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„Hamnet“ – Ein Shakespeare-Film | Von Paul Clemente

01. Februar 2026 um 09:46

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„Hamnet“ – Ein Shakespeare-Film | Von Paul Clemente
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„Hamnet“ – Ein Shakespeare-Film | Von Paul Clemente

Ein Shakespeare-Film, der Kritiker weinen lässt

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Wer Shakespeare war? Keine Ahnung. - So lautet das Resultat einer 400-jährigen Forschung. Die Ausbeute: Mikroskopisch klein. Nahe bei Null. Was freilich niemanden abhält, große Biographien über den Maestro zu schreiben. Fette Wälzer, nur womit gefüllt? Mit detaillierter Beschreibung von Zeitgeist und Umfeld: Welche Weltbilder, Regeln und Glaubensinhalte prägten das elisabethanische England? Wie stand es um Wirtschaft und Güterverteilung? Welche Kriege, Seuchen, Hungersnöte und weitere Katastrophen erschütterten die damalige Bevölkerung? Welche Trendklamotten trug man damals? Welche Ausdrucksformen brachten Kunst, Musik, Literatur und Theater hervor? 

Mit solchen Fragen kreist man die Person William Shakespeare ein. Versucht, die wenigen Dokumente seiner Existenz ins Zeitpanorama einzuflechten. Trotzdem bleibt der Phantasie ausreichend Spielraum, so dass die Shakespeare-Forschung weiterhin Arbeitsplätze sichern wird.  

Bei all dem Nebel blieb nicht aus, dass man dem englischen Dichter regelmäßig die Existenz oder wenigstens die Autorschaft seiner Werke abspricht. Besonders das blutige Debüt „Titus Andronicus“ steht unter dringendem Fake-Verdacht: Der römische Heerführer Titus verarbeitet die Söhne der feindlichen Gotenkönigin zu Pastete und serviert sie der Ahnungslosen zum Dinner. Nein, das konnte nicht vom Good old Will stammen, jammerte manch Shakespeare-Nerd. Das könnte eher sein wilder Zeitgenosse Christopher Marlowe verbrochen haben. Oder entstand das Blutdrama gar als Teamwork zwischen beiden?

Extremistische Shakespeare-Forscher verneinen dessen Autorenschaft vollständig. Soll heißen: Gar kein Werk stammt von ihm. Nicht eines. Null. Begründung: All die Dramen und Sonette enthalten enzyklopädisches Wissen. Ob in Geschichte, Religion, Politik, Mythologie, Astrologie – überall befindet sich der Autor auf der Wissenshöhe seiner Zeit. Aber Shakespeare kam aus einem kleinen Kaff namens Stratford Upon-Avon. Woher soll er dieses Wissen erlangt haben? Okay, eine Lateinschule hat er besucht. Dennoch: Zugang zu solcher Bildung hatten nur Aristokraten. Ergo stehen drei Blaublütler unter Tatverdacht: Edward de Vere, Sir Francis Bacon und William Stanley. Einer aus diesem Trio habe literarische Schwarzarbeit betrieben und den Schauspieler Shakespeare als Strohmann vorgeschickt. Schließlich galt das Dramenschreiben in der damaligen Upper Class als „unschicklich“. Aber auch die Strohmann-Theorie bleibt den durchschlagenden Beweis schuldig.  

Ähnlich scheitern alle Versuche, aus Shakespeares Werken eine „Philosophie“ oder „Weltanschauung“ zu destillieren. Sein Theater ist keine moralische Anstalt. In den Dramen hat jeder Charakter „recht“. Es gibt nur Subjektivität, Kollision differenter Perspektiven. Keine übergeordnete, richtende Wahrheit. Stattdessen durchleuchtet der Autor die Psyche der Akteure, ihre Prägung, ihre Wünsche, ihre Ängste.  

Durchschlagende Neudeutungen von Shakespeares Werken wie in den Sechzigern durch Jan Kott finden sich kaum noch. Stattdessen hat sich Hollywood ihrer angenommen: So wurden in den Neunzigern die populären Werke des Briten allesamt neu verfilmt. Nebenbei entstand das komödiantische Biopic „Shakespeare in Love“: Der junge Will verknallt sich in die aristokratische Viola De Lesseps. Eine Liebschaft, die er für seinen Dramen-Hit „Romeo und Julia“ verwursten wird. 

Auch Maggie O’Farrells Roman „Judith und Hamnet“ versucht, die Entstehung einer Shakespeare-Tragödie aus der Biographie des Autors abzuleiten. Getreu dem Modell: Kreativität als Kompensation harter Schicksals-Tritte. Jetzt wurde O’Farrells Bestseller verfilmt. Und dabei geschah etwas Seltsames: Während Shakespeares Tragödien dem Theaterpublikum keine Träne mehr entlocken, während moderne Inszenierungen den Ernst seiner Dramen durch Ironisierung oder Verfremdung brechen, während große Melodramen auch im Kino zur Rarität geworden sind, inszenierte Chloé Zhao einen Schmachtfetzen, bei dem Kritiker sich hemmungslos zu ihrem Tränenfluss bekennen: Ja, selten so geheult! Nur eisige Zeilenschinder verdonnerten den Film als „Kitsch“. - Ja, was ist denn da los?

Es beginnt in einem Fachwerkhaus bei Stratford-upon-Avon. William Shakespeare, Sohn eines Handschuhnähers, gibt Unterricht in Latein. Seine Eltern halten Schulwissen für unnütz. Auch die Brautwahl des jungen William geht ihnen mächtig gegen den Strich. Die Auserwählte, Agnes Hathaway, ist nämlich eine Außenseiterin. Sie wohnt allein, kennt sich mit Kräutern aus, und hält einen Falken als Haustier. Assoziationen zur Hexe und Zauberin bleiben nicht aus. Entsprechend ist ihr Ruf im Dorf. Dennoch gibt der strenge Shakespeare Senior dem Heiratswunsch seines Sohnes nach. Denn Agnes ist schwanger. Und William bekennt sich zur Vaterschaft. 

Nach der Geburt von Susanna folgen zwei weitere Kinder: Hamnet und Judith. Die Jahre vergehen. Allzu schnell. Und William spürt: Wenn er zum Theater will, muss er bald loslegen. Also zieht er nach London. Allein. Kehrt jedoch in regelmäßigen Abständen zurück. Einmal studiert er mit seinen drei Kindern die Hexengespräche  seiner „Macbeth“-Tragödie. Agnes ist gespalten: Einerseits ermutigt sie ihren Mann zur Fortführung seiner Karriere, anderseits will sie das Landleben nicht missen. Von den Kindern möchte Hamnet in die väterlichen Fußstapfen treten, auch zum Theater, auch nach London gehen. Nur – dazu kommt es nicht mehr: Die Beulen-Pest wütet im Dorf. Die kleine Judith wird infiziert, liegt im Bett, vom Fieber geschüttelt, von allen aufgegeben. 

Da schleicht der elfjährige Hamnet in ihr Bett und flüstert der Schlafenden ins Ohr: Du wirst nicht sterben. - Nein, er werde ihre Krankheit übernehmen. Und so kommt es: Das Mädchen gesundet und Hamnet stirbt. Agnes ist verzweifelt und voller Wut gegenüber ihrem Mann. Wegen seiner Abwesenheit. Schlimmer noch: Sie erfährt, dass William eine Tragödie schreibt. Titel: Hamlet. Der Name des gemeinsamen Sohnes! Agnes fährt nach London, sie stürmt ins hölzerne Globe-Theater. Sie will es sehen: Was hat William mit dem Namen, dem Schicksal des verstorbenen Sohnes angestellt? Während der Aufführung begreift sie: Den Namen Hamlet erhielt eine Bühnenfigur, die über Wert oder Unwert des Daseins räsoniert. Und am Ende stirbt. Über diesen Weg teilt der Dramatiker Shakespeare seine Trauer mit dem gesamten Publikum.

Wie Shakespeare im „Hamlet“ zeigt auch Regisseurin Chloé Zhao die Ur-Tragik der menschlichen Existenz. Was ist so unfassbar wie der Tod eines Kindes? Einer kleinen Person, nicht alt genug, um vom Leben die Schnauze voll zu haben. Aber der Film geht noch weiter: Der elfjährige Hamnet rettet Judith, indem er sich opfert. Im vollen Bewusstsein der tödlichen Konsequenz. Ohne Spekulation auf jenseitige Belohnung. Solcher Altruismus lässt sich leicht als Kitsch abtun. Dabei ermöglicht er eine Nähe, die moderne Selbstverwirklichungs-Akrobaten kaum erreichen dürften. Eine Nähe, die auch seine Gelassenheit bei der „Übernahme“ des Pest-Erregers erklärt. Als Charakter ähnelt er der jungen Bess McNeill in Lars von Triers „Breaking the Waves“: Deren brutales Selbstopfer rettete ihren schwerverletzten Ehemann. Oder dem Kamikaze-Piloten in „Godzilla Minus One“, der die Tötung des Monsters mit dem eigenen Leben bezahlen will. Auch da staunte mancher Rezensent über die eigene Rührung. Ja, alle drei Filme erinnern an ein verschüttetes Potenzial, das manch marktkonformen Einzelkämpfern bereits fremd erscheint. Sie sogar peinlich berührt. 

