrad nach Dresden, um herauszufinden, was mit seiner Schwester, sie wohnte mit ihrem Mann im Zentrum Nähe Altmarkt, passiert sei. Er fand nur rauchende Trümmerberge vor, ein Vordringen zum Standort des Hauses war nicht möglich. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Auf der Rückfahrt wurde mein Vater durch herabstürzende Gebäudetrümmer verletzt. Dabei fand er auf der Straße den kleinen Teddy.

Ich fragte meinen Vater, wem denn der Teddy gehört habe. Er wusste es natürlich nicht, meinte aber, möglicherweise wäre das Kind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.

Ich verstand das nicht und fragte nach dem Warum.

Eine weitere Schwester meines Vaters, wohnhaft in einem Dresdener Außenbezirk, überlebte die Bombardierung in einem Luftschutzkeller, wurde aber völlig ausgebombt. Ihr Sohn, 17-jährig, starb als Soldat wenige Wochen vor Kriegsende in Griechenland den „Heldentod“ für Führer, Volk und Vaterland. Ihr Mann kehrte nicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Den kleinen Teddy gab ich später an einen meiner Söhne weiter. Alle diese Kindheitserinnerungen haben sich fest und unauslöschbar in mein Gedächtnis eingeprägt. Und bestärkten meine antimilitaristische Haltung.

Anmerkung: Mein Sohn sagt immer, ich solle diese alternativen Medien wie z.B. die NDS nicht lesen. Sie würden mich zu sehr aufregen. Nein, entgegne ich ihm, sie sind ein Trost für mich, dass ich mich mit meiner Meinung nicht allein fühle.

Hans Sarfert


„Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?“

Ich bin 1954 geboren und die ersten Jahre bei meinen Großeltern in Frankfurt/M. aufgewachsen. Mein geliebter Opa war nicht mein leiblicher Großvater, der ist 1941 in Russland geblieben. Meine Oma war nach dem Krieg eine neue Partnerschaft eingegangen. Meine Mutter, 1931 geboren, hat den Verlust ihres Vaters nie überwunden und das Idealbild eines Mannes verinnerlicht, dem kein lebender Mann, weder mein Vater noch mein Bruder entsprechen konnten.

Entsprechend skeptisch war sie gegenüber dem Lebensgefährten ihrer Mutter, einem, der sich vor der Wehrmacht gedrückt hatte. Mein Opa hatte es tatsächlich geschafft, nicht eingezogen zu werden, nicht aus Feigheit, was meine Mutter immer unterstellte, sondern aus politischem Bewusstsein. Opa war Kommunist.

Jahrzehnte später unterhielten sich meine Eltern mit meinen Großeltern und meine Mutter griff verbal meinen Opa an: Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?

Mein Opa stand daraufhin auf und verließ ohne Erklärung den Raum. Erst kurz vor seinem Tod teilte er mit mir die sehr schmerzliche Erinnerung, während der Nazizeit einer Widerstandsgruppe angehört zu haben, die Juden versteckte. Er war dort in die Versorgung der Versteckten mit eingebunden. Die Juden wurden entdeckt und sein Genosse, der sie versteckt hatte, kam ins KZ. Tatsächlich überlebten Frankfurter Juden nicht.

Für mich war mein Opa ein Held, für seine Zeitgenossen ein verachtungswürdiger Feigling.

Grit Reichert


Wir kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Großen an uns vorbeimarschierten

KRIEGS-TÜCHTIG manipuliert wurde die Jugend auch damals.

Als Kriegskind, geboren im September 1938, habe ich die „Operation Gomorrha“ mit den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg im Juli 1943 überlebt, weil wir kurz vorher zu bäuerlichen Verwandten in die Lüneburger Heide gebracht wurden. Auch unsere Wohnung in HH-Barmbek wurde durch die Bomben zerstört, und binnen weniger Tage wurden 40.000 Menschen im Feuersturm getötet.

Unsere tatkräftige Mutter organisierte dann im waldreichen Norden Hamburgs ein Behelfsheim für uns, während der Vater als Kapitän im Kriegseinsatz in Norwegen war.

Bei uns in der Nähe war das Jugendheim, in dem die gut organisierte Partei die Jugend mit Geländespielen und Gesang auf den Einsatz im Zweiten Weltkrieg vorbereitete – irgendwo an den vielen Fronten, über die lautstark jeden Tag in den Rundfunk-Sondermeldungen berichtet wurde.

Wir noch kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Großen an uns vorbeimarschierten in ihren schicken HJ-Uniformen und mit Gesängen und Spielen kriegstüchtig gemacht wurden, damit sie bereit waren zu sterben im Kampf für das Vaterland.

Die Manipulation der Jugend war perfekt – aber mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 war auch unser kindlicher Traum vom Dabeisein beendet.

Meine Mutter brach in Tränen aus wegen des verlorenen Krieges.

„Nie wieder Krieg“ war in den Jahrzehnten danach unser aller Ziel. Niemals hätten wir es für möglich gehalten, dass 80 Jahre später „Kriegstüchtigkeit“ und „Russenhass“ bei manchen verblendeten Politikern und deren Medien zum wichtigsten „Deutschen Wert“ erhoben wird und sogar die Jugend wieder einbezogen wird mit dem Ziel der „Kriegs-Tüchtigkeit.

Die Methoden von damals sind wieder da – allerdings ist die Art der Manipulation
noch „verbessert“ worden – eine erschreckende Entwicklung, die dringend beendet werden muss.

Peter Främke


Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen

Ich war 6 Jahre alt, als jede Nacht die Sirenen erklangen und wir aus dem 4. Stock in der Uhlandstraße in Berlin in den Keller laufen mussten, wo dann die Leute auf Stühlen an der Wand entlang saßen. Es war Juli 1942, als unsere liebe Vermieterin Clara Arnheim abgeholt wurde, weil sie Jüdin war. Sie starb in Theresienstadt. Ich habe eine Reihe Fischerbilder von Hiddensee, die ich sehr liebe. Meine Mutter wurde dann als Lehrerin nach Stentsch im Kreis Züllichau versetzt. Im Januar 1945 kam mein Vater, weil die Russen schon nahten. Er holte uns nach Berlin zu meiner Großmutter in Lichtenrade. Es gab noch immer Sirenenalarm.

Im April 1945 sind wir mit Mutti und meinen drei Schwestern, die Jüngste im Kinderwagen, in die Rhön geflohen, wo wir eine Jagdhütte am Waldrand bewohnen durften. Am 20. April überflogen die Amerikaner das Dorf und bombardierten einen Jeep mit Deutschen auf dem Feld, eine Bombe fiel 100 m neben der Hütte, ein Splitter fuhr direkt durch das Haus und Mutti kippte die Erbsensuppe über das Feuer aus dem Herd. Unten im Dorf brannte eine Scheune.

Kurz danach waren wir auf Pilzsuche im Wald und ein deutscher Soldat in Uniform fragte nach meiner Mutter. Sie besorgte ihm getragene Kleidung aus dem Dorf. Das waren wohl die letzten Kämpfe in der Rhön.

Ich erinnere mich an den ersten Laster mit amerikanischen Soldaten, der ins Dorf einfuhr, und jemand hatte mir beigebracht zu sagen „Chocolate please”, es funktionierte aber nur einmal. Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen mit Glockenblumenröckchen in Streichholzschachteln und kannten bald die Standorte der Pilze und Blaubeeren. Beim Basaltsteinbruch am Gangolfsberg gab es sogar Walderdbeeren und Steinpilze am Waldrand.

Beate Kik


Ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen

Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Mainfranken in der Nähe von Coburg, während der Evakuierung der Bevölkerung im saarpfälzischen Grenzgebiet (Westwall). So auch meine Familie. Aufgewachsen bin ich, nach der Rückkehr, in einem kleinen Dorf in der Westpfalz, also nahe der Grenze zu Frankreich.

Mein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg, in dem zwei seiner Brüder „gefallen“ sind. Er hat nie darüber gesprochen, jedenfalls nicht mit mir – ich habe ihn auch nie dazu animiert, obwohl ich im Schüleralter fast regelmäßig seine kleine Kriegsrente von der Post abholen durfte. Er musste auch nicht als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Dafür mussten drei seiner Söhne in den Krieg, die alle am Ende überlebten und nur einer in Gefangenschaft war.

Der älteste meiner Brüder (Jahrgang 1920) war mit Rommel in Afrika und danach in Italien. Im Februar 1945 bekam er überraschenderweise Heimaturlaub, den er nicht beendete. Er sagte sinngemäß: Ich bleibe hier. Sollen sie mich doch an die Wand stellen. Wenn ich zurückgehe, sterbe ich auch.

Der Zweitälteste (Jahrgang 1923) war ohne sein Zutun Mitglied der Waffen-SS und Panzerkommandant und musste miterleben, wie die Besatzung seines Panzers zerfetzt wurde. Er wurde verletzt und entkam so dem Wahnsinn Stalingrad. Zwischendurch hatte er Lungentuberkulose (offiziell war er wegen einer einfachen Erkältung im Lazarett – bei der SS gab es keine Tbc). Ein Nachbar, SPD-Mitglied, hatte ihm nach dem Krieg wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS angeboten, ihm den „Persilschein“ zu besorgen, wenn er Mitglied der SPD werde. Was er nicht tat und kurze Zeit untertauchte. Die Tbc-Geschichte hatte ein befreundeter Arzt in den 1950er-Jahren festgestellt, und die hat sich in seinem späteren Leben von Zeit zu Zeit bemerkbar gemacht. Im hohen Alter hing er am Sauerstoffgerät. Auch er bekam eine kleine Kriegsrente.

Der Dritte (Jahrgang 1925) wurde aus seiner Ausbildung als Flugzeugmotorenschlosser zum Krieg eingezogen und war aufgrund dieser Ausbildung beim Bodenpersonal und nicht an der Front. Doch er kam in amerikanische Gefangenschaft und nach mehreren Monaten ausgehungert nach Hause.

Die drei Brüder waren nach dem Krieg für mich fremde erwachsene Menschen, später dazugekommene Familienmitglieder, mit einem Sonderstatus. In dem Krieg sind drei Cousins von mir „gefallen“.

Im Jahr 1945 waren in unserem Dorf Soldaten der Wehrmacht einquartiert. Auch in unserer Wohnung war ein Soldat. In seiner Freizeit machte er Zigarren. An einem sonnigen Morgen im März sagte er zu meiner Mutter. „Mutti, heute kommen sie. Heute ist Flugwetter.“ Ich sehe ihn heute noch, wie er vor der Haustür stand, sich rasierte und dabei immer zum Himmel schaute. Danach sang er in Endlosschleife das Lied „Das Schicksal wird keinen verschonen.“ Gegen Mittag kamen die Flugzeuge und es fielen Schüsse und Bomben. Am Rande des Wäldchens nahe unserem Dorf war eine FLAK (Fliegerabwehrkanone) stationiert. In unserer Nachbarschaft war eine Streuobstwiese, und da waren Schützengräben ausgehoben. Ich rannte dahin, doch die Gräben waren von Soldaten belegt. Dann lief ich zurück zu dem dazugehörigen Gebäude, durch den Stall, in dem Pferde standen, die allerdings sehr in Bewegung waren. Ich wundere mich heute noch, dass ich da heil durchgekommen bin. Auf der anderen Seite des Gebäudes war ebenfalls ein Schützengraben. Da fand ich meine Mutter mit meinem älteren Bruder und meiner Schwester. Als die Kampfhandlungen nachließen, kam mein Vater über den Hügel, der im Nachbardorf in einer Schuhfabrik gearbeitet hat. Er sah, dass unser Haus (Wohnhaus mit Scheune und Stall) beschädigt war, und er wusste, dass in der Scheune ein Kleinlastwagen mit Gasflaschen stand. Dann entdeckte er uns im Schützengraben, und ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen.

Bei diesen Kampfhandlungen sind an diesem Tag fünf Soldaten „gefallen“. Einer davon war unser Zigarrenmacher. Auch ein junges Mädchen wurde erschossen, das mit ihrem kleinen Bruder im Kinderwagen unterwegs war. Im Dorf waren einige Häuser beschädigt und zwei waren total zerstört.

Die Westpfalz und der Pfälzer Wald sind wie Schweizer Käse: Fast jeder zweite Berg ist hohl – schon zum Zweiten Weltkrieg. Kurz nach dem Ortsausgang unseres Dorfes ist auch so ein Bunker, der im Krieg als Behelfslazarett gedacht war. In diesem Bunker wurde dann das ganze Dorf untergebracht. Und da lebten wir bis zum Kriegsende.

Unser Haus stand neben dem Schulgebäude, das die US-Soldaten als Geschäftsstelle nutzten. So konnten wir beobachten, wie die Amis auf dem Schulhof die Lehrmaterialien, Bücher und Landkarten verbrannten. Wie immer und überall: Die Sieger zerstören die Kultur der Besiegten.

K.-H. Butz


Er kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln

Liebes Team der NachDenkSeiten,

Ich selbst bin erst in den 60ern geboren. Mein Vater war einer derjenigen, die die Jugend verloren hatten. Er erzählte nicht viel vom Krieg, er wollte das hinter sich lassen. Dennoch glaube ich, ist das Wenige dennoch wert, im Bewusstsein zu bleiben.

Mein Vater ist 1928 geboren und wuchs bei seiner Oma in ärmlichen Verhältnissen auf. Aufgrund seiner guten Noten durfte er ein Gymnasium besuchen, das auch ein Internat war. Er träumte davon, Arzt oder Diplomat zu werden. 1944 wurde er mit den anderen Schülern eingezogen. Es ging als Kanonenfutter Richtung Osten. Er hatte Glück im Unglück, denn der Feldwebel, der den Zug kommandierte, achtete auf seine Schützlinge und versuchte, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Er wusste, dass der Krieg verloren war, und leitete sie möglichst von den Gefechten weg. Dennoch verloren sie Kameraden.

Er kam in Gefangenschaft. Nahrung war knapp. Er bekam Ruhr und kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln. Das half, den Durchfall zu lindern, und rette wohl sein Leben. Eines Tages mussten sie antreten und es wurden Gefangene ausgewählt, die auf einen Lkw sollten. Mein Vater wusste ebenso wenig wie die anderen, ob die Ausgewählten etwas Positives oder der Tod erwartete. Er machte das blödeste Gesicht, das ihm möglich war, wurde ausgewählt und nach dem Transport bald freigelassen.

Ob das vor oder nach seiner Gefangenschaft war, weiß ich nicht, aber er erzählte einmal, dass er völlig ausgezehrt unterwegs war, als er eine weggeworfene Konservendose fand. Darin befand sich ein Rest angegammelter Nahrung. Er schlang das Festmahl mit Heißhunger hinunter.

Nachdem er freigelassen wurde, schlug er sich nach Westen durch und landete schließlich auf einem Bauernhof, auf dem er gegen Essen arbeiten durfte. Später kam er nochmals an seine alte Schule, die noch stand, und wollte seine Geige abholen. Das war das einzig Wertvolle, was er besessen hatte. Natürlich hatte sie schon ein anderer mitgenommen.

Wenn ich sehe, mit welchen Schein- und Luxusproblemen sich manche Jugendliche heute beschäftigen, denke ich, wie glücklich sie doch eigentlich sein müssten. Aber sie können ihr Glück nicht erkennen, weil sie keine Vorstellung von richtiger Not haben.

Meine Mutter war vor allem bei Kriegsende betroffen. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem Dorf im Erzgebirge, das damals zu Tschechien gehörte. Meine Mutter war 10 Jahre alt, als bei Kriegsende marodierende tschechische Banden in die deutschen Siedlungen einfielen und die Deutschen ohne Vorwarnung aus dem Haus jagten und vertrieben. Es gab in der Gegend einen Deutschen, der den sogenannten „Partisanen“ zeigte, wo andere Deutsche wohnten. Ob der Verräter dadurch selbst seiner Vertreibung oder Schlimmerem entging, weiß niemand.

Ihre Eltern hatten so etwas geahnt und ein paar wertvolle Sachen bei einem tschechischen Bauern versteckt, aber als sie sie dann mitnehmen wollten, behauptete dieser, es wäre nichts mehr da.

So kamen sie mit kaum mehr als der Kleidung auf dem Leib in einem Auffanglager in Hessen an. Im Grundbuch steht noch heute der Name ihrer Eltern als Eigentümer. Der Vater wollte nach dem Krieg keine Entschädigung annehmen, weil er davon ausging, dass er irgendwann wieder sein Haus und Hof zurückbekommen könnte. Jedoch starb er kurz nach meiner Geburt an Lungenkrebs. Er war Raucher und hatte im Krieg Zigarettenstummel aufgesammelt und die Reste zu neuen gerollt. Vielleicht hat das den Krebs begünstigt.

Vielleicht finden Sie diese Erlebnisse erwähnenswert.

Besten Gruß
Rainer Leutert


Hier können Sie den achten Teil und hier den neunten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (6)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil sowie den fünften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Das könnte mein Onkel aus Amerika sein …“

Sehr geehrtes Team von den NDS, es sind zwar keine spektakulären Erinnerungen, aber ich denke, dass sie Hoffnung geben, und das ist das Wichtigste.

Mit freundlichen Grüßen.

Kriegserinnerungen

Ich bin im Jahr 1936 geboren und habe den Krieg, wie die meisten Älteren, als Kind mitgemacht. Rückblickend kann ich sagen, dass ich trotz Bombennächten in Stuttgart und nächtlichem Aufenthalt in Schutzräumen nie wirklich Angst empfand. Als Kind fühlt man sich im Schutz der Mutter geborgen (der Vater war im Krieg) und im Schutz der Menschen, die einen in die Schutzräume geleiteten oder mit welchen man zusammen dort saß, um auf den Sirenenton zu warten, der Entwarnung gab. Als Kind hat man ein natürliches Vertrauen zum Leben. Wichtig ist nur die Umgebung und die liebevolle Zuwendung.

