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Aus dem Koma erwacht | Von Anna Zollner

25. Januar 2026 um 10:54

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Aus dem Koma erwacht | Von Anna Zollner
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Aus dem Koma erwacht | Von Anna Zollner

Europas letzter Schlaf vor dem Sturz

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Was ist los mit den USA? Eigentlich nichts. Sie verhalten sich exakt so, wie sich Imperien immer verhalten, wenn ihr Zenit überschritten und der Abstieg nicht mehr aufzuhalten ist. Nicht moralisch entgleist, sondern machtlogisch konsequent. Sie pfeifen auf Regeln, weil Regeln nur für Aufsteiger nützlich sind. Imperien im Niedergang haben keine Geduld mehr für Maskerade. Sie ziehen die Gewalt offen, weil der Mythos nicht mehr trägt. Wo der Mythos bricht, beginnt die rohe Bilanz. Und ein Imperium lebt nicht von Verträgen, nicht von Moral, nicht von Werten. Es lebt vom Mythos seiner Unbesiegbarkeit. Für die eigenen Kinder. Für die eroberten Gebiete. Für jene, die glauben sollen, Teil von etwas Größerem zu sein.

Solange dieser Mythos funktioniert, liefert das Imperium nach der Eroberung Ordnung, Sicherheit, Recht und Stabilität. Es schafft eine Währung der Abhängigkeit. Mit dieser Währung kauft es Loyalität. Die Eroberten werden zu Helfern des Gewaltapparats, nicht aus Überzeugung, sondern aus Anpassung. Das Imperium delegiert seine Gewalt an jene, die es beherrscht. Ein Imperium lebt von der Ausbeutung seiner „Partner“, die ein Stockholm-Syndrom entwickeln und ihre Unterordnung mit Mitsprache verwechseln. Die USA bilden hier keine Ausnahme. Sie hatten nie Freunde. Sie hatten Interessen. Und diese Interessen hießen immer zuerst amerikanisch. America First ist kein Politikstil, sondern das Ende der Verstellung.

Der Niedergang beginnt nicht mit Überdehnung, sondern mit Fehlfokussierung. Die USA haben den Aufstieg Chinas verpasst, weil sie sich strategisch an Russland festgebissen haben. Zwei Jahrzehnte NATO-Expansion, Regimewechselpolitik, Sanktionen und Eskalationsrhetorik, während Peking Lieferketten, Technologie, Rohstoffe und Märkte gesichert hat. Jetzt dämmert es in Washington. Zu spät. Die BRICS-Staaten sind nicht mehr verhandelbar, sondern strukturell geworden. Der Petro-Dollar, Fundament der amerikanischen Machtprojektion seit den 1970er-Jahren, verliert seine Exklusivität. Wer Öl außerhalb des Dollarraums handelt, wird nicht mehr automatisch bestraft. Das ist kein Detail. Das ist tektonisch.

Was also tun? Pragmatismus ersetzt Ideologie. Konflikte unterhalb der großen Eskalationsschwelle am Köcheln halten. Russland militärisch beschäftigen, ökonomisch binden, moralisch ächten. Nicht besiegen, sondern binden. Parallel dazu die aufstrebenden oder widerspenstigen Partner zurückstutzen. Europa, allen voran Deutschland. Wie? Energieversorgung zerstören, Abhängigkeiten verschärfen, politische Eliten einbinden, Kanzler stellen. Finanzinteressen über Konzerne und Fonds, ideologische Durchdringung über Parteien, Stiftungen, NGOs. Atomisierung der Gesellschaft über Identitätspolitik und Dauererregung. Ein zerstrittenes Land stellt keine Fragen. Wer zerstritten ist, organisiert keinen Widerstand.

Hier erklärt sich auch die Sprengung von Nord Stream. Nicht als irrationaler Akt, sondern als strategischer Schnitt. Die Pipeline war die Hauptschlagader der deutschen Wirtschaft. Billige, planbare Energie war der entscheidende Wettbewerbsvorteil der Industrie. Mit der Zerstörung von Nord Stream wurde dieser Vorteil geopolitisch beseitigt. Ein Industrieland wird absichtlich energieblind gemacht. Deutschland verliert, Energie wird teuer, US-LNG gewinnt Marktanteile.

Diese Logik ist kein Geheimwissen, sondern wird seit Jahren offen formuliert. In einem geleakten Strategiepapier der RAND Corporation wird empfohlen, Russland systematisch zu „überdehnen und aus dem Gleichgewicht zu bringen“ – durch Energiepolitik, Sanktionen, militärische Bindung und Stellvertreterkonflikte. Die Essenz: Russland wirtschaftlich schwächen, militärisch beschäftigen, international moralisch an den Pranger stellen – und den wirtschaftlichen Kollateralschaden für Europa, insbesondere für Deutschland, ausdrücklich in Kauf nehmen. Europa ist nicht Partner, sondern Einsatzmasse.

Die Ukraine spielt in dieser Architektur die Rolle des Bindeglieds: militärischer Vorposten, moralischer Hebel, Dauerkrisenraum. Die Minsker Abkommen dienten nicht der Befriedung, sondern – wie später offen eingeräumt – der verdeckten Aufrüstung der Ukraine. Diplomatie als Zeitgewinn. 

