Dieselpreise klettern im Schnitt auf über 2,40 Euro, Super E10 kratzt an der 2,20-Euro-Marke – ortsweise wurde die 3-Euro-Schallmauer schon durchbrochen. Für viele Pendler, Handwerker und Familien bedeutet das: jeden Monat Hunderte Euro mehr, die vom ohnehin knappen Haushaltsgeld abgehen. Der blanke Hohn: Diese Entwicklung wird offenbar sogar begrüßt.
Ein Kommentar von Andrea Waldner
Die Vorsitzende der sogenannten Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, lehnt einen gesetzlichen Preisdeckel für Benzin und Diesel ab, stattdessen sollen die hohen Preise ihre Wirkung entfalten.
Im ZDF-Morgenmagazin brachte sie ihre Ansicht auf den Punkt: „Die Menschen müssen sich überlegen, wo ist es wirklich wichtig, zu fahren, wo kann ich darauf verzichten, wo kann ich eine Fahrgemeinschaft bilden, wo kann ich vielleicht mal mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren.“
Das ist kein gut gemeinter Tipp. Das ist die offene Ansage einer Elite, die hohe Spritpreise als willkommenes Disziplinierungsinstrument betrachtet. Nicht die geopolitische Krise im Nahen Osten steht im Vordergrund, sondern die Chance, die Bürger endlich „richtig“ zu erziehen.
Seit Jahren predigt der grün geprägte Teil der Politik, dass fossile Mobilität „teurer werden muss“, um die Menschen zum Umdenken zu zwingen. Am liebsten würden sie den motorisierten Individualverkehr ganz abschaffen. Die aktuelle Ölpreisexplosion durch den Iran-Konflikt kommt da wie gerufen.
Schnitzer lehnt Preisdeckel oder Subventionen (wie den Tankrabatt 2022) vehement ab – weil die Menschen sich damals „zu wenig angepasst“ hätten. Übersetzt heißt das: Das letzte Mal war der Schmerz noch nicht groß genug. Diesmal soll es richtig wehtun, damit die gewünschte Verhaltensänderung endlich eintritt. Die Bürger sollen lernen: Autofahren ist kein Grundrecht, sondern ein Luxus, den man sich erst „verdienen“ muss – durch Verzicht oder teure Elektroautos. Das ist keine Wirtschaftspolitik mehr, das ist soziale Umerziehung mit dem Portemonnaie als Erziehungsmittel.
Besonders perfide wirkt die seit dem 1. April 2026 geltende Tankstellen-Regel: Preiserhöhungen nur noch einmal täglich um Punkt 12 Uhr. Die Regierung verkaufte das als Schutz vor der sogenannten „Preisachterbahn“. In Wahrheit sprang der Preis am ersten Tag mancherorts um 8 bis 15 Cent in die Höhe – und der Diesel stellte sogar einen neuen Allzeitrekord auf. Die Regel dämpft nichts. Sie kanalisiert den Preisanstieg nur noch besser. Die Mineralölkonzerne dürfen die Kosten weiterreichen, die Politik schaut wohlwollend zu. Hauptsache, der deutsche Michel lernt endlich, weniger zu fahren.
Erschreckend ist auch die soziale Kälte dieser Haltung. Für Gutverdiener mit Homeoffice, Dienstwagen oder gut ausgebautem ÖPNV in der Großstadt sind 40 oder 50 Cent mehr pro Liter eine unangenehme Randnotiz. Für den Dachdecker auf dem Land, die Krankenschwester im Nachtdienst oder den Alleinerziehenden ohne Bahnanschluss ist es eine existenzielle Belastung.
Diesen Menschen sagt man nun unverblümt: Überlegt euch, ob euer Weg „wirklich wichtig“ ist. Als ob die Fahrt zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen eine Art Freizeitvergnügen wäre, auf das man notfalls verzichten kann.
Hohe Spritpreise sind eine Folge von Krieg, Verknappung und immensen Abgaben. Sie als willkommenes Instrument zur Umerziehung der Bevölkerung zu missbrauchen, ist – wie die Weigerung, die Steuern zu senken – eine bewusste politische Entscheidung.
„Wo ist es wirklich wichtig, zu fahren?“ – Dieser Satz von Monika Schnitzer wird wohl in die Geschichte eingehen. Nicht als kluger ökonomischer Rat, sondern als zynisches Symbol einer abgehobenen Politik, die Mobilität zum Privileg der Besserverdienenden macht und den Normalbürger mit dem Geldbeutel diszipliniert.