Wie anders dagegen habe ich meine Mutter in Erinnerung. Meine Schwester noch ein Baby, mein Bruder und ich kleine Kinder. Welche Verantwortung lastete auf ihr. Wenn das Haus getroffen wird, werden die Kinder vielleicht verletzt oder sie selbst und die Kinder dann hilflos. Geht man am besten gar nicht in den Keller, wie es manche gemacht haben, dann ist alles schnell vorbei und man steht nicht vor unlösbaren Aufgaben.

Ab 1943 wurden die meisten Kinder aus Großstädten aufs Land zu Verwandten gebracht, oder ganze Kindergärten wurden evakuiert und fanden Unterkunft in Kirchengemeinden auf dem Land. Meine Mutter fand damals ein kleines Häuschen in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, das leer stand. Der Hausherr war als Soldat im Krieg und Frau und Kind auf den Bauernhof zur Mutter gezogen. Bis Kriegsende hat man auf dem Land vom Kriegsgeschehen nicht viel mitbekommen, außer, wenn nahe Verwandte zum Kriegsdienst eingezogen wurden, verwundet nach Hause kamen, in Gefangenschaft, vermisst oder gar nicht mehr zurückkamen.

Mit Kriegsende kamen dann die Tiefflieger in die ländlichen Gegenden. Sie flogen so tief, dass man die Piloten erkennen konnte, und schossen auf Zivilisten. Ich habe selbst einen solchen gesehen, der über das Nachbarhaus flog, als ich vor der Tür mit einer Freundin sprach. „Das könnte mein Onkel aus Amerika sein …“ sagte ich gerade, als das Schießen losging. Ich fand mich blitzschnell im 1. Stock des Hauses, betend auf dem Boden wieder.

Sehr eindringlich ist mir eine Szene in Erinnerung, als wir in dem kleinen Häuschen abends um den Tisch herumsaßen, meine Mutter und wir drei Kinder, und Halma spielten. Man hörte lautes Motorengeheul. Meine Mutter war so seltsam, als sie uns immer wieder aufforderte, diesen und jenen Zug mit den Figuren zu machen. Endlich hörte der Lärm auf. Ich fragte meine Mutter: „War das ein Lastwagen vor dem Haus?“ – „Nein“, sagte sie erleichtert „das waren Flieger!“ Die Angst, wenn man die Gefahr kennt, ist das Schlimmste!

Dazu eine kleine Geschichte, die mir eine Bekannte erzählt hat. Sie war etwas älter als ich und bis zum Kriegsende in Stuttgart. Als einmal Fliegeralarm während der Unterrichtszeit in der Schule war, mussten die Mädchen in einen Luftschutzkeller gehen. Alle waren der Ansicht, dass sie an einen bestimmten Ort gehen müssten. Nur ein Mädchen beharrte darauf, dass es ein anderer Ort war, und konnte sie schließlich überzeugen. Sie hatte sich zwar geirrt, aber alle Mädchen wurden dadurch gerettet, denn der Schutzraum, in den sie hätten gehen müssen, wurde durch eine Bombe getroffen und zerstört.

Auch wenn das Schlimmste kommt, hilft Ruhe, „in sich gehen“ und ein Gebet. Wenn man dieses Urvertrauen in das Leben hat, das die Kinder noch haben, macht man unbewusst das Richtige. 

Doris Manner


Die ersten russischen Worte, die ich von meinem Vater mitbekam

Liebe NachDenkSeiten-Redaktion,

ich will Ihnen hiermit die Kriegserinnerungen meines Vaters mitteilen, der vor 20 Jahren leider schon verstorben ist – ich selber sehe mich als sogenannter Kriegsenkel, da mein Vater Jahrgang 1932 war – 10 Jahre älter als seine Frau, die 1941 geboren ist:

Die frühesten Kindheitserinnerungen meines Vaters waren die an ein “Russenlager” in seinem Heimatdorf, dass seit 1975 zu einer größeren Stadtgemeinde im tiefsten Südwesten unserer Heimat – dem Dreiländereck Deutschland – Frankreich – Schweiz gehört. Er sagte immer, dass “die Russen” hinter Stacheldraht waren, und die Leute im damals noch kleinen Dorf mit “Stoj pan” („Stehenbleiben, Herr“) anbettelten.

Die ersten russischen Worte, die ich von meinem Vater mitbekam, die er zeitlebens nie vergass, obwohl er damals ja noch ein Kind war.

Ich schätze einmal, dass mein Vater, Jahrgang 1932, damals 9 oder 10 Jahre alt war – der Krieg gegen die UDSSR fing ja 1941 an. Er warf denen “Durnipe” (=im hiesigen allemannischen Dialekt für Zuckerrüben) über den Zaun, damit die wenigstens etwas zu essen hatten – seine Worte.

Tja, die Sache verfolgte mich ebenfalls ein Leben lang, was dazu führte, dass ich keine feindlichen Gefühle gegenüber heutigen Russen habe – ich fand dieses Jahr zufällig heraus, dass die frühesten Kindheitserinnerungen eine reale Grundlage hatten – in der Datenbank des russischen Verteidigungsministeriums zum Großen Vaterländischen Krieg, dem OBD Memorial.

Ein Sowjetsoldat starb in meinem Dorf an “Herzschwäche”, wie die NS-Behörden dokumentierten – er wurde Weihnachten 1942 sogleich anonym beerdigt, wie damals für Zwangsarbeiter üblich.

Heute erinnert nichts mehr an diesen Menschen in meinem Heimatdorf, nur beim OBD Memorial erinnert man sich an dieses Begräbnis – sogar mit deutschen Akten, die den Vorgang schildern, in diesem russischen Archiv.

Die Regelung, dass Kriegsgräber für die Ewigkeit sind, half ihm nichts mehr, zumal diese erst 1965 erlassen wurde.

Sein Grab dürfte immer noch im Dorf existieren, aber wo, oder bereits überlegt von einem anderen Grab, wie üblich nach 25 Jahren, bleibt sein Geheimnis, zumal das Dorf 1945 zu 40% in Ruinen lag, wozu auch die Kirche und der dazugehörige Friedhof gehörten.

Übrigens ich selber habe dies den Gemeindearchiven gemeldet, die für dieses größere Kriegsgefangenenlager – die Erinnerung an diese Kriegsverbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen – zuständig sein dürften – sowie für dessen Lageraussenkommandos im tiefsten Südwesten Deutschlands – eines davon eben in meiner Heimatgemeinde, wo nur ältere Menschen sich daran erinnern konnten, die mittlerweile wohl alle zum größten Teil selber verstorben sein dürften.

Auch die Schwester meines Vaters, die letztes Jahr hochbetagt starb, erinnerte sich daran, dass “Russen” unter Bewachung durchs Dorf getrieben wurden – wie sie einmal bei einer Familienzusammenkunft erzählte, als mein Vater das Thema erwähnte.

Eine andere Kriegserinnerung meines Vaters hängt damit zusammen, dass mein Vater als Kind schwer Glück hatte, als er „von einem Tiefflieger” beschossen wurde, er konnte sich hinter einem Misthaufen in Sicherheit bringen – Zu diesem Vorgang fand ich in einem alten Buch meiner 1988 verstorbenen Großmutter väterlicherseits einen Eintrag mit der Bemerkung, dass das Dorf von Tieffliegern beschossen wurde und, wie durch ein Wunder, nichts passiert ist – ob es einen Zusammenhang mit dieser Kindheitserinnerung meines Vaters gibt, weiss ich nicht, aber eine Möglichkeit kann durchaus bestehen.

Mein Großvater väterlicherseits, der Jahre vor meiner Geburt altersbedingt verstorben ist, erzählte nie etwas über den Krieg, da er zweimal im Krieg war, im Ersten Weltkrieg, und angeblich, obwohl zu alt, zum Ende des Zweiten Weltkrieges zwangsweise eingezogen wurde. So jedenfalls die Familienlegende über ihn. Er desertiere kurz nach seiner zweiten Einziehung zum Kriegsdienst und versteckte sich, bis die Franzosen das Dorf eingenommen hatten.

Nach dem Krieg, erzählte mein Vater, war die Versorgungslage auch in seinem Dorf so schlecht, dass mein Großvater väterlicherseits, und er selber zwangs- sowie teilweise zu Wilderern werden mussten, die zum großen Teil von dem lebten, was der Wald, und Feld, hergaben.

Mein Vater war damals noch ein Kind, und diese Erinnerung gehörte, trotz all der Strapazen nach 1945, zu seinen schönsten Kindheits- und Jugenderinnerungen … er hatte eben sogenanntes Glück im Unglück, dass er nicht in einer 30 km entfernten, total zerbombten größeren Stadt, oder einer Großstadt wie z.B. Berlin damals, am Hungertuch nagen mußte und zum Schwarzmarkt gezwungen war …

So viel zu den Kriegs- und Nachkriegserinnerungen meines Vaters, die ihn nie losließen, obwohl er eben auch nach 1945 in der Phase vom Kind zum Jugendlichen war, wie bereits erwähnt.

Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Hau


Auf den Spielplatz kamen auch Erwachsene zum Spielen

Liebe NachDenkSeiten,

Geboren wurde ich erst acht Jahre nach Kriegsende und kann deshalb nichts mehr von Bombennächten erzählen, nur von den Auswirkungen.

Aufgewachsen in Hamburg, in einem zerbombten Arbeiterviertel, so ziemlich zwischen dem Gebiet, in dem ‚die Bertinis‘ und der zwei bis drei Kilometer entfernten Straße, in der Herr Massaquoi (Autor von „Neger, Neger, Schornsteinfeger“) gelebt haben. Es standen kaum noch Häuser, und das, in dem wir wohnten, hatte neben der Eingangstür ein Schild ‚wieder avgebavt’.

Als ich etwas größer war und auf den Spielplatz durfte, kamen auch Erwachsene zum Spielen. Die Namen weiß ich nicht mehr, aber sie waren nett – wollten schaukeln und in der Sandkiste spielen.

Mein Opa hat es mir erklärt: Sie waren im Krieg unter Häusern verschüttet oder hatten anderes Schlimmes erlebt und waren jetzt wieder zu Kindern geworden. Wir durften mit Ihnen spielen. Es gab keine Probleme und sie taten mir leid, aber meine erste ‚Gänsehaut‘ bekam ich bei einem Spaziergang mit meinem Opa: Unter der Brücke am Bahnhof saß ein einbeiniger Mann und spielte auf einer ‚singenden Säge‘, um ein paar Groschen zu ergattern. Sein Schicksal und dazu die weinenden Töne des langen Sägeblattes waren schwer zu ertragen. 

Mein Großvater hat mir viel vom Krieg erzählt. Hatte er im Ersten Weltkrieg in der französischen Zwangsarbeit nur nette Leute kennengelernt, die ihn baten, nach dem Krieg wiederzukommen, ging es im Zweiten gen Osten. Bis er auf eine Gruppe jüdischer Gefangene – die sich schon ihr eigenes Großgrab geschaufelt hatten – schießen sollte und er sich weigerte. Er brauchte den Befehl nicht ausführen. Zu Anfang des Krieges ging das noch.

Warum sich nicht mehr weigerten, habe ich mich lange gefragt. Eigentlich bis in die heutige Zeit. Bis ich jetzt miterleben muss, wie die Propagandamaschine zuschlägt, Ängste schüren und Köpfe verdrehen kann.

Vor einigen Jahren habe ich in Frankreich den Ort Oradur-sur-Glane besichtigt. Ich möchte den Besuch dieses Ortes in Mitten Frankreichs jedem Kriegsbesessenen und jedem anderen Frankreichurlauber dringend ans Herz legen! Der Ort und die Anwohner wurden von einem Trupp der Waffen-SS vernichtet. Über 1,500 Menschen. Heute ist der gesamte Ort ein eingezäuntes Mahnmal: der Bahnhof, die ausgebrannte Kirche, in der alle Frauen des Ortes zusammengetrieben wurden, bevor sie angezündet wurde, und in deren Mitte heute noch die Reste der riesigen, halb geschmolzenen Bronzeglocke liegen.

Nein, ich möchte das nicht am eigenen Leib erleben müssen und ich wünsche es auch niemand anderem, egal welcher Nationalität!

Angelika Fassauer


Kind(er) eines Flüchtlingskindes

Meine Mutter war Flüchtlingskind aus dem damaligen Königsberg (Kaliningrad). Vaddern musste nicht zur Wehrmacht, war als Sohn eines Müllers Heimatfront-wichtig.

Später, als Mutter selber Familie hatte, und immer, wenn die Feuerwehrsirenen heulten, die vor Jahren noch auf den Dächern montiert waren, stand meine Mutter senkrecht im Bett.
Sie lief dann durchs ganze Haus, schaute in jedes Zimmer rein, aus allen Fenstern raus, ob es bei uns oder in der Nähe brannte. Immer und immer wieder; ihr ganzes Leben lang. Was für ein Horror!

Als wir Kinder Jugendliche waren, hat sie uns einen Schlafzimmerschrank gezeigt. In dem war eine ganze Seite vorbereitet mit Sachen für eine Art „Flucht und/ oder Notfall“:

  • Für alle zweimal Anziehsachen- mit eingenähtem Namenssticker;
  • in einem Stahlbehälter oder so ähnlich einen kompletten Satz Dokumente inkl. beglaubigte Kopien in doppelter Ausführung
  • einen kleinen dreistelligen Betrag an Geld;
  • je eine „richtige“ Wolldecke (grob und aus 100% Wolle, weil die wohl nicht brennen?)
  • Auch ein Schreiben, das wir leider nie gesehen oder gelesen haben, weil wir nach und nach ausgezogen sind.

Das Ganze für alle 5 Familienmitglieder!

Prägend ist, dass wir Kinder heute zumindest Stahlkassetten haben mit Dokumenten und ein bißchen Geld.
Ferner haben wir Jungs alle den Kriegsdienst verweigert.

Und ich bin froh, dass meine Eltern nicht mehr mitkriegen, was heute in Deutschland wieder abgeht.

jbruno


Wie gegen Kriegsende Lastwagen vor der Schule vorfuhren und 16-/17-jährige Jungs aufluden

Ich werde nie vergessen, wie meine Großmutter erzählte, wie gegen Kriegsende Lastwagen vor der Schule vorfuhren und 16-/17-jährige Jungs aufluden und mit ihnen davonfuhren, während die Mütter verzweifelt weinend und schreiend hinterherrannten, um ihre Söhne von der Ladefläche zu ziehen. Sie hatten keine Chance, die Söhne wurden verschleppt, ohne sich verabschieden zu können. Viele kamen nicht mehr zurück, manche kamen zurück, traumatisiert, verstümmelt.

Einer davon war mein Vater. Seine Erlebnisse ließ er an uns Kindern aus.

Meine andere Großmutter und meine Urgroßmutter kamen beim Bombenangriff 1944 in Freiburg ums Leben, mein Großonkel wurde ebenfalls bei einem Bombenangriff getötet, als er auf der Treppe nur Minuten zu spät den Luftschutzkeller erreichte.
Meine Mutter erzählte mir, wie sie „hamstern “ musste als junges Mädchen, mit dem Handkarren in den Dörfern das Hab und Gut der Familie gegen ein paar Eier, Kartoffeln oder etwas Mehl eintauschen. 

Viele grauenvolle Erzählungen begleiteten meine Kindheit, Unausgesprochenes belastet uns Nachkommen bis heute.

J. Frfr. v. B.


Hier können Sie den siebenten Teil, hier den achten Teil und hier den neunten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (4)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.

Bitte senden Sie uns keine Beiträge, die bereits in anderen Publikationen erschienen sind.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil sowie den dritten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Ick will hem, ick will hem”

Liebe Redaktion,

Der Bruder meiner Mutter war zur Zeit des Faschismus Lokomotivführer. Er ging eines Abends schlafen. In der Nacht stand plötzlich die SA/SS mit Maschinengewehren vor seinem Bett, als er erwachte, schaute er in die Mündung der auf ihn gerichteten Maschinengewehre, sie brüllten: Laut Befehl habe er einen Zug zu fahren, jetzt. Wenn er dem Befehl nicht Folge leistet, erschießen sie ihn sofort. Natürlich stand mein Onkel sofort auf und ging mit ihnen, voller Schreck und noch verschlafen.

Sie brachten ihn zu dem Zug, den er als Lokomotivführer zu fahren hatte, und fuhren los. Er erhielt den Befehl, eine gewisse Strecke zu fahren, und an dem und dem Bahnhof würde er zu halten haben, dort würde die Zugfahrt enden. Als mein Onkel dann an dem bezeichneten Bahnhof hielt, musste er erschüttert feststellen, was er transportiert hatte. Er kam nach Hause, noch unter dem Schock stehend, er weinte und sagte immer wieder: „Ach hätte ich mich doch erschießen lassen. Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich mich sofort erschießen lassen …“ Sein Leben war zerstört.

Ich selbst bin 1953 geboren, wie überall in den Familien wurde über diese Zeit nicht gesprochen. Jedoch erhielt ich als Kind furchtbare Eindrücke von der zerstörerischen Kraft eines Krieges.

Meine Eltern vermieteten die obere Etage unseres Hauses an eine Flüchtlingsfamilie aus Schlesien, bestehend aus Vater, Mutter, Kind.

Aus den Erzählungen erfuhr ich, dass die neuen Hausbewohner schon im Ersten Weltkrieg aus ihrem großen Bauerngehöft in Oberschlesien fliehen mussten. Sie ließen sich nach dem Krieg in Schlesien nieder, bauten dort wieder einen großen Bauernhof auf, jedoch mussten sie wieder im Zweiten Weltkrieg fliehen und landeten letztendlich im Münsterland, nahe der holländischen Grenze, und erhielten bei uns eine Bleibe.

Der Mann war psychisch erkrankt an den Folgen der Kriege, er ging schon morgens den Weg zur Straße, ging dort hin und her und wiederholte nur noch die Worte „Ick will hem, ick will hem”, das tat er täglich.