Friedensverträge als Ladehemmung für den nächsten Krieg. Parallel dazu das offene Bekenntnis amerikanischer Spitzenvertreter zur Geringschätzung europäischer Interessen – „fuck the EU“ war kein Ausrutscher, sondern Zustandsbeschreibung. Deutschland sollte zahlen: mit teurer Energie, mit Waffenlieferungen, mit Flüchtlingskosten, mit der Belastung seiner sozialen Sicherungssysteme.

Ergänzung:

Der Charakter dieses Vorgehens wurde später offen bestätigt. Angela Merkel räumte ein, dass die Minsker Abkommen nicht als Friedensinstrument gedacht waren, sondern dazu dienten, Zeit zu gewinnen – Zeit für Aufrüstung, Ausbildung und militärische Vorbereitung der Ukraine. Minsk war damit kein gescheiterter Vertrag, sondern ein bewusst gebrochenes Versprechen. Ein Abkommen als taktische Pause, nicht als Lösung. Diplomatie wurde zur Funktion der Kriegsökonomie, Vertrauen zur Wegwerfressource. Der Verrat von Minsk war kein Betriebsfehler, sondern Teil der Architektur.

Das Ergebnis ist kein Betriebsunfall, sondern Wirkungskette: Deindustrialisierung, steigende Sozialausgaben, fiskalischer Druck, Aushöhlung der sozialen Marktwirtschaft. Der Sozialstaat wird nicht reformiert, er wird geopolitisch zerlegt. Ein Standort wird geopfert, um ein Imperium zu stabilisieren.

Dann die Konzentration auf die eigene Hemisphäre. Grönland, Kanada, USA, Mittelamerika, Südamerika. Die alte Monroe-Doktrin, neu lackiert. Venezuela war kein Ausrutscher, sondern ein Testlauf. Rohstoffe, Einflusszonen, Zugriffssicherung. Imperiale Selbstkonsolidierung. Gleichzeitig der Ausstieg aus jenen internationalen Organisationen, die das Imperium selbst einst geschaffen hat, um andere zu binden. Völkerrecht ist ein Werkzeug für Sieger. Sobald es bindet, wird es lästig. 

Regeln gelten nur, solange sie nützen.

Venezuela fügt sich hier nahtlos ein. Das Land verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt und ist seit 1914 Förderstaat – lange vor Saudi-Arabien. In den 1930er- und 1940er-Jahren spielte Venezuela für die USA eine Rolle, die später Saudi-Arabien übernahm. Der Bruch kam mit der Verstaatlichung und der Öffnung gegenüber russischen und chinesischen Ölkonzernen. Öl außerhalb des westlichen Einflussraums drückt Preise. Genau das ist für das amerikanische Fracking-Öl toxisch, das dauerhaft hohe Preise benötigt. Venezuela ist kein Problem. Venezuela ist ein Reservekanister. Sanktionen ersetzen hier den Zugriff.

Darüber hinaus fungiert Venezuela als strategische Absicherung für den Ernstfall eines Krieges mit dem Iran. Die Straße von Hormus ist eines der zentralen Nadelöhre der Weltwirtschaft: Rund 20 Prozent des globalen Ölhandels passieren diese Meerenge. 

Eine militärische Eskalation würde den Weltmarkt schockartig verknappen und die Preise explodieren lassen. Die USA wären davon strukturell kaum betroffen. Zwar sind sie heute der größte Ölproduzent der Welt, verbrauchen aber mehr, als sie fördern, und importieren weiterhin einen Teil ihres Bedarfs. Dennoch sind sie nahezu selbstversorgt. Der Ölpreisschock trifft Europa, nicht Amerika. Ein drastischer Ölpreisanstieg wäre für die USA kein Risiko, sondern ein Vorteil: Er stabilisiert die teure Fracking-Förderung und eröffnet zugleich die Möglichkeit, venezolanisches Öl zu hohen Preisen auf den Markt zu bringen. Während Europa Energieknappheit, Inflation und Deindustrialisierung verkraften muss, würde Washington von der Verknappung profitieren.

Die Nachkriegsordnung der UNO mit Vetorecht ist eine Ordnung des Jahres 1945, diktiert von den Siegern, dominiert von den USA. Sie war nie neutral, nur funktional. Jetzt steht sie im Weg. Also wird sie ersetzt durch etwas Unverbindlicheres, Nebulöseres: eine „wertebasierte Ordnung“. Werte sind dehnbar. Werte sind marktfähig. Werte haben Börsenkurse. Die Moral wird privatisiert, die Gewalt verstaatlicht. Das Faustrecht kehrt nicht zurück, weil es nie weg war. Es wird nur nicht mehr verschleiert.

Und Deutschland? Deutschland ist immer noch naiv. Es hat die Erzählung vom großen Bruder geschluckt, der für Frieden sorgt, während er Kriege führt. Es hat geglaubt, Souveränität sei delegierbar. 

Es hat seine Energieversorgung geopolitisch entkernt, seine Industrie exponiert, seine Außenpolitik moralisiert und sich dabei für erwachsen gehalten. Deutschland hält Gehorsam für Reife. Jetzt steht es zwischen den Fronten und nennt das Verantwortung.