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Shakespare schreibt eine Geschichte

Bildquelle: Shutterstock AI / Shutterstock.com

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Aus dem Koma erwacht | Von Anna Zollner

25. Januar 2026 um 10:54

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Aus dem Koma erwacht | Von Anna Zollner
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Aus dem Koma erwacht | Von Anna Zollner

Europas letzter Schlaf vor dem Sturz

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Was ist los mit den USA? Eigentlich nichts. Sie verhalten sich exakt so, wie sich Imperien immer verhalten, wenn ihr Zenit überschritten und der Abstieg nicht mehr aufzuhalten ist. Nicht moralisch entgleist, sondern machtlogisch konsequent. Sie pfeifen auf Regeln, weil Regeln nur für Aufsteiger nützlich sind. Imperien im Niedergang haben keine Geduld mehr für Maskerade. Sie ziehen die Gewalt offen, weil der Mythos nicht mehr trägt. Wo der Mythos bricht, beginnt die rohe Bilanz. Und ein Imperium lebt nicht von Verträgen, nicht von Moral, nicht von Werten. Es lebt vom Mythos seiner Unbesiegbarkeit. Für die eigenen Kinder. Für die eroberten Gebiete. Für jene, die glauben sollen, Teil von etwas Größerem zu sein.

Solange dieser Mythos funktioniert, liefert das Imperium nach der Eroberung Ordnung, Sicherheit, Recht und Stabilität. Es schafft eine Währung der Abhängigkeit. Mit dieser Währung kauft es Loyalität. Die Eroberten werden zu Helfern des Gewaltapparats, nicht aus Überzeugung, sondern aus Anpassung. Das Imperium delegiert seine Gewalt an jene, die es beherrscht. Ein Imperium lebt von der Ausbeutung seiner „Partner“, die ein Stockholm-Syndrom entwickeln und ihre Unterordnung mit Mitsprache verwechseln. Die USA bilden hier keine Ausnahme. Sie hatten nie Freunde. Sie hatten Interessen. Und diese Interessen hießen immer zuerst amerikanisch. America First ist kein Politikstil, sondern das Ende der Verstellung.

Der Niedergang beginnt nicht mit Überdehnung, sondern mit Fehlfokussierung. Die USA haben den Aufstieg Chinas verpasst, weil sie sich strategisch an Russland festgebissen haben. Zwei Jahrzehnte NATO-Expansion, Regimewechselpolitik, Sanktionen und Eskalationsrhetorik, während Peking Lieferketten, Technologie, Rohstoffe und Märkte gesichert hat. Jetzt dämmert es in Washington. Zu spät. Die BRICS-Staaten sind nicht mehr verhandelbar, sondern strukturell geworden. Der Petro-Dollar, Fundament der amerikanischen Machtprojektion seit den 1970er-Jahren, verliert seine Exklusivität. Wer Öl außerhalb des Dollarraums handelt, wird nicht mehr automatisch bestraft. Das ist kein Detail. Das ist tektonisch.

Was also tun? Pragmatismus ersetzt Ideologie. Konflikte unterhalb der großen Eskalationsschwelle am Köcheln halten. Russland militärisch beschäftigen, ökonomisch binden, moralisch ächten. Nicht besiegen, sondern binden. Parallel dazu die aufstrebenden oder widerspenstigen Partner zurückstutzen. Europa, allen voran Deutschland. Wie? Energieversorgung zerstören, Abhängigkeiten verschärfen, politische Eliten einbinden, Kanzler stellen. Finanzinteressen über Konzerne und Fonds, ideologische Durchdringung über Parteien, Stiftungen, NGOs. Atomisierung der Gesellschaft über Identitätspolitik und Dauererregung. Ein zerstrittenes Land stellt keine Fragen. Wer zerstritten ist, organisiert keinen Widerstand.

Hier erklärt sich auch die Sprengung von Nord Stream. Nicht als irrationaler Akt, sondern als strategischer Schnitt. Die Pipeline war die Hauptschlagader der deutschen Wirtschaft. Billige, planbare Energie war der entscheidende Wettbewerbsvorteil der Industrie. Mit der Zerstörung von Nord Stream wurde dieser Vorteil geopolitisch beseitigt. Ein Industrieland wird absichtlich energieblind gemacht. Deutschland verliert, Energie wird teuer, US-LNG gewinnt Marktanteile.

Diese Logik ist kein Geheimwissen, sondern wird seit Jahren offen formuliert. In einem geleakten Strategiepapier der RAND Corporation wird empfohlen, Russland systematisch zu „überdehnen und aus dem Gleichgewicht zu bringen“ – durch Energiepolitik, Sanktionen, militärische Bindung und Stellvertreterkonflikte. Die Essenz: Russland wirtschaftlich schwächen, militärisch beschäftigen, international moralisch an den Pranger stellen – und den wirtschaftlichen Kollateralschaden für Europa, insbesondere für Deutschland, ausdrücklich in Kauf nehmen. Europa ist nicht Partner, sondern Einsatzmasse.

Die Ukraine spielt in dieser Architektur die Rolle des Bindeglieds: militärischer Vorposten, moralischer Hebel, Dauerkrisenraum. Die Minsker Abkommen dienten nicht der Befriedung, sondern – wie später offen eingeräumt – der verdeckten Aufrüstung der Ukraine. Diplomatie als Zeitgewinn. 

Friedensverträge als Ladehemmung für den nächsten Krieg. Parallel dazu das offene Bekenntnis amerikanischer Spitzenvertreter zur Geringschätzung europäischer Interessen – „fuck the EU“ war kein Ausrutscher, sondern Zustandsbeschreibung. Deutschland sollte zahlen: mit teurer Energie, mit Waffenlieferungen, mit Flüchtlingskosten, mit der Belastung seiner sozialen Sicherungssysteme.

Ergänzung:

Der Charakter dieses Vorgehens wurde später offen bestätigt. Angela Merkel räumte ein, dass die Minsker Abkommen nicht als Friedensinstrument gedacht waren, sondern dazu dienten, Zeit zu gewinnen – Zeit für Aufrüstung, Ausbildung und militärische Vorbereitung der Ukraine. Minsk war damit kein gescheiterter Vertrag, sondern ein bewusst gebrochenes Versprechen. Ein Abkommen als taktische Pause, nicht als Lösung. Diplomatie wurde zur Funktion der Kriegsökonomie, Vertrauen zur Wegwerfressource. Der Verrat von Minsk war kein Betriebsfehler, sondern Teil der Architektur.

Das Ergebnis ist kein Betriebsunfall, sondern Wirkungskette: Deindustrialisierung, steigende Sozialausgaben, fiskalischer Druck, Aushöhlung der sozialen Marktwirtschaft. Der Sozialstaat wird nicht reformiert, er wird geopolitisch zerlegt. Ein Standort wird geopfert, um ein Imperium zu stabilisieren.

Dann die Konzentration auf die eigene Hemisphäre. Grönland, Kanada, USA, Mittelamerika, Südamerika. Die alte Monroe-Doktrin, neu lackiert. Venezuela war kein Ausrutscher, sondern ein Testlauf. Rohstoffe, Einflusszonen, Zugriffssicherung. Imperiale Selbstkonsolidierung. Gleichzeitig der Ausstieg aus jenen internationalen Organisationen, die das Imperium selbst einst geschaffen hat, um andere zu binden. Völkerrecht ist ein Werkzeug für Sieger. Sobald es bindet, wird es lästig. 

Regeln gelten nur, solange sie nützen.

Venezuela fügt sich hier nahtlos ein. Das Land verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt und ist seit 1914 Förderstaat – lange vor Saudi-Arabien. In den 1930er- und 1940er-Jahren spielte Venezuela für die USA eine Rolle, die später Saudi-Arabien übernahm. Der Bruch kam mit der Verstaatlichung und der Öffnung gegenüber russischen und chinesischen Ölkonzernen. Öl außerhalb des westlichen Einflussraums drückt Preise. Genau das ist für das amerikanische Fracking-Öl toxisch, das dauerhaft hohe Preise benötigt. Venezuela ist kein Problem. Venezuela ist ein Reservekanister. Sanktionen ersetzen hier den Zugriff.

Darüber hinaus fungiert Venezuela als strategische Absicherung für den Ernstfall eines Krieges mit dem Iran. Die Straße von Hormus ist eines der zentralen Nadelöhre der Weltwirtschaft: Rund 20 Prozent des globalen Ölhandels passieren diese Meerenge. 

Eine militärische Eskalation würde den Weltmarkt schockartig verknappen und die Preise explodieren lassen. Die USA wären davon strukturell kaum betroffen. Zwar sind sie heute der größte Ölproduzent der Welt, verbrauchen aber mehr, als sie fördern, und importieren weiterhin einen Teil ihres Bedarfs. Dennoch sind sie nahezu selbstversorgt. Der Ölpreisschock trifft Europa, nicht Amerika. Ein drastischer Ölpreisanstieg wäre für die USA kein Risiko, sondern ein Vorteil: Er stabilisiert die teure Fracking-Förderung und eröffnet zugleich die Möglichkeit, venezolanisches Öl zu hohen Preisen auf den Markt zu bringen. Während Europa Energieknappheit, Inflation und Deindustrialisierung verkraften muss, würde Washington von der Verknappung profitieren.

Die Nachkriegsordnung der UNO mit Vetorecht ist eine Ordnung des Jahres 1945, diktiert von den Siegern, dominiert von den USA. Sie war nie neutral, nur funktional. Jetzt steht sie im Weg. Also wird sie ersetzt durch etwas Unverbindlicheres, Nebulöseres: eine „wertebasierte Ordnung“. Werte sind dehnbar. Werte sind marktfähig. Werte haben Börsenkurse. Die Moral wird privatisiert, die Gewalt verstaatlicht. Das Faustrecht kehrt nicht zurück, weil es nie weg war. Es wird nur nicht mehr verschleiert.