Mobbing, sozialer Druck und digitale Dauerpräsenz prägen den Alltag vieler Kinder. Doch während wir oft über Schule und Medien diskutieren, wird ein entscheidender Faktor übersehen: die Stabilität im Elternhaus. Warum Resilienz nicht im Kind beginnt – sondern bei uns Erwachsenen.
Ein Gastkommentar von Isolde Mitter
Mobbing, sozialer Druck, Konflikte im Klassenverband oder die permanente Präsenz sozialer Medien – viele Kinder und Jugendliche wachsen heute in einem Umfeld auf, das spürbar rauer geworden ist. Was früher eher Ausnahmesituationen waren, ist heute für viele Teil ihres Alltags. Der Ton ist oft härter. Der Vergleich beginnt früher. Und soziale Medien verstärken Dynamiken, die für Kinder oft nur schwer einzuordnen sind.
Auch in der Freigeist-Akademie greifen wir diese Themen immer wieder auf, machen sie sichtbar und laden dazu ein, sich bewusst damit auseinanderzusetzen. So haben wir im vergangenen Jahr unter anderem die Digitalexpertin und Schulleiterin Silke Müller eingeladen, die sehr eindrücklich aufzeigt, welchen Risiken Kinder und Jugendliche im digitalen Raum ausgesetzt sind – und wie wichtig eine bewusste Begleitung durch Erwachsene ist.
Ihre Arbeit steht stellvertretend für viele Fachleute, die sich intensiv mit diesen Entwicklungen beschäftigen. Sie machen deutlich: Die Herausforderungen, mit denen Kinder heute konfrontiert sind, sind real – und sie verlangen nach Aufmerksamkeit, Verständnis und Begleitung. Das macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Eltern verstehen, was in der digitalen Welt ihrer Kinder passiert. Es braucht Aufklärung, Orientierung und einen bewussten Umgang mit Medien.
Neben der digitalen Welt und den gesellschaftlichen Veränderungen stehen Eltern heute noch vor einer weiteren Herausforderung: Es gibt nicht mehr „den einen richtigen Weg“, Kinder zu erziehen. Während früher oft klare Linien vorgegeben waren, ist das Feld heute deutlich breiter geworden. Ich selbst bin Jahrgang 1979. Damals gab es im Grunde zwei dominante Richtungen: autoritäre Erziehung – und als Gegenbewegung die anti-autoritäre. Wobei die Realität meist recht eindeutig war: Die große Mehrheit wuchs in eher klar strukturierten, oft auch strengeren Systemen auf. Heute sieht das anders aus.
Eltern bewegen sich zwischen unterschiedlichsten Ansätzen: autoritär, anti-autoritär, laissez-faire, bindungsorientierte Erziehung (Attachment Parenting), bedürfnisorientierte Begleitung und viele Mischformen daraus. Dazu kommen Bücher, Podcasts, Social Media und Expertenmeinungen – oft mit sehr unterschiedlichen Ansätzen. Was gut gemeint ist, führt nicht selten zu einer neuen Form der Unsicherheit. Denn plötzlich stellt sich nicht mehr nur die Frage, wie man Kinder begleitet – sondern auch, welcher Weg überhaupt der richtige ist.
Ein Erziehungsstil funktioniert nur dann, wenn er zu den Menschen passt, die ihn leben. Nicht zu dem, was gerade modern ist. Nicht zu dem, was sich gut anhört. Sondern zu den eigenen Werten, zur eigenen Stabilität und zur eigenen Klarheit. Denn Kinder spüren nicht das Konzept. Sie spüren die Echtheit dahinter.
Und gleichzeitig zeigt sich in der Praxis: All diese Maßnahmen sind wichtig. Aber sie greifen oft zu kurz, wenn ein wesentlicher Faktor nicht mitgedacht wird. Denn neben Medienkompetenz, Erziehungsstil und äußeren Rahmenbedingungen gibt es eine weitere, zentrale Ebene: das Beziehungs- und Familiensystem, in dem ein Kind aufwächst. Und genau dort entsteht das eigentliche Fundament.
Kinder wachsen nicht isoliert auf – und auch nicht in erster Linie in Systemen wie Schule oder Gesellschaft. Ihr prägendstes Umfeld ist das Beziehungssystem, in dem sie leben: die Familie. Und innerhalb dieser Familie ist eine Dynamik besonders entscheidend: die Beziehung der Eltern.