Wir Kinder waren erschüttert, wie dieser Mann litt. Seine Frau, der Inbegriff der schweigenden Güte, unterstützte ihn, wie und wo sie nur konnte, sie half meiner Mutter, die 7 Kinder hatte. Dann bekam der Mann einen Schlaganfall, er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen, er musste gefüttert werden und so weiter. Seine Frau betreute ihn treulich und mit großer, schweigender, geduldiger Hingabe. Keine Klage kam über ihre Lippen.

Dann kam die Kubakrise, anhand der Reaktion meiner Mutter war die Angst und der Schrecken eines neuen Krieges für uns erlebbar. Wir Kinder knieten tagelang im Sandkasten und beteten, bis der Kelch an uns vorüberging.

M. Volmer


„Madga geh in Westen, hier wird nicht gut.“

Zunächst vielen Dank für die hervorragende Idee zu diesem Aufruf.

Aus den Erzählungen der Großmutter Jahrg. 1900, 6 Kinder:

Im Zuge der Vertreibung aus Schlesien ging folgende Episode voraus, sinngemäß: Russischer Offizier: „Madga geh in Westen, hier wird nicht gut.“

Und das nach dem, was in Russland, unter deutscher Ägide, geschehen war. 1946 vertrieben. Nicht von Russen.

Ich selbst habe in St. Petersburg die Einheimischen kennengelernt und sehr positive Erfahrungen gemacht. Europäische, insbesondere deutsche Russophobie ist widerwärtig. Ich habe keinen Reim auf diesen üblen, deutschen Revanchismus. Ukrainekonflikt hin oder her. Nur eine Perspektive auf den scheinbar ewigen, europäischen Konflikt.

Rainer Mrochen


Zusammengefasst: Keine Jugend

Sehr geehrte Redaktion der NachDenkSeiten,

als 1954 Geborener habe ich natürlich keine direkten Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Allerdings haben mich die Geschichte und die Erzählungen meiner Eltern und Großeltern und meines Onkels zu einem Gegner aller dieser (…) verantwortungslosen Politversager und militaristischen, intellektuell eingeschränkten Schirmmützenträger gemacht, welche die eigene Bevölkerung als reine Verfügungsmasse betrachten, sie mit Hilfe ihrer Medien manipulieren und keinerlei Skrupel haben, diese für ihren pathologisch- narzisstischen Machterhalt zu verheizen und ihr Leben zu zerstören.

Dazu:

Großvater, 1897 geboren, mit 18 Jahren in den Ersten Weltkrieg nach Frankreich geschickt, das Gemetzel von Verdun erlebt, Giftgaseinsatz, unvorstellbare Grausamkeiten kennengelernt, 1918 verwundet in englische Kriegsgefangenschaft gelangt, die Ruhr überlebt. Danach nach Hause gekommen. Hungerwinter überstanden. Dann Inflation. Neuanfang mit fast nichts.

Beginn Zweiter Weltkrieg. Noch nicht alt genug, also wieder an die Front nach Polen.

Kriegsgefangenschaft. Überlebt. Zusammengefasst: Keine Jugend, mindestens 15 Lebensjahre durch Politverbrecher zerstört.

Anderer Großvater, 1900 geboren. Damit um Ersten Weltkrieg „herumgekommen“.

Im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Danach russische Kriegsgefangenschaft. Überlebt, aber mit erfrorenen Füßen nach Hause gekommen. Lebenslang gezeichnet.

Ein Sohn von ihm mit 18 Jahren an die Ostfront. In der Panzerschlacht von Kursk gefallen.

Der verstörende Brief seines Kompaniechefs an seinen Vater ist noch vorhanden. Mit dem ganzen Gesülze von Ehre, Vaterland und anderem sinnfreien, ekelhaften Gelaber.

Sein anderer Sohn ebenso zum Zweiten Weltkrieg eingezogen. Im Afrikakorps gedient. Englische Kriegsgefangenschaft. Mit Malaria-Infektion nach Hause gekommen. Lebenslange gesundheitliche Probleme wegen Spätfolgen.

Mein Vater, 1926 geboren. Mit 18 Jahren, also 1944, sofort an die Ostfront. Nach Kriegsende vier Jahre russische Kriegsgefangenschaft. Mit Knochentuberkulose nach Hause gekommen. Oberschenkelamputation. Keine Jugend erlebt, traumatisiert bis ans Lebensende.

Mutter, 1926 geboren. Ihre Mutter war 1940 vor Beginn des Zweiten Weltkrieges verstorben.

Dann wurden ihr Vater und ihre zwei Brüder zur Armee eingezogen, sodass sie sich mit 14 Jahren allein durchschlagen musste mit Erlebnissen, die ich hier nicht wiedergeben möchte.

Damit dürfte nachvollziehbar sein, woher meine Einstellung kommt.

(…)

Mit vielen Grüßen an die Redaktion,

D. Clauß


Beide stammten aus Ostpreußen

Ich bin Jahrgang 1973 und das jüngste Kind meiner Eltern. Beide stammten aus Ostpreußen und waren Kinder, als sie mit meinen Großeltern 1944 fliehen mussten. Der Zweite Weltkrieg war ständig präsent in meiner Ursprungsfamilie, er hat alles verändert und gebrochen und hat mich in meiner eigenen Entwicklung verfolgt. Es hat einiges an therapeutischer Aufarbeitung benötigt, damit ich verstehen, verarbeiten und loslassen konnte, was meine Eltern geprägt hat.

Dies ist wohl auch ein Grund, warum ich absolut gegen derzeitige Wehrpflichtmaßnahmen bin. Meine älteren Brüder haben in den 80er-Jahren den Kriegsdienst verweigert. Ich freue mich über jeden jungen Menschen, der gegen Krieg und Wehrdienst agiert.

Von unserer Leserin A.P.-K.


Da hatten die ersten schon genug von Rußland…

Liebe NachDenkSeiten,

mein Vater hat seine Erinnerungen zum Krieg in seinen letzten Jahren niedergeschrieben. Vielleicht passen seine Zeilen, von denen ich einen Teil hier als PDF anhänge, zum „Aufruf zum 8. Mai“.

Die aktuelle Kriegsgeilheit macht mich wütend. Ich wünsche uns allen, dass sich mutige Leute finden, die mit Verstand und Gelassenheit zur Diplomatie und einem friedlichen Miteinander zurückfinden …

Liebe Grüße

Ulrich Mathussek

Und so fing es an

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, war ich gerade 16 Jahre jung. Wir wohnten damals in Konstadt in Oberschlesien, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Schon Tage zuvor hatten wir die schier endlosen Fahrzeugkolonnen nach Osten rollen sehen.

Als am ersten Kriegstag die Bombengeschwader über uns dröhnten, sah ich meine Mutter weinen. Ich konnte das damals nicht verstehen, aber sie hatte ja schon den Ersten Weltkrieg erlebt und dessen Schrecken immer noch in Erinnerung. Mein Vater war damals als Soldat vier Jahre in russischer Gefangenschaft in Sibirien. Die Folgen machten ihm sein Leben lang zu schaffen. Meine Sorge war damals höchstens, daß ich noch nicht alt genug war, um in den Krieg zu ziehen. Diese Sorge war aber unbegründet, denn ich habe davon noch mehr mitbekommen, als mir lieb war.

Ich war gerade 18 geworden, als ich am 6. Februar 1941 zum Arbeitsdienst nach Schedlau Kreis Falkenberg einberufen wurde. Als ich von dort am 27. September entlassen wurde, lag schon meine Einberufung zu den Kradschützen nach Hirschberg im Riesengebirge zu Hause. Am 6. Oktober mußte ich dort einrücken. Unsere Ausbildung dauerte damals immer volle acht Monate, später war sie oft viel kürzer.

Rußland ruft

Mitte Mai 1942 wurde ein Transport nach Rußland zusammengestellt, und da war ich auch dabei. Die Fahrt nach dort dauerte zwei Wochen, denn wir standen oftmals viele Stunden auf dem Abstellgleis. In unseren Güterwagen bekamen wir bald Gesellschaft, die ersten Läuse machten sich bemerkbar. Anscheinend fühlten sie sich auch wohl bei uns, denn sie verließen uns nicht mehr. In Orscha (Mittelabschnitt) wurden wir ausgeladen. Etliche Kilometer mußten wir mit unserem schweren Gepäck laufen, da hatten die ersten schon genug von Rußland. Die Einheit, der wir zugeteilt wurden, war im vorigen sehr kalten Winter vor Moskau im Einsatz und hatte dort sehr schwere Verluste erlitten. Jetzt sollten wir die entstandenen Lücken ausfüllen.

Wir gehörten jetzt zum 29. Regiment in der 3. Motorisierten Infanterie-Division, und diese war wiederum Teil der 6. Armee.

Anm. d. Lesers: Meinem Vater blieb Stalingrad erspart. Er wurde verwundet und wurde erst später wieder an anderer Stelle eingesetzt. Schließlich kam er in Gefangenschaft …

Als wir einmal mit einer größeren Gruppe auf Vorposten waren, kam ich am 7. Oktober 1943 in Gefangenschaft und war dann fast vier Jahre als POW in England. Dort lebten wir auf jeden Fall ruhiger und sicherer als irgendwo an der Front oder auch zu Hause in der Heimat.

Wenn ich jetzt nochmal einen Krieg erleben müßte, würde ich auch weinen, denn ich weiß jetzt, wie grausam Kriege sind. Jetzt kann ich meine Mutter verstehen.


Weihnachten des Unglücksjahres 1945

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

… tut mir leid, aber mit ‚kurz‘ hat es leider nicht funktioniert, ist doch etwas länger geworden!

Zu diesem ‚Kellerfund‘ gestatten Sie mir noch eine (kurze!) Bemerkung. Ich habe dieses Nähkästchen mit der (noch ausführlichen) Geschichte dem „Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung Berlin“ als Dauerleihe zur Verfügung gestellt. Ich glaube, dort gehört es hin und dort ist es in guten Händen!

Beste Grüße

Manchmal ist es schon kurios. Urplötzlich wird man mit Dingen konfrontiert, die so nicht in den Tagesablauf passen und einiges durcheinander bringen:

Ich war im Keller beim Aufräumen und hatte das alte Nähkästchen meiner Mutter schon auf den Wegwerfhaufen sortiert, als ich unten auf dem Boden etwas Bleistiftgeschriebenes entdeckte. Ich räumte alle Knöpfe und alles Sammelsurium aus und fand folgendes:

O Heimatsonne könnten wier dich grüssen
O Heimatflur so lieb, so traut so schön
O Heimaterde könnten wier dich küssen
Wer weiss, wer weiss ob wier dich wiedersehen.

Meiner lieben Nichte,
Weihnachten des Unglücksjahres 1945.
Onkel Fritz

Diesen Nähkasten hatte Fritz Titze, der Onkel meiner Mutter, für sie als Weihnachtsgeschenk selbst gebaut. „Weihnachten des Unglücksjahres 1945.“ Das „Unglücksjahr 1945“? – Ich hatte keine Ahnung. Was war passiert? Der Krieg war doch seit 9 Monaten vorbei?

Meine ganze Familie kommt aus Schlesien. Meine Großeltern hatten vier Kinder. Else (meine Mutter), geboren 1914, und ihre drei Brüder, Kurt (geb. 1920), Willy (geb. 1921) und Detmar (geb. 1925).

Mein Onkel Kurt wurde 1939 als erster eingezogen, zur Kriegsmarine (Minensuchboot) eingezogen. Sein Boot wurde 1944 vor Norwegen schwer getroffen. Er wurde schwer verwundet und verbrachte den Rest des Krieges in einem deutschen Lazarett.

Willy wurde auch gleich mit 18 Jahren – 1939 oder 1940 – eingezogen, der jüngste, Detmar, wurde wohl erst 1943 eingezogen. Da war er gerade 18 Jahre alt! Beide haben den Russland-Feldzug mitgemacht. Beide haben den Krieg nicht überlebt. Willy ist im Juni 1944, er war damals 23 Jahre alt, in Koljugin (Sowjetunion) gefallen, sein Bruder Detmar ist 1945, da war er gerade 20 Jahre alt, in der Sowjetunion verschollen. „FÜR FÜHRER, VOLK UND VATERLAND“?

Ich weiß nicht, wann und wie meine Mutter und ihre Eltern über den Tod ihrer Söhne informiert wurden. In der Familie wurde nie darüber gesprochen. Der Schmerz muß jedoch schier unendlich gewesen sein.

Meine Oma Wally hat das Kriegsende nur um 10 Monate überlebt, sie wurde nur 51 Jahre alt.

Mein Vater, Kurt Groll, wurde mit 27 Jahren eingezogen. Der Krieg brachte ihn bis nach Italien. Hier geriet er Anfang 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Mein Vater sagte mir einmal, das „HANDS UP!“ der Amerikaner bei der Gefangennahme waren die schönsten Worte, die er seit 5 Jahren gehört hat.

Meine Mutter, meine Oma und mein Opa Herrmann waren Anfang 1945 noch in ihrem Haus in Hammerfeld, als der Rückzug der deutschen Armee über sie hinweg rollte. Wenige Wochen später packten die zurückgebliebenen Frauen, Mädchen, Kinder und alten Leute, also ganz Schlesien das letzte Hab und Gut auf Handwagen und Pferdefuhrwerke und flüchteten vor der nachrückenden Roten Armee auf dem Landweg Richtung Osten. Die Zeit muss fürchterlich gewesen sein. In unserer Familie, aber nie von meinen Eltern, wurde von Plünderung und Vergewaltigung gesprochen.

Meine Oma und meine Mutter kamen bis nach Bayern, dann war der Krieg zu Ende. Sie gingen also wieder zurück nach Hammerfeld in ihr Haus. Die Rückkehr war jedoch von sehr kurzer Dauer, denn im Ergebnis des verlorenen Krieges wurden die deutschen Ostgebiete von den Siegermächten neu aufgeteilt. Das Haus, das Grundstück und sämtliches Hab und Gut aller Schlesierdeutschen wurde entschädigungslos von der polnischen Regierung konfisziert.

Meine Familie machte sich dann im Herbst 1945 mit einem Handwagen auf den Weg nach Strausberg, dort fanden sie eine Unterkunft bei Verwandten.

Weihnachten 1945 war das erste Nachkriegsweihnachten. In diesen 12 Monaten des Jahres 1945 liegt der ganze Schmerz meiner Familie. Eine zerrissene Familie, Verwandte, Freunde und Bekannte verloren, eine Heimat verloren, kein Zuhause, keine Habseligkeiten, keine Fotos, zwei verlorene Söhne, der dritte schwer verwundet, der Ehemann und Schwiegersohn im Kriegsgefangenenlager, ungewollte Zuzügler, Flüchtlinge, Habenichtse und keine Hoffnung mehr auf eine Rückkehr in ihre Heimat, ins Elternhaus und zu den Gräbern ihrer Vorfahren.

Ich hätte und habe noch ganz viele Fragen, aber jetzt ist keiner mehr da, der sie beantwortet.

In Strausberg, auf einem Grabstein der Familie stand folgender Text:

HIER LIEGEN BEGRABEN IM MÄRKISCHEN SAND
FLÜCHTLINGE AUS DEM SCHLESIERLAND

PS: … und fragt mich jetzt etwa noch jemand, warum ich gegen jegliche Art von Kriegsgelüsten, Waffen und Aufrüstung bin?

„Nein, meine Söhne kriegt ihr nicht!“ (R. Mey)

Wolfgang Groll

Frankfurt (Oder), Mai 2026


Hier können Sie den fünften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.


Hier können Sie den ersten Teil sowie den zweiten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.“

Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten,

im Nachlass meiner verstorbenen Mutter (Geburtsjahrgang 1933) fand ich einige kurze handschriftliche Textpassagen mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die sie im Oktober 2000 verfasst hatte. Aus Anlass Ihres Aufrufes möchte ich Ihnen drei dieser Erinnerungen, die keinen zusammenhängenden Text bilden, übermitteln. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter völlig schockiert wäre, wenn sie erlebt hätte, dass deutsche Politiker heutzutage wieder von „Kriegstüchtigkeit“ faseln.

Eine kurze Erläuterung noch zu den Aufzeichnungen: Meine Großeltern führten eine große Dorfgastwirtschaft, die unmittelbar neben dem Bahnhof meines Heimatortes an der Bahnstrecke zwischen Köln und Minden lag. Nach Kriegsbeginn wurde dort ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem Franzosen und später auch Russen untergebracht waren.

Ich hoffe, Ihre Aktion findet große Resonanz und kann etwas bewirken. Halten Sie weiter stand gegen diese entsetzliche Kriegstreiberei!

Mit freundlichen Grüßen

Carola Zechert

„Im Mai 1940 erlebte ich mit Eltern, Geschwistern und Oma die erste Bombennacht. In dieser schrecklichen Nacht hielt sich unsere Familie, meine Oma, meine Eltern und Geschwister schon eine ganze Weile im Keller auf, als plötzlich ein dumpfer Einschlag uns aus der Unterhaltung hochschreckte. Wir stellten uns alle im Kreis auf, die Eltern und Oma umschlangen uns Kinder, und wir klammerten uns an die Eltern und schrien vor Angst. Bald war alles ganz still, und nach einer Weile gab es Entwarnung, und wir konnten nach oben gehen und fragten uns noch: ‚Wo das wohl war?‘

Das sollten wir erst morgens erfahren, als meine Großmutter ins Zimmer kam und uns die Hiobsbotschaft von unseren Verwandten brachte: ‚Bei Trudel und Reinhard ist eine Bombe aufs Haus gefallen, sie selbst sind mit den Kindern und der Oma im Keller gewesen und haben überlebt.‘

Nachmittags durften wir Kinder mit unserer Mutter auch gucken, was sich in der Nacht ereignet hatte. Ich sehe meine Tante noch vor mir mit einer Wolldecke über den Schultern und ihrem fünf Monate alten Säugling auf dem Arm. Sie stand wohl unter Schock, aber davon wußten wir damals noch nichts, und man erklärte es uns Kindern auch nicht.