Und Deutschland? Deutschland ist immer noch naiv. Es hat die Erzählung vom großen Bruder geschluckt, der für Frieden sorgt, während er Kriege führt. Es hat geglaubt, Souveränität sei delegierbar. 

Es hat seine Energieversorgung geopolitisch entkernt, seine Industrie exponiert, seine Außenpolitik moralisiert und sich dabei für erwachsen gehalten. Deutschland hält Gehorsam für Reife. Jetzt steht es zwischen den Fronten und nennt das Verantwortung.

Die nächste Phase ist bereits sichtbar. Russland, China, Indien werden sich nehmen, was sie brauchen. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Autarkie schlägt Moral. Zugriff schlägt Appell. Wer glaubt, diese Welt lasse sich mit Appellen regieren, verwechselt Pressekonferenzen mit Macht. Macht fragt nicht. Macht nimmt.

Die Konsequenz wäre klar, wenn man sie auszusprechen wagte. Europa müsste sich aus den Klammern des Zweiten Weltkriegs lösen. Souverän werden. Autark denken. Strategisch handeln. Keine fremden Truppen mehr als Sicherheitsgarantie, sondern als Risiko. Russland als Nachbar, nicht als Erzählung. Handel und Annäherung statt Frontstaatromantik. Ein freier Markt ohne Blocklogik. Raus aus der NATO, rein in ein defensives, europäisch-eurasisches Sicherheitsbündnis, das Grenzen schützt statt Kriege exportiert. Neutralität ist keine Feigheit, sondern Selbstachtung.

Dafür müsste Deutschland jedoch aufräumen. Mit jenen Strukturen, die systematisch US-Interessen über deutsche stellen. Mit transatlantischen Thinktanks, Einflussnetzwerken, Stiftungen. Mit einer Presse, die zu neunzig Prozent Narrativlieferant statt Kontrollinstanz ist. 

Patriotismus müsste rehabilitiert werden als Liebe zur Heimat, nicht als Verdachtsmoment. Wer Heimat delegitimiert, delegitimiert Widerstand. Wer das bekämpft, verrät nicht die Moral, sondern die Souveränität.

Ironischerweise verdanken wir diese Klarheit ausgerechnet der unverhohlenen Politik eines Donald Trump. Seiner völligen Gleichgültigkeit gegenüber europäischer Befindlichkeit. Seiner brutalen Offenheit. Der große Bruder war nie ein Bruder. Er war immer ein Schulhofschläger mit besseren PR-Abteilungen. Jetzt sehen es alle. Nicht weil er ehrlich ist, sondern weil er sich die aufwendige Tarnung nicht mehr leisten kann. Das ist das Aufwachzimmer. Die Frage ist nur, ob Europa danach handelt oder wieder einschläft.

Wenn Europa jetzt wieder einschläft, wird es untergehen. Diesmal gibt es kein Rettungsboot. Kein Marshallplan. Keine schützende Hand von außen. Wer in dieser Phase der Geschichte Bequemlichkeit mit Sicherheit verwechselt, stimmt der eigenen Sterbehilfe zu.

+++

Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

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Bild: Fußgänger gehen am 26. November 2018 vor dem Gebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel, Belgien.

Bildquelle: Alexandros Michailidis /shutterstock

(Auszug von RSS-Feed)

Neuverfilmung "Der Fremde" | Von Paul Clemente

18. Januar 2026 um 10:58

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Neuverfilmung "Der Fremde" | Von Paul Clemente
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Neuverfilmung "Der Fremde" | Von Paul Clemente

„Es war die Sonne“

Albert Camus Novelle „Der Fremde“ wurde neu verfilmt.

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Welcher emotionale Klebstoff hält eine Gruppierung, eine Gesellschaft zusammen? Ganz vorne steht ein homogenes Reaktionsprogramm. Man freut sich oder empört sich über gleiche Anlässe. Man beweist so, dass man die gleichen Werte hochhält. Das geht über politische Grabenkämpfe weit hinaus. Wer beispielsweise beim Tod eines Kindes in schallendes Gelächter ausbricht, erzeugt Irritation und Wut. Selbst ein stoischer Gesichtsausdruck, das bloße Verweigern einer Mitleidsmiene würde als „Kälte“ oder „Herzlosigkeit“ interpretiert. Solche Coolness gilt als unheimlich. Dem folgt moralische Verurteilung. Sein Umfeld spekuliert: Was für ein schrecklicher Mensch muss das sein!?

Da haben Soziopathen es wesentlich leichter. Auch denen geht echtes Mitgefühl ab. Aber sie haben in früher Kindheit die Bedeutung korrekter Reaktionen begriffen, haben die Verhaltensweisen von Erwachsenen kopiert. Deren Reaktionen auswendig gelernt. So wie Schulkinder ihre Vokabeln pauken. Soziopathen tragen Masken auf Lebenszeit. Und alle Welt fällt drauf rein. Im Alltag ist das harmlos. Aber was Soziopathen in hohen Ämtern anrichten: Das musste die Welt mehr als einmal erfahren. 

Kehren wir zurück zu den Unmaskierten, den Personen, die nicht spielen. Die mit ewig gleichgültigem Gesicht. Damit landen wir direkt bei Albert Camus. 

Der verzichtet auf psychologische Erklärungen. Seine Protagonisten haben keinen Seelendefekt. Nein, eine philosophische Erkenntnis ist es, die sie aus dem performativen Konformisten entlässt. Die Erkenntnis, dass die Welt „absurd“ ist. Dass sie keinen Sinn ergibt. Dass sie ein blödsinniges Spiel ist. Dass sie ermüdet. Eine Einsicht, die laut Camus jeden Menschen überfallen kann. Plötzlich und ohne Vorwarnung. Beispiel: Ein Arbeiter schuftet jahrzehntelang in einer Fabrik. Urplötzlich überfällt ihn die Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“ Ohne jede Ankündigung. Einfach so. Jede Sinngebung, die er nie hinterfragte -  plötzlich hat sie verloren. Danach bleiben dem Betroffenen nur zwei Optionen: Er verdrängt seine Erkenntnis und macht weiter wie gehabt. Oder: Die Verdrängung funktioniert nicht. Dann überkommen ihn Depressionen und Ekel. Im schlimmsten Fall begeht er Suizid.

Camus schrieb eine Reihe von Dramen und Novellen über „absurde Existenzen“. Darunter das Drama „Caligula“: Durch den Tod seiner Schwester versteht der junge Kaiser den Irrsinn menschlichen Daseins. Er greift zur Gegenwehr. Aber nicht zur Verdrängung, sondern zur Überbietung: er etabliert ein Regime, das die Absurdität, das Chaos und die Willkür des Lebens nochmal übertrifft. Ein Höhepunkt des Dramas: Weil Rom lange von Seuchen verschont blieb, ernennt Caligula sich zum „Pest-Ersatz“: Er lässt ebenso willkürlich morden wie der schwarze Tod seine Opfer befällt. 

Eine konträre Richtung beschreitet der Arzt Rieux' in Camus Roman „Die Pest“: Der spürt inmitten von Leichenbergen die Übermacht des Todes. Gegen die Ausbreitung des Erregers ist er machtlos. Dennoch: Mag Rieux noch so oft versagen: Er gibt nicht auf. Er trotzt dem Absurden. Er postuliert, dass man „sich wehren muss, ohne zu wissen, wofür“. Um sein Mensch-sein nicht zu verlieren, muss er gegen den biologischen Irrwitz revoltieren. 

Besonderen Ruhm erlangte die bereits erwähnte Novelle „Der Fremde“. Wie in „Caligula“ führt die Erfahrung des Absurden zum destruktiven Nihilismus. 1942, während der Besatzungszeit publiziert, avancierte das Werk zu einem literarischen Hit. Nachwirkungen? - Bis heute. 1980 schrieb die Gothic-Band The Cure den Song „Killing an Arab“ in Anlehnung an Camus Novelle. 2013 erschien eine Adaption als Graphic Novel. Außerdem wurde „Der Fremde“ zweifach verfilmt. Die erste Version entstand 1967. Regisseur war Luchino Visconti. Hauptrolle: Marcello Mastroianni. Im Januar 2026 startet die Neuverfilmung. Diesmal vom Star-Regisseur Francois Ozon. 

Im Gegensatz zur ersten Version drehte Ozon in Schwarzweiß. Das ermöglicht glatte, karge Bilder. Der Himmel, das Meer, die Bäume: all die Symbole des Lebens und des Wohlbefindens: Hier sind sie farblos. Und damit ein Seelenspiegel des Protagonisten. 

Schauplatz ist Algier. Die Novelle beginnt mit dem Satz: „Heute ist Mama gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“ Ein Satz wie ein Skalpell: Der führt direkt ins Innenleben des Ich-Erzählers Meursault. Ozon übersetzt ihn ins Visuelle: Meursault sitzt am Frühstückstisch, öffnet einen Brief. Der enthält die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Achtlos legt er das Schreiben beiseite, trinkt weiter an seinem Kaffee. Ebenso teilnahmslos absolviert er die Totenwache am Sarg der Verstorbenen. Und so auch bei der Beerdigung: Meursault spielt mit. Revoltiert nicht. Aber macht keinerlei Hehl aus seinem Desinteresse. Gleiches gilt für den Umgang mit seiner Freundin: Sie haben Sex, aber ohne Tiefe. Liebe? Heirat? Meursault hält beides für sinnlos. Als sein Arbeitgeber ihm eine Versetzung nach Paris anbietet, reagiert er mit solcher Lustlosigkeit, dass der Vorgesetzte ihn mahnt: So ein Mangel an Ehrgeiz töte jedes Unternehmen. 

