Barbaren gelten als rohe und unzivilisierte Menschen. Bar jeder Menschlichkeit gehören sie auf die unterste Stufe lebendiger Existenz.![]()
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Barbaren gelten als rohe und unzivilisierte Menschen. Bar jeder Menschlichkeit gehören sie auf die unterste Stufe lebendiger Existenz.![]()
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„Der Tod menschlicher Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen einer Kultur, die im Begriff ist, in die Barbarei zu verfallen.“ (Hannah Arendt) Am 19. Mai erhielt der palästinensische Journalist Rami Abu Jamous den Nord-Süd-Preis des Europarats. Jamous war Gründer der Agentur GazaPress, die westlichen Journalisten bei Recherchen und bei Übersetzungen half. Im Oktober 2023 wurde Jamous von der israelischen Armee gezwungen, seine Wohnung in Gaza-Stadt zusammen mit seiner Familie zu verlassen. Sie flohen nach Rafah, dann nach Deir El-Balah und später nach Nusseirat. Seit Oktober 2025 ist Rami mit seiner Familie wieder in Gaza-Stadt. Von Annette Groth.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
An der Preisverleihung in Lissabon las Portugals Präsident António José Seguro aus dem „Gaza-Tagebuch“ von Rami Abu Jamous vor. Das Schweizer Portal Infosperber dokumentiert die leicht gekürzte Dankesrede von Jamous, die er per Video aus Gaza hielt: „Ich spreche zu Ihnen aus Gaza. Aus diesem Land, dessen Tod die Welt live mitverfolgt. Aus diesem Freiluftgefängnis, in dem wir einen Gazacide erleben. Ja, ich sage bewusst Gazacide. Ein Völkermord bedeutet, ein Volk zu töten. Aber was wir erleben, ist nicht nur das Töten eines Volkes. Es ist das Töten der Geschichte. Es ist das Töten des Landes. Es ist das Töten von Bildung, Gesundheit, Archäologie, der Vergangenheit, ja sogar der Zukunft – und vor allem ist es das Töten der Menschlichkeit der Palästinenser.
Wir sind zusammengepfercht, gejagt, ausgehungert. Ich spreche zu Ihnen aus dem Maison de la Presse – einer Einrichtung, an deren Gründung ich gemeinsam mit mehreren Journalistenkollegen beteiligt war, darunter meinem Freund Bilal Jaddallah, den die Besatzungsarmee leider getötet hat. Der große portugiesische Dichter Fernando Pessoa schrieb: „Freiheit ist die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.“ In Gaza wird uns sogar diese Freiheit geraubt. Wir sind zusammengepfercht, gejagt, ausgehungert – aber wir weigern uns zu schweigen. Möge dieser Preis auch ein Aufschrei sein: Der Gazacide darf nicht ungestraft bleiben.“ [1]
Am 8. Juni wurde der diesjährige Europäische Pressepreis an die investigative Reportage „Was die Wunden erzählen“ von Maud Effting und Willem Feenstra von der niederländischen Zeitung De Volkskrant verliehen. Die beiden Journalisten dokumentieren die Fälle von 114 Kindern in Gaza unter 15 Jahren, die von einer einzigen Kugel in Kopf oder Brust getroffen wurden. Fast alle von ihnen starben oder blieben schwer behindert. „Eine einzelne Kugel in diesen Körperteilen ist ein klarer Hinweis darauf, dass diese Kinder gezielt angegriffen wurden“, schreiben die Preisträger. [2]
Obwohl der European Press Prize eine der höchsten europäischen journalistischen Auszeichnungen ist, wurde über die Preisverleihung nicht berichtet, auch nicht über den Preis des Europarats, soweit bekannt.
Dadurch, dass die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den eskalierenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine gerichtet ist sowie auf die Bombardierung und die Zerstörung des Libanon, einhergehend mit einer massiven Vertreibung von weit über einer Million Menschen, und auf den eskalierenden Krieg zwischen Israel und dem Iran, wird über die katastrophale Situation in Gaza kaum berichtet.
„Israel intensiviert das Töten, während die Welt wegschaut“ titelt das elektronische Nachrichtenportal Drop Site News am 9. Juni. Anlass war die Tötung eines achtjährigen Jungen, der von der provisorischen Schule nach Hause kam, und zwei weiteren Palästinensern. [3]
Laut dem Palästinensischen Menschenrechtszentrum war der Monat Mai 2026 der tödlichste, in dem mindestens 119 Menschen von der israelischen Armee ermordet wurden, darunter 19 Kinder. In den ersten neun Tagen des Juni 2026 wurden mindestens 46 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet, darunter wie immer etliche Kinder.
„Dieser 15-jährige Junge wurde von den anhaltenden Angriffen auf Gaza verletzt. Ein Splitter durchbohrte sein Herz, und innerhalb weniger Minuten starb er. Das ist die Realität in Gaza: Die Angriffe hören einfach nie auf.“ Dr. Abdel Wahab, palästinensischer Chirurg im Norden von Gaza, 7. Juni 2026 [4]
„Der Krieg ist zurückgekehrt. Jeden Tag gibt es Dutzende von Märtyrern und Dutzende von Verwundeten. Er ist zurückgekehrt, ohne dass es angekündigt wurde. Über Gaza wird nicht berichtet“, sagte Azmi Abu Sharby, ein Palästinenser, der in Shujaiyeh, einem Stadtteil östlich von Gaza-Stadt, lebt, gegenüber Drop Site. „Es dreht sich alles um den Iran und um den Libanon, und Gaza wird jeden Tag bombardiert und jeden Tag geschlachtet.“ [5]
Das UN-Menschenrechtsbüro (OHCHR) bestätigt ebenfalls eine Zunahme israelischer Attacken in Gaza und veröffentlichte am 4. Juni einen Bericht über „wiederholte Angriffe“ und „routinemäßige gezielte Angriffe“ auf Polizeibeamte in Gaza. Seit Januar 2026 hat das OHCHR mindestens zwölf Angriffe auf die Polizei registriert, bei denen mehr als 53 Zivilisten getötet wurden, darunter 35 Polizeibeamte. Allein im Mai wurden vier Angriffe verzeichnet, bei denen zwölf Polizeibeamte ums Leben kamen. Mayy El Sheikh, Sprecherin des OHCHR in den besetzten palästinensischen Gebieten, betont, dass die „systematische gezielte Bekämpfung“ wichtiger öffentlicher Einrichtungen und Mitarbeiter zu einem Zusammenbruch der zivilen und öffentlichen Ordnung geführt habe. [6]
Yanis Varoufakis, griechischer Wirtschaftswissenschaftler, ehemaliger Finanzminister, Autor und Politiker, kommentiert am 2. Juni 2026 auf X (Twitter): „Nun, da Gaza in Trümmern liegt – zerschmettert wie ein geliebtes Gesicht nach lang andauernder Brutalität –, schreitet Israel mit schrecklicher Selbstsicherheit zum nächsten Akt über: dem Akt, jeden Menschen dort nicht nur verwundet, sondern dauerhaft handlungsunfähig zurückzulassen. Verletzt, krank, hungrig, obdachlos, ohne Arbeit, ohne Hoffnung. Das sind keine Kollateralschäden des Krieges. Das ist Absicht. Wie mein Freund Gideon Levy schreibt – und er weiß es nur zu gut –, ist dies der Auftakt zur Vertreibung. Man stelle sich das vor: eine Gesellschaft ohne Lehrerinnen und Lehrer, ohne Ärztinnen und Ärzte, ohne Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, ohne Ingenieure, ohne Angestellte. Das ist keine Gesellschaft. Das ist ein Pferch. Ein langsames Auslöschen. Und wenn nichts mehr funktioniert – keine Schule, kein Krankenhaus, kein Büro, kein Herz –, dann wird es „einfach“, die Menschen in alle Winde zu zerstreuen. Wie Samen aus einer zerbrochenen Schote, nur dass kein Boden sie aufnehmen wird. Wir müssen das beim Namen nennen. Nicht nur mit Wut, obwohl Wut ehrlich ist. Sondern mit den kalten, klaren Tränen der Erkenntnis: Sie machen das Leben unmöglich, damit die Migration zur einzigen „Wahl“ wird. Und die Welt schaut zu, rückt ihre Brille zurecht und ruft zur Zurückhaltung auf. Zurückhaltung! Es gibt keine Zurückhaltung beim langsamen Ertrinken.“ [7]
Varoufakis bezieht sich auf einen Artikel von Gideon Levy, einer der renommiertesten israelischen Journalisten, der am 30. Mai 2026 titelte: „Israels Lösung für das Gaza-Problem ist bereits in vollem Gange – Die einzige Alternative zur Herrschaft der Hamas ist derzeit die Anarchie, und dieses Chaos kommt Israel zugute, um seinen Nachkriegsplan zu verwirklichen: den vollständigen sozialen Zerfall und schließlich die Vertreibung.“ Levy fährt fort: „Sobald die Bevölkerung Gazas zu einer heterogenen Masse ohne organisierte Gesellschaft, ohne grundlegende Versorgung, ohne wesentliche Institutionen und natürlich ohne Führung reduziert ist, wird der vollständige Zerfall des sozialen Gefüges es Israel erleichtern, zur nächsten Phase überzugehen, die es nie aufgegeben hat: der Phase der Vertreibung. Erst dann wird das Gaza-Problem endgültig gelöst sein. Ohne eine funktionierende Gesellschaft ist es ein Leichtes, die Bewohnerinnen und Bewohner Gazas in alle Winde zu vertreiben“, zieht Gideon Levy das Fazit. [8]
Verteidigungsminister Israel Katz schrieb auf X: „Wir haben versprochen, dass die Hamas im Gazastreifen weder zivil noch militärisch herrschen wird, und so soll es auch sein. Auch der Plan zur freiwilligen Auswanderung wird umgesetzt werden, und zwar zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Art und Weise.“ [9]
Einen Hinweis auf diesen Vertreibungsplan gab auch Benjamin Netanjahu und verkündete, dass der von Israel kontrollierte Teil des Gazastreifens von 60 Prozent auf 70 Prozent ausgeweitet werden wird. D.h. über zwei Millionen Menschen werden in ein noch kleineres Gebiet zusammengepfercht. Man kann sich leicht vorstellen, wie sich die jetzt schon katastrophale Situation der Bevölkerung weiter verschärft.
Es kommen immer weniger Hilfsgüter in den Gazastreifen. Seit dem 24. Mai ist der Grenzübergang Zikim im Norden von Gaza geschlossen. Seit dem 4. Juni ist Kerem Shalom der einzige Grenzübergang, über den von den Israelis erlaubte Waren in den Gazastreifen gelangen können.
Am 1. Juni haben israelische Streitkräfte damit begonnen, humanitäre Konvois über eine neue Straße mit einem neuen Kontrollpunkt umzuleiten, um Kerem Shalom von innerhalb des Gazastreifens aus zu erreichen. Seitdem sind die LKW am neuen Kontrollpunkt mit erheblichen Problemen konfrontiert – darunter Verzögerungen, Staus, technische Störungen und langsame Kontrollen. Infolgedessen wurde nur ein Teil der in Kerem Shalom gelagerten Hilfsgüter abgeholt, auch die Mengen an angeliefertem Treibstoff sind reduziert worden.
Ein zusätzliches großes Problem sind mangelnde Finanzen, sodass humanitäre Dienst- und Hilfsleistungen erheblich einschränkt sind. Alle diese Faktoren führen zu einer schlechteren Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten, Treibstoff und dergleichen mehr. Ein großer Teil der Gazaner muss mit nur einer Mahlzeit am Tag auskommen. Insbesondere Kinder und schwangere bzw. stillende Frauen leiden unter akuter Mangelernährung. Dazu kommt die ständige Präsenz von Drohnen und die Geräusche von Kampfflugzeugen, die bei vielen Menschen zu schweren psychischen Traumata führen.
Was können einzelne Bürgerinnen und Bürger gegen dieses schreiende Unrecht tun außer Protestbriefe schreiben, Mahnwachen und Demonstrationen organisieren?
Eine Möglichkeit ist, das europäische Bürgerbegehren zu unterschreiben, das die Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens fordert. [10]
Das Assoziierungsabkommen ist für die israelische Wirtschaft von zentraler Bedeutung, da die EU Israels größter Handelspartner ist. Handel und Kooperation mit der EU bringen für Israels Rüstungsindustrie, den Technologiesektor und die Wissenschaft enorme Vorteile.
In Artikel 2 ist als zentraler Faktor die Achtung der Menschenrechte verankert, wie es auch auf der EU-Webseite steht: „Die Wahrung der Menschenrechte, der demokratischen Grundsätze und der Rechtsstaatlichkeit sind wesentliche Elemente des Abkommens. Die EU kann die Zusammenarbeit mit Ländern unterbrechen, wo diese Prinzipien anhaltend verletzt werden.“ [11]
Bereits im Juni 2025 stellte die Europäische Kommission fest, dass Israel gegen Artikel 2 des Abkommens verstößt, und schlug deshalb eine teilweise Aussetzung des Abkommens sowie gezielte Sanktionen gegen einzelne Mitglieder der israelischen Regierung sowie gegen gewalttätige Siedlerinnen und Siedler vor. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.
Insbesondere Deutschland und Italien blockieren die Aussetzung des Abkommens bislang. Wenn einer der beiden Staaten zustimmt, würde es für eine qualifizierte Mehrheit und damit für eine teilweise Aussetzung des Abkommens reichen.
Um die EU dazu zu bringen, sich weiterhin mit dem Abkommen zu beschäftigen, wurde eine europäische Bürgerinitiative organisiert und in den EU-Mitgliedsstaaten Unterschriften dafür gesammelt. Mit mehr als einer Million Stimmen ist die Mindestanforderung erfüllt und verpflichtet die Europäische Kommission, sich mit dem Abkommen weiterhin auseinanderzusetzen.
Es wäre ein wichtiges Zeichen der Kritik an der deutschen Regierungspolitik gegenüber Israel, wenn weiterhin Unterschriften gesammelt werden. Bislang gibt es über 65.000 in Deutschland, aber es fehlen hier noch 900 Unterschriften bis zum Erreichen des erforderlichen Quorums, das derzeit bei 80 Prozent liegt. Zum Vergleich: Zwölf Länder haben das Quorum übererfüllt (Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Niederlande, Polen, Portugal, Schweden, Spanien). Luxemburg hat bislang über die Hälfte des Quorums erreicht, sechs Länder haben 20 Prozent des Quorums noch nicht erreicht. [12]
Angesichts der großen weltweiten Proteste sowie einiger Ermittlungsverfahren gegen Israels Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, der für massive Misshandlungen der Aktivisten der Global Sumud Flotilla verantwortlich ist, ist zu hoffen, dass zumindest Italien jetzt der Aussetzung des Assoziierungsabkommens zustimmt. Mitte Mai hat die italienische Justiz ein Ermittlungsverfahren wegen des Umgangs mit festgenommenen Gaza-Aktivisten gegen Israels Polizeiminister Itamar Ben-Gvir eingeleitet. Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts auf Folter und Freiheitsberaubung.
Es wäre mehr als wünschenswert, wenn Ben-Gvir sowie alle Regierungsmitglieder auf die EU-Sanktionsliste kämen und gegen sie ermittelt würde! Die Straflosigkeit, auch von israelischen Verbrechen, muss ein Ende haben.
Aktuelle Infos: sand-im-getriebe.org/artikel/ebi-2026; justiceforpalestine.eu/post/press-conference-1-million-signatures; bip-jetzt.de/2026/06/08/bip-aktuell-399-das-assoziierungsabkommen-mit-der-eu-ist-fuer-israel-von-enormer-bedeutung/
Titelbild: Anas-Mohammed / Shutterstock
[«1] infosperber.ch/politik/welt/israel-darf-mit-dem-gazacide-nicht-durchkommen/; pressenza.com/de/2026/06/israel-darf-mit-dem-gazacide-nicht-durchkommen/
[«2] palestinemission.at/single-post/was-uns-die-wunden-erz%C3%A4hlen-internationale-%C3%A4rztinnen-und-%C3%A4rzte-berichten-von-gaza
[«3] dropsitenews.com/p/gaza-genocide-yellow-line-israel-killing-palestinians-ceasefire
[«4] Zitat aus der Aussendung des Büros (9. Juni 2026) der Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien und ständige Beobachtermission des Staates Palästina bei der UN und den internationalen Organisationen, das Büro in Wien sendet auf Anfrage regelmäßig Informationen aus Palästina und übersetzte Artikel an Interessierte. palestinemission.at
[«5] dropsitenews.com/p/gaza-genocide-yellow-line-israel-killing-palestinians-ceasefire
[«6] Gaza’s public servants systematically targeted in Israeli strikes UN-OHCHR, 4. Juni 2026 palestine.un.org/en/316694-gaza%E2%80%99s-public-servants-systematically-targeted-israeli-strikes
[«7] Zitat aus der Aussendung des Büros (9. Juni 2026) der Vertretung des Staates Palästina, Wien
[«8] Originalbeitrag in englischer Sprache: haaretz.com/opinion/2026-05-30/ty-article-opinion/.premium/israels-solution-to-the-gaza-problem-is-well-underway/0000019e-79d5-d12e-afdf-ffff5b890000
[«9] Zitat aus der Aussendung des Büros (9. Juni 2026) der Vertretung des Staates Palästina, Wien
[«10] Online kann man hier unterschreiben: eci.ec.europa.eu/055/public, weitere Informationen bei der Deutsch-Palästinensischen Gemeinde dpg-netz.de/
[«11] eu-info.de/europa/EU-Assoziierungsvertraege/
[«12] citizens-initiative.europa.eu/initiatives/details/2025/000005_de
Das ist die Beschreibung der Aktionen einer staatlichen Militärorganisation in Westasien, genannt "Naher Osten". In der Straße von Hormus beschießen sie zivile Schiffe, töten Besatzungen und setzen eine brutale illegale Blockade durch. Und nein, nicht der Iran, sondern die USA. Die USA haben am Mittwoch den Tod von drei indischen Seeleuten bestätigt. Ein US-Kampfjet feuerte [...]
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Von Larry C. Johnson
Eine wahrhaft bizarre Abfolge von Ereignissen vor der iranischen Küste heute, die meiner Meinung nach vollständig von den USA provoziert, wenn nicht gar inszeniert wurde. Es begann mit mehreren Nachrichtenmeldungen, wonach ein Apache-Hubschrauber der US-Armee im Persischen Golf abgeschossen worden sei, die beiden Piloten jedoch unverletzt geblieben seien. Was zum Teufel hatte ein Apache-Hubschrauber dort zu suchen? Der AH-64 Apache ist ein zweimotoriger Kampfhubschrauber, der in erster Linie für die Panzerabwehr, die Luftnahunterstützung und die bewaffnete Aufklärung konzipiert ist. Anscheinend führte er eine Aufklärungsmission durch. Die USA behaupten, der Iran habe ihn abgeschossen, doch der Iran beharrt darauf, dass er nichts dergleichen getan habe.
Mich stört die Behauptung, er sei abgeschossen worden… Hätten die Rakete oder die Kugeln das Cockpit getroffen oder den Hauptrotor beschädigt, wäre das Fluggerät ins Wasser gestürzt und die Piloten hätten nicht überlebt. Was ist also passiert? War einer der beiden Motoren beschädigt, funktionierte aber noch? War der Heckrotor beschädigt? Das sind die einzigen beiden Szenarien, die ich mir vorstellen kann, die keinen katastrophalen Absturz verursacht hätten. Sobald der Hubschrauber im Wasser gelandet war, mussten die Piloten die Kabinenhaube öffnen und ins Wasser springen. Hoffentlich ist der Hauptrotor – vorausgesetzt, er war intakt, als der Hubschrauber auf das Wasser aufschlug – beim Aufprall zerbrochen. Andernfalls wären die Piloten bei ihrem Fluchtversuch zerfetzt worden.
Zeitgleich mit diesem Absturz veröffentlichte die NY Times einen Artikel von David Sanger, in dem der Stand der Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über das iranische Atomprogramm erörtert wurde. Sanger schrieb:
In den Tagen vor den jüngsten Gewaltausbrüchen im Nahen Osten verhandelten die Berater von Präsident Trump mit Teheran über vier wesentliche Punkte eines Atomabkommens, das nach Ansicht von US-Beamten das Atomprogramm für etwa 15 Jahre zum Erliegen bringen würde. . . .
Nach Angaben von Beamten und Diplomaten sind dies die vier wesentlichen Verhandlungspunkte für ein Atomabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran:
1. Eine langfristige Aussetzung der Urananreicherung
Die Vereinigten Staaten fordern seit Monaten, dass der Iran sich bereit erklärt, mindestens 20 Jahre lang keine Urananreicherung durchzuführen. Die Iraner haben dem mit dem Angebot einer zehnjährigen Aussetzung entgegengesetzt, doch amerikanische Beamte glauben, dass sie sich auf 15 Jahre einigen werden.
2. Die derzeitigen Bestände an angereichertem Uran im Iran werden verdünnt oder „heruntergemischt“
Die Vereinigten Staaten würden mit der Internationalen Atomenergie-Organisation, dem Inspektionsgremium der Vereinten Nationen, zusammenarbeiten, um die iranischen Bestände an angereichertem Uran zu verdünnen oder „herunterzumischen“, so zwei mit den Verhandlungen vertraute amerikanische Beamte. Amerikanische Beamte streben eine aktive Rolle beim Umgang mit dem Nuklearmaterial an, was der Iran bisher stets untersagt hat. Iranische Beamte sagen, die Vereinigten Staaten würden lediglich als Beobachter fungieren. . . .