Dann vergesse ich auch nicht, dass die Straßen rings um das total zerstörte Haus voller neugieriger Menschen waren, die sich drängelten, um alles in Augenschein zu nehmen.

Dass Krieg mehr heißt als nur siegen, wie wir es damals täglich im Radio hörten, bekamen wir im Laufe der Kriegsjahre deutlich zu spüren.

Mein kleiner Cousin (der fünf Monate alte Säugling) starb einen Monat später an einem Lungenriß, den er in der Bombennacht erlitten hatte. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, da ich bisher glaubte, nur alte Menschen müssten sterben und kämen in einen Sarg. Nun sah ich zum ersten Mal einen aufgebahrten Säugling im weißen Sarg liegen. Im selben Monat musste mein Vater in den Krieg.“

„Anfangs waren wir drei Kinder noch begeistert vom nächtlichen ‚Kellergang‘. Als wir aber ab 1940 zwei Jahre lang Nacht für Nacht geweckt wurden oder selber wach wurden, waren wir oft hundemüde am Morgen, wenn es zur Schule ging, und wir waren wütend auf unsere Feinde, dass sie ausgerechnet immer nachts kamen und uns im Tiefschlaf weckten.

Die Alarmtöne von Vor- und Vollalarm und danach Entwarnung sollte man auch als Schulkind schon erkennen können. Diese Heultöne erzeugten bei mir später immer Magenkrämpfe, die bis zum Erbrechen führten.“

„Ein Wachsoldat (des Kriegsgefangenenlagers) musste etwas bei uns erledigen in Begleitung eines jungen Russen, den ich noch auf den Steinstufen sitzen sehe. Für mich war das allerdings ein alter Mann mit seiner ‚Glatze‘ und seinem schmutzigen Stoppelbart. Meine Mutter brachte ihm schnell eine Schale Milch, und er schlürfte sie gierig aus, während der Soldat wegschaute. Meine Mutter meinte zu mir: ‚Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.‘ Denn er war seit Juni 1944 in Russland vermisst, und wir bekamen erst Silvester 1945 das erste Lebenszeichen von ihm.“


“Ja, Reinhard, wir leben.”

Ein herzliches Dankeschön an das Team der Nachdenkseiten!

Diese Aktion kann helfen, den peu à peu versiegenden Erzählstrom der Alten für die Jüngeren zugänglich zu halten. In der Gegenwart haben sich die Lebensverhältnisse ja stark verändert und selbst engste Familienmitglieder leben oft weit entfernt voneinander. Ich glaube allerdings, dass es wohl eher die “Mittelalterlichen” sind, die auf diesem Weg erreicht werden. Trotzdem – sei´s drum: Hier also mein Text:

Meine Großeltern haben bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren und Zuflucht im Geburtsort der Großmutter gesucht. Aus einem Garten am Rande der Kleinstadt wurden sie von einem Mann gefragt: “Kommt Ihr von Hannover? Ich habe da ´ne Schwägerin mit Mann.” Er hatte sie nicht erkannt! Es geht mir noch immer nahe, wenn ich an die Antwort meiner Großmutter denke: “Ja, Friedrich, uns geht es gut.” Es dauerte im Übrigen fast 10 Jahre, ehe wir (Großeltern und Eltern nach Flucht aus der DDR) mit einer Zuzugsgenehmigung für Hannover und teilweise verlorenem Baukostenzuschuss eine 3-Zimmerwohnung bekommen konnten!

Mein Vater erzählte, dass sein Vater (Schreiner von Beruf) – beunruhigt durch Radiomeldungen über Angriffe auf Ida Cäsar 4 – von weither angereist war, um wenn nötig zu helfen. Bei seiner Ankunft in Halberstadt kamen ihm viele, viele Menschen entgegen. Einer von ihnen fragte, wohin er denn wolle, und meinte dann: “Guter Mann, kehren Sie um! Da lebt keiner mehr!” “Wenn das so ist, dann will ich es mit eigenen Augen sehen!”, habe mein Großvater gesagt – und das war gut so. Denn tatsächlich lag im Viertel rings um unser Hinterhaus herum alles in Schutt und Asche. Als erste traf er meine (hannoversche) Großmutter mit mir an der Hand und hörte die erlösende Botschaft: “Ja, Reinhard, wir leben.” Ich habe zwischen Trümmern das Laufen gelernt und bin mit der Gräuelgeschichte von Herrn und Frau Bullermann großgeworden, die in den Kellern der Trümmergrundstücke wohnen und vorwitzige Kinder bei den Beinen packen und in den Keller ziehen, wo es ihnen schlimm ergeht – ein verzweifelter (und bedenklicher), überdies nur bedingt erfolgreicher Versuch von Erwachsenen, dem kindlichen Entdeckerdrang in einem gefährlichen Umfeld Einhalt zu gebieten.

Ich selbst (Jahrgang 1944) habe als sieben- oder achtjähriges Schulkind an einer “Steineklopfen”-Aktion meiner Schule teilgenommen. Plötzlich hieß es: “Alle Frauen und Kinder zurück!” Ich hörte, man habe wohl “etwas gefunden” und stellte mir vor, dass es sich wohl um tote Menschen handeln würde. An Blindgänger habe ich damals nicht gedacht – und tatsächlich ging es auch bald wieder weiter. Am Ende durften wir uns ein Stück aus dem im Trümmergrundstück gefundenen Hausrat aussuchen. Ich wählte eine kleine Vase. Aber meine Mutter reagierte ganz anders als erwartet: “Die Vase gehört uns nicht”, sagte sie und bestand darauf, dass ich sie zurückbrachte.


Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie.

Ich bin zwar erst 1957 geboren, kann mich aber noch gut an die ausführliche Erzählung meiner Mutter und Großmutter erinnern. Meine Großmutter war Deutsche und heiratete 1925 einen Niederländer und erhielt durch die Hochzeit die niederländische Staatsangehörigkeit und wanderte in die Niederlande aus und lebte in Rotterdam.

Am 14.Mai 1940 bombardierten die Nazis Rotterdam. Das Zentrum wurde völlig zerstört. Vier Familienmitglieder und Freunde starben. Meine Großmutter verstand die Welt nicht mehr. Immer und immer wieder erzählte sie von diesem Tag und was folgte: die Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland.

Meine Mutter war 1940 acht Jahre alt und war Niederländerin. Meine Mutter und alle ihre fünf Geschwister und mein Großvater sprachen perfekt Deutsch. Aber niemals habe ich einen Hass gegen Deutschland und Deutsche nach 1945 durch die niederländischen Verwandten erlebt.

Meine Mutter heiratete 1955 meinen deutschen Vater. Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Meine Mutter hatte einen großen Wunsch an mich – dass ich nicht zur Bundeswehr gehe. Diesen Wunsch habe ich ihr erfüllt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer.

Dieter Klaucke


Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert

Sehr geehrte Damen und Herren,

gerne folge ich Ihrem Aufruf, meine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg mit anderen zu teilen.

Ich bin zwar erst 1954 geboren, aber habe noch heute einige Bilder aus meiner Kindheit im Kopf:

Mein Großvater kam erst 1952 aus russischer Gefangenschaft zurück. Er war Gott sei Dank nicht in Sibirien, sondern hat am schwarzen Meer beim Hafenbau mitgewirkt. Nach seinen Worten kein Zuckerschlecken, aber ich habe nie von ihm Klagen über schlechte Behandlung oder Folter gehört. Den Hunger haben sich Wärter und Gefangene brüderlich geteilt.

Nach wenigen Wochen im lokalen Krankenhaus zum Aufpäppeln kam er nach Hause. Psychologische Behandlung bzw. Betreuung gab es damals auch noch nicht.

Trotzdem habe ich heute mit Abstand das Gefühl, dass diese Zeit nicht spurlos an ihm vorüberging. Einer seiner Leitsätze war klar und deutlich: „Mir sagt keiner mehr etwas“, was natürlich zu einem sehr dominanten Auftreten der Familie und dem Umfeld führte. Auffällig habe ich auch in Erinnerung, dass er Frauen gegenüber sehr dominant auftrat. Für meine Mutter kein leichtes Dasein.

Auch kann ich mich sehr gut an die zum Teil schwer verletzten Kriegsheimkehrer erinnern. Da gab es unseren Poststellenhalter und Briefträger mit zwei Holzbeinen. Die Post fuhr er mit seinem Auto aus, der Weg zur Haustür war ganz offensichtlich jedes Mal schmerzhaft. Aber er engagierte sich als Chorleiter im örtlichen Gesangverein. Ich habe von ihm nie ein Wort der Klage gehört.

In guter Erinnerung blieben mir auch etliche Landwirte, die mit nur einem Arm oder einem Holzbein „ihren Mann“ bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe „standen“.

Über die psychischen Schäden wurde in dieser Zeit nicht geredet. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die ihr Leben lang von Erinnerungen geplagt wurden.

Mein anderer Großvater hat diese Zeit im vollen Programm erlebt, vom Reichsarbeitsdienst bis hin zum Geschützführer im großen Krieg und nur kurzer amerikanischer Gefangenschaft. Er war für mich das Sinnbild eines zufriedenen Menschen.

Interessant war für mich als Kind auch, wenn die beiden bei Familienfeiern zusammensaßen. Ja, sie haben sich über ihre Kriegserlebnisse ausgetauscht, aber nicht als Helden, sondern ziemlich nüchtern und besonnen, zuweilen auch kritisch.

Mit den Jahren und meinem Erwachsenwerden kam bei mir der Gedanke, dass sie diese Zeit nicht einfach zu den Akten legen konnten. Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert.

Wie gehe ich heute mit dem Thema Krieg und Frieden um?

Ich erinnere mich sehr genau an den Tag, als ich zur Bundeswehr „einrückte“ und mein Großvater mich zum Zug fuhr. Ihn hat das sehr mitgenommen. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Erinnerungen an seine Einberufung und die kommenden 13 Jahre seines Lebens. Ich habe das erst viel später in Gesprächen mit ihm erkannt.

Mein späteres Berufsleben hat mich, ich gestehe es, in die Rüstungsindustrie geführt. Diese 10 Jahre haben mich fachlich, aber auch menschlich sehr geprägt. Ich weiß sehr genau, was der „Oppenheimer-Effekt“ bedeutet.

Das Wichtigste aber, ich habe in diesen Jahren gelernt, was Krieg wirklich bedeutet, auch wenn wir bei unserer Tätigkeit ja nur geforscht, entwickelt und Probeschüsse abgefeuert haben.

Heute beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Krieg und Frieden und wundere mich, mit welcher Begeisterung man kriegstüchtig werden will.

Die lautesten Schreier haben nicht verstanden, was Krieg aus einem Menschen macht. Der Mensch wird einerseits zum puren Verfügungsobjekt, quasi entmenschlicht, und zum anderen lernt er zwangsläufig, aus reinem Überlebenstrieb, dass man „zuerst schießen“ muss. Dazu kommt noch „Befehl und Gehorsam“; alleine dies zeigt, wie unmenschlich Krieg ist, denn ohne diese strenge Disziplin, ohne den Druck der Gewalt würde sich wohl kaum ein Mensch dafür hergeben, auf andere Menschen zu schießen.

Das ist für mich menschenverachtend, ja fast schon pervers.

Ich hoffe, dass es in naher Zukunft vernünftige Menschen und Politiker gibt, die den aktuellen Kurs ändern wollen und können. Folgt man der Geschichte, stehen die Zeichen aber nicht gut. Ganz offensichtlich gibt es nicht mehr genug Menschen an entsprechender Position, für die Frieden das höchste und wichtigste Gut ist.

Volker Obel


Noch ein Wort zu den Müttern…

Es war zeitiges Frühjahr 1945, ich war 8 Jahre alt, meine Schwester 5, mein Vater als Soldat an der Front in der Sowjetunion und Breslau zur Festung erklärte Großstadt. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt in der Nähe des Flugplatzes.

Die Front kam immer näher, Befehl! Alle Zivilisten sollten die Stadt verlassen. Im April aber nicht mehr möglich, da Breslau durch die Rote Armee eingeschlossen war. Davor weigerten sich viele Mütter mit ihren Kindern. Wo sollten sie so schnell auch hin! Unsere Häuser hatten Keller, die gegen Bomben und Beschuss keinen Schutz boten. Bei Alarm mussten wir einen Bunker aufsuchen.

Beim letzten Mal: Das Trommelfeuer grollte, alle Leute waren ganz still und hofften, dass der Bunker standhält. Leider hielt während der Zeit im Bunker unser Haus nicht stand. Es wurde durch eine Granate getroffen und nicht mehr bewohnbar. Wir zogen nun in die Innenstadt in eine fremde Wohnung. Nicht lange währte der neue Wohnsitz. Wieder eine Granate! Sie zerstörte das Treppenhaus und wir hausten einige Zeit im Keller mit Schmutz, Finsternis und Hunger. Während einer Feuerpause zogen wir weiter in der Stadt, um eine neue Unterkunft zu suchen. Wieder eine fremde Wohnung!

Hier war endlich Schluss mit Furcht und Finsternis in Kellern. Kapitulation!!

Der Krieg war zu Ende, die Rote Armee zog ein. Wir beguckten ängstlich und neugierig die Panzer, die Lkw und die Panjewagen und vor allem die fremden Soldaten. Als wir von ihnen ein Stück Brot bekamen, war die Scheu vor ihnen vorbei. Wir waren glücklich: Endlich frei von Angst zu sein, nicht mehr in Kellern hausen zu müssen und auf der Straße spielen zu können. Die aufregende Zeit war allerdings damit nicht vorbei.

Eines Abends kam unsere Mutter vom Enttrümmern und berichtete, dass wir wegziehen müssten, dass Breslau eine polnische Stadt wird. Wir sollten die Ersten sein. Unsere Eltern erzählten später, dass vormals illegale Antifaschisten das organisiert hatten, da sie erfahren hatten, was die Alliierten endgültig in Potsdam beschließen wollten.

Im Juli ging es los: Zu Fuß, mit Pferdewagen, mit Verpflegung und dem Schutz der Roten Armee. Das war notwendig, denn am dritten Tag knallte es. Wir verkrochen uns im Straßengraben und unsere Beschützer mussten irgendwelche Banditen abwehren. Wir Kinder fanden das recht abenteuerlich, war aber leider eine lebensgefährliche Situation.

Nach fast zwei Wochen kamen wir an unserem Ziel, in Dresden an. Unterkunft in Baracken, die vorher als Unterkunft für Zwangsarbeiter dienten. Unsere Mutter arbeitete dann als Betreuerin in einer Unterkunft für obdachlose und Waisenkinder, in der meine Schwester und ich auch untergebracht waren. Ich ging im September in Dresden/Neustadt zur Schule und alles war vorerst in Ordnung.

Aber an ein ruhiges Leben in diesen Umbruchzeiten war nicht zu denken. Unsere Mutter wurde angeworben und überzeugt, Neulehrerin zu werden. Wir mussten also während der Zeit des Lehrgangs für ein Jahr in einem Kinderheim leben. Dort ging es uns gut, aber unsere Mutter fehlte uns sehr. Leider waren Besuche zu dieser Zeit schwierig. Verkehrsmittel waren kaum vorhanden.

Nach dieser langen Zeit ohne Mutter endlich eine Wohnung in Freital! Wir waren wieder zusammen. Dann kam auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wir waren als Familie wieder komplett, hatten eine Wohnung, Schule, Beruf und Arbeit.

Unbedingt und mit großer Dankbarkeit noch ein Wort zu den Müttern mit ihren großen und kleinen Kindern: Sie meisterten selbstlos diese schweren Zeiten. Sie trotzten Tod, Verletzungen, Krankheiten und Hunger! Halfen sich gegenseitig, wenn nötig.

Unsere „Zeitenwender“ vergessen oder negieren die Auswirkungen der Vorbereitung eines Krieges, geschweige denn die eines Krieges. Die Demonstrationen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht machen ein wenig Hoffnung im Kampf für eine friedliche Welt, aber es muss noch mehr Widerstand gegen die „Kriegstüchtig“- Maßnahmen geben.

Udo Heinzel

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (2)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.


Hier können Sie den ersten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Eine Rinderleber ist groß

Ich, Uwe Klinger, bin 1938 in Berlin-Wedding geboren (Der Rote Wedding), jetzt 88 Jahre alt und habe noch die Erinnerungen an den Endkampf der Sowjetunion. Mein Vater kam ins KZ. Er hatte gegen die Judenverfolgung demonstriert. Wurde aber später – mit anderen Gefangenen – für die deutsche Wehrmacht gebraucht. Er und viele andere Gefangene kamen in das Strafbataillon 999.

Meine Mutter und ich haben in der Müllerstraße (Wedding) einen französischen Kriegsgefangenen, der dort Schienenarbeiten für Straßenbahnen machte, entführt. Meine Mutter hatte oft, so wie es möglich war, etwas Brot an der Fahrbahnkante abgelegt. Die Männer … Sie waren alle fast verhungert. Somit beschloss meine Mutter, dem einen Gefangenen zu helfen. Ich nahm einen Tennisball und spielte an der Straßenkante mehrere Tage. Meine Mutter gab dem Aufseher auch etwas zu essen. Eines Tages warf ich den Tennisball zu dem Kriegsgefangenen und als er ihn mir gab, rannten wir beide in den Hausflur. Dort hatte meine Mutter Kleidung abgelegt, er zog sie über und wir liefen zu uns nach Hause. Hier wusch er sich und zog die Kleidung von meinem Vater an. Mutter kam nach und wir machten uns auf den Weg zur S-Bahn Wedding, fuhren bis Ostkreuz und stiegen um und fuhren mit dem Dampfzug nach Strausberg, wo wir am Stienitzsee ein Campinghäuschen hatten.