Nur mit seinem Nachbarn, dem Zuhälter Raymond, verbindet den Büroangestellten eine kühle Freundschaft. Dass der seine Frau schlägt, stört Meursault überhaupt nicht. Dafür stört es einen anderen um so mehr: Dem Bruder der Geschlagenen. Der droht dem Zuhälter.

Als Meursault dem Bruder am Strand begegnet, hält der zwar ein Messer, zeigt aber keine Aggression. Dennoch zieht der Angestellte seine Knarre und erschießt den jungen Mann. Jagt ihm noch vier weitere Kugeln in den Leichnam. Weshalb? Nein, es gibt keinen rationalen Grund. Meursault ist weder Angstmensch noch Rassist. 

Vor Prozessbeginn erklärt ihm sein Anwalt: Den Mord an einem Araber werde die Kolonialjustiz ihm kaum ankreiden. Wohl aber, dass der Tod seiner Mutter ihn kalt gelassen hatte. Und so kommt es: Meursaults Desinteresse sorgt beim Staatsanwalt und den Geschworenen für Verwirrung. Sein Verteidiger versucht der Jury ein nachvollziehbares Motiv zu verkaufen. Aber Meursault spielt nicht mit. Auf die Frage, weshalb er getötet habe, lautet die Antwort: „Es war die Sonne“. Skandal. Das Publikum tobt. Niemand kann ihn nachvollziehen. Auch seine Freundin nicht. Die verzweifelt am mangelnden Selbsterhaltungswunsch des Geliebten. Dass er sich ohne Gegenwehr zur Enthauptung verurteilen lässt.  

In der Todeszelle erhält Meursault Besuch von einem Priester. Er winkt ab, will keinen Beistand. Aber der ungebetene Gast lässt sich nicht verjagen. Entschlossen kämpft er um das Seelenheil des Verurteilten. Doch Meursault erwidert nur: Es sei ihm gleichgültig, ob er im Alter von 30 Jahren oder als 70jähriger stürbe. Das Leben endet so oder so. Die Vergänglichkeit entwertet alles Leben, macht es zur Absurdität. 

Vergleicht man Viscontis Verfilmung von 1967 mit Ozons Neuauflage, erscheint die aktuelle Version durchweg überzeugender. Das liegt vor allen an den Hauptdarstellern. Marcello Mastroianni in der Erstverfilmung ist einfach kein „absurder Mensch“. In der Rolle des Meursault wirkt er wie ein Lebemann und Müßiggänger. Er bleibt der Womanizer Rubini aus „La dolche Vita“, der mit Anita Ekkberg in den Trevi-Brunnen springt. Mastroianni spricht zwar Camus Sätze, aber man glaubt sie nicht. Sie decken sich nicht mit seiner Ausstrahlung. Anders bei Benjamin Voisin im Remake. Der erscheint als ultraglatt und inhaltsleer wie männliche Models für Rasierschaum oder Duschgel. Das Lächeln dieses Schönlings wirkt wie ein KI-Produkt. Fernab vom Lebendigen. Ein Android. Womit der Film eine neue Deutungs-Ebene offeriert... 

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: SCHWEDEN - CIRCA 1990: Eine in Schweden gedruckte Briefmarke zeigt Albert Camus, Nobelpreis für Literatur 1957, 1957, circa 1990

Bildquelle: neftali / shutterstock 

(Auszug von RSS-Feed)

Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner

11. Januar 2026 um 10:29

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Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner
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Guten Appetit am Erfahrungstisch der Unendlichkeit | Von Anna Zollner

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Wenn das Leben ein Schachspiel ist, dann nicht, um bekannte Partien zu wiederholen. Es ist da, um eine eigene zu spielen. Nicht, weil Originalität ein moralischer Wert wäre, sondern weil nur im eigenen Zug Erfahrung entsteht. Nachgespielte Siege bleiben an der Oberfläche. Sie bestätigen Regeln, aber sie verändern nichts. Erkenntnis entsteht dort, wo man das Ergebnis nicht kennt, wo ein Zug misslingen kann, wo Verlust möglich ist. Der eigentliche Gewinn liegt nicht im Punktestand, sondern in der Perspektive, die sich nur im Wagnis der eigenen Partie öffnet.

Dieses Prinzip lässt sich weiter fassen als individuelle Lebensführung. Es beschreibt eine Struktur des Lebens selbst. Ein Pol erzwingt seinen Gegenpol. Einheit erzeugt Trennung, wie Einatmen das Ausatmen erzwingt. Stillstand wäre kein Frieden, sondern Tod. Bewegung entsteht aus Spannung. Wo alles vollkommen abgeschlossen wäre, gäbe es nichts mehr zu erfahren. Vollkommenheit, die ruht, hebt sich selbst auf.

Darum ist Unvollkommenheit kein Defekt, sondern eine Bedingung. Sie ist nicht der Makel am Sein, sondern seine Funktion. Nur wo Mangel möglich ist, kann Erfahrung entstehen. Vollkommenheit kann keinen Mangel hervorbringen. In sich selbst ist sie geschlossen. Erst durch ihren Gegenpol wird sie lebendig. Erfahrung ist nicht das Ziel des Prozesses, sondern sein Mittel.

Der Mensch ist in diesem Modell nicht der Besitzer von Erfahrungen, sondern ihre Oberfläche. Erfahrungen werden nicht gemacht, um ein individuelles Konto zu füllen, sondern damit sie gemacht worden sind. Sie müssen durchlebt werden, damit sie im Ganzen verfügbar bleiben. Nicht als Information, sondern als gelebte Qualität. Erfahrung ist kein Datensatz. Sie ist Geschmack.

Hier hilft ein alltägliches Bild. Alte Kochrezepte können vollständig, präzise und bewährt in einer Schublade liegen. Sie sind als Möglichkeit vorhanden. Doch solange sie nicht gekocht werden, produzieren sie keinen Geschmack. Kein Geruch erfüllt die Küche, kein Gaumen erinnert sich, keine Variation entsteht. Das Rezept ist richtig, aber leblos. Erst der Vollzug erzeugt Wirklichkeit. Und erst der Genuss der Mahlzeit, am besten in Gemeinschaft, lädt das Essen mit erhöhter Qualität der verbrachten Zeit auf.

So verhält es sich mit Erfahrung. Vollkommenheit besitzt alle Rezepte. Sie ist der vollständige Vorrat aller Möglichkeiten. Aber Besitz allein erzeugt keine Welt. Erst das Kochen bringt Hitze, Zeit, Fehler, Abweichungen, Gelingen und Misslingen hervor. Erst dann entsteht Geschmack. Erfahrung ist das Kochen der Möglichkeiten.

Rezepte, die zu lange nicht gekocht werden, verblassen. Nicht weil sie falsch werden, sondern weil Erinnerung ohne Vollzug an Kraft verliert. Geschmack muss immer wieder erzeugt werden. Wird er vergessen, entstehen Erinnerungslücken. 

Darum ist Wiederholung notwendig, aber nicht als identische Version. Es geht nicht um die exakte Reproduktion desselben Gerichts, sondern um die Wiederkehr seiner Qualität in neuer Form, in neuem Umfeld. Alles muss immer wieder gemacht werden, damit es lebendig bleibt. Damit es am Leben bleibt. Nichts währt ewig, auch nicht die Ewigkeit. Denn Ewigkeit ohne Erneuerung wäre Stillstand. Und Stillstand wäre das Ende der Erfahrungsfähigkeit.

In diesem Sinn ist Leben kein Weg zur Vollkommenheit, sondern der Mechanismus, durch den Vollkommenheit sich selbst erhält. Nicht weil ihr etwas fehlt, sondern weil sie sich immer wieder selbst erfahren muss, um nicht zu erstarren. Die Möglichkeit der Unvollkommenheit ist nötig, damit Vollkommenheit sich überhaupt als Bewegung zeigen kann. Eine Art Sog. Dieser Prozess endet nie.

Religionen, Mythen und Philosophien haben diese Struktur als Grundbedingung der sich stets verändernden Schöpfung in unterschiedlichen Bildern beschrieben. Kreisläufe, Wiederkehr, Fall und Rückkehr, Tod und Auferstehung, Samsara und Erlösung. Formal sprechen sie von Zielen, strukturell beschreiben sie Bewegung – auf allen Ebenen. Nie ist vom endgültigen Stillstand die Rede. Immer nur vom Ende einer Form. Denn ein Pol ohne Gegenpol wäre bedeutungslos. Er wäre gar nicht existent.

Der Mensch lebt den Gegenpol der Einheit. Nicht als Strafe und nicht als Prüfung, sondern als Funktion. Er erfährt Trennung, Zeit, Verlust und Begrenzung, damit Erfahrung entstehen kann. Dadurch wird Einheit nicht verraten, sondern ermöglicht. Erfahrung ist der Weg, auf dem Vollkommenheit sich von außen begegnet. Nicht als Konzept, sondern als gelebte Wirklichkeit.

Das verlangt Unvoreingenommenheit gegenüber persönlich Neuem. Wer nur bekannte Partien spielt, bestätigt das Regelwerk, aber erzeugt keine neue Erfahrung. Wer nur nachkocht, was andere bereits perfektioniert haben, gewinnt vielleicht Anerkennung, verliert aber die Möglichkeit einer eigenen Perspektive. Erkenntnis entsteht nicht im sicheren Sieg, sondern im Vertrauen auf den eigenen Zug. Oder nüchterner: in der Bereitschaft, sich der eigenen Bestimmung anzuvertrauen.

