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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (17)


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In dieser 17. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ schildert ein Zeitzeuge seine Beteiligung am „Volkssturm“ als 15-Jähriger und wie eine mutige Entscheidung seines Vorgesetzten ihm das Leben rettete; ein 12-Jähriger macht nach dem Krieg eine Entdeckung über die Russen, eine Familie leidet unter dem Verlust der Heimat, und eine Leserin erinnert sich an ihre Kinderfreundin Lotti.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil sowie den sechzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß

Ich bin 1954 geboren, mein Vater Jahrgang 1929 ist vermutlich einer der letzten lebenden Kriegsteilnehmer. Wir sind beide entsetzt über die zunehmende Militarisierung, den offenen Rassismus gegenüber Russen und die Verharmlosung von Krieg.

Als ich von dem Projekt der NDS mit den Kriegskommentaren erzählte, diktierte er mir folgende Erinnerung von der Teilnahme am Volkssturm:

„März 1945

Ungefähr 20 16-jährige Jugendliche (ich war zu dem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt) sollten unsere Heimatstadt Bernburg vor den anrückenden Amerikanern verteidigen. Wir wurden in die westlich gelegene Stadt Staßfurt transportiert. Dort schliefen wir in einer Schule in Betten ohne Matratzen. Der Feldwebel, der uns begleitete, teilte uns mit, dass er ständig telefonisch mit Städten weiter westlich in Kontakt stand, und sollten dort amerikanische Panzer auftauchen, würden wir informiert. Am nächsten Morgen wachten wir auf und hörten Panzergeräusche. Das müssen unsere sein, waren wir sicher, war aber ein Irrtum. Es war eine Rotte amerikanischer Panzer, die ungehindert in die Stadt fuhren.

Wir erhielten folgende Instruktionen: „Nie auf den Führersitz zielen, nur auf die Breitseite, der Kopf ist meist aus Gusseisen hergestellt, darum mit der Panzerfaust in den mittleren Teil schießen. Das Geschoß explodiert dann und verbraucht sämtlichen Sauerstoff im Inneren des Panzers, sodass Überlebende ersticken. Der Panzerkommandant wird versuchen, durch die Einstiegsluke zu entkommen. Er muss sofort erschossen werden.” So ist jeder Panzer ein Grab für Soldaten. Dass jeder Panzer von Infanterie begleitet wird, wurde nicht gesagt. Die Amis verschafften uns auch nicht den Vorteil und stellten sich quer. Sie fuhren ungehindert durch Staßfurt in Richtung der Kreisstadt Bernburg/Saale mit ihren 38.000 Einwohnern.

„Macht, dass ihr nach Bernburg kommt” sagte der Feldwebel „eine Gruppe südlich, eine nördlich.” Wir machten uns auf den Weg zurück. In Bernburg empfing uns die SS, ausgerüstet mit Maschinenpistolen, die uns unbekannt waren. Wir eilten zu unserem Lager und warteten auf den nächsten Einsatz.

In meinem 2. Einsatz befinde ich mich in einem Schützengraben. Er ist nicht sehr tief, damit ich auch wieder herauskomme. Vor mir ist ein Lager mit Ausländern (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter). Alle sollten sich in ihre Baracken zurückziehen. Die Franzosen vor mir missachteten den Befehl und versammelten sich vor der Eingangstür zu ihrer Baracke. Man befahl mir, dafür zu sorgen, dass sie in ihre Baracke gehen. Ich krabbelte aus meinem Loch heraus und entsicherte ein langes holländisches Gewehr vor ihren Augen. Da sie befürchteten, ich würde in die Menge schießen, flüchteten sie in das Innere der Baracke. Als ich die Entsicherung des Gewehrs beendet hatte, waren alle Franzosen vom Eingang weg.

Über uns flog ein US-Aufklärer. Auf ihn schoss ich und er drehte ab. In 2 km Entfernung erschienen zwei amerikanische Panzer. Sie drohten mit ihren Kanonen, schossen aber nicht. Für unsere Panzerfaust war die Entfernung viel zu groß, als dass wir sie hätten bekämpfen können. Sie drehten nach einer Weile ab. Die Nacht brach an. Gegen 3 Uhr wurden wir zusammengerufen. Wir wurden von unserem Feldwebel aufgefordert, nach Hause zu gehen. Unter uns kampfbereiten Jugendlichen regte sich Widerstand. „Dies ist ein Befehl!”, sagte unser Anführer Wenzlau. Wir sollten unsere Waffen unbrauchbar machen in unserem Lager in Bernburg. Dann gingen wir nach Hause.

Am gleichen Tag wurde Bernburg von den Amerikanern besetzt. Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß, nie zu kapitulieren, rettete aber 20 Jugendliche vor dem vermutlichen Heldentod.

Grit Reichert nach Diktat von Fritz Reichert


„Das sind ja Menschen!“

Meine Tante Agnes berichtete uns einmal von ihrem großartigen Erlebnis im Jahr 1948:

Auf dem Gendarmenmarkt vor der Ruine des Schauspielhauses gab das berühmte Alexandrow-Ensemble ein Konzert. Das seitdem bekannteste Lied war „Du, mein stielles Tal, grjuß Dich tausendmal”. Neben meiner Tante stand ein etwa zwölfjähriger Junge. Sichtlich beeindruckt vom Konzert der Russen, sagte er: „Das sind ja Menschen!“

Ich halte das Beschriebene für sehr bemerkens- und bedenkenswert – auch für die heutige Zeit mit ihrem geschürten Russenhaß.

k.d.


Mein Vater hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.

„Nie wieder Krieg!” – Damit bin ich aufgewachsen.

Ich wurde 1948 in Thüringen geboren. Mein Vater kam schwer verwundet aus dem Krieg zurück, seine beiden Brüder waren gefallen und ihm wurde als Kriegsfolge ein Bein am Oberschenkel amputiert. Danach haben meine Eltern geheiratet.

1950 kamen wir als Flüchtlinge in den Westen. Ich erinnere mich noch an das zerbombte Wuppertal und die Erklärung meiner Mutter: Das war der Krieg!

Der Krieg war für mich so präsent, als hätte ich ihn selbst erlebt. Es wurde viel darüber gesprochen, „Nie wieder Krieg!” Unsere Familien waren in alle Winde zerstreut. Die verlorene Heimat wurde bis weit in die 70er-Jahre beklagt, der Schmerz verging nur langsam. Mein Vater, der mehr als 100 Jahre alt geworden ist, hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.

Ich bin heimatlos, denn wo ich aufgewachsen bin, das war nicht meine Heimat, meine Heimat ist Thüringen. Und obwohl ich mein ganzes Leben im Westen verbracht habe, bin auch ich diese Sehnsucht nicht losgeworden.

Meine Mutter hat schlimme Dinge, Kälte und Hunger erlebt. Mein Vater hat Schreckliches erlebt, über das nicht gesprochen wurde, und wir Kinder haben es erst als Erwachsene teilweise erfahren. Wie haben unsere Eltern das alles verarbeitet? Warum waren sie manchmal so komisch?

„Nie wieder Krieg!” Ich kann es nicht fassen, dass wieder die Trommeln gerührt werden.

Brigitta H.


„Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.“

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

hier ist meine Geschichte:

In Ammendorf (Kreis Halle) produzierte die Gesellschaft „Orgacid“ den Kampfstoff S-Lost „Senfgas.“ Wir wohnten dieser „Fabrik” gegenüber. Es wurde natürlich geheim gehalten, was dort ‘fabriziert’ wurde. Ich lief jeden Tag auf dem Schulweg an der riesigen Mauer entlang. Ständig gab es Fliegeralarm.

Meine Eltern schickten mich 1943 nach meinem zweiten Schuljahr (zur Sicherheit) zu einer Tante nach Liebemühl in Ostpreußen, wohin man auch Berliner Schulkinder evakuierte.

Meine Memoiren „A memoir of war and migration – You Don’t Need to be Afraid Here” – habe ich privat drucken lassen. Hier ist ein Ausschnitt aus meinen Erinnerungen:

„Die Schulferien fingen am 15. Juli 1944 an. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrerin und den Berliner Kindern und stürmte die Treppe hoch zu unserer Wohnung. Aus heiterem Himmel sagte Tante Mie, wir würden nach Hause reisen. Ich war überglücklich. Wie sie es geschafft hatte, eine Reisegenehmigung und Fahrscheine zu bekommen, denn Reisen für die Zivilbevölkerung waren beschränkt, wußte ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, daß unserer Welt Zusammenbruch drohte: daß östlich und nordöstlich von uns die Russen durch die Baltischen Staaten vorrückten: Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war am 13. Juli – 450 Kilometer entfernt – überrannt worden. Die deutsche Wehrmacht verlor eine Schlacht nach der anderen. Kurz darauf waren die Russen in der Nähe von Warschau, 225 Kilometer südlich von uns. Wir packten meinen Koffer und ich zog ein sauberes Dirndl an. Tante Mie flocht mir weiße Schleifen in die Zöpfe.

Von dieser Reise bleibt mir nur eine Erinnerung. Wir wurden in ein überfülltes Abteil geschoben. Die beiden Bänke waren von jungen, erschöpften Soldaten besetzt: einige trugen Verbände. Die meisten schliefen. Sie waren so erschöpft, dass keiner Tante Mie seinen Platz anbot. Ein halbes Dutzend Menschen stand zwischen den Beinen der Soldaten. Der Gestank ungewaschener Körper war überwältigend. Tante Mie und ich standen stundenlang zusammengedrängt. ‘Hör auf zu nörgeln’, sagte sie zu meinem Gejammer. Schließlich bot mir einer der Soldaten an, mich auf seinen Schoß zu setzen. Ich setzte mich steif auf seine knochigen Kniee und klammerte mich an Tante Mie. Ich weigerte mich, mit ihm zu sprechen. Endlich stand ein Soldat auf und bot Tante Mie seinen Platz an. Ich rutschte schnell auf ihren Schoß und schlief ein.

Ich erinnere mich nicht an den Rest der Reise, aber wir erreichten an einem sonnigen Spätnachmittag den Bauernhof in Dobra, wo meine Eltern bei der Ernte halfen. Es war großer Betrieb auf dem Hof. Ein hoch mit Roggengarben beladener Wagen, von zwei Kühen gezogen, fuhr gerade durch das Tor. Dann hörte ich Muttis ‘Helga!’ Ich klammerte mich an sie und schluchzte vor Freude. Niemand hatte eine Ahnung gehabt, daß wir plötzlich auftauchen würden. Meine Eltern machten sich bestimmt Sorgen über die Nachrichten aus Ostpreußen. Die Geschichten, die Tante Mie ihnen erzählte, hätte ich überhaupt nicht verstanden. Ich entfloh der Gesellschaft von Erwachsenen und streifte mit meinem Cousin Erich durch die Felder. Wir waren frei. Der Krieg hatte sich noch nicht in das Leben dieser verschlafenen Ecke der Niederlausitz gedrängt. Der Krieg war noch weit entfernt im Osten. Tante Mie blieb nur ein paar Tage und fuhr dann nach Ostpreußen zurück. Am 20. Juli kam die Nachricht von einem Attentatsanschlag auf Hitler.

Eines Morgens Ende März 1945 schickte mich Mutti nach Halle, um Fräulein Mimi zu besuchen. Auf dem Fußweg entlang der Mauer der Chemiefabrik wehten vertrocknete Grasbündel aus dreckigen Schneehaufen hervor. Dann sah ich zwei alte Frauen langsam Schritt für Schritt auf mich zukommen. Jede trug ein Köfferchen und eine Wolldecke. Ich fing an zu laufen und rief ‘Tante Mie!’ Ich umarmte sie freudig und begrüßte Frau Augustin. (…)

Ich hörte nur Bruchstücke von dem, was die zwei Frauen von ihrer Flucht erzählten. Zwei Monate waren sie unterwegs. Sie hatten Liebemühl am 20. Januar in einem überfüllten Flüchtlingszug verlassen. Es ging eine Strecke westwärts, bis ein Zugunglück ihnen das Gleis versperrte. Bei eisigen Temperaturen kämpften sie sich durch tiefen Schnee, an Toten und Verletzten vorbei. Sie schlossen sich einem endlosen Treck an. Hochbeladene Pferdewagen und Menschen mit überladenen Handkarren verstopften die vereisten Straßen. Die fliehende Bevölkerung wurde von Tieffliegern angegriffen.

Dann hörte ich Tante Mie sagen: ‘… Im Schnee am Straßenrand brachte eine Mutter ein Kind zur Welt … es war totgeboren … die Mutter hat es in einer Schneewehe begraben.’

Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.”

Helga Woodruff (Copyright © 2021)


Niemand außer uns hat überlebt.

Mein Brief an den Bundeskanzler
kurz nach Kriegsausbruch:

„Guten Tag, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz, mein Name ist Christa Ackermann, ich bin 93 Jahre alt und habe den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt.

Ich bin in Wuppertal-Elberfeld geboren und wir haben damals am Albert Leo Schlageter-Platz im dritten Stock eines Vierfamilienhauses gewohnt, direkt neben dem schönen Rathaus von Wuppertal.

Die nächtlichen Fliegerangriffe auf die westdeutschen Städte sind mir noch gut in Erinnerung und die Warntöne einer Sirene erschrecken mich heute noch. Fast jede Nacht flüchteten wir, meine Mutter, meine kleine Schwester huckepack – und ich mit der gesamten Hausgemeinschaft in den bombensicheren? Luftschutzkeller, der eine Ausstiegsluke hatte, um nach einem eventuellen Luftangriff ins Freie klettern zu können.

Nach dem entsetzlichen Fliegerangriff auf Wuppertal-Barmen, der die Stadt in einer Nacht dem Erdboden gleich bombte, packte meine Mutter die notwendigsten Sachen und flüchtete mit meiner kleinen Schwester und mir zu meinen Großeltern ins Sauerland. So haben wir überlebt, denn einige Tage später erfolgte der Angriff auf Wuppertal (wir haben in dieser Nacht alles verloren und standen vor einem Nichts).

Auf die Schwesterstädte Barmen und Wuppertal wurden Phosphorbomben und Luftminen abgeworfen. Durch die Phosphorbomben wurden flüchtende Menschen in den Asphalt eingebrannt. Die Luftminen verursachen äußerlich Unversehrtheit; aber die Lungen der Menschen platzen, und so erging es meiner kleinen Freundin Lotti, ihrem kleinen zweijährigen Bruder Richard und der Mutter, Frau Arend, unserer Nachbarin.

Niemand außer uns hat überlebt.

Nach dem Angriff wurden die Toten auf dem Wuppertaler Marktplatz aufgereiht. Der Vater von Lotti und Richard (zur damaligen Zeit Soldat an der Ostfront) fand seine Frau, beide Kinder noch fest an der Hand, aufgereiht unter den Toten auf dem Marktplatz von Wuppertal.

Auf dem Foto im Anhang bin ich, ganz rechts im Bild – die Einzige, die überlebt hat.

WIR MACHEN UNS SCHULDIG!
Nie wieder Krieg von deutschem Boden.

gezeichnet
Christa Ackermann“


Hier können Sie den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: Everett Collection / shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (16)


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In dieser 16. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erfahren wir von schrecklichen Erlebnissen bei der Flucht aus Schlesien und von den Erinnerungen eines kleinen Jungen an fliegende Funken bei einem Brandbombenangriff. Eine Leserin erinnert sich an die Phosphorbomben auf Düsseldorf und daran, wie ihre Familie sich in Armut und Krieg durchschlug. Im letzten Beitrag geht es um Trauer in der Familie und die Verantwortung für heutige Kinder und Enkel.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil sowie den fünfzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Meine Haare brennen

Sehr geehrtes NDS-Team,

mein verstorbener Vater (Jahrgang 1932) erzählte von einer Begebenheit, die er als Vertriebener aus Schlesien im Flüchtlingstreck erlebt hat. Die Flüchtlinge mussten einen Fluss über eine Brücke überqueren. Die Brücke wurde von polnischen Soldaten kontrolliert. Alle Flüchtlinge mussten ihre Wertsachen den Soldaten übergeben. Eine junge Frau mit einem Säugling auf dem Arm wurde kontrolliert und gab an, keine Wertsachen zu haben.

Daraufhin durchsuchte ein Soldat die Frau und fand ihren Ehering, der im Rock eingenäht war. Der Soldat riss ihr daraufhin den Säugling aus den Armen und warf ihn in den Fluss.

Meine verstorbene Mutter (Jahrgang 1934) wohnte in einer Mansardenwohnung mit ihren Eltern und ihren 4 Schwestern in der Nähe des Krankenhauses. Nach einem Bombenangriff auf den Güterbahnhof fuhren LKWs mit verletzten Soldaten an ihrem Haus vorbei zum Krankenhaus. Sie konnten von oben sehen, wie die verletzten Soldaten auf den Pritschen der LKWs lagen, und ihre Schmerzschreie hat sie nie vergessen.

Ein Nachbar (Jahrgang 1940) erzählte uns, wie seine Mutter mit ihm auf dem Arm aus dem Haus flüchtete, da das Haus bei einem Bombenangriff von einer Brandbombe getroffen wurde. Die Angst, die dieses Kind und seine Mutter hatten, hat sich tief in die Erinnerung eingegraben, sodass er bis heute die Eindrücke des brennenden Hauses noch vor Augen hat, obwohl er in einem Alter war, in dem er noch nicht richtig sprechen konnte. Aber was er während der Flucht aus dem Haus rief, hat ihm seine Mutter noch erzählt. Durch die herabfliegenden Funken rief er immer wieder: „Meine Hage bennt”, sollte heißen: Meine Haare brennen.

Mein Schwiegervater (Jahrgang 1940) ist nur durch Zufall dem Tod entkommen. Er spielte draußen mit seinem Freund zusammen und wurde von seiner Mutter hereingerufen, damit er seinen Mittagsschlaf abhalten sollte. Sein Freund spielte alleine draußen weiter. Kurz darauf gab es Fliegeralarm, manchmal kam dieser jedoch zu spät. So lief mein Schwiegervater (damals ca. 5 Jahre alt) nach dem Bombenangriff nach draußen, um seinen Freund zu suchen. Man fand ihn zusammen mit einem erwachsenen Mann, der sich offensichtlich schützend über den Jungen geworfen hatte. Beide waren jedoch tot.

Die Oma meiner Schwiegermutter hat auch nach Kriegsende während eines Gewitters mit gepackten Koffern zusammen mit ihren beiden Töchtern auf der Bettkante gesessen und das Ende des Gewitters abgewartet. Dieses Verhalten hörte ich von anderen Bekannten.

In dieser Hinsicht möchte ich daran erinnern, dass die oben genannten Erfahrungen sicher auch von den Menschen im Gazastreifen, im Libanon, im Iran und überall dort, wo Krieg geführt wird, heute noch gemacht werden.

Wie schlimm derartige Dinge sind, kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man sie selbst erlebt hat oder über sehr viel Empathie verfügt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft die Empathie in sehr engen Grenzen hält. Im Hinblick auf unsere derzeitigen politischen Führungskräfte kann ich keinerlei Empathie oder auch nur Fürsorge – nicht einmal für die eigenen Bürger – erkennen.

Vielen Dank für Ihre Arbeit bei den NachDenkSeiten.

Es grüßt Sie

Ralf Glahn


Menschen versuchten, sich in den Rhein zu retten

Liebes NDS-Team,

ich bin Jahrgang 1957, also 12 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ins „Wirtschaftswunder“ geboren. Mein Bruder wurde am 10. Mai 1945 geboren und hat als noch Ungeborener die Schrecken der Bombennächte erlebt und die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Er kannte das verwüstete Düsseldorf.

Meine engste Familie (Großeltern, Eltern und deren Geschwister) haben alle den Krieg überlebt. Einige Großtanten haben Männer (auch bereits im Ersten Weltkrieg) und Söhne verloren, ein Onkel sein Bein.

Mein Großvater (*1890) war in Verdun, wo er durch einen Granatsplitter der eigenen Leute (heißt heute wohl „friendly fire“) eine Kopfverletzung erlitt, die ihm letztlich sein Leben gerettet hat, denn als Kriegsinvalide kam er nach Hause und wurde auch im folgenden Krieg nicht eingezogen.

Meine Mutter (1925) und meine Großeltern lebten in Düsseldorf. Meine Mutter war im BDM (Bund Deutscher Mädel). Sie war 14 Jahre zu Kriegsbeginn, und als 1940 die ersten Bomben auf Düsseldorf fielen, war das für die Menschen in und um Düsseldorf eine Attraktion, die Sensationstourismus hervorbrachte. Aber schon bald wurden die Bombenangriffe heftiger und Düsseldorf wurde fast täglich bombardiert, d.h. die Nächte mussten in Luftschutzkellern der Häuser verbracht werden.

Die Familie lebte in Benrath im Süden der Stadt, die Angriffe galten eher den Innenstadtbezirken und nördlichen Bezirken, auch insofern hatten sie „Glück“, sie wurden nicht ausgebombt und wohnungslos. 1945 bestand Düsseldorf aus Schutt und Asche, nur sehr wenige Wohn- und Geschäftshäuser und öffentliche Gebäude standen noch.

Mein Vater (*1919) stammte aus Urach in Süddeutschland, er war in der HJ (Hitlerjugend). Nach Ableistung seines Arbeitsdienstes wurde er eingezogen und war 20 Jahre, als der Krieg begonnen wurde. Er hatte „Glück”, er war anfangs in Norwegen, später in Deutschland und zuletzt in der Nähe von Düsseldorf bei der Flugabwehr stationiert.

Es wurden auch Phosphorbrandbomben auf Düsseldorf geworfen. Meine Eltern erzählten, dass Menschen versuchten, sich in den Rhein zu retten, aber der Phosphor ließ sich im Wasser nicht löschen, im Gegenteil.

Die Erzählungen von den Tieffliegern, die auf alles, was sich bewegte, schossen, haben sich mir besonders ins Gedächtnis gegraben.

Meine Großeltern waren keine Widerstandskämpfer, aber sie waren auch keine Nazis. Ich glaube auch nicht, dass sie den Nazis 1933 ihre Stimme gegeben haben, ich weiß es aber nicht. Was ich weiß: Mein Großvater war lange erwerbslos, das Geld reichte kaum zum Leben und meine Mutter bekam von der Vermieterfamilie Mittagessen, was dann in der Familie geteilt wurde. 1933 hat mein Großvater eine Stelle bei der DEMAG (Deutsche Maschinenfabrik AG) bekommen, meine Großmutter und ihre Schwester tanzten vor Freude.