3. Der Iran baut seine Nuklearanlagen ab
Die Vereinigten Staaten haben vom Iran verlangt, seine drei großen Nuklearanlagen in Natanz, Fordo und Isfahan abzubauen. Die Vereinigten Staaten hatten alle drei vor fast einem Jahr im Rahmen der Operation „Midnight Hammer“ angegriffen und schwer beschädigt. Der Iran hat über den Abbau von zwei Anlagen diskutiert, besteht jedoch darauf, eine offen zu lassen, unter anderem um zu demonstrieren, dass er nicht auf das verzichtet hat, was er als „Recht auf Anreicherung“ ansieht. . .
4. Iran stimmt „Stichprobeninspektionen“ zu
Die Vereinigten Staaten wollen, dass internationale Inspektoren jederzeit und überall im Iran „Stichprobeninspektionen“ durchführen können. Es ist unklar, ob die iranische Regierung dem zustimmen wird. Praktisch gesehen befinden sich viele der verdächtigen Nuklearanlagen innerhalb von Militärbasen der Revolutionsgarden, wo Inspektoren häufig schon am Tor abgewiesen wurden.
Diese Zusammenfassung gibt die Position der USA wieder. Ich bezweifle, dass die Iraner einer vollständigen Einstellung der Anreicherung zustimmen werden … Sie werden wahrscheinlich darauf bestehen, sich das Recht auf eine Anreicherung bis zu 20 % für medizinische Isotope vorzubehalten. Der Abbau iranischer Nuklearanlagen ist ein No-Go. Die IRGC wird eine solche Bedingung schlichtweg nicht akzeptieren. Ich glaube, der Iran wird bereit sein, das derzeit in seinem Besitz befindliche zu 60 % angereicherte Uran „abzureichern“, aber das wird seinen Preis haben: die sofortige Aufhebung der Sanktionen und die Rückgabe eingefrorener Vermögenswerte. Wie sieht es mit „Blitzinspektionen“ aus? Das wird von der Zusammensetzung der internationalen Inspektoren abhängen. Der Iran hat bereits schlechte Erfahrungen mit IAEO-Inspektoren gemacht, die Berichten zufolge Informationen über iranische Nuklearwissenschaftler gesammelt und diese an israelische und westliche Geheimdienste weitergegeben haben. Diese Informationen wurden im Juni 2025 und im aktuellen Krieg genutzt, um iranische Wissenschaftler zu ermorden.
Während pakistanische Quellen, die Zugang zum Stand und Inhalt der Verhandlungen haben, weiterhin optimistisch sind, dass ein Abkommen zustande kommt, bleibe ich sehr skeptisch. Abgesehen von den Nuklearfragen – über die der Iran nach eigenen Angaben nicht verhandeln will, solange die USA ihre Blockade nicht aufheben und es keinen echten Waffenstillstand gibt, der auch den Libanon und den Gazastreifen einschließt – glaube ich nicht, dass der Iran bei seinen Forderungen Kompromisse eingehen wird: Aufhebung der Sanktionen, Freigabe eingefrorener Vermögenswerte und Anerkennung seiner gemeinsamen Kontrolle über die Straße von Hormus mit Oman.
Ich glaube, dass der heutige US-Angriff auf den Iran ein Versuch war, die Verhandlungen zu torpedieren. Zwar hat der Iran hart auf Ziele in Bahrain, Kuwait, Jordanien und den kurdisch kontrollierten Gebieten im Nordirak zurückgeschlagen, doch hat er seine Vergeltungsmaßnahmen begrenzt. Der Iran glaubt offenbar immer noch, dass es ein tragfähiges Abkommen gibt, das den Krieg beenden wird – nicht nur die Angriffe auf den Iran, sondern auch Sicherheit für den Libanon und den Gazastreifen bringen wird. Es liegt an Donald Trump, Israel zu zwingen, die Bedingungen zu akzeptieren. Das macht die Zionisten sehr nervös, was erklärt, warum sie Trumps Verhandlungsführer ausspionieren.
Ich glaube, die Verhandlungen werden scheitern – ich hoffe, ich werde eines Besseren belehrt –, denn ich glaube nicht, dass Donald Trump bereit sein wird, die vom Iran geforderten Zugeständnisse zu akzeptieren. Am Mittwoch nach Börsenschluss werden wir mehr wissen.
Ein weiterer Tag voller Podcasts. Ich begann den Morgen mit East Calling:
Marcello und ich hatten unser übliches Dienstagsgespräch:
Mario und ich unterhielten uns um die menschenfreundliche Uhrzeit von 13:30 Uhr Ostküstenzeit, gerade als die USA ihre Vergeltungsschläge gegen den Iran starteten:
Sulaiman Ahmed und ich begannen um 20 Uhr zu sprechen, als der Iran seine Vergeltungsschläge gegen US-Ziele startete:
Außerdem trat ich gemeinsam mit Ryan Dawson und Oberstleutnant (a. D.) Anthony Aguilar auf, um mit Sulaiman die Luftangriffe sowohl der USA als auch des Iran zu bewerten:
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In Irland hat die Frauenrechtlerin Roìsin Michaux Undercover nachgeprüft, wie man umgeht mit Mädchen, die plötzlich behaupten „in Wirklichkeit“ ein Junge zu sein. Das Ergebnis war schockierend: egal wie viele rote Lampen aufleuchten, in Irland bekommt Jede, aber auch wirklich Jede sterilisierende Hormone. Ohne gründliche Untersuchung. Dies ist eine wichtige Erkenntnis, denn in Irland sind [...]
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von Tyler Durden
Die Ukraine hat Russland in einer weiteren breit angelegten Welle nächtlicher Luftangriffe getroffen, wobei sie sich besonders auf Industrieanlagen und Energieinfrastruktur in mehreren Regionen konzentrierte. Das Ausmaß der Schäden steht noch nicht fest.
Eines der Hauptziele war Berichten zufolge das Werk VNIIR-Progress in der Republik Tschuwaschien, von dem die Ukraine und der Westen behaupten, dass es Komponenten für russische Drohnen und Bomben herstellt. Auch andere nahe gelegene Infrastrukturen wurden angegriffen.
via Telegram
Die Ukraine hat seit Monaten klargemacht, dass sie beim Angriff auf Russlands Energie- und Militäranlagen sowie auf militärisch-industrielle Dual-Use-Fabriken keine Zurückhaltung mehr übt. Die Ukraine setzte ihren im Inland hergestellten Flamingo-Marschflugkörper ein:
Die ukrainischen Streitkräfte haben einen Raketenangriff tief im Inneren Russlands durchgeführt und dabei über Nacht ein großes Militärwerk getroffen, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Er erklärte, dass FP-5-Flamingo-Marschflugkörper das Drohnen- und Raketenwerk in der Stadt Tscheboksary in der Republik Tschuwaschien getroffen hätten, das mehr als 900 km von der Frontlinie entfernt liegt. Lokale Behörden teilten mit, dass bei einem Raketenangriff auf die Stadt drei Menschen verletzt wurden.
Die Ukraine erklärte außerdem, sie habe den von Russland besetzten Hafen Mariupol am Asowschen Meer, eine russische Ölraffinerie in Samara und einen Öltanker der „Schattenflotte“ im Schwarzen Meer getroffen.
Laut einer Übersicht über die getroffenen sensiblen Anlagen in der neuen nächtlichen Angriffswelle:
Der Gouverneur von Tschuwaschien, Oleg Nikolajew, kritisierte den Angriff auf die erwähnte Produktionsstätte als Ausdruck der „ohnmächtigen Wut von Terroristen, die an der Front keinen Erfolg haben und nun versuchen, friedliche Menschen im Hinterland einzuschüchtern.“
All diese Angriffswellen an verschiedenen Orten werden wahrscheinlich noch schwerere Luftangriffe auf Kiew nach sich ziehen, nachdem die Hauptstadt in den letzten Wochen bereits hart getroffen wurde.
Große Nacht für die ukrainischen Fernangriffe. Die Kuibyshev-Raffinerie in Samara brennt Berichten zufolge an mehreren Stellen und steht möglicherweise vor langwierigen Reparaturarbeiten. VNIIR Progress in Tscheboksary – ein wichtiger Hersteller von Kometa-Navigationssystemen, die in Shahed-Drohnen sowie Iskander- und Kalibr-Raketen zum Einsatz kommen – wurde zweimal von FP-5-Flamingo-Marschflugkörpern getroffen, was zu erheblichen Schäden und Bränden führte. Zwei Öl-Infrastrukturanlagen in der russischen Region Wladimir wurden ebenfalls getroffen, darunter die Pumpstation Vtorovo. Auch aus den besetzten Gebieten wurden Explosionen gemeldet.
Big night for Ukraine’s long-range strikes.
— распад и неуважение (@VictorKvert2008) June 10, 2026
Kuibyshev Refinery in Samara is reportedly burning in multiple locations and may face lengthy repairs.
VNIIR Progress in Cheboksary — a key producer of Kometa navigation systems used in Shahed drones, Iskander and Kalibr missiles —… pic.twitter.com/PGpEgnaOul
Präsident Putin und die oberste Militärführung hatten letzten Monat erklärt, dass als Reaktion auf den Angriff auf ein Wohnheim in der russischen Volksrepublik Lugansk am 22. Mai, bei dem 21 Menschen – meist Teenager-Mädchen – getötet und 70 weitere verletzt wurden, Angriffe auf „Entscheidungszentren“ eingeleitet würden.
Kremlbeamte sagen nun, dass die russischen Streitkräfte „das Recht haben, jede Infrastruktur zu zerstören, die Terrorismus unterstützt.“
Aber es sind auch diese ständigen Angriffe auf Öl- und Industrieanlagen, die nach und nach die russische Wirtschaft und die Bevölkerung enorm belasten werden. Die Salven aus der Ukraine werden weiterkommen, besonders da Moskau die „Spezialoperation“ weiterhin in einem langsamen, zermürbenden Tempo aufrechterhält.
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Israelische Medien berichteten am Dienstag, dass der israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, bei einer Sitzung des Sicherheitskabinetts vorgeschlagen habe, das israelische Militär solle Frauen und Kinder im Libanon entführen, um Druck auf die Hisbollah auszuüben. Israel vertreibt nun auch die Einheimischen aus dem christlichen Viertel von Tyre. Es gab 14 Tote und [...]
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Gary Wilson, Struggle – La Lucha
US-Kriegsminister Pete Hegseth reiste am 30. Mai nach Singapur, um den Verbündeten und Partnern Washingtons im Indopazifik einen Befehl zu erteilen: Gebt mehr für Krieg aus oder zieht die Konsequenzen.
Hegseth nutzte China als Vorwand, um von den mit den USA verbündeten Regierungen zu fordern, mehr für Krieg auszugeben, mehr Waffen zu kaufen und ihre Streitkräfte enger an Washington zu binden.
Beim jährlichen Shangri-La-Dialog sagte Hegseth vor Verteidigungsministern, Militärchefs und Diplomaten, dass die US-Militärmacht die Region zu lange getragen habe. „Die Ära, in der die Vereinigten Staaten die Verteidigung wohlhabender Nationen subventionieren, ist vorbei“, sagte er. „Wir brauchen Partner, keine Protektorate.“
Das ist die Sprache eines Imperiums, das Pacht einzieht.
Washington rüstet die Region auf. Es stationiert Truppen in der gesamten Region. Es befehligt die Bündnisstruktur. Dann fordert es von jeder untergeordneten Regierung, ihr Budget an die US-Kriegspläne anzupassen.
Hegseth sagte, die USA erwarteten von ihren Verbündeten und Partnern, die Militärausgaben auf 3,5% des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen – dieselbe Forderung, die die Trump-Administration an die NATO gestellt hat. Regierungen, die dem nachkommen, würden bei Waffenverkäufen, Geheimdienstaustausch und militärisch-industrieller Zusammenarbeit „an die Spitze der Schlange“ treten, so Hegseth. Diejenigen, die sich weigern, müssten mit „einer deutlichen Veränderung unserer Geschäftspraktiken“ rechnen.
Dies ist keine „Lastenteilung“. Es ist eine Forderung, dass Regierungen mehr Löhne der Arbeiter in Raketen, U-Boote, Drohnen, Kriegsschiffe und Stützpunkte umleiten. Jeder Prozentpunkt, der zu den Militärausgaben hinzugefügt wird, bedeutet weniger für Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Schulen, Renten und Katastrophenhilfe.
Hegseth behauptete, es gebe eine „berechtigte Alarmbereitschaft“ über den militärischen Aufbau Chinas und warnte vor „einem Pazifik, der von irgendeinem Hegemon dominiert wird“.
Dies stellt die Realität auf den Kopf. China umzingelt nicht die Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten umzingeln China.
China weigerte sich erneut, seinen Verteidigungsminister zum Shangri-La-Dialog zu entsenden. Peking wurde stattdessen von einer Delegation unter der Leitung von PLA-Generalmajor Meng Xiangqing vertreten, der auf die konkreten Bedrohungen hinwies, die Washington und seine Verbündeten in der Region vorantreiben: Japans militärische Expansion und AUKUS, der U-Boot-Pakt zwischen den USA, Großbritannien und Australien.
Meng verband Japans Aufrüstung mit der Geschichte. Er stellte fest, dass das Jahr 2026 der 80. Jahrestag der Eröffnung der Tokioter Prozesse ist, die den japanischen Militarismus nach dem Zweiten Weltkrieg verurteilten. Er stellte die Frage, ob ein Land, das dieses Erbe nicht vollständig aufgearbeitet hat, überhaupt berechtigt sei, Asien über Verteidigungszusammenarbeit zu belehren.
Das ist der Punkt, den Washington vertuschen will. Der US-Imperialismus braucht jetzt Japan – den ehemaligen kolonialen und militärischen Unterdrücker großer Teile Asiens – als vorgeschobenen Stützpunkt für die Konfrontation mit China.
Japans Kabinett hat für das Haushaltsjahr 2026 ein Rekordverteidigungsbudget von über 9 Billionen Yen genehmigt, etwa 58 Milliarden US-Dollar. Das Budget finanziert Langstreckenraketen, Drohnensysteme und die Entwicklung von Kampfflugzeugen der nächsten Generation. Der Aufbau markiert einen großen Bruch mit der japanischen Nachkriegsdoktrin der „ausschließlichen Selbstverteidigung“, die lange dahingehend verstanden wurde, dass Japans Militär auf defensive Operationen beschränkt sei.
Washington sorgt sich nicht um die Rückkehr des japanischen Militarismus. Es ermutigt ihn, solange dieser Militarismus an die US-Strategie gegen China gebunden ist.
Die militärische Landkarte, auf die Hegseth zeigte, ist der Erste Inselbogen – der Bogen, der von Japan über Taiwan bis zu den Philippinen entlang der Ostküste Chinas verläuft. Washington nennt dies „Abschreckung durch Verweigerung“. In einfacher Sprache bedeutet es, Stützpunkte, Flotten, Raketen, Kriegsübungen und verbündete Regierungen zu nutzen, um China einzukesseln, wobei Taiwan zu einer vorgeschobenen Position in den US-Kriegsplänen wird.
Am Rande des Treffens traf Hegseth den philippinischen Verteidigungsminister Gilberto Teodoro und versprach eine verstärkte militärische Zusammenarbeit entlang des Ersten Inselbogens. Die beiden Regierungen verwiesen auf die jüngste Balikatan-Kriegsübung, bei der Truppen aus Australien, Japan, Kanada, Frankreich und Neuseeland auf philippinischen Boden gebracht wurden.
Hegseth lobte Südkorea dafür, zugesagt zu haben, 3,5% seines BIP für sein Militär auszugeben. Er lobte die Philippinen für eine Steigerung um 12%. Er lobte Japan für die Beschleunigung seiner „Verteidigungstransformation“. Er nannte Australien als Beispiel für eine tiefere Integration mit US-Streitkräften.
In jedem Fall galt das Lob Regierungen, die ihre Haushalte, Industrien und Streitkräfte näher an die US-Kriegsplanung heranführen.
Meng zielte auch auf AUKUS ab, den militärischen Pakt zwischen den USA, Großbritannien und Australien, der 2021 geschlossen wurde. Dessen zentrales Projekt ist die Ausstattung Australiens mit nuklearbetriebenen Angriffs-U-Booten.
Am Rande des Forums überarbeiteten die drei AUKUS-Partner den U-Boot-Plan. Australien sollte voraussichtlich mindestens zwei gebrauchte U-Boote der Virginia-Klasse und ein neues kaufen. Nach dem überarbeiteten Plan wird es stattdessen drei gebrauchte U-Boote der Virginia-Klasse von den USA kaufen.
Australien zeigte den Druck hinter Hegseths Lob. Canberra hat bereits angekündigt, dass die Militärausgaben bis 2033 auf 3% des BIP steigen werden, mit etwa 10 Milliarden US-Dollar mehr über vier Jahre und 38 Milliarden US-Dollar über das Jahrzehnt. Das bleibt aber immer noch hinter Hegseths Forderung von 3,5% zurück.
So funktioniert der pazifische Kriegsaufbau in der Praxis: Australische Arbeiter zahlen, US-Werften und Waffenfirmen kassieren, und das Pentagon zieht seine Schlinge um die Region enger.
Australien baut auch eine U-Boot-Werft in Osborne in Südaustralien. Die Montage des ersten im Inland gebauten U-Bootes soll Anfang der 2030er Jahre beginnen, die Auslieferung ist für Anfang der 2040er Jahre geplant. Das Programm bindet Australiens militärische Zukunft für Jahrzehnte an die US-Kriegsplanung.
China hat AUKOS als Schürung einer Block-gegen-Block-Konfrontation im Pazifik verurteilt. Mengs Äußerungen machten deutlich, dass Peking es als Teil derselben Einkreisungsstrategie hinter dem Aufbau des Ersten Inselbogens sieht.
Washingtons Richtung ist klar.
Der Shangri-La-Dialog ist keine Friedenskonferenz. Es ist eine jährliche Versammlung von Militärplanern und Waffenkäufern. Hegseths Rede war ihre wichtigste Verkaufspräsentation.
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Von Martin Armstrong
Selenskyj warnt nun davor, dass die Vorbereitungen des russischen Geheimdienstes auf einen „massiven neuen Schlag“ gegen die Ukraine hindeuten. Er forderte die Ukrainer auf, Luftalarmwarnungen zu beachten, und erklärte, die ukrainischen Geheimdienste hätten Informationen, die darauf hindeuten, dass Russland einen weiteren groß angelegten Angriff vorbereitet. Gleichzeitig hat Moskau Diplomaten und Ausländer aufgefordert, Kiew zu verlassen, und droht mit sogenannten „systematischen Schlägen“ gegen Ziele in der ukrainischen Hauptstadt.
Die meisten Menschen betrachten diese Ankündigungen weiterhin lediglich als ein weiteres Kapitel in einem Krieg, der sich seit 2022 hingezogen hat. Das übersieht völlig das größere Bild. Dieser Konflikt handelt schon lange nicht mehr von Territorium. Was wir erleben, ist die allmähliche Ausweitung eines regionalen Krieges zu einer breiteren geopolitischen Konfrontation, an der die NATO, Russland, Europa und zunehmend die globale Wirtschaft selbst beteiligt sind.
Der Vorfall in Rumänien hätte weit mehr Aufmerksamkeit erhalten sollen, als ihm zuteilwurde. Berichten zufolge traf eine russische Drohne ein Wohngebäude in Rumänien und verletzte Zivilisten. Rumänien ist NATO-Mitglied. Wären die Opferzahlen höher gewesen oder die Umstände etwas anders, hätte sich das Bündnis möglicherweise unter enormen Druck gesetzt gesehen, zu reagieren. Die Gefahr in Kriegen liegt selten in dem Ereignis, das jeder erwartet. Sie liegt in dem Unfall, der Fehleinschätzung oder der unbeabsichtigten Eskalation, mit der niemand gerechnet hat.
Inzwischen hat Russland das Ausmaß seiner Raketen- und Drohnenangriffe vergrößert, während die Ukraine weitreichende Angriffe tief im russischen Territorium ausgeweitet hat. Ölterminals, Militäranlagen, Flugplätze und Marineinfrastruktur Hunderte Kilometer von der Front entfernt werden zunehmend zu Zielen. Das Schlachtfeld selbst ist nicht länger auf die Ostukraine beschränkt. Beide Seiten versuchen, wirtschaftliche und strategische Infrastrukturen weit hinter den feindlichen Linien anzugreifen.
Die Mainstream-Presse besteht weiterhin darauf, jede Entwicklung so zu analysieren, als existiere sie isoliert. Taiwan wird als ein Thema behandelt. Die Ukraine als ein anderes. Der Nahe Osten als ein weiteres. Doch alle drei Regionen erhitzen sich gleichzeitig. China erhöht kontinuierlich den militärischen Druck um Taiwan. Die NATO diskutiert offen über Verwundbarkeiten, die bis in die Jahre 2028 und 2029 hineinreichen. Europa rüstet in einem Tempo auf, das seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurde. Der Nahe Osten bleibt instabil. Dies sind keine getrennten Geschichten. Es sind verschiedene Erscheinungsformen desselben globalen Trends.
Unsere Modelle haben davor gewarnt, dass 2026 ein Panikzyklus-Jahr sein würde, gekennzeichnet durch zunehmende Volatilität und sich verschärfende geopolitische Spannungen. Die sich jetzt entfaltenden Ereignisse passen bemerkenswert gut in dieses Muster. Die Risiken bauen sich weiter bis 2027 auf, das in unseren Prognosen ein Jahr mit hohem Kriegsrisiko bleibt. Bis 2028 beginnt die wirtschaftliche Seite der Krise mit der geopolitischen Seite zu kollidieren, wenn Rezessionsdruck, Probleme mit Staatsverschuldung und zivile Unruhen zunehmen. Dann folgt der große ECM-Wendepunkt im Jahr 2029.