Kinder hören nicht nur, was gesagt wird. In der Psychologie wird davon ausgegangen, dass nur ein kleiner Teil unserer Kommunikation über Worte läuft – während der weitaus größere Teil nonverbal geschieht. Und genau daran orientieren sich Kinder. Sie beobachten vor allem, wie Erwachsene miteinander umgehen. Wie sie sprechen. Wie sie Konflikte austragen. Wie sie Nähe leben. Oder wie sie sich voneinander entfernen.
Kinder haben feine Antennen. Sie spüren Spannungen, unausgesprochene Konflikte oder emotionale Distanz oft lange, bevor Erwachsene bereit sind, diese Dinge selbst zu benennen.
Wenn wir also davon sprechen, Kinder stark zu machen, dann reicht es nicht, am Kind selbst anzusetzen. Die eigentliche Frage lautet: Wie stabil ist das Umfeld, in dem dieses Kind lebt?
Ein Kind kann lernen, mit Herausforderungen umzugehen. Aber es braucht dafür ein Fundament. Und dieses Fundament entsteht dort, wo Verlässlichkeit, Klarheit und emotionale Stabilität vorhanden sind. Nicht Perfektion. Aber Stabilität.
In meiner Arbeit mit Menschen und Familien zeigt sich immer wieder: Viele Themen, die bei Kindern sichtbar werden, haben ihren Ursprung nicht im Kind selbst. Sondern in den Dynamiken, die im Hintergrund wirken. In ungelösten Konflikten. In fehlender Kommunikation. In dem, was nicht ausgesprochen wird. Nicht als Schuldzuweisung. Sondern als Realität.
Vielleicht ist deshalb die entscheidendere Frage nicht: Wie machen wir unsere Kinder stärker? Sondern: Wie stabil sind wir selbst? Denn Kinder lernen Resilienz nicht durch Erklärungen. Sondern durch das, was sie täglich erleben.
Wenn wir möchten, dass unsere Kinder in einer komplexen Welt bestehen können, dann braucht es mehr als gute Erziehung. Es braucht ein Umfeld, das trägt. Ein Umfeld, das Orientierung gibt. Ein Umfeld, das nicht perfekt ist – aber verlässlich.
Und dieses Umfeld entsteht nicht durch Methoden. Sondern durch Menschen. Durch Eltern, die bereit sind, hinzuschauen. Durch Erwachsene, die sich selbst reflektieren. Und durch Beziehungen, die nicht nur funktionieren, sondern bewusst gelebt werden.
Resilienz ist kein Konzept, das man einem Kind beibringt. Resilienz ist etwas, das ein Kind erlebt. Im Alltag. Im Umgang miteinander. In der Art, wie Konflikte gelöst werden. Und in dem Gefühl, getragen zu sein – auch dann, wenn es schwierig wird.
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied: nicht darin, was wir unseren Kindern erklären, sondern darin, wie wir ihnen täglich begegnen.
Diese Fragen haben mich in den letzten Jahren intensiv begleitet. In Gesprächen mit Eltern. In meiner Arbeit als Bewusstseinstrainerin. Und in der Auseinandersetzung mit Beziehungen und ihren Dynamiken. Und genau daraus ist mein Buch entstanden: „Hinsetzen, zuhören, Klappe halten – warum Beziehung kein Wohlfühlpaket ist, sondern ein Ort für echtes Wachstum“
Dieses Buch ist kein klassischer Ratgeber, sondern eine Einladung zur Auseinandersetzung – mit Beziehung, mit Kommunikation und letztlich mit sich selbst. Es liefert vielleicht nicht die eine richtige Antwort, stellt dafür aber die oft unbequeme, entscheidende Frage: Wie stabil sind wir selbst – in dem, was wir leben?
Vielleicht liegt genau dort der entscheidende Punkt: Kinder bestmöglich zu begleiten, ist wichtig. Doch wir können noch so viel darüber lernen – entscheidend bleibt, wie bewusst wir uns selbst in diesem Prozess begegnen – und wie gut wir uns dabei wahrnehmen.
Als Bewusstseinstrainerin und als Mutter möchte ich Ihnen zum Abschluss etwas mitgeben: Hören Sie wieder mehr auf Ihre innere Stimme. Auch wenn sie leise ist. Die Welt da draußen ist laut – und manchmal ist diese Stimme kaum zu hören. Und trotzdem ist sie da.