Nach Ende des Krieges arbeitete mein Großvater für ein Mittagessen und Brot bei einem Bauern, das Brot war für Frau und Tochter.

Meine Eltern haben 1944 geheiratet. In Urach war die Not weniger groß und meine Familie in Düsseldorf erhielt von dort Unterstützung. Urach hat erst 1945 fünf Luftangriffe erlebt.

In meiner Familie wurde über das Naziregime, KZ, Judenverfolgung, Verfolgung von Kommunisten u.a., den bestialischen Krieg gesprochen, über Propaganda und Verführung der Kinder und Jugendlichen, auch darüber, dass 1943 die im Sportpalast in Berlin Versammelten auf die Frage von Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg?” voller Inbrunst und Begeisterung „Jaaaa!” brüllten.

Von meinen Eltern und Großeltern habe ich gelernt, was Propaganda und Manipulation anrichten und was Krieg bedeutet: Tod, Elend und Verzweiflung für die einfachen Menschen. Nie wieder sollte dergleichen von diesem Land ausgehen.

Ich fühle mich manchmal verzweifelt, wenn ich dieses Land heute betrachte, und ich schäme mich für Politik und Medien in diesem Land. Und ich bin froh, dass es Sie alle gibt, Sie sind mir eine Familie geworden.

Friedvolle und herzliche Grüße

Renate Lau-Gaiser


Sie hatte ein Foto vom Grab ihres Sohnes in ihrem Schlafzimmer

Hallo liebes NDS-Team,

Gott sei Dank, sind wir bisher noch vom Krieg verschont geblieben. Aber leider gibt’s in unserem Land viele, die entweder nichts wissen und/oder Krieg für ein Computerspiel halten. Inzwischen ist leider aus meinem direkten Umfeld niemand mehr am Leben, der den 2. WK bewusst erlebt hat.

Ich selbst wurde 1962 geboren und bin in Meißen aufgewachsen.

Im Nachhinein ärgere ich mich sehr darüber, dass ich nicht nachdrücklicher nachgefragt habe und damals auch nichts aufgeschrieben habe. Denn leider haben sowohl meine Großeltern als auch meine Eltern nicht gern über diese Zeit gesprochen.

Eine wichtige Berührung mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges hatte ich durch meine erste Klavierlehrerin. Sie hatte die Zerstörung Dresdens miterleben müssen, dabei außer ihrem Zuhause auch ihre Mutter verloren und war dann bei ihrem Bruder untergekommen, der Arzt in Meißen war.

Meine Heimatstadt wurde glücklicherweise von der Zerstörung durch Bomben verschont.

Während meiner Grundschulzeit (Unterstufe) hatte ich einen sehr guten Lehrer, der sehr viel Wert auf die Erziehung zur Friedensliebe gelegt hat. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal in Dresden die Ruine der Frauenkirche gesehen habe, jedenfalls ist auch durch diesen Anblick in mir die grundlegende Überzeugung, Nie wieder Krieg, gewachsen.

Und auch heute, bei aller Anerkennung der Leistungen zur wieder aufgebauten Frauenkirche, die ich auch mit meiner Mutti besucht habe, bin ich der Überzeugung, dass die Ruine als Mahnung hätte stehen bleiben sollen.

Gerade jetzt, wo Deutschland, zumindest die herrschenden Eliten, die Schrecken und Leiden des 2. WK vollkommen ausblenden und die gefährliche Militarisierung und Aufrüstung betreiben.

Ich muss in letzter Zeit sehr oft an meinen Vati denken, er war noch als junger Mann eingezogen worden, war an der Westfront und dann in Gefangenschaft in den berüchtigten Rheinwiesen-Lagern. Mit zwei seiner ehemaligen Kameraden war er lebenslang befreundet.

Übrigens, sowohl meine Mutti und mein Vati haben ihre einzigen Brüder im Krieg verloren. Meine Oma hatte ein Foto vom Grab ihres Sohnes in ihrem Schlafzimmer –

Von Muttis Bruder Heinz weiß ich nur, dass er Funker an der Ostfront war und 1944 mit 19 Jahren gefallen ist.

Vom Bruder meines Vaters ist mir noch weniger bekannt. –

Mein Vati, Jahrgang 1926, ist Ende 2007 gestorben. Im Nachgang ärgere ich mich sehr über mich selbst, dass ich ihn nicht mehr ausgefragt habe.

Auf jeden Fall, mein Vati und auch sein bester Freund, der mit ihm in Krieg und Gefangenschaft war, haben ihr ganzes Leben „Nie wieder Krieg” aus tiefster Seele vertreten. Auch hatten sie keinen Hass auf die Russen.

Wobei sie sogar dafür Gründe gehabt hätten, denn sie haben miterlebt, wie die Anlagen ihrer Betriebe demontiert wurden und gen Osten abtransportiert wurden. Mein Vater hat dann seine Chance genutzt und studiert und danach als Konstrukteur gearbeitet.

Bei meiner Mutter sah es anders aus. Da ihr Bruder nicht wiedergekommen war, hat sie es als ihre Pflicht angesehen, zu Hause zu bleiben und ihren Eltern in der Landwirtschaft zu helfen. Erst als mein Opa bereit war, der LPG beizutreten, hat sie den elterlichen Hof verlassen.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, war gerade bei den Eltern meiner Mutti eine ständige Traurigkeit und Sprachlosigkeit erkennbar. Sie hatten ihren Sohn verloren, und beim Radiohören wurde der Name des Dirigenten des Leipziger Orchesters genannt – es war der Name ihres gefallenen Sohnes.

Inzwischen habe ich außer meinem erwachsenen Sohn auch zwei niedliche kleine Enkelsöhne und ich bin sehr besorgt um deren Zukunft.

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der 2. WK mit seinen fürchterlichen Auswirkungen und Folgen sich nicht wiederholen wird und alles zur Friedenserhaltung getan wird. Aber jetzt habe ich die Befürchtung, dass unser Land, auch durch den wiedererwachten Größenwahn, als Führungsmacht das Weltgeschehen beeinflussen will.

Was muss noch geschehen, damit die Leute endlich aufwachen?

Viele Grüße,

Christina Merbitz


Hier können Sie den siebzehnten Teil und hier den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: daengnambung / shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXV – „Ein Feind, ein guter Feind! – Russland und seine fünften Kolonnen“


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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um den alten und neuen Feind im Osten und seine berüchtigten ‚fünften Kolonnen‘ hierzulande. Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

außenpolitische Abwehrmaßnahme
Nennt die EU eine im Worst Case Todesstrafe auf Raten, die aber eben – und das ist der Trick! – gar keine Strafe ist. Sprich: Sanktionen nicht etwa gegen russische Politiker oder Oligarchen, sondern gegen Privatpersonen wie den Schweizer Ex-Diplomaten Jacques Baud oder den deutschen Journalisten Hüseyin Doğru. Deren (noch nicht mal nachgewiesene) Verbrechen, die ebenfalls keine sind: „prorussische Desinformation“, „Unterstützung destabilisierender Aktivitäten Russlands“, „Sprachrohr prorussischer Propaganda“, „Verbreitung von Verschwörungstheorien bzw. Desinformation zum Ukrainekrieg“ – kurz: Verbreitung von Informationen, die vom westlichen Mainstream abweichen! Die Höchststrafe – die eben keine ist: Kaltstellen der betreffenden Personen, am nationalen Rechtsstaat höchst elegant vorbei. Und zwar zeitlich unbefristet. (vgl. „destabilisierender Faktor“)

bedingungslose Kapitulation (Russlands)
„Doch gibt es auch für Russland einen Weg zurück in eine zivilisierte und friedliche Welt: Der Weg dahin ist der militärische Sieg der Ukraine. [Bei dem wir gerne noch etwas nachhelfen.] Dies käme einer bedingungslosen Kapitulation Russlands gleich.“ – Leider ist dieser hoffnungsfrohe, um den 8./9. Mai 2026 von Roderich Kiesewetter in die deutsche Öffentlichkeit lancierte Vorschlag mit einer gewissen ‚ästhetischen Unwucht‘ behaftet: 2025 – exakt 80 Jahre ‚danach‘ – wäre erheblich wirkungsvoller gewesen! (vgl. „Stunde Null“)

Breitbandpazifismus
(Angeblich auch noch unterkomplex.) Klingt nach Breitbandantibiotikum. Entdeckt hat diese Perle die kluge – ebenfalls sprachkritische – Christiane Voges in dem (pünktlich zum Ostermarsch 2025 platzierten) Essay „Die Tauben flattern nach rechts“ eines Johannes Schneider in der ZEIT. – Nach dem schon etwas ranzig gewordenen „Lumpenpazifismus“-Klassiker von Sascha Lobo im Spiegel und noch vor den „Altpazifisten“ auf der berühmten GRÜNEN Bundesdelegiertenkonferenz sah sich das einstige ‚Flaggschiff der Entspannungspolitik‘ wohl gezwungen, seinerseits mit einem frischen Neologismus nachzulegen. (vgl. „oldschool“)

Desinformationssanktionsregime der Europäischen Union
Ein Sanktionsregime der EU zur Durchsetzung von Desinformationen. – Oder?

destabilisierender Faktor
Ist jemand, der in der Strategie der transatlantischen Sicherheitseliten als schädlich für den gesellschaftlichen Zusammenhang gilt. Die argumentieren dann laut Konfliktforscherin Nel Bonilla so: „Im Moment befinden wir uns in einer Art Krieg, einer Art Frieden, in einer Grauzone. Wir können uns keinen destabilisierenden Faktor leisten. Also müssen wir die Person, Organisation, Institution aus der Gesellschaft ausschließen.“ – Kurz: Gemeint sind alle, die die offizielle Sicht der Dinge nicht teilen – und das auch noch laut zu sagen wagen. Beispiel gefällig? Dann googeln Sie mal nach Jacques Baud oder Hüseyin Dogru! (vgl. „außenpolitische Abwehrmaßnahme“, Informationsterroristen“, „Verbreiter von Verschwörungstheorien“)

Diktatur- und Terrorfiliale
„Warum machen wir so weiter wie bisher und ertragen sogar ein ‚Russisches Haus‘ im Herzen Berlins, statt diese Diktatur- und Terrorfiliale zu enteignen und zu schließen?“ Ereiferte sich Roderich Donner-, ääh: Kiesewetter am 11. Mai im FOCUS. – Tja, warum eigentlich nicht? Und alle orthodoxen Kirchen in Deutschland gleich mit! (Russensupermärkte ebenfalls.)

Drecksregime
Das „in Blut und Asche untergehen“ soll. (vgl. „Wahnsinniger im Kreml“)

feige
Sind laut Sebastian Krumbiegel („Die Prinzen“) natürlich – die Pazifisten! (Weshalb er mutig darauf verzichtete, den renommierten Löwenherz Friedenspreis 2023 zusammen mit der unermüdlich für Deeskalation eintretenden Gabriele Krone-Schmalz anzunehmen.)

immer dreister
„Russland spioniert Deutschland mit Drohnen aus, vor allem Militärbasen und geheime Waffentransporte in die Ukraine. Das ist erschreckend und nicht ganz neu, aber das passiert immer häufiger, und die Spione gehen dabei immer dreister vor.“ So, sich auf die New York Times und die WirtschaftsWoche berufend, „ZDF heute“ am 30. August 2025. – „Immer dreister“: Ein Klassiker des Jargons Schwarzer Pädagogik, den sich die Erziehungsberechtigten im Öffentlichen Rundfunk einfach nicht abgewöhnen können! (Oder wollen?) (vgl. „keine Faxen reißen“, „noch dreister, rücksichtsloser und brutaler“, „Unfug machen“)

Kräfte der zivilisatorischen Auslöschung
Es gibt nichts, was man nicht noch steigern könnte! Schauen Sie selbst: Zuerst „Achse des Bösen“, dann „CRINK“, dann „Achse der Verachtenswerten“ – und nun Marco Rubios „Kräfte zivilisatorischer Auslöschung, die heute Amerika und Europa gleichermaßen bedrohen“! – Die Konsequenz: „Rubio verlangt in diesem Kampf von Europa absolute Loyalität. Seine Botschaft ist unmissverständlich: Es gibt keine Neutralität mehr. In diesem klassisch bipolaren Weltbild gibt es nur Gläubige und Ungläubige, Vasallen und Feinde.“ Auf Deutsch: „Entscheidet euch, Leute! Und zwar schnellstmöglich.“ (Für uns natürlich.)

mal die Moskauer U-Bahn stillstellen
Wenigstens für einen Tag – mit Cyberangriffen. Forderte fröhlich am 24. September 2025 der EVP-Vorsitzende im Europaparlament, Manfred Weber, bei „Markus Lanz“. Denn: „Der Gegner macht das jeden Tag.“

mental schwächstes Land
Ist natürlich – Deutschland. (Stellt doch Kanzler Merz der Ukraine den Taurus immer noch nicht zur Verfügung!) Klagte der mental unüberschaubare Roderich Kiesewetter am 24. April ausgerechnet im „Machtmenschen Podcast“.

Mittel, Motiv und Möglichkeit
Alliterierte die britische Regierung punktgenau zur Münchner Sicherheitskonferenz 2026: „Nur Russland hatte die Mittel, das Motiv und die Möglichkeit“. (Die Bundesregierung, mit Sinn für Ästhetik, lieferte noch eine weitere Variation des Alliterationshattricks: „Nur der russische Staat verfügte über die erforderliche Kombination aus Mitteln, Motiv und Missachtung des Völkerrechts, um diese Tat zu begehen.“) Gemeint war der just in diesem Moment aufgetauchte Beweis (?), dass „Putins Schergen“ den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny am 16. Februar 2024 – ebenfalls punktgenau zur Münchner Sicherheitskonferenz – mit dem hochwirksamen südamerikanischen Froschgift Epibatidin ermordet haben sollen. Und Außenminister Wadephul apportierte brav: „Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen.“ – Was eine weitere Diskussion der Beweisführung überflüssig, nein: verdächtig macht! (vgl. den beliebten Sloterdijk‘schen Hattrick „offen, öffentlich und offensiv“, der die westliche Reaktion hier sehr gut auf den Punkt gebracht hätte.)

noch dreister, rücksichtsloser und brutaler
Ist, laut NATO-Generalsekretär Mark Rutte, natürlich – Russland! Logische Konsequenz: „Wir müssen uns auf ein Ausmaß von Kriegen vorbereiten, wie sie unsere Großeltern und Urgroßeltern ertragen mussten.“ („We must be prepared for the scale of war our grandparents and great-grandparents endured.“) – Any questions?

oldschool
„Ziemlich oldschool“, untertitelte der Deutschlandfunk Kultur abschätzig am 14. März ein Foto von „Gegen die Wehrpflicht“ streikenden Schülern, die doch tatsächlich (noch oder wieder?) ein Plakat mit der Aufschrift „Frieden schaffen ohne Waffen“ in der Hand hielten. – Lieber Deutschlandfunk Kultur (!), was ist denn eigentlich „newschool“? „Krieg schaffen mit Waffen“? (vgl. „aus der Zeit gefallen“, „Breitbandpazifisten“)

pazifistisches Wolkenkuckucksheim
Man werde sie künftig aus ihrem pazifistischen Wolkenkuckucksheim holen. Versprach kurz nach der ersten Forderung von Boris Pistorius, Deutschland solle nun „kriegstüchtig“ werden, Dirk Kurbjuweit, Chefredakteur des Spiegel, seinen Lesern. (Woran nicht nur er, sondern die gesamte Redaktion sich gehalten hat.)

Stunde Null
„Europa muss daher konsequent auf eine ‚Stunde Null‘ Russlands hinarbeiten. Diese muss mit einer Verfolgung und Ahndung der Kriegsverbrechen einhergehen, und sie sollte der Anfang eines Prozesses sein, in dem der russischen Bevölkerung die Tragweite der russischen Verbrechen verdeutlicht wird.“ Forderten der immer rasanter zum ‚deutschen Dmitri Medwedew‘ mutierende Roderich Kiesewetter und eine Susann Worschech neulich im FOCUS. – Leider haben die um 80 Jahre verspäteten Rächer:innen im Eifer des Gefechts vergessen, den passenden Ort vorzuschlagen: NÜRNBERG natürlich! (vgl. „bedingungslose Kapitulation – Russlands“)

Suff-Sprecherin
„Moskaus Suff-Sprecherin beleidigt Außenministerin Baerbock wegen Ukraine-Weizen.“ – Zur Erklärung: Der Berliner Kurier vom 15. Mai 2022 meinte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Deren originelles Verbrechen: Sie hatte doch tatsächlich Frau Baerbock „Dummheit“ vorgeworfen!

Terrorstaat
„Ein Terrorstaat, der von seinem imperialen Vernichtungswillen auch dann nicht ablässt, wenn er wirtschaftlich schwächelt“, ist natürlich laut ‚Roderich, der Taurus bricht!‘ – Russland. Wirksames Gegengift, wir Deutschen wurden auf diese Weise bereits für immer geheilt: Bedingungslose Kapitulation und Stunde Null! (Damals halfen die Russen uns, heute helfen wir ihnen.)

Unwille der jungen Generation
„Alles, was der russische Überfall auf die Ukraine hierzulande militärisch in Gang gesetzt hat, war bislang Stückwerk. Offenbart wurden die eklatanten Schwächen der Bundeswehr, gepaart mit einem verbreiteten Unwillen der jungen Generation, sich für den Wehrdienst bereitzufinden.“ Monierte am 23. April die Stimme des Volkes, ähh: Volksstimme, aus Magdeburg. – Subkutane Botschaft: Da müssen endlich mal andere Saiten aufgezogen werden! (vgl. „Generation Waschlappen“)

Wahnsinniger im Kreml
„Was ich mir wünsche: Dass Russlands Armee so dramatisch an Menschen und Material verliert, dass der Wahnsinnige im Kreml seinen Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine endlich beendet – und wenn möglich kurz darauf gestürzt wird.“ Womit Julian („Dünger“) Röpke am 31. Januar 2024 auf seinem X-Account dem beliebten „zweiten Hitler“ zu den zahllosen bereits vorhandenen (siehe „Putin II“) noch ein weiteres Attribut verlieh. Spontane Konsequenz des eloquenten Leitenden BILD-Redakteurs: „Also: Verwechselt nicht Objektivität mit Neutralität. Ich bin nicht neutral. Ich will das Drecksregime in Blut und Asche untergehen sehen. Besser heute als morgen.“ – Aber einen Mann mit solchem Tatendrang hält es nicht lange am Schreibtisch. Zwei Jahre später, am 20. April 2026, verkündete er auf derselben Plattform: „Was ansteht, ist der Wechsel zu einem deutsch-ukrainischen Drohnenbauer, der seit 2023 operiert und zu den größten Lieferanten für die Ukraine gehört.“ (Um in ungewöhnlich gedämpfter Tonlage noch hinterherzuraunen: „Das Unternehmen betreibt seine Öffentlichkeitsarbeit zum Schutz seiner Mitarbeiter in Deutschland und der Ukraine bewusst zurückhaltend, daher ist eine zeitnahe Nennung des Firmennamens nicht vorgesehen.“)

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Titelbild: © Tina Ovalle

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (10)


Vorschau ansehen

„Die Vergangenheit war immer da. In Blicken. In plötzlichem Schweigen. In Sätzen, die abrupt endeten. Man spürte, dass hinter all dem Erinnerungen lagen, über die nicht gesprochen werden konnte. Und vielleicht bestand gerade darin die eigentliche Last dieser Nachkriegsgeneration. Nicht nur im Erlebten selbst, sondern auch darin, ein Leben lang mit Dingen weiterleben zu müssen, für die es oft keine Worte mehr gab.“

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil sowie den neunten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Beitrag von unserem Leser Volker Neu zu unserem Aufruf.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Der Krieg war vorbei. Für meine Eltern nicht.

Der 8. Mai gilt als Tag des Kriegsendes. Als Kapitulation, Zusammenbruch oder Befreiung, je nachdem, aus welcher Perspektive man auf die Geschichte blickt. Doch für viele Menschen endete der Krieg nicht einfach an einem bestimmten Datum. Seine Folgen blieben über Jahre, oft über ganze Generationen hinweg spürbar.

Wenn heute wieder mit erschreckender Selbstverständlichkeit über Krieg, Aufrüstung und militärische Stärke gesprochen wird, denke ich oft an meine Eltern. Beide waren Kinder, als der Zweite Weltkrieg endete. Mein Vater dreizehn, meine Mutter elf Jahre alt. Und doch hatten beide zu diesem Zeitpunkt bereits Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte.

Für meine Eltern endete der Krieg nicht einfach mit dem 8. Mai 1945. Die Waffen schwiegen irgendwann. Doch die Folgen des Krieges blieben noch lange Teil ihres Lebens.

Mein Vater war dreizehn Jahre alt, als der Krieg endete. Sein Vater war noch in Kriegsgefangenschaft und sollte erst zwei Jahre später zurückkehren. Der ältere Bruder war irgendwo in Deutschland gestrandet und bekam keine Zuzugsgenehmigung nach Dortmund. Die Familie lebte in einer zerbombten Stadt, das Elternhaus war zerstört, die Wohnung ausgebombt. Dortmund bestand damals aus Ruinen, Staub, Rauch und Menschen, die versuchten, irgendwie weiterzumachen. Einer musste Geld verdienen. Also arbeitete der Dreizehnjährige.

Durch einen Onkel bekam er eine Stelle im Brückenbau. Als „Pinnewärmer“. Ein Begriff aus einer anderen Zeit, fast vergessen wie die Menschen dahinter. Damals wurden Stahlkonstruktionen noch mit glühenden Nieten verbunden. Der Pinnewärmer erhitzte die schweren Metallstifte in einer Esse, bis sie rot glühten. Dann wurden sie weitergereicht, eingesetzt und mit schweren Hämmern gestaucht. Beim Abkühlen zog sich das Metall zusammen und verband die Stahlträger dauerhaft miteinander.