Dort verbrachte er – immer versteckt – ein halbes Jahr. 1943, im August wollte er – aufgepäppelt – zurück nach Frankreich. Kontakt hatten wir nicht. Jahre später erhielten wir ein Paket mit Schokolade.

Hier am Stienitzsee habe ich bis Ende 1944 meine Kindheit verbracht. Im Wald lag eine Panzerdivision. Diese Männer fragten meine Mutter, ob sie für die Soldaten was zu essen machen könnte. Sie besorgten es, meinten dann, sie dürften den Wald nicht verlassen, sonst würde man sie von der SS erschießen. Am nächsten Tag warfen sie Handgranaten in den See und holten die betäubten Fische aus dem See und brachten sie zu meiner Mutter, die dann bis in die Nacht hinein Fische gebraten hat für ca. 20 Panzersoldaten. Tage später knallte es im Wald und die Soldaten brachten Hasen und Wildkaninchen und enthäuteten die Tiere und machten sie bratfertig.

Tage später tauchte ein Angelboot über dem See auf und der Offizier in Uniform sagte zu meiner Mutter, wir sollten hier weggehen, die Soldaten gehen nach Berlin zur Verteidigung. Mutter soll sich im Dorf (Heinickendorf) melden beim Fleischer auf dem Hof. Hier wird alles, was 4 Beine hat, geschlachtet. Der Soldat, der dort schlachtete, gab uns eine Rinderleber und einen Kuhkopf sowie einen großen Handwagen zum Ziehen mit einer Lenkstange. Wir fuhren zurück mit dem Handwagen und mit Kuhkopf und Leber. Mutter war gerade beim Braten der Leber, da tauchten plötzlich zwei junge Soldaten auf und hatten Hunger. Eine Rinderleber ist groß. Die Soldaten wollten nach Berlin und warfen ihr Gewehr und Patronen ins Gebüsch. Daraufhin sagte meine Mutter, sie sollten sofort das Gewehr und die Patronen wieder an sich nehmen. Wenn sie „Kettenhunden“ (MILITÄRPOLIZEI) begegnen ohne Waffen, werden sie erschossen. Sie zogen dann los mit ihren Waffen und mit dem Rest von der gebratenen Leber.

Die Eisenbahn in Strausberg fuhr nicht mehr nach Berlin, so zogen wir den voll beladenen Handwagen mit 5 Frauen und 2 Kindern auf der B1 nach Berlin – mit den Soldaten, Panzern, Flakgeschützen und Transportern mit verwundeten Soldaten. Als es dunkel wurde, tauchten Flugzeuggeräusche auf und alle mussten von der Straße runter. Es wurde von oben geschossen. Mutter warf sich auf mich, um mit ihrem Körper mein Leben zu retten. Wir mussten uns mehrmals unter den Bäumen am Straßenrand verstecken. Im Morgengrauen erreichten wir Berlin und nahmen nur Handgepäck, um weiter den Wedding, die Müllerstraße, zu erreichen. Der Wagen blieb bei einer der Frauen zurück, dort, wo sie wohnte.

Wochen später begann die Eroberung Berlins. Der Keller wurde unser Zuhause. Soldaten kamen rein und rannten wieder raus und meinten, dass der Keller ein Sarg sei. Mutter und zwei Frauen standen vor dem Hauseingang und zwei junge Burschen kamen mit je einer Panzerfaust, so sagte es mir meine Mutter. Sie zogen die Jungs in den Hausflur, nahmen ihnen die Panzerfaust ab und versenkten diese in einem Löschbecken auf dem Hof, das im Notfall für das Löschen im Haus angelegt war. Die Jungs bekamen andere Kleidung, die viel zu groß ist. So haben die Frauen sie mit Sicherheitsnadeln passend gemacht. Die Kinder zitterten am ganzen Körper und meine Mutter brachte sie nach Hause, was nicht ganz ungefährlich war. Die SS nahm keine Rücksicht. Wer in Verdacht kam, wurde erschossen.

Eine Woche später: Wir schliefen bei Oma in der Erdgeschosswohnung. Ich hörte das Getrampel, es tauchten Pferdewagen auf – 6 Wagen und die Pferde. Einer hielt vor dem Fenster, wo ich hinter der Gardine stand. Es waren Russen, die sich versteckten. Er sah mich und ich sollte das Fenster öffnen und er gab mir ein Glas und zeigte mir „Mama“. Es ist Marmelade. Meine Mutter sprach Russisch und Französisch. Mit diesen Russen feierten wir das Ende des Krieges. Meine Mutter wollte man 2 × erschießen. Sie hatte sich für junge Soldaten eingesetzt.

Ich habe zum ersten Mal darüber geschrieben, auch nie groß darüber gesprochen, nicht mal mit den Kindern oder der Frau. Es geht um viele Kinder aus dieser Zeit. Und jetzt will Deutschland kriegstüchtig werden.

Uwe Klinger


Ein Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war

Der 16. März 1945 in Würzburg war ein schöner sonniger Tag. Meine Mutter war früh beim Friseur, zog ihren neuen Faltenrock an und schob mich am Mittag im Sportwagen am Main entlang.

Am späten Abend gab es Fliegeralarm und meine Mutter ging mit mir in den Keller. Da waren schon andere Hausbewohner, die mich – noch keine 2 Jahre alt – als Kellermäuschen begrüßten. Mein Vater war im Krieg; mein Opa, der älteste im Haus, war als Luftschutzwart eingeteilt.

Dann begann das 20-minütige Bombardement und die ganze Stadt brannte im Feuersturm.

Als die Menschen den Keller wieder verließen, half mein Opa beim Ausgang an der Kellertreppe. Meine Mutter wollte zusammen mit ihm und mir als Letzte den Keller verlassen. Da stürzte das Haus und der Kellereingang zusammen, begrub Opa unter den Trümmern und meine Mutter und ich waren im Keller gefangen.

Draußen brannte alles lichterloh und gegen den Rauch im Keller machte meine Mutter eine Windel im Wasserkübel nass (gedacht für den Löscheinsatz) und hielt sie uns vors Gesicht, damit wir besser atmen konnten. Als wir nach langer Zeit befreit wurden, kamen wir mit Rauchvergiftung in ein Krankenhaus. Wir waren ausgebombt, hatten alles verloren und wurden evakuiert nach Repperndorf bei Kitzingen.

Dieser ganze Zusammenbruch war natürlich keine Befreiung, sondern ein viele Jahre dauerndes Aufrappeln aus Nahrungsknappheit und sehr beengten Wohnverhältnissen. Und wie auch die Vertriebenen und Geflüchteten berichten, wurden auch wir misstrauisch beäugt und angefeindet im eigenen Land.

Aus dem später ausgegrabenen Notkoffer habe ich von meiner Mutter einen Aquamarinanhänger, an dem die Goldfassung angeschmolzen war.

Doris Pauthner


Wir waren die Kinder von Überlebenden.

Im Februar 1950 geboren, gehöre ich nicht zu den Kindern, die den Krieg erlebt haben. Berichten kann ich nur von dem, was auch bei uns, den nicht unmittelbar Betroffenen, zu unserem Engagement für die Friedensbewegung geführt hat, deren sichtbarstes Zeichen die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981 gewesen ist und die jetzt nötiger denn je wieder gebraucht wird.

In der Straße, in der ich aufwuchs, zeugten mehrere Ruinen von Bombeneinschlägen. Und lange noch war ein bei dem verheerenden Angriff auf den Bremer Westen im August 1944 ausgebombtes älteres Ehepaar bei uns einquartiert. (Bei 173 Angriffen von Royal Air Force und United States Army Air Forces wurden in Bremen 62 % der städtebaulichen Substanz zerstört, wobei rund 4.000 Menschen ums Leben kamen.) Meine Mutter und beide Großmütter erzählten vom Schrecken der Bombennächte, von quälendem Hunger und der Ungewissheit, ob das Haus, in dem man wohnte, den Angriffen entgangen war. Einmal hatte die Großmutter eine Brandbombe bei der Heimkehr aus dem Bunker mit nassen Handtüchern gegriffen und in den Vorgarten geworfen; ein brennendes Nachbarhaus konnte durch Löschen mit der Jauche aus der Senkgrube halbwegs gerettet werden.

Dass Bomben auf unsere kleine Vorortstraße geworfen worden waren, hing damit zusammen, dass hinter den Gärten ab 1935 gebaute Kasernen standen, in denen in meiner Kindheit Flüchtlingsfamilien wohnten.

Wir waren die Kinder von Überlebenden. Meinem Vater hat ein Beindurchschuss das Leben gerettet, weil er auf Genesungsurlaub war, als von seiner Kompanie nach einem Fronteinsatz niemand zurückkehrte. Er sprach selten vom Krieg, in den er gleich nach dem Arbeitsdienst mit 19 Jahren eingezogen worden war und aus dem er erst 1947 aus französischer Kriegsgefangenschaft völlig abgemagert heimkehrte. Davon weiß ich vor allem durch die Erzählungen seiner und meiner Mutter. Deutlich sichtbar war für uns ein Streifschuss am Kopf, der ihn den oberen Teil der Ohrmuschel – aber nicht das Leben – gekostet hatte.

Ob all die jetzt so Kriegsbegeisterten nachfühlen können, was es bedeutet, wenn zwei Menschen, wie meine Eltern, über viele Jahre nicht wissen, ob der, den sie lieben, noch lebt? Oder wie angstvoll Mütter, wie meine Großmutter, um ihre Söhne bangten. Und wie schwer der Start zurück ins Berufsleben für einen 27-jährigen Kriegsteilnehmer in der US-amerikanischen Besatzungszone war?

In der Nachbarschaft gab es Witwen, deren Männer nicht zurückgekehrt waren. Und dann gab es noch das Fräulein S. Wahrscheinlich war sie nur wenig älter als mein Vater. Auch sie hatte – als Krankenschwester in einem Lazarett – den Krieg hautnah miterlebt, so erzählte man. Sie war über das, was sie gesehen und erlebt hatte, verrückt geworden, kehrte nur physisch heim, stand immer mal laut schimpfend am Straßenrand, manchmal Unverständliches murmelnd, manchmal erklärte sie kalt und unheimlich: „Hier fahren sie mit dicken Autos und an der Front wird gestorben.“

Allein in ihrem Elternhaus wohnend, fuhr sie oft mit einem kleinen Handwagen, auf dem neben einer Waage etwas Obst oder Gemüse lag, auf den Markt in die Stadt und bot dort, die Fingerknöchel seltsam aneinander reibend, mit bösem Gesicht Verwünschungen ausstoßend, die Dinge an. Ich glaube, dass sich kaum jemand in ihre Nähe traute. Aber man ließ sie gewähren. Sie tat niemandem etwas, ihr war etwas angetan worden, und für mich war sie schon damals ein Sinnbild für das, was ein Krieg in der Seele eines Menschen anrichten kann.

Die NachDenkSeiten sind eine wichtige Informationsquelle für mich, für die ich dankbar bin.

Mit herzlichen Grüßen

Renate Schoof


Das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet

Als Nachkriegsgeborene habe ich keine eigenen Erinnerungen. Es wurde in der Familie auch wenig über den Krieg gesprochen, es war wohl zu schrecklich, diese Erinnerungen aus der Verdrängung herauszuholen. Trotzdem gab es so manche Erzählung, die in die Zeiten des Krieges zurückführten.

Meine Familie besaß mütterlicherseits einen großen Bauernhof, genau an dem Punkt, an dem die rote und weiße Saar zusammenflossen. Mein Opa war noch im Krieg, meine Oma wurde mit ihren beiden Töchtern von dort vertrieben. Wir bekamen auch nach dem Krieg nicht die geringste Entschädigung.

Meine Oma zog mit den Mädels bei einer Familie in der Nähe von Saarbrücken ein. Die besaßen ein großes Haus und waren grundsätzlich sehr großzügig, hilfsbereit und Gegner von Kriegen.

Wie’s der Zufall will (gibt es überhaupt Zufall?), saß ich vor rund 15 Jahren bei einer politischen Veranstaltung der LINKEN – rund 400 Menschen im Saal – einem älteren, sehr freundlichen Mann gegenüber. Wir kamen ins Gespräch, er fragte mich, woher ich komme. Ich sagte Fechingen hier bei Saarbrücken.

Er erzählte mir darauf, dass ihn eine Familie in Fechingen während seiner Fahnenflucht von der Front aufgenommen und versteckt hätte. Er nannte mir den Namen, und ich erwiderte, es sei genau die Familie, bei der meine Oma mit Kindern während des Krieges wohnte. Und – es war das Haus, in dem ich 1953 zur Welt kam.

Jetzt begann er mit seiner Erzählung. Er war in der Normandie stationiert. Einer seiner Kollegen hatte versucht zu fliehen und sollte erschossen werden. Mein Gegenüber war zum Erschießungskommando eingeteilt.

Er sagte mir dann, er habe stundenlang überlegt, ob er fähig sei, einen Menschen einfach so zu töten, ein Mensch, der vor dem Schrecken des Krieges fliehen wollte, selbst nicht mehr töten wolle.

In der Nacht habe er sich dann entschieden, selbst zu fliehen. Er erzählte mir vom Marschieren in der Nacht, verstecken tagsüber, und von der unglaublichen Angst davor, erwischt und dann erschossen zu werden.

Er habe fast drei Wochen benötigt, um Frankreich zu Fuß zu durchqueren, kam dann in Saarbrücken an und bei unserer Gastfamilie unter. Man bedenke diesen Mut der Familie, jemanden zu verstecken, der fahnenflüchtig war, das hätte damals wohl das eigene Leben gekostet.

Er erinnerte sich an meine Oma, und an meine Mutter als kleines Mädel. Wir hatten beide ob dieses Zufallstreffens Tränen in den Augen und besuchten einige Tage später die ehemalige Gastfamilie. Das war ein freudiges Hallo!

Trotz aller Kriegshölle gab es auch Menschen, die sich mit viel Mut dem entziehen konnten.

Ich selbst besuche oft das Grab von Willy Graf, auf einem Friedhof in meiner Nähe. Willy Graf war in der Weißen Rose. Während die Geschwister Scholl nach wenigen Tagen hingerichtet wurden, wurde Willy Graf neun Monate lang durch die Folterkeller der Gestapo geschleift, um weitere Namen der Teilnehmer zu erhalten.

Er verriet niemanden und wurde dann nach neun Monaten als 23-Jähriger hingerichtet.

Susanne Bur

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (1)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns einzusenden. Wir haben dazu zahlreiche, sehr berührende und interessante Beiträge erhalten. Von uns allen einen herzlichen Dank für Ihr Vertrauen in die NachDenkSeiten und dafür, dass Sie diese oft schmerzlichen und persönlichen Geschichten mit uns und der Leserschaft teilen. Die Redaktion.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wir werden eine Auswahl der vielen Beiträge in einer neuen Reihe veröffentlichen. Kürzere Beiträge erscheinen in einer Sammlung wie hier. Einige der längeren Beiträge werden wir als Einzelstücke veröffentlichen. Dies ist der erste Teil.

Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.


Keiner kann sich das heute vorstellen

Als Nachkriegskind – Jahrgang 1952 – habe ich den Krieg zwar nicht mehr selbst erlebt, aber einige seiner Folgen. Bis heute habe ich die Kriegsversehrten nicht vergessen – Männer, denen ein Arm oder ein Bein fehlte, die entstellt waren oder nicht mehr sehen konnten. Am schlimmsten fand ich die, denen beide Beine fehlten und die sich deshalb auf Brettern mit Rollen darunter oder kleinen Wagen vorwärts bewegten. Wer das gesehen hat, vergisst es nicht. Als Kind habe ich davon viel zu viele sehen müssen.

Ruinen gab es, an vielen Häusern waren Einschüsse zu sehen. Bilder von meiner zerstörten Heimatstadt waren für mich sehr erschütternd – ich konnte mir vorstellen, wie es ausgesehen hatte dort, wo ich lebte – auch wenn vieles schon wieder geräumt und aufgebaut war, die Spuren des Krieges waren unübersehbar.

An einigem mangelte es, als ich Kind war, manches wurde rationiert oder gab es auf Marken. Meine Oma war Schneiderin und konnte so auch mal aus einem Vorhangstoff, oder was es auch immer gab, einen tragbaren Rock oder ein Kleid machen.

Vom Krieg selbst haben meine Eltern nicht viel erzählt, auch später nicht, als ich gefragt habe. Mein Vater hatte einen jüngeren Bruder, den ich nie kennengelernt habe …

Meine Mutter war bei Kriegsende eine junge Frau Anfang 20 – keiner kann sich heute vorstellen, wie das in dem Alter sein mag, wenn für die Gründung einer Familie kaum Männer da sind – gefallen, gefangen, verstümmelt, traumatisiert …
Falls sie im Krieg jemanden verloren hat, hat sie nie darüber gesprochen.

80 Jahre nach Kriegsende gibt es die meisten Zeitzeugen nicht mehr, und für jemanden, der nicht wenigstens einige Kriegsfolgen erlebt hat, scheint das ganze Ausmaß des Grauens von Krieg und Zerstörung unvorstellbar zu sein. Die Bilder, die uns von anderen Kriegen, die relativ weit weg sind, gezeigt werden, scheinen viele nicht als brutale Realität und vor allem nicht als Gefahr für sich selbst und die eigenen Nachkommen zu begreifen.

Nur so kann ich mir erklären, dass kein allgemeiner Aufschrei kommt, wenn Deutschland nach zwei Weltkriegen wieder in den Krieg ziehen will.

Das sind meine Gedanken zum Thema, das so wichtig ist. Niemals hätte ich geglaubt, dass Krieg wieder real werden könnte. Ist die Menschheit überhaupt lernfähig?