Die nächste Phase ist bereits sichtbar. Russland, China, Indien werden sich nehmen, was sie brauchen. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Autarkie schlägt Moral. Zugriff schlägt Appell. Wer glaubt, diese Welt lasse sich mit Appellen regieren, verwechselt Pressekonferenzen mit Macht. Macht fragt nicht. Macht nimmt.

Die Konsequenz wäre klar, wenn man sie auszusprechen wagte. Europa müsste sich aus den Klammern des Zweiten Weltkriegs lösen. Souverän werden. Autark denken. Strategisch handeln. Keine fremden Truppen mehr als Sicherheitsgarantie, sondern als Risiko. Russland als Nachbar, nicht als Erzählung. Handel und Annäherung statt Frontstaatromantik. Ein freier Markt ohne Blocklogik. Raus aus der NATO, rein in ein defensives, europäisch-eurasisches Sicherheitsbündnis, das Grenzen schützt statt Kriege exportiert. Neutralität ist keine Feigheit, sondern Selbstachtung.

Dafür müsste Deutschland jedoch aufräumen. Mit jenen Strukturen, die systematisch US-Interessen über deutsche stellen. Mit transatlantischen Thinktanks, Einflussnetzwerken, Stiftungen. Mit einer Presse, die zu neunzig Prozent Narrativlieferant statt Kontrollinstanz ist. 

Patriotismus müsste rehabilitiert werden als Liebe zur Heimat, nicht als Verdachtsmoment. Wer Heimat delegitimiert, delegitimiert Widerstand. Wer das bekämpft, verrät nicht die Moral, sondern die Souveränität.

Ironischerweise verdanken wir diese Klarheit ausgerechnet der unverhohlenen Politik eines Donald Trump. Seiner völligen Gleichgültigkeit gegenüber europäischer Befindlichkeit. Seiner brutalen Offenheit. Der große Bruder war nie ein Bruder. Er war immer ein Schulhofschläger mit besseren PR-Abteilungen. Jetzt sehen es alle. Nicht weil er ehrlich ist, sondern weil er sich die aufwendige Tarnung nicht mehr leisten kann. Das ist das Aufwachzimmer. Die Frage ist nur, ob Europa danach handelt oder wieder einschläft.

Wenn Europa jetzt wieder einschläft, wird es untergehen. Diesmal gibt es kein Rettungsboot. Kein Marshallplan. Keine schützende Hand von außen. Wer in dieser Phase der Geschichte Bequemlichkeit mit Sicherheit verwechselt, stimmt der eigenen Sterbehilfe zu.

+++

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

+++ 

Bild: Fußgänger gehen am 26. November 2018 vor dem Gebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel, Belgien.

Bildquelle: Alexandros Michailidis /shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)

Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner

11. Januar 2026 um 10:29

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Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner
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Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Wenn das Leben ein Schachspiel ist, dann nicht, um bekannte Partien zu wiederholen. Es ist da, um eine eigene zu spielen. Nicht, weil Originalität ein moralischer Wert wäre, sondern weil nur im eigenen Zug Erfahrung entsteht. Nachgespielte Siege bleiben an der Oberfläche. Sie bestätigen Regeln, aber sie verändern nichts. Erkenntnis entsteht dort, wo man das Ergebnis nicht kennt, wo ein Zug misslingen kann, wo Verlust möglich ist. Der eigentliche Gewinn liegt nicht im Punktestand, sondern in der Perspektive, die sich nur im Wagnis der eigenen Partie öffnet.

Dieses Prinzip lässt sich weiter fassen als individuelle Lebensführung. Es beschreibt eine Struktur des Lebens selbst. Ein Pol erzwingt seinen Gegenpol. Einheit erzeugt Trennung, wie Einatmen das Ausatmen erzwingt. Stillstand wäre kein Frieden, sondern Tod. Bewegung entsteht aus Spannung. Wo alles vollkommen abgeschlossen wäre, gäbe es nichts mehr zu erfahren. Vollkommenheit, die ruht, hebt sich selbst auf.

Darum ist Unvollkommenheit kein Defekt, sondern eine Bedingung. Sie ist nicht der Makel am Sein, sondern seine Funktion. Nur wo Mangel möglich ist, kann Erfahrung entstehen. Vollkommenheit kann keinen Mangel hervorbringen. In sich selbst ist sie geschlossen. Erst durch ihren Gegenpol wird sie lebendig. Erfahrung ist nicht das Ziel des Prozesses, sondern sein Mittel.

Der Mensch ist in diesem Modell nicht der Besitzer von Erfahrungen, sondern ihre Oberfläche. Erfahrungen werden nicht gemacht, um ein individuelles Konto zu füllen, sondern damit sie gemacht worden sind. Sie müssen durchlebt werden, damit sie im Ganzen verfügbar bleiben. Nicht als Information, sondern als gelebte Qualität. Erfahrung ist kein Datensatz. Sie ist Geschmack.

Hier hilft ein alltägliches Bild. Alte Kochrezepte können vollständig, präzise und bewährt in einer Schublade liegen. Sie sind als Möglichkeit vorhanden. Doch solange sie nicht gekocht werden, produzieren sie keinen Geschmack. Kein Geruch erfüllt die Küche, kein Gaumen erinnert sich, keine Variation entsteht. Das Rezept ist richtig, aber leblos. Erst der Vollzug erzeugt Wirklichkeit. Und erst der Genuss der Mahlzeit, am besten in Gemeinschaft, lädt das Essen mit erhöhter Qualität der verbrachten Zeit auf.