Es war schwere, gefährliche Arbeit. Hitze, Funkenflug, Lärm. Und mitten darin ein Kind. Nicht, weil es besonders tapfer gewesen wäre, sondern weil das Nachkriegselend Kinder in Funktionen zwang, für die sie nie gedacht waren. Wie gefährlich diese Arbeit tatsächlich war, zeigte sich eines Tages brutal. Mein Vater erlitt einen schweren Unfall. Ein glühender Niet prallte ihm gegen den Kopf. Er kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Ärzte hatten ihn bereits aufgegeben. Tagelang rechnete kaum noch jemand damit, dass er überleben würde. Doch irgendwann setzte er sich plötzlich im Bett auf und sagte nur: „Ich habe Hunger.“

Noch härter traf das Schicksal meine Mutter. Ihre Familie stammte aus Ostpreußen. Eine große Familie, tief verwurzelt in ihrer Heimat. Als die Front Anfang 1945 näher kam, begann die Flucht. Ein Teil der Verwandtschaft floh über Land, andere über die Ostsee. Meine Großeltern flohen mit meiner Mutter und ihren Geschwistern nach Pillau, dem letzten großen Hafen Ostpreußens. Dort gingen sie an Bord der „Karlsruhe“, eines alten Frachtdampfers, der Flüchtlinge nach Westen bringen sollte.

Die „Karlsruhe“ verließ Pillau im April 1945 mit über tausend Menschen an Bord. Flüchtlinge, Verwundete, Kinder. Viel zu viele Menschen für ein Schiff dieser Größe. Sie fuhr im Rahmen der Evakuierungsoperation „Hannibal“, mit der Hunderttausende Menschen aus den deutschen Ostgebieten über die Ostsee gebracht werden sollten. Begleitet wurde der kleine Konvoi von Minensuchbooten. Doch die überladene „Karlsruhe“ war langsam und fiel zurück. Genau das machte sie angreifbar.

Am 13. April 1945 griffen sowjetische Bomber den Dampfer an. Torpedos trafen das Schiff. Die „Karlsruhe“ sank innerhalb weniger Minuten in der eisigen Ostsee. Von den über tausend Menschen an Bord überlebten nur etwa 150. Mein Großvater ertrank. Auch die jüngsten Geschwister meiner Mutter starben im Wasser.

Meine Mutter kam zusammen mit ihrer Mutter nach Kopenhagen. Dort wurde im Juni 1945 auch ihre jüngste Schwester geboren. Später ging es weiter nach Aalborg in Dänemark. Dort lebten sie in einem Internierungslager für deutsche Flüchtlinge. Die Menschen waren in Baracken und ehemaligen Militärunterkünften untergebracht, standen unter Aufsicht und durften das Lager nicht einfach verlassen. Viele wussten nicht, ob Angehörige noch lebten oder ob sie jemals nach Deutschland zurückkehren würden. Der Krieg war vorbei, aber das Leben blieb geprägt von Unsicherheit, Enge und dem Gefühl, nirgendwo mehr wirklich zu Hause zu sein.

Erst Jahrzehnte später wurde mir wirklich bewusst, was das eigentlich bedeutete. 2014 starb mein Vater. Ich ging damals mit meiner Mutter zum Versicherungsamt, um die Witwenrente zu beantragen. Dort fragte die Sachbearbeiterin beiläufig: „Wann kamen Sie denn wieder aus dem Ausland nach Deutschland zurück?“ Meine Mutter überlegte lange und sagte schließlich: Ende 1948 oder Anfang 1949. In diesem Moment begriff ich zum ersten Mal wirklich: Meine Mutter hatte entscheidende Jahre ihrer Kindheit und Jugend erst in Internierungslagern in Dänemark und später als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein verbracht.

Später kam es in Schleswig-Holstein zur Zusammenführung der Familie. Die beiden jüngeren Geschwister, die nach der Versenkung der „Karlsruhe“ von einem anderen Schiff gerettet worden waren, lebten inzwischen ebenfalls dort. Die Familie kam auf einen Bauernhof bei Rendsburg, wo alle mitarbeiten mussten. Irgendwie schien meine Mutter diese Zeit sogar in guter Erinnerung zu haben. Vielleicht, weil das Dorf klein war. Vielleicht, weil manche Menschen trotz allem menschlich blieben.

Denn Flüchtlinge hatten es damals keineswegs leicht, auch nicht in Deutschland. Das wird heute oft verdrängt oder romantisiert. Gerade in Schleswig-Holstein herrschten nach dem Krieg chaotische Zustände. Hunderttausende Vertriebene und Flüchtlinge mussten untergebracht werden, obwohl es selbst der einheimischen Bevölkerung an Wohnraum, Nahrung und Arbeit fehlte. Viele lebten jahrelang in Lagern, Baracken oder behelfsmäßigen Unterkünften. Familien wurden zwangsweise bei Fremden einquartiert, oft auf engstem Raum. Nicht selten begegnete man den Flüchtlingen mit Ablehnung, Misstrauen oder offener Feindseligkeit, weil sie als zusätzliche Belastung wahrgenommen wurden. Auch das gehört zur Wahrheit der Nachkriegszeit: Der Krieg war offiziell vorbei, aber für Millionen Menschen ging das Leben im Ausnahmezustand weiter.

1953 sollte die Familie endlich ihre erste eigene Wohnung bekommen. Ein Neubeginn nach Jahren von Flucht, Lagerleben und Verlust. Doch wieder spielte das Schicksal eine andere Melodie. Meine Großmutter starb mit nur 41 Jahren. Woran, weiß heute niemand mehr. Die Kinder kamen unter Vormundschaft. Die jüngste Schwester erst zu Verwandten, später in ein Heim. Dort endete die Nachkriegsgeschichte nicht mit Geborgenheit, sondern mit Gewalt und Schlägen.

Über diese Jahre sprach meine Mutter später fast nie. Wenn man sie fragte, sagte sie meist nur: „Das weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern. Das ist lange vorbei.“

Doch gerade dieses Abwehren sagte oft mehr als viele Erzählungen. Denn vieles verschwindet nicht einfach aus dem Gedächtnis. Menschen, die schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben, lernen oft, Erinnerungen innerlich wegzuschließen, um überhaupt weiterleben zu können. Gerade die Kriegsgeneration funktionierte häufig genau so: nicht reden, weitermachen, aushalten. Gefühle wurden verdrängt, Erinnerungen eingesperrt, weil der Alltag sonst kaum zu bewältigen gewesen wäre. Vielleicht war das Schweigen meiner Mutter deshalb nicht Ausdruck des Vergessens. Vielleicht war es ein lebenslanger Schutzmechanismus gegen Erinnerungen, die zu schmerzhaft waren, um sie noch einmal hervorzuholen.

Und wahrscheinlich liegt darin etwas, das viele Kinder dieser Generation erlebt haben: Die Vergangenheit war immer da. In Blicken. In plötzlichem Schweigen. In Sätzen, die abrupt endeten. Man spürte, dass hinter all dem Erinnerungen lagen, über die nicht gesprochen werden konnte. Und vielleicht bestand gerade darin die eigentliche Last dieser Nachkriegsgeneration. Nicht nur im Erlebten selbst, sondern auch darin, ein Leben lang mit Dingen weiterleben zu müssen, für die es oft keine Worte mehr gab.

2020 wurde das Wrack der „Karlsruhe“ vor der polnischen Küste entdeckt. Taucher fanden Kisten, Fahrzeuge und Frachtreste im Inneren des Schiffes. Weil die „Karlsruhe“ eines der letzten Schiffe war, die Königsberg verlassen hatten, entstanden sofort Spekulationen über das verschollene Bernsteinzimmer. Doch das Wrack ist vor allem eines: ein Seekriegsgrab.

Dort unten liegen keine Mythen. Dort unten liegen Menschen.

Vielleicht fehlt unserer Zeit auch etwas, das es früher einmal gab: eine starke gesellschaftliche Stimme gegen den Krieg. In den 1980er-Jahren gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Aus Angst vor Aufrüstung. Aus Angst vor einem neuen Krieg in Europa. Viele wussten noch aus eigener Erfahrung oder aus den Geschichten ihrer Eltern, was Krieg wirklich bedeutet.

Heute wird wieder über militärische Stärke, Abschreckung und Kriegstüchtigkeit gesprochen. Oft nüchtern, technokratisch, fast wie über Verwaltungsfragen. Aber Krieg bleibt am Ende nie abstrakt. Denn am Ende bedeutet Krieg immer auch, dass irgendjemand über das Leben anderer Menschen entscheidet. Darüber, wer kämpfen soll. Wer töten soll. Wer sterben soll.

Gerade deshalb dürfte Krieg niemals etwas sein, das man einfach Politikern, Militärs oder geopolitischen Strategien überlässt. Krieg geht die Menschen an. Immer.

Vielleicht müssten wir uns gerade daran viel öfter erinnern. Nicht erst dann, wenn die nächsten Züge wieder voller Flüchtlinge sind.

Volker Neu


Hier können Sie den elften Teil und hier den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (9)


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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil sowie den achten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit

Ich bin Jahrgang 1941. Wir wohnten in einem damals kleinen Ort in der Nähe von Hanau. Als dieser im März 1944 in 20 Minuten dem Erdboden gleichgemacht wurde, stand meine Mutter mit mir vor dem Hoftor. Es zog ein endloser Zug von ausgebombten Menschen mit rußgeschwärzten, stumpfen Gesichtern an uns vorbei. Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war es irgendwie unwirklich dunkel.

Gut in Erinnerung sind mir auch die ständigen Fliegeralarme und die Zeit im Luftschutzkeller. Das sind so die einzigen direkten Erinnerungen an den Krieg.

Die Nachkriegszeit dagegen werde ich nie vergessen. Mein Opa war Spengler und er hatte ein Paar Tafeln Weißblech über den Krieg gerettet. Daraus stellte er Dosen her, die meine Mutter und meine Tante bei den Bauern für ein Paar Zwiebeln und Kartoffel eintauschten. Ich musste da immer mit. Mit einem kleinen Jungen im Schlepptau sprang auch mal ein Becher Milch für mich heraus.

Gut erinnern kann ich mich noch an den Hungerwinter 46/47. Wie gesagt, wir wohnten in der Nähe von Hanau, wo es sehr viele Kasernen der Amis gab. Die Amis kippten dann ihr überschüssiges Essen in den Wald oder in Bombentrichter. Da sah ich dann Menschen, die noch weniger als wir hatten, die Essensreste wieder herausholen. Nachdem sie die Ratten verscheucht hatten! Diese Bilder vergisst man nie.

Ein amerikanischer Soldat schenkte mir einmal eine Banane. Ich hielt das Ding für eine Gurke und biss hinein. Der Ami konnte sich nicht einkriegen vor Lachen. Es war meine erste Banane, die ich im Leben sah und wusste ja nicht, dass man die schälen musste.

Verständnislos sehe ich, wie leichtfertig heute mit Lebensmitteln umgegangen wird. Wenn man satt ist, ab in den Mülleimer. Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit. Während ich diese Zeilen schreibe, erfüllt mich ein unbändiger Zorn auf all diese Wadephuls, Strack- Zimmermann, Kiesewetter, Pistorius, Hofreiter und wie diese verantwortungslosen Kriegshetzer alle heißen, die nicht die geringste Ahnung haben von dem, was sie anrichten.

Manfred Bareiter


Er zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg

Vielen Dank an die NachDenkSeiten-Redaktion für Ihren Aufruf! 

Geldanbetung oder Anbetung der Liebe?

Mein Großvater, geboren 1899, überlebte als Sanitäter den Zweiten Weltkrieg körperlich unversehrt. Doch er wurde durch den Anblick der vielen Toten, Verstümmelten und oft nicht zu rettenden Männer traumatisiert. Bis ins hohe Alter erzählte er mit Schmerz in der Stimme die Geschichten und zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg. Meine Mutter, geboren 1934, sagt immer wieder: „Der Vater, der in den Krieg ging, war ein anderer als der zurückkam.“ Sie selbst erlitt ein Trauma unter dem seelischen Vaterverlust. Und noch ich, geboren 1962, litt unter diesen Verhältnissen. 

Wem nützen diese Kriege außer denen, die sehr viel Geld daran verdienen? Der Geldanbetung können wir nur die Anbetung der Liebe entgegensetzen, sage ich als Christ.

Uwe Friedemann


In dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben

Im Anhang meine Erinnerungen!

Meine Erinnerungen an den Krieg

Ich bin Jahrgang 1948 und damit vom direkten Krieg verschont worden. Mein Vater wurde 1940 einberufen und war zunächst in Frankreich und 1942 im Kaukasus in Russland eingesetzt. Er erzählte nicht viel vom Krieg, immer nur relativ harmlose Sachen: Die Soldaten waren während des Einmarschierens immer wieder eingeschlafen, wurden aber von den Mitmarschierenden weitergeschoben. Von Russland erzählte er immer nur vom ironisch genannten „Gefrierfleischorden“, den sie erhalten haben.

Erst nachdem unsere Eltern 1964 bzw. 1971 gestorben waren, fanden wir unter den Unterlagen die während Krieges zwischen meinen Eltern geführte regelmäßige Korrespondenz, soweit dies während des Krieges möglich war. Wir, meine ältere Schwester und ich, hatten vorher Hemmungen, die Eltern weiter über den Krieg zu befragen, weil wir noch jung waren und spürten, dass sie darüber fast nicht reden konnten.

Mein Vater hatte sich vor dem Krieg mit etwa 8 Burschen zusammengefunden und eine gemeinsame Hütte im Schwarzwald gemietet. Diese schrieben sich gegenseitig Briefe von ihren Kriegseinsätzen in Russland und Frankreich und sie wurden untereinander weitergereicht.

Aus diesen beiden Brief-Serien konnten wir viele Details erfahren. Darunter fanden wir dann auch ein sehr kleines Foto eines Schlachtfelds mit unzähligen Toten und zerfetzten herumliegenden Leichenteilen. Genaueres konnten wir nicht darüber erfahren.

An die ersten Jahre kann ich mich nicht erinnern, von meiner Mutter erfuhr ich aber, dass sie mich vermutlich ohne die Care-Pakete nicht durchgebracht hätte. Auch alle meine weiteren fünf Onkels sowie der Mann meiner Tante waren im Krieg gewesen.

Im Laufe meiner frühen Kindheit habe ich mitbekommen, dass ein Bruder meiner Mutter im Krieg gefallen und ein Bruder meines Vaters vermisst war. Dessen Frau mit zwei Töchtern sah sich dann nach Jahren vergeblichen Hoffens gezwungen, auch wegen der beiden Mädchen und der notwendigen Hinterbliebenen-Rente, ihn für tot erklären zu lassen.

Meine Eltern heirateten 1942 während eines Heimaturlaubs meines Vaters. Sie fanden dann eine erste Wohnung mit zwei Zimmern, die meine Mutter während des Kriegs allein bewohnte, aber auch ihre Eltern in der Altstadt oft besuchte.

Diese erste Wohnung war nach dem Angriff und dem Kriegsende ihr Glück. Von sechs Kriegsteilnehmern aus der engeren Familie kamen lediglich vier zurück. Sie waren froh, dass sie nach und nach fürs Erste dort ein Dach über dem Kopf hatten. So wohnte dort der größte Teil der Familie: Mein Vater, meine Mutter, meine Tante und ihr Mann, der Bruder meiner Mutter und seine Frau, drei Kinder Jahrgang 1944, 1946, zwei Jahrgang 1948.

Auf meine Heimatstadt Freiburg erfolgte am 27.11.1944 abends der große Angriff der Royal Air Force mit Zerstörung der gesamten Altstadt, nur das Münster blieb stehen. 2.800 Menschen wurden getötet, 4.200 verletzt und 11.000 obdachlos.

Meine Großeltern mit ihren vier Kindern wohnten in der Altstadt zur Miete. Bei diesem Angriff wurde das vierstöckige Haus vollständig zerstört, es war nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante mit ihrem 10 Monate alten Kind kamen im Luftschutzkeller mit dem Leben davon.

Der Großvater arbeitete bei der Post nicht weit von der Altstadt. Das Postgebäude erhielt einen Volltreffer und war ebenfalls zerstört. Das Personal flüchtete in den Luftschutzkeller, ihm schlug durch die Wucht des Treffers eine Eisentür gegen den Kopf. Er überlebte kurzzeitig. Die Familie wusste nichts über ihn und suchte zu Fuß – es fuhr keine Straßenbahn mehr – nach ihm. Sie fanden ihn nach mehreren falschen Adressen in unterschiedlichen Stadtteilen in einer Klinik. Dort starb er nach fünf Tagen und wurde in einem Massengrab mit fast 3.000 Toten begraben.

Die Familie hoffte zunächst, bei einer älteren Tante unterzukommen. Diese Wohnung war aber so winzig, dass nicht zusätzlich drei weitere Personen mit Kind dort bleiben konnten. Sie wussten nicht weiter und beschlossen, zum Bruder meiner Großmutter in Loßburg (ca. 75 km) zu gehen. Sie schleppten sich mit Kind im Kinderwagen, wobei sie immer wieder von Tieffliegern bedroht wurden.

Im Schwarzwald kam der Schnee dazu, zwischendurch ruhten sie sich in Scheunen aus. Sie schafften es schließlich im tiefen Schnee nur bis zu einem Bauernhof (ca. 30 km) in Waldau. Sie hatten Glück und die Bäuerin nahm sie sofort auf, der Bauer war auch im Krieg. Meine Mutter half auf dem Bauernhof und lernte dort melken. Aus dieser Begegnung ergab sich eine lange Freundschaft und meine Tante zog viel später aus Freiburg ins Altenteil des Hofs wegen ihrer Tochter, die schwer Asthma hatte.

Längere Zeit nach Kriegsende wurden den beiden anderen Ehepaaren je eine Notwohnung zugewiesen.

Als ich ca. 4 Jahr alt war, ist meine Familie in ein ursprünglich schönes Haus in der Altstadt gezogen, von dem der erste Stock stehen geblieben und das dann wiederaufgebaut worden war. An eigener Erinnerung weiß ich nur noch, dass ich (ca. 8 Jahre alt) nach einem Ausflug nach Basel völlig verwundert über die schönen, mehrstöckigen, sehr gepflegten Häuser war. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben, ich habe mir nichts anderes vorstellen können.

Außerdem weiß ich noch, ich war ein schüchternes Kind, das nicht viel sprach, aber zuhörte. Als ich ca. 4 Jahre alt war, erzählte eine Verwandte meiner Mutter von einem Bombentreffer, bei dem die Bewohner in den Keller geflüchtet waren und dort verschüttet und verbrannt wurden. Da konnte niemand lebendig herausgeholt werden.

Dieses „nur Zuhören und Aufnehmen“ führte dazu, dass ich, als ich schon eigene Kinder hatte, schweißgebadet aufwachte, weil ich träumte, dass in unserem zweistöckigen Keller alles verschüttet und verbrannt war und meine ca. 8/9-jährigen Kinder drin gerettet werden mussten.

Dann weiß ich noch, dass unsere Eltern uns (8 /10 Jahre) morgens vorsichtig über den plötzlichen Tod meines anderen Großvaters informierten. Trotz meiner Zuneigung zu ihm war mein erster Gedanke Erleichterung und „Gott sei Dank kein Krieg“!

Und wir müssen weiterhin darum kämpfen, dass gilt: Nie wieder Krieg!

Waltraud Faaß


Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Die Anregung der NachDenkSeiten, seine Kriegserinnerungen der Redaktion mitzuteilen, löste in mir eine starke Reaktion aus, der ich mich nicht entziehen konnte:

Geboren wurde ich im April 1941. Drei Monate später war mein Vater in Russland gefallen, ganz offiziell ein Held und ich ein Halbwaise. Meine Mutter, seine Frau, war im Alter von 27 Jahren Witwe mit drei kleinen Kindern. Das war zwar für die Betroffenen und die persönliche Umgebung sehr tragisch, aber normal in den vorherrschenden Kriegszeiten, deren massive Verwerfungen erst noch kommen sollten.

Meine ersten Erinnerungen als Kleinkind beziehen sich auf Flugzeuggeschwader am Himmel, die über uns hinweg gen Osten flogen. Sie beziehen sich auf Lametta, mit dem wir Kinder spielten, und Fliegeralarm mit Sirenen, wie sie heute noch heulen und uns in den dunklen, feuchten Keller trieben.

Besonders deutlich in Erinnerung habe ich, wie meine Mutter mich auf den Arm nahm und mir die Silhouette der etwa 70 Kilometer entfernt brennenden Stadt Hamburg zeigte. Es war ein einziges Feuerwerk. Das muss nicht stimmen, ich habe aber diese Erinnerung. Als mit Kriegsende britische Soldaten in unser Haus kamen, reagierten meine Mutter und ihre Schwester vor lauter Angst hysterisch. Sie wussten nicht, was sie erwartete. Die Soldaten gingen, wie sie gekommen waren.

Auf einer Wiese gegenüber unserem Haus standen dicht gedrängt gefangene deutsche Soldaten. Setzen oder sich bewegen konnten sie sich nicht.

Flüchtlingstrecks fuhren durch den Ort. Einmal sah ich, wie sich zwei Frauen heftig um ein Pferd stritten.

Einige der Flüchtlinge wurde bei uns einquartiert. Die Einquartierung verlief friedlich. Es kam vor, dass sich durch den Kontakt jahrelange Freundschaften entwickelten.

Heimkehrende Soldaten mit zum Teil schwersten Verletzungen und Amputationen wurden für Jahre zum täglichen Bild. Der Staat reduzierte sich auf das Wenigste. Die Verzweiflung, der Hunger, die Not, das Elend waren allgegenwärtig.

Der Winter 1946/47 war bitterkalt. In dem Raum, in dem wir schliefen, fehlte in einem Fenster das Glas. Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Das Jahr 1947 war für mich das Steckrübenjahr. Heute weiß ich, dass die Historiker es 1917 zuordnen. Da haben wohl fast alle nichts weiter als Steckrüben gegessen.

Im Frühjahr des gleichen Jahres wurde ich eingeschult. Es begann eine vierjährige Leidenszeit. Jeder Tag Schule war eine einzige Qual. So empfinde ich es noch heute.

In der ersten Klasse waren wir nach meiner Erinnerung 80 Schüler und Schülerinnen (Die Zahl muss nicht stimmen. Viele, zu viele waren es auf jeden Fall). Ich war mit der Jüngste. Es herrschte das Recht des Stärkeren und ich wurde häufig geschlagen, von den Mitschülern, aber auch von den Lehrern. Von den Lehrern noch am meisten. Ein Lehrer hieß „Otto“. Auch den Namen habe ich nicht vergessen. Dieser Lehrer verhaute mich mehrfach mit dem Stock auf dem Po vor versammelter Klasse. Eine Demütigung.

Nach der vierten Klasse blieb ich sitzen. Eine Katastrophe und gleichzeitig ein Glück. Mein Schulleben normalisiert sich. Aus dem Stand war ich der beste Schüler in der Klasse. Wir waren arm, sehr arm. Meine Mutter hatte keinen erlernten Beruf. Sie würde ja doch heiraten, hieß es. Sie musste Hilfsarbeiten in einer Großküche verrichten. Das reichte gerade zum Überleben.

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Frage, wie heute üblich, „Was möchtest Du essen?“ kam nicht vor. Alte Pullover wurden aufgeribbelt und zu Strümpfen gestrickt. Ich hatte eine Lederhose. Die trug ich mehrere Jahre im Sommer wie im Winter.

Mit dem Land ging es langsam bergauf. Wir blieben arm. Im Jahre 1959 löste sich meine Familie auf. Ich war auf mich allein gestellt.

Beim Militär lernte ich den Umgang mit Waffen und was für ein Mordinstrument schon eine ganz normale Pistole sein kann. Gleichwohl, trotz aller politischen Spannungen zwischen Ost und West, herrschte Frieden in Deutschland über Jahrzehnte hinweg und ich konnte meinen Weg gehen.

Heute stehen wir wieder vor einem großen Krieg. Deutschland ist vereint und dabei, die größte konventionelle Armee Europas aufzubauen.

Diese Armee braucht einen Feind und hat ihn gefunden. An Frieden denkt von den politischen Verantwortlichen in Deutschland niemand. Die nächste Katastrophe wird vorbereitet. Überstehen werden wir sie nicht.

Dr.-Ing.
Joachim Metz


Hier können Sie den zehnten Teil, hier den elften Teil und hier den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Apokalyptisches Quiz: Wer ist der neue Katechon? | Von Paul Clemente

26. Mai 2026 um 08:00

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Apokalyptisches Quiz: Wer ist der neue Katechon? | Von Paul Clemente
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Apokalyptisches Quiz: Wer ist der neue Katechon? | Von Paul Clemente

Ein Beitrag von Paul Clemente.

Vieles wiederholt sich. Vor allem das Schlimme. Oder das Peinliche. Wer hätte vermutet, dass Politiker des 21. Jahrhunderts religiöse Symbole reaktivieren, um ihre Gemetzel zu überhöhen? Und das mitten in einer laizistischen Kultur, wo Religion als Privatsache gilt. Die Kirchenaustritte steigen unerbittlich, Theologen verlassen die Diskurs-Arena. Und was der Papst sagt, interessiert lediglich, wenn er über Politik spricht.

Moderne Feldherren und ihre Schreiberlinge haben unlängst begriffen: Die optimale Begründung von Kriegen ist die Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten. Eine tiefer gehende, metaphysische Fundierung würde nur stören.

Zugegeben: Geistige Tiefflieger wie George W. Bush schmückten ihre Bombardements noch in den Nuller-Jahren mit trivialreligiösen Slogans. Sein Meisterwerk: Die Gegenüberstellung vom grundguten Amerika und Schurkenstaaten, die auf der „Achse des Bösen“ lauerten. Da mussten selbst schärfste Satiriker passen. Vierundzwanzig Jahre später ist das Lachen verstummt. Stattdessen die bange Frage: War Bush seiner Zeit etwa voraus?

Vor einigen Wochen verbreitete US-Präsident Donald Trump eine KI-generierte Ikone. Mit ihm selbst als Jesus. Keine Frage, das war unverdünnter Bad Taste. Oder? Tatsache ist: Amerikas Hobby-Apokalyptiker wittern wieder Morgenluft. Mit christlichem Entzücken stellen sie fest: Mr. President bombt die Endzeit herbei.

In Westeuropa sorgt Trumps neuer Bellizismus für Irritation. Selbst härteste Fans räumen ein: Der ersehnte Friedenspräsident, der den Russland-Ukraine-Krieg in 24 Stunden beenden wollte, versagte nicht nur als Vermittler. Schlimmer: Er lernte selber, die Bombe zu lieben. Lediglich der AfD-Politiker Maximilian Krah bewies Mut – allerdings Mut zum Absurden. Er warnte die aufgeschreckte Partei-Horde mit dem Satz:

„Trump ist der Katechon!“

Katechon? Wer oder was ist das? Auf jeden Fall ein Begriff, der in postchristlicher Zeit kaum noch Verständnis findet. Entnommen ist er aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki. Darin warnt er die Gläubigen vor dem Pseudo-Messias, dem getarnten Anti-Christen, dem Teufel persönlich. Der werde nämlich behaupten, dass Gottes Friedensreich längst eingetroffen sei. Eine Täuschung, zur Ausbremsung von Buße und Umkehr. In Wahrheit stehe die Apokalypse noch aus. Als Grund für ihr bisheriges Ausbleiben nennt Paulus den Katechon. Von ihm werde die Apokalypse noch aufgehalten, das große Finale noch herausgezögert. Paulus schreibt:

Das „Geheimnis der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muss erst der beseitigt werden, der es jetzt noch zurückhält.“

Dieser Aufhalter ist der Katechon. Eine Macht, die das  Ende herauszögert.

Es blieb dem katholischen Staatsrechtler Carl Schmitt vorbehalten, das politische Potenzial des Katechon im 20. Jahrhundert zu reanimieren. Schon Ende der Zwanziger hatte Schmitt die Unterscheidung zwischen Freund und Feind zum zentralen Kriterium politischen Handelns erklärt. Ein Gegensatz, der auf Jesus versus Satan zurückgreift. Ebenso Schmitts Definition des Souveräns als jemanden, der über den Ausnahmezustand entscheidet. Und was ist mehr „Ausnahmezustand“ als die Apokalypse? Damit wäre der Katechon nicht nur Aufhalter, sondern auch wirklicher Souverän.

Zum Jahresende 1947 schrieb Schmitt:

„Ich glaube an den Katechon; er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden.“ Freilich stellt sich die Frage, „wer ist heute der Katechon? Man kann doch nicht Churchill oder John Foster Dulles dafür halten.“ Trotzdem: „Man muss für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den Katechon nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.“

Und wenn es gleichzeitig an mehreren Ecken brennt? Das Problem löst sich durch Arbeitsteilung:

„Es gibt zeitweise, vorübergehende, splitterhafte fragmentarische Inhaber dieser Aufgabe.“

Laut dem Schmitt-Biographen Christian Linder wurde es für den Staatsrechtler zur Obsession, den gegenwärtigen Katechon zu finden. 1948, inmitten der Prager Unruhen, identifizierte er Tomáš Garrigue Masaryk, den ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, als

„echten europäischen Katechon.“

Kehren wir zurück in die Gegenwart, zu Maximilian Krahs Enttarnung des US-Präsidenten Trump als Katechon. Dass der Aufhalter selbst Bombenkriege führt, ist kein Einwand. Warnte Paulus nicht vor dem Fake-Messias, der falschen Frieden vorgaukelt? Natürlich steht der AfD-Politiker mit dieser Einordnung nicht allein. Noch wilder treibt es der Tech-Milliardär Peter Thiel, Geldgeber von Trump und seinem Vize J.D. Vance. Als Carl Schmitt-Leser erklärt Thiel nicht allein den US-Präsidenten, sondern die gesamte USA zum Aufhalter, zum Katechon. Als Handlanger des Antichristen identifiziert der Ultralibertäre die „Kontrollstaaten“, die Ausbremser des technologischen Fortschritts, die Befürworter des Sozialstaats, die Klima-Aktivisten und KI-Skeptiker. Vor wenigen Tagen hat der Historiker Volker Weiß das Buch „Katechon: Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ publiziert. Darin werden noch weitere Kandidaten erwähnt.

Aber die Katechon-Debatte blüht nicht nur in westlichen Gefilden. Der Eurasien-Ideologe Alexander Dugin hat bereits 2014 einen Thinktank namens „Katechon“ gegründet. In seinen Geschichts-Szenarien sind die Rollen allerdings konträr verteilt. Dugin, ein altorthodoxer Christ, identifiziert den Westen als Antichristen. Dessen moralische Dekadenz führe schnellstmöglich zum Weltuntergang. Russland hingegen erfülle den Job des Aufhalters. Und das nicht erst im 21. Jahrhundert.

Bereits in der Sowjet-Zeit habe Russland die Funktion des „roten Katechons“ gehabt. O-Ton Dugin:

„Wir sind der letzte Aufhalter, der Katechon“. Denn: „Wir alleine leisten dem globalen Bösen Widerstand.“ Sollte dieser Widerstand erfolgreich sein, steht dem Happy End nichts mehr im Wege: „Wir kämpfen gegen den Antichristen, das muss gesagt werden. Das ist unsere russische Idee und sie wird alles richten.“

Aber nicht nur Russland ist für Dugin der Aufhalter. Auch iranische Revolutionsführer wie Ali Khamenei oder sein Sohn und Nachfolger Modschtaba Chamenei erfahren metaphysische Eingemeindung. Nach Beginn der US-Angriffe auf den Iran rief Dugin die schiitische Theokratie zum Katechon aus, da sie unter anderem via Kopftuchzwang verhindere, dass die Iranerin sich zur „Hure Babylon“ verwandelt.

Fazit: Konservative in Ost und West adaptieren zwar das Katechon-Modell, aber mit konträrer Besetzung. Ein weiterer Beweis für die Biegsamkeit von Symbolen. Seine Wiederentdeckung in christlichen oder ehemals christlichen Staaten ist kaum Zufall. Denn das christliche Geschichtsmodell, wo am Ende der große Knall steht, ist bis zur Gegenwart lebendig – selbst ohne Glaubensinhalte.

Fast jede Krise, jeder bewaffnete Konflikt, jeglicher Anstieg der Temperaturen oder mittelprächtige Laborviren: Alles wird zum Weltuntergangs-Szenario hochgerechnet. Darunter läuft nichts. Vielleicht ist diese Hassliebe zur Apokalypse, diese ängstliche Wollust zugleich ein Verdrängen? Denn schlimmer als den Großen Knall sind manche Prognosen der Astronomen. Darunter die Big Freeze-Theorie: Danach expandiert das Universum endlos weiter. Nach Billionen Jahren verlöschen alle Sterne, und die Materie zerfällt, Das Universum wird immer dünner und kälter. Ein endloses Weiter, ohne Sinn und Zweck. Eine Absurdität ohnegleichen. Kaum zu ertragen. Allerdings:

Für die Apologie eines Krieges taugt die Big Freeze-Theorie garantiert nicht.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Gottes Arme sind in wallendes Gewand gekleidet und von hinten beleuchtet. Hintergrund des himmlischen Himmels in der Nacht mit weich leuchtenden Sternen

Bildquelle: Shutterstock AI / Shutterstock

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Entkernen, Umfunktionieren und (feindlich) Übernehmen – Warum die heutige Bundesrepublik Deutschland (so gut wie) nichts mehr mit der ‚Bonner Republik‘ zu tun hat


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Die wiedervereinte Bundesrepublik Deutschland hat mit dem Land gleichen Namens, das zwischen 1949 und 1990 existierte, nur noch den Namen gemeinsam. Auf den ersten Blick fällt das allerdings nicht auf – weil die Fassaden noch stehen. Die heutige Bundesrepublik ist nichts anderes als ein komplett entkernter Altbau. Von Leo Ensel.

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Ich habe lange gebraucht, bis es mir langsam dämmerte. Und auch jetzt tue ich mich immer noch schwer, mental und – vor allem! – gefühlsmäßig in der neuen Realität, in der ich mich eher tastend voranbewege, anzukommen. Aber im Millimetertempo wird mir immer deutlicher, dass dieses Land, das sich nach wie vor „Bundesrepublik Deutschland“ nennt, mit dem Land gleichen Namens, in dem ich die Hälfte meines Lebens – von 1954 bis 1990 – verbracht habe, kaum noch identisch ist.

Hälfte des Lebens

Aufgewachsen als „Kind des Rheines“ bin ich mit einer dort nicht untypischen Mentalität. Ulrike Guérot hat sie für sich selbst einmal so auf den Punkt gebracht: „Rheinisch, katholisch und europäisch“. Wobei „europäisch“ für mich, ich vermute: wie für Frau Guérot, sich außenpolitisch in erster Linie auf den nahen ehemaligen „Erbfeind“ bezog, innenpolitisch aber auch eine Skepsis – nein: ein starkes mentalitätsmäßiges Fremdeln bis hin zur emotionalen Abneigung – gegenüber jeglichem „Preußentum“ signalisierte. (Paris war – und ist – uns Rheinländern nicht nur geographisch näher als Berlin.)

Natürlich lebten wir in der alten Bundesrepublik nicht auf einer ‚Insel der Seligen‘: Alte Nazis, geläutert oder auch nicht, waren lange noch präsent – als Lehrer, Ärzte, Richter, Professoren, Städteplaner, Journalisten, höhere Verwaltungsbeamte und Politiker. (Manchmal kam es per Zufall raus, oft auch gar nicht – jedenfalls bis zum Tod der betreffenden Personen.) Ab 1972, noch unter Bundeskanzler Willy – „mehr Demokratie wagen!“ – Brandt, legte sich der sogenannte „Radikalenerlass“ für anderthalb Jahrzehnte wie Mehltau über mehrere Generationen von Hochschulabsolventen. Die terroristische RAF auf der einen sowie Bundesregierung, Polizeiapparat und Bundesbehörden auf der anderen Seite verkrallten sich in den Siebzigerjahren, mit Klimax im ‚Deutschen Herbst‘ 1977, dramatisch zu einer blutigen ‚Folie à deux‘. Um Atomkraftwerke wurden zwischen Polizei und Demonstranten wahre Schlachten ausgetragen, und die Stationierung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen trieb in den Achtzigerjahren zeitweise über eine Million Menschen, darunter auch mich, auf die Straßen.

Trotz alledem hatte ich aber, bei aller Kritik, im tiefsten Winkel meiner Seele doch ein nahezu unausrottbares ‚politisches Urvertrauen‘ in unseren Staat: Ein vernünftiges Grundgesetz, mit dem ich mich identifizieren konnte; ein im Prinzip funktionierender Rechtsstaat, bei dem die Chancen, am Ende doch Recht zu bekommen, nicht gering waren; nicht zuletzt eine in den Siebziger- und Achtzigerjahren immer stärker angewachsene Zivilgesellschaft in Gestalt der (damals) Neuen Sozialen Bewegungen, besonders der Friedens- und Umweltbewegung – und das Problem der alten Nazis würde sich ja früher oder später eh von selbst, sprich: biologisch, erledigen.

Als die Mauer fiel, Deutschland völlig unerwartet wiedervereinigt war und parallel dazu die tödlichen, atomar bestückten Mittelstreckenraketen abgezogen und restlos verschrottet wurden, als der Kalte Krieg (wie es schien) beendet war, als die neue Bundesrepublik Deutschland sich auf einmal „von Freunden umzingelt“ in einem völlig veränderten Europa wiederfand, da spürte ich in mir eine große Euphorie: Jetzt, nachdem der Kalte Krieg so glücklich beendet ist, jetzt bauen wir das Gorbatschow‘sche ‚Gemeinsame europäische Haus‘ auf! Jetzt versöhnen wir uns – wie damals mit unserem ‚Erbfeind im Westen‘ – auch mit den Völkern im Osten. Jetzt ist ja vielleicht sogar Kants „Ewiger Frieden“ in Reichweite gerückt …

Tableau.

Ein irritierter Blick nach dreieinhalb Jahrzehnten

Machen wir einen kühnen – und reichlich kühlen – Sprung in die Gegenwart! Und schauen wir uns dieses Land nochmals mit altbundesrepublikanischen Augen an.

Da ist zunächst die Parteienlandschaft. Alle sind sie noch da. (Zwei, davon eine täglich größer werdende, sind noch hinzugekommen.) Schaut man allerdings genauer hin, so stellt man irritiert fest:

„Die CDU ist nicht mehr christlich, die SPD ist nicht mehr die Partei der Arbeiter. Die Liberalen sind nicht mehr liberal und die Grünen schon lange nicht mehr grün im Sinne einer ehrlichen Umweltpolitik [und erst recht nicht mehr antimilitaristisch]. Und die in Gendersprache, Cancel-Culture und ‚offene Grenzen für alle‘ verliebte Linke ist alles Mögliche, nur nicht links in der Tradition der Arbeiterbewegung.“

So hat es Oskar Lafontaine neulich auf den Begriff gebracht. (Am eklatantesten trifft dies natürlich auf die um exakt 180-Grad gewendete ehemalige Ökopax-Partei zu, die sich heute an Kriegsgeilheit von niemandem übertreffen lässt.)

Als Zweites ein Blick auf die Medienlandschaft. Auch hier sind alle Leitmedien der alten Bundesrepublik nach wie vor präsent: vom Bayernkurier, Welt und FAZ über Süddeutsche und Frankfurter Rundschau bis hin zur antiautoritären taz. „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ präsentieren sich wie einst im charakteristischen Blau, „heute“ und „heute journal“ senden immer noch zu denselben Tageszeiten. Schaut und hört man aber auch hier schärfer hin, so realisiert man verblüfft: Eine tatsächliche Meinungsvielfalt existiert nicht mehr! Ob FAZ oder taz – was die wirklich relevanten Themen angeht, so steht überall dasselbe. (In der taz lediglich einen Tick salopper und – selbstverständlich! – streng gegendert.)

Es gibt auch noch eine linke Szene. (Zumindest ein Milieu, das sich ‚irgendwie‘ als links versteht und so präsentiert.) Der genauere Blick offenbart allerdings, dass man sich hier fast nur noch mit Identitätsfragen oder der skurrilsten Inszenierung der exotischsten erotischen Neigung beschäftigt. Die Eigentumsfrage und Fragen der sozialen Gerechtigkeit dagegen spielen so gut wie keine Rolle mehr. Dementsprechend erscheint diese – jeglichem Antimilitarismus abholde – Lifestyle-Linke (wie deren alt gewordene Hauspostille) auch nur bei oberflächlicher Betrachtung als aufmüpfig. In Wirklichkeit ist sie genau die „Linke“, die dem globalisierten Kapital nicht gefährlich wird, ihr Habitus geradezu die unabdingbare Voraussetzung, um in diesem Staat Karriere zu machen.

Einen Lift auf dem schnellen Weg nach oben – zumindest aber ein komfortables Zwischenlager für sonst arbeitslose Geistes- und Sozialwissenschaftler – bilden (neben den zahlreichen transatlantischen Organisationen) sogenannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Ja, die gibt es nicht nur noch – sie sind in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten sogar wie Pilze aus dem Boden geschossen! Wo allerdings in den Achtzigerjahren noch erbittert über „Staatsknete“ gestritten wurde, stellen sie sich heute allesamt als staatlich, nein: oft sogar regierungsamtlich, alimentiert heraus.

Und nicht nur das: Viele von ihnen betreiben nicht allein eine, mit rund 200 Millionen Euro jährlich geförderte, Fortsetzung der Regierungspolitik mit anderen Mitteln. Sie entpuppen sich vielmehr als der – nur notdürftig getarnte – verlängerte Arm der Staatsgewalt fürs Grobe, sprich: sie operieren, vorsichtig gesprochen, schlicht am Rande der Legalität. Sogenannte „Antifeministische Meldestellen“ sammeln, staatlich gefördert, „Fälle, unabhängig davon, ob sie angezeigt wurden und unabhängig davon, ob sie einen Straftatbestand erfüllen oder unter der sogenannten Strafbarkeitsgrenze liegen.“ Ähnliches gilt für sogenannte „Anti-Hate Speech“- und andere Vereinigungen. (In Summa die neubundesrepublikanische Version des ehemaligen Vereins „Horch & Guck“ – kurz: eine, diesmal ‚zivilgesellschaftlich‘ outgesourcte, „Stasi 2.0“.) Und selbsternannte, mit bundesdeutschen oder EU-Gütesiegeln geadelte „NGOs“ verbreiten unter dem Etikett „Bekämpfung von Fake News“ selber Desinformation. – Mit einem Wort: Der Begriff „Nichtregierungsorganisation“ erweist sich als klassischer Etikettenschwindel, der umgehend durch „GONGO“ (Government-Organized Non-Governmental Organization) ersetzt werden sollte!

Ob der Rechtsstaat im Großen und Ganzen noch funktioniert, das wage ich nicht zu beurteilen. Wohl aber, dass ein Grundprinzip jeglicher Demokratie gerade höchst elegant ausgehebelt wird: die Meinungsfreiheit! Und damit kommen wir zur atemberaubenden Degeneration jener supranationalen Institution, die einst Hoffnung aller weitsichtigen und friedliebenden Geister auf diesem Kontinent war. Die Europäische Union, gegründet als Friedensprojekt, als nationenübergreifende Lehre aus zwei blutigen Weltkriegen, ist nicht nur nach außen zu einer rasenden Kriegsfurie verkommen. Sie verwandelt zudem nach innen unliebsame Staatsbürger völlig willkürlich in aller Rechte beraubte Paria und katapultiert sie somit – alle geheiligten Werte und sämtliche Prinzipien der vom europäischen Kontinent ausgegangenen Aufklärung ignorierend – schnurstracks zurück ins Mittelalter! Als Vogelfreie. Der geniale Trick: Bei den Willkürmaßnahmen des „Rats der Europäischen Union“ handelt es sich nicht etwa um Strafen (selbst wenn die Sperrung der Konten, die Beschränkung der Bewegungsfreiheit und das Verbot der Unterstützung durch Dritte im Worst Case auf eine ‚Todesstrafe auf Raten‘ hinauslaufen), sondern um „außenpolitische Abwehrmaßnahmen“ – weshalb ihnen auf dem nationalen Rechtsweg, sollte er noch funktionieren, auch gar nicht beizukommen ist!

Kurze Kinderfrage: Ist ein Staat, in dem (genauer: über den und dessen Bürger hinweg) die Meinungsfreiheit (bekanntlich immer die ‚Freiheit der Andersdenkenden‘) par ordre du mufti einfach suspendiert werden kann, indem supra-nationale Akteure diejenigen, die sie in Anspruch nehmen, schlicht kaltstellen – ist ein solcher Staat eigentlich noch eine Demokratie?

Und was ist mit dem Grundgesetz, einer dezidiert dem Frieden verpflichteten Verfassung, wenn dieses Land, Totalverweigerung in Sachen Diplomatie betreibend, sich nun fröhlich zur größten konventionellen Militärmacht auf dem westeuropäischen Kontinent aufschwingt, deren Politiker und Leitmedien tagtäglich schriller in Richtung Krieg blasen – und dies in einem zusehends kriegstüchtiger werdenden Bündnis, das noch zu altbundesrepublikanischen Zeiten ausschließlich der Verteidigung verpflichtet war?

Entkernt

Warum fällt all das auf den ersten Blick so wenig auf? Warum sieht die neue Bundesrepublik Deutschland, oberflächlich betrachtet, der Bonner Republik immer noch so ähnlich?

Weil die entsprechenden Institutionen eben nicht abgerissen, sondern entkernt wurden! Das Land, in dem ich mittlerweile die zweite Hälfe meines Lebens verbracht habe, kommt mir immer mehr vor wie ein komplett entkernter Altbau: Die Fassaden stehen noch. Aber wer wissen will, was sich hinter ihnen tatsächlich verbirgt, darf sich davon nicht blenden lassen.

Oder in einem anderen Bild: Die meisten Institutionen und Organisationen – allen voran unsere privaten und öffentlich-rechtlichen Leitmedien, Arm in Arm mit einer einstmals pazifistischen Partei, sogenannte Nichtregierungsorganisationen, die sich als ‚links‘ präsentierende Szene, nicht zu vergessen die von Tag zu Tag aggressiver auftretenden realen Institutionen der Macht: Armee, NATO und Europäische Union – alle kommen sie mir vor, als seien sie zwischenzeitlich geräuschlos umfunktioniert und (feindlich) übernommen worden. Mein einstiges ‚politisches Urvertrauen‘ ist mir jedenfalls restlos abhandengekommen.

Wie gesagt: Es sieht manchmal noch fast so aus wie früher. Weil die Fassaden noch stehen. Wohlgemerkt, die Fassaden!

Mit freundlicher Genehmigung von Globalbridge.

Titelbild: Etikettenschwindel – und (noch vergleichsweise harmloses) Symbol für die neue Bundesrepublik Deutschland: Das Braunschweiger Schloss. Hinter der historischen Fassade verbirgt sich nicht etwa ein Schloss, sondern ein Einkaufszentrum! Quelle: Marc Venema / shutterstock.com

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (7)


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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, sowie den sechsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Der kleine Teddy

Kurz vor Kriegsende war ich 2 Jahre alt. Ich besaß einen sehr kleinen (Steif-) Teddy, den mir mein Vater geschenkt hatte. Der Teddy sah etwas ramponiert aus, aber ich liebte ihn trotzdem sehr, teilte jede Nacht das Bett mit ihm, indem ich ihn mit auf mein Kopfkissen legte.

Jahre später erzählte mein Vater mir seine Geschichte: Wir wohnten in Freital, einem Ort unmittelbar an der Dresdener Stadtgrenze. Einen Tag nach den Bombardierungen von Dresden im Februar 45 fuhr mein Vater mit dem Fahrrad nach Dresden, um herauszufinden, was mit seiner Schwester, sie wohnte mit ihrem Mann im Zentrum Nähe Altmarkt, passiert sei. Er fand nur rauchende Trümmerberge vor, ein Vordringen zum Standort des Hauses war nicht möglich. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Auf der Rückfahrt wurde mein Vater durch herabstürzende Gebäudetrümmer verletzt. Dabei fand er auf der Straße den kleinen Teddy.

Ich fragte meinen Vater, wem denn der Teddy gehört habe. Er wusste es natürlich nicht, meinte aber, möglicherweise wäre das Kind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.

Ich verstand das nicht und fragte nach dem Warum.

Eine weitere Schwester meines Vaters, wohnhaft in einem Dresdener Außenbezirk, überlebte die Bombardierung in einem Luftschutzkeller, wurde aber völlig ausgebombt. Ihr Sohn, 17-jährig, starb als Soldat wenige Wochen vor Kriegsende in Griechenland den „Heldentod“ für Führer, Volk und Vaterland. Ihr Mann kehrte nicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück.

Den kleinen Teddy gab ich später an einen meiner Söhne weiter. Alle diese Kindheitserinnerungen haben sich fest und unauslöschbar in mein Gedächtnis eingeprägt. Und bestärkten meine antimilitaristische Haltung.

Anmerkung: Mein Sohn sagt immer, ich solle diese alternativen Medien wie z.B. die NDS nicht lesen. Sie würden mich zu sehr aufregen. Nein, entgegne ich ihm, sie sind ein Trost für mich, dass ich mich mit meiner Meinung nicht allein fühle.

Hans Sarfert


„Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?“

Ich bin 1954 geboren und die ersten Jahre bei meinen Großeltern in Frankfurt/M. aufgewachsen. Mein geliebter Opa war nicht mein leiblicher Großvater, der ist 1941 in Russland geblieben. Meine Oma war nach dem Krieg eine neue Partnerschaft eingegangen. Meine Mutter, 1931 geboren, hat den Verlust ihres Vaters nie überwunden und das Idealbild eines Mannes verinnerlicht, dem kein lebender Mann, weder mein Vater noch mein Bruder entsprechen konnten.

Entsprechend skeptisch war sie gegenüber dem Lebensgefährten ihrer Mutter, einem, der sich vor der Wehrmacht gedrückt hatte. Mein Opa hatte es tatsächlich geschafft, nicht eingezogen zu werden, nicht aus Feigheit, was meine Mutter immer unterstellte, sondern aus politischem Bewusstsein. Opa war Kommunist.

Jahrzehnte später unterhielten sich meine Eltern mit meinen Großeltern und meine Mutter griff verbal meinen Opa an: Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?

Mein Opa stand daraufhin auf und verließ ohne Erklärung den Raum. Erst kurz vor seinem Tod teilte er mit mir die sehr schmerzliche Erinnerung, während der Nazizeit einer Widerstandsgruppe angehört zu haben, die Juden versteckte. Er war dort in die Versorgung der Versteckten mit eingebunden. Die Juden wurden entdeckt und sein Genosse, der sie versteckt hatte, kam ins KZ. Tatsächlich überlebten Frankfurter Juden nicht.

Für mich war mein Opa ein Held, für seine Zeitgenossen ein verachtungswürdiger Feigling.

Grit Reichert


Wir kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Großen an uns vorbeimarschierten

KRIEGS-TÜCHTIG manipuliert wurde die Jugend auch damals.

Als Kriegskind, geboren im September 1938, habe ich die „Operation Gomorrha“ mit den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg im Juli 1943 überlebt, weil wir kurz vorher zu bäuerlichen Verwandten in die Lüneburger Heide gebracht wurden. Auch unsere Wohnung in HH-Barmbek wurde durch die Bomben zerstört, und binnen weniger Tage wurden 40.000 Menschen im Feuersturm getötet.

Unsere tatkräftige Mutter organisierte dann im waldreichen Norden Hamburgs ein Behelfsheim für uns, während der Vater als Kapitän im Kriegseinsatz in Norwegen war.

Bei uns in der Nähe war das Jugendheim, in dem die gut organisierte Partei die Jugend mit Geländespielen und Gesang auf den Einsatz im Zweiten Weltkrieg vorbereitete – irgendwo an den vielen Fronten, über die lautstark jeden Tag in den Rundfunk-Sondermeldungen berichtet wurde.

Wir noch kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Großen an uns vorbeimarschierten in ihren schicken HJ-Uniformen und mit Gesängen und Spielen kriegstüchtig gemacht wurden, damit sie bereit waren zu sterben im Kampf für das Vaterland.

Die Manipulation der Jugend war perfekt – aber mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 war auch unser kindlicher Traum vom Dabeisein beendet.

Meine Mutter brach in Tränen aus wegen des verlorenen Krieges.

„Nie wieder Krieg“ war in den Jahrzehnten danach unser aller Ziel. Niemals hätten wir es für möglich gehalten, dass 80 Jahre später „Kriegstüchtigkeit“ und „Russenhass“ bei manchen verblendeten Politikern und deren Medien zum wichtigsten „Deutschen Wert“ erhoben wird und sogar die Jugend wieder einbezogen wird mit dem Ziel der „Kriegs-Tüchtigkeit.

Die Methoden von damals sind wieder da – allerdings ist die Art der Manipulation
noch „verbessert“ worden – eine erschreckende Entwicklung, die dringend beendet werden muss.

Peter Främke


Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen

Ich war 6 Jahre alt, als jede Nacht die Sirenen erklangen und wir aus dem 4. Stock in der Uhlandstraße in Berlin in den Keller laufen mussten, wo dann die Leute auf Stühlen an der Wand entlang saßen. Es war Juli 1942, als unsere liebe Vermieterin Clara Arnheim abgeholt wurde, weil sie Jüdin war. Sie starb in Theresienstadt. Ich habe eine Reihe Fischerbilder von Hiddensee, die ich sehr liebe. Meine Mutter wurde dann als Lehrerin nach Stentsch im Kreis Züllichau versetzt. Im Januar 1945 kam mein Vater, weil die Russen schon nahten. Er holte uns nach Berlin zu meiner Großmutter in Lichtenrade. Es gab noch immer Sirenenalarm.

Im April 1945 sind wir mit Mutti und meinen drei Schwestern, die Jüngste im Kinderwagen, in die Rhön geflohen, wo wir eine Jagdhütte am Waldrand bewohnen durften. Am 20. April überflogen die Amerikaner das Dorf und bombardierten einen Jeep mit Deutschen auf dem Feld, eine Bombe fiel 100 m neben der Hütte, ein Splitter fuhr direkt durch das Haus und Mutti kippte die Erbsensuppe über das Feuer aus dem Herd. Unten im Dorf brannte eine Scheune.

Kurz danach waren wir auf Pilzsuche im Wald und ein deutscher Soldat in Uniform fragte nach meiner Mutter. Sie besorgte ihm getragene Kleidung aus dem Dorf. Das waren wohl die letzten Kämpfe in der Rhön.

Ich erinnere mich an den ersten Laster mit amerikanischen Soldaten, der ins Dorf einfuhr, und jemand hatte mir beigebracht zu sagen „Chocolate please”, es funktionierte aber nur einmal. Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen mit Glockenblumenröckchen in Streichholzschachteln und kannten bald die Standorte der Pilze und Blaubeeren. Beim Basaltsteinbruch am Gangolfsberg gab es sogar Walderdbeeren und Steinpilze am Waldrand.

Beate Kik


Ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen

Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Mainfranken in der Nähe von Coburg, während der Evakuierung der Bevölkerung im saarpfälzischen Grenzgebiet (Westwall). So auch meine Familie. Aufgewachsen bin ich, nach der Rückkehr, in einem kleinen Dorf in der Westpfalz, also nahe der Grenze zu Frankreich.

Mein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg, in dem zwei seiner Brüder „gefallen“ sind. Er hat nie darüber gesprochen, jedenfalls nicht mit mir – ich habe ihn auch nie dazu animiert, obwohl ich im Schüleralter fast regelmäßig seine kleine Kriegsrente von der Post abholen durfte. Er musste auch nicht als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Dafür mussten drei seiner Söhne in den Krieg, die alle am Ende überlebten und nur einer in Gefangenschaft war.

Der älteste meiner Brüder (Jahrgang 1920) war mit Rommel in Afrika und danach in Italien. Im Februar 1945 bekam er überraschenderweise Heimaturlaub, den er nicht beendete. Er sagte sinngemäß: Ich bleibe hier. Sollen sie mich doch an die Wand stellen. Wenn ich zurückgehe, sterbe ich auch.

Der Zweitälteste (Jahrgang 1923) war ohne sein Zutun Mitglied der Waffen-SS und Panzerkommandant und musste miterleben, wie die Besatzung seines Panzers zerfetzt wurde. Er wurde verletzt und entkam so dem Wahnsinn Stalingrad. Zwischendurch hatte er Lungentuberkulose (offiziell war er wegen einer einfachen Erkältung im Lazarett – bei der SS gab es keine Tbc). Ein Nachbar, SPD-Mitglied, hatte ihm nach dem Krieg wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS angeboten, ihm den „Persilschein“ zu besorgen, wenn er Mitglied der SPD werde. Was er nicht tat und kurze Zeit untertauchte. Die Tbc-Geschichte hatte ein befreundeter Arzt in den 1950er-Jahren festgestellt, und die hat sich in seinem späteren Leben von Zeit zu Zeit bemerkbar gemacht. Im hohen Alter hing er am Sauerstoffgerät. Auch er bekam eine kleine Kriegsrente.

Der Dritte (Jahrgang 1925) wurde aus seiner Ausbildung als Flugzeugmotorenschlosser zum Krieg eingezogen und war aufgrund dieser Ausbildung beim Bodenpersonal und nicht an der Front. Doch er kam in amerikanische Gefangenschaft und nach mehreren Monaten ausgehungert nach Hause.

Die drei Brüder waren nach dem Krieg für mich fremde erwachsene Menschen, später dazugekommene Familienmitglieder, mit einem Sonderstatus. In dem Krieg sind drei Cousins von mir „gefallen“.

Im Jahr 1945 waren in unserem Dorf Soldaten der Wehrmacht einquartiert. Auch in unserer Wohnung war ein Soldat. In seiner Freizeit machte er Zigarren. An einem sonnigen Morgen im März sagte er zu meiner Mutter. „Mutti, heute kommen sie. Heute ist Flugwetter.“ Ich sehe ihn heute noch, wie er vor der Haustür stand, sich rasierte und dabei immer zum Himmel schaute. Danach sang er in Endlosschleife das Lied „Das Schicksal wird keinen verschonen.“ Gegen Mittag kamen die Flugzeuge und es fielen Schüsse und Bomben. Am Rande des Wäldchens nahe unserem Dorf war eine FLAK (Fliegerabwehrkanone) stationiert. In unserer Nachbarschaft war eine Streuobstwiese, und da waren Schützengräben ausgehoben. Ich rannte dahin, doch die Gräben waren von Soldaten belegt. Dann lief ich zurück zu dem dazugehörigen Gebäude, durch den Stall, in dem Pferde standen, die allerdings sehr in Bewegung waren. Ich wundere mich heute noch, dass ich da heil durchgekommen bin. Auf der anderen Seite des Gebäudes war ebenfalls ein Schützengraben. Da fand ich meine Mutter mit meinem älteren Bruder und meiner Schwester. Als die Kampfhandlungen nachließen, kam mein Vater über den Hügel, der im Nachbardorf in einer Schuhfabrik gearbeitet hat. Er sah, dass unser Haus (Wohnhaus mit Scheune und Stall) beschädigt war, und er wusste, dass in der Scheune ein Kleinlastwagen mit Gasflaschen stand. Dann entdeckte er uns im Schützengraben, und ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen.

Bei diesen Kampfhandlungen sind an diesem Tag fünf Soldaten „gefallen“. Einer davon war unser Zigarrenmacher. Auch ein junges Mädchen wurde erschossen, das mit ihrem kleinen Bruder im Kinderwagen unterwegs war. Im Dorf waren einige Häuser beschädigt und zwei waren total zerstört.

Die Westpfalz und der Pfälzer Wald sind wie Schweizer Käse: Fast jeder zweite Berg ist hohl – schon zum Zweiten Weltkrieg. Kurz nach dem Ortsausgang unseres Dorfes ist auch so ein Bunker, der im Krieg als Behelfslazarett gedacht war. In diesem Bunker wurde dann das ganze Dorf untergebracht. Und da lebten wir bis zum Kriegsende.

Unser Haus stand neben dem Schulgebäude, das die US-Soldaten als Geschäftsstelle nutzten. So konnten wir beobachten, wie die Amis auf dem Schulhof die Lehrmaterialien, Bücher und Landkarten verbrannten. Wie immer und überall: Die Sieger zerstören die Kultur der Besiegten.

K.-H. Butz


Er kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln

Liebes Team der NachDenkSeiten,

Ich selbst bin erst in den 60ern geboren. Mein Vater war einer derjenigen, die die Jugend verloren hatten. Er erzählte nicht viel vom Krieg, er wollte das hinter sich lassen. Dennoch glaube ich, ist das Wenige dennoch wert, im Bewusstsein zu bleiben.

Mein Vater ist 1928 geboren und wuchs bei seiner Oma in ärmlichen Verhältnissen auf. Aufgrund seiner guten Noten durfte er ein Gymnasium besuchen, das auch ein Internat war. Er träumte davon, Arzt oder Diplomat zu werden. 1944 wurde er mit den anderen Schülern eingezogen. Es ging als Kanonenfutter Richtung Osten. Er hatte Glück im Unglück, denn der Feldwebel, der den Zug kommandierte, achtete auf seine Schützlinge und versuchte, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Er wusste, dass der Krieg verloren war, und leitete sie möglichst von den Gefechten weg. Dennoch verloren sie Kameraden.

Er kam in Gefangenschaft. Nahrung war knapp. Er bekam Ruhr und kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln. Das half, den Durchfall zu lindern, und rette wohl sein Leben. Eines Tages mussten sie antreten und es wurden Gefangene ausgewählt, die auf einen Lkw sollten. Mein Vater wusste ebenso wenig wie die anderen, ob die Ausgewählten etwas Positives oder der Tod erwartete. Er machte das blödeste Gesicht, das ihm möglich war, wurde ausgewählt und nach dem Transport bald freigelassen.

Ob das vor oder nach seiner Gefangenschaft war, weiß ich nicht, aber er erzählte einmal, dass er völlig ausgezehrt unterwegs war, als er eine weggeworfene Konservendose fand. Darin befand sich ein Rest angegammelter Nahrung. Er schlang das Festmahl mit Heißhunger hinunter.

Nachdem er freigelassen wurde, schlug er sich nach Westen durch und landete schließlich auf einem Bauernhof, auf dem er gegen Essen arbeiten durfte. Später kam er nochmals an seine alte Schule, die noch stand, und wollte seine Geige abholen. Das war das einzig Wertvolle, was er besessen hatte. Natürlich hatte sie schon ein anderer mitgenommen.

Wenn ich sehe, mit welchen Schein- und Luxusproblemen sich manche Jugendliche heute beschäftigen, denke ich, wie glücklich sie doch eigentlich sein müssten. Aber sie können ihr Glück nicht erkennen, weil sie keine Vorstellung von richtiger Not haben.

Meine Mutter war vor allem bei Kriegsende betroffen. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem Dorf im Erzgebirge, das damals zu Tschechien gehörte. Meine Mutter war 10 Jahre alt, als bei Kriegsende marodierende tschechische Banden in die deutschen Siedlungen einfielen und die Deutschen ohne Vorwarnung aus dem Haus jagten und vertrieben. Es gab in der Gegend einen Deutschen, der den sogenannten „Partisanen“ zeigte, wo andere Deutsche wohnten. Ob der Verräter dadurch selbst seiner Vertreibung oder Schlimmerem entging, weiß niemand.

Ihre Eltern hatten so etwas geahnt und ein paar wertvolle Sachen bei einem tschechischen Bauern versteckt, aber als sie sie dann mitnehmen wollten, behauptete dieser, es wäre nichts mehr da.

So kamen sie mit kaum mehr als der Kleidung auf dem Leib in einem Auffanglager in Hessen an. Im Grundbuch steht noch heute der Name ihrer Eltern als Eigentümer. Der Vater wollte nach dem Krieg keine Entschädigung annehmen, weil er davon ausging, dass er irgendwann wieder sein Haus und Hof zurückbekommen könnte. Jedoch starb er kurz nach meiner Geburt an Lungenkrebs. Er war Raucher und hatte im Krieg Zigarettenstummel aufgesammelt und die Reste zu neuen gerollt. Vielleicht hat das den Krebs begünstigt.

Vielleicht finden Sie diese Erlebnisse erwähnenswert.

Besten Gruß
Rainer Leutert


Hier können Sie den achten Teil und hier den neunten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

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Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXIV – „Von Butter und Kanonen: Der muntere Weg in die Kriegswirtschaft“


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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Diesmal geht es um die irrwitzige Aufrüsterei und deren soziale Folgen, die „die Menschen in unserem Lande“ willig hinnehmen, wenn nicht sogar fordern. Von Leo Ensel.

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Darf man der zeitengewendet atombombenfreundlichen taz-Journalistin Ulrike Herrmann zufolge auf gar keinen Fall das Soziale gegen das Militär. Denn einerseits: „Wenn man keine Freiheit hat, keine Sicherheit, dann ist der Rest auch schon egal. Also, hier will ja keiner unter dem Diktat von Putin leben!“ (Natürlich nicht.) Andererseits: „Man darf nicht das Soziale gegen das Militär ausspielen. Das ist ganz fatal. Also, man darf auf keinen Fall sagen: ‚Wir kürzen mal bei der Krankheitsversorgung, damit wir uns Waffen leisten können!‘ Sondern, das muss man zusätzlich finanzieren.“ (Aha.) Aber diese Quadratur des Kreises schaffen wir mit links, denn: „Die 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Rüstung sind nicht viel!“ (Die weiteren 1,5 Prozent, damit demnächst unter der Last der an die „Ostflanke“ rollenden Panzer die Brücken nicht zusammenkrachen, hat die Bestsellerautorin offenbar vergessen.) – Frau Herrmanns frohe Botschaft: „Jetzt muss keiner Angst haben, dass er demnächst verarmt!“ Na, also. (Schließlich können wir, so die tazlerin, auch noch weiter Schulden aufnehmen … Oder, wir sind ja immer noch irgendwie links, die Reichen mehr belasten.)

bereit, Opfer zu bringen
Sind laut Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) „die Menschen in unserem Land“. (Schließlich wissen sie: „Whatever ist takes“ für die Rüstung – genauer: fast die Hälfte des Bundeshaushalts – gibt es nicht zum Nulltarif! Und für dieses hehre Ziel opfern „die Menschen in unserem Land“ auch gerne mal den Sozialstaat.) Wie formulierte es Klingbeils Chef Friedrich Merz doch so hinreißend auf der Münchner Sicherheitskonferenz? „Bereitschaft zu Aufbruch, Veränderung und, ja, auch Opfern!“ (vgl. „empfindliche Nachteile in Kauf nehmen“, Opferbereitschaft“, „Opfermut“)

der aktuellen globalen Bedrohungslage Rechnung tragen
Tut laut Donald Trump das amerikanische Militärbudget für das Haushaltsjahr 2027, bei dem sich die Gesamtmittel für die Verteidigung auf 1,5 Billionen (nicht US-„billions“, sondern westeuropäische Billionen!!) Dollar belaufen. „Dieser Betrag übertrifft sogar den der Aufrüstung unter Reagan und nähert sich den historischen Steigerungen kurz vor dem Zweiten Weltkrieg an – ein Niveau, das der aktuellen globalen Bedrohungslage Rechnung trägt und die Einsatzbereitschaft sowie die Schlagkraft unserer Streitkräfte wiederherstellt.“ So der US-Präsident mit stolzgeschwellter Brust. – Conclusio: Offenbar befinden wir uns also jetzt „kurz vor dem Dritten Weltkrieg“.

deutlich mehr
Für militärische Sicherungsaufgaben und den Schutz der eigenen Infrastruktur müsse es nach Einschätzung von Generalleutnant André Bodemann künftig „deutlich mehr“ Soldaten im Heimatschutz geben. „Sechs Heimatschutzregimenter reichen nicht aus, um die verteidigungswichtigen Infrastrukturen zu schützen, wenn ich sie ausschließlich mit Heimatschutz schützen möchte“, so Bodemann, Befehlshaber des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr, bereits im März 2024. – Merke: Die Armee ist ein Menschenfresser. Und spätestens zu Kriegszeiten ein Nimmersatt!

eine Art Kriegswirtschaft
Forderte am 25. März 2026 in der Rheinischen Post der Chef des Bundeswehrverbandes, Oberst André Wüstner: „Die Rüstungsindustrie muss schneller als bisher ihre Produktionskapazitäten erhöhen, idealerweise endlich in einen Mehrschicht-Betrieb übergehen und gleichzeitig gemeinsam mit der Bundesregierung einen ,Kick-Down‘ entwickeln, um bei weiterer Eskalation in eine Art Kriegswirtschaft zu gelangen.“ – Warum der für seine wüste Sprache bekannte Wüstner sich immer noch – wie schon vor drei Jahren – so g‘schamig ausdrückt und nicht einfach frank und frei von „Kriegswirtschaft“ spricht, bleibt ein Rätsel. Früher oder später wird er jedenfalls, wie seine geistigen Vorfahren, wieder tönen: „Räder müssen rollen für den Sieg!“ (vgl. „Kick-Down“)

empfindliche Nachteile in Kauf nehmen
„Es geht nicht allein um das Territorium der Ukraine. Es geht um den im doppelten Sinne gemeinsamen Grund unserer Werte und unserer Friedensordnung.“ Diese Werte zu verteidigen und für sie einzustehen, bedeute aber auch die Bereitschaft, „empfindliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Sind wir dazu bereit? Vor dieser Frage stehen wir alle – heute und in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten.“ So dunkelraunend Bundespräsident Steinmeier im Juli 2022 anlässlich des fünfhundertsten Libori-Mahls – „Mittelpunkt des Libori-Mahls ist die Ansprache eines prominenten Festredners, der sich mit dem Thema eines in Frieden und Freiheit vereinigten Europas auseinandersetzt“ – zu Paderborn. – Zur Erinnerung, Herr Steinmeier: Rhetorische Fragen sind vorgekaute Antworten! (Oder gar Befehle?) (vgl. „bereit, Opfer zu bringen“, „ja, auch Opfer!“, „Wir“)

fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts
Für die Aufrüstung. Ins Deutsche übersetzt: Fast die Hälfte des Bundeshaushalts! Stemmen wir locker.

Generalüberholung des Sozialstaats
Und zwar mit Reformen, die auch „wehtun“! Die forderte Anfang des Jahres im oberbayerischen Kloster Seeon zu Beginn der Winterklausur der CSU-Landesgruppe Parteichef Markus Söder. Also: Gesundheitssystem „vom Kopf auf die Füße stellen“, „Blaumachen“ von Arbeitnehmern reduzieren, Rente mit 63 „schrittweise reduzieren“. Stattdessen: „die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee in Europa machen – nicht nur zahlenmäßig, sondern auch durch technologische Dominanz unserer Streitkräfte“. Und sie zur „echten Drohnenarmee“ auszubauen, die mindestens 100.000 Drohnen und auch ein Luftverteidigungssystem nach Art des „Iron Dome“ mit 2.000 Abfangraketen erhält. Weiterhin zur Abschreckung ein europäisches Arsenal weitreichender konventioneller Präzisionswaffen, „die den Gegner bis tief ins Hinterland treffen können“. Auf diese Weise wird sich Deutschland endlich „vom Zaungast zum Player“ entwickeln. Garantiert! (vgl. „empfindliche Nachteile in Kauf nehmen“, „ja, auch Opfer!“)

harte Budgetentscheidungen zwischen Kanonen und Butter
„Deutschland und Europa müssen aufrüsten. Auch wenn die Konsequenzen für die Staatsfinanzen dramatisch sein werden. Mittelfristig wird kein Weg daran vorbeiführen, harte Budgetentscheidungen zwischen ‚Kanonen und Butter‘ zu treffen.“ Stimmte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel), Moritz Schularick, die klassische Göring‘sche Formel zeitengewendet recycelnd, Ende 2024 die deutsche Öffentlichkeit schon mal für die kommenden (mageren) Jahre ein.

ja, auch Opfer!
„Bereitschaft zu Aufbruch, Veränderung und, ja, auch Opfern“. Der aktuelle traditionsbewusste Merz‘sche Remake von Churchills „Blood, Toil, Tears and Sweat“.

Kick-Down
„Die Rüstungsindustrie muss schneller als bisher ihre Produktionskapazitäten erhöhen, idealerweise endlich in einen Mehrschicht-Betrieb übergehen und gleichzeitig gemeinsam mit der Bundesregierung einen ,Kick-Down‘ entwickeln, um bei weiterer Eskalation in eine Art Kriegswirtschaft zu gelangen.“ – „… und die Russen dann ordentlich ‚down-kicken‘ zu können!“ Vergaß der medienaffine Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, André Wüstner, noch anzufügen. (vgl. „eine Art Kriegswirtschaft“)

krisenfest
Muss ab jetzt unser ganzes Land gemacht werden. Überall und jederzeit. (By the way: Wäre es nicht zutreffender, gleich von „kriegsfest“ zu sprechen?) (vgl. „kriegstauglich“)

kulturelles Problem
„Die ukrainische Innovationsgeschwindigkeit stellt Europas etablierte Rüstungsindustrie vor ein kulturelles Problem. Sicherheitskreise weisen im Gespräch mit der Berliner Zeitung darauf hin, dass europäische Verteidigungsministerien und traditionelle Rüstungskonzerne noch immer in Kategorien von 30-Jahres-Programmen mit aufwendigen Regulierungsprozessen denken. In der Ukraine dagegen gibt es eine direkte Verbindung zwischen Produzenten und Frontsoldaten.“ Die Rede war von der ukrainischen Drohnenproduktion. – Endlich wissen wir, was die Berliner Zeitung unter Kultur versteht! (vgl. „Inspirationsquelle“, „Praxisnähe“)

neue Sicherheitsstrategie
„Wir brauchen eine neue europäische Sicherheitsstrategie. Ich glaube, wir müssen dringend neu austarieren, wie wir all unsere politischen Instrumente einsetzen – Handel, Finanzen, Normen, Daten, kritische Infrastrukturen, Technologieplattformen, Informationen. Wir in Europa sollten bereit und gewillt sein, unsere Stärke entschlossen und proaktiv einzusetzen, um unsere Sicherheitsinteressen zu verteidigen. Dafür brauchen wir eine neue Doktrin, die im Grunde ganz einfach ist. Wir müssen sicherstellen, dass Europa jederzeit in der Lage ist, sein Territorium, seine Wirtschaft, seine Demokratie und seine Lebensweise zu verteidigen.“ So die EU-Kommissionsvorsitzende auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026. – Liebe Frau von der Leyen, das Rad ist längst erfunden! Vielleicht versuchen Sie es ja einfach mal mit der berühmten „erweiterten Abschreckung“? „Society Readiness“ in allen EU-Ländern bitte nicht vergessen!

neu justieren
Aktuelles Wort für „sparen und streichen“ – kurz: Sozialabbau!

nochmal eine Schippe drauflegen
„Die Europäer müssen auf das, was sie jetzt schon machen, nochmal eine Schippe drauflegen und sich überlegen, wie sie möglicherweise eine Abschreckung und auch eine Verteidigung Europas ohne amerikanische Unterstützung leisten können.“ So, als würde auf der europäischen Baustelle gerade Zement gemischt, mit der Schaufel in der Hand, der renommierte Ex-Zivildienstleistende Christian Mölling im „ARD-Brennpunkt“. (vgl. „gut begründeter Mut“, „Instrumente“)

Reformen
(Am besten solche, die „wehtun“!) Schrittweises Schleifen des Sozialstaats im Dienste der Aufrüstung.

strategisch wichtiger Schritt
„Der [bestimmter Artikel!] Beitritt der Ukraine zur EU wäre ein strategisch wichtiger Schritt für mehr Sicherheit und für mehr Wohlstand in Europa“. Verkündete Kanzler Merz im klassischen Orwell-Sprech am 14. April 2026. Wohlgemerkt: „Für mehr Sicherheit und für mehr Wohlstand in Europa“!

zusätzliches Sicherheitsnetz
„Ich will die staatliche Notfallvorsorge mit einem zusätzlichen Sicherheitsnetz versehen und ins 21. Jahrhundert holen“, kündigte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer am 1. Mai gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe an. „Neben den klassischen Reserven wollen wir künftig auch mehr sofort verfügbare Lebensmittel einbeziehen, also Konserven, die im Ernstfall direkt genutzt werden können.“ Dumm nur: Die kulinarischen Köstlichkeiten für den „Ernstfall“ liegen an mehr als 150 geheimen Standorten! (vgl. „Krisenvorsorge“, „preppen“)

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Titelbild: © Tina Ovalle

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Fronttaugliche Seelsorger: Deutschlands Kirchen bewerben sich für den Kriegsdienst


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Am Sonntag ist Pfingsten. Das Fest steht für Verständigung über alle Sprach- und Kulturgrenzen hinweg und will Mut machen, sich für Frieden, Liebe und Zusammenhalt einzusetzen. Wie feiern Deutschlands Kirchenführer? Sie predigen Russlandangst und denken schon heute über den Einsatz im Kampfgebiet von morgen nach. Von Ralf Wurzbacher.

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Mitte Mai stieg der 104. Deutsche Katholikentag in Würzburg. Und wer war mit dabei? Die Bundeswehr. Mit dem Generalinspekteur Carsten Breuer – „Als Christ und Soldat glaube ich, dass wir einen richtigen Weg gehen“ – und dem Inspektor des Heeres Christian Freuding – „Ich kann nur als Christ Soldat sein“ – schauten gleich zwei der ranghöchsten Repräsentanten vorbei und parlierten auf großer Bühne von Wladimir Putins vermeintlichen Angriffsgelüsten. Zitat Breuer: „Die Bedrohung ist real.“ 2029 sei das entscheidende Jahr. Anhand von Analysen könne man ablesen, dass Russland dann einen Krieg führen könnte.

Für den Konjunktiv rüsten Deutschlands Kirchen kräftig auf. Vom katholischen Militärbischof Franz-Josef Overbeck gab es in Würzburg das Okay zur schnellen Wiedereinführung der Wehrpflicht, für einen, wie er sagte, „verpflichtenden Dienst für die möglichen jungen Männer und dann auch Frauen“. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs sei ihm klar geworden, „dass es ohne eine Vermehrung der Soldatinnen und Soldaten – und zwar nicht zum Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern ab jetzt – nicht gehen wird“. Aber das reicht Overbeck nicht. Es müsse ebenso „einen Friedensdienst oder einen anderen Dienst in dieser Art“ geben. Wofür es den dann noch braucht, sobald erst einmal die Waffen sprechen?

„Geistlicher Operationsplan“

Beziehungsweise: Braucht es eine Kirche, die der Friedensbewegung in den Rücken fällt? Martin Pilgram von Pax Christi, einer ökumenischen Bewegung innerhalb der katholischen Kirche, hat vor nicht langer Zeit einen Brief an die Offiziellen der christlichen Kirchen in Deutschland verfasst. Aus seiner Sicht lassen die sich dafür einspannen, die Menschen in Deutschland „kriegstüchtig“ zu machen. Pilgram hat Sorge, der Ernstfall, sprich der Krieg, werde von den politisch Verantwortlichen vorbereitet. „Und da machen die Kirchen einfach mit“, wie er Anfang April dem Bayerischen Rundfunk (BR) sagte. Eigentlich würde er erwarten, dass sie „den Frieden vorbereiten“.

Anlass seines Vorstoßes war ein zunächst als „intern“ gekennzeichnetes Papier, das inzwischen veröffentlicht wurde. Titel: „Ökumenisches Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall.“ Es beschreibt auf 23 Seiten, wie die evangelische und katholische Kirche ihre Seelsorgestrukturen vor dem Hintergrund „neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen“ neu aufstellen will. Entstanden ist es nach einer Anfrage des Bundesverteidigungsministeriums (BMVg), ob die Militärseelsorge in der Lage sei, in einem Verteidigungsfall „adäquat Soldatinnen und Soldaten“ und „Menschen, die verwundet sind, die auf dem Rücktransport nach Deutschland sind“, zu begleiten. Das begriffen die Adressaten, darunter der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg, prompt als Handlungsauftrag, „weil wir genau wissen, wie wenig Personal die Militärseelsorge hat“. Alles andere wäre „fahrlässig“, so Felmberg, der das Konzept analog zum „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr schon während der Entstehungsphase als „geistlichen Operationsplan“ bezeichnet hatte.

„Gefallene“

Der umfasst manches mehr als bloß die Betreuung verwundeter oder traumatisierter Soldaten. Es geht auch um die Krisenseelsorge für die Zivilbevölkerung, etwa um das Überbringen von Todesnachrichten, darum, wie Massentraumatisierungen aufzufangen und die Belastungen der Helfer professionell zu begleiten sind. Betont wird die Fähigkeit der Kirchen, Informationskanäle und Krisenstäbe zu schaffen, um „die Menschen emotional und seelisch zu stabilisieren, Halt und Ordnung zu geben (…), mit den Herausforderungen umzugehen und den Weg zurück ins Leben zu finden“.

Die Rede ist von „hohen Opferzahlen“, wobei getötete Soldaten in militaristischer Diktion unter „Gefallene“ laufen. Die müssten würdig bestattet werden, wenn nötig mit „multireligiösen Trauerfeiern“. Eine „zivil-militärische Zusammenarbeit im Gesundheitssystem“ werde „eine engere Vernetzung mit Militärseelsorgenden notwendig machen“, heißt es weiter. „Kapazitäten für verletzte Soldaten, möglicherweise auch Zivilisten und psychisch überlastete Personen greifen tief in den Regelbetrieb ein und können selbstverständlich gewordene Standards der bestmöglichen individualmedizinischen Versorgung außer Kraft setzen.“ Dabei seien „Triagierungen und die damit verbundenen Herausforderungen (…) nur eine mögliche Intervention.“ Dabei werden, ob mit Absicht oder nicht, böse Erinnerungen an die Corona-Krise evoziert, die eine Zeit des fortdauernden Ausnahmezustands markierte – so wie demnächst vielleicht ein Krieg gegen Russland.

Bischöfe schauen „Markus Lanz“

Bemerkenswert ist, wie die Kirchen dieses Szenario als gesetzt erachten und die Lageeinschätzung durch Politik, Militärs und Medien eins zu eins übernehmen. „Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen“, liest man gleich zu Anfang auf Seite zwei. Das fungiere „quasi als Prämisse für alles Folgende“, konstatierte das evangelische Sonntagsblatt in einem lesenswerten Beitrag. Dabei seien sich „keineswegs alle relevanten Forschenden („Wissenschaft“) zum Thema Sicherheitspolitik einig, dass Russland plant, die NATO anzugreifen – auch wenn man diesen Eindruck nach drei Sendungen ‚Markus Lanz‘ möglicherweise gewinnen kann“.

Auch die im November 2025 von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) lancierte Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ lässt jede kritische Distanz zum Elitendiskurs vermissen, womit sie „der vorherrschenden Konfrontations- und Aufrüstungspolitik als Steigbügelhalter dient“, wie seinerzeit Marcus Glöckner bei den NachDenkSeiten kommentierte. Daran schließt das Rahmenkonzept Seelsorge nahtlos an, so als verbreiteten ausgerechnet NATO-Strategen die göttliche Wahrheit.

Als finde der Krieg schon statt

Die Autoren berufen sich bei all dem auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem neuen Testament, das als Jesu Weisung festhalte, „das jeweils Naheliegende zu tun“. In der Erzählung bewahrt der Wohltäter einen schwer verletzten Mann vorm Tod. Deutschlands Kirchenführer interpretieren das so: „Genau darum geht es, wenn in diesem Papier Bedrohungslagen entfaltet werden, die sich niemand ernsthaft wünschen kann: Es geht um seelischen Beistand bei gleichzeitiger eigener Betroffenheit.“ Was aber ist mit dem vielen Leid, das ein kommender Krieg anrichten könnte, dessen Anbahnung die Kirchen nicht mit all ihrer friedenspolitischen Kraft verhindert hätten? Darum geht es offenbar nicht beziehungsweise erst dann, wenn der Fall schon eingetreten ist.

Tatsächlich wirkt es so, als richteten sich die Kirchen schon im Worst-Case-Szenario ein. Die Zeitung ND (früher Neues Deutschland) schrieb am vergangenen Mittwoch:

„Das Papier enthält noch viele konkrete Einzelheiten, wie im ‚Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall‘ zu verfahren sei – erschreckend konkrete Einzelheiten, als finde der Krieg bereits statt. (…) Wer wagt es in dieser Situation, eine allgemeine Entflechtung von Staat und Kirche zu fordern oder gar eine Reduzierung von staatlichen Geldern an die Kirchen? Denn die wollen sich offenkundig gerade unverzichtbar machen.“

Es gibt wahrlich schon genügend Profiteure der dröhnenden Militarisierungskampagne, vorneweg macht die Rüstungsindustrie ein Bombengeschäft. Begehren die Kirchen einen Anteil daran? Denn natürlich bräuchte es mehr staatliche Unterstützung, damit sie als Seelsorger im Krieg ihren Mann stehen könnten. „Aufgrund der finanziellen Situation der Kirchen werden zurzeit auch dort Stellen abgebaut, wo sie im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall gebraucht werden“, heißt es im Text. Die Bundesregierung hat‘s bestimmt verstanden.

Papst überhört

Andere haben kein Verständnis. Für Friedensaktivist Pilgram von Pax Christi haben sich die Kirchen in Deutschland zumindest in Teilen davon verabschiedet, eine glaubwürdige Stimme für den Frieden sein zu wollen. Sie setzen kaum eigene Akzente und skizzierten keine Vorstellungen von aktiver Friedensarbeit. Das Sonntagsblatt verwies auf eine „besondere Verantwortung“ der Kirchen:

„Sie sollten nicht einfach mitplanen, wenn der Staat etwas plant, sondern auch mal einen Schritt zurücktreten und fragen, welche Prämissen diesem Plan eigentlich zugrunde liegen und wie überzeugend diese sind. Kriege entstehen oft nicht aus realen Bedrohungen, sondern aus Eskalationsdynamiken. Diese rechtzeitig und kritisch zu hinterfragen, ist eine Rolle, die den Kirchen gut zu Gesicht steht.“

Vielleicht sollten Deutschlands Kirchenchefs einfach mal auf ihr Oberhaupt hören. Papst Leo XIV. bekräftigte am 14. Mai bei einem Vortrag an der römischen Hochschule La Sapienza:

„Wir sollten eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit schürt, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie untergräbt und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl gleichgültig ist, nicht als ‚Verteidigung‘ bezeichnen.“

Der Kirchentag in Würzburg war zu diesem Zeitpunkt schon einen Tag im Gange. Auf der Bühne stand: das Oberhaupt der deutschen Streitkräfte …

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (3)


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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen berührenden Beiträge!

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Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.


Hier können Sie den ersten Teil sowie den zweiten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.“

Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten,

im Nachlass meiner verstorbenen Mutter (Geburtsjahrgang 1933) fand ich einige kurze handschriftliche Textpassagen mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die sie im Oktober 2000 verfasst hatte. Aus Anlass Ihres Aufrufes möchte ich Ihnen drei dieser Erinnerungen, die keinen zusammenhängenden Text bilden, übermitteln. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter völlig schockiert wäre, wenn sie erlebt hätte, dass deutsche Politiker heutzutage wieder von „Kriegstüchtigkeit“ faseln.

Eine kurze Erläuterung noch zu den Aufzeichnungen: Meine Großeltern führten eine große Dorfgastwirtschaft, die unmittelbar neben dem Bahnhof meines Heimatortes an der Bahnstrecke zwischen Köln und Minden lag. Nach Kriegsbeginn wurde dort ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem Franzosen und später auch Russen untergebracht waren.

Ich hoffe, Ihre Aktion findet große Resonanz und kann etwas bewirken. Halten Sie weiter stand gegen diese entsetzliche Kriegstreiberei!

Mit freundlichen Grüßen

Carola Zechert

„Im Mai 1940 erlebte ich mit Eltern, Geschwistern und Oma die erste Bombennacht. In dieser schrecklichen Nacht hielt sich unsere Familie, meine Oma, meine Eltern und Geschwister schon eine ganze Weile im Keller auf, als plötzlich ein dumpfer Einschlag uns aus der Unterhaltung hochschreckte. Wir stellten uns alle im Kreis auf, die Eltern und Oma umschlangen uns Kinder, und wir klammerten uns an die Eltern und schrien vor Angst. Bald war alles ganz still, und nach einer Weile gab es Entwarnung, und wir konnten nach oben gehen und fragten uns noch: ‚Wo das wohl war?‘

Das sollten wir erst morgens erfahren, als meine Großmutter ins Zimmer kam und uns die Hiobsbotschaft von unseren Verwandten brachte: ‚Bei Trudel und Reinhard ist eine Bombe aufs Haus gefallen, sie selbst sind mit den Kindern und der Oma im Keller gewesen und haben überlebt.‘

Nachmittags durften wir Kinder mit unserer Mutter auch gucken, was sich in der Nacht ereignet hatte. Ich sehe meine Tante noch vor mir mit einer Wolldecke über den Schultern und ihrem fünf Monate alten Säugling auf dem Arm. Sie stand wohl unter Schock, aber davon wußten wir damals noch nichts, und man erklärte es uns Kindern auch nicht.

Dann vergesse ich auch nicht, dass die Straßen rings um das total zerstörte Haus voller neugieriger Menschen waren, die sich drängelten, um alles in Augenschein zu nehmen.

Dass Krieg mehr heißt als nur siegen, wie wir es damals täglich im Radio hörten, bekamen wir im Laufe der Kriegsjahre deutlich zu spüren.

Mein kleiner Cousin (der fünf Monate alte Säugling) starb einen Monat später an einem Lungenriß, den er in der Bombennacht erlitten hatte. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, da ich bisher glaubte, nur alte Menschen müssten sterben und kämen in einen Sarg. Nun sah ich zum ersten Mal einen aufgebahrten Säugling im weißen Sarg liegen. Im selben Monat musste mein Vater in den Krieg.“

„Anfangs waren wir drei Kinder noch begeistert vom nächtlichen ‚Kellergang‘. Als wir aber ab 1940 zwei Jahre lang Nacht für Nacht geweckt wurden oder selber wach wurden, waren wir oft hundemüde am Morgen, wenn es zur Schule ging, und wir waren wütend auf unsere Feinde, dass sie ausgerechnet immer nachts kamen und uns im Tiefschlaf weckten.

Die Alarmtöne von Vor- und Vollalarm und danach Entwarnung sollte man auch als Schulkind schon erkennen können. Diese Heultöne erzeugten bei mir später immer Magenkrämpfe, die bis zum Erbrechen führten.“

„Ein Wachsoldat (des Kriegsgefangenenlagers) musste etwas bei uns erledigen in Begleitung eines jungen Russen, den ich noch auf den Steinstufen sitzen sehe. Für mich war das allerdings ein alter Mann mit seiner ‚Glatze‘ und seinem schmutzigen Stoppelbart. Meine Mutter brachte ihm schnell eine Schale Milch, und er schlürfte sie gierig aus, während der Soldat wegschaute. Meine Mutter meinte zu mir: ‚Wer weiß, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.‘ Denn er war seit Juni 1944 in Russland vermisst, und wir bekamen erst Silvester 1945 das erste Lebenszeichen von ihm.“


“Ja, Reinhard, wir leben.”

Ein herzliches Dankeschön an das Team der Nachdenkseiten!

Diese Aktion kann helfen, den peu à peu versiegenden Erzählstrom der Alten für die Jüngeren zugänglich zu halten. In der Gegenwart haben sich die Lebensverhältnisse ja stark verändert und selbst engste Familienmitglieder leben oft weit entfernt voneinander. Ich glaube allerdings, dass es wohl eher die “Mittelalterlichen” sind, die auf diesem Weg erreicht werden. Trotzdem – sei´s drum: Hier also mein Text:

Meine Großeltern haben bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren und Zuflucht im Geburtsort der Großmutter gesucht. Aus einem Garten am Rande der Kleinstadt wurden sie von einem Mann gefragt: “Kommt Ihr von Hannover? Ich habe da ´ne Schwägerin mit Mann.” Er hatte sie nicht erkannt! Es geht mir noch immer nahe, wenn ich an die Antwort meiner Großmutter denke: “Ja, Friedrich, uns geht es gut.” Es dauerte im Übrigen fast 10 Jahre, ehe wir (Großeltern und Eltern nach Flucht aus der DDR) mit einer Zuzugsgenehmigung für Hannover und teilweise verlorenem Baukostenzuschuss eine 3-Zimmerwohnung bekommen konnten!

Mein Vater erzählte, dass sein Vater (Schreiner von Beruf) – beunruhigt durch Radiomeldungen über Angriffe auf Ida Cäsar 4 – von weither angereist war, um wenn nötig zu helfen. Bei seiner Ankunft in Halberstadt kamen ihm viele, viele Menschen entgegen. Einer von ihnen fragte, wohin er denn wolle, und meinte dann: “Guter Mann, kehren Sie um! Da lebt keiner mehr!” “Wenn das so ist, dann will ich es mit eigenen Augen sehen!”, habe mein Großvater gesagt – und das war gut so. Denn tatsächlich lag im Viertel rings um unser Hinterhaus herum alles in Schutt und Asche. Als erste traf er meine (hannoversche) Großmutter mit mir an der Hand und hörte die erlösende Botschaft: “Ja, Reinhard, wir leben.” Ich habe zwischen Trümmern das Laufen gelernt und bin mit der Gräuelgeschichte von Herrn und Frau Bullermann großgeworden, die in den Kellern der Trümmergrundstücke wohnen und vorwitzige Kinder bei den Beinen packen und in den Keller ziehen, wo es ihnen schlimm ergeht – ein verzweifelter (und bedenklicher), überdies nur bedingt erfolgreicher Versuch von Erwachsenen, dem kindlichen Entdeckerdrang in einem gefährlichen Umfeld Einhalt zu gebieten.

Ich selbst (Jahrgang 1944) habe als sieben- oder achtjähriges Schulkind an einer “Steineklopfen”-Aktion meiner Schule teilgenommen. Plötzlich hieß es: “Alle Frauen und Kinder zurück!” Ich hörte, man habe wohl “etwas gefunden” und stellte mir vor, dass es sich wohl um tote Menschen handeln würde. An Blindgänger habe ich damals nicht gedacht – und tatsächlich ging es auch bald wieder weiter. Am Ende durften wir uns ein Stück aus dem im Trümmergrundstück gefundenen Hausrat aussuchen. Ich wählte eine kleine Vase. Aber meine Mutter reagierte ganz anders als erwartet: “Die Vase gehört uns nicht”, sagte sie und bestand darauf, dass ich sie zurückbrachte.


Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie.

Ich bin zwar erst 1957 geboren, kann mich aber noch gut an die ausführliche Erzählung meiner Mutter und Großmutter erinnern. Meine Großmutter war Deutsche und heiratete 1925 einen Niederländer und erhielt durch die Hochzeit die niederländische Staatsangehörigkeit und wanderte in die Niederlande aus und lebte in Rotterdam.

Am 14.Mai 1940 bombardierten die Nazis Rotterdam. Das Zentrum wurde völlig zerstört. Vier Familienmitglieder und Freunde starben. Meine Großmutter verstand die Welt nicht mehr. Immer und immer wieder erzählte sie von diesem Tag und was folgte: die Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland.

Meine Mutter war 1940 acht Jahre alt und war Niederländerin. Meine Mutter und alle ihre fünf Geschwister und mein Großvater sprachen perfekt Deutsch. Aber niemals habe ich einen Hass gegen Deutschland und Deutsche nach 1945 durch die niederländischen Verwandten erlebt.

Meine Mutter heiratete 1955 meinen deutschen Vater. Das Thema Krieg war ein ständiges Thema in meiner Familie. Meine Mutter hatte einen großen Wunsch an mich – dass ich nicht zur Bundeswehr gehe. Diesen Wunsch habe ich ihr erfüllt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer.

Dieter Klaucke


Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert

Sehr geehrte Damen und Herren,

gerne folge ich Ihrem Aufruf, meine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg mit anderen zu teilen.

Ich bin zwar erst 1954 geboren, aber habe noch heute einige Bilder aus meiner Kindheit im Kopf:

Mein Großvater kam erst 1952 aus russischer Gefangenschaft zurück. Er war Gott sei Dank nicht in Sibirien, sondern hat am schwarzen Meer beim Hafenbau mitgewirkt. Nach seinen Worten kein Zuckerschlecken, aber ich habe nie von ihm Klagen über schlechte Behandlung oder Folter gehört. Den Hunger haben sich Wärter und Gefangene brüderlich geteilt.

Nach wenigen Wochen im lokalen Krankenhaus zum Aufpäppeln kam er nach Hause. Psychologische Behandlung bzw. Betreuung gab es damals auch noch nicht.

Trotzdem habe ich heute mit Abstand das Gefühl, dass diese Zeit nicht spurlos an ihm vorüberging. Einer seiner Leitsätze war klar und deutlich: „Mir sagt keiner mehr etwas“, was natürlich zu einem sehr dominanten Auftreten der Familie und dem Umfeld führte. Auffällig habe ich auch in Erinnerung, dass er Frauen gegenüber sehr dominant auftrat. Für meine Mutter kein leichtes Dasein.

Auch kann ich mich sehr gut an die zum Teil schwer verletzten Kriegsheimkehrer erinnern. Da gab es unseren Poststellenhalter und Briefträger mit zwei Holzbeinen. Die Post fuhr er mit seinem Auto aus, der Weg zur Haustür war ganz offensichtlich jedes Mal schmerzhaft. Aber er engagierte sich als Chorleiter im örtlichen Gesangverein. Ich habe von ihm nie ein Wort der Klage gehört.

In guter Erinnerung blieben mir auch etliche Landwirte, die mit nur einem Arm oder einem Holzbein „ihren Mann“ bei der Bewirtschaftung ihrer Höfe „standen“.

Über die psychischen Schäden wurde in dieser Zeit nicht geredet. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die ihr Leben lang von Erinnerungen geplagt wurden.

Mein anderer Großvater hat diese Zeit im vollen Programm erlebt, vom Reichsarbeitsdienst bis hin zum Geschützführer im großen Krieg und nur kurzer amerikanischer Gefangenschaft. Er war für mich das Sinnbild eines zufriedenen Menschen.

Interessant war für mich als Kind auch, wenn die beiden bei Familienfeiern zusammensaßen. Ja, sie haben sich über ihre Kriegserlebnisse ausgetauscht, aber nicht als Helden, sondern ziemlich nüchtern und besonnen, zuweilen auch kritisch.

Mit den Jahren und meinem Erwachsenwerden kam bei mir der Gedanke, dass sie diese Zeit nicht einfach zu den Akten legen konnten. Schließlich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert.

Wie gehe ich heute mit dem Thema Krieg und Frieden um?

Ich erinnere mich sehr genau an den Tag, als ich zur Bundeswehr „einrückte“ und mein Großvater mich zum Zug fuhr. Ihn hat das sehr mitgenommen. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Erinnerungen an seine Einberufung und die kommenden 13 Jahre seines Lebens. Ich habe das erst viel später in Gesprächen mit ihm erkannt.

Mein späteres Berufsleben hat mich, ich gestehe es, in die Rüstungsindustrie geführt. Diese 10 Jahre haben mich fachlich, aber auch menschlich sehr geprägt. Ich weiß sehr genau, was der „Oppenheimer-Effekt“ bedeutet.

Das Wichtigste aber, ich habe in diesen Jahren gelernt, was Krieg wirklich bedeutet, auch wenn wir bei unserer Tätigkeit ja nur geforscht, entwickelt und Probeschüsse abgefeuert haben.

Heute beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Krieg und Frieden und wundere mich, mit welcher Begeisterung man kriegstüchtig werden will.

Die lautesten Schreier haben nicht verstanden, was Krieg aus einem Menschen macht. Der Mensch wird einerseits zum puren Verfügungsobjekt, quasi entmenschlicht, und zum anderen lernt er zwangsläufig, aus reinem Überlebenstrieb, dass man „zuerst schießen“ muss. Dazu kommt noch „Befehl und Gehorsam“; alleine dies zeigt, wie unmenschlich Krieg ist, denn ohne diese strenge Disziplin, ohne den Druck der Gewalt würde sich wohl kaum ein Mensch dafür hergeben, auf andere Menschen zu schießen.

Das ist für mich menschenverachtend, ja fast schon pervers.

Ich hoffe, dass es in naher Zukunft vernünftige Menschen und Politiker gibt, die den aktuellen Kurs ändern wollen und können. Folgt man der Geschichte, stehen die Zeichen aber nicht gut. Ganz offensichtlich gibt es nicht mehr genug Menschen an entsprechender Position, für die Frieden das höchste und wichtigste Gut ist.

Volker Obel


Noch ein Wort zu den Müttern…

Es war zeitiges Frühjahr 1945, ich war 8 Jahre alt, meine Schwester 5, mein Vater als Soldat an der Front in der Sowjetunion und Breslau zur Festung erklärte Großstadt. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt in der Nähe des Flugplatzes.

Die Front kam immer näher, Befehl! Alle Zivilisten sollten die Stadt verlassen. Im April aber nicht mehr möglich, da Breslau durch die Rote Armee eingeschlossen war. Davor weigerten sich viele Mütter mit ihren Kindern. Wo sollten sie so schnell auch hin! Unsere Häuser hatten Keller, die gegen Bomben und Beschuss keinen Schutz boten. Bei Alarm mussten wir einen Bunker aufsuchen.

Beim letzten Mal: Das Trommelfeuer grollte, alle Leute waren ganz still und hofften, dass der Bunker standhält. Leider hielt während der Zeit im Bunker unser Haus nicht stand. Es wurde durch eine Granate getroffen und nicht mehr bewohnbar. Wir zogen nun in die Innenstadt in eine fremde Wohnung. Nicht lange währte der neue Wohnsitz. Wieder eine Granate! Sie zerstörte das Treppenhaus und wir hausten einige Zeit im Keller mit Schmutz, Finsternis und Hunger. Während einer Feuerpause zogen wir weiter in der Stadt, um eine neue Unterkunft zu suchen. Wieder eine fremde Wohnung!

Hier war endlich Schluss mit Furcht und Finsternis in Kellern. Kapitulation!!

Der Krieg war zu Ende, die Rote Armee zog ein. Wir beguckten ängstlich und neugierig die Panzer, die Lkw und die Panjewagen und vor allem die fremden Soldaten. Als wir von ihnen ein Stück Brot bekamen, war die Scheu vor ihnen vorbei. Wir waren glücklich: Endlich frei von Angst zu sein, nicht mehr in Kellern hausen zu müssen und auf der Straße spielen zu können. Die aufregende Zeit war allerdings damit nicht vorbei.

Eines Abends kam unsere Mutter vom Enttrümmern und berichtete, dass wir wegziehen müssten, dass Breslau eine polnische Stadt wird. Wir sollten die Ersten sein. Unsere Eltern erzählten später, dass vormals illegale Antifaschisten das organisiert hatten, da sie erfahren hatten, was die Alliierten endgültig in Potsdam beschließen wollten.

Im Juli ging es los: Zu Fuß, mit Pferdewagen, mit Verpflegung und dem Schutz der Roten Armee. Das war notwendig, denn am dritten Tag knallte es. Wir verkrochen uns im Straßengraben und unsere Beschützer mussten irgendwelche Banditen abwehren. Wir Kinder fanden das recht abenteuerlich, war aber leider eine lebensgefährliche Situation.

Nach fast zwei Wochen kamen wir an unserem Ziel, in Dresden an. Unterkunft in Baracken, die vorher als Unterkunft für Zwangsarbeiter dienten. Unsere Mutter arbeitete dann als Betreuerin in einer Unterkunft für obdachlose und Waisenkinder, in der meine Schwester und ich auch untergebracht waren. Ich ging im September in Dresden/Neustadt zur Schule und alles war vorerst in Ordnung.

Aber an ein ruhiges Leben in diesen Umbruchzeiten war nicht zu denken. Unsere Mutter wurde angeworben und überzeugt, Neulehrerin zu werden. Wir mussten also während der Zeit des Lehrgangs für ein Jahr in einem Kinderheim leben. Dort ging es uns gut, aber unsere Mutter fehlte uns sehr. Leider waren Besuche zu dieser Zeit schwierig. Verkehrsmittel waren kaum vorhanden.

Nach dieser langen Zeit ohne Mutter endlich eine Wohnung in Freital! Wir waren wieder zusammen. Dann kam auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Wir waren als Familie wieder komplett, hatten eine Wohnung, Schule, Beruf und Arbeit.

Unbedingt und mit großer Dankbarkeit noch ein Wort zu den Müttern mit ihren großen und kleinen Kindern: Sie meisterten selbstlos diese schweren Zeiten. Sie trotzten Tod, Verletzungen, Krankheiten und Hunger! Halfen sich gegenseitig, wenn nötig.

Unsere „Zeitenwender“ vergessen oder negieren die Auswirkungen der Vorbereitung eines Krieges, geschweige denn die eines Krieges. Die Demonstrationen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht machen ein wenig Hoffnung im Kampf für eine friedliche Welt, aber es muss noch mehr Widerstand gegen die „Kriegstüchtig“- Maßnahmen geben.

Udo Heinzel

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXIII – „Es grünt so oliv! – Die Evergreens“


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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Heute geht es um die wundersame 360-, ähh: 180-Grad-Wende einer einstmals pazifistischen Partei. Von Leo Ensel.

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als junger Mann
Würden sich die grau gewordenen, zeitengewendeten Ex-Pazifisten nun reihenweise zur Bundeswehr melden oder gleich schnurstracks in die Schützengräben hopsen: Der pensionierte Streetfighting Man und Apo-Opa Joschka Fischer vorneweg, der feinsinnige Philosoph und Kinderbuchautor Robert Habeck sowie der bereits in einer toten Hose steckende Campino hinterdrein, gefolgt von Anton Hofreiter, der sogar bereit wäre, seine modische Frisur zu opfern. – Wäre. Würde. Und wenn meine Oma Räder hätte – hätte! –, dann wäre sie ein Auto! (Schade, dass der beliebte Konjunktiv für die tatsächlich jungen Männer und Frauen nicht gilt. Die sterben nämlich, wenn es so weit ist, im Indikativ.)

Bla-Bla-Institutionen
„Diese Bla-Bla-Institutionen – sie machen mich krank. Sie sind ein Zeichen von Schwäche.“ Klagte mit sorgendurchfurchtem Gesicht im November 2025 Ex-Außenminister Joschka Fischer bei einem Vortrag an der Berliner FU. Die Rede war von einer Europäischen Union, die „statt sich militärisch, technologisch und wirtschaftlich für eine neue Weltordnung zu rüsten, in der man sich nicht mehr auf die USA verlassen könne und einem aggressiven Russland gegenüber sehe, sich mit kleinlichen Streitigkeiten und unnötigen Prozessen beschäftige“. Logische Konsequenz des Ex-Kosovo-Kriegers und Ex-Ex-Spontis: „Über nukleare Abschreckung nachdenken, um Europas Sicherheit zu gewährleisten“! (vgl. „Pazifismus-DNA“, „strukturelle Pazifisten“)

Bollwerk der Demokratie (gegen den Faschismus im Osten)
„Wir sind die Partei, die das Bollwerk der Demokratie gegen den Faschismus im Osten ist!“ Donnerte Anfang Dezember 2025, von frenetischem Beifall umbrandet, ein anonymer, „Simon“ [Kampfname?] genannter, junger Bundeswehroffizier im smarten „Make Russia small again“-T-Shirt in die Bundesdelegierten-Konferenz der GRÜNEN. Und damit ja keiner auf die Idee käme, er könne etwa die Bandera-Faschisten in der Westukraine oder das Asow-Bataillon gemeint haben, schob er – sicherheitshalber – im selben Atemzug hinterher: „Gegen den Faschismus im eigenen Land, gegen das faschistoide Regime von Putin!“ (Der jäh aufbrausende Begeisterungsorkan auf der GRÜNEN-Bundesdelegiertenkonferenz wurde nur noch im Februar ’43 übertroffen.)

BundeswehrGrün
Es grünt so grün. In der Bundeswehr. Blatt- und Olivgrün als friedlich-synergetischer „Truppenmix“ – im „Verein grüner und grünennaher Bundeswehrangehöriger und ihr nahestehender Personen“ e.V. Für „Staatsbürger*innen in Uniform. Aktive Bürger*innen“. Besonders wichtig: „Dabei fühlen wir uns auch aktiv dem Ziel der Gleichberechtigung der Geschlechter verpflichtet und streben danach, bestehende Nachteile auszugleichen und die Präsenz von Frauen im Bereich der Sicherheitspolitik zu fördern.“ (vgl. „Uniform kennt kein Geschlecht“)

Diplomatie
Neues Synonym für „Appeasement“, „Einknicken“, „Verrat“.

egal, was meine deutschen Wähler denken
Auf Deutsch: „No matter what my German voters think“. Konsequenz: „I want to deliver to the people of Ukraine.“ Mit diesen heiligen Worten versprach am 1. September 2022 die wertefreudige (damalige) Außenministerin Annalena Baerbock der Ukraine vollmundig die Nibelungentreue. – Und nicht etwa ihren „German voters“. Die sollen, wie Bundespräsident Steinmeier bereits zwei Monate zuvor postuliert hatte, gefälligst „empfindliche Nachteile in Kauf nehmen“.

eigenverantwortlich
„Die Gewährleistung der Sicherheit könne nicht länger auf die USA abgewälzt werden, sondern müsse eigenverantwortlich erfolgen.“ So der uneigenverantwortlich ausgemusterte Anton Hofreiter von den GRÜNEN. Also: selber zahlen, selber aufrüsten, selber eskalieren und selber – (wieder mal) grandios verlieren! Am besten gleich mit der eigenverantwortlichen „Eurobombe“, ganz im Sinne seines im Trüben fischenden politischen Großvaters! (vgl. „Selbstbehauptung Europas“)

erwachsen werden
Muss Europa jetzt. Laut Joschka Fischer. Angesichts von Trump und Putin. – Auf Deutsch: Aufrüsten ohne Ende! (Eurobombe nicht vergessen.) (vgl. „geopolitische Minderjährigkeit“)

faschistoides Regime von Putin
Wer dagegen ist, kann inzwischen auch als GRÜNER der martialischen Rede eines strammen – anonym auftretenden – Offiziers von BundeswehrGrün aus vollem Herzen Standing Ovations zollen. Schließlich geht es ja gegen keinen Geringeren als den „zweiten Hitler“! – Motto: Was wir ‘33 nicht geschafft haben, schaffen wir heute: „Kein Fußbreit dem Faschismus!“ (In Russland.) (vgl. „Bollwerk der Demokratie“)

Generation Vietnam
Nicht zu verwechseln mit der „Generation Waschlappen“ – nein, gar nicht zu verwechseln! In der „Generation Vietnam“ verordnete sich am 29. Januar 2026 in einem Interview mit dem Tagesspiegel Ex-68er Joschka Fischer gemeinsam mit seinen ehemaligen Fisherman’s Friends. Und als Mitglied dieser alt-ehrwürdigen Generation weiß er: Auf die Amis ist kein Verlass. Vor den Russen werden die uns nie schützen. Also: Her mit der europäischen Atombombe – aber subito!

Hausaufgaben machen
„Europa muss seine eigenen Hausaufgaben in der Wehrhaftigkeit machen. Wir haben nach 1990 abgerüstet. Wir waren eines der hochgerüstetsten Länder Europas“, klagte nostalgisch der damalige Vizekanzler Robert – „Ein Mensch. Ein Wort.“ – Habeck auf der Konferenz „Europe 2024“ in Berlin. – Tja, das waren noch Zeiten … Damals im (ersten) Kalten Krieg!

irgendeine kleine Rolle am Rande
Die kann sich „das große Deutschland“ bezogen auf die Ukraine nicht erlauben! Gibt Joschka Fischer zu bedenken, der auf seinen letzten Metern mit Deutschland offenbar noch Großes vorhat. (Wie lautete nochmal das berühmte Spontimotto? „Wir wollen alles – und das sofort!“)

Make Russia small again
Auf Deutsch: „Decolonize Russia!“ – der amerikanische feuchte Traum schon in den Neunzigerjahren und seit der „russischen Vollinvasion“ in die Ukraine, vorzugsweise als T-Shirt-Slogan, immer wieder gerne aufgewärmt. Trendsetter war im Oktober 2024 Wolodymyr Selenskyj, gefolgt von der tapferen litauischen Leichtathletin Körnelija Düdaitė während der „Functional Sports World Championships“ 2024 in Budapest – sie wurde dafür disqualifiziert, worauf sie sich tief enttäuscht aus der Öffentlichkeit zurückzog –, bis hin zum umjubelten Auftritt jenes „Simon“ genannten anonymen Bundeswehroffiziers auf dem legendären Hannoveraner Parteitag der GRÜNEN, Anfang Dezember 2025. – Kleine Erinnerung für die forschen Decolonizer: Die neue russische Nukleardoktrin vom November 2024 sieht für den Fall einer Bedrohung der territorialen Integrität Russlands nichts weniger als den Ersteinsatz von Atomwaffen vor!

Panikwerte
„Brauchen wir jetzt doch n‘ starkes Militär? Nicht, um irgendwen anzugreifen, sondern um in der Lage zu sein, im Notfall das zu verteidigen, woran wir glauben: unsere Panikwerte, unsere Freiheit, Weltoffenheit, sensibles und friedliches Miteinander, unser Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nölte panisch – ohne Bedrohungsanalyse, aber tüchtig kriegstüchtig – Altrocker Udo Lindenberg. Und stimmte prompt seine beliebteste Hymne an: „Dazu sind Kriege da!“ (vgl. „alternativlos“)

queerfeldein marschieren
Grund 30 von „70 verdammt guten Gründen, die Bundeswehr als Arbeitgeberin neu zu sehen“: „Weil wir auch queerfeldein marschieren.“ Ultimativer Grund also, sich für die „woke & wehrhafte“ Truppe endlich zu outen! – Alles auch barrierefrei und in leichter Sprache – mit Edvard Grieg für den Krieg. (vgl. „WeTime“)

relevante Stakeholder
„Wenn man so ‘nen Gesetzestext schreibt, kann man den doch eigentlich nur gut schreiben, wenn man auch die relevanten Stakeholder miteinbezieht. Man hat, bevor das im Kabinett beschlossen wurde, kein einziges Mal die Bundesschülerkonferenz angefragt. Das ist nicht in Ordnung, das kann ich nicht nachvollziehen.“ So Quentin Gärtner, Mitglied der Grünen Jugend und bis kurz zuvor Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Mitte Oktober letzten Jahres regierungsfromm im Phoenix-Interview. (Es ging um die Wiedereinführung der Wehrpflicht.) – „Relevante Stakeholder“: kreative Umschreibung für „prospektives Drohnenfutter“! Kreiert von den Betroffenen selbst.

Uniform kennt kein Geschlecht
Die passende Werbung für die vielfältige – um nicht zu sagen: „woke & wehrhafte“ – Truppe. ABER: Statt für die Bundeswehr, fürs Bundesheer! (Österreichs.) Kleine Kostprobe gefällig? „Was lange als unerschütterliche Männerdomäne galt, befindet sich im Wandel. In den Kasernen des Österreichischen Bundesheeres übernehmen heute Frauen Führungsaufgaben, treffen Entscheidungen und prägen den militärischen Alltag. Schritt für Schritt verändert sich damit das Bild einer Institution, die jahrzehntelang von rein männlicher Tradition geprägt war. Frauen sind längst mehr als ein ‚Add-on‘ – sie sind ein sichtbarer Teil einer Armee, die sich öffnet, weiterentwickelt und neue Wege geht. Dort, wo Teamgeist nicht nur ein Schlagwort ist, sondern gelebte Haltung, wird die Uniform zum Fundament für echte Entwicklung, Verantwortung und Chancengleichheit.“ – Kurz: Die Uniform als ultimatives Symbol der Emanzipation! Und, wie es der Zufall so will, kennt nicht nur sie, sondern auch der Tod kein Geschlecht. Wie sang mal jemand? „Soldat:innen sehn sich alle gleich/ lebendig und als Leich!“ – PS: „Am 23. April 2026 lädt das Bundesheer zum Girls’ Day – und macht erlebbar, was sonst oft nur von außen sichtbar ist.“ (Erlebbar machen, was sonst oft nur von außen sichtbar ist … Endlich!) (vgl. „woke und wehrhaft“, „queerfeldein marschieren“)

vollumfassender Kulturwandel
Als bevölkerungsreichstes Bundesland wolle Nordrhein-Westfalen „eine führende Rolle in Sachen Rüstung und Resilienz“ einnehmen. Alliterierte im Oktober 2025 die grüne Landwirtschaftsministerin Mona Neubaur auf dem „Mittelstand Defense Forum“ in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sei „kein Fremdkörper unserer Wirtschaft“, sondern „Ausdruck unserer neuen Realität“. Die „neue Bedrohungslage“ müsse „akzeptiert werden.“ Logische Konsequenz: „Wir müssen uns auf einen Ernstfall vorbereiten.“ Schließlich sei die gesamte Gesellschaft betroffen. Es handele sich um einen „vollumfassenden Kulturwandel“. – Womit die konvertierte Grüne umgehend ein wohlverdientes Lob der WELT einheimste: „Dass eine Grüne so spricht, zeigt, wie weit sich die Erkenntnis, dass Europa wehrfähig werden muss, im politischen Raum durchgesetzt hat.“ (vgl. „kulturelle Umprogrammierung“, „Mentalitätswechsel“)

Titelbild: © Tina Ovalle

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

(Auszug von RSS-Feed)

Die „Fähigkeitslücke“ muss nicht bei der Bundeswehr, sondern in den Köpfen der Journalisten geschlossen werden


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Warum die FAZ noch keinen Stahlhelm über ihrem Logo hat, ist unklar. Klar hingegen ist: Das Frankfurter Blatt trägt den Kurs der Militarisierung mit. Auf „Kein Recht auf Fahnenflucht“, auf Fragen wie „Brauchen wir die Bombe?“ und „Würden wir Deutschen so tapfer kämpfen wie die Ukrainer?“ folgt: „Wir brauchen diese Raketen, um Putin abzuschrecken“. In dem Beitrag liefert FAZ-Mitherausgeber Berthold Kohler ein Plädoyer für Mittelstreckenraketen in Deutschland. Der Grund: Putin, Putin und nochmal Putin. Kohler geht es um „Abschreckung“, es geht ihm darum – Achtung –, „Fähigkeitslücken“ zu schließen. Es muss endlich Schluss sein mit der „Vogel-Strauß-Politik“, meint der FAZ-Mann. Ein Text, der Substanz durch Überzeugung ersetzt, zeigt: Eine „Fähigkeitslücke“ gibt es tatsächlich. Sie liegt allerdings nicht bei der Bundeswehr, sondern in so mancher Redaktion – wo es an der Fähigkeit fehlt, einfache Zusammenhänge frei von ideologischer Verblendung zu erfassen. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

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„Die Europäer müssen die Fähigkeitslücken bei den weitreichenden Waffen schließen“, schreibt Kohler gleich zu Beginn seines Beitrags. Warum die Europäer dergleichen angeblich müssen, darauf liefert der FAZ-Mitherausgeber bis zur letzten Zeite kein tragfähiges Argument.

Ja, ja: Wir alle kennen die alte Leier von: Putin, Putin, Putin. Da gibt es doch angeblich diese „Bedrohung“.

Wie aus dem Baukasten der Schwachsinnspropaganda fließen die Schlagworte in den Text: „Kreml“, „Königsberg“, „nuklear bestückbare Raketen“, „Berlin“, „Warschau“, „in Minuten erreichen“.

Es gab eine Zeit, da haben für die FAZ großartige Denker geschrieben. Da boten Journalisten in Texten schlüssige, tragfähige Argumentationen an. Der Artikel „Wir brauchen diese Raketen, um Putin abzuschrecken“ soll dazu dann das Kontrastprogramm sein, oder wie?

Ja, ja, hinlänglich ist bekannt: Der Kreml hat in Königsberg Raketen stehen, die nuklear bestückt werden können. Den Grund unterschlägt Kohler, nämlich: NATO-Osterweiterung, die verstärkte Präsenz der NATO im Baltikum, US-Abwehranlagen.

Der Kreml hat auch Hyperschallraketen, die von überall in Russland ratzfatz zum nuklearen Angriff rausgeschickt werden können. Und jetzt? Hat der böse Putin schon angegriffen? Eben. Das Problem: In der Sinnwelt des FAZ-Artikels gibt es diese „Bedrohung“. Putin könnte ja angreifen. Und deshalb brauche Deutschland eben Mittelstreckenraketen – zur Abschreckung.

Man weiß gar nicht, wo man bei diesem Sammelsurium gedanklicher Absurdität ansetzen soll.

Warum sollte Russland, wenn es denn vorhätte, anzugreifen, warten, bis Deutschland sich mit Mittelstreckenraketen ausrüstet? Überhaupt: Was sollten Mittelstreckenraketen bewirken, wenn Russland seine geballte atomare Kraft einsetzen wollte? Und die viel grundlegendere Frage: Warum sollte Russland überhaupt angreifen? Weil Kriegstreiber in Politik, Medien und Militär ihren Feind im Kopf zur öffentlichen Angelegenheit machen wollen? Weil Publizisten, so wie ein kleines Kind Angst vor dem großen, bösen Wolf hat, ihre Angst vor dem angeblich großen, bösen Russland nicht im Griff haben?

Kohler spricht in bester NATO-Manier von einer „Fähigkeitslücke“, die angeblich zu schließen sei.

Ganz falsch liegt er damit nicht. Es gibt tatsächlich eine „Fähigkeitslücke“, die dringend geschlossen werden sollte. Diese Fähigkeitslücke liegt allerdings in jenen Redaktionen, wo es an der Fähigkeit fehlt, die Realität frei von ideologischer Verblendung zu erfassen.

Titelbild: Screenshot FAZ

(Auszug von RSS-Feed)

Krieg oder Frieden? „Wir stehen am Scheideweg“


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Wie spielt man auf der Bühne ein Theaterstück zum Thema „Krieg“? Vor allem aber auch: Wie lässt sich so ein Theaterstück mit einem kritischen Blick umsetzen? Zwei Theaterschauspielerinnen haben einen Weg gefunden. Das Stück „Krieg oder Frieden“ richtet die Perspektive auf die aktuell von Politikern angestrebte Kriegstüchtigkeit und geht den Fragen nach: „Was ist Krieg?“ Und: „Wo fängt er an – im Außen oder im Innern?“. Im Interview mit den NachDenkSeiten sprechen Magdalena Scharler und Jenny Helene Wübbe über ein Theaterstück, das auf eine Weise entstanden ist, die erkennen lässt: Beide haben das Thema ernst genommen. Ein gut 15 Meter langer Tisch war gefüllt mit Büchern. „Wir haben gelesen und gelesen und gelesen“, sagt Wübbe. Eine Erkenntnis: Die Gesellschaft habe den Bezug zum Krieg komplett verloren, „wir wissen nicht mehr, was Krieg bedeutet.“ Scharler merkt an: „Entstanden ist die Idee aus unserer persönlichen Fassungslosigkeit darüber, dass diese unsägliche Kriegstreiberei der Politik und vieler Medien verhältnismäßig unwidersprochen bleibt.“ Von Marcus Klöckner.

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Marcus Klöckner: Frau Scharler, Frau Wübbe: „Krieg oder Frieden?“ – ist das hier die Frage?

Magdalene Scharler: Für mich ist es, glaube ich, weniger eine Frage als eine Entscheidung, vor der ich wie jeder von uns und vor der wir auch als Gesellschaft jeden Tag stehen.

Ganz ohne Kitsch, sondern ganz praktisch – setze ich mich in Bewegung, um etwas für den Frieden zu tun, in mir selbst, in meinen Beziehungen, in meinem weiteren Umfeld … Oder entscheide ich mich für das kriegerische Prinzip, in dem ich passiv und faul bleibe und weil ich nicht verzeihen oder verstehen, nicht ins Gespräch gehen will, geschweige denn auf eine Demo. Oder weil ich auch kein Buch lese, das vielleicht alles, was ich bisher dachte, in Frage stellen könnte …

Aber ja – wenn Sie das so fragen – es ist wahrscheinlich schon so ein Sein- oder Nicht-Seins-Moment, den wir gerade erleben. Daher: Ja, das ist jetzt und hier die Frage.

Jenny Wübbe: Es ist für mich auch die große Überschrift von dem, was jetzt auf uns zukommt. Es ist die Konsequenz daraus, wenn das jeweils andere in seiner Kraft versagt. Ja, eine Entscheidung, wir stehen jetzt am Scheideweg: Wohin gehen wir? Gleichzeitig schwingt da auch die Chance, die Möglichkeit auf Frieden mit – für die es dann aber auch eine aktive Entscheidung braucht.

MS: Und vielleicht schwang das bei der Titelgebung für unser Stück mehr oder weniger bewusst auch mit, die Ungeduld und Provokation: Liebe Leute, was wollt ihr denn jetzt?! Entscheidet Euch! Und handelt dann. Jetzt.

In Ihrem Theaterstück greifen Sie ein zentrales Thema auf: Deutschland soll „kriegstüchtig“ werden. Erzählen Sie uns bitte mehr von Ihrem Theaterstück. Was ist der Ansatz? Worum geht es?

MS: Aus der Rückschau betrachtet war unser Ansatz vermutlich der, dass wir ja selbst gar nicht wissen, was Krieg ist, uns aber aus vielen Gründen sehr unwohl dabei war, wie schnell das ging mit dem „Hurra, wir machen Deutschland kriegstüchtig!“.

Unsere Generation hier in Deutschland kennt natürlich die Familientraumata, die verursacht wurden durch das, was unsere Großväter getan und auch erlitten und dann in verwandelter Form weitergegeben haben, aber ansonsten kennen wir doch Krieg nur aus dem Fernsehen.

Für mich kam der Krieg dann allerdings spürbar näher, als 2015 die große Flüchtlingswelle nach Deutschland kam – und ich einige Jahre sehr intensiv mit Flüchtlingen aus Syrien und Irak Theater gemacht habe. Wir hatten zufälligerweise immer Endproben, also sehr intensive Probenphasen, wenn gerade die „Endkämpfe“ um Aleppo oder Afrin waren. Und da sind die Leute dann während der Proben zusammengebrochen, waren wortwörtlich gelb und grün im Gesicht, weil das Haus der Mutter, die noch dort war, bombardiert wurde und man stundenlang nicht wußte, was ist usw., und sie wollten dann aber unbedingt weitermachen, weiterproben, Theater machen … – aber das ist alles ein ganz eigenes Thema …

Und jetzt geht es darum …

…, dass wir in unserem Stück erstmal gar nicht den Anspruch stellen, von irgendetwas Ahnung zu haben – unser hoffentlich gesunder Menschenverstand, unser Herz sagt uns zwar: Krieg ist nicht gut. Und deshalb haben wir uns entschieden, dieses Stück zu machen. Aber dann gehen wir darin vor allem auf Forschungsreise – Erster Weltkrieg, Clausewitz, Drohnen, Risikokapital – der neue Big Player in der Kriegsindustrie, Kognitive Kriegsführung. Wir versuchen, uns selbst eine Meinung zu bilden, die Zusammenhänge zu verstehen, und lassen das Publikum an unseren Entdeckungen teilhaben – es kann danach denken, was es will. Aber eben informierter als zuvor. Es kann nicht mehr sagen: Huch, das haben wir aber nicht gewusst.

JW: Das Wesen des Krieges verändert sich momentan mit den KI-basierten Waffensystemen ähnlich grundlegend, wie es das im Ersten Weltkrieg getan hat. Es ist kein Raum mehr da für menschliches Zögern, Hadern, es gibt keine Möglichkeit der Gnade mehr. Was im Ersten Weltkrieg das Gas war, ist heute die Drohne auf einem Besenstil. Das stellen wir in unserem Stück gegenüber.

Hinzu kommt – und das ist ein Hauptaspekt im Stück –, dass es nun einen weiteren Kriegsschauplatz gibt: Das menschlich Gehirn bzw. der Mensch an sich. Das klingt erst einmal alles nach großer Verschwörungstheorie, kann man aber alles auf der Website der NATO nachlesen. Krieg wird nicht mehr „nur“ auf dem Land, in der Luft, im Wasser, Weltall oder Cyberspace geführt – sondern kognitiv, im menschlichen Gehirn. Das war eine Thematik, mit der wir uns für unser Stück befassen mussten – weil sie den Krieg so verändert, dass wir ihn nicht einmal mehr merken.

MS: Dabei stehen wir mittendrin.

JW: Und sind selbst die Waffe.

MS: Ja, konsequent zu Ende gedacht ist das tatsächlich so – wenn wir zum Beispiel die Algorithmen füttern, die Frequenz in den sozialen Medien mit unseren Beiträgen erhöhen und die Aufmerksamkeitsverschmutzung unserer Gehirne dadurch munter mitbeschleunigen, oder indem wir die vorgedachten Gedanken weitergeben. Ach, das führt jetzt viel zu weit …

JW: Da kann man unser Stück gucken oder das Buch von Jonas Tögel lesen.

MS: Was ja sicher die meisten Leser der NachDenkSeiten sowieso getan haben. Aber viele in unserem Publikum eben nicht – und das ist sehr spannend, zu erleben, wie sie auf diese Informationen reagieren. Überraschend unvoreingenommen, aber eben auch naiv.

Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

MS: Entstanden ist die Idee aus unserer persönlichen Fassungslosigkeit darüber, dass diese unsägliche Kriegstreiberei der Politik und vieler Medien verhältnismäßig unwidersprochen bleibt; und dass die meisten Theater da leider wieder sehr still sind – so wie bei Corona auch.

JW: Als ich in die Oberstufe kam, wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Es gab damals (in meinen Kreisen) keinen Zweifel darüber, dass das eine gute Sache ist. Umso fassungsloser macht es mich, zu erleben, wie die Bewertungen von Krieg oder Frieden sich heute vertauscht haben; wie sich das Blatt einmal komplett gewendet hat, ohne großen Aufschrei. Der Diskurs darüber findet schlicht und ergreifend nicht statt. Theater sind doch Orte für gesellschaftliche Debatten und Dialog. Aber auch hier wird darüber viel geschwiegen, wird weggeschaut und ignoriert. Ein Armutszeugnis, wenn Sie mich fragen. Naja, da haben wir uns gesagt: Worüber ein Stück machen, wenn nicht darüber?

MS: Und ich kann mich erinnern an die Demos in meiner Schulzeit, damals gegen den Irak-Krieg von Bush Junior. Da sind alle Schüler – und die meisten Lehrer gleich mit – vormittags demonstrieren gegangen. Und Schröder hat doch eigentlich mit seinem Nein zum Irak-Krieg die Wahl gewonnen. In meiner mündlichen Abiprüfung habe ich über die Kriegslügen der USA, Massenvernichtungswaffen etc. pp. gesprochen. Das war die Stimmung, von der ich als 80er-Jahre-Kind immer dachte, es sei quasi so etwas wie ein inoffizielles deutsches Grundgesetz, dieses „Nie wieder“.

JW: Und jetzt fragt man sich: Wo ist das alles hin?

MS: Wir waren am Freitag beim Schulstreik gegen Wehrpflicht hier in Berlin. Das ist toll, was die Schüler da auf die Beine stellen. Wie kreativ und klug sie das auch machen. Aber man fragt sich: Wo sind die ganzen Eltern?!

JW: Auch die Eltern von den Kindern, die noch zu klein sind, um selbst zu streiken …

Wie sieht konkret die Umsetzung auf der Bühne aus?

MS: Ja, da hatten wir lange eine Scheu – wie können wir das machen? Wie können wir zwei Mädels diesem Thema in seiner Existenzialität und Dimension gerecht werden. Das war uns sehr wichtig, da einen intelligenten Kniff zu finden … Und der Kniff ist, glaube ich, mehr denn je das Spielen. Es ist die ganze Zeit im Stück total ersichtlich, dass wir spielen – wie die Kinder. Und dabei verhandeln wir eben hochkomplexe Inhalte. Wir erobern sie uns. Und es gibt dabei immer wieder was zu lachen. Humor ist so wichtig, damit es eben nicht dieses Oberlehrerhafte bekommt oder ins Betroffenheitstheater mutiert. Nö, wir spielen mit Inbrunst, voller Liebe zu den Möglichkeiten, die das Theater bietet – da wechseln wir dann auch recht hemmungslos zwischen diversen Spielstilen und geschichtlichen Epochen hin und her. Es gibt zum Beispiel zwei NATO-Generäle, die haben bei aller Finsternis, die sie verhandeln, fast schon was Clowneskes und dabei verschroben Liebenswertes – sie sind eigentlich die Publikumslieblinge.

JW: Umso besser kriegen wir aber die Heftigkeit dessen, was sie verhandeln, in den Köpfen der Menschen platziert.

MS: Weil man ihnen erstmal offen begegnet, sich schon freut auf ihre nächste Szene, und nicht von vornherein denkt: Ach ja, die Welt ist schlecht und kompliziert, ich weiß. Da schalt ich lieber ab.

JW: Und umso stärker wirken im Gegensatz dann auch die stilistisch und inhaltlich ganz anderen Szenen, die zum Beispiel recht nüchtern aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs berichten.

MS: Wobei es auch da übers Spielen beginnt – wir spielen erstmal Szenen nach und plötzlich sind wir drin im Kriegsschauplatz, im Schützengraben. Und da ändert sich dann der Tonfall.

Wie haben Sie sich diesem Thema genähert? War es schwer, das Ganze in ein Theaterstück zu verpacken? Haben Sie viel recherchiert?

JW: Wir hatten einen sehr, sehr langen Tisch. Wirklich, der ist extrem lang, bestimmt 15 Meter. Und der war voller Bücher: Wir haben uns des Themas aus allen möglichen Richtungen angenommen, haben recherchiert in der Geschichte, Literatur, Philosophie und Psychologie. Wir haben gelesen und gelesen und gelesen, haben uns regelrecht in dem Thema gewälzt – bis wir damit in den Probenraum gegangen sind