Ich bin überzeugt, dass Sie als Eltern sehr genau spüren, welcher Weg für Sie und Ihre Familie stimmig ist. Und wenn diese Stimme im Moment auch noch leise ist, dann gibt es eine gute Nachricht: Man kann lernen, sie wieder wahrzunehmen. Nicht unbedingt durch noch mehr Wissen oder neue Methoden, sondern durch bewusste Auseinandersetzung – mit sich selbst, mit den eigenen Mustern und mit der Art, wie wir Beziehung leben.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich, wenn wir uns hier wiederbegegnen.
Herzlichst,
Isolde Mitter
Über die Kommentatorin:
Isolde Mitter ist Bewusstseinstrainerin, Autorin und Mutter. Als Gründerin der Freigeist-Akademie und des Vereins Freispielerinnen setzt sie sich für neue Wege in Bildung und persönlicher Entwicklung ein.
In ihrer Arbeit begleitet sie Menschen dabei, innere Klarheit zu gewinnen, emotionale Dynamiken zu verstehen und stabile Beziehungen aufzubauen – als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben.
In ihrer Biografie „Die Schrotthändlerin – mein Leben auf einem Minenfeld“ beschreibt sie ihren persönlichen Weg durch Krisen und Veränderungsprozesse – Erfahrungen, die heute auch in ihre Arbeit einfließen.
Ihr aktuelles Buch „Hinsetzen, zuhören, Klappe halten“ widmet sich Beziehungsdynamiken, Kommunikation und der Frage, wie echte Stabilität im Alltag entstehen kann.
Es kommt ja selten vor, dass die deutsche Regierung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen mal etwas Vernünftiges sagt – aber die klare Absage an Donald Trump, die Straße von Hormus durch deutsche Marineeinheiten abzusichern, war ein solcher Fall. Wie zu befürchten, gab es jedoch sogleich Kritik an dieser Entscheidung. Vorgetragen hat sie der „Verband Deutscher Reeder“, der beklagt, dass „44 deutsche Schiffe“ von der Blockade der Straße von Hormus betroffen und nun im Persischen Golf gefangen seien. Von welchen „deutschen“ Schiffen ist da eigentlich die Rede? Eine Spurensuche von Jens Berger.
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Konkrete Angaben, welche Schiffe von der Blockade betroffen sind, sind Mangelware. Recherchiert man ein wenig auf den einschlägigen Schifffahrtsportalen, findet man kein einziges deutsches Schiff in dieser Region. Doch dazu später mehr. Dank einer Pressemeldung wird man jedoch fündig. In dieser Meldung ist von dem Containerschiff Source Blessing die Rede, das auch nur deshalb namentlich erwähnt wurde, weil es offenbar durch die Kriegshandlungen beschädigt wurde. Deutsch ist die Source Blessing freilich nicht. Der NDR spricht von „einem Schiff der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd“, das an die dänische Reederei Maersk verchartert sei. Ok, gehen wir der Sache doch mal auf den Grund.
Die Source Blessing wurde 2003 in Kaohsiung/Taiwan von der China Shipbuilding Corp. gebaut und unter dem Namen Lykes Flyer von der amerikanischen Reederei Lykes Lines unter zunächst britischer Flagge in Betrieb genommen. Lykes Lines gehörte damals der kanadischen Reederei CP Ships, die ihrerseits 2005 von der damaligen deutschen TUI übernommen und in deren Tochter Hapag Lloyd integriert wurde. Über die Jahre wechselte das Schiff mehrfach den Namen und die Flagge. Seit 2021 fährt es unter liberianischer Flagge, seit 2024 heißt es Source Blessing. Ist die Source Blessing also ein liberianisches Schiff? Seerechtlich, ja. Aber die Flagge sagt nichts über die Besitzverhältnisse aus.
Wem gehört eigentlich das Schiff? Laut Schiffsdatenbank gehört das Schiff einem Unternehmen namens Well Wonder 1 LTD im chinesischen Fujian – einer Briefkastenfirma, der nur dieses eine Schiff gehört und die offenbar von der Mascot Ocean Ltd., ebenfalls aus Fujian, betrieben wird. Ist die Source Blessing also ein chinesisches Schiff? Von den Besitzverhältnissen, ja. Well Wonder hat das Schiff jedoch an das deutsche Unternehmen Hapag Lloyd verchartert, die es wiederum an die dänische Reederei Maersk unterverchartert haben, und für diese Reederei ist es im Golf im Linieneinsatz. Nun will das Schiff den Golf verlassen und gibt im elektronischen Identifiktationssystem vor, ein chinesisches Schiff zu sein – das ist offenbar in den letzten Tagen bei Schiffen von chinesischen Eignern gängige Praxis, um die Gefahr eines Angriffs durch den Iran zu reduzieren.