Was mich beunruhigt, ist, dass Militärbeamte in mehreren Ländern zunehmend denselben Zeitrahmen diskutieren. Der lettische Militärchef warnte kürzlich vor einem Fenster strategischer Verwundbarkeit, das bis etwa 2028 reicht. Taiwan baut militärische Fähigkeiten speziell mit Blick auf 2029 auf. Die NATO bereitet sich auf eine längere Konfrontation vor. Die Ukraine warnt vor größeren russischen Offensiven. Unabhängige Akteure gelangen trotz völlig unterschiedlicher Betrachtungsweisen zu ähnlichen Schlussfolgerungen.
Der vielleicht größte Fehler, den Anleger und Regierungen weiterhin machen, ist die Annahme, dass, weil das schlimmste Ergebnis noch nicht eingetreten ist, es niemals eintreten wird. Die Geschichte ist voller Perioden, in denen sich Spannungen allmählich aufbauten, bis sie plötzlich eskalierten. Im Rückblick behauptet jeder, die Warnzeichen seien offensichtlich gewesen. Während man sie durchlebte, taten die meisten sie als Lärm ab. Aber jetzt wird der Lärm sehr laut.
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Noch vor wenigen Jahren galt die Vorstellung als rote Linie moderner Kriegsführung: Kein Computer, kein Algorithmus und keine Maschine sollte jemals eigenständig über Leben und Tod entscheiden dürfen. Heute steht genau dieses Prinzip in Großbritannien zur Disposition.
Wie die Financial Times und die Daily Mail berichten, prüfen britische Verteidigungsplaner, ob KI-gesteuerte Waffensysteme künftig auch ohne direkte menschliche Freigabe tödliche Angriffe durchführen dürfen. Damit könnte erstmals eine führende NATO-Macht den Schritt hin zu autonomen Tötungssystemen vollziehen. (ft.com)
Bislang galt offiziell das Prinzip des „Human in the Loop“ – ein Mensch muss letztlich entscheiden, ob ein Ziel angegriffen wird.
Doch nun fordern Teile des britischen Militärs mehr Handlungsspielraum für autonome Systeme. Streitkräfteminister Al Carns erklärte offen, man müsse die Möglichkeit haben, den Menschen „bei Bedarf aus der Schleife zu nehmen“, da Gegner wie Russland oder China sich nicht an dieselben Einschränkungen halten würden.
Die Begründung klingt zunächst pragmatisch: Moderne Kriege würden immer schneller, Drohnenschwärme und KI-Systeme könnten innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, während menschliche Kommandeure möglicherweise zu langsam reagieren.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Kontroverse.
Sobald eine Maschine selbst Ziele auswählt und angreift, entsteht ein Problem, das bisher niemand überzeugend gelöst hat:
Wer trägt die Verantwortung, wenn die KI das falsche Ziel auswählt? Wer haftet, wenn Zivilisten getötet werden? Wer wird zur Rechenschaft gezogen, wenn ein Algorithmus aufgrund fehlerhafter Daten oder elektronischer Störungen eine falsche Entscheidung trifft?
Kritiker warnen, dass mit jedem Schritt in Richtung autonomer Kriegsführung die Grenze zwischen menschlicher Verantwortung und maschineller Entscheidung weiter verschwimmt.
Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Debatte.
Noch 2024 erklärte die britische Regierung gegenüber den Vereinten Nationen, Großbritannien besitze keine vollständig autonomen Waffensysteme und habe nicht die Absicht, solche Systeme zu entwickeln. Kein Staat solle Waffen einsetzen, die ohne angemessige menschliche Kontrolle tödliche Entscheidungen treffen. (ft.com)
Nur zwei Jahre später wird genau diese Position erneut zur Diskussion gestellt.
Für Kritiker zeigt dies, wie schnell ethische Grundsätze geopolitischen und militärischen Interessen weichen können.
Großbritannien steht mit dieser Entwicklung nicht allein.
Der Krieg in der Ukraine, die rasante Entwicklung autonomer Drohnen und der technologische Wettlauf zwischen den Großmächten haben den Druck auf westliche Militärs erhöht. Immer mehr Staaten investieren in Systeme, die mit möglichst wenig menschlicher Beteiligung operieren können.
Was einst als Science-Fiction galt, wird Schritt für Schritt zur militärischen Realität.
Die Debatte über autonome Waffen ist letztlich keine technische Frage.
Sie ist eine moralische Frage. Soll eine Maschine jemals die Befugnis erhalten, eigenständig darüber zu entscheiden, wer lebt und wer stirbt?
Großbritannien diskutiert diese Möglichkeit inzwischen nicht mehr theoretisch. Die Diskussion findet bereits in den höchsten Ebenen des Verteidigungsapparates statt.
Und genau deshalb könnte die aktuelle Debatte weit über die britischen Inseln hinaus Bedeutung haben. Denn wenn eine NATO-Macht den Menschen aus der Entscheidungskette entfernt, könnte dies einen Präzedenzfall schaffen, dem andere Staaten schon bald folgen.
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Der Libanon hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehr israelische Invasionen erlebt als jedes andere Land im Nahen Osten. Was 1978 als begrenzte Strafexpedition begann, hat sich zu einem scheinbar endlosen Zyklus von Zerstörung, brüchigem Waffenstillstand und erneuter Eskalation entwickelt. Wer die Geschichte dieser Konflikte kennt, versteht den Libanon besser. Als Schlachtfeld der "schöpferischen Zerstörung". [...]
Der Beitrag Der Libanon als Kriegsschauplatz: Israels Interventionen von 1978 bis heute erschien zuerst unter tkp.at.
Wenn Medien über die Verleihung eines Pressepreises nicht berichten – dann muss Israel im Spiel sein. Es geht um einen Bericht in De Volkskrant über gezielte Schüsse auf palästinensische Kinder in Gaza. Der italienische Investigativjournalist Thomas Fazi schreibt dazu auf X/Twitter: „Es ist unglaublich, dass darüber kaum berichtet wird. Der diesjährige Europäische Pressepreis wurde gerade [...]
Der Beitrag Europäischer Pressepreis: Wenn Journalismus Kriegsverbrechen beim Namen nennt erschien zuerst unter tkp.at.
Noch vor wenigen Tagen hatte Donald Trump behauptet, er habe Netanjahu überzeugt, Beirut nicht zu bombardieren. Dieses erneute Kriegsverbrechen, das auch gegen diverse Sicherheitratsresolutionen verstößt, wird in Israel unterstützenden Staaten kaum zur Kenntnis genommen, anders aber im Iran. Der Iran hatte geschworen, dass palästinensische und libanesische Leben wie iranische Leben angesehen würden und erklärt, ein [...]
Der Beitrag Irael bombardiert Beirut erschien zuerst unter tkp.at.
Die israelische Armee hat Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Zielpersonen für Tötungsaktionen eingestuft – mithilfe eines KI-Zielerfassungssystems, das kaum menschlicher Kontrolle unterliegt, und einer Politik, die hohe Opferzahlen in Kauf nimmt. Dies haben jüdische und palästinensische Journalisten in einer gemeinsamen Recherche aufgedeckt. Von Yuval Abraham.
Schritt 2: Zuordnung der Ziele zu den Familienhäusern
„Die meisten Menschen, die ihr getötet habt, waren Frauen und Kinder“
Der nächste Schritt im Tötungsverfahren der israelischen Armee besteht darin, zu ermitteln, wo die von Lavender generierten Ziele angegriffen werden sollen.
In einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call[*] erklärte der Sprecher der IDF als Reaktion auf diesen Artikel: „Die Hamas stationiert ihre Kämpfer und militärischen Ressourcen mitten in der Zivilbevölkerung, nutzt die Zivilbevölkerung systematisch als menschliche Schutzschilde und führt Kampfhandlungen aus zivilen Einrichtungen heraus durch, einschließlich sensibler Orte wie Krankenhäuser, Moscheen, Schulen und UN-Einrichtungen. Die IDF ist an das Völkerrecht gebunden und handelt entsprechend, indem sie ihre Angriffe ausschließlich auf militärische Ziele und militärische Aktivisten richtet.“
Die sechs Quellen, mit denen wir sprachen, schlossen sich dieser Einschätzung bis zu einem gewissen Grad an und sagten, dass das ausgedehnte Tunnelsystem der Hamas bewusst unter Krankenhäusern und Schulen verläuft; dass Hamas-Kämpfer Krankenwagen nutzen, um herumzukommen; und dass unzählige militärische Einrichtungen in der Nähe von zivilen Gebäuden stationiert wurden. Die Quellen argumentierten, dass durch diese Taktik der Hamas viele israelische Angriffe Zivilisten töten – eine Darstellung, vor der Menschenrechtsgruppen warnen, da sie Israel der Verantwortung für die verursachten Opfer entbindet.
Entgegen den offiziellen Erklärungen der israelischen Armee erklärten die Quellen jedoch, dass ein Hauptgrund für die beispiellose Zahl der Todesopfer durch die aktuellen israelischen Bombardements darin liegt, dass die Armee systematisch Ziele in deren Privathäusern zusammen mit deren Familien angegriffen hat – zum Teil, weil es aus geheimdienstlicher Sicht einfacher war, Familienhäuser mithilfe automatisierter Systeme zu markieren.
Tatsächlich betonten mehrere Quellen, dass im Gegensatz zu zahlreichen Fällen, in denen Hamas-Aktivisten militärische Aktivitäten aus zivilen Gebieten heraus durchführten, die Armee bei systematischen Tötungsangriffen routinemäßig aktiv die Entscheidung traf, mutmaßliche Militante zu bombardieren, wenn sie sich in zivilen Haushalten befanden, von denen aus keine militärischen Aktivitäten stattfanden. Diese Entscheidung, so sagten sie, spiegele die Art und Weise wider, wie Israels System der Massenüberwachung in Gaza konzipiert ist.
Die Quellen berichteten +972 und Local Call, dass die Überwachungssysteme der Armee Personen leicht und automatisch mit Familienhäusern „verknüpfen“ könnten, da jeder in Gaza ein Privathaus habe, mit dem er in Verbindung gebracht werden könne. Um in Echtzeit den Moment zu identifizieren, in dem Aktivisten ihre Häuser betreten, wurden verschiedene zusätzliche automatisierte Softwareprogramme entwickelt. Diese Programme überwachen Tausende von Personen gleichzeitig, erkennen, wann sie zu Hause sind, und senden eine automatische Warnmeldung an den Zieloffizier, der das Haus dann für einen Bombenangriff markiert. Eins dieser Tracking-Softwareprogramme, die hier zum ersten Mal enthüllt werden, heißt „Where’s Daddy?“
„Man gibt Hunderte von Zielen in das System ein und wartet ab, wen man töten kann“, sagte eine Quelle mit Kenntnis des Systems. „Das wird ‚breit angelegte Jagd‘ genannt: Man kopiert einfach aus den Listen, die das Zielsystem erstellt, und fügt ein (copy-paste).“
Belege für diese Vorgehensweise sind auch aus den Daten eindeutig: Im ersten Kriegsmonat stammten mehr als die Hälfte der Todesopfer – 6.120 Menschen – aus 1.340 Familien, von denen viele laut UN-Zahlen in ihren Häusern vollständig ausgelöscht wurden. Der Anteil der gesamten Familien, die im aktuellen Krieg in ihren Häusern bombardiert wurden, ist viel höher als bei der israelischen Operation 2014 im Gazastreifen (die zuvor Israels tödlichster Krieg im Gazastreifen war), was die Bedeutung dieser Politik weiter unterstreicht.
Eine weitere Quelle sagte, dass jedes Mal, wenn das Tempo der Tötungen nachließ, weitere Ziele zu Systemen wie „Where’s Daddy?“ hinzugefügt wurden, um Personen zu lokalisieren, die ihre Häuser betraten und daher bombardiert werden konnten. Er sagte, dass die Entscheidung, wen man in die Ortungssysteme aufnahm, von relativ rangniedrigen Offizieren in der militärischen Hierarchie getroffen werden konnte.
„Eines Tages habe ich ganz aus eigenem Antrieb etwa 1.200 neue Ziele in das Ortungssystem eingegeben, weil die Zahl der Angriffe [die wir durchführten] zurückging“, sagte die Quelle. „Das machte für mich Sinn. Im Rückblick war das eine schwerwiegende Entscheidung, die ich getroffen habe. Und solche Entscheidungen wurden nicht auf hoher Ebene getroffen.“
Die Quellen sagten, dass in den ersten zwei Wochen des Krieges zunächst „mehrere Tausend“ Ziele in Ortungsprogramme wie „Where’s Daddy?“ eingegeben wurden. Dazu gehörten alle Mitglieder der Elite-Spezialeinheit der Hamas, der Nukhba, alle Panzerabwehrkämpfer der Hamas und jeder, der am 7. Oktober nach Israel eingereist war. Aber schon bald wurde die Tötungsliste drastisch erweitert.
„Am Ende waren es alle, die von Lavender markiert wurden“, erklärte eine Quelle. „Zehntausende. Dies geschah einige Wochen später, als die [israelischen] Brigaden in den Gazastreifen vordrangen und es in den nördlichen Gebieten bereits weniger unbeteiligte Personen gab.“ Laut dieser Quelle wurden sogar einige Minderjährige von Lavender als Ziele für die Bombardierung markiert. „Normalerweise sind Kämpfer über 17 Jahre alt, aber das war keine Bedingung.“
Lavender und Systeme wie „Where’s Daddy?“ wurden so mit tödlicher Wirkung kombiniert und töteten ganze Familien, bezeugten Quellen. Indem man einen Namen aus den von Lavender generierten Listen zum Hausortungssystem „Where’s Daddy?“ hinzufügte, erklärte A., würde die markierte Person unter ständige Überwachung gestellt und könnte angegriffen werden, sobald sie einen Fuß in ihr Haus setzte, wodurch das Haus über allen darin befindlichen Personen zusammenstürzte.
„Nehmen wir an, du rechnest mit einem Hamas-Aktivisten plus 10 Zivilisten im Haus“, sagte A. „Normalerweise sind diese 10 Frauen und Kinder. Absurderweise stellt sich also heraus, dass es sich bei den meisten der von dir getöteten Personen um Frauen und Kinder handelte.“
Schritt 3: Auswahl einer Waffe
„Wir führten die Angriffe in der Regel mit ‚dummen Bomben‘ durch“
Wenn Lavender ein Ziel für einen Mordanschlag markiert hat, das Militärpersonal überprüft hat, dass es sich um einen Mann handelt, und die Ortungssoftware das Ziel in dessen Wohnung ausfindig gemacht hat, besteht der nächste Schritt darin, die Munition auszuwählen, mit der das Ziel bombardiert werden soll.
Im Dezember 2023 berichtete CNN, dass nach Schätzungen des US-Geheimdienstes etwa 45 Prozent der von der israelischen Luftwaffe in Gaza eingesetzten Munition „dumme“ Bomben waren, von denen bekannt ist, dass sie mehr Kollateralschäden verursachen als Lenkbomben. Als Reaktion auf den CNN-Bericht sagte ein in dem Artikel zitierter Armeesprecher: „Als Militär, das sich dem Völkerrecht und einem moralischen Verhaltenskodex verpflichtet fühlt, setzen wir enorme Ressourcen ein, um den Schaden für die Zivilisten zu minimieren, die die Hamas in die Rolle von menschlichen Schutzschilden gezwungen hat. Unser Krieg richtet sich gegen die Hamas, nicht gegen die Bevölkerung von Gaza.“
Drei Geheimdienstquellen berichteten jedoch gegenüber +972 und Local Call, dass von Lavender markierte untergeordnete Zielpersonen ausschließlich mit ungelenkten Bomben getötet wurden, damit teurere Waffen eingespart werden konnten. Eine Quelle erklärte, dies bedeute, dass die Armee kein rangniedriges Ziel angreifen würde, wenn er in einem Hochhaus lebte, da die Armee keine präzisere und teurere „Etagenbombe“ (mit begrenzteren Kollateralschäden) einsetzen wollte, um ihn zu töten. Wenn ein rangniedriges Ziel jedoch in einem Gebäude mit nur wenigen Stockwerken wohnte, war die Armee befugt, ihn und alle anderen im Gebäude mit einer „dummen“ Bombe zu töten.
„So war es bei allen rangniedrigen Zielen“, sagte C., der im aktuellen Krieg verschiedene automatisierte Programme einsetzte. „Die einzige Frage war: Ist es möglich, das Gebäude unter dem Gesichtspunkt der Kollateralschäden anzugreifen? Denn wir führten die Angriffe normalerweise mit ungelenkten Bomben durch, und das bedeutete, das ganze Haus buchstäblich mitsamt seinen Bewohnern zu zerstören. Aber selbst wenn ein Angriff abgewendet wird, ist es einem egal – man geht sofort zum nächsten Ziel über. Wegen des Systems nehmen die Ziele kein Ende. Es warten weitere 36.000 auf einen.“
Schritt 4: Genehmigung von zivilen Opfern
„Wir haben fast ohne Rücksicht auf Kollateralschäden angegriffen“
Eine Quelle berichtete, dass bei Angriffen auf rangniedrige Kämpfer, darunter auch solche, die von KI-Systemen wie Lavender identifiziert wurden, die Anzahl der Zivilisten, die neben jedem Ziel getötet werden durften, in den ersten Kriegswochen auf bis zu 20 festgelegt war. Eine andere Quelle gab an, dass die festgelegte Zahl bei bis zu 15 lag. Diese „Kollateralschaden-Grade“, wie das Militär sie nennt, wurden laut den Quellen pauschal auf alle mutmaßlichen rangniedrigen Militanten angewendet, unabhängig von ihrem Rang, ihrer militärischen Bedeutung und ihrem Alter, und ohne eine konkrete Einzelfallprüfung, um den militärischen Vorteil ihrer Tötung gegen den zu erwartenden Schaden für Zivilisten abzuwägen.
Laut A., der im aktuellen Krieg Offizier in einem Einsatzraum für Zielangriffe war, hat die Abteilung für internationales Recht der Armee noch nie zuvor eine solche „pauschale Genehmigung“ für einen so hohen Grad an Kollateralschäden erteilt. „Es ist nicht nur, dass du jede Person töten darfst, die ein Hamas-Soldat ist, was nach internationalem Recht eindeutig erlaubt und legitim ist“, sagte A. „Aber sie sagen dir direkt: ‚Du darfst sie zusammen mit vielen Zivilisten töten‘.“
„Jede Person, die in den letzten ein oder zwei Jahren eine Hamas-Uniform trug, konnte bombardiert werden, wobei 20 getötete Zivilisten als Kollateralschaden in Kauf genommen wurden, sogar ohne besondere Genehmigung“, fuhr A. fort. „In der Praxis gab es den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht.“
Nach Angaben von A. war dies die Politik während der meisten Zeit seines Dienstes. Erst später senkte das Militär den Grad der Kollateralschäden. „Bei dieser Berechnung könnten es auch 20 Kinder für einen einfachen Kämpfer sein … So war es in der Vergangenheit wirklich nicht“, erklärte A. Auf die Frage nach der sicherheitspolitischen Begründung für diese Politik antwortete A.: „Tödlichkeit.“
Der vorab festgelegte und feste Grad an Kollateralschäden half laut Quellen dabei, die massenhafte Generierung von Zielen mithilfe der Lavender-Maschine zu beschleunigen, da dies Zeit sparte. B. gab an, dass die Zahl der Zivilisten, die sie in der ersten Kriegswoche pro von der KI markiertem mutmaßlichem nachrangigen Militanten töten durften, bei 15 lag, diese Zahl jedoch im Laufe der Zeit „rauf und runter ging“.
„Anfangs griffen wir fast ohne Berücksichtigung von Kollateralschäden an“, sagte B. über die erste Woche nach dem 7. Oktober. „In der Praxis hat man die Menschen nicht wirklich gezählt, weil man gar nicht sagen konnte, ob sie zu Hause waren oder nicht. Nach einer Woche begannen die Beschränkungen hinsichtlich der Kollateralschäden. Die Zahl sank [von 15] auf fünf, was es uns wirklich schwer machte, anzugreifen, denn wenn die ganze Familie zu Hause war, konnten wir das Haus nicht bombardieren. Dann erhöhten sie die Zahl wieder.“
„Wir wussten, dass wir über 100 Zivilisten töten würden“
Quellen berichteten +972 und Local Call, dass die israelische Armee nun, teilweise aufgrund amerikanischen Drucks, nicht mehr massenhaft niedrigrangige menschliche Ziele für Bombenangriffe in Wohnhäusern generiert. Die Tatsache, dass die meisten Häuser im Gazastreifen bereits zerstört oder beschädigt waren und fast die gesamte Bevölkerung vertrieben wurde, schränkte auch die Fähigkeit der Armee ein, sich auf Geheimdienstdatenbanken und automatisierte Programme zur Hauslokalisierung zu stützen.
E. gab an, dass die massiven Bombardements gegen untergeordnete Kämpfer nur in den ersten ein oder zwei Wochen des Krieges stattfanden und dann vor allem deshalb eingestellt wurden, um keine Bomben zu verschwenden. „Es gibt eine Munitionsökonomie“, sagte E. „Sie hatten immer Angst, dass es im nördlichen Einsatzgebiet [mit der Hisbollah im Libanon] zu einem Krieg kommen könnte. Sie greifen diese Art von untergeordneten Leuten überhaupt nicht mehr an.“
Luftangriffe gegen hochrangige Hamas-Kommandeure gehen jedoch weiter, und Quellen sagten, dass das Militär für diese Angriffe die Tötung von „Hunderten“ von Zivilisten pro Ziel genehmigt – eine offizielle Politik, für die es weder in Israel noch in den jüngsten US-Militäroperationen einen historischen Präzedenzfall gibt.