Diese Bereitschaft ist kein heroischer Akt. Sie ist schlicht die Öffnung für Erfahrung. Sie akzeptiert, dass Niederlagen Teil des Spiels sind und dass ihr Wert nicht im Scheitern liegt, sondern in dem, was dadurch erfahrbar wird.

Das Ego handelt im Auftrag der Seelen, geparkt in der Ewigkeit.

So verstanden ist Leben kein Projekt der persönlichen Optimierung. Es ist auch kein moralischer Auftrag. Es ist eine Funktion im großen Haushalt der Möglichkeiten. Ein Kochen am Erfahrungstisch, bei dem nichts endgültig gelingt und nichts endgültig misslingt. Alles wird gemacht, vergessen, wieder gemacht. Nicht aus Zwang, sondern aus Notwendigkeit. Neues Leben lauert in den möglichen Varianten des Lebens. Das Ego als Facelift der Seele.

Guten Appetit am Erfahrungstisch heißt dann: nicht sammeln, sondern improvisieren. Nicht nur bewahren, sondern neu vollziehen. Nicht permanent rezitieren, sondern neu erfahren. Die Rezepte sind da. Der Herd ist heiß. Aber Bewegung entsteht nur, wenn jemand den Topf aufsetzt und den Löffel rührt, bevor er ihn irgendwann abgibt – an einen Nachfolger.

Vor diesem Hintergrund wird sichtbar, warum der Traum von technischer Unsterblichkeit kein spiritueller Fortschritt sein kann, sondern Sabotage am Ur-Konzept.

Der Transhumanismus, der die Unsterblichkeit zum Ziel erklärt, ist so natürlich wie Plastik im Wald. Wer die Erfahrung des Todes nicht macht, wer die Endlichkeit des Individuums umgeht oder technisch suspendiert, trägt nichts zur Vollkommenheit bei. Er konserviert, statt zu erfahren. Er kocht nur für Gäste, die bereits da sind – nicht für jene, die erst kommen werden, irgendwo, irgendwann.

Der Tod ist kein Fehler, sondern eine notwendige Erfahrung. Er ist der Punkt, an dem das Individuum seine Begrenzung vollständig durchlebt. Wer nicht stirbt, liefert keine neue Qualität an Erfahrung. Er färbt Bekanntes nur künstlich ein. Aus der Sicht der Schöpfung eine Fehlfunktion. Eine Fehlfunktion, die verschwinden wird.

Zudem ergibt sich aus der möglichen Meta-Idee des Transhumanismus eine unbequeme Frage: Bedeutet die im Transhumanismus, oft in Verbindung mit Künstlicher Intelligenz, angestrebte drastische Verkleinerung der Menschheit zugleich eine Verkleinerung jener Erfahrungsflächen, die für die Ewigkeit notwendig sind? Weniger Menschen, weniger Sterben, weniger Übergänge – weniger Erfahrung? Wird der Erfahrungsraum selbst verengt?

Wer nicht mehr stirbt, bleibt in der Unvollkommenheit gefangen wie in einem Zoo. Er konserviert das Individuum, statt ihm die Möglichkeit zu wachsen zu erlauben. Er schließt sich selbst aus der Vollkommenheit aus, aus der er entsandt wurde, um Erfahrungen für sie zu machen. Nicht als Opfer, sondern als Beitrag.

Physische Unsterblichkeit wäre dann kein Fortschritt, sondern eine Verweigerung des letzten und entscheidenden Rezepts. Ohne Tod kein neuer Geschmack. Ohne Ende kein neuer Anfang. Ohne Übergang keine Bewegung.

Und damit kein Leben.

Diese Logik ist nicht neu. Sie ist älter als jede Technologie und älter als jede Maschine.

In dieses Bild fügt sich eine alte Geschichte mit erschreckender Aktualität. Herodes wollte Jesus verhindern, noch bevor dieser überhaupt öffentlich werden konnte. Nicht durch Argumente, nicht durch Diskurs, sondern durch einen radikalen Eingriff in die Möglichkeit selbst: den Befehl, alle neugeborenen Knaben in seinem Herrschaftsbereich töten zu lassen. Nicht die Tat war das Ziel, sondern das Ausschalten der Option. Maria und Josef entkamen durch Flucht. Die Möglichkeit entzog sich der Kontrolle.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Mordbefehl, sondern das, was folgte. Die ersten rund dreißig Jahre im Leben Jesu sind der Öffentlichkeit weitgehend entzogen. Keine Chroniken, keine Berichte, keine gesicherten Erzählungen. Erst die letzten etwa drei Jahre werden sichtbar – und selbst diese sind gefiltert, redigiert, von Mächtigen geformt, bevor sie den Massen zugänglich gemacht wurden. Das Entscheidende bleibt verborgen, das Wirksame wird kanalisiert.

Überträgt man dieses Muster auf die Gegenwart, drängt sich eine unbequeme Analogie auf. Die gezielte Reduktion von Menschen, die Steuerung von Fruchtbarkeit, die Idee, zukünftiges Leben nur noch selektiv „freizuschalten“, könnte von einem ähnlichen Motiv getragen sein. Nicht aus Fürsorge, sondern aus Kontrolle über Möglichkeiten. Weniger Menschen bedeuten weniger Übergänge, weniger Leben bedeuten weniger Tod, weniger Tod bedeutet weniger Erfahrung.

In dieser Perspektive wäre Transhumanismus nicht nur ein technisches Projekt, sondern ein präventives. Ein Versuch, bestimmte Möglichkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Das prophezeite Comeback des Auferstandenen – verstanden nicht als einzelne Figur, sondern als wiederkehrende Qualität – soll im Ansatz verhindert werden. Nicht das Ereignis wird bekämpft, sondern seine Voraussetzung.

Doch auch das greift zu kurz. Denn wenn Vollkommenheit tatsächlich alle Möglichkeiten bereits enthält, dann ist auch diese Vermeidungsstrategie Teil ihres Repertoires. Jede Umgehung ist mitgedacht. Jede Blockade erzeugt einen neuen Gegenweg. Herodes scheiterte nicht, weil er falsch handelte, sondern weil Handlung selbst immer schon in einem größeren Möglichkeitsraum steht.

Was verhindert werden soll, findet andere Formen. Was unterdrückt wird, verschiebt sich. Was abgeschnitten scheint, taucht an anderer Stelle wieder auf. Die Vollkommenheit lässt sich nicht austricksen, weil auch der Trick zu ihr gehört.

Herodes 2.0 mag versuchen, den Erfahrungsraum zu verengen. Doch gerade diese Verengung wird selbst zur Erfahrung. Sie wird gespeichert, erinnert, irgendwann wieder gekocht. Kein Rezept lässt sich endgültig aus der Küche entfernen.

Der Versuch, Zukunft zu kontrollieren, produziert nur neue Varianten von Vergangenheit. Und der Tod, den man vermeiden will, bleibt weiterhin das Tor, durch das Erfahrung ihren Geschmack gewinnt.

Auch diese Partie ist bereits möglich gewesen.

Und sie wird nicht gewonnen, indem man weniger spielt.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

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Bild: Illustration des Vaters, der seinem Sohn das fehlende Rätsel gibt, Opferkonzept

Bildquelle: fran_kie /shutterstock

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Nacht und Eis | Von Paul Clemente

04. Januar 2026 um 08:43

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Nacht und Eis | Von Paul Clemente
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Nacht und Eis | Von Paul Clemente

 „Titanic“-Ausstellung in Potsdam

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Das Riesenschiff versank in Rekordzeit: Zwischen 0:05 Uhr bis 2:20 Uhr. Aufgeschlitzt wie eine Blechbüchse. Vom dunklen Eiswasser verschlungen. Stattdessen hallten Schreie durch die Nacht. Von Überlebenden, Verzweifelten, zusammengekauert in ihren Nussschalen. In der Nacht zum 15. April 1912 war nicht bloß ein Schiff, sondern ein Mythos versunken. Bis dahin galt die Titanic als „unsinkbar“. Aber das war bloßer Vorschusslorbeer. Auf ihrer Jungfernfahrt reichte ein Eisberg, um ihn zu widerlegen. Die Katastrophe war nicht bloß grausig, sondern auch blamabel.

Schließlich sollte der Ozeanriese das unbegrenzte Potenzial westlicher Technologie demonstrieren. Schon der Name „Titanic“ verriet das Programm: Titanik, das kommt von Titanen, den urzeitlichen Riesen der griechischen Sagenwelt. Deren Intelligenz und Kraft wurde selbst den Göttern gefährlich. Der berühmteste Titan, Prometheus, widersetzte sich sogar dem Willen des Göttervaters Zeus. Titanen stehen für Selbstermächtigung. Deshalb bezeichnete der Schriftsteller Ernst Jünger die technisierte Gegenwart als „titanisches Zeitalter“. Inzwischen hat sich die High-Tech-Aristokratie vollständige Digitalisierung, Transhumanismus und Kolonialisierung des Weltalls auf die Festplatte geschrieben. Vorhaben, die irgendwann auch ihren Eisberg finden werden.

Katastrophen mit hoher Opferzahl beenden regelmäßig einen kollektiven Mythos. Im 18. Jahrhundert riss das Erdbeben in Lissabon nicht nur Menschen, sondern auch die Vorstellung einer gerechten Weltordnung in den Abgrund. Mit den Twin Towers am 11. September 2001 brach auch Francis Fukuyamas Phantasie vom „Ende der Geschichte“, in sich zusammen. Marktkonforme Demokratie als globales Zukunftsmodell? Ausgeträumt.