Rekapitulieren wir also: Wir haben hier ein Schiff, das einer chinesischen Firma gehört, unter liberianischer Flagge fährt, von einem deutschen Unternehmen gechartert und an ein dänisches Unternehmen weiterverchartert wurde. Wie kommen die deutschen Reeder hier auf die Idee, dass es sich um ein „deutsches“ Schiff handelt?
Die „deutsche Handelsflotte“ umfasst zurzeit 1.836 Schiffe, von denen jedoch nur 416 auch wirklich unter deutscher Flagge fahren. 1.420 Schiffe deutscher Reeder fahren unter fremder Flagge. Besonders beliebt sind die Flaggen Antiguas und Liberias, die 424 bzw. 309 Schiffe deutscher Reeder schmücken. In Antigua oder Liberia muss übrigens kein deutscher Reeder vorstellig werden, um seine Schiffe auszuflaggen. Das Schifffahrtsregister Antiguas ist im niedersächsischen Oldenburg beheimatet, das liberianische Schifffahrtsregister residiert in Reston, im US-Staat Virginia. In Zeiten des Internets und global agierender Anwaltskanzleien gehört das Ausflaggen zum tagtäglichen Geschäft großer Reedereien.
Der Hauptgrund für die Ausflaggung ist die im Seehandel oft komplizierte Ermittlung und Zuordnung der wirtschaftlichen Gewinne. Schiffe sind qua Gesetz Territorium des Staates, unter deren Flagge sie fahren, und müssten zumindest theoretisch auch in diesem Staat Steuern auf die erzielten Gewinne abführen. In der Praxis verhinderten jedoch die deutschen Finanzämter lange diese „Scheingeschäfte“. Der Startschuss für das große Ausflaggen deutscher Handelsschiffe fiel im Jahre 1999. Damals gab die rot-grüne Bundesregierung den Lobbyforderungen der Reeder nach, indem sie die Tonnagesteuer einführte. Bei der Tonnagesteuer entfällt die Besteuerung auf die tatsächlichen Gewinne aus dem Reedereigeschäft und wird durch eine – lächerlich geringe – Pauschalsteuer ersetzt, die sich auf die Tonnage der Schiffe bezieht. De facto stellt dies eine massive Steuersubvention für die Reeder und vor allem für die vermögenden Investoren dar, die sich über geschlossene Fonds an Schiffen beteiligen, und deren Gewinne dank der rot-grünen Steuerreform nahezu steuerfrei sind.
Neben der weitestgehenden Steuerbefreiung ist das Unterlaufen deutscher oder europäischer Sicherheits- und Arbeitsstandards ein Hauptmotiv für die Ausflaggung. Das fängt bei der Rentenversicherung und der Krankenversicherung an, geht beim Urlaubsanspruch und den Sozialleistungen weiter und endet bei berufsgenossenschaftlichen und arbeitsrechtlichen Regelungen. Für einen Seemann auf einem deutschen Schiff unter liberianischer Flagge gelten die Gesetze und Vorschriften Liberias.
Völkerrechtlich ist die in Deutschland so populäre Ausflaggung jedoch ein einziger Graubereich. Auch wenn die Ausflaggung deutscher Schiffe gängige Praxis ist, so heißt dies nicht, dass sie damit auch legal ist. Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen sieht vor, dass jedes Schiff in dem Staat registriert sein muss, von dessen Hoheitsgebiet aus es betrieben wird. Um die offensichtliche Verletzung des Seevölkerrechts zu umgehen, nutzen die Reeder mit tatkräftiger Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums eine „Gesetzeslücke“, die aus Zeiten stammt, in denen es den deutschen Reedern tatsächlich nicht gut ging. Paragraph 7 des Flaggenrechtsgesetzes gestattet eine auf maximal zwei Jahre befristete Ausflaggung, wenn das Schiff an einen ausländischen Betreiber verliehen wird.