„Bei dem Bombenangriff auf den Kommandeur des Shuja’iya-Bataillons wussten wir, dass wir über 100 Zivilisten töten würden“, erinnerte sich B. an einen Bombenangriff vom 2. Dezember, von dem der IDF-Sprecher sagte, er habe auf die Tötung von Wisam Farhat abgezielt. „Für mich war das psychologisch gesehen ungewöhnlich. Über 100 Zivilisten – das überschreitet eine rote Linie.“
Amjad Al-Sheikh, ein junger Palästinenser aus Gaza, sagte, viele seiner Familienangehörigen seien bei diesem Bombenangriff getötet worden. Als Bewohner von Shuja’iya, östlich von Gaza-Stadt, befand er sich an jenem Tag in einem örtlichen Supermarkt, als er fünf Explosionen hörte, die die Fensterscheiben zum Bersten brachten.
„Ich rannte zum Haus meiner Familie, aber dort waren keine Gebäude mehr“ – so Al-Sheikh gegenüber +972 und Local Call. „Die Straße war voller Schreie und Rauch. Ganze Wohnblocks waren zu Schuttbergen und tiefen Gruben geworden. Die Menschen begannen, im Zement zu suchen, sie benutzten ihre Hände, und ich tat es ihnen gleich, auf der Suche nach Spuren des Hauses meiner Familie.“
Al-Sheikhs Frau und seine kleine Tochter überlebten – geschützt vor den Trümmern durch einen Schrank, der auf sie gefallen war –, aber er fand elf andere Mitglieder seiner Familie, darunter seine Schwestern, Brüder und deren kleine Kinder, tot unter den Trümmern. Laut der Menschenrechtsorganisation B’Tselem zerstörte der Bombenangriff an diesem Tag Dutzende von Gebäuden, tötete Dutzende von Menschen und begrub Hunderte unter den Trümmern ihrer Häuser.
„Ganze Familien wurden getötet“
Geheimdienstquellen berichteten +972 und Local Call, dass sie an noch tödlicheren Angriffen beteiligt waren. Um Ayman Nofal, den Kommandeur der Zentralen Gaza-Brigade der Hamas, zu töten, habe die Armee laut einer Quelle die Tötung von etwa 300 Zivilisten genehmigt und bei Luftangriffen auf das Flüchtlingslager Al-Bureij am 17. Oktober mehrere Gebäude zerstört, basierend auf einer ungenauen Lokalisierung von Nofal. Satellitenaufnahmen und Videos vom Ort des Geschehens zeigen die Zerstörung mehrerer großer mehrstöckiger Wohnhäuser.
„Zwischen 16 und 18 Häuser wurden bei dem Angriff völlig zerstört“ – sagte Amro Al-Khatib, ein Bewohner des Lagers, gegenüber +972 und Local Call. „Wir konnten die Wohnungen nicht mehr voneinander unterscheiden – sie waren alle in den Trümmern durcheinandergewürfelt, und wir fanden überall menschliche Körperteile.“
Im Rückblick erinnert sich Al-Khatib daran, dass etwa 50 Leichen aus den Trümmern geborgen wurden und etwa 200 Menschen verletzt waren, viele davon schwer. Doch das war nur der erste Tag. Die Bewohner des Lagers verbrachten fünf Tage damit, Tote und Verletzte zu bergen, berichtete er.
Nael Al-Bahisi, ein Rettungssanitäter, war einer der Ersten vor Ort. Er zählte an diesem ersten Tag zwischen 50 und 70 Opfer. „Irgendwann wurde uns klar, dass das Ziel des Angriffs der Hamas-Kommandeur Ayman Nofal war“, sagte er gegenüber +972 und Local Call. „Sie haben ihn getötet, und mit ihm viele Menschen, die nicht wussten, dass er dort war. Ganze Familien mit Kindern wurden getötet.“
Eine weitere Quelle aus dem Geheimdienst sagte gegenüber +972 und Local Call, dass die Armee Mitte Dezember ein Hochhaus in Rafah zerstört und dabei „Dutzende Zivilisten“ getötet habe, um zu versuchen, Mohammed Shabaneh, den Kommandeur der Rafah-Brigade der Hamas, zu töten (es ist unklar, ob er bei dem Angriff getötet wurde oder nicht). Oft, so die Quelle, verstecken sich die hochrangigen Kommandeure in Tunneln, die unter zivilen Gebäuden verlaufen, und daher führt die Entscheidung, sie mit einem Luftangriff zu töten, notwendigerweise zum Tod von Zivilisten.
„Die meisten Verletzten waren Kinder“, berichtete Wael Al-Sir, 55, der Zeuge des groß angelegten Angriffs war, der von einigen Bewohnern des Gazastreifens als Attentatsversuch angesehen wurde. Er sagte +972 und Local Call, dass der Bombenangriff am 20. Dezember einen „ganzen Wohnblock“ zerstörte und mindestens 10 Kinder tötete.
„Es gab eine völlig freizügige Politik hinsichtlich der Opferzahlen bei Operationen – so freizügig, dass sie meiner Meinung nach einen Rachecharakter hatte“, erklärte D., eine Quelle aus dem Geheimdienst. „Im Mittelpunkt standen die Ermordungen hochrangiger Kommandeure der Hamas und der PIJ, für die sie bereit waren, Hunderte von Zivilisten zu töten. Wir hatten eine Kalkulation: wie viele für einen Brigadekommandeur, wie viele für einen Bataillonskommandeur und so weiter.“
„Es gab Vorschriften, aber sie waren einfach sehr lax“, sagte E., eine weitere Quelle aus dem Geheimdienst. „Wir haben Menschen getötet, wobei die Zahl der Kollateralschäden im hohen zweistelligen, wenn nicht sogar im niedrigen dreistelligen Bereich lag. Das sind Dinge, die es zuvor noch nicht gegeben hat.“
Eine so hohe Rate an „Kollateralschäden“ ist nicht nur im Vergleich zu dem, was die israelische Armee zuvor als akzeptabel erachtete, außergewöhnlich, sondern auch im Vergleich zu den Kriegen, die die USA im Irak, in Syrien und in Afghanistan geführt haben.
General Peter Gersten, stellvertretender Kommandeur für Einsätze und Geheimdienst im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien, erklärte 2021 gegenüber einem US-Verteidigungsmagazin, dass ein Angriff mit Kollateralschäden von 15 Zivilisten vom Verfahren abwich; um ihn durchzuführen, musste er eine Sondergenehmigung vom Chef des US-Zentralkommandos, General Lloyd Austin, einholen.
„Bei Osama Bin Laden hätte man einen NCV [Non-combatant Casualty Value] von 30 gehabt, aber bei einem niedrigrangigen Kommandeur lag der NCV typischerweise bei null“, sagte Gersten. „Wir lagen lange Zeit bei null.“
„Uns wurde gesagt: ‚Bombardiert, was immer ihr könnt‘“
Alle für diese Untersuchung befragten Quellen sagten, dass die Massaker der Hamas am 7. Oktober und die Entführung von Geiseln die Feuerrichtlinien der Armee und das Ausmaß der Kollateralschäden stark beeinflusst hätten. „Anfangs war die Stimmung schmerzhaft und von Rachegelüsten geprägt“, sagte B., der unmittelbar nach dem 7. Oktober zum Militär eingezogen wurde und in einem Einsatzraum für Zielerfassung diente. „Die Regeln waren sehr lax. Sie haben vier Gebäude zerstört, obwohl sie wussten, dass sich das Ziel in einem davon befand. Es war verrückt.“
„Es gab eine Unstimmigkeit: Einerseits waren die Leute hier frustriert, dass wir nicht genug angriffen“, fuhr B. fort. „Andererseits sieht man am Ende des Tages, dass wieder tausend Menschen aus Gaza gestorben sind, die meisten davon Zivilisten.“
„In den Reihen der Berufssoldaten herrschte Hysterie“, sagte D., der ebenfalls unmittelbar nach dem 7. Oktober eingezogen wurde. „Sie hatten überhaupt keine Ahnung, wie sie reagieren sollten. Das Einzige, was sie zu tun wussten, war, einfach wie Verrückte mit den Bombenangriffen loszulegen, um zu versuchen, die Kapazitäten der Hamas zu zerstören.“
D. betonte, dass ihnen nicht ausdrücklich gesagt wurde, das Ziel der Armee sei „Rache“, äußerte jedoch: „Sobald jedes mit der Hamas verbundene Ziel legitim wird und fast jeder Kollateralschaden genehmigt wird, ist dir klar, dass Tausende von Menschen getötet werden. Auch wenn offiziell jedes Ziel mit der Hamas in Verbindung steht, verliert dies jegliche Bedeutung, wenn die Politik so lax ist.“
Auch A. verwendete das Wort „Rache“, um die Atmosphäre innerhalb der Armee nach dem 7. Oktober zu beschreiben. „Niemand dachte darüber nach, was man danach tun sollte, wenn der Krieg vorbei ist, oder wie es möglich sein wird, in Gaza zu leben, und was sie damit machen werden“, sagte A. „Uns wurde gesagt: Jetzt müssen wir die Hamas fertigmachen, egal was es kostet. Bombardiert, was immer ihr könnt.“
B., der hochrangige Geheimdienstmitarbeiter, sagte, rückblickend glaube er, dass diese „unverhältnismäßige“ Politik, Palästinenser in Gaza zu töten, auch Israelis gefährde und dass dies einer der Gründe war, warum er beschloss, sich interviewen zu lassen.
„Kurzfristig sind wir sicherer, weil wir die Hamas schwächen. Aber ich glaube, langfristig sind wir weniger sicher. Ich sehe, wie all die trauernden Familien in Gaza – das betrifft fast jeden – in zehn Jahren die Motivation für die Hamas steigern werden. Und es wird für sie viel einfacher sein, sie zu rekrutieren.“
In einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call bestritt die israelische Armee einen Großteil dessen, was uns die Quellen berichtet hatten, und behauptete, dass „jedes Ziel einzeln geprüft wird, wobei eine individuelle Bewertung des militärischen Vorteils und der zu erwartenden Kollateralschäden des Angriffs vorgenommen wird … Die IDF führt keine Angriffe durch, wenn die zu erwartenden Kollateralschäden im Verhältnis zum militärischen Vorteil unverhältnismäßig hoch sind.“
Schritt 5: Berechnung der Kollateralschäden
„Das Modell hatte keinen Bezug zur Realität“
Nach Angaben von Geheimdienstquellen erfolgte die Kalkulation der israelischen Armee hinsichtlich der Anzahl der Zivilisten, bei denen in jedem Haus neben einem Ziel mit dem Tod zu rechnen war – ein Verfahren, das in einer früheren Untersuchung von +972 und Local Call untersucht wurde –, mithilfe automatisierter und ungenauer Tools. In früheren Kriegen verbrachten Geheimdienstmitarbeiter viel Zeit damit, zu überprüfen, wie viele Menschen sich in einem Haus befanden, das bombardiert werden sollte, wobei die Zahl der Zivilisten, die voraussichtlich getötet würden, als Teil einer „Zielakte“ aufgeführt wurde. Nach dem 7. Oktober wurde diese gründliche Überprüfung jedoch weitgehend zugunsten der Automatisierung aufgegeben.
Im Oktober 2023 berichtete die New York Times über ein System, das von einer speziellen Basis im Süden Israels aus betrieben wird und Informationen von Mobiltelefonen im Gazastreifen sammelt, um dem Militär eine Echtzeit-Schätzung der Anzahl der Palästinenser zu liefern, die aus dem nördlichen Gazastreifen nach Süden flohen.
Brigadegeneral Udi Ben Muha sagte gegenüber der NYT: „Es ist kein zu 100 Prozent perfektes System – aber es gibt dir die Informationen, die du brauchst, um eine Entscheidung zu treffen.“ Das System arbeitet anhand von Farben: Rot markiert Gebiete, in denen sich viele Menschen aufhalten, Grün und Gelb markieren Gebiete, die weitgehend von Einwohnern geräumt wurden.
Die Quellen, die mit +972 und Local Call sprachen, beschrieben ein ähnliches System zur Berechnung von Kollateralschäden, das verwendet wurde, um zu entscheiden, ob ein Gebäude in Gaza bombardiert werden sollte. Sie sagten, die Software habe die Anzahl der Zivilisten berechnet, die vor dem Krieg in jedem Haus wohnten – indem sie die Größe des Gebäudes einschätzte und die Liste der Bewohner überprüfte – und diese Zahlen dann um den Anteil der Bewohner reduzierte, die vermutlich aus der Nachbarschaft evakuiert worden waren.
Um das zu veranschaulichen: Wenn die Armee schätzte, dass die Hälfte der Bewohner einer Nachbarschaft das Gebiet verlassen hatte, zählte das Programm ein Haus, in dem normalerweise 10 Personen wohnten, als ein Haus mit fünf Personen. Um Zeit zu sparen, so die Quellen, habe die Armee die Häuser nicht überprüft, um festzustellen, wie viele Menschen tatsächlich dort lebten, wie sie es bei früheren Operationen getan hatte, um herauszufinden, ob die Schätzung des Programms tatsächlich zutreffend war.
„Dieses Modell hatte keinen Bezug zur Realität“, erklärte eine Quelle. „Es gab keinen Zusammenhang zwischen denjenigen, die sich jetzt, während des Krieges, im Haus befanden, und denjenigen, die vor dem Krieg als dort wohnhaft aufgeführt waren. Einmal bombardierten wir ein Haus, ohne zu wissen, dass sich darin mehrere Familien befanden, die sich gemeinsam darin versteckt hatten.“
Die Quelle sagte weiter, dass, obwohl die Armee wusste, dass solche Fehler auftreten könnten, dieses ungenaue Modell dennoch übernommen wurde, weil es schneller war. Daher, so die Quelle, „erfolgte die Berechnung der Kollateralschäden vollständig automatisch und statistisch“ – wobei sogar Zahlen herauskamen, die keine ganzen Zahlen waren.
Schritt 6: Bombardierung eines Familienhauses
„Du hast ohne Grund eine Familie getötet“
Die Quellen, die mit +972 und Local Call sprachen, erläuterten, dass es manchmal eine erhebliche Zeitspanne gab zwischen dem Moment, in dem Ortungssysteme wie „Where’s Daddy?“ einen Offizier alarmierten, dass eine Zielperson ihr Haus betreten hatte, und der Bombardierung selbst – was dazu führte, dass ganze Familien getötet wurden, auch wenn das Ziel der Armee gar nicht getroffen wurde. „Es ist mir oft passiert, dass wir ein Haus angegriffen haben, die Person aber gar nicht zu Hause war“, sagte eine Quelle. „Das Ergebnis ist, dass du ohne Grund eine Familie getötet hast.“
Drei Geheimdienstquellen berichteten +972 und Local Call, dass sie Zeugen eines Vorfalls waren, bei dem die israelische Armee das Privathaus einer Familie bombardierte und sich später herausstellte, dass sich das eigentliche Ziel des Anschlags gar nicht im Haus befand. Es war keine weitere Überprüfung in Echtzeit durchgeführt worden.
„Manchmal war [das Ziel] früher zu Hause und ging dann nachts woanders schlafen, sagen wir im Untergrund, und du wusstest nichts davon“, sagte eine der Quellen. „Es gibt Zeiten, in denen man den Standort doppelt überprüft, und es gibt Zeiten, in denen man einfach sagt: ‚Okay, er war in den letzten paar Stunden im Haus, also kannst du einfach bombardieren.‘“
Eine andere Quelle beschrieb einen ähnlichen Vorfall, der ihn betraf und ihn dazu veranlasste, für diese Recherche interviewt werden zu wollen. „Wir gingen davon aus, dass sich das Ziel um 20 Uhr zu Hause befand. Letztendlich bombardierte die Luftwaffe das Haus um 3 Uhr morgens. Dann fanden wir heraus, dass er es geschafft hatte, mit seiner Familie in ein anderes Haus zu ziehen. In dem Gebäude, das wir bombardierten, befanden sich zwei andere Familien mit Kindern.“
In früheren Kriegen im Gazastreifen führte der israelische Geheimdienst nach der Tötung von Personen als Zielobjekten Verfahren zur Bombenschadensbewertung (BDA) durch – eine routinemäßige Überprüfung nach dem Angriff, um festzustellen, ob der hochrangige Kommandeur getötet wurde und wie viele Zivilisten mit ihm ums Leben kamen.
Wie in einer früheren Untersuchung von +972 und Local Call aufgedeckt wurde, umfasste dies das Abhören von Telefonaten von Angehörigen, die ihre Liebsten verloren hatten. Im aktuellen Krieg jedoch wurde dieses Verfahren, zumindest in Bezug auf mit KI markierte rangniedrige Militante, laut Quellen abgeschafft, um Zeit zu sparen. Die Quellen sagten, sie wüssten nicht, wie viele Zivilisten bei jedem Angriff tatsächlich getötet wurden, und bei den von der KI markierten rangniedrigen mutmaßlichen Hamas- und PIJ-Aktivisten wüssten sie nicht einmal, ob das Ziel selbst getötet wurde.
„Du weißt nicht genau, wie viele du getötet hast und wen du getötet hast“, sagte eine Geheimdienstquelle gegenüber Local Call bei einer früheren Untersuchung, die im Januar 2024 veröffentlicht wurde. „Nur bei hochrangigen Hamas-Aktivisten hältst du dich an das BDA-Verfahren. In den übrigen Fällen ist es dir egal. Du bekommst einen Bericht der Luftwaffe darüber, ob das Gebäude gesprengt wurde, und das war’s. Du hast keine Ahnung, wie groß der Kollateralschaden war. Du gehst sofort zum nächsten Ziel über. Der Fokus lag darauf, so schnell wie möglich so viele Ziele wie möglich zu schaffen.“
Aber während das israelische Militär nach jedem Angriff weitermacht, ohne sich mit der Zahl der Opfer aufzuhalten, sagte Amjad Al-Sheikh, der Bewohner von Shuja’iya, der bei dem Bombardement am 2. Dezember elf seiner Familienangehörigen verlor, dass er und seine Nachbarn immer noch nach Leichen suchen.
„Bis heute liegen Leichen unter den Trümmern“, sagte er. „Vierzehn Wohnhäuser wurden bombardiert, mit den Bewohnern darin. Einige meiner Verwandten und Nachbarn sind noch immer verschüttet.“
Der Beitrag erschien im Original bei +972 Magazine. Aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.
Über den Autor: Yuval Abraham ist Journalist und Filmemacher und lebt in Jerusalem.
Ttielbild: Yonatan Sindel/Flash90 – Smoke rises after Israeli airstrikes in Beit Lahia, in the northern Gaza Strip, December 28, 2023.
[«*] Das +972 Magazine ist ein unabhängiges Onlinemagazin, das von einer Gruppe palästinensischer und israelischer Journalisten betrieben wird. Local Call ist eine hebräischsprachige Nachrichtenseite, die sich für Bürgerjournalismus (Citizen Journalism) und unabhängige Medien einsetzt. Beide Projekte arbeiten eng zusammen und bieten Plattformen für Basisaktivismus, politische Analysen und investigativen Journalismus aus der Region.
Der Ausbau der Raketensilos in Hami zeigt, dass nukleare Überlebensfähigkeit im Zentrum von Chinas Strategie steht, um eine US-Intervention in Taiwan abzuschrecken
Gabriel Honrada
Chinas Ausbau seines abgelegenen nuklearen Silo-Feldes in Hami spiegelt umfassendere Bemühungen wider, eine historisch verwundbare Nuklearstreitmacht in eine widerstandsfähige Abschreckung umzuwandeln, die in der Lage ist, Angriffe zu überstehen, eine US-Intervention einzuschränken und seine Position in einem Taiwan-Szenario zu stärken.
Im vergangenen Monat berichtete Reuters, dass China ein massives defensives Militärnetzwerk mit über 80 Beton-Startplätzen und drei unterschiedlichen, achteckigen Anlagen nahe seinen abgelegenen nuklearen Silo-Feldern in der nordwestlichen Wüste Xinjiangs errichtet.
Diese zuvor nicht gemeldete Erweiterung – die sich angesichts wachsender geopolitischer Spannungen um die Souveränität Taiwans intensiviert – ist strategisch darauf ausgelegt, Chinas landgestützte Nuklearstreitkräfte zu härten, seine strategische Abschreckung zu diversifizieren und seine Zweitschlagsfähigkeit gegenüber potenziellen präventiven US-Angriffen fest zu sichern.
Das umfangreiche Projekt umfasst zwei große achteckige Kommando-, Kontroll- und Kommunikationszentren, die in den letzten sechs Jahren errichtet wurden und über unbefestigte Straßen und Glasfaserverbindungen mit vielseitigen Wüsten-Startplätzen verbunden sind, die für mobile Interkontinentalraketen (ICBM), elektronische Kriegsführung und Luftabwehrbatterien optimiert sind.
Während ein weniger entwickeltes drittes Achteck als Zielbereich für simulierte westliche Flugzeuge dient, zeigen jüngste Übungen an den aktiven Anlagen eine beispiellose, schnelle Modernisierungsanstrengung.
Dieses weitreichende Verteidigungsnetzwerk unterscheidet China von traditionellen Nuklearmächten wie den USA und Russland, die historisch eher auf schiere Zahlen und die Isolation von Silos als auf lokalisierte Infrastruktur setzen.
Während China etwa 100 ICBMs in seinen wichtigsten Silo-Feldern stationiert hat, schätzt das US-Verteidigungsministerium, dass China bis 2030 etwa 1.000 nukleare Sprengköpfe verfügen wird.
Hami steht beispielhaft für Chinas breitere Bemühungen, seine nukleare Abschreckung widerstandsfähiger zu machen, sodass sie Angriffe überstehen und unter zunehmend umkämpften Bedingungen Vergeltung garantieren kann.
Sajjad Ahamed schreibt in einem im Mai 2026 im Fachjournal Journal of Current Chinese Affairs veröffentlichten Artikel, dass China ein überlebensfähigeres Nukleararsenal nicht für routinemäßige nukleare Nötigung aufbaut, sondern als strategische „Rückversicherung“ für konventionelle und Grauzonen-Konkurrenz, insbesondere in Bezug auf Taiwan.