Gruß, Beate Rüger


Unsere einzige Speise nach dem Krieg bestand aus Salzgemüse

Liebes Team der Nachdenkseiten,

ich bin Eurem Aufruf gefolgt und habe die Erinnerungen meiner 95-jährigen Mutter aufgeschrieben.

Vielen Dank für Eure Arbeit!

Mit freundlichem Gruß

Erinnerungen von Beate Schramm, geboren 1931 in Leipzig

Ich war vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, als der Blockwart mit einem Fragebogen zu uns kam. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater angab, dass er in der SPD ist. Der Blockwart meinte, das brauchen wir ja nicht aufzuschreiben. Hinterher machte meine Mutter meinem Vater große Vorwürfe – sie hatte Angst.

Meine Oma arbeitete als Aufwartefrau in einer jüdischen Familie; das sollte ich niemandem erzählen. Sie hatten den Familiennamen „Gewürz“ annehmen müssen. Ich habe mit bei ihnen am Tisch gesessen – es schmeckte sehr gut. Eines Tages sagte meine Oma: “Jetzt haben sie die auch noch abgeholt.“

Mein Vater wurde 1939 eingezogen; ich erinnere mich an einen Besuch in der Kaserne in Borna. Er musste die ganze Zeit im Galoppschritt neben uns herlaufen.

Ich besuchte die Volksschule und erinnere mich noch gut daran, dass an allen Wänden des Klassenzimmers Plakate hingen, auf denen „Die bolschewistischen Untermenschen“ dargestellt waren. Ein Feindbild hatte ich nicht; ich sagte zu meiner Freundin: „Warum sollen das unsere Feinde sein? Das sind genau solche Menschen wie wir.“

Wir wurden häufig aus der Schule nach einem Voralarm nach Hause geschickt. Da ich einen weiten Weg hatte, habe ich es nicht immer geschafft. Sobald ich die Tiefflieger sah, bin ich in den nächstgelegenen Luftschutzraum gerannt.

Ungefähr zwei Jahre lang gab es ununterbrochen, Tag und Nacht, Fliegeralarm, so dass wir viel Zeit bei Kerzenlicht im Keller verbrachten. Nur Weihnachten, am 24.12., waren keine Bombardements.

1943 fiel eine Bombe ca. 2 m neben unser Haus; dort war ein riesiger Trichter. Die Außenwände des Hauses waren abgerückt, die Innenwände teilweise zerstört. Einiges konnten wir retten, was ich mit dem Handwagen durch die ganze Stadt transportierte. Wir kamen erst bei meiner Oma unter; später wurden wir in die große Wohnung eines Junggesellen eingewiesen. Dieser erhängte sich, als er den Einberufungsbefehl bekam.

Vorwitzig lugte ich eines Tages aus dem Keller und sah einen amerikanischen Panzer – der Krieg war für uns vorbei, und wir hängten eine weiße Fahne aus dem Fenster.

Unsere einzige Speise nach dem Krieg bestand aus Salzgemüse (gesalzene Rübenblätter).

Später, als wir sowjetische Besatzungszone wurden, gab es Lebensmittelmarken. Die Schlangen nach Lebensmitteln waren sehr lang und die Leute standen in Dreierreihen an. Einmal wurde ich ohnmächtig.

Übergriffe von sowjetischen Soldaten habe ich nie erlebt. Die Sowjets brachten das Leben wieder in Gang; private Läden wurden wieder eröffnet, ebenso die Bücherei. Enteignungen gab es nicht. 1947 ging ich in die Tanzschule einer Frau Marga von Pelcherzin, wo uns neben Tanzen gutes Benehmen beigebracht wurde.

In der Schule hatten wir komplett neue, junge Lehrer, die sogenannten Junglehrer; alle alten waren entlassen worden.

Sonja Puppe


Und wenn Vater jetzt doch noch wiederkommt …

1945 hatte Deutschland den Krieg verloren. Wir lebten damals in Slowenien, Jugoslawien, von Deutschen besetzt. Muttle und wir 4 Geschwistern wurden als Flüchtlinge nach Österreich evakuiert. Alle 43 deutschen Volkssturmmänner, auch mein Vater, gerieten aber durch Verrat in die Gefangenschaft der Tito-Armee Jugoslawiens. Vielleicht ist es eine Gnade, dass wir nicht erfahren haben, auf welche Art sie alle liquidiert wurden. Trotzdem hat meine Mutter die Hoffnung nicht aufgegeben, auch wenn sie Vater für tot erklären lassen musste, um eine Hinterbliebenenrente zu bekommen.

Ich war bei Kriegsende 11 Jahre alt, meine Mutter 32. In hohem Alter – sie ist 92 geworden – hat sie sich noch mit einem verwitweten Freund meines Vaters angefreundet. Diesen Satz von ihr werde ich nicht vergessen: “Und wenn Vater jetzt doch noch wiederkommt, und ich bin ihm nicht treu geblieben!”

Das ist mein kleiner Beitrag, warum es – nicht nur in Deutschland – nie wieder Krieg geben darf. Mein Sohn hat 1988 Ersatzdienst geleistet, 15 Monate Jugendherberge.

Ruth Gisela Evers


In der Suppe konnte man die Fettaugen zählen

Erinnerungen aus dem 2. Weltkrieg, die ich von meinem Vater (93), von meiner Mutter (vor 2 Jahren mit 89 verstorben) und meiner Oma (Jahrgang 1901) geschildert bekommen habe:

Vater: Er sah als Junge zusammen mit seiner Oma ein abgeschossenes Flugzeug in der Neiße schwimmen, das man damals zusammen mit dem toten Piloten bergen wollte. Diese Szene hat er bis heute nicht vergessen. Und er wiederholt es immer mal wieder: Gott sei Dank war ich noch zu jung, um in die Hitlerjugend rekrutiert zu werden. Nur ein Jahr später und ich hätte in diesen Wahnsinn gemusst.

Mutter: Sie musste viele Monate zusammen mit ihrer Mama und ihrem Bruder in einer kleinen Waschküche wohnen, da das Haus durch Bomben zerstört war. Kleine, von der Ernte übrig gebliebene Kartoffeln „erntete“ sie zusammen mit ihrer Mutter immer beim sogenannten Stoppeln auf den Feldern. Die Füße taten oft weh, weil sie barfuß gehen musste. Sie mussten oft hungern und in der Suppe konnte man die Fettaugen zählen.

Oma: Sie war mit ihren Eltern und einem Handwagen, in dem sie ihre Habseligkeiten hatten, auf der Flucht. An den Straßenrändern sah sie als junge Frau viele Menschen liegen, die entweder zu schwach, zu krank oder bereits tot waren. Alle schwiegen und keiner beachtete sie. Als die Russen kamen, hatte sie anfangs Angst, weil man sich so viel grauenvolle Sachen von ihnen erzählte. Aber ihre Angst war dann doch unbegründet.

Alle drei haben mir immer wieder versichert, wie froh sie waren, als die russischen Soldaten kamen, die sie von diesem Wahnsinn befreiten.

Jede Woche telefoniere ich mit meinem Vater, der 500 km entfernt von mir wohnt, und er ist regelrecht am Verzweifeln angesichts der Kriegspropaganda und der Russophobie in diesem Land. Es tut mir so leid, dass er das in seinem Alter und nach seinen traumatisierenden Erfahrungen, die er in den Kriegsjahren machen musste, noch erleben muss.

Meine Eltern und Verwandten haben mir nicht wirklich viel erzählt. Aber das wenige, was sie mir dann doch geschildert haben, ist schon bedrückend genug.

„Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“

Dwight D. Eisenhower

Grüße

Martina R.


Alleine durch ein mehr oder weniger zerbombtes Süddeutschland

Liebe Nachdenkseiten,

meine Erinnerungen an die Erzählungen an das Ende des 2. Weltkrieges meines Vaters, Jahrgang 1933 sind inzwischen nicht mehr taufrisch, aber ich denke, es ist erzählenswert.

Ich weiß nicht mehr, ob es Mai oder schon Juni war, mein Vater, damals gerade 12 Jahre alt, war mit Kindern aus der Region Augsburg und Umgebung in Sonthofen im Allgäu auf der Sonnalp in Verschickung. Den Kindern ging es gut, aber der Kontakt zur Familie war unterbrochen. Als der beste Freund meines Vaters durch seine Mutter abgeholt wurde, entschied sich mein Vater kurz entschlossen, beide bis nach Kaufbeuren, dem Heimatort des Freundes, zu begleiten. Oder besser gesagt, er war bis dorthin in Begleitung. Von dort war es ein über 60 km langer Fußmarsch, alleine durch ein mehr oder weniger zerbombtes Süddeutschland, bis zum Heimatort Augsburg. Insgesamt eine Strecke von über 120 km. Ganz ehrlich, ich kann mir das für dieses Alter in der heutigen Zeit nur schwer vorstellen.

Ich vermute, mein Vater wurde nach dem Großangriff auf Augsburg im Feb. 1944 zur Kinderlandverschickung eingeteilt, damals noch 10 Jahre alt. Die elterliche Wohnung im Georgsviertel komplett ausgebrannt.

Sie fanden sich wieder, der Briefverkehr war nur sehr sporadisch, aber mein Vater wusste, dass Eltern und älterer Bruder bei Freunden der Mutter untergekommen waren. Er hat es geschafft.

Mit herzlichen Grüßen für Ihr tolles Team

Doris Hahn, Mutter von 3 Söhnen


Bildunterschrift: Anbei ein Foto meines 10-jährigen Vaters rechts auf dem Bild und seines 3 Jahre älteren Bruders.


Die Ernte des Todes

Sehr geehrte Nachdenkseiten-Redaktion!

Anbei aus meinen Erinnerungen!

Ein Handwagen. Auf dem Handwagen zwei Eimer und ein kleiner Junge – ich. Am Handgriff der Deichsel zwei Frauen – meine Mutter und meine Tante Elli. Ich schaue über die Deichsel hinweg, zwischen den zwei Frauen hindurch auf die große Durchgangsstraße. Auf der breiten Straße, die aus der Stadt führt, rollen Fuhrwerke, Wagen, wie sie die Bauern zum Einbringen der Ernte benutzen, davor zwei Pferde. Sie haben etwas geladen. Es ist kein Heu und kein Stroh. Es sieht schwärzlich aus. Eine nicht aufhören wollende Reihe bewegt sich da stadtauswärts. Außer dem Geräusch der eisenbereiften Räder und der Pferdehufe ist nichts zu hören. Kurz bevor eine kleine Seitenstraße einmündet, bleiben die Frauen stehen. Ein Geruch, den ich nie zuvor gerochen habe und den ich nie vergessen werde, dringt zu uns. Und dann erkenne ich, was da gefahren wird: Tote – bekleidet und nackt auf die Wagen geworfen. Wie viele? Nicht zu zählen. Waren es zwanzig auf einer Fuhre? Waren es mehr? Die zwei Frauen kehren um. Die rollenden Räder sind noch lange zu hören.

Anmerkung: Wo sind die Toten geblieben? Es gibt keine Gräber. Es gibt keinen Grabstein. Es gibt keine Zahlen.

Dietrich Selle


Erwin war Opas kleiner Bruder gewesen.

Diesen Leserbrief hatte ich im August 2024 an unsere Lokalzeitungen geschickt.

Gerne können Sie ihn, auch auszugsweise, für Ihre Aktion anlässlich des 8. Mai verwenden,

freundliche Grüße,

Neben dem Bett meines Opas hing immer ein Schwarzweißfoto eines ganz jungen Soldaten. Das sei Erwin, hieß es. Er sei „im Krieg gefallen“. Als Kind war das für mich ohne Bedeutung. “Krieg“ gab es keinen in meiner behüteten Welt, „gefallen“ war ein komisches Wort, und den jungen Mann in der altmodischen Uniform kannte ich nicht. Erst mit den Jahren sickerte das Grauen nach und nach in mich ein. Erwin war Opas kleiner Bruder gewesen.

Meines Vaters geliebte Oma Karoline wurde in den letzten Kriegstagen von Tieffliegern auf ihrem Acker niedergemäht. Er hat sie als Elfjähriger nach dem Angriff dort gefunden.

Das heißersehnte Schwesterchen meiner Mutter, Gudrun, konnte nach Tagen und Nächten im Luftschutzkeller nur noch tot geboren werden.

So ziehen sich Dramen und Traumen durch fast alle Familien, und doch werden mit jedem Tag, an dem wir uns und insbesondere die Machthabenden sich nicht mit aller Kraft für die Beendigung von Kriegen einsetzen, egal wer sie wo, wann und warum angefangen haben mag, weltweit täglich tausende weiterer Erwins, Karolines und Gudruns umgebracht.

Und jetzt wollen wir, will unsere Regierung, in NATO-Nibelungentreue tatsächlich wieder Mittelstreckenwaffen in Deutschland stationieren? Echt jetzt? Kann man eigentlich noch lauter „Hier sind wir, bitte bombardiert uns!“ schreien? Oder sollte man nicht vielleicht doch endlich aus der Geschichte lernen?

Andrea Scheib


Jetzt geht die Scheiße wieder los

Liebe Nachdenkseiten-Redaktion,

ich bin Jahrgang 1957. Habe daher den 2. Weltkrieg und die direkte Nachkriegszeit nicht mitbekommen. Aber ein Ereignis hat mein Leben und meine Einstellung zu Gewalt in jeder Form geprägt.

Mein Vater war im Krieg und auch danach noch lange Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Am 5. Juni 1967 (ich war 9 Jahre alt), der offene Beginn der Feinseligkeiten im Nahen Osten, saß mein Vater heulend am Küchentisch und wiederholte ständig einen Satz: “Jetzt geht die Scheiße wieder los.”

Ich glaube, mit dem jetzigen ‘Führungspersonal’ in sehr vielen Ländern könnte die Schei… bald wirklich wieder losgehen.

Eure Arbeit ist daher wichtiger als je zuvor!!

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Werner


Einmal im Leben einen ganzen Laib Brot auf einmal alleine essen dürfen

Sehr geehrte Damen und Herren,

hier mein Leserbrief zum Gedenktag 8. Mai:

Meine Eltern waren lebenslang stark vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet. Mein Vater sollte 17-jährig als “letztes Aufgebot” bei Kriegsende noch gegen die Sowjets in Tschechien kämpfen. Er überlebte. Im Alter kamen ihm häufig Tränen, weil er beinahe “verheizt” worden war. Meine Mutter (*1932) war zwei Jahre in einem KLV-Lager und dort massiv einer Erziehung nach NS-Ideologie unterworfen. Bei der Rückkehr meiner Eltern war ihre Heimatstadt München stark zerstört. Die Welt, die sie kannten, existierte nicht mehr.

Bis zur Währungsreform 1948 folgten Jahre des absoluten Mangels. Der größte Wunsch meiner Mutter war, einmal im Leben einen ganzen Laib Brot auf einmal alleine essen zu dürfen. Debatten über die Vorbereitung zur “Kriegstüchtigkeit” von Kindern und Jugendlichen empfand sie als schrecklich. Meine beiden Eltern wünschten sich nur eines: einen dauerhaften Frieden für künftige Generationen. Krieg war ihrer Meinung nach stets der falsche Weg. Es gibt nur Verlierer.

Mit freundlichen Grüßen

Doris Fuchsberger


Blitzschnell warfen wir die Stahlhelme in einen Vorgarten

Hallo NDS,

ich bin Jahrgang 1936 und in Schwabmünchen südlich von Augsburg aufgewachsen. Ich habe die ersten Kriegsjahre nicht als solche empfunden, höchstens, daß der Vater nicht anwesend, weil er Soldat war. Somit hatte die Mutter alles zu regeln, auch, daß wir, es muß 1941 gewesen sein, das erstemal mit der Bahn zu Vaters Mutter, also zur Großmutter nach Oettingen ins Ries fuhren. Daß die deutsche Wehrmacht nach Rußland eingefallen war, war für mich kein Thema. Aber die Großmutter machte uns mit Dingen bekannt, von denen wir keine Ahnung hatten, etwa, als sie sagte, hier sei die Synagoge gewesen. Synagoge war mir kein Begriff, und ich kann mich nicht erinnern, danach gefragt zu haben. Da wir beide, meine Schwester und ich, noch nicht schulpflichtig waren, blieben wir bis weit in den Herbst hinein in Oettingen, und eines Tages sah ich in der Nachbarschaft zwei ältere Frauen mit so gelben Flecken an der Kleidung vor einem Haus stehen. Ich dachte mir nichts dabei, aber als wir im nächsten Jahr in den Ferien wiederkamen, bewohnten dieses Haus eine junge Frau mit Kindern. Das fiel mir auf – die Hintergründe erfuhr ich erst nach Kriegs- und NS-Ende.

Ich wollte nun liebend gern in das Jungvolk der Hitler-Jugend, war aber viel zu jung. Aber wenn wir Buben etwas angestellt hatten, konnten wir hören, ihr kommt in den Katzenstadel, was uns kein Begriff war. Erst weit nach Kriegsende erfuhr ich, daß der Augsburger Katzenstadel, eine alte Kanonenfabrik, nach 1933 ein wildes SA-KZ war. Wir bekamen auch mit, daß der Friseur M. einen Witz erzählt habe und nach Dachau gekommen sei. Darauf konnten wir uns überhaupt keinen Reim machen, aber das war kein Witz, sondern Tatsache, wobei dahingestellt sei, ob tatsächlich Dachau oder “nur” kurze Zeit Gefängnis gemeint war.