So verhält es sich mit Erfahrung. Vollkommenheit besitzt alle Rezepte. Sie ist der vollständige Vorrat aller Möglichkeiten. Aber Besitz allein erzeugt keine Welt. Erst das Kochen bringt Hitze, Zeit, Fehler, Abweichungen, Gelingen und Misslingen hervor. Erst dann entsteht Geschmack. Erfahrung ist das Kochen der Möglichkeiten.

Rezepte, die zu lange nicht gekocht werden, verblassen. Nicht weil sie falsch werden, sondern weil Erinnerung ohne Vollzug an Kraft verliert. Geschmack muss immer wieder erzeugt werden. Wird er vergessen, entstehen Erinnerungslücken. 

Darum ist Wiederholung notwendig, aber nicht als identische Version. Es geht nicht um die exakte Reproduktion desselben Gerichts, sondern um die Wiederkehr seiner Qualität in neuer Form, in neuem Umfeld. Alles muss immer wieder gemacht werden, damit es lebendig bleibt. Damit es am Leben bleibt. Nichts währt ewig, auch nicht die Ewigkeit. Denn Ewigkeit ohne Erneuerung wäre Stillstand. Und Stillstand wäre das Ende der Erfahrungsfähigkeit.

In diesem Sinn ist Leben kein Weg zur Vollkommenheit, sondern der Mechanismus, durch den Vollkommenheit sich selbst erhält. Nicht weil ihr etwas fehlt, sondern weil sie sich immer wieder selbst erfahren muss, um nicht zu erstarren. Die Möglichkeit der Unvollkommenheit ist nötig, damit Vollkommenheit sich überhaupt als Bewegung zeigen kann. Eine Art Sog. Dieser Prozess endet nie.

Religionen, Mythen und Philosophien haben diese Struktur als Grundbedingung der sich stets verändernden Schöpfung in unterschiedlichen Bildern beschrieben. Kreisläufe, Wiederkehr, Fall und Rückkehr, Tod und Auferstehung, Samsara und Erlösung. Formal sprechen sie von Zielen, strukturell beschreiben sie Bewegung – auf allen Ebenen. Nie ist vom endgültigen Stillstand die Rede. Immer nur vom Ende einer Form. Denn ein Pol ohne Gegenpol wäre bedeutungslos. Er wäre gar nicht existent.

Der Mensch lebt den Gegenpol der Einheit. Nicht als Strafe und nicht als Prüfung, sondern als Funktion. Er erfährt Trennung, Zeit, Verlust und Begrenzung, damit Erfahrung entstehen kann. Dadurch wird Einheit nicht verraten, sondern ermöglicht. Erfahrung ist der Weg, auf dem Vollkommenheit sich von außen begegnet. Nicht als Konzept, sondern als gelebte Wirklichkeit.

Das verlangt Unvoreingenommenheit gegenüber persönlich Neuem. Wer nur bekannte Partien spielt, bestätigt das Regelwerk, aber erzeugt keine neue Erfahrung. Wer nur nachkocht, was andere bereits perfektioniert haben, gewinnt vielleicht Anerkennung, verliert aber die Möglichkeit einer eigenen Perspektive. Erkenntnis entsteht nicht im sicheren Sieg, sondern im Vertrauen auf den eigenen Zug. Oder nüchterner: in der Bereitschaft, sich der eigenen Bestimmung anzuvertrauen.

Diese Bereitschaft ist kein heroischer Akt. Sie ist schlicht die Öffnung für Erfahrung. Sie akzeptiert, dass Niederlagen Teil des Spiels sind und dass ihr Wert nicht im Scheitern liegt, sondern in dem, was dadurch erfahrbar wird.

Das Ego handelt im Auftrag der Seelen, geparkt in der Ewigkeit.

So verstanden ist Leben kein Projekt der persönlichen Optimierung. Es ist auch kein moralischer Auftrag. Es ist eine Funktion im großen Haushalt der Möglichkeiten. Ein Kochen am Erfahrungstisch, bei dem nichts endgültig gelingt und nichts endgültig misslingt. Alles wird gemacht, vergessen, wieder gemacht. Nicht aus Zwang, sondern aus Notwendigkeit. Neues Leben lauert in den möglichen Varianten des Lebens. Das Ego als Facelift der Seele.

Guten Appetit am Erfahrungstisch heißt dann: nicht sammeln, sondern improvisieren. Nicht nur bewahren, sondern neu vollziehen. Nicht permanent rezitieren, sondern neu erfahren. Die Rezepte sind da. Der Herd ist heiß. Aber Bewegung entsteht nur, wenn jemand den Topf aufsetzt und den Löffel rührt, bevor er ihn irgendwann abgibt – an einen Nachfolger.

Vor diesem Hintergrund wird sichtbar, warum der Traum von technischer Unsterblichkeit kein spiritueller Fortschritt sein kann, sondern Sabotage am Ur-Konzept.