Ein widerstandsfähigeres Abschreckungssystem könnte China zudem mehr Optionen für nukleare Signale während einer Taiwan-Krise eröffnen. Matthew Kroenig merkt in einem Bericht des Atlantic Council vom September 2023 an, dass China sein Nukleararsenal nutzen könnte, um den USA und ihren Verbündeten zu signalisieren, sich nicht in einen Konflikt um Taiwan einzumischen.
Kroenig schlägt vor, China könnte einen ICBM-Test durchführen oder eine Kernwaffe an einem seiner Testgelände, etwa in Lop Nur, testen – oder provokativer in den Gewässern um Taiwan oder nahe einer US-Basis im Pazifik.
Er fügt hinzu, dass China Nuklearwaffen gegen US- und alliierte Streitkräfte einsetzen könnte, wenn es der Ansicht ist, dass dies einen erheblichen Vorteil bringt, notwendig ist, um eine drohende konventionelle Niederlage abzuwenden, oder wenn die chinesische Führung bedroht ist.
Ahamed sagt, dass China, während es seine Zweitschlagsfähigkeit durch neue Silos, U-Boote und mobile Raketen stärkt, davon ausgehen könnte, dass US-Entscheidungsträger in einer Taiwan-Krise größeren Risiken und Unsicherheiten ausgesetzt wären.
Er betont, dass diese nukleare Rückversicherung die Eskalationsoptionen der USA einschränkt, gegenseitige Zurückhaltung auf nuklearer Ebene verstärkt und anhaltenden chinesischen Druck durch Militärübungen, Luftraumverletzungen und andere Zwangsmaßnahmen gegenüber Taiwan und regionalen US-Verbündeten unterstützt.
Emily Gill weist jedoch in einem Artikel vom Oktober 2025 für das China Aerospace Studies Institute darauf hin, dass chinesische Führungskräfte zunehmend befürchten, Fortschritte bei US-Raketenabwehr, Präzisionsschlagwaffen sowie Aufklärungs- und Überwachungssystemen könnten Chinas vergleichsweise kleine Nuklearstreitmacht lokalisieren und zerstören, bevor sie Vergeltung üben kann.
Daten des Stockholm International Peace Research Institute zeigen, dass China im Januar 2025 schätzungsweise über 600 nukleare Sprengköpfe verfügte – deutlich weniger als die etwa 5.177 der USA und 5.459 Russlands.
Gill argumentiert, dass die Sorge vor einem möglichen US-Erstschlag dazu geführt hat, dass China seine Silo-Felder ausbaut, mehr mobile Raketen einsetzt, Infrastruktur härtet und Tarn- sowie Überlebensmaßnahmen verbessert.
Das Netzwerk in Hami scheint genau darauf ausgelegt zu sein, diese Schwachstellen zu beheben, indem Startsysteme verteilt, unterstützende Infrastruktur gehärtet und das Auffinden, Verfolgen und Zerstören chinesischer Nuklearstreitkräfte erschwert wird.
Der Ausbau von Hami spiegelt zudem einen umfassenderen nuklearen Aufbau wider, den das Institute for Defense Analyses in einem Bericht vom Oktober 2023 als beispiellos seit dem Ende des Kalten Krieges beschreibt.
Demnach erhöht China schnell sowohl strategische als auch taktische Nuklearstreitkräfte, entwickelt eine vollständige nukleare Triade, Frühwarn-Startfähigkeiten und Optionen für Nuklearwaffen mit geringer Sprengkraft.
Es wird prognostiziert, dass China bis 2035 mehr als 1.500 einsatzbereite Sprengköpfe haben könnte und damit Mitte der 2030er Jahre eine ungefähre zahlenmäßige Parität mit den USA erreichen könnte.
Diese Maßnahmen, so Gill, sollen eine glaubwürdige Zweitschlagsfähigkeit sichern und die Abschreckung trotz wachsender Bedrohungen aufrechterhalten.
Aus US-Sicht argumentiert John Harvey in einem Bericht vom Mai 2025, dass Gegenkraft-Fähigkeiten weiterhin wichtig bleiben, da China von einer kleinen, verwundbaren Abschreckung zu einer großen, silo-basierten ICBM-Streitmacht übergeht.
Er meint, die Fähigkeit, zumindest einen Teil von Chinas Nukleararsenal zu bedrohen, stärke die Abschreckung, unterstütze Eskalationskontrolle und beruhige Verbündete hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des US-Schutzversprechens.
Dahlia Anne Goldfeld und andere Autoren weisen jedoch in einem RAND-Bericht vom November 2024 darauf hin, dass Chinas nukleare Modernisierung die US-Gegenkraftoptionen zunehmend einschränkt.
Sie argumentieren, dass frühere Annahmen über die Möglichkeit eines präzisen Entwaffnungsschlags gegen Chinas kleinere Streitmacht durch den schnellen Ausbau stark an Plausibilität verloren haben.
Sie verweisen darauf, dass mobile DF-41-Raketen, nahezu kontinuierliche Patrouillen nuklearer U-Boote und andere Maßnahmen die Zweitschlagsfähigkeit stärken und die USA davon ausgehen müssen, dass China einen Erstschlag überstehen und dennoch zurückschlagen kann.
Daher können sich die USA nicht mehr auf die Möglichkeit eines entwaffnenden Erstschlags verlassen und müssen unter Bedingungen gegenseitiger nuklearer Verwundbarkeit und erhöhter Eskalationsrisiken operieren.
Anlagen wie Hami zeigen, dass China genau dieses Ergebnis aktiv herbeiführt, indem es seine Nuklearstreitkräfte schwerer auffindbar, angreifbar und neutralisierbar macht.
Da diese Entwicklung Strategien zur Schadensbegrenzung zunehmend untergräbt, argumentiert Tyler Bown in einem Artikel vom Mai 2026, dass die USA nicht mit einem massiven Ausbau ihres Arsenals reagieren sollten.
Stattdessen empfiehlt er, gegenseitige Verwundbarkeit zu akzeptieren, trilaterale Rüstungskontrolle anzustreben und die industrielle Basis zu stärken.
Hami ist daher mehr als nur eine Erweiterung eines Raketenfeldes – es signalisiert Chinas Entschlossenheit, sicherzustellen, dass jede Taiwan-Krise unter dem Schutz einer nuklearen Abschreckung stattfindet, die Angriffe übersteht, entschlossen vergelten kann und eine US-Intervention einschränkt.
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Die „Lord“ Drohne aus der Schweiz hat es bis in eine Rede von Wladimir Putin geschafft. Das Unternehmen Destinus liefert das Langstrecken-System an die Ukraine, wo es für tiefe Schläge gegen russische Ziele eingesetzt wird. Gründer Mikhail Kokoritsch gab die Kooperation öffentlich zu. Die Grenzen der Schweizer Neutralität im Ukraine-Krieg.
Dass eine Schweizer Drohne einmal Gegenstand einer Rede von Wladimir Putin werden würde, hätte vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet.
Im Kreml erwähnte man vor Präsident Wladimir Putin ausländische Drohnen, die von ukrainischen Kräften gegen Russland eingesetzt werden. Dabei wurde die Schweiz explizit genannt – nicht in Bezug auf Schokolade oder Käse, sondern im Zusammenhang mit dem Tod unschuldiger Kinder in Starobelsk in der Region Lugansk.
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Lukas Leiroz
Es ist notwendig, gemeinsam gegen das Regime vorzugehen, auf dem Schlachtfeld zu vergelten und es im diplomatischen Bereich zu verurteilen.
Das Kiewer Terrorregime hat erneut einen massiven Angriff auf Russlands Kernkraftwerk Saporischschja (ZNPP) – das größte Kernkraftwerk Europas – gestartet. Der Angriff erfolgte in unmittelbarer Nähe der Reaktoren und löste bei den Mitarbeitern große Besorgnis über die Auswirkungen auf den Betrieb des Kraftwerks aus.
Durch den Angriff entstand ein großes Loch im Maschinenraum eines der Blöcke des Kraftwerks. Die Betriebsfähigkeit des Kraftwerks wurde nicht beeinträchtigt, aber der Angriff war zweifellos bedeutsam, da er eine der Anlagen des Kraftwerks teilweise zerstörte.
Alexej Lichatschow, CEO des russischen Staatskonzerns Rosatom, kommentierte den Vorstand wie folgt:
„Man könnte der gesamten internationalen Gemeinschaft sozusagen ‚gratulieren‘ – dies ist der erste vorsätzliche Angriff auf die Hauptausrüstung eines Kernkraftwerks mit einer Sprengwirkung und Beschädigung des Maschinenhauses (…). Die ukrainischen Streitkräfte überschreiten immer wieder nicht nur rote Linien, sondern die Grenzen des gesunden Menschenverstandes. Was ist als nächstes zu erwarten? Angriffe direkt auf die Turbine? den Reaktorraum? den Reaktor und seine Sicherheitssysteme?“
Lichatschows Worte spiegeln seine tiefe und berechtigte Empörung über die Trägheit der internationalen Gesellschaft angesichts der vom Regime begangenen Verbrechen wider. Seit Jahren greift die Ukraine das ZNPP systematisch an, ohne dass internationale Zwangsmechanismen eingesetzt werden, um Kiew zu zwingen, seine Terroroperationen einzustellen. Nun, als direkte Folge dieser Trägheit, ist es dem Regime gelungen, eine bedeutende Wirkung gegen eine der Anlagen des Kraftwerks zu erzielen.
Darüber hinaus ist es in der Tat notwendig, darüber nachzudenken, was von nun an geschehen wird. Wenn das ukrainische Regime nicht gestoppt wird, könnten neue kritische Ziele getroffen werden, darunter empfindlichere Strukturen des ZNPP, wie die Reaktoren. Das richtige Vorgehen angesichts dieser Bedrohung, deren Risiken enorm sind, wäre, dass die eigenen internationalen Verbündeten des ukrainischen Regimes Druck ausüben, um die Angriffe zu beenden und so Kiews Zerstörungskapazität zu begrenzen. Aber angesichts der internationalen Trägheit bleibt nur eine praktikable Lösung: Die Russische Föderation selbst muss ihre Militäroperationen intensivieren, um die feindlichen Offensivfähigkeiten zu neutralisieren und die Sicherheit des Kraftwerks zu gewährleisten.
Ich hatte vor zwei Jahren als Korrespondent die Gelegenheit, das ZNPP zu besuchen. Die Beweise für die ukrainischen Verbrechen sind allgegenwärtig. Die Mitarbeiter des Kraftwerks stellen die Trümmer von Raketen und Drohnen aus, die ständig auf die örtlichen Anlagen fallen, und zeigen deutlich, welche Art von Waffen verwendet wird. Es handelt sich um westliche Geräte, die offensichtlich von der Ukraine abgefeuert wurden.
Tatsächlich verursachen Angriffe auf Kernkraftwerke selten Probleme mit radioaktiver Strahlung. Die Struktur des Kraftwerks ist darauf ausgelegt, großen Widrigkeiten wie Klimakatastrophen oder militärischen Angriffen standzuhalten. Diese Art von Informationen ist jedoch selten öffentlich bekannt. Daher besteht die Ukraine darauf, das ZNPP anzugreifen, um Terror unter der lokalen Bevölkerung zu verbreiten, die zunehmend die (geringe, aber vorhandene) Möglichkeit eines radioaktiven Unfalls fürchtet.
Darüber hinaus bedeutet die geringe Wahrscheinlichkeit eines Lecks nicht, dass es keine anderen Gefahren gibt. Das Kraftwerk könnte aufgrund der Intensität der Angriffe schließlich den Betrieb einstellen, was ausreichen würde, um eine große regionale Auswirkung zu erzeugen. Darüber hinaus können ständige Eindringlinge, insbesondere wenn sie mit Raketen durchgeführt werden, die lokalen Sicherheitsmechanismen beschädigen und das Risiko eines Lecks erheblich erhöhen.
All dies ist absolut inakzeptabel und rechtfertigt eine Verschärfung der russischen Haltung auf dem Schlachtfeld. Moskau hat bereits mit seinen jüngsten massiven Raketenangriffen auf Kiew gezeigt, dass es nicht länger bereit ist, die Verletzung seiner roten Linien zu tolerieren. Die russische Seite verliert ihre Geduld in dem Konflikt und leitet eine neue operative Phase ein, die darauf abzielt, die ukrainischen Offensivfähigkeiten schnell zu neutralisieren, um die Fortsetzung terroristischer Eindringlinge zu verhindern. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die Russen ihr Vorgehen in den kommenden Tagen verschärfen werden.
Es bleibt jedoch abzuwarten, wann sich die internationale Haltung ändern wird. Russische Militäraktionen lösen das Problem auf taktisch-operativer Ebene, indem sie die ukrainischen Kriegsfähigkeiten verringern, aber es bedarf auch Maßnahmen im diplomatischen und rechtlichen Bereich. Es ist entscheidend, dass das Regime international für seine Terroraktionen gegen das größte Kernkraftwerk Europas verurteilt und mit Sanktionen belegt wird.
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Die israelische Armee hat Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Zielpersonen für Tötungsaktionen eingestuft – mithilfe eines KI-Zielerfassungssystems, das kaum menschlicher Kontrolle unterliegt, und einer Politik, die hohe Opferzahlen in Kauf nimmt. Dies haben jüdische und palästinensische Journalisten in einer gemeinsamen Recherche aufgedeckt. Von Yuval Abraham.
Im Jahr 2021 erschien ein Buch mit dem Titel „Das Mensch-Maschine-Team: Wie man Synergien zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz schafft, die unsere Welt revolutionieren werden“[*] unter dem Pseudonym „Brigadegeneral Y.S.“ Darin spricht sich der Autor – ein Mann, den wir als den derzeitigen Kommandeur der israelischen Elite-Geheimdienstabteilung 8200 identifiziert haben – für die Entwicklung einer speziellen Maschine aus, die große Datenmengen schnell verarbeiten könnte, um in der Hitze eines Krieges Tausende potenzieller „Ziele“ für Militärschläge zu generieren. Eine solche Technologie, schreibt er, würde das lösen, was er als „menschlichen Engpass sowohl bei der Lokalisierung neuer Ziele als auch bei der Entscheidungsfindung zur Genehmigung der Ziele“ bezeichnete.
Eine solche Maschine, so stellt sich heraus, gibt es tatsächlich. Eine neue Untersuchung von +972 Magazine und Local Call[**] deckt auf, dass die israelische Armee ein auf künstlicher Intelligenz basierendes Programm entwickelt hat, das unter dem Namen „Lavender“ bekannt ist und hier erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird.
Laut sechs israelischen Geheimdienstmitarbeitern, die alle während des aktuellen Krieges im Gazastreifen in der Armee gedient haben und direkt an der Verwendung von KI zur Ermittlung von Tötungszielen beteiligt waren, spielte Lavender eine zentrale Rolle bei den beispiellosen Bombardierungen von Palästinensern, insbesondere in der Anfangsphase des Krieges. Tatsächlich war sein Einfluss auf die militärischen Operationen den Quellen zufolge derart groß, dass die Ergebnisse der KI-Maschine im Prinzip „wie eine menschliche Entscheidung behandelt wurden“.
Formal ist das Lavender-System konzipiert, um alle verdächtigen Akteure in den militärischen Flügeln der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ), einschließlich derjenigen niedrigen Ranges, als potenzielle Bombardierungsziele zu markieren. Die Quellen berichteten +972 und Local Call, dass sich die Armee in den ersten Wochen des Krieges fast vollständig auf Lavender verließ, das bis zu 37.000 Palästinenser – und ihre Häuser – für mögliche Luftschläge identifizierte.
In der Anfangsphase des Krieges erteilte die Armee den Offizieren pauschal die Erlaubnis, Lavenders Tötungslisten zu übernehmen, ohne Verpflichtung, gründlich zu prüfen, warum die Maschine diese Auswahl getroffen hatte, oder die Rohdaten der Geheimdienste zu untersuchen, auf denen sie basierten.
Eine Quelle berichtete, dass menschliches Personal oft nur dazu diente, die Entscheidungen der Maschine „abzunicken”. Sie fügte hinzu, dass man normalerweise jedem Ziel nur etwa „20 Sekunden“ widmete, bevor ein Bombenangriff genehmigt wurde – und dies lediglich, um sicherzustellen, dass es sich bei dem von Lavender markierten Ziel um einen Mann handelte. Und das, obwohl bekannt war, dass das System in etwa zehn Prozent der Fälle als „Fehler“ geltende Entscheidungen trifft und bekanntlich manchmal Personen markiert, die lediglich eine lose oder überhaupt keine Verbindung zu militanten Gruppen haben.
Darüber hinaus griff die israelische Armee die Zielpersonen systematisch in ihren Häusern an – in der Regel nachts, während ihre gesamten Familien anwesend waren – und nicht im Zuge militärischer Aktivitäten. Den Quellen zufolge geschah dies, weil es nach ihrer Einschätzung aus nachrichtendienstlicher Sicht einfacher war, die Personen in ihren Privathäusern zu lokalisieren.
Zusätzliche automatisierte Systeme, darunter eines namens „Where’s Daddy“, das hier ebenfalls erstmals enthüllt wird, wurden speziell eingesetzt, um die Zielpersonen aufzuspüren und Bombenangriffe durchzuführen, wenn diese die Wohnhäuser ihrer Familien betreten hatten.
Das Ergebnis war, wie die Quellen bezeugten, dass Tausende Palästinenser – die meisten davon Frauen und Kinder oder Menschen, die nicht an den Kämpfen beteiligt waren – „aufgrund der Entscheidungen des KI-Programms“ durch israelische Luftangriffe ausgelöscht wurden, insbesondere in den ersten Wochen des Krieges.
„Wir waren nicht daran interessiert, [Hamas-]Aktivisten nur dann zu töten, wenn sie sich in einem Militärgebäude befanden oder an einer militärischen Aktivität beteiligt waren“, erklärte A., ein Geheimdienstoffizier, gegenüber +972 und Local Call. „Im Gegenteil, die IDF bombardierte sie ohne zu zögern in ihren Häusern, als erste Option. Es ist viel einfacher, das Haus einer Familie zu bombardieren. Das System ist konzipiert, um sie in solchen Situationen aufzufinden.“
Die „Lavender“-Maschine ergänzt ein anderes KI-System, „The Gospel“. Informationen darüber wurden in einer früheren Untersuchung von +972 und Local Call im November 2023 sowie in den eigenen Veröffentlichungen des israelischen Militärs bekannt. Ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Systemen liegt in der Definition des Ziels: Während „The Gospel“ Gebäude und Strukturen markiert, von denen aus laut Armee Militante operieren, markiert „Lavender“ Menschen – und setzt sie auf eine Tötungsliste.
Den Quellen zufolge bevorzugte die Armee außerdem, wenn es darum ging, von Lavender markierte mutmaßliche untergeordnete Militante anzugreifen, den Einsatz von ungelenkten Raketen, gemeinhin als „dumme“ Bomben bekannt (im Gegensatz zu „smarten“ Präzisionsbomben), die ganze Gebäude mitsamt ihren Insassen zerstören und erhebliche Opferzahlen verursachen können.
„Du willst keine teuren Bomben an unwichtige Leute verschwenden – das ist sehr kostspielig für das Land und es herrscht ein Mangel [an diesen Bomben]“, sagte C., einer der Geheimdienstoffiziere. Eine andere Quelle gab an, sie hätten persönlich die Bombardierung von „Hunderten“ von Privathäusern mutmaßlicher „Nachwuchskräfte” genehmigt, die von Lavender markiert worden waren. Viele dieser Angriffe töteten Zivilisten und ganze Familien als „Kollateralschaden“.
In einem beispiellosen Schritt beschloss die Armee laut zwei der Quellen in den ersten Wochen des Krieges zudem, dass es für jedes von Lavender markiertes rangniedriges Hamas-Mitglied zulässig ist, bis zu 15 oder 20 Zivilisten zu töten. In der Vergangenheit hatte das Militär bei Attentaten auf rangniedrige Militante keinerlei „Kollateralschäden“ genehmigt.
Die Quellen fügten hinzu, dass die Armee in Fällen, in denen das Ziel ein hochrangiger Hamas-Funktionär im Rang eines Bataillons- oder Brigadekommandanten war, mehrere Male die Tötung von mehr als 100 Zivilisten bei der Ermordung eines einzelnen Kommandanten genehmigte.
Die folgende Untersuchung gliedert sich in die sechs chronologischen Stufen der hochautomatisierten Zielerfassung durch die israelische Armee in den ersten Wochen des Gaza-Kriegs. Zunächst erläutern wir die „Lavender“-Maschine selbst, die unter Einsatz künstlicher Intelligenz Zehntausende Palästinenser markierte. Zweitens enthüllen wir das „Where’s Daddy?“-System, das diese Ziele verfolgte und der Armee ein Signal gab, sobald sie ihre Familienhäuser betraten. Drittens beschreiben wir, wie „dumme“ Bomben ausgewählt wurden, um diese Häuser anzugreifen.
Viertens erläutern wir, wie die Armee die zulässige Anzahl von Zivilisten, die bei der Bombardierung eines Ziels getötet werden durften, gelockert hat. Fünftens zeigen wir auf, wie automatisierte Software die Anzahl der Nichtkombattanten in jedem Haushalt ungenau berechnet hat. Und sechstens zeigen wir, wie in verschiedenen Fällen, wenn ein Haus getroffen wurde, meist nachts, die Zielperson gar nicht im Haus war, weil Militärangehörige die Informationen nicht in Echtzeit überprüft haben.