1943 dann, wieder in Oettingen, begann sich der Krieg bemerkbar zu machen: In Oettingen wurden Evakuierte aus Essen erwartet, für die Wohnungen hergerichtet wurden. Aber auch in Schwabmünchen waren Vorbereitungen für den Bombenkrieg getroffen worden. U. a. hing in jedem Hausflur ein großes Plakat mit Verhaltensregeln im Luftkrieg, unterzeichnet von “Milch”, was mich belustigte. Wann genau es mit den Fliegeralarmen begann und wir in den Keller gingen, obwohl der Alarm dem Fliegerhorst Lechfeld galt, der mehrfach bombardiert wurde, weiß ich nicht mehr. Dort wurden die Düsenmaschinen Me 262 eingeflogen, die in Teilen auch in Schwabmünchen gefertigt wurden. Hörten wir Buben ihr eigenartiges Pfeifen, riefen wir “Turbinenjäger, Turbinenjäger!” Woher wir das wußten?

Am 4. März 1945 wurde auch Schwabmünchen mit dem Messerschmitt-Teilwerk von der US-Luftwaffe angegriffen. Da das Werk im Osten des Ortes lag, wir jedoch im Westen wohnten, blieben wir von Bombenschäden verschont. Es gab jedoch zahlreiche Tote und Verletzte. Da Schulhäuser getroffen worden waren, hatten wir zu unserer Freude lange keinen Schulunterricht.

Aber die Erwachsenen beredeten nun das Kriegsende und die Frage, ob wir von den Amis oder den Russen besetzt werden würden. So nach und nach stellte sich heraus, es würden wohl die Amis sein. Aber noch war der Krieg nicht zu Ende, und wir hatten weiterhin Angst vor Bombenangriffen, denen unsere Keller genauso wenig gewachsen sein würden wie die am 4. März. Seit einiger Zeit hatten wir vom Krieg manches mitbekommen, ich hörte von der Invasion in der Normandie, das erstemal diesen Begriff. Auch, daß ein gewisser Roosevelt ein schlimmer Bursche sein mußte, doch verstarb dieser, wie uns mitgeteilt wurde, und ich hoffte nun, daß dessen Tod die Wende des Krieges zu unseren Gunsten bringen möchte.

Unser Vater, der als älterer Jahrgang als Besatzer in Rumänien eingesetzt war, geriet 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, d. h., wir hatten zunächst keinerlei Nachricht von ihm. Hinzu kam, daß die Heereszahlstelle Oppeln, wie ich mitbekam, mit der sowjetischen Einnahme die Zahlungen einstellte, so daß die Mutter nun auch noch Geldsorgen zu den anderen Sorgen, um das tägliche Brot, Heizmaterial usw., am Hals hatte.

Doch im April kam die US Army mit zahlreichen Panzern und anderen Fahrzeugen von Westen her nach Schwabmünchen, und ich mit einem Freund mittendrin: Am vorigen Tag war nämlich nördlich des Ortes ein Wehrmacht-Versorgungszug steckengeblieben, und halb Schwabmünchen machte sich auf, um diesen zu plündern. Ein Freund und ich am nächsten Morgen auch, als das Wertvollere schon abtransportiert war. So konnten wir nur je einen Beutel Mehl “organisieren” und je einen Stahlhelm. Als wir nun unserer Wohnstraße zustrebten, sahen wir nun von Weitem die Ami-Soldaten links und rechts an den Straßenrändern entlang heranpirschen, die Gewehre im Anschlag … Blitzschnell warfen wir die Stahlhelme in einen Vorgarten und harrten der Dinge, die da kommen konnten. Doch die GIs beachteten uns Buben überhaupt nicht – der Krieg war für uns zu Ende.

Ich hatte den Krieg also nur am Rande miterlebt, aber gegen Ende war der Schrecken doch auch für uns Kinder bedeutend – allen heutigen Kriegstreibern wäre zu wünschen, wenigstens diesen Schrecken im völlig unzureichenden Keller ausgesetzt zu sein.

Fritz Schmidt


Hier können Sie den zweiten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Der Krieg, der niemals endet

11. Mai 2026 um 15:00

Vorschau ansehen

Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, Deutschland wurde besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt; Schlesien, Ostpreußen sowie Teile von Pommern und Brandenburg wurden unter polnische Verwaltung gestellt. Für Millionen Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren, bedeutete das Vertreibung, Hunger und Not. Gehe ich in die Zeit um 1945 zurück, lassen sich meine Erinnerungen in Anlehnung an eine Gedichtzeile von Heinrich Heine in dem Satz zusammenfassen: Denk ich an Schlesien in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Von Wolfgang Bittner.

Noch während des Zweiten Weltkriegs geboren, wuchs ich bis zur Vertreibung im Oktober 1945 in Gleiwitz auf, das heute Gliwice heißt und in Polen liegt. Schon als Kind im Alter von vier Jahren nahm ich intuitiv wahr, dass das Leben endlich ist, also auch mein Leben. Als Jugendlicher wurde mir dann bewusst, dass ich meine Zukunft planen musste, wollte ich nicht in der Enge meiner damaligen neuen Umgebung verkümmern.

Meine frühesten Erinnerungen setzten bruchstückhaft im Herbst 1944 ein. Jedes Mal, wenn ich heute Sirenen höre, rieselt es mir kalt über den Rücken. In meiner Erinnerung bröckelt Kalk von der Kellerdecke, an der sich Risse zeigen, die Wände beben und der Boden bäumt sich auf unter meinen Füßen. Die Angst der Erwachsenen. Meine Mutter weint, die Großmutter betet. Im Hinterhaus ist eine Bombe eingeschlagen. Der Großvater wird zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, eingezogen. Die Front rückte immer näher.

In der Nacht zum 24. Januar 1945 kamen die Russen. Das Grollen der Front war immer heftiger geworden. Wir saßen im Keller. Die unteren Fenster waren zugenagelt, die Türen verbarrikadiert und das Hoftor mit einer dicken Kette und einem Vorhängeschloss zugesperrt. Artilleriefeuer, das Rattern von Panzerketten, peitschende Schüsse, manchmal vibrierte der Boden. Das Schloss am Hoftor wurde aufgeschossen, im Seitenhaus und Hinterhaus schrien die Frauen, die vor ihren Kindern vergewaltigt wurden. Aber wir hatten Glück, die Haustüren hielten den Kolbenstößen stand.

Am nächsten Tag begannen die Plünderungen. Soldaten drangen in unser Haus ein; sie nahmen alles mit, was ihnen gefiel. Auf dem Fußboden lagen Hausrat, Kleidungsstücke und der Inhalt von Schränken und Schubladen; unser Klavier zerschellte bei dem Versuch, es aus dem Fenster abzuseilen, auf dem Hof. Wir sollten erschossen werden, weil meine Mutter ihren Schmuck versteckt hatte und das Versteck nicht verraten wollte. Zwei Soldaten zerrten an ihr und meiner Tante herum, aber die Großmutter, die Polnisch und auch ein bisschen Russisch sprach, vermochte die Gefahr in letzter Sekunde noch abzuwenden. Tagelang ging das so weiter, der Krieg war zu uns gekommen. Ich verstand das alles nicht.

Wenige Tage später pochte es an der Tür: Russische Militärpolizei und ein Kommissar in Zivil. Jemand hatte meinen Großvater, der in der NSDAP gewesen war, denunziert. Er wurde „abgeholt“, so nannte man das. „Ziehen Sie lieber einen Mantel an“, riet ihm der Kommissar, obwohl das Wetter mild war und die Sonne schien. Die Frauen weinten, und der Großvater ging mit den Männern, die ihn in die Mitte genommen hatten, fort. Das sehe ich noch wie heute. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Im April 1945 wurde in Gleiwitz eine polnische Verwaltung eingesetzt, und erneut fanden tagelang Plünderungen statt. Diesmal drangen Männer mit rotweißen Armbinden ein, die mit Pistolen herumfuchtelten und das mitnahmen, was die Russen übriggelassen hatten. Meine Mutter musste sich morgens um sechs zur Arbeit melden: In den Fabriken, wo demontiert wurde, beim Straßenbau, auf dem Rangierbahnhof. Abends wurden von den Betrunkenen Frauen gejagt. So vergingen die Tage und Wochen. Wir hatten kaum zu essen, obwohl die Großmutter alles, was uns geblieben war, auf dem Schwarzen Markt gegen Nahrungsmittel einzutauschen versuchte.

Ende August hieß es schließlich, dass alle, die nicht für Polen optieren, die besetzten Gebiete bis zum 1. Oktober zu verlassen haben. Zwanzig Kilo Gepäck durfte man mitnehmen, so war auf den Aushängen zu lesen. Meine Mutter wollte nicht polnisch werden, also mussten wir fort und alles, was uns gehörte, zurücklassen.

Anfang Oktober gingen wir zum Bahnhof, meine Mutter mit mir und den Großeltern aus Beuthen, deren Wohnung von einem polnischen Ehepaar besetzt worden war. Die Gleiwitzer Großmutter wollte bleiben, um auf den Großvater zu warten; sie hoffte immer noch auf seine Rückkehr, obwohl ein Nachbar berichtet hatte, er sei totgeschlagen worden. Der Zug war völlig überfüllt, aber wollten wir nicht in ein Lager gebracht werden, mussten wir Gleiwitz verlassen. Über diese Lager, die zum Beispiel in Lamsdorf, Zgoda, Myslowitz und Jaworzno eingerichtet worden waren, gab es grauenvolle Berichte.

Wir fanden nur noch etwas Platz auf dem Dach des Zuges, mit dem es zunächst nach Forst an der Neiße ging. Eine schreckliche Fahrt. Wenn Brücken oder Tunnel kamen, mussten wir uns flach hinlegen. Ich fror die ganze Zeit und hatte Angst, die Dachschräge hinunterzufallen. Unterwegs hielt der Zug plötzlich auf freier Strecke an, Männer mit Pistolen und Messern kletterten herauf. Sie schlugen auf die Menschen ein, rissen Koffer und Taschen auf, raubten alle Wertgegenstände und warfen jeden, der sich wehrte, hinunter.

Als der Großvater nicht schnell genug seine goldene Taschenuhr herausgab, stach ein Halbwüchsiger mit dem Messer auf ihn ein. Der Großvater, der viel Blut verloren hatte, wurde an der nächsten Station vom Roten Kreuz versorgt, so dass er am Leben blieb. Über Forst, kurz hinter der bereits streng bewachten Oder-Neiße-Grenze gelegen, ging es nach einem wochenlangen Aufenthalt in der Uckermark schließlich weiter nach Westen.

Helmstedt, so hieß der erste Ort hinter der so genannten Demarkationslinie (zwischen der russischen und der britischen Zone), wo wir in einem Sammellager notdürftig untergebracht wurden. Ich bekam nach den Entbehrungen der vergangenen Tage eine schwere Erkältung, der Lagerarzt vermutete Keuchhusten. Daraufhin erhielten wir die Genehmigung, weiter zu meinem Vater nach Ostfriesland zu reisen. Er lag dort nach einer schweren Verwundung in einem Lazarett und meine Mutter hatte ihn über den inzwischen eingerichteten Suchdienst ausfindig gemacht.

Ich erinnere mich noch genau an die Übernachtung in einem verwanzten Bunker in Braunschweig, an die Fahrt auf einem Lastwagen nach Hannover, an schrecklich kalte Bahnhöfe in Bremen und Oldenburg. Dort bekamen wir einen Zug an die Küste. Am 12. Januar 1946 erreichten wir endlich, halb verhungert, abends gegen neun Uhr Wittmund, eine Kleinstadt in Ostfriesland, damals am Rande der Welt.

Die Stadt, die vielleicht 4.000 Einwohner zählte, dazu etwa 2.000 Flüchtlinge und Vertriebene, lag auf einem Geestrücken am Rande der Marsch; bis zur Nordseeküste waren es nur zehn Kilometer. 1933 hatten die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und die Deutschnationale Volkspartei zusammen einen Stimmenanteil von 85,6 Prozent erhalten. Die damals wirtschaftlich und kulturell unterentwickelte Region hatte Tausende von heimatlosen Menschen aufzunehmen, was natürlich zu Lasten der einheimischen Bevölkerung ging, die ihren Unmut nicht zurückhielt.

Die Atmosphäre war feindlich, wir waren Eindringlinge, Störenfriede, für viele Einheimische „Polacken“ und „Rucksackgesindel“. Als meine Mutter im Herbst 1946 einen Bauern nach Falläpfeln fragte – der Garten lag voll davon –, wurden wir mit der Mistgabel vom Hof gejagt. Der folgende Winter war sehr kalt, wir hatten kaum zu essen und zu heizen.

Zuerst erhielten wir vom Wohnungsamt zwei Mansardenzimmer in einem Einfamilienhaus, später zogen wir dann ins Flüchtlingslager am Stadtrand, wo wir zehn Jahre blieben, bis es uns allmählich wieder besser ging. Ich verließ die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, endgültig 1966, nachdem ich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, um an der Universität in Göttingen zu studieren. Wenn ich es mir rückblickend überlege, ging für mich der Krieg eigentlich erst dann zu Ende. Aber das Gefühl von Heimatlosigkeit blieb bis heute.

Wenn ich jetzt einige der meinungsführenden Politiker und Journalisten höre und sehe oder ihre Verlautbarungen lese, sträuben sich mir die Haare. Sie sagen, Deutschland müsse aufrüsten und wieder „kriegstüchtig“ werden, und die Bevölkerung müsse sich deswegen einschränken. Mir dreht sich dabei der Magen um. Gut, dass immer mehr Menschen begreifen, dass sie belogen und betrogen werden.

Der Schriftsteller Wolfgang Bittner lebt in Göttingen. 2019 erschien sein Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“, 2014 das Buch „Die Eroberung Europas durch die USA – Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung“.

(Auszug von RSS-Feed)

Vergessene Kriege – Kamerun

10. Mai 2026 um 11:00

Vorschau ansehen

Während die Weltöffentlichkeit auf die großen Krisen blickt, versinkt ein weiteres afrikanisches Land im Schatten der Aufmerksamkeit. Kamerun steht für koloniale Altlasten, ausgebeutete Rohstoffe, autoritäre Herrschaft und vergessene Bürgerkriege. Der Westen schaut weg – solange Öl, Gas und strategische Interessen gesichert bleiben. Die Leidtragenden sind Millionen Menschen ohne Stimme. Von Dr. Gabriele Lademann-Priemer.

Die achte Wahl von Paul Biya

Es war eher eine Randnotiz in der Mainstream-Presse, dass am 12. Oktober 2025 der 92-jährige Paul Biya (geb. 1933) seine achte Amtszeit als Präsident in Kamerun antrat. Er hatte 53,66 Prozent der Stimmen, sein Rivale 35,19 Prozent. 2008 schaffte Biya die Begrenzung der Amtszeit des Präsidenten ab. Allerdings gab es nach der Wahl Unruhen von jungen Menschen und Oppositionellen, es soll vier Tote und 100 Festnahmen gegeben haben, auch Sicherheitskräfte seien verletzt worden.[1]

Biya regiert das Land seit 1982, er ist der am längsten amtierende und älteste Regierungschef überhaupt. Seine Partei ist die RDPC (Rassemblement Démocratique du Peuple Camerounais). Regelmäßig werden Wahlen abgehalten, die freilich hinsichtlich des demokratischen Verfahrens umstritten sind. Biya hält sich aus gesundheitlichen Gründen weitgehend in der Schweiz auf; seine Familie und seine Klientel verfügen über einflussreiche Posten. Angeblich habe jedoch die Tochter Brenda aufgerufen, ihren Vater nicht zu wählen, wohingegen einer der Söhne von Biyas Ehefrau Chantal als Nachfolger im Gespräch sei.[2] Die Parlamentswahlen, zunächst verschoben auf Februar 2026, sollen mittlerweile auf Dezember 2026 verlegt worden sein.

Das Land Kamerun

Aber was weiß „man“ schon über Kamerun? Allenfalls vielleicht, dass das Land von 1884 bis 1919 eine deutsche Kolonie war. 1884 landete Gustav Nachtigal (1834-1885) in Kamerun. Nachtigal war Afrikaforscher und ein leidenschaftlicher Kritiker des Sklavenhandels, den er selbst in Afrika erlebt hatte. Seit 1882 war er Reichskommissar, der im westlichen Afrika die Flaggen des Deutschen Reiches hisste.[3]

Kamerun ist im Süden begrenzt von Äquatorial Guinea, Gabun und der Republik Kongo (ehemals Kongo-Brazzaville), im Osten von der Zentralafrikanischen Republik, im Norden vom Tschad und von Nigeria und im Westen von Nigeria sowie dem Süd-Atlantik. In der Tourismusbranche wird Kamerun manchmal als „das kleine Afrika“[4] bezeichnet, denn es umfasst die verschiedenen Landschaftstypen und Klimate: Regenwald, Strände, Bergregionen mit dem meistens von Wolken verhangenen Mount Cameroon (4095m, der höchste Berg Westafrikas), sodann Savanne und außerdem Wüste im höchsten Norden des Landes. Seit 50.000 Jahren ist die Region bewohnt, 1472 betrat der Portugiese Fernão do Pó als erster Europäer das Land, später entwickelte sich der Sklavenhandel und dann der Handel mit Gummi und Palmöl.

Kamerun hat ca. 30.640.800 Einwohner, mehr als 100 Ethnien, die Amtssprachen sind Französisch und Englisch, aber darauf komme ich noch. Die Ureinwohner waren Baka-Pygmäen, die bis heute im Urwald leben – eine unterdrückte Bevölkerung, deren menschenrechtliche Probleme gar nicht beleuchtet werden. Bantu und Fulbe wanderten in das Gebiet des späteren Kamerun ein.

In den Jahren nach 2016 wurde gelegentlich von Aufständen berichtet, von „Rebellen“, die den „Staat Ambazonia“ (Hinterland der Bucht von Ambas) ins Leben riefen, sowie von Entführungen von Europäern in der Grenzregion im äußersten Norden, dem Ländereck Kamerun/Tschad/Nigeria. Aber seither hört man nicht mehr sehr viel, andere Konflikte und Kriege erregen deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit. Ob der Besuch des Papstes im April 2026 Spuren hinterlässt, wird sich zeigen.