Der Transhumanismus, der die Unsterblichkeit zum Ziel erklärt, ist so natürlich wie Plastik im Wald. Wer die Erfahrung des Todes nicht macht, wer die Endlichkeit des Individuums umgeht oder technisch suspendiert, trägt nichts zur Vollkommenheit bei. Er konserviert, statt zu erfahren. Er kocht nur für Gäste, die bereits da sind – nicht für jene, die erst kommen werden, irgendwo, irgendwann.

Der Tod ist kein Fehler, sondern eine notwendige Erfahrung. Er ist der Punkt, an dem das Individuum seine Begrenzung vollständig durchlebt. Wer nicht stirbt, liefert keine neue Qualität an Erfahrung. Er färbt Bekanntes nur künstlich ein. Aus der Sicht der Schöpfung eine Fehlfunktion. Eine Fehlfunktion, die verschwinden wird.

Zudem ergibt sich aus der möglichen Meta-Idee des Transhumanismus eine unbequeme Frage: Bedeutet die im Transhumanismus, oft in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz, angestrebte drastische Verkleinerung der Menschheit zugleich eine Verkleinerung jener Erfahrungsflächen, die für die Ewigkeit notwendig sind? Weniger Menschen, weniger Sterben, weniger Übergänge – weniger Erfahrung? Wird der Erfahrungsraum selbst verengt?

Wer nicht mehr stirbt, bleibt in der Unvollkommenheit gefangen wie in einem Zoo. Er konserviert das Individuum, statt ihm die Möglichkeit zu wachsen zu erlauben. Er schließt sich selbst aus der Vollkommenheit aus, aus der er entsandt wurde, um Erfahrungen für sie zu machen. Nicht als Opfer, sondern als Beitrag.

Physische Unsterblichkeit wäre dann kein Fortschritt, sondern eine Verweigerung des letzten und entscheidenden Rezepts. Ohne Tod kein neuer Geschmack. Ohne Ende kein neuer Anfang. Ohne Übergang keine Bewegung.

Und damit kein Leben.

Diese Logik ist nicht neu. Sie ist älter als jede Technologie und älter als jede Maschine.

In dieses Bild fügt sich eine alte Geschichte mit erschreckender Aktualität. Herodes wollte Jesus verhindern, noch bevor dieser überhaupt öffentlich werden konnte. Nicht durch Argumente, nicht durch Diskurs, sondern durch einen radikalen Eingriff in die Möglichkeit selbst: den Befehl, alle neugeborenen Knaben in seinem Herrschaftsbereich töten zu lassen. Nicht die Tat war das Ziel, sondern das Ausschalten der Option. Maria und Josef entkamen durch Flucht. Die Möglichkeit entzog sich der Kontrolle.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Mordbefehl, sondern das, was folgte. Die ersten rund dreißig Jahre im Leben Jesu sind der Öffentlichkeit weitgehend entzogen. Keine Chroniken, keine Berichte, keine gesicherten Erzählungen. Erst die letzten etwa drei Jahre werden sichtbar – und selbst diese sind gefiltert, redigiert, von Mächtigen geformt, bevor sie den Massen zugänglich gemacht wurden. Das Entscheidende bleibt verborgen, das Wirksame wird kanalisiert.

Überträgt man dieses Muster auf die Gegenwart, drängt sich eine unbequeme Analogie auf. Die gezielte Reduktion von Menschen, die Steuerung von Fruchtbarkeit, die Idee, zukünftiges Leben nur noch selektiv „freizuschalten“, könnte von einem ähnlichen Motiv getragen sein. Nicht aus Fürsorge, sondern aus Kontrolle über Möglichkeiten. Weniger Menschen bedeuten weniger Übergänge, weniger Leben bedeuten weniger Tod, weniger Tod bedeutet weniger Erfahrung.

In dieser Perspektive wäre Transhumanismus nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein präventives. Ein Versuch, bestimmte Möglichkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Das prophezeite Comeback des Auferstandenen – verstanden nicht als einzelne Figur, sondern als wiederkehrende Qualität – soll im Ansatz verhindert werden. Nicht das Ereignis wird bekämpft, sondern seine Voraussetzung.

Doch auch das greift zu kurz. Denn wenn Vollkommenheit tatsächlich alle Möglichkeiten bereits enthält, dann ist auch diese Vermeidungsstrategie Teil ihres Repertoires. Jede Umgehung ist mitgedacht. Jede Blockade erzeugt einen neuen Gegenweg. Herodes scheiterte nicht, weil er falsch handelte, sondern weil Handlung selbst immer schon in einem größeren Möglichkeitsraum steht.

Was verhindert werden soll, findet andere Formen. Was unterdrückt wird, verschiebt sich. Was abgeschnitten scheint, taucht an anderer Stelle wieder auf. Die Vollkommenheit lässt sich nicht austricksen, weil auch der Trick zu ihr gehört.

Herodes 2.0 mag versuchen, den Erfahrungsraum zu verengen. Doch gerade diese Verengung wird selbst zur Erfahrung. Sie wird gespeichert, erinnert, irgendwann wieder gekocht. Kein Rezept lässt sich endgültig aus der Küche entfernen.

Der Versuch, Zukunft zu kontrollieren, produziert nur neue Varianten von Vergangenheit. Und der Tod, den man vermeiden will, bleibt weiterhin das Tor, durch das Erfahrung ihren Geschmack gewinnt.