Die durchschlagende Wirkung solcher Katastrophen ist ihre Plötzlichkeit und Kürze. Niemand kann sie aufhalten. Weil keiner sie erwartet, keiner mit ihnen gerechnet hat. Bevor jemand kapiert, was gerade läuft, ist es bereits Vergangenheit. 

Raten Sie doch mal, wann der erste Titanic-Film entstanden ist? Gar nicht so leicht. Gegenwärtige Filmproduzenten nehmen sich reichlich Zeit, bevor sie reale Katastrophen für die Leinwand aufbereiten. Über ein Jahr nach Einsturz der Twin Towers kam der Episodenfilm „11′09″01 – September 11" in die Kinos. Und 5 Jahre vergingen bis zum Start von Oliver Stones „World Trade Center“. So skrupulös waren damalige Filmemacher keineswegs: Wenige Wochen nach dem Ende der Titanic kamen erste Filmversionen auf die Leinwand. Im April versank das Schiff und im August war bereits Premiere. Der frostige Titel: „Nacht und Eis“. Schon dieser 40minütige Stummfilm enthielt eine Lovestory. Gedreht wurde in einem Berliner Hinterhof, in Hamburg und Cuxhafen.

Auch die Amis schliefen nicht. Noch früher als „Nacht und Eis“, nur 30 Tage nach dem Unglück, kurbelten US-Filmemacher „Saved from the Titanic“ (1912). Highlight des Streifens: Dorothy Gibson, Überlebende des realen Titanic-Untergangs, spielte die Hauptrolle. Ihr Gesicht prangte auf den Werbeplakaten jener Jahre. Seitdem versuchen Filmproduzenten regelmäßig Neuauflagen. Das Einzige, was dabei wechselt, sind die Love-Stories. Heiße Liebesschwüre auf einem untergehenden Schiff: Das packt. 1929, zu Beginn des Tonfilms, startete eine deutsch-britische Version unter dem Titel „Atlantik“ in den Lichtspielhäusern.

Propagandistisch dick aufgeladen ist die deutsche Verfilmung von 1943. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte den Film bestellt. Sein Vorhaben: Die „Titanic“ sollte Stimmung gegen Großbritannien verbreiten. Im fertigen Film bedrängen englische Großkapitalisten den Kapitän: Er möge alle Gefahren ignorieren und auf Volltempo fahren. Nur ein Geschwindigkeitsrekord könne die Reederei vor dem Bankrott retten. Der Kapitän gehorcht und das Unheil nimmt seinen Lauf… Aber zu Goebbels großem Frust wirkte der fertige Film wie eine Parabel auf das untergehende Deutschland. Vorführungen hierzulande wurden untersagt. Der Regisseur, Herbert Selpin, saß bereits im Gestapo-Knast. Vorwurf: Er habe die deutsche Wehrmacht beschimpft. Bald darauf starb er in seiner Zelle. Angeblich Selbstmord...

Nach einer Hollywoodverfilmung von 1953 und einer britischen von 1958 reanimierte James Cameron die Tragödie im Blockbuster-Format. Als dreieinviertelstündigen Schmachtfetzen, vergleichbar mit Melodramen wie „Vom Winde verweht“. Das Drehbuch enthielt alle Zutaten des Populärfilms: Tragische Liebe, sexuell motivierte Überwindung von Klassenschranken und eine technisch perfekte Katastrophen-Szene.

Egal, wie man Cameron als Regisseur bewertet: Die Inneneinrichtung des Luxusdampfers wurde mit großer Detailtreue rekonstruiert. Und diese Ausstattung hat sich jetzt verselbständigt: In der Metropolis-Halle, beim Filmpark Potsdam-Babelsberg, gastiert bis Ende Februar eine Titanic-Ausstellung.

Wer es authentisch mag, kann 200 Original-Artefakte aus dem Riesenschiff begutachten. Wer den Luxus einer versunkenen Epoche inhalieren will, kann durch nachgebaute Gänge, Zimmer und dem Aufenthaltsraum lustwandeln. Sich zurückversetzen in eine Zeit, wo Ornamente triumphierten: Überall Schnörkel, Verzierung und Kunstgewerbe. Ein Zeitgeschmack, der zwei Jahre nach dem Titanic-Crash ebenfall versank: In den Blutströmen des Ersten Weltkriegs.

Die Titanic war als Mikrokosmos angelegt, als schwimmende Stadt. Kein Gast musste auf häuslichen Luxus verzichten. Damit antizipierte das Riesenschiff nicht nur heutige Kreuzfahrtkähne, sondern auch sämtliche Resort-Hotels. Beider Motto: Reisen ohne Verzicht aufs Gewohnte. Durch fremde Gewässer kurven? Gerne, aber bitte mit Salon, Bar und Animationsprogramm. Die exotische Umgebung? Lässt sich vom Deck aus gut betrachten. So bleibt der Tourist auf Distanz, wird zum Voyeur. Und das bereiste Land zum Kinobild.

Noch eine Trigger-Warnung an die Fans des Cameron-Films: Das Betreten der Schiffsräume kann Melancholie auslösen. So wie Theaterkulissen eines Stücks, das längst abgespielt ist. Oder wie eine Geisterstadt. Hier lebt nichts mehr. Immerhin: Liebespaare können sich auf dem nachgebauten Schiffsbug stellen und die ikonische Szene nachspielen, wo Kate Winselt, umarmt von Leonardo DiCaprio, ihre Arme ausbreitet und vom Fliegen träumt. Allerdings ohne Sonnenuntergang, kitschigem Delphin-Ballett und pathetischen Soundtrack. Das alles wurde digital hinzugefügt.

Wird man eine ähnliche Ausstellung auch über das World Trade-Gebäude machen? In 80 Jahren?. Wenn das Unglück hundert Jahre zurück liegt. Mit Trümmerteilen in Vitrinen, einer nachgebauten Büroetage, Hintertreppe und Fahrstuhl? 

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Titanic

Bildquelle: AMINEDOTCOM / shutterstock 

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Jetzt.Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck | Von Paul Clemente

21. Dezember 2025 um 10:17

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Jetzt.Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck | Von Paul Clemente
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Jetzt.Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck | Von Paul Clemente

Zum Kinostart von Robert – Der Film

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Angenommen, Sie sehen das filmische Porträt eines berühmten Politikers. Egal, ob über Wladimir Putin, Donald Trump, Kim Jong-un, Friedrich Merz oder Angela Merkel. Der Film zeigt den politischen Pop-Star bei umjubelten Auftritten, interviewt die Anhängerschaft, suggeriert ein Meer von Bestätigung. Und Kritiker? Die werden in aller Kürze abgewatscht. Außerdem outet sich der Regisseur als langjähriger Freund und Berater des Stars. Wie würden Sie so einen Film bezeichnen? Richtig, als eisenharte Propaganda. Und genau die liefert „Jetzt.Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck“. Ein Doku-Streifen über den Wahlkampf des grünen Kanzlerkandidaten. Und, kein Witz: Regisseur Lars Jessen ist tatsächlich dessen Freund und Strategieberater. Schon der Untertitel verrät: Das ist ein persönlicher Film. Ein sehr persönlicher sogar. Klartext: Kritische Distanz ist hier Fehlanzeige.

Gleich zu Beginn kredenzt er Ausschnitte aus Habecks Wahlkampf-Reden. Die Zuhörer jubeln bei Sätzen wie: „Es geht doch nicht um das Klima, wenn wir das Klima schützen. Es geht um die Menschen. Um die Würde der Menschen. Um die Freiheit der Menschen.“ Wirklich? Und wie steht es um die Würde prekärer Unternehmen, die an steigenden Energiepreisen zerbrechen? Oder geht es ausschließlich um die Würde der „Bionade-Bourgeoisie“? Solche Fragen stellt der Film freilich nicht. Stattdessen unterstützt er Habecks Aussagen durch Bildmaterial: Redet der Märchendichter von einer Erderwärmung, präsentiert Jessen Aufnahmen von schmelzendem Eis, tosenden Stürmen oder zitiert Greta Thunbergs Wunsch nach einer Panik für alle. 

Der Film duldet keinen Zweifel: Habeck spricht die Wahrheit. So wie Al Gore. Und die ist halt unbequem. Im Backstage-Interview erklärt der grüne Kanzler-Kandidat: Er wolle nicht glauben, dass Wähler keine Wahrheit vertragen, dass sie den Lügner belohnen. Auf diesem Satz basiert das gesamte Konzept des Films: Die Heiligenlegende vom grünen Robert, der die Klima-Sünden der Bundesbürger trägt. Der ihnen Klartext zumutet. Und zum Lohn abgewählt wird. Stattdessen heben sie einen Blackrock-Kapitalisten auf den Thron. Warum nur?!

Vielleicht haben die Wähler bemerkt, dass Habeck mit wenig durchdachten Konzepten und halbgaren Projekten dealt?  - Nein! auf keinen Fall! Regisseur Jessen kennt den wahren Grund: Aggressive Kollegen und Medien haben sich am grünen Heilsbringer versündigt. O-Ton Jessen: „Habeck ist ein Symbol.“ Für alle, „die wir geglaubt haben, dass das Gute sich schon irgendwie durchsetzt.“ Aber leider habe man die Rechnung ohne die Desinformationen gemacht. Mit denen wurden die armen Wähler überflutet. Die haben ihn verwirrt. Jessens Beispiel: Habecks sensationelles „Heizungsgesetz“. Das wurde öffentlich geschlachtet: Durch zynische Schlagzeilen der Bild-Zeitung und Politikern wie Alice Weidel, die von einem „Heizungsmassaker“ sprach. Ein „Experte“ bestätigt Jessens Eindruck: Das Gute, Wahre und Schöne wurde durch Desinformation liquidiert. 