Französische Kolonie Kamerun

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Deutsche Reich seine Kolonien, Kamerun wurde dem Völkerbund unterstellt und aufgeteilt in ein britisches und ein französisches Mandatsgebiet. Das britische Gebiet umfasste einen Teil Nordkameruns, der später an Nigeria angeschlossen wurde, sowie einen britischen Streifen im Nordwesten Kameruns, der einige traditionelle Königtümer (Fon-tümer) umfasst. Ein südlicher Teil wurde „Französisch-Kamerun“.

In den Fünfzigerjahren kämpften politische Parteien in Kamerun um die Unabhängigkeit, und Frankreich führte bis 1958 einen in Deutschland völlig unbekannten Kolonialkrieg[5] gegen sogenannte Rebellen. Zum einen war damals das mediale Augenmerk auf die französischen Kolonialkriege in Vietnam (damals Indochina 1945-1954) und Algerien (1954-1962) gerichtet sowie auf den Mau-Mau-Aufstand in Kenia (1952-1960) gegen die Briten, zum anderen flogen zwar französische Piloten Kampfeinsätze in Kamerun, es wurden jedoch afrikanische Truppen gegen die Bevölkerung eingesetzt, wenn auch die Franzosen mindestens Zeugen von Massakern wurden. Jedoch war auch der Widerstand der sogenannten Upécistes (Anhänger der UPC, Union des Populations du Cameroun) gewalttätig.[6] 1958 ermordeten die Franzosen den als charismatisch geltenden „Rebellenführer“ Ruben Um Nyobè (geb. 1913), der die Aufständischen hatte vereinen wollen und Generalsekretär der UPC gewesen war. Sein Name wurde ausgemerzt, und es war gefährlich, sich seines Todes zu erinnern.[7]

Die Aufständischen gingen in den „Busch“, daher ihre Bezeichnung als Maquisards (von Maquis, Busch). Man versuchte, spätestens seit Januar 1958 den Busch abzuholzen und niederzulegen. Gegen politische Gegner und Maquisards wurde mit Gefängnis, Folter und Mord vorgegangen. Anführer wurden auch im Exil verfolgt und zum Teil ermordet. Félix-Roland Moumié, geb. 1925 oder 1926, ebenfalls ein Führer der UPC, wurde 1960 in Genf vom französischen Geheimdienst mit Rattengift umgebracht.[8] Andere Mitglieder der Maquisards wurden gefoltert und, wenn sie überlebten, in Umerziehungslager verbracht.[9]

Der letzte Chef der UPC Ernest Ouandié, geb. 1914, kehrte 1961 aus dem Exil nach Kamerun zurück und kämpfte als Führer der Maquisards gegen das Regime. Beeinflusst waren die Maquisards vom Kommunismus. Ouandié wurde zehn Jahre später in Bafoussam im Januar 1971 mit zwei Kameraden auf dem Marktplatz erschossen, Bischof Ndongmo (1926-1992), der ihn unterstützt hatte, verschwand in einem Umerziehungslager.[10]

1960 erlangte Kamerun seine Unabhängigkeit, und die englischsprachigen Gebiete sollten sich entscheiden, ob sie an Nigeria oder Kamerun angeschlossen werden wollten /sollten. Die Option der Unabhängigkeit bestand nicht. Die Verwaltungen des britischen und französischen Teils unterschieden sich insofern, als die britische Verwaltung föderal war, die französische zentralistisch. Der Weg führte für die Fon-tümer im Nordwesten in den Zentralismus.

Kamerun und die Unabhängigkeit

Der erste Präsident Kameruns von 1960 bis 1982 war Amadou Ahidjo (1924-1989), ein Fulbe; er war ein Gegner Um Nyobès. Einerseits wurde Ahidjo wegen seiner undemokratischen Herrschaft kritisiert, andererseits aber auch gelobt als einer, der die Korruption bekämpfte.[11] Er beendete den Autonomiestatus der ehemaligen britischen Provinzen. 1972 wurde Kamerun zum Einparteienstaat. Englisch und Französisch wurden nicht mehr als gleichberechtigt anerkannt, Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit breiteten sich aus.[12] Damit war der Grundstein gelegt für den Kampf um die Abspaltung und die Gründung von „Ambazonia“ im Nordwesten Kameruns.[13]

Ambazonia umfasst ca. 43.000 Quadratkilometer und hat ca. sechs Millionen Einwohner. Was als friedlicher Protest begonnen hatte, wurde immer gewalttätiger auf beiden Seiten. Zunächst gab es Proteste u.a. von Lehrern und Juristen gegen die Benachteiligung der englischen Sprache; die Demonstrationen wurden blutig niedergeschlagen. 2017 wurde nach dem Generalstreik von 2016 die „Republik Ambazonia“ ausgerufen. Paul Biya nannte die „Sezessionisten“ „Terroristen“. Was für den einen Widerstandskämpfer sind, sind für den anderen Terroristen, es kommt auf den jeweiligen Standpunkt an, allerdings schließen sich Widerstandskampf und Terrorismus nicht unbedingt aus.

2024 gab es ca. 600.000 Binnenflüchtlinge, 73.000 Flüchtlinge ins benachbarte Nigeria sowie mehr als 6.500 Tote. Kinder sind durch Schulschließungen von der Bildung ausgeschlossen.

Zugeständnisse der Regierung blieben in der Umsetzung hinter den Vereinbarungen zurück, die Kämpfe flammten seitens der Aufständischen wieder auf. Es handelt sich wohl jetzt in erster Linie um Überfälle kleiner Gruppen, um Entführungen und Attentate, sodass das Gebiet im Nordwesten insgesamt unsicher ist. Der Tourismus ist hier zum Erliegen gekommen. Verschärfend wirken Korruption und Übergriffe durch verantwortliche Politiker. Die Hilfe, die von Kanada (2023) und der Schweiz angeboten wurde, wurde als Einmischung von außen abgelehnt. China investiert in Kamerun, mischt sich jedoch nicht ein, u.a. vermutlich, um keine Konzessionen zu verlieren.

Pressefreiheit gibt es nicht, die Opposition wird eingeschüchtert. 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt, deren Anliegen werden in der herrschenden Klasse aus Klientelismus und Nepotismus nicht beachtet.[14]

Die Forderung lautet, die Republik Ambazonia sollte anerkannt werden, Staatsoberhaupt solle der Fon (König) Gorji-Dinka werden. Der Fon ist Rechtsanwalt und hat politisches Asyl in England nach Jahren von Gefängnis, Folter, Hausarrest. Ob andere Widerstandsgruppen diesen Plan teilen, ist nicht bekannt.[15]

Im Fon-tum Oku im Nordwesten Kameruns treiben Rebellengruppen ihr Unwesen, allerdings ist nicht bekannt, wer dazu gehört und wer sie genau sind. Die beiden Zufahrtsstraßen dorthin sind unsicher.

Im hohen Norden operieren Gruppen wie Boko Haram grenzübergreifend. Vermutlich ist die Gruppe der Kotoko inzwischen wegen ihres „Heidentums“ ausgerottet von den Islamisten. Die Kotoko vermischten den Islam mit ihrer Tradition. Entführungen und Überfälle sind im äußersten Norden an der Tagesordnung. Schulen sind geschlossen, die Menschen leben in Unsicherheit. Man rechnet hier mit ca. 500.000 Binnenvertriebenen zwischen August 2022 und 2023. [16] Seit 2024 ist ein amerikanisches Hilfsprogramm eingestellt.[17]

Kameruns Wirtschaft

Frankreich unterhält mit Kamerun wirtschaftliche und militärische Beziehungen; der Westen hofft, dass durch das herrschende Regime Rebellengruppen und Kommunisten bekämpft werden.

Geschäfte werden mit korrupten afrikanischen Eliten gemacht. Ihre Korruption wird teilweise negiert aus Gründen des Antirassismus. Kamerun bietet Tropenhölzer, die weitgehend nach Arabien und China verschifft werden. In der EU sind meines Wissens Tropenhölzer seit einigen Jahren als Baumaterial verboten. Die Abholzung des Urwalds durch Fällen der Bäume und Anlegen von Straßen zum Abtransport entzieht den Pygmäen ihre Lebensgrundlage. Viele von ihnen arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen, zersetzt von Krankheit und Alkohol, auf den Farmen der bantustämmigen Bevölkerung. Menschenrechtsorganisationen scheinen diesen Missstand nicht im Blick zu haben. Es gibt in Kamerun eine Menschenrechtsorganisation, eine Kontaktaufnahme scheiterte. Sie ist regierungsabhängig.

Insgesamt ist Zentralafrika unruhig, ein Ende ist derzeit nicht absehbar. Im Golf von Guinea, einem Tiefseebecken, gibt es Ölförderung aller großen Konzerne. Ölplattformen sind vom Strand von Kribi aus zu sehen. ExxonMobil baute ferner zwischen 2000 und 2003 eine Öl-Pipeline von Tschad zum Hafen von Kribi (Kribi Deepwater Port) – mit erheblichen Beeinträchtigungen für die Umwelt. Inzwischen hat der Konzern seine Anteile an Savannah Energy verkauft, der Konzern ist in London registriert.[18] Es gibt LNG-Projekte u.a. vor der Küste Kameruns, und Europa hofft anscheinend auf LNG aus Afrika. Jedoch scheinen infrastrukturelle Probleme und politische Unsicherheit hinderlich zu sein.[19] Grundsätzlich ist anzumerken, dass die Einkünfte aus den Konzessionen an die großen Konzerne meistens nicht der Bevölkerung zugutekommen, sondern den jeweiligen Machthabern.

Die Haupteinnahmequelle Kameruns sind Erdgas und Erdöl, andere Exportgüter sind Kakao, Kaffee, Aluminium, Baumwolle und Kautschuk. Für Kaffee und auch Honig gibt oder gab es bäuerliche Kooperativen.

Kamerun und der Papstbesuch 2026

Seit dem 19. Jahrhundert sind die Katholiken mit heute 38,3 Prozent, Presbyterianer und Baptisten heute mit 25,5 Prozent die größten christlichen Kirchen in Kamerun. Die traditionellen Religionen sind verbreitet, der herkömmliche Islam mischt sich mit einheimischen Kulten und Gebräuchen, allerdings breitet sich seit Jahren ein arabisch geprägter Islamismus aus. 24,4 Prozent der Bevölkerung sind muslimisch.[20] Alle anderen werden anscheinend den traditionellen Religionen zugezählt.

In vielen Regionen werden traditionelle Feste gefeiert, Maskenumzüge, Orakellesungen mit einer Mischung von Tradition und Islam sind verbreitet, die alten Götter und Geister werden verehrt. Angeblich macht sogar die herrschende Familie Biya von der Heil- und Kräuterkunde der Pygmäen Gebrauch, auch wenn diese Menschen verachtet sind. Geheimgesellschaften sorgen im Nordwesten für Recht und Ordnung, dem muss sich selbst der Sultan von Foumban beugen; die Geheimgesellschaft zieht ihn alle zwei Jahre für seine Regierungsgeschäfte zur Rechenschaft. Es ist jedoch nicht bekannt, dass je ein Sultan abgesetzt wurde. Natürlich ist der Sultan von der Regierung in Yaoundé abhängig.

Vom 15. bis 18.April 2026 besuchte Papst Leo XIV. Kamerun. Er appellierte an die Regierung, die Korruption zu beenden und sich für den Frieden einzusetzen. Der Papst besuchte auch Krisengebiete wie die anglophone Region um die Stadt Bamenda, wo er bei einem interreligiösen Treffen sprach. Laut der International Crisis Group haben die Kämpfe dort seit 2017 mehr als 6.000 Todesopfer gekostet und 600.000 Menschen sind geflohen.[21] „Scharfe Worte richtete der Papst in seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede an die Kriegsparteien. ‚Die Kriegsherren tun so, als ob sie nicht wüssten, dass ein Augenblick genügt, um zu zerstören; dass aber oft ein ganzes Leben nicht ausreicht, um wiederaufzubauen‘, sagte er. ‚Sie tun so, als sähen sie nicht, dass Milliarden Dollars verbraucht werden, um zu töten und zu verwüsten, dass man jedoch nicht die Mittel findet, um zu heilen, zu erziehen und wiederaufzurichten.‘

Weiter erklärte Leo XIV.: ‚Wer euer Land seiner Ressourcen beraubt, investiert in der Regel einen Großteil der Gewinne in Waffen, in eine Spirale von Destabilisierung und endlosem Sterben.‘ Jeder aufrichtige Mensch müsse dies anprangern. ‚Die Welt wird von wenigen Herrschenden zerstört und von Myriaden solidarischer Brüder und Schwestern aufrechterhalten!‘“[22]

Titlbild: EVER STOCK/shutterstock.com

Weitere Literatur:

H.Boum, Les Maquisards, Ciboure 2015 (Roman), hier wird der Tod Ruben Um Nyobès beschrieben

T. Deltombe / M. Domergue/ J. Tatsitsa, La Guerre du Cameroun – L’ Invention de la Françafrique, Paris 2016

A. Mbembe, La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun, Paris 1996

V. Seitz, Afrika wird arm regiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann, München 2018


[«1] Vgl. zeit.de/politik/ausland/2025-10/kamerun-praesidentschaftswahl-proteste-douala-biya, abgerufen am 28.04.2026.

[«2] Vgl. evangelisch.de, Nachricht von epd vom 19.09.2025; ferner jeuneafrique.com, abgerufen am 16.04.2025.

[«3] Vgl. G. Rettenmaier unter: kolonialgeschichtema.com/gustav-nachtigal-1834-1885-wegbereiter-der-deutschen-kolonien/, abgerufen am 28.04.2026; vgl. ferner: spiegel.de/geschichte/gustav-nachtigal-afrikaforscher-bei-den-sklavenjaegern-a-1082581.html, abgerufen am 16.0402026.

[«4] Z.B. unter: kamerungo.org › kamerun-das-kleine-afrika , abgerufen am 29.04.2026.

[«5] Ein hier ebenfalls unbekannter Kolonialkrieg wurde 1947 von den Franzosen gegen aufständische Madagassen geführt mit ca. 20.000 Todesopfern.

[«6] Zu den internen Auseinandersetzungen innerhalb der UPC vgl. A. Mbembe, La naissance du maquis dans le Sud-Cameroun (1920-1960), Paris 1996, ohne Seitenzahlen.

[«7] Ebd.

[«8] Vgl. G. K. Glassner, “Dr. Félix-Roland Moumié and the Revolution in French Cameroon, 1948-1960” (1980). Master of Arts (MA), Thesis, History, Old Dominion University, DOI: 10.25777/8m7x-2124 digitalcommons.odu.edu/history_etds/127, abgerufen am 28.04.2026. Vgl. ferner: nzz.ch/schweiz/die-raetselhafte-ermordung-des-doktor-moumie-ld.1433817.

[«9] Vgl.Th.Deltombe/ M. Domergue/ J.Tatsitsa, La Guerre du Cameroun, Paris 2016, S. 210-211.

[«10] Ebd., S. 214-215; youtube.com, équinox TV, Ernest Ouandie’ s Fierce Fight against Colonial Rule in Cameroon, abgerufen am 28.04.2026. In dem Buch Ernest Ouandié von L.K. Kamga wird er als „Le ‚Che Guevara‘ africain“ gefeiert, erschienen 2016 bei Harmattan.

[«11] Vgl. V. Seitz, Afrika wird arm regiert, München 2018, S. 110.

[«12] Zu Ahidjo vg. dokumen.pub/imperialistic-politics-in-cameroun-resistance-amp-the-inception-of-the-restoration-of-the-statehood-of-southern-cameroons-9956558508-9789956558506-9789956715565.html, abgerufen am 28.04.2026.

[«13] Vgl. ambazonia.org, abgerufen am 16.04.2026.

[«14] Vgl. theconversation.com/cameroun-could-do-with-some-foreign-help-to-solve-anglophone-crisis-but-the-state-doesnt-want-it-244770, abgerufen am 16.04.2026; M. Glund, Kamerun, unter: bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/327306/kamerun/, abgerufen am 15.04.2026.

[«15] Vgl. ambazonia.org.

[«16] caritas-international.de ruft zu Spenden auf und auch vaticannews.va weist auf den Konflikt hin, ferner: A. B. Atabong, Kamerun vor den Präsidentschaftswahlen – Paul Biya zementiert die Scheindemokratie vom 9.10.2025, außerdem mündliche Mitteilungen von H. Christoph.

[«17] dw.com/fr/conflits-armes-inondations-insecurite-alimentaire-plongent-million-personnes-dans-urgence/video-75534766 , abgerufen am 29.04.2026. Dieser Artikel ist vom 17.01.2026.

[«18] Vgl. greenpeace.de/klimaschutz/energiewende/oelausstieg/esso-zerstoert-afrikas-natur-bau-tschad-kamerun-pipeline und jpt.spe.org/exxonmobil-extis-chad-and-cameroon, abgerufen am 30.04.2026.

[«19] Vgl. Hoffnung für Europas Gaskrise: LNG aus Afrika, unter: op-online.de/wirtschaft/hoffnung-fuer-europas-gaskrise-lng-aus-afrifa-zr-94240224.html, abgerufen am 30.04.2026.

[«20] Lt. Wikipedia sub voce Kamerun.

[«21] laouvelletribune.info/2026/04/devant-paul-biya-leon-xiv-reclame-la-fin-de-la-corruption-et-le-respect-des-drits-delhomme-au-cameroun/, abgerufen am 16.04.2026. Selbst wenn sich die Zahlenangaben z.T. überschneiden und notwendigerweise etwas vage sind, zeigt es sich, dass es Hunderttausende von Binnenflüchtlingen gibt, die von Hunger und Elend bedroht sind.

[«22] katholische-sonntagszeitung.de/papst-leo-xiv-in-kamerun-appelle-gegen-krieg-und-auspluenderung-614322/, abgerufen am 29.04.2026.

(Auszug von RSS-Feed)
❌