Auch diese Partie ist bereits möglich gewesen.

Und sie wird nicht gewonnen, indem man weniger spielt.

+++

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

+++ 

Bild: Illustration des Vaters, der seinem Sohn das fehlende Rätsel gibt, Opferkonzept

Bildquelle: fran_kie /shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)

Amish People 2.0 | Von Anna Zollner

14. Dezember 2025 um 10:39

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Amish People 2.0 | Von Anna Zollner
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Amish People 2.0 | Von Anna Zollner

Unabhängigkeitserklärung

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Wir, die Unterzeichnenden dieser Erklärung, erklären unseren Austritt aus der Ära des digitalen Feudalismus. Wir tun dies nicht aus Nostalgie oder Technikfeindlichkeit, sondern aus dem Wissen heraus, dass jede Zentralisierung von Macht zwangsläufig zur Knechtschaft führt, wenn sie nicht durch greifbare, überprüfbare und reversible Strukturen begrenzt wird. Die digitale Ordnung unserer Zeit hat diese Grenzen überschritten. Sie ersetzt Bürger durch Konten, Identität durch Datenprofile, Autonomie durch permanente Synchronisation. Was als Fortschritt begann, wurde zur unsichtbaren Leibeigenschaft. 

Diese Erklärung richtet sich an diejenigen, die verstanden haben, dass Freiheit niemals in der Cloud liegt, sondern im Gestaltungsraum des eigenen Lebens – physisch, greifbar, lokal. Wir sind nicht gegen Technologie. Wir sind gegen die Monopolisierung von Technologie durch eine kleine Kaste von Akteuren, die nicht nur den Zugang, sondern die Bedeutung von Wirklichkeit definiert. Wir sind die Amish People 2.0: nicht die Rückkehr in die Vergangenheit, sondern der bewusste Schritt zurück in die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen.

I. Grundsatz: Offline als Grundlage menschlicher Souveränität

Offline bedeutet nicht Abwesenheit von Technik, sondern Abwesenheit von Abhängigkeit.

Offline ist der Raum, in dem Entscheidungen nicht durch Algorithmen moderiert werden, in dem Worte nicht getrackt, Bewegungen nicht katalogisiert, Gedanken nicht vorstrukturiert werden. Offline ist der Bereich, in dem ein Mensch aufhört, Nutzerdaten zu sein.

Eine Gesellschaft, die keine Offline-Zonen besitzt, ist keine freie Gesellschaft.

Eine Kultur, die keine Offline-Identität kennt, besitzt kein Innenleben mehr.

Ein Mensch, der nicht mehr offline existieren kann, ist kein unabhängiges Subjekt, sondern ein digitaler Vasall. 

Wir erklären:

Offline ist nicht Option, sondern Notwendigkeit.

Offline ist nicht Flucht, sondern Rückgewinnung.

Offline ist nicht Verweigerung, sondern Selbstbestimmung.

II. Lokale Strukturen als Schutzräume vor digitaler Zentralmacht

Lokalität ist kein Rückschritt. Sie ist das natürliche Gegengewicht zu globalen Machtkonzentrationen.

Wer global kontrollieren will, muss lokal schwächen.

Wir kehren diese Logik um.

Lokale Energieversorgung, lokale Informationskreise, lokale Entscheidungsräume – dies sind keine Romantisierungen, sondern konkrete Gegenstrukturen zu Systemen, die ihre Legitimität aus totaler Vernetzung ziehen.

Wir erklären:

Eine Gemeinschaft ist nur so frei wie ihre Fähigkeit, ohne externe digitale Infrastruktur zu funktionieren.

Ein Dorf, eine Straße, ein Stadtteil, eine Familie, ein Einzelner – alle sind souveräner, wenn sie ihre Grundbedürfnisse nicht über Netzwerke beziehen, die außerhalb ihrer Kontrolle stehen.

Lokale Strukturen verhindern nicht Globalisierung.

Sie verhindern nur, dass Globalisierung zur Beherrschung wird.

III. Autonomie als oberstes politisches Ziel

Autonomie bedeutet Widerstandsfähigkeit gegen jede Art von Kontrollverlust.

Autonomie heißt nicht Isolation, sondern Unabhängigkeit von erzwungenen Knotenpunkten.

Autonomie ist die Fähigkeit, auch dann Mensch zu bleiben, wenn die Server ausgefallen sind. 

Eine autonome Gesellschaft kann mit anderen kooperieren, ohne sich ihnen zu unterwerfen.

Eine autonome Gemeinschaft nutzt Technologie, ohne sich in ihr aufzulösen.

Ein autonomer Bürger bleibt Bürger, selbst wenn die Systeme ihn nicht mehr erkennen.

Wir erklären:

Autonomie ist der neue Maßstab politischer Freiheit.

Alles, was Abhängigkeit erzeugt, ist ein politisches Risiko.

Alles, was Selbstständigkeit erzeugt, ist ein politischer Wert.

IV. Der digitale Feudalismus: Diagnose und Konsequenz 

Die heutige Welt ist strukturiert wie ein Feudalreich mit moderner Oberfläche.

Der Adel besteht aus proprietären Plattformen, aus Tech-Giganten, aus Infrastrukturmonopolisten, aus Datenverwertern, Sicherheitsarchitekten, Identitätsverwaltern, KI-Anbietern.

Der Bürger ist kein Bürger mehr, sondern Nutzer. Sein Zugang kann jederzeit eingeschränkt, gesperrt, monetarisiert, priorisiert oder degradiert werden.

Diese Ordnung ähnelt nicht dem Internet der frühen Jahre, sondern dem Europa des 13. Jahrhunderts:

Ein kleiner Kreis von Herren besitzt die Burgen – heute Rechenzentren –, legt die Regeln fest und verteilt das Privileg des Daseins in ihrem Territorium. 

Wer online lebt, lebt im Machtbereich anderer.

Wer vollständig online ist, gehört nicht mehr sich selbst.

Wir erklären:

Eine Gesellschaft, die sich vollständig digitalisiert, entmündigt sich selbst.

Eine Bevölkerung, die ausschließlich vernetzt existiert, gibt ihre politische Handlungsfähigkeit ab.

Eine Zukunft, die keine Offline-Sphäre kennt, ist keine Zukunft, sondern ein technokratischer Endzustand.

V. Die neue Ethik: Reduktion, Entkoppelung, Dezentralisierung

Die Amish People 2.0 sind keine Verweigerer der Moderne.

Sie sind diejenigen, die die moderne Überwältigung nicht zulassen.

Die neue Ethik lautet:

  • 1. Reduktion: Technologien nutzen, aber so wenig wie möglich davon abhängig sein.
  • 2. Entkoppelung: Lokale Wertschöpfung vor externer Infrastruktur priorisieren.
  • 3. Dezentralisierung: Systeme aufbauen, die nicht kollabieren, wenn der zentrale Knoten fällt.

Diese Ethik ist nicht nostalgisch, sondern strategisch.

Sie ist nicht romantisch, sondern rational.

Sie ist nicht gegen die Zukunft, sondern gegen den Totalitarismus einer Zukunft, die keine Freiheitszonen kennt.

VI. Die drei Pfeiler der neuen Souveränität

  • 1. Souveränität der Information

Wissen, das lokal gespeichert und ohne fremde Plattformen zugänglich ist, ist unabhängiges Wissen.

Alles, was nur über Clouds, Benutzerkonten oder digitale Identitäten erreichbar ist, ist kein Besitz, sondern geliehene Erkenntnis.

  • 2. Souveränität der Infrastruktur

Wer seine Energie, seine Kommunikation, seine Daten und seine Hardware nicht selbst betreiben kann, besitzt keine Souveränität.

Abhängigkeit ist das Einfallstor der Kontrolle.

  • 3. Souveränität der Identität

Eine Identität, die nur als Login existiert, kann jederzeit gelöscht werden.

Eine Identität, die offline existiert, ist real.

Digitale Identität ist Werkzeug; Offline-Identität ist die Grundlage menschlicher Würde.

VII. Die Selbstverpflichtung: Unsere neuen Regeln 

Wir verpflichten uns:

  • Offline-Zeiten als Grundrecht und Grundpraxis zu schützen.
  • So viele technische Fähigkeiten wie möglich lokal zu beherrschen.
  • Keine Systeme zu nutzen, deren Funktionsweise wir nicht verstehen oder kontrollieren können.
  • Gemeinschaften aufzubauen, die in Krisen ohne externe Netzwerke funktionieren.
  • Digitale Identitäten als Werkzeuge zu betrachten, nicht als Orte des Lebens.
  • Wissen lokal zu sichern, physisch und unabhängig.
  • Kinder und Jugendliche so auszubilden, dass sie mit und ohne digitale Systeme überlebensfähig sind.
  • Technologien stets so zu nutzen, dass sie die Autonomie stärken, nicht schwächen.

VIII. Der Schluss: Warum dieser Weg notwendig ist

Wir erklären diese Unabhängigkeit nicht aus Trotz, sondern aus Weitsicht.

Die kommenden Jahrzehnte werden nicht von denen überstanden, die am tiefsten integriert sind, sondern von denen, die unabhängig bleiben.

Nicht die Vernetztesten sind zukunftsfähig, sondern die, die ihre Lebensgrundlagen ohne Erlaubnis fremder Systeme sichern können. 

Offline ist die Rückkehr der menschlichen Kontrolle.

Lokal ist die Rückkehr politischer Selbstbestimmung.

Autonom ist die Rückkehr der Würde.

Wir erklären feierlich:

Die Zukunft gehört nicht den global vernetzten Vasallen, sondern den lokal souveränen Menschen.

Dies ist unsere Unabhängigkeitserklärung gegen ein System, das alle Menschen auf Funktion, Datensatz und Verfügbarkeit reduziert.

Wir treten aus dieser Ordnung aus.

Wir wählen die Freiheit, die im Offline beginnt, die im Lokalen lebt und in der Autonomie ihren höchsten Ausdruck findet.

IX. Die neue Ökonomie der Freiheit: Nachbarschaft als Währung, Resilienz als Reichtum

Die digitale Welt verkauft uns die Illusion, dass Wert digital entstehe – in Wallets, in Tokens, in künstlichen Märkten, die jederzeit abgeschaltet werden können. Doch die Geschichte freier Gemeinschaften zeigt das Gegenteil: Die wahre Währung war nie Daten, nie Geld, nie Kapital. Die wahre Währung hieß immer Beziehung. Vertrauen. Nachbarschaft.