Schritt 1: Ziele generieren
„Wenn man einmal auf Automatik umgestellt hat, läuft die Generierung von Zielen auf Hochtouren.“
In der israelischen Armee bezeichnete der Begriff „menschliches Ziel“ in der Vergangenheit einen hochrangigen Militärangehörigen, der gemäß den Vorschriften der Abteilung für internationales Recht des Militärs in seiner Privatwohnung getötet werden darf, selbst wenn Zivilisten in der Nähe sind. Geheimdienstquellen sagten gegenüber +972 und Local Call, dass während Israels früherer Kriege – da dies eine „besonders brutale“ Art war, jemanden zu töten (oftmals durch die Tötung einer ganzen Familie neben dem Ziel) – solche menschlichen Ziele sehr sorgfältig markiert wurden und nur hochrangige Militärkommandanten in ihren Häusern bombardiert wurden, um den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nach internationalem Recht zu wahren.
Aber nach dem 7. Oktober – als von der Hamas angeführte Militante einen tödlichen Angriff auf Gemeinden im Süden Israels starteten, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und 240 entführt wurden – nahm die Armee laut den Quellen einen dramatisch anderen Ansatz ein. Bei der „Operation Iron Swords“ beschloss die Armee, alle Aktivisten des militärischen Flügels der Hamas als menschliche Ziele einzustufen, unabhängig von ihrem Rang oder ihrer militärischen Bedeutung. Und das veränderte alles.
Die neue Politik stellte auch ein technisches Problem für den israelischen Geheimdienst dar. In früheren Kriegen musste ein Offizier, um die Tötung eines einzelnen menschlichen Ziels zu genehmigen, einen komplexen und langwierigen „Inkriminierungsprozess“ durchlaufen: Beweise gegenprüfen, dass die Person tatsächlich ein hochrangiges Mitglied des militärischen Flügels der Hamas war; herausfinden, wo sie wohnte; ihre Kontaktdaten ermitteln und schließlich in Echtzeit wissen, wann sie zu Hause war. Als die Liste der Ziele nur ein paar Dutzend hochrangige Aktivisten umfasste, konnten Geheimdienstmitarbeiter die mit der Inkriminierung und Lokalisierung verbundene Arbeit noch individuell bewältigen.
Als die Liste jedoch erweitert wurde und Zehntausende von Aktivisten niedrigerer Ränge umfasste, kam die israelische Armee zu dem Schluss, dass sie sich auf automatisierte Software und künstliche Intelligenz verlassen musste. Das Ergebnis war, so bezeugen die Quellen, dass die Rolle des menschlichen Personals bei der Einstufung von Palästinensern als militärische Aktivisten beiseitegeschoben wurde und KI stattdessen den Großteil der Arbeit übernahm.
Laut vier der Quellen, die mit +972 und Local Call sprachen, hat Lavender, das entwickelt wurde, um menschliche Ziele im aktuellen Krieg zu bestimmen, etwa 37.000 Palästinenser als mutmaßliche „Hamas-Kämpfer“ markiert, die getötet werden sollten – die meisten von ihnen junge Aktivisten (der Sprecher der IDF bestritt in einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call die Existenz einer solchen Tötungsliste).
„Wir wussten nicht, wer diese nachrangigen Aktivisten waren, da Israel sie [vor dem Krieg] nicht routinemäßig verfolgt hatte“, erklärte der hochrangige Offizier B. gegenüber +972 und Local Call und beleuchtete so den Grund für die Entwicklung dieser speziellen Zielgenerierungsmaschine für den aktuellen Krieg. „Sie wollten es uns ermöglichen, die nachrangigen Aktivisten automatisch anzugreifen. Das ist der Heilige Gral. Wenn man einmal auf Automatik umgestellt hat, läuft die Generierung von Zielen auf Hochtouren.“
„Um 5 Uhr morgens kam die Luftwaffe und bombardierte alle Häuser, die wir markiert hatten“, sagte B. „Wir haben Tausende von Menschen getötet. Wir haben sie nicht einzeln durchgesehen – wir haben alles in automatisierte Systeme eingegeben, und sobald sich eine der markierten Personen zu Hause befand, wurde sie sofort zum Ziel. Wir haben sie und ihr Haus bombardiert.“
„Es war sehr überraschend für mich, dass wir aufgefordert wurden, ein Haus zu bombardieren, um einen einfachen Soldaten zu töten, dessen Bedeutung für die Kämpfe so gering war“, sagte eine Quelle über den Einsatz von KI zur Markierung mutmaßlicher rangniedriger Militanten. „Ich gab diesen Zielen den Spitznamen ‚Müllziele‘. Dennoch empfand ich sie als ethischer als die Ziele, die wir nur zur ‚Abschreckung‘ bombardierten – Hochhäuser, die evakuiert und zum Einsturz gebracht wurden, nur um Zerstörung zu verursachen.“
Die tödlichen Folgen dieser Lockerung der Beschränkungen in der Anfangsphase des Krieges waren erschütternd. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza, auf die sich die israelische Armee seit Kriegsbeginn fast ausschließlich stützt, tötete Israel in den ersten sechs Wochen des Krieges – bis zur Vereinbarung eines einwöchigen Waffenstillstands am 24. November – etwa 15.000 Palästinenser.
„Je mehr Informationen und Auswahl, desto besser“
Die Software „Lavender“ analysiert Informationen, die mithilfe eines Massenüberwachungssystems über die meisten der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens gesammelt wurden, bewertet und stuft dann die Wahrscheinlichkeit ein, dass die jeweilige Person im militärischen Flügel der Hamas oder der PIJ aktiv ist. Laut Quellen vergibt das System fast jeder einzelnen Person in Gaza eine Bewertung von 1 bis 100, die ausdrückt, wie wahrscheinlich es ist, dass sie ein militanter Kämpfer ist.
Lavender lernt, Merkmale bekannter Hamas- und PIJ-Aktivisten zu identifizieren, deren Daten der Maschine als Trainingsinformationen zugeführt wurden, und lokalisiert dann dieselben Merkmale – auch „Features“ genannt – in der allgemeinen Bevölkerung, erläuterten die Quellen. Eine Person, bei der mehrere verschiedene belastende Merkmale festgestellt werden, erhält eine hohe Bewertung und wird so automatisch zu einem potenziellen Ziel für einen Mordanschlag.
In dem zu Beginn dieses Artikels erwähnten Buch spricht sich der derzeitige Kommandeur der Einheit 8200 für ein solches System aus, ohne Lavender namentlich zu erwähnen. (Der Kommandeur selbst wird ebenfalls nicht namentlich genannt, aber fünf Quellen in der Einheit 8200 bestätigten, dass der Kommandeur der Autor ist. Dies berichtete auch Haaretz.) Der Kommandant beschreibt menschliches Personal als „Engpass“, der die Kapazität der Armee während einer Militäroperation einschränkt, und beklagt: „Wir [Menschen] können nicht so viele Informationen verarbeiten. Es spielt keine Rolle, wie viele Leute man damit beauftragt, während des Krieges Ziele zu generieren – man kann immer noch nicht genug Ziele pro Tag produzieren.“
Die Lösung für dieses Problem, sagt er, ist künstliche Intelligenz. Das Buch bietet eine kurze Anleitung zum Aufbau einer „Zielmaschine“, die in ihrer Beschreibung Lavender ähnelt und auf KI- sowie Algorithmen für maschinelles Lernen basiert. In dieser Anleitung sind mehrere Beispiele für die „Hunderte und Tausende“ von Kriterien enthalten, die die Bewertung einer Person erhöhen können wie etwa, in einer WhatsApp-Gruppe mit einem bekannten Militanten zu sein, das Mobiltelefon alle paar Monate zu wechseln und häufig die Adresse zu ändern.
„Je mehr Informationen und je mehr verschiedene, desto besser“, schreibt der Kommandant. „Visuelle Information, Mobilfunkdaten, Verbindungen in sozialen Medien, Informationen vom Schlachtfeld, Telefonkontakte, Fotos.“ Während diese Merkmale zunächst von Menschen ausgewählt werden, so der Kommandant weiter, werde die Maschine mit der Zeit in der Lage sein, Merkmale selbstständig zu identifizieren. Dies, so sagt er, könne es den Streitkräften ermöglichen, „Zehntausende von Zielen“ zu erstellen, während die tatsächliche Entscheidung, ob diese angegriffen werden oder nicht, weiterhin eine menschliche Entscheidung bleibe.
Das Buch ist nicht der einzige Fall, dass ein hochrangiger israelischer Kommandant auf die Existenz von menschlichen Zielmaschinen wie Lavender hingewiesen hat. +972 und Local Call haben Aufnahmen eines privaten Vortrags erhalten, den der Kommandant des geheimen Data-Science- und KI-Zentrums der Einheit 8200, „Oberst Yoav“, während der KI-Woche der Universität Tel Aviv im Jahr 2023 gehalten hat. Darüber wurde damals in den israelischen Medien berichtet.
In dem Vortrag spricht der Kommandant über eine neue, hochentwickelte Zielmaschine, die von der israelischen Armee eingesetzt wird und „gefährliche Personen“ anhand ihrer Ähnlichkeit mit bestehenden Listen bekannter Militanten erkennt, mit denen die Maschine trainiert wurde.
„Indem wir das System benutzten, gelang es uns, Kommandanten von Hamas-Raketenabteilungen zu identifizieren“, sagte „Oberst Yoav“ in dem Vortrag. Er bezog sich dabei auf Israels Militäroperation im Gazastreifen im Mai 2021, wo die Maschine zum ersten Mal eingesetzt wurde.
Die Folien der Vortragspräsentation, die ebenfalls von +972 und Local Call beschafft wurden, enthalten Illustrationen zur Funktionsweise des Systems: Es wird mit Daten über bekannte Aktivisten der Hamas gefüttert, lernt, deren Merkmale zu erkennen, und bewertet anschließend andere Palästinenser danach, wie sehr sie den Militanten ähneln.
In der Praxis jedoch, so berichten Quellen, die Lavender in den letzten Monaten genutzt haben, wurden menschliches Handeln und Genauigkeit durch die massenhafte Erstellung von Zielen und Letalität ersetzt.
„Es gab keine ‚Null-Fehler‘-Richtlinie“
B., ein hochrangiger Offizier, der Lavender einsetzte, bestätigte gegenüber +972 und Local Call, dass Offiziere im aktuellen Krieg, um Zeit zu sparen und die Massenproduktion menschlicher Ziele ohne Hindernisse zu ermöglichen, nicht verpflichtet waren, die Bewertungen des KI-Systems unabhängig zu überprüfen.
„Alles war statistisch, alles war sauber – es war sehr sachlich“, sagte B. Er merkte an, dass dieser Mangel an Aufsicht geduldet wurde, obwohl interne Überprüfungen zeigten, dass die Berechnungen von Lavender nur in 90 Prozent der Fälle als genau angesehen wurden; mit anderen Worten, es war im Voraus bekannt, dass 10 Prozent der zur Tötung bestimmten menschlichen Ziele überhaupt keine Mitglieder des militärischen Flügels der Hamas waren.
Beispielsweise erklärten Quellen, dass die Lavender-Maschine manchmal fälschlicherweise Personen markierte, deren Kommunikationsmuster denen bekannter Hamas- oder PIJ-Aktivisten ähnelten – darunter auch Polizei- und Zivilschutzmitarbeiter, Verwandte von Militanten, Einwohner, die zufällig denselben Namen und Spitznamen wie ein Aktivist trugen, sowie Bewohner Gazas, die ein Gerät benutzten, das einst einem Hamas-Aktivisten gehörte.
„Wie eng muss jemand mit der Hamas verbunden sein, damit er [von einem KI-System] als Mitglied der Organisation eingestuft wird?“, fragte eine Quelle, die Lavenders Ungenauigkeit kritisierte. „Es ist eine vage Grenze. Ist eine Person, die kein Gehalt von der Hamas erhält, ihr aber bei allen möglichen Dingen hilft, ein Hamas-Aktivist? Ist jemand, der in der Vergangenheit bei der Hamas war, heute aber nicht mehr dort ist, ein Hamas-Aktivist? Jedes dieser Features – Eigenschaften, die eine Maschine als verdächtig markieren würde – ist ungenau.“
Ähnliche Probleme bestehen bei der Fähigkeit der Zielmaschinen, das Telefon einer Person zu analysieren, die als Attentatsziel markiert ist. „Im Krieg wechseln Palästinenser ständig ihre Telefone“, sagte die Quelle. „Die Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Familien, geben ihr Telefon einem Freund oder ihrer Frau, verlieren es vielleicht. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu 100 Prozent auf den automatischen Mechanismus zu verlassen, der bestimmt, welche Telefonnummer wem gehört.“
Den Quellen zufolge wusste die Armee, dass die minimale menschliche Überwachung, die vorhanden war, diese Fehler nicht aufdecken würde. „Es gab keine ‚Null-Fehler-Politik‘. Fehler wurden statistisch behandelt“, sagte eine Quelle, die Lavender nutzte. „Aufgrund des Umfangs und der Größenordnung lautete das Protokoll, dass, selbst wenn man nicht sicher weiß, ob die Maschine Recht hat, man weiß, dass es statistisch gesehen in Ordnung ist. Also macht man es.“
„Es hat sich bewährt“, sagte B., der hochrangige Informant. „Dieser statistische Ansatz hat etwas an sich, das dich an bestimmte Normen und Standards bindet. Bei dieser Operation gab es eine unlogisch hohe Zahl von Bombenangriffen. Das ist in meiner Erinnerung beispiellos. Und ich habe viel mehr Vertrauen in einen statistischen Mechanismus als in einen Soldaten, der vor zwei Tagen einen Freund verloren hat. Jeder dort, mich eingeschlossen, hat am 7. Oktober Menschen verloren. Die Maschine hat es kalt erledigt. Und das hat es einfacher gemacht.“
Eine andere Geheimdienstquelle, die das Vertrauen in die von Lavender erstellten Tötungslisten palästinensischer Verdächtiger verteidigte, argumentierte, dass es sich nur dann lohne, die Zeit eines Geheimdienstoffiziers in die Überprüfung der Informationen zu investieren, wenn es sich bei dem Ziel um einen hochrangigen Kommandeur der Hamas handele. „Aber wenn es um einen einfachen Kämpfer geht, will man dafür keine Arbeitskraft und Zeit investieren“, sagte er. „Im Krieg bleibt keine Zeit, jedes Ziel zu überführen. Also ist man bereit, die Fehlerquote beim Einsatz künstlicher Intelligenz in Kauf zu nehmen, Kollateralschäden und den Tod von Zivilisten zu riskieren sowie das Risiko eines falsch gezielten Angriffs einzugehen und damit zu leben.“
Er erläuterte, dass, wenn man die Bewertungsschwelle von Lavender senkte, das System mehr Menschen als Ziele für Angriffe markierte. „Auf dem Höhepunkt gelang es dem System, 37.000 Menschen als potenzielle menschliche Ziele zu generieren“, sagte B. „Aber die Zahlen änderten sich ständig, denn es hängt davon ab, wo man die Messlatte dafür ansetzt, was ein Hamas-Aktivist ist. Es gab Zeiten, in denen ein Hamas-Aktivist weiter gefasst definiert wurde, und dann begann die Maschine, uns alle möglichen Mitarbeiter des Zivilschutzes und Polizeibeamte zu liefern, für die es eine Schande wäre, Bomben zu verschwenden. Sie helfen der Hamas-Regierung, aber sie gefährden Soldaten nicht wirklich.“
Eine Quelle, die mit dem militärischen Data-Science-Team zusammengearbeitet hatte, das Lavender trainierte, sagte, dass auch Daten von Mitarbeitern des von der Hamas geführten Ministeriums für Innere Sicherheit, die er nicht als Militante betrachtet, in das System eingespeist wurden. „Es störte mich, dass beim Training von Lavender der Begriff ‚Hamas-Aktivist‘ sehr weit gefasst wurde und Personen, die im Zivilschutz tätig waren, in den Trainingsdatensatz aufgenommen wurden“, sagte er.
Die Quelle fügte hinzu, dass, selbst wenn man der Meinung sei, diese Menschen verdienten es, getötet zu werden, das Training des Systems auf der Grundlage ihrer Kommunikationsprofile die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass Lavender fälschlicherweise Zivilisten auswählte, wenn seine Algorithmen auf die allgemeine Bevölkerung angewendet wurden. „Da es sich um ein automatisches System handelt, das nicht manuell von Menschen bedient wird, ist die Bedeutung dieser Entscheidung dramatisch: Sie bedeutet, dass man viele Menschen mit einem zivilen Kommunikationsprofil als potenzielle Ziele einbezieht.“
„Wir haben nur überprüft, ob das Ziel ein Mann war“
Das israelische Militär weist diese Behauptungen kategorisch zurück. In einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call bestritt der Sprecher der IDF, künstliche Intelligenz zur Identifizierung von Zielen einzusetzen, und sagte, es handele sich lediglich um „Hilfsmittel, die Offizieren bei der Identifizierung assistieren“.
In der Erklärung hieß es weiter: „In jedem Fall ist eine unabhängige Überprüfung durch einen [Geheimdienst-]Analysten erforderlich, der verifiziert, dass die identifizierten Ziele legitime Angriffsziele sind, in Übereinstimmung mit den in den IDF-Richtlinien und im Völkerrecht festgelegten Bedingungen.“
Quellen zufolge bestand das einzige Protokoll zur menschlichen Überwachung vor der Bombardierung der von Lavender markierten Häuser mutmaßlicher „jüngerer“ Militanten jedoch darin, eine einzige Überprüfung durchzuführen: sicherzustellen, dass das von der KI ausgewählte Ziel männlich und nicht weiblich ist. Die Annahme in der Armee war, dass die Maschine wahrscheinlich einen Fehler gemacht hatte, wenn das Ziel eine Frau war, da es in den Reihen der militärischen Flügel von Hamas und PIJ keine Frauen gibt.
„Ein Mensch musste das Ziel nur für einige wenige Sekunden überprüfen“, sagte B. und erklärte, dass dies zum Protokoll wurde, nachdem man erkannt hatte, dass das Lavender-System in den meisten Fällen „richtig lag“.
„Zuerst haben wir Kontrollen durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Maschine nicht durcheinanderkam. Aber irgendwann verließen wir uns auf das automatische System und überprüften nur noch, dass das Ziel ein Mann war – das reichte aus. Es dauert nicht lange, um zu erkennen, ob jemand eine männliche oder eine weibliche Stimme hat.“
Um die Mann/Frau-Überprüfung durchzuführen, gab B. an, dass er im aktuellen Krieg „in dieser Phase 20 Sekunden für jedes Ziel aufwendet und jeden Tag Dutzende davon bearbeitet. „Ich hatte als Mensch keinerlei Mehrwert, abgesehen davon, dass ich als ein Zustimmungsstempel fungierte. Das sparte viel Zeit. Wenn der Verdächtige im automatisierten Mechanismus auftauchte und ich überprüfte, dass er ein Mann war, gab es die Erlaubnis, ihn zu bombardieren, vorbehaltlich einer Prüfung der Kollateralschäden.“
In der Praxis bedeutete dies den Quellen zufolge, dass es für zivile Männer, die fälschlicherweise von Lavender markiert wurden, keinen Überwachungsmechanismus gab, um den Fehler aufzudecken. Laut B. trat ein häufiger Fehler auf, „wenn das [Hamas-]Ziel sein Telefon seinem Sohn, seinem älteren Bruder oder einfach einem beliebigen Mann gab. Diese Person wurde dann in ihrem Haus zusammen mit ihrer Familie bombardiert. Das passierte oft. Das waren die meisten Fehler, die durch Lavender verursacht wurden“, sagte B.
Der Beitrag erschien im Original bei +972 Magazine. Aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.
Über den Autor: Yuval Abraham ist Journalist und Filmemacher und lebt in Jerusalem.
[«*] The Human-Machine Team: How to Create Synergy Between Human and Artificial Intelligence That Will Revolutionize Our World“. Online lesbar hier.
[«**] Das +972 Magazine ist ein unabhängiges Onlinemagazin, das von palästinensischen und israelischen Journalisten betrieben wird. Local Call ist eine hebräischsprachige Nachrichtenseite, die sich für Bürgerjournalismus (Citizen Journalism) und unabhängige Medien einsetzt. Beide Projekte arbeiten eng zusammen und bieten Plattformen für Basisaktivismus, politische Analysen und investigativen Journalismus aus der Region.
Von Tyler Durden
Der Kreml verbrachte einen Großteil der vergangenen Woche damit, ausländische Diplomaten und unbeteiligte Personen zur Evakuierung der ukrainischen Hauptstadt aufzufordern, und warnte vor einer unmittelbar bevorstehenden Eskalation der Luftangriffe als Reaktion auf die Drohnenschwärme, die die Ukraine im vergangenen Monat gegen Moskau und andere russische Ziele geschickt hatte – insbesondere den Angriff auf das Studentenwohnheim in Starobelsk.
„Als Reaktion auf die Terroranschläge des Kiewer Regimes haben die russischen Streitkräfte einen groß angelegten Angriff mit hochpräzisen Langstreckenwaffen aus der Luft, zu Lande und zu Wasser gestartet – darunter hyperschallfähige aero-ballistische Raketen und Angriffsdrohnen“, erklärte das russische Verteidigungsministerium (MoD) in einer Stellungnahme. „Die Ziele des Angriffs wurden erreicht. Alle vorgesehenen Ziele wurden getroffen“, fügte es hinzu.
Nach diesen verheerenden nächtlichen Angriffen meldet die Ukraine, dass mindestens 18 Menschen getötet und über 100 weitere verletzt wurden. Der stundenlange Angriff war eindeutig einer der größten und tödlichsten seit über einem Jahr.
Die ukrainische Luftwaffe gab an, dass über 640 Drohnen entsandt und 73 Raketen auf verschiedene Städte abgefeuert wurden, darunter Kiew und Dnipro sowie mehrere Städte im Osten, darunter Charkiw und Saporischschja. Die Ukraine behauptet, den Großteil davon abgefangen zu haben, doch Dutzende Geschosse drangen dennoch durch und schlugen ein.
Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte später, dass in der ukrainischen Hauptstadt sechs Menschen getötet und mindestens 66 weitere, darunter zwei Kinder, verletzt wurden.
Es herrschte Chaos, als die Menschen während des nächtlichen „massiven feindlichen Angriffs“ in Schutzräume flohen. Der Bürgermeister hatte während des Angriffs gewarnt: „Explosionen in der Stadt. Die Luftabwehr ist im Einsatz! Bleibt in den Schutzräumen!“
Auch in der Region Dnipropetrowsk in der Zentralukraine gab es hohe Opferzahlen: Mindestens 12 Menschen wurden getötet und 36 weitere verletzt. Der Regionalgouverneur berichtete, dass sich unter den Verletzten auch Kinder befanden.
Moskau hat sich nicht dazu bekannt, bei dem neuen nächtlichen Angriff zivile Opfer verursacht zu haben, sondern hat dies stattdessen als Teil seiner angekündigten „systematischen und konsequenten Schläge“ gegen die militärische Infrastruktur der Ukraine dargestellt.
Präsident Putin und hochrangige Militärs hatten im vergangenen Monat angekündigt, dass Angriffe auf „Entscheidungszentren“ gestartet würden – als Reaktion auf den Angriff auf ein Studentenwohnheim in der russischen Volksrepublik Lugansk am 22. Mai, bei dem 21 Menschen – überwiegend Mädchen im Teenageralter – getötet und 70 weitere verletzt wurden.
Kreml-Vertreter erklären nun, die russischen Streitkräfte hätten „das Recht, jede Infrastruktur zu zerstören, die den Terrorismus unterstützt“.
Russian drones and missiles struck the Ukrainian capital Kyiv and other cities, killing at least 18 people and wounding more than 100, authorities said, following days of warnings about Moscow's plans for a major assault https://t.co/RZjbJYupmp pic.twitter.com/UY6FOwNne7
— Reuters (@Reuters) June 2, 2026
Übersetzung von „X“: Russische Drohnen und Raketen trafen die ukrainische Hauptstadt Kiew und andere Städte; dabei kamen nach Angaben der Behörden mindestens 18 Menschen ums Leben und mehr als 100 wurden verletzt. Zuvor hatte es tagelang Warnungen vor Moskaus Plänen für einen Großangriff gegeben. https://reut.rs/4uaeKO0
Trotz dieser deutlichen Eskalation sind Friedensgespräche noch nicht in Sicht, auch weil die Aufmerksamkeit des Weißen Hauses derzeit ganz auf den Iran-Konflikt und die Krise in der Straße von Hormus gerichtet ist. Russland hat unterdessen von der Iran-Krise profitiert, dank der Aufhebung der Sanktionen gegen seine Ölexporte durch Washington und der gestiegenen Rohölpreise.
Präsident Trump beschäftigt sich täglich mit dem mittlerweile weitgehend festgefahrenen diplomatischen Hin und Her mit Teheran, und so scheint der anhaltende Krieg in der Ukraine in Bezug auf die Prioritäten der Regierung weit in den Hintergrund gerückt zu sein.
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Ein britischer Spitzenchirurg von der Universität Oxford hat in einem aufsehenerregenden Interview mit Tucker Carlson detailliert geschildert, was er in Gaza mit eigenen Augen gesehen hat: die systematische Zerstörung des Gesundheitssystems, gezielte Schüsse auf Kinder an Lebensmittelausgaben und ein institutionalisiertes Folterprogramm gegen palästinensische Ärzte. Der Westen schaut weg – und finanziert das Ganze. Professor Nick [...]
Der Beitrag Oxford-Chirurg bei Tucker Carlson über Folterprogramme und Raketenangriffe auf Krankenhäuser in Gaza erschien zuerst unter tkp.at.
Die USA können ohne Kriege und damit ohne Kriegsverbrechen nicht existieren. Rückzug aus Afghanistan, nach 20 Jahren Bombenkrieg und Zerstörung des Landes, dann Ukraine-Konflikt Anfachung, von dort nach Venezuela, und dann die Kriege gegen den Iran. Und immer gab es neue Waffen, zerstörerischer, unheimlicher, niederträchtiger. Immer unterstützt durch die "Wertegemeinschaft" westlicher "Demokratien". Brandbombenangriffe gegen zivile [...]
Der Beitrag USA, Kriegsverbrechen des Westens und die Folgen erschien zuerst unter tkp.at.
Der Fall von Hind Rajab ging um die Welt, da er repräsentativ zeigt, wie Kinder und Sanitäter in Gaza getötet werden. Sogar nachdem sie aus dem Leben gerissen wurde, erreicht ihre Stimme noch Menschen. Das fünfjährige Mädchen war bei der Familie ihres Onkels, als die Anordnung des IDF kam, Gaza-Stadt sofort zu verlassen. Einen sicheren Ort erreichten sie nie, denn auf der Flucht wurde das Auto ihrer Familie über 300-mal angeschossen und Hind blieb als einzige Überlebende des Massakers zurück. In ihren letzten Stunden versuchten Mitarbeiter des palästinensischen Roten Halbmond, das kleine, verängstigte Mädchen telefonisch zu beruhigen, während sie Hilfe schickten. Die aufgezeichneten Hilferufe Hinds legen heute noch Zeugnis ab, was ihr angetan wurde. Ihr Cousin Mohammed Salam Hamada ist Arzt in Frankfurt am Main und hatte der Familie den Kontakt zum Rettungsdienst hergestellt. Er sprach mit dem Journalisten Hassan Al Khalaf über den Versuch, seine Familie zu retten, darüber, wie die Menschen vor Ort versuchen zu überleben, und über die Rolle von Medizinpersonal in Gaza.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Hassan Al Khalaf: Wie haben Sie den Vorfall erlebt und wie haben Sie versucht, Ihrer Familie zu helfen?
Mohammed Salam Hamada: Es war ein sehr schlimmes Erlebnis. Man fühlte sich absolut hilflos. Das Netz im Gazastreifen war größtenteils abgestürzt. Ich habe von anderen Verwandten die Info bekommen, dass sie den Kontakt zur Familie verloren haben und dass sie Hind, ihren Onkel Bashar, seine Frau und deren Kinder nicht erreichen können. Dann habe ich versucht, mit vielen Hilfsorganisationen zu telefonieren und Kontakt aufzunehmen, bis es mit dem Roten Halbmond in Ramallah geklappt hat. Es war alles nicht so einfach. Ich hatte viele schlaflose Nächte, vor allem die ersten Nächte waren wirklich katastrophal. Es war sehr schmerzhaft.
Wie haben Sie sich ab dem Moment, als Sie den Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond für Ihre Familie hergestellt haben, gefühlt?
Vielleicht ein bisschen Erleichterung, dass endlich Hilfe geleistet werden kann, aber Sicherheit hatte ich immer noch nicht, weil die Gefahr noch besteht. Ich komme selber aus Gaza und habe dort viele Jahre gelebt. Ich weiß, was der Rote Halbmond und das Rote Kreuz leisten können. Wenn jemand helfen kann, dann sind es diese Organisationen. Deshalb war ich froh, dass ich sie erreichen konnte. Es gab mehr Hoffnung als davor.
Durch Filme und Musik kennt man mittlerweile den Namen Hind Rajab, aber was sollten Menschen noch über Ihre Familie wissen?
Meine Familie waren ganz normale Menschen, die versucht haben, zu überleben. Der größte Teil der Familie lebt noch dort und eigentlich wollen sie dort leben. Es ist nicht so, dass das Ganze in der Vergangenheit ist. Es geht noch weiter. Die Menschen werden immer noch bedroht. Alle Häuser von meiner Familie und vielen anderen Familien wurden zerstört. Sie leben nicht mehr in diesen Häusern. Es wurde alles besetzt. Gaza ist bis zur Hälfte schon weg. Viele Menschen lebten zuvor auf sehr kleiner Fläche und diese Fläche wurde halbiert. Was die Leute über diese Familien wissen müssen, ist, dass die Menschen dort bedroht sind, aber trotzdem versuchen, jeden Tag zu überleben. Schon vor dem Krieg war es schwer, in Gaza zu überleben.
Es gibt eine Sache, die die Menschen dort relativ oft machen: Die Familienmitglieder werden untereinander zu anderen Kernfamilien geschickt. Falls eine Familie bombardiert wird, dann lebt ein Teil der Familie wenigstens weiter. So war das Schicksal von Hind, als sie bei ihrem Onkel war. Sie haben das Haus verlassen und sind zur Tankstelle, die unsere Familie betreibt, gegangen, weil sie dachten, dass sie dort sicher sind. Dann kam der Evakuierungsbefehl, und obwohl sie ihm gefolgt sind, wurden sie trotzdem getötet. Hinds Mutter Wesam wusste gar nicht, dass ihre Tochter plötzlich evakuiert werden muss. Die IDF kündigen so etwas nicht eine Woche vorher an, bevor sie intensiv bombardieren, sondern wenige Stunden, wenn überhaupt. Der Gazastreifen an sich ist eigentlich sehr klein mit nur 165 Quadratkilometern, also wohin kann man noch fliehen, wo man sicher ist?
Wie erging es Ihnen, als es keine Lebenszeichen mehr von Ihrer Familie gab?
Es waren schlaflose Nächte. Jedem Menschen würde es nicht so gut gehen, wenn man weiß, da sind fünf Kinder, die höchstwahrscheinlich erschossen noch für mehrere Tage im Auto liegen. Der Kontakt war verloren. Der ganzen Familie ging es nicht so gut und wir haben uns große Sorgen gemacht, dass sie entführt wurden, dass wir sie nie wiedersehen, dass sie es wahrscheinlich überlebt haben und woanders verschleppt wurden. Ob sie getötet wurden, wussten wir damals nicht. Wir haben versucht, mit vielen Organisationen Kontakt aufzunehmen. Es gab keine einzige Info, bis wir die Leichen gefunden haben.
Diesen Tag werde ich nie vergessen. Es war der absolute Horror für uns. Es wurde ein Rettungswagen zum Tatort geschickt. Dieser Rettungswagen wurde dann bombardiert und man konnte diesen Ort nicht besuchen. Er wurde vom israelischen Militär zum Sperrgebiet erklärt. Erst nach über neun Tagen konnte man endlich dahin, und man hat die Leichen im Auto gefunden. Es war ein sehr schlimmes Erlebnis. Natürlich war ich traurig, aber es war eine minimale Erleichterung, als wir die Leichen gefunden haben. Das kann man nicht verstehen, wenn man nicht selber aus einem Kriegsgebiet kommt. In vielen anderen Situationen haben die Leute aus Gaza ihre Familienangehörigen verloren und die Leichen nicht gefunden. Viele wissen nicht mal, wo sie sind, ob sie entführt oder getötet wurden. Wir waren absolut traurig, dass sie getötet wurden, aber als die Leichen gefunden wurden, wussten wir endlich, was mit ihnen passiert ist.
Hatten Sie persönlich Hoffnung, dass Hind und Ihre Familie sicher sein werden, wenn sie den Anordnungen des IDF zur Evakuierung folgen?
Die Familie hat alles gemacht, was ihnen gesagt wurde, aber gebracht hat es nichts. Als plötzlich die Anordnung zur Evakuierung kam, haben sie die Anordnung sofort befolgt, und am Ende wurden trotzdem alle getötet. Meine Mitmenschen und mehrere Hundert Leute werden getötet, vor allem Kinder. Kinder können nur Zivilisten sein, also wie soll ich da der IDF vertrauen? Natürlich vertraue ich diesen Menschen nicht. Von Sicherheit ist nicht die Rede in Gaza. Sogar die Hilfsorganisationen, die Botschafter, die Diplomaten, gar keiner fühlte sich sicher in Gaza. Weder meine Familie noch alle anderen Familien. Es gibt unendliche Berichterstattungen von Zivilisten und ziviler Infrastruktur, die bombardiert wurden.
Wie haben Sie vom Tod Ihrer Familie erfahren?
Wir haben uns als Familie jeden Tag erkundigt, ob es möglich ist, das Auto zu erreichen. Es ist eine große Straße, wo es passiert ist. Unsere Tankstelle liegt auch in der Nähe, deshalb kennen sie den Ort sehr gut. Als die IDF an diesem Ort waren, war es nicht möglich. Keiner konnte rein oder raus. Als sie abgezogen sind, konnte meine übrige Familie endlich das Auto erreichen. Sie haben das Auto und die Leichen direkt erkannt. Wir haben mit der Familie telefoniert, und so habe ich es direkt von den Familienmitgliedern erfahren. Es gibt keinen einzelnen Tag, an dem ich nicht an sie denke.
Wie geht es Hinds Mutter und den restlichen Überlebenden?
Für alle, die aus Gaza kommen oder in Gaza leben, ist es eine harte Zeit. Auch für die Angehörigen, die im Ausland leben, ist das alles noch nicht vorbei. Wir leben in einer absoluten Ausnahmesituation, und uns allen geht es nicht sehr gut. Die Bedrohung besteht noch. Gerade beim Fall von Hind würde sich jeder Mensch nicht gut fühlen, nachdem man so etwas erlebt und mitbekommen hat. Wenn man die Videos von Hind sieht oder die Aufnahmen vom Telefonat hört, erkennt man, dass sie ein sehr begabtes Kind ist. Es tut ihrer Mutter Wesam weh, das eigene Kind zu verlieren. Gleichzeitig kümmert sie sich um ihren Sohn, Hinds kleinen Bruder. Das ist keine leichte Sache, die man in Jahren verarbeiten kann. Jeder, der seine Kinder liebt, versteht das. Sie ist immer noch in dieser Phase, wo sie posttraumatisiert ist, denn es war ein sehr großes Trauma für sie. Sie ist dabei, das Ganze noch zu verarbeiten.
Auch Amir hat seine ganze Familie verloren. Er musste mit Anfang 20 seinen Vater, seine Mutter und seine vier Geschwister verlieren, die im selben Auto waren. Stell dir vor, wie es diesem Menschen geht. Er studiert seit zwei Jahren in der Türkei und war deshalb nicht dort.
Was ist es für ein Gefühl für Sie als Arzt, zu wissen, dass die IDF auch auf Sanitäter und Medizinpersonal schießt?
Mediziner und Sanitäter sind absolute Helden, gerade in Gaza. Sie werden tagtäglich bedroht, und diese Bedrohungen werden mehrmals realisiert, auch in diesem Fall von den beiden Sanitätern. Über den Roten Halbmond wurde die Kontaktaufnahme mit der IDF organisiert, damit die Sanitäter zum Auto können. Sogar die Route wurde vorher der IDF mitgeteilt. Es sollte eigentlich nur ein paar Minuten dauern, Hind zu retten. Wie ich auch hatten die IDF sogar die Nummern von den beiden Sanitätern. Es wurde alles organisiert, und trotzdem wurden sie angegriffen. Diese Menschen wissen, dass ihnen so was passieren könnte, und trotzdem haben sie ihr Leben riskiert. Es ist absolut heldenhaft, was sie gemacht haben – auch die anderen Kollegen dort. Ich kriege Nachrichten, was die Ärzte in ganz Gaza leisten. Wie viele Tage sie in Krankenhäusern verbracht und ihre Familien mitgenommen haben. Sie haben einfach im Krankenhaus gelebt, weil sie nicht raus konnten. Es ist kaum zu beschreiben, was sie geleistet haben. Es ist absolut großartig, aber gleichzeitig ist es auch katastrophal und kaum zu glauben, was die IDF mit ihnen gemacht haben.
Sind Sanitäter und Rettungswagen sicherer, wenn Sie dem IDF ihre Koordinaten mitteilen?
Dieses Beispiel zeigt das genaue Gegenteil. Sie befolgten die Anordnung. Bevor sie in ein Einsatzgebiet der IDF müssen, müssen sie es ihnen vorher mitteilen, was sie auch taten. Bei einem anderen bekannten Fall wurde in Rafah sogar gefilmt, wie sie beschossen wurden. Von der IDF wurde es natürlich bestritten, aber als die Videos veröffentlicht wurden, gab es keine Konsequenzen. Sie sind gezwungen, der IDF ihre Koordinaten mitzuteilen, aber es bringt nicht mehr Sicherheit, sondern gefährdet sie noch mehr.
Was haben Sie erlebt, als Sie in Gaza gelebt haben?
Ich habe 19 Jahre in Gaza gelebt und ich kannte die Straße, wo all das passiert ist, gut. Dort habe ich mehrere Kriege von 2006, 2007, 2008 und 2012 erlebt. Beim Krieg von 2014 war ich schon in Deutschland, aber meine Familie war noch dort, und so habe ich es weiterhin miterlebt. Man kann sich nicht total trennen, wenn die eigene Familie weiterhin dort ist. So habe ich weitere Kriege mitbekommen, wie auch den von 2021. Ich wollte Medizin studieren und hatte einen Verwandten in Deutschland, der mir empfohlen hat, es hier zu machen. Die Anreise hat zuerst nicht sofort geklappt, weil die Grenze zwei Monate durchgehend geschlossen war. Das war ein Rekord damals. Reibungslos läuft nichts in Gaza, aber Gott sei Dank hat es am Ende geklappt und dann bin ich rausgekommen.
Wen haben Sie noch in diesem Krieg verloren?
Es gibt natürlich den Vorfall mit Hind, aber auch viele andere Vorfälle, über die in den Nachrichten nicht berichtet wurde. Von Freunden, Verwandten und Bekannten kann ich nicht mehr zählen, wenn ich ehrlich bin. Extrem viele Menschen. Wenn ich zählen müsste, hätte ich Angst, jemanden zu vergessen. Da wäre die Familie, die mit Hind war, mein Bruder und sehr viele Freunde und Nachbarn. Im Haus meiner Tante hatten ihre drei Söhne und zwei Töchter mit all ihren Kindern Zuflucht gesucht, als sie bombardiert wurden. Keiner hat überlebt.
Was für eine Bedeutung hat Hind Rajabs Anruf nach ihrem Tod?
Es ist wichtig, um der Welt zu zeigen, was passiert. Es gibt über tausend Kinder, die getötet wurden und Ähnliches wie Hind Rajab erleben mussten. Kinder, die viele Tage verletzt unter bombardierten Häusern lagen. Deshalb ist es wichtig, dass dieses Telefonat die Welt daran erinnert, dass diese Kinder in Palästina getötet werden. Noch schlimmer ist, dass das alles geleugnet und keine Verantwortung getragen wird.
Glauben Sie, dass amerikanische oder israelische Ermittlungen Konsequenzen nach sich ziehen?
Was soll da ermittelt werden? Die tun so, als ob sie nicht wissen, wer so etwas getan hat. Als ob sie etwas unternehmen werden und als ob das ein einzelner Fehler war. Im Gegenteil sogar. Die wissen zweifellos, wer es war. Wenn du 335-mal auf jemanden schießt, dann ist das kein Fehler. Die Verantwortlichen werden eher geschützt.
Wie stehen Sie zur Hind Rajab Foundation?
Jede Organisation, welche die Täter verfolgen und zur Rechenschaft ziehen kann, finde ich sehr gut. Die Foundation leistet prinzipiell eine sehr gute und wichtige Arbeit. In Brasilien, Argentinien und anderen Ländern haben mögliche Täter Urlaub gemacht und sie sollten von der Polizei festgehalten werden, aber sie sind einfach verschwunden. Die waren nicht mehr in dem Land zu finden, deshalb erwarte ich nichts. Es sind Versuche der Hind Rajab Foundation und anderen Organisationen, um Druck aufzubauen, aber die Sache ist politisch sehr aufgeladen. Die Politik kann mehr leisten als Gerichtshöfe, aber sie machen nicht das, was sie machen sollten. Politisch, nicht ethisch gesehen, wie profitieren sie davon? Man sieht, was mit Südafrika gemacht wird, weil sie Palästina unterstützt haben. Von den USA bekamen sie finanzielle Konsequenzen, um andere Länder einzuschüchtern.
Können Sie sich erklären, wieso der Fall in Deutschland kaum Berichterstattung erhielt im Vergleich zum englischsprachigen Raum?
Ich kann es mir nicht erklären. Ob die deutschen Journalisten darüber berichten oder nicht, es ist jetzt ein weltweit bekannter Fall. Die Wahrheit wird ihren Weg finden, auch wenn sie darüber nicht berichten.
Was löst der Kindheitswunsch von Hind, selbst Ärztin zu werden, in Ihnen aus?
Es wäre schön gewesen, wenn Sie die Chance gehabt hätte. Dieser ganze Krieg fühlt sich sehr komisch an. Ich liebe meinen Job und tue ihn sehr gerne, aber es ist sehr seltsam, dass ich hier in Deutschland ärztliche Leistungen problemlos durchführen kann, aber gleichzeitig können die einfachsten Sachen in meiner Heimat nicht durchgeführt werden. Es gibt Aufnahmen von einem ärztlichen Kollegen aus Gaza, der das Bein seiner Tochter ohne jegliche Anästhesie, ohne jegliche Betäubung, amputiert hat. Jeder Mensch auf dieser Welt, wo wir leben, hat das Recht, dass so was schmerzfrei passiert. In erster Linie hätte ihr so was nie passieren dürfen. Sie wurde durch den Krieg verletzt, und deshalb hat sie ihr Bein verloren. Wenn sie schon verletzt wird, muss sie es wenigstens weniger schmerzhaft erleben. Zu dieser Zeit durften leider keine Betäubungsmittel in den Gazastreifen importiert werden, und das ist kein Einzelfall. Es gibt viele solcher Extremfälle. Ich bekomme oft von Familienangehörigen und Bekannten Fragen, weil ich Arzt bin, was man tun kann und wie man gewisse Krankheiten diagnostizieren kann. Im ganzen Gazastreifen gibt es keine MRT-Geräte mehr. Es ist absolut katastrophal, dass nicht mal ein so gängiges und notwendiges diagnostisches Mittel, dass in Deutschland jeden Tag mehrere Tausend Male benutzt wird, vorhanden ist.