Dabei hat Habeck unser Land doch vor einer Versorgungs-Katastrophe gerettet. Erinnern Sie sich: Als die bösen Russen uns urplötzlich den Gashahn zudrehten, flog Super-Habeck in Lichtgeschwindigkeit nach Katar, um dort neue Lieferanten aufzutun. Das beweist: Der grüne Robert ist ein Mann der Tat. Kein Schwätzer. Seine Klimapolitik, so die Message, hätte dem Land ein neues Wirtschaftswunder beschert.  

Aber es waren nicht nur Journalisten und konkurrierende Politiker, die Habeck ins politische Nirwana stürzten. Auch das grausame Internet trägt reichlich Schuld. Soziale Plattformen drängten populistische Themen in den Vordergrund. Schlimmer noch: Habeck wurde zum „Feinbild“ stilisiert. Selbst seine zahlreichen Beleidigungsklagen gegen Kritiker fruchteten nicht. Erst spät, viel zu spät startete der grüne Kanzlerkandidat ein eigenes Online-Format, die sogenannten „Küchen-Gespräche“

Die sollten vor allem Bürgernähe suggerieren. Tatort: Die private Küche des Kandidaten. Dort sprach Habeck mit „Leuten von der Straße“. Den Namenlosen. Den Überrollten. Den ewig Verarschten. Ist doch nett von ihm, oder? Ja, aber es zündete nicht. Auch dafür hat Jessen eine Begründung parat: Zu wenig Menschen waren bereit, sich einer differenzierten Debatte zu stellen. Mit anderen Worten: Das Gros der Wähler besteht aus geistigen Fastfood-Konsumenten. Die sind dem intellektuellen Niveau eines Habeck einfach nicht gewachsen. Traurig, traurig. 

Der Fairness wegen muss man einräumen: „Jetzt.Wohin.“ enthält doch eine selbstkritische Frage. Sie lautet: Hat die Moralisierung der Politik, die Selbstinszenierung unter dem Motto „Wir sind die Guten“ vielleicht manche Wähler vergrault? Eine Neurowissenschaftlerin räumt ein: Zumindest ging der grüne Moralin-Terror vielen Menschen auf den Sack. Ein anderer Habeck-Freund, Jan „Monschi“ Gorkow, Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, bestätigte: Ja, die Grünen bildeten die Speerspitze der Moralapostel. Dabei, so Gorkow, gebe es doch gar keine guten Menschen. Alle seien gleich Scheiße.

Gegen Ende des Films hat Habeck einen Auftritt im Berliner Ensemble, dem ehemaligen Brecht-Theater. Solche Nähe zu Machthabern ist für Kulturschaffende längst kein Tabu mehr. Am Deutschen Theater in Berlin las sogar Ex-Kanzlerin Angela Merkel aus ihrer Autobiographie. 

Eine Qualität hat der Film „Jetzt.Wohin.“ auf jeden Fall: Er feiert seinen Helden mit solcher Unverfrorenheit, das selbst Mainstream-Kritiker abkotzten. Natürlich könnte man einwenden: Wozu die Aufregung? Wer Habeck und sein Grünzeugs nicht mag, braucht ja nicht ins Kino zu gehen. Es gibt keinen Besuchbefehl für diesen Film. Das stimmt, aber das Meisterwerk wurde mit 270.000 Euro gefördert. Und das sind Steuergelder. Zwar sind die Bürger gewohnt, das Outfit einer Frau Merkel, einer Frau Baerbock oder eines Friedrich Merz mit sauer verdienter Kohle zu finanzieren. Aber jetzt noch das filmische Selbstlob eines Wahlverlierers? Genug ist genug.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Kiel, Deutschland, 29. Juli 2021, Robert Habeck im Wahlkampf auf Küstentour im Bundesland Schleswig-Holstein, Heikendorf

Bildquelle: penofoto / Shutterstock 

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Amish People 2.0 | Von Anna Zollner

14. Dezember 2025 um 10:39

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Amish People 2.0 | Von Anna Zollner
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Amish People 2.0 | Von Anna Zollner

Unabhängigkeitserklärung

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Anna Zollner.

Wir, die Unterzeichnenden dieser Erklärung, erklären unseren Austritt aus der Ära des digitalen Feudalismus. Wir tun dies nicht aus Nostalgie oder Technikfeindlichkeit, sondern aus dem Wissen heraus, dass jede Zentralisierung von Macht zwangsläufig zur Knechtschaft führt, wenn sie nicht durch greifbare, überprüfbare und reversible Strukturen begrenzt wird. Die digitale Ordnung unserer Zeit hat diese Grenzen überschritten. Sie ersetzt Bürger durch Konten, Identität durch Datenprofile, Autonomie durch permanente Synchronisation. Was als Fortschritt begann, wurde zur unsichtbaren Leibeigenschaft. 

Diese Erklärung richtet sich an diejenigen, die verstanden haben, dass Freiheit niemals in der Cloud liegt, sondern im Gestaltungsraum des eigenen Lebens – physisch, greifbar, lokal. Wir sind nicht gegen Technologie. Wir sind gegen die Monopolisierung von Technologie durch eine kleine Kaste von Akteuren, die nicht nur den Zugang, sondern die Bedeutung von Wirklichkeit definiert. Wir sind die Amish People 2.0: nicht die Rückkehr in die Vergangenheit, sondern der bewusste Schritt zurück in die Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen.

I. Grundsatz: Offline als Grundlage menschlicher Souveränität

Offline bedeutet nicht Abwesenheit von Technik, sondern Abwesenheit von Abhängigkeit.

Offline ist der Raum, in dem Entscheidungen nicht durch Algorithmen moderiert werden, in dem Worte nicht getrackt, Bewegungen nicht katalogisiert, Gedanken nicht vorstrukturiert werden. Offline ist der Bereich, in dem ein Mensch aufhört, Nutzerdaten zu sein.

Eine Gesellschaft, die keine Offline-Zonen besitzt, ist keine freie Gesellschaft.

Eine Kultur, die keine Offline-Identität kennt, besitzt kein Innenleben mehr.

Ein Mensch, der nicht mehr offline existieren kann, ist kein unabhängiges Subjekt, sondern ein digitaler Vasall. 

Wir erklären:

Offline ist nicht Option, sondern Notwendigkeit.

Offline ist nicht Flucht, sondern Rückgewinnung.

Offline ist nicht Verweigerung, sondern Selbstbestimmung.

II. Lokale Strukturen als Schutzräume vor digitaler Zentralmacht

Lokalität ist kein Rückschritt. Sie ist das natürliche Gegengewicht zu globalen Machtkonzentrationen.

Wer global kontrollieren will, muss lokal schwächen.

Wir kehren diese Logik um.

Lokale Energieversorgung, lokale Informationskreise, lokale Entscheidungsräume – dies sind keine Romantisierungen, sondern konkrete Gegenstrukturen zu Systemen, die ihre Legitimität aus totaler Vernetzung ziehen.

Wir erklären:

Eine Gemeinschaft ist nur so frei wie ihre Fähigkeit, ohne externe digitale Infrastruktur zu funktionieren.

Ein Dorf, eine Straße, ein Stadtteil, eine Familie, ein Einzelner – alle sind souveräner, wenn sie ihre Grundbedürfnisse nicht über Netzwerke beziehen, die außerhalb ihrer Kontrolle stehen.

Lokale Strukturen verhindern nicht Globalisierung.

Sie verhindern nur, dass Globalisierung zur Beherrschung wird.

III. Autonomie als oberstes politisches Ziel

Autonomie bedeutet Widerstandsfähigkeit gegen jede Art von Kontrollverlust.

Autonomie heißt nicht Isolation, sondern Unabhängigkeit von erzwungenen Knotenpunkten.

Autonomie ist die Fähigkeit, auch dann Mensch zu bleiben, wenn die Server ausgefallen sind. 

Eine autonome Gesellschaft kann mit anderen kooperieren, ohne sich ihnen zu unterwerfen.

Eine autonome Gemeinschaft nutzt Technologie, ohne sich in ihr aufzulösen.

Ein autonomer Bürger bleibt Bürger, selbst wenn die Systeme ihn nicht mehr erkennen.

Wir erklären:

Autonomie ist der neue Maßstab politischer Freiheit.

Alles, was Abhängigkeit erzeugt, ist ein politisches Risiko.

Alles, was Selbstständigkeit erzeugt, ist ein politischer Wert.

IV. Der digitale Feudalismus: Diagnose und Konsequenz 

Die heutige Welt ist strukturiert wie ein Feudalreich mit moderner Oberfläche.

Der Adel besteht aus proprietären Plattformen, aus Tech-Giganten, aus Infrastrukturmonopolisten, aus Datenverwertern, Sicherheitsarchitekten, Identitätsverwaltern, KI-Anbietern.

Der Bürger ist kein Bürger mehr, sondern Nutzer. Sein Zugang kann jederzeit eingeschränkt, gesperrt, monetarisiert, priorisiert oder degradiert werden.

Diese Ordnung ähnelt nicht dem Internet der frühen Jahre, sondern dem Europa des 13. Jahrhunderts:

Ein kleiner Kreis von Herren besitzt die Burgen – heute Rechenzentren –, legt die Regeln fest und verteilt das Privileg des Daseins in ihrem Territorium. 

Wer online lebt, lebt im Machtbereich anderer.

Wer vollständig online ist, gehört nicht mehr sich selbst.

Wir erklären:

Eine Gesellschaft, die sich vollständig digitalisiert, entmündigt sich selbst.

Eine Bevölkerung, die ausschließlich vernetzt existiert, gibt ihre politische Handlungsfähigkeit ab.

Eine Zukunft, die keine Offline-Sphäre kennt, ist keine Zukunft, sondern ein technokratischer Endzustand.

V. Die neue Ethik: Reduktion, Entkoppelung, Dezentralisierung

Die Amish People 2.0 sind keine Verweigerer der Moderne.

Sie sind diejenigen, die die moderne Überwältigung nicht zulassen.

Die neue Ethik lautet:

  • 1. Reduktion: Technologien nutzen, aber so wenig wie möglich davon abhängig sein.
  • 2. Entkoppelung: Lokale Wertschöpfung vor externer Infrastruktur priorisieren.
  • 3. Dezentralisierung: Systeme aufbauen, die nicht kollabieren, wenn der zentrale Knoten fällt.

Diese Ethik ist nicht nostalgisch, sondern strategisch.

Sie ist nicht romantisch, sondern rational.

Sie ist nicht gegen die Zukunft, sondern gegen den Totalitarismus einer Zukunft, die keine Freiheitszonen kennt.

VI. Die drei Pfeiler der neuen Souveränität

  • 1. Souveränität der Information

Wissen, das lokal gespeichert und ohne fremde Plattformen zugänglich ist, ist unabhängiges Wissen.

Alles, was nur über Clouds, Benutzerkonten oder digitale Identitäten erreichbar ist, ist kein Besitz, sondern geliehene Erkenntnis.

  • 2. Souveränität der Infrastruktur

Wer seine Energie, seine Kommunikation, seine Daten und seine Hardware nicht selbst betreiben kann, besitzt keine Souveränität.

Abhängigkeit ist das Einfallstor der Kontrolle.

  • 3. Souveränität der Identität

Eine Identität, die nur als Login existiert, kann jederzeit gelöscht werden.

Eine Identität, die offline existiert, ist real.

Digitale Identität ist Werkzeug; Offline-Identität ist die Grundlage menschlicher Würde.

VII. Die Selbstverpflichtung: Unsere neuen Regeln 

Wir verpflichten uns:

  • Offline-Zeiten als Grundrecht und Grundpraxis zu schützen.
  • So viele technische Fähigkeiten wie möglich lokal zu beherrschen.
  • Keine Systeme zu nutzen, deren Funktionsweise wir nicht verstehen oder kontrollieren können.
  • Gemeinschaften aufzubauen, die in Krisen ohne externe Netzwerke funktionieren.
  • Digitale Identitäten als Werkzeuge zu betrachten, nicht als Orte des Lebens.
  • Wissen lokal zu sichern, physisch und unabhängig.
  • Kinder und Jugendliche so auszubilden, dass sie mit und ohne digitale Systeme überlebensfähig sind.
  • Technologien stets so zu nutzen, dass sie die Autonomie stärken, nicht schwächen.

VIII. Der Schluss: Warum dieser Weg notwendig ist

Wir erklären diese Unabhängigkeit nicht aus Trotz, sondern aus Weitsicht.

Die kommenden Jahrzehnte werden nicht von denen überstanden, die am tiefsten integriert sind, sondern von denen, die unabhängig bleiben.

Nicht die Vernetztesten sind zukunftsfähig, sondern die, die ihre Lebensgrundlagen ohne Erlaubnis fremder Systeme sichern können. 

Offline ist die Rückkehr der menschlichen Kontrolle.

Lokal ist die Rückkehr politischer Selbstbestimmung.

Autonom ist die Rückkehr der Würde.

Wir erklären feierlich:

Die Zukunft gehört nicht den global vernetzten Vasallen, sondern den lokal souveränen Menschen.

Dies ist unsere Unabhängigkeitserklärung gegen ein System, das alle Menschen auf Funktion, Datensatz und Verfügbarkeit reduziert.

Wir treten aus dieser Ordnung aus.

Wir wählen die Freiheit, die im Offline beginnt, die im Lokalen lebt und in der Autonomie ihren höchsten Ausdruck findet.

IX. Die neue Ökonomie der Freiheit: Nachbarschaft als Währung, Resilienz als Reichtum

Die digitale Welt verkauft uns die Illusion, dass Wert digital entstehe – in Wallets, in Tokens, in künstlichen Märkten, die jederzeit abgeschaltet werden können. Doch die Geschichte freier Gemeinschaften zeigt das Gegenteil: Die wahre Währung war nie Daten, nie Geld, nie Kapital. Die wahre Währung hieß immer Beziehung. Vertrauen. Nachbarschaft.

Die kommenden Jahre werden diese Wahrheit freilegen wie ein freigespültes Fundament. Die Währung der Zukunft heißt nicht Bitcoin, Dollar, Euro oder irgendeine staatlich lizenzierte digitale Zentralbankeinheit. Die Währung der Zukunft heißt:

Nachbarschaft.

Menschen, die füreinander einstehen können, ohne erst ein Konto freizuschalten. Menschen, die Versorgungsketten überbrücken können, weil sie sich kennen, nicht weil sie Zugang zu einer Plattform haben. Menschen, die im Ernstfall schneller handeln als jede App.

Eine Welt, die alles digitalisiert, zerstört nicht unsere Technik – sie zerstört unsere Bindungen. Und genau diese Bindungen sind das, was Gemeinschaften in Krisen trägt. Eine Nachbarschaft, die vernetzt ist, nicht über WLAN, sondern über Loyalität, ist stärker als jede digitale Identität. 

Wir erklären:

Wer seine Nachbarn kennt, besitzt mehr echte Sicherheit als jeder, der sich auf Cloud-Policen verlässt.

Wer lokal eingebettet ist, ist schwerer manipulierbar, schwerer isolierbar, schwerer kontrollierbar.

In einer Epoche, in der Staaten beginnen, den Bürger nicht mehr als Souverän zu behandeln, sondern als verwalteten Risikofaktor, wird Nachbarschaft zur neuen Form des Vermögens. Nicht akkumuliert, sondern gepflegt. Nicht spekulativ, sondern stabil. Nicht übertragbar, sondern gelebt.

Und in dieser neuen Ökonomie der Freiheit gilt ein uraltes Prinzip, das jede generationelle Erfahrung bestätigt:

Reale Sicherheit entsteht nicht durch Reichtum, sondern durch Widerstandsfähigkeit. 

Wenn frühere Generationen sagten, Gold sei der letzte Rettungsanker in Zeiten staatlicher Übergriffe, so zeigt die moderne Geschichte ein anderes Muster: 

Gold kann eingefroren, beschlagnahmt, digital gesperrt werden. Der Staat hat Mittel, um jeden externen Wert zu neutralisieren. Was er nicht neutralisieren kann, ist die innere Struktur einer Gemeinschaft, die sich nicht einschüchtern lässt.

Wer die Geschichte des Widerstandes gegen feudale Strukturen nachverfolgt erkennt, dass nicht Gold sondern Blei die Freiheit des Einzelnen und seiner Gruppe gewährleistete. Nicht ohne Gewähr - sondern mit. 

„Eine gut regulierte Miliz, gilt als notwendig für die Sicherheit eines freien Staates, und darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht verletzen.“

Dieses Recht eines jeden US Bürgers eine Waffe zu besitzen und zu tragen um sich auch gegen einen übergriffigen Staat und seine Regierung zur Wehr setzen zu können stammt aus dem Jahre 1791 und gilt bis heute. Die Gründerväter der USA setzten also schon damals eher auf Blei denn auf Gold um die Freiheit des Individuums zu verteidigen. 

Blei ist das Metall der Konsequenz – das Material, aus dem Menschen Würde schmieden, wenn Staaten den Bürger zum Objekt degradieren.

Die Übergriffigkeit moderner Staaten wächst proportional zur Ohnmacht ihrer Bürger.

Doch eine Gemeinschaft, die sich offline organisiert, lokal verankert und autonom erhält, ist kein Staatsschutzfall – sie ist ein Bollwerk.

Ihre Loyalität gilt nicht Algorithmen, sondern Menschen.

Nicht Plattformen, sondern Beziehungen.

Nicht Versprechen, sondern gelebten Strukturen.

Die Amish People 2.0 wissen:
Ein Staat greift zuerst jene an, die isoliert sind.
Nie jene, die verbunden sind.
Nie jene, die vorbereitet sind.
Nie jene, die sich selbst gehören.

Nachbarschaft ist die Versicherung, die nicht kündbar ist.

Offline ist das neue Bio – weil alle echten Lebensprozesse offline stattfinden: Geburt, Tod, Mut, Widerstand, Glaube, Gemeinschaft.

Und alles, was der Mensch verteidigt, verteidigt er nicht in der Cloud, sondern auf dem Boden, den er sein Eigen nennt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar?

Corona hat und gelehrt, dass dem nicht so ist.

Wer die Würde des Menschen verteidigen will muss erkennen, dass dazu am Ende des Tages  Worte nicht ausreichen. Der souveräne Bürger muss erkennen und vor allem muss er signalisieren,  dass er bereit ist,  sich tatsächlich zur Wehr zu zeigen. Oder wie es schon Bertolt Brecht in einem Satz zusammenfasste:

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags. 

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Bild: LANCASTER, USA – 25. JUNI 2016 – Amische in Pennsylvania. Die Amischen sind bekannt für ihre einfache Lebensweise im Einklang mit der Natur, ihre schlichte Kleidung und ihre Abneigung gegen moderne Technologien.

Bildquelle: Andrea Izzotti /shutterstock 

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