Die kommenden Jahre werden diese Wahrheit freilegen wie ein freigespültes Fundament. Die Währung der Zukunft heißt nicht Bitcoin, Dollar, Euro oder irgendeine staatlich lizenzierte digitale Zentralbankeinheit. Die Währung der Zukunft heißt:

Nachbarschaft.

Menschen, die füreinander einstehen können, ohne erst ein Konto freizuschalten. Menschen, die Versorgungsketten überbrücken können, weil sie sich kennen, nicht weil sie Zugang zu einer Plattform haben. Menschen, die im Ernstfall schneller handeln als jede App.

Eine Welt, die alles digitalisiert, zerstört nicht unsere Technik – sie zerstört unsere Bindungen. Und genau diese Bindungen sind das, was Gemeinschaften in Krisen trägt. Eine Nachbarschaft, die vernetzt ist, nicht über WLAN, sondern über Loyalität, ist stärker als jede digitale Identität. 

Wir erklären:

Wer seine Nachbarn kennt, besitzt mehr echte Sicherheit als jeder, der sich auf Cloud-Policen verlässt.

Wer lokal eingebettet ist, ist schwerer manipulierbar, schwerer isolierbar, schwerer kontrollierbar.

In einer Epoche, in der Staaten beginnen, den Bürger nicht mehr als Souverän zu behandeln, sondern als verwalteten Risikofaktor, wird Nachbarschaft zur neuen Form des Vermögens. Nicht akkumuliert, sondern gepflegt. Nicht spekulativ, sondern stabil. Nicht übertragbar, sondern gelebt.

Und in dieser neuen Ökonomie der Freiheit gilt ein uraltes Prinzip, das jede generationelle Erfahrung bestätigt:

Reale Sicherheit entsteht nicht durch Reichtum, sondern durch Widerstandsfähigkeit. 

Wenn frühere Generationen sagten, Gold sei der letzte Rettungsanker in Zeiten staatlicher Übergriffe, so zeigt die moderne Geschichte ein anderes Muster: 

Gold kann eingefroren, beschlagnahmt, digital gesperrt werden. Der Staat hat Mittel, um jeden externen Wert zu neutralisieren. Was er nicht neutralisieren kann, ist die innere Struktur einer Gemeinschaft, die sich nicht einschüchtern lässt.

Wer die Geschichte des Widerstandes gegen feudale Strukturen nachverfolgt erkennt, dass nicht Gold sondern Blei die Freiheit des Einzelnen und seiner Gruppe gewährleistete. Nicht ohne Gewähr - sondern mit. 

„Eine gut regulierte Miliz, gilt als notwendig für die Sicherheit eines freien Staates, und darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht verletzen.“

Dieses Recht eines jeden US Bürgers eine Waffe zu besitzen und zu tragen um sich auch gegen einen übergriffigen Staat und seine Regierung zur Wehr setzen zu können stammt aus dem Jahre 1791 und gilt bis heute. Die Gründerväter der USA setzten also schon damals eher auf Blei denn auf Gold um die Freiheit des Individuums zu verteidigen. 

Blei ist das Metall der Konsequenz – das Material, aus dem Menschen Würde schmieden, wenn Staaten den Bürger zum Objekt degradieren.

Die Übergriffigkeit moderner Staaten wächst proportional zur Ohnmacht ihrer Bürger.

Doch eine Gemeinschaft, die sich offline organisiert, lokal verankert und autonom erhält, ist kein Staatsschutzfall – sie ist ein Bollwerk.

Ihre Loyalität gilt nicht Algorithmen, sondern Menschen.

Nicht Plattformen, sondern Beziehungen.

Nicht Versprechen, sondern gelebten Strukturen.

Die Amish People 2.0 wissen:
Ein Staat greift zuerst jene an, die isoliert sind.
Nie jene, die verbunden sind.
Nie jene, die vorbereitet sind.
Nie jene, die sich selbst gehören.

Nachbarschaft ist die Versicherung, die nicht kündbar ist.

Offline ist das neue Bio – weil alle echten Lebensprozesse offline stattfinden: Geburt, Tod, Mut, Widerstand, Glaube, Gemeinschaft.

Und alles, was der Mensch verteidigt, verteidigt er nicht in der Cloud, sondern auf dem Boden, den er sein Eigen nennt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar?

Corona hat und gelehrt, dass dem nicht so ist.

Wer die Würde des Menschen verteidigen will muss erkennen, dass dazu am Ende des Tages  Worte nicht ausreichen. Der souveräne Bürger muss erkennen und vor allem muss er signalisieren,  dass er bereit ist,  sich tatsächlich zur Wehr zu zeigen. Oder wie es schon Bertolt Brecht in einem Satz zusammenfasste:

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

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Bild: LANCASTER, USA – 25. JUNI 2016 – Amische in Pennsylvania. Die Amischen sind bekannt für ihre einfache Lebensweise im Einklang mit der Natur, ihre schlichte Kleidung und ihre Abneigung gegen moderne Technologien.

Bildquelle: Andrea Izzotti /shutterstock 

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