Wie versuchen Sie als Arzt, den Menschen aus Gaza, die Sie kontaktieren, zu helfen?
Wenn man ehrlich ist, ist die einzige Lösung vernünftige Diagnostik und dementsprechend vernünftige Therapien. Aktuell gibt es das im Gazastreifen nicht. Ein guter Freund von mir hat Schilddrüsenkrebs bekommen, und alles, was er braucht, ist eine Überweisung an ein gutes Krankenhaus in Ägypten, wo er eine adäquate Therapie erhält, aber es ist aktuell nicht möglich. Insgesamt ist es sehr frustrierend. Der letzte Bekannte, der mich gefragt hat, beklagt eine Überfunktion seiner Schilddrüse. Man könnte es so simpel mit Medikamenten therapieren, aber diese Medikamente gibt es in Gaza nicht. Obwohl er noch um die 30 ist, hat er schon starke Symptome wie hoher Puls und hoher Blutdruck. Im schlimmsten Fall kann das zum Herzstillstand führen, wenn man es nicht therapiert. Das war nur ein Beispiel von extrem vielen Beispielen. Ein junger Mensch mit Problemen in den Gelenken hat mich auch um Rat gebeten. Man müsste nur eine relativ kleine Operation durchführen und dann könnte er ein relativ normales Leben führen, aber es fehlen die Mittel dafür. Wenn er nicht behandelt wird, muss er lebenslang hinken und es besteht das Risiko auf Arthrose im jungen Alter. Es fällt mir schwer, den Menschen zu sagen: „Du könntest daran sterben.“
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie schlechte Nachrichten überbringen müssen?
Ich versuche immer, mit den Mitteln, die sie vor Ort haben, zu arbeiten. Die Menschen aus Gaza sind nicht so einfach unterzukriegen. Sie sind in der Regel trotzdem noch hoffnungsvoll und motiviert. Im Gegenteil, sie geben mir die Hoffnung. Es sind einfach starke Menschen, von denen man vieles lernen kann. Gott sei Dank habe ich nie jemandem gesagt, dass ich ihnen nicht helfen kann, auch wenn es ein sehr komplexer Fall ist und es sehr wenig Hoffnung gibt. Wenn es wirklich schlimm ist, bleibe ich mindestens neutral. Dann erkläre ich, was der Fall ist, was es bedeuten kann und was für Eventualitäten es gibt. Wir bleiben immer optimistisch.
Über den Interviewpartner: Mohammed Salem Hamada ist Arzt in einer Frankfurter Klinik und befindet sich in der Weiterbildung zum Orthopäden. Der Palästinenser ist in Gaza geboren und verließ seine Heimat 2014, um Medizin zu studieren. Er stellte 2024 Verwandten, die unter Beschuss des IDF standen, den Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond her und versucht heute noch aus der Ferne, die Menschen in Gaza gesundheitlich zu beraten.
Titelbild: Diane Krauthamer / Flickr
Am 15. Mai haben wir an den 78. Jahrestag der Nakba gedacht. „Nakba“ bedeutet auf Deutsch Katastrophe und erinnert an die Vertreibung der über 750.000 Palästinenser – mehr als die Hälfte der gesamten damaligen palästinensischen Bevölkerung – aus ihren Häusern und von ihrem Land. Es ist unfassbar, dass wir heute, 78 Jahre später, Zeugen einer weiteren brutalen Vertreibung sind, einhergehend mit größtmöglicher Gewalt in Gaza, der Westbank und in Ostjerusalem. Von Annette Groth.
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Die Bevölkerung Gazas, rund zwei Millionen Menschen, ist unter schlimmsten prekären hygienischen Bedingungen auf engstem Raum in Lager eingepfercht, ohne ausreichend sauberes Wasser, fast ohne medizinische Versorgung, aber mit großen Müllbergen, die nicht abtransportiert werden. 40 Millionen Tonnen Müll in ganz Gaza sind ein idealer Nährboden für Epidemien und Krankheiten.
In mindestens 80 Prozent der Lager wimmelt es von Nagetieren. Ärztinnen und Ärzte, die in Gaza arbeiten, berichten, dass sie viele Patienten – darunter auch Kinder – haben, deren Zehen und Finger von Nagetieren angenagt und zerbissen wurden. Auch Krätze und Flöhe sind weit verbreitet. Es gibt keine ordentliche Abfallentsorgung, und Reinigungsmittel wie beispielsweise Seife dürfen nicht nach Gaza eingeführt werden. Zu den Waren, deren Einfuhr entweder verboten oder stark eingeschränkt sind, gehören medizinische Güter, Treibstoff, Nahrungsmittel wie Eier, Fleisch und Milchprodukte sowie bestimmte Obstsorten. Dagegen werden Süßigkeiten, Soft Drinks, Schokolade und Knabbereien nach Gaza reingelassen. Mit anderen Worten: Was gesund ist und den Menschen hilft, ist verboten, anderes erlaubt.
Eine Hautkrankheit in Gaza kann mittlerweile lebensgefährlich sein; den wenigen noch halbwegs funktionierenden Krankenhäusern fehlen die Mittel zur Diagnose wie auch die Medikamente zur Behandlung.
Die Geschichte einer älteren Diabetikerin zeigt die konkrete Auswirkung dieser unmenschlichen Situation: „Anfang April wachte Enshrah Hajjaj, eine 61-jährige Frau mit Diabetes, in ihrem Zelt in Gaza-Stadt auf und stellte fest, dass ihre Zehen bluteten. Sie konnte sich nicht erklären, woher die Blutung kam, also versorgte sie die Wunde in ihrem Zelt zusammen mit ihrer Familie und ging ihren täglichen Aufgaben nach. Eine Woche später wachte sie erneut auf und stellte fest, dass ihre Zehen immer noch bluteten – doch diesmal fehlte die Hälfte davon. Sie begann zu schreien, und ihre Familie brachte sie eilig ins Krankenhaus, wo die Ärzte ihr sagten, dass Ratten sich durch ihre Zehen gefressen hatten, während sie schlief. Als Diabetikerin hatte sie viel Gefühl in den Füßen verloren – eine häufige Komplikation der Krankheit – und nichts gespürt.“ [1]
Bislang wurden in diesem Jahr im Gazastreifen mehr als 70.000 Infektionen registriert, Gesundheitsbehörden warnen, dass ein Ausbruch der Pest durchaus im Bereich des Möglichen liegt. [2]
Am 10. Mai informierte Dr. Ezzideen Shehab auf X (Twitter) über einen starken Anstieg der Fälle von Gastroenteritis:
„In einem dieser Fälle war eine ganze siebenköpfige Familie betroffen. Alle waren krank. Alle auf einmal. An einem Ort, an dem fast alles zusammengebrochen ist und an dem die Verantwortungsträger mehr mit dem Überleben als mit Verantwortung beschäftigt sind, gibt es kein funktionierendes System mehr, um Ausbrüche zu verfolgen oder ihre Ursachen zu untersuchen. (…) Fast alle hatten eines von zwei Dingen verzehrt: tiefgefrorenen Fisch, der auf lokalen Märkten weit verbreitet ist, oder tiefgefrorenes Fleisch, das von internationalen Hilfsorganisationen verteilt wird. Diese Produkte bleiben oft lange Zeit an Grenzübergängen liegen und warten auf die Einfuhrgenehmigung. (…) Lebensmittel verderben still und unbemerkt, und dann gelangen sie auf die Tische der Menschen. Das Ergebnis ist vorhersehbar: Lebensmittel, die sicher erscheinen, es aber nicht sind. Lebensmittel, die Menschen ernähren und sie dann krank machen. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis eines Systems, das nicht mehr funktioniert. Es gibt keine angemessene Aufsicht, keine wirksame Regulierung und keine Institutionen, die in der Lage sind, die Menschen vor dem zu schützen, was sie essen, trinken oder erdulden. (…) Wenn das so weitergeht, wird die Gefahr nicht mehr nur der Hunger sein. Es wird etwas Heimtückischeres sein: eine Realität, in der die Menschen gezwungen sind, nicht zwischen Essen und Nichtessen zu wählen, sondern zwischen Essen und Krankheit.“ [3]
Dass Hunger in Gaza weit verbreitet ist, schreiben auch die Autoren Lee Mordechai und Liat Kozma in ihrem Bericht „Bearing Witness – Starving Gaza“. Sie beklagen, dass „die Verhaltensnormen in Kriegszeiten, die im Zuge der Schrecken der Weltkriege geschaffen wurden, [erodieren] vor unseren Augen“ erodieren. „Der Gazastreifen wird zum neuen Standard. Die Realität im Gazastreifen untergräbt die Zukunft und die Sicherheit von uns allen.“ [4]
Mehr als 21.000 Patienten in Gaza warten auf eine medizinische Evakuierung und Behandlung im Ausland, darunter 4.500 Krebspatienten und 4.000 Kinder. Darunter befinden sich über 200 lebensbedrohliche Notfälle und mehr als 2.000 dringende Überweisungen. Derzeit dürfen täglich nur 30 bis 40 Patienten zur Behandlung im Ausland ausreisen. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums sind rund 1.500 Patienten gestorben, während sie auf die Ausreiseerlaubnis warteten.
Experten warnen auch vor einer Bedrohung durch multiresistente Bakterien. Die moderne Kriegsführung beschleunigt die Ausbreitung von medikamentenresistenten Infektionen.
Verschärft wird die katastrophale Situation durch den Mangel an sauberem Wasser. Der Bericht von Médecins sans Frontières (MSF, Ärzte ohne Grenzen) „Wasser als Waffe“ dokumentiert die „wiederholte Instrumentalisierung von Wasser durch die israelischen Behörden“ als „Teil eines wiederkehrenden, systematischen und sich verstärkenden Musters“. Die MSF-Notfallkoordinatorin Claire San Filippo beklagt, dass israelische Behörden „die Wasserinfrastruktur in Gaza bewusst und systematisch zerstört und gleichzeitig den Zugang zu Wasservorräten konsequent blockiert“ haben. „Palästinenser*innen wurden verletzt und getötet, nur weil sie versucht haben, an Wasser zu gelangen. Dieser Mangel, verbunden mit katastrophalen Lebensbedingungen, extremer Überbelegung und einem zusammengebrochenen Gesundheitssystem, schafft ideale Voraussetzungen für die Ausbreitung von Krankheiten.“ [5]
Die katastrophalen Umweltschäden und Vergiftung des Bodens, verursacht durch den Abriss Tausender Gebäude, werden fast nie thematisiert. Eyal Weizman kommentiert:
„Wenn Gebäude bombardiert oder abgerissen werden, gelangen aus ihren Trümmern – Kunststoffe, Kabel, Lösungsmittel, Dämmstoffe, Asbest – giftige Chemikalien in den Boden. Manche Bomben dringen vor ihrer Explosion in den Boden ein und setzen Schwermetalle oder Halbmetalle – wie Uran, Blei und Arsen – tief unter der Erde frei. Viele dieser Stoffe bauen sich nur langsam ab und beeinflussen die Bodenbeschaffenheit über Jahrzehnte hinweg. Eine bewohnte Landschaft wurde in einen Ort verwandelt, den ein ehemaliger israelischer General, Giora Eiland, als einen Ort beschrieb, „an dem kein Mensch existieren kann”. [6]
Sexuelle Folterungen und Vergewaltigungen
Internationale Aufmerksamkeit erhielt am 11. Mai ein Artikel in der New York Times von Nikolaus Kristof mit dem Titel: „Das Schweigen, auf das die Vergewaltigung der Palästinenser trifft“. Der Bericht basiert auf Zeugenaussagen, Informationen des Roten Kreuzes und auf einem Euro-Med-Bericht, in dem es heißt: „Israelische Streitkräfte setzen systematisch Vergewaltigung und sexuelle Folter ein, um palästinensische weibliche Gefangene zu demütigen.” [7]
Diese schockierenden Informationen sollen hier nicht näher beschrieben, sondern vielmehr soll auf einen dringenden internationalen Appell hingewiesen werden, Dr. Hussam Abu Safiya, den ehemaligen Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses, freizulassen.
Am 11.Mai veröffentlichte Amnesty International diesen Appell und „rief die Führer der Welt zu sofortigem Handeln auf und dazu, Druck auf Israel auszuüben, um Dr. Abu Safiya und alle anderen Palästinenser freizulassen, die ohne Anklage oder Verfahren festgehalten werden, sei es im Rahmen der Verwaltungshaft oder auf Grundlage des Gesetzes über „ungesetzliche Kombattanten“. [8] Dr. Hussam Abu Safiya war eine der prominentesten Stimmen, die über die desaströse Lage des Gesundheitssektors im Gazastreifen berichtete. Er wurde am 27. Dezember 2024 festgenommen und schwer gefoltert.
Laut Zeugenaussage wurde Abu Safia nach Verhören verprügelt und von Polizeihunden angegriffen. Ein Zeuge gab an, er habe den Arzt aufgrund seines drastischen Gewichtsverlusts und eines „benommenen“ Geisteszustands nicht mehr wiedererkannt. Abu Safia leidet unter ständigem Erbrechen, und trotz seines lebensbedrohlichen Zustands wird ihm eine lebensnotwendige medizinische Versorgung verweigert. Die Berichte über schwere Folter wurden von UN-Experten und Amnesty International bestätigt, die betonen, dass sich das Leben des Kinderarztes in unmittelbarer Gefahr befindet.
Ein Bericht des britischen Journalisten und Aktivisten Andy Worthington soll ebenfalls die internationale Gemeinschaft aufrütteln. Er weist auf die katastrophale Situation von 75 palästinensischen Ärzten und medizinischen Fachkräften aus dem Gazastreifen hin, die in israelischen Gefängnissen festgehalten werden. Die meisten von ihnen sind seit 500 bis 900 Tagen ohne Anklage oder Gerichtsverfahren unter Bedingungen inhaftiert, die Worthington als „zutiefst unmenschlich, mit Folter, Hunger und medizinischer Vernachlässigung verbunden“ beschreibt. [9]
Seit dem 7. Oktober 2023 wurden allein 20.000 Menschen im Westjordanland festgenommen, bis zum Mai 2026 waren noch mehr als 9.000 Palästinenser inhaftiert. Viele wurden niemals angeklagt, sondern aus sogenannten „Sicherheitsgründen“ verhaftet, den meisten wurden seit 2023 Besuche des Roten Kreuzes und der Anwälte verweigert.
Gezielte Tötungen von Journalisten
Anlässlich des vierten Todestages der renommierten US-Amerikanisch-palästinensischen Journalistin Shireen Abu Akleh verfasste ihre Kollegin Shatha Hanaysha einen erschütternden Artikel in dem elektronischen Portal Mondoweiss. Sie betonte, dass seit Shireens Ermordung mehr als 275 Journalisten in Gaza und im Libanon getötet wurden, und fragt sich, ob man so viele Journalisten ermordet hätte – die meisten gezielt (!) – ,wenn „die Welt Israel für dieses erste Verbrechen zur Rechenschaft gezogen“ hätte.
„Dieser Mangel an Rechenschaftspflicht ermöglicht Israels aktuelles Vorgehen, das mittlerweile so dreist geworden ist, dass es stolz und offen verkündet, wenn es Journalisten, Ärzte und Sanitäter tötet. So geschehen im Fall von Anas Al-Sharif , Hasan Eslayeh und Ismail al-Ghoul im Gazastreifen sowie im Fall von Ali Shuaib, Fatima Ftouni und ihrem Bruder Muhammad im Südlibanon. In all diesen Fällen, wie auch in vielen anderen, veröffentlichte die israelische Armee offizielle Erklärungen, in denen sie die gezielten Angriffe bestätigte, nachdem sie zuvor – teils offen in den sozialen Medien – mit deren Tod gedroht hatte. Die gesamte Welt, ihre Institutionen, ihre Menschenrechtsorganisationen und internationalen Foren tragen die Verantwortung für das Blutvergießen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon. Dazu gehört auch das Blut von Journalisten, die derzeit in israelischen Gefängnissen sitzen: mehr als 44 befinden sich in Verwaltungshaft, leben isoliert, leiden unter Hunger, Krankheit und Durst, ohne dass ein Entlassungstermin absehbar ist. Ihr einziges Verbrechen: Sie sind Journalisten.“ [10]
Was gäbe es für einen internationalen Aufschrei, wenn der Iran oder Russland Hunderte von Journalisten und medizinisches Personal gezielt getötet hätte und in Gefängnissen Folter und Vergewaltigungen an der Tagesordnung wären?
Hier soll an den Bericht über „Folter und Völkermord“ erinnert werden, den Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die Lage der Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten, dem UN-Menschenrechtsrat am 23. März 2026 vorlegte. Dieser Bericht analysiert, wie der systematische Einsatz von Folter durch Israel als „strukturelles Merkmal des andauernden israelischen Völkermords und der umfassenderen Siedlerkolonial-Apartheid“ fungiert. [11]
In den deutschen Mainstream-Medien wurde dieser schockierende Bericht kaum zur Kenntnis genommen. Es scheint, dass man sich an Folter und schwere Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen gewöhnt, wenn sie dann von sogenannten „Freunden“ begangen werden. So bezeichnete Außenminister Wadephul anlässlich des Besuchs seines Amtskollegen Gideon Sa’ar neulich die israelische Regierung. Ich halte das für skandalös, weil Wadephul vor den Verbrechen der israelischen Regierung, ihrer Streitkräfte und der Siedler die Augen verschließt. Zudem hält er die von vielen Regierungen geforderte Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens für „unangebracht“ und hat mit seinem Veto die Bestrebungen anderer EU-Mitgliedsstaaten, dieses Abkommen auszusetzen, verhindert.
Angesichts der unmittelbaren Todesgefahr unzähliger palästinensischer Häftlinge und insbesondere des Kinderarztes Dr. Hussam Abu Safiya ist die Bundesregierung wie die Außenbeauftragte der EU aufgerufen, auf ein Ende der Folterungen und Vergewaltigungen in israelischen Gefängnissen zu drängen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Die sofortige Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens wäre ein sehr kleiner Schritt wie auch ein sofortiger Stopp der Waffenlieferungen.
Auch die Einreiseerlaubnis für schwer verletzte Kinder mit ihren Eltern oder anderen Angehörigen zur medizinischen Behandlung wäre ein Zeichen der Humanität. Viele Länder haben bereits Kinder zur Behandlung geholt, nur die Bundesregierung weigert sich wegen angeblich diffuser Sicherheitsbedenken, was völlig aus der Luft gegriffen und abwegig ist.
Wenn die Bundesregierung die Menschenrechte nur ein wenig beachten würde, müsste sie schon längst gehandelt haben.
Titelbild: Screenshot Amnesty International Österreich, (0:01) / Der palästinensische Kinderarzt Dr. Hussam Abu Safiya
[«1] Tareq S. Hajjaj, „Die durch Israels Zerstörung des Gazastreifens verursachte Schädlingsplage führt nun zu einer Katastrophe für die öffentliche Gesundheit“, Mondoweiss, 8. Mai 2026, mondoweiss.net/2026/05/rodent-infestation-caused-by-israels-destruction-of-gaza-is-now-creating-a-public-health-catastrophe/ und palestinemission.at/single-post/die-durch-israels-zerst%C3%B6rung-des-gazastreifens-verursachte-sch%C3%A4dlingsplage-f%C3%BChrt-nun-zu-einer-katast
[«2] Ebenda
[«3] Zitiert aus der Aussendung (19. Mai 2026, A29/2026) des Büros der Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien und ständige Beobachtermission des Staates Palästina bei der UN und den internationalen Organisationen; das Büro in Wien sendet auf Anfrage regelmäßig Informationen aus Palästina und übersetzte Artikel an Interessierte palestinemission.at
[«4] „Bearing Witness – Starving Gaza“, Mai 2026
[«5] Israels Zerstörung und Vorenthaltung von Wasser und sanitären Einrichtungen in Gaza: „Israel setzt Wasser als Mittel zur kollektiven Bestrafung der Palästinenser im Gazastreifen ein“, Ärzte ohne Grenzen (MSF), 28. April 2026, prezly.msf.org.uk/israel-uses-water-as-a-weapon-of-collective-punishment-against-palestinians-in-gaza, palestinemission.at/single-post/israel-setzt-wasser-als-mittel-zur-kollektiven-bestrafung-der-pal%C3%A4stinenser-innen-im-gazastreifen-ei
[«6] Eyal Weizman, „Alles, was sie finden werden, ist Sand“, The London Review of Books, Vol. 48 No. 7, 23. April 2026, Palestinemission.at, 22. April 2026
[«7] Nikolaus Kristof: „Das Schweigen, das auf die Vergewaltigung der Palästinenser trifft“, www.palaestina-news.ch, Palästina News Nr. 64, Mai 2026, euromedmonitor.org/uploads/reports/En-Another-Genocide.pdf
[«8] x.com/amnesty/status/2053865985992520182, saba.ye/de/news3703344.htm
[«9] andyworthington.co.uk/2026/05/06/who-are-the-75-doctors-and-medical-staff-from-gaza-still-held-in-israels-gruesome-prisons-for-palestinians/
[«10] Shatha Hanaysha: „From Shireen Abu Akleh to Amal Khalil, the killer is the same“ mondoweiss.net/2026/05/from-shireen-abu-akleh-to-amal-khalil-the-killer-is-the-same/
[«11] Torture and Genocide: A Summary of the UN Special Rapporteur’s Report on Israel’s Systematic Use of Torture against Palestinians since 7 October 2023, March 23, 2026, law4palestine.org/torture-and-genocide-a-summary-of-the-un-special-rapporteurs-report-on-israels-systematic-use-of-torture-against-palestinians-since-7-october-2023/