Diese „Bareboat-Charter“ war jedoch als Ausnahmeregelung für wirtschaftlich angeschlagene Reedereien gedacht. Aus der Ausnahme wurde jedoch die Regel – obgleich es den deutschen Reedereien wirtschaftlich prächtig geht, wurde in den letzten Jahren kein einziger diesbezüglicher Antrag abgelehnt. Interessanterweise interpretieren die deutschen Finanzämter die „Bareboat-Charter“ bei der Einkommensteuererklärung deutscher Seeleute gänzlich anders. Die sind nämlich nicht in Antigua oder Liberia, sondern in Deutschland steuerpflichtig, da die Finanzbehörden hier die „Bareboat-Charter“ als „offensichtliches Scheingeschäft“ einordnen. Man kennt es ja: quod licet Iovi, non licet bovi.
Und wer sind die Profiteure dieser Steuerumgehung? Kommen wir auf Hapag Lloyd zurück. Neben Saudi-Arabien und Katar ist die Firma Kühne + Nagel der Hauptanteilseigner an der Reederei. Kühne + Nagel ist übrigens eines der größten Familienunternehmen der Welt und gehört Klaus-Michael Kühne, dem Hamburger Mäzen, der einschlägigen Listen zufolge mit einem Vermögen von fast 40 Milliarden Euro der zweitreichste Deutsche ist. „Erstaunlicherweise“ hat Kühne + Nagel seinen Hauptsitz jedoch nicht in Hamburg, sondern in der Schweiz. Mit Steueroptimierung kennen die Herren Reeder sich nun einmal ganz hervorragend aus.
Fassen wir die gesamte Recherche also zusammen: Wir haben (siehe oben) ein Schiff, das man je nach Perspektive als chinesisches oder liberianisches Schiff bezeichnen kann, bei dem jedoch der zweitreichste Mann Deutschlands an irgendeiner Stelle der komplexen Betreiberstruktur steueroptimiert als Charterer auftaucht. Und darum ist das Schiff nun ein deutsches Schiff? Das ist schon sehr abenteuerlich. Und die Source Blessing ist kein Einzelfall. Fast alle vermeintlich deutschen Schiffe im Golf weisen derartige Strukturen auf – Besitzer sind irgendwelche Briefkastenfirmen in Steueroasen oder China, sie fahren unter der Flagge irgendwelcher Bananenrepubliken, die keine Steuern erheben und keine Arbeitsschutzregelungen für die Seeleute vorschreiben. An irgendeiner Stelle der komplexen Betreiberstruktur tauchen dann aber deutsche Reedereien auf.
Wer sich durch Ausflaggung der Steuerpflicht entzieht und noch nicht einmal die arbeitsrechtlichen Vorschriften Deutschlands einhält, sollte aber bitteschön auch ganz leise sein, wenn es darum geht, dass Deutschland „seinen Besitz“ in welcher Form auch immer militärisch absichern soll. Es ist schon schlimm genug, dass junge Soldaten überhaupt in solche riskanten Situationen geschickt werden sollen – wenn dies vor allem für die grenzenlose Gier einiger weniger Superreicher geschehen soll, ist das nur noch unanständig und asozial. Die Reeder sollten sich schämen.
Wer derweil komplett in Vergessenheit geriet, sind die Seeleute, die auf diesen Schiffen ihren Dienst tun – meist Filipinos, Chinesen und Ukrainer; arme Schweine, die ausbeutet werden, um den Reichtum einiger weniger zu mehren. 4.000 dieser Seeleute sitzen offenbar zurzeit im Golf fest. Während deutsche Kreuzfahrttouristen – auch dank des heiligen Zorns von BILD und Co. – bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn auf Steuerzahlerkosten aus der Region ausgeflogen wurden, kümmert sich niemand um die zurückgebliebenen Seeleute. Und auch bei der gesamten Debatte um die Öffnung der Straße von Hormus und die Sicherung der Handelsrouten spielen diese „Wegwerfmenschen“ an keiner Stelle eine Rolle; sie werden nicht einmal erwähnt, natürlich auch nicht von den Reedern.
Titelbild: Aleksandr Medvedkov/shutterstock.com![]()
veröffentlicht am 05.12.2025 von Presseteam MWGFD Als Mitglied der MWGFD ist Prof. Dr. Ulrich Kutschera mit seinem Kollegen Uwe G. Kranz seit Mitte 2025 im Projekt „Frieden“ – aktiv.Bereits vorher hat er sich im „European Peace Project“ und der „Friedenstauben-Genossenschaft“ engagiert.Auf Anfrage von Frau Dr. Andrea Christidis (Axion Resist) entstand dieses Aufklärungs-Video zur Kriegstreiberei und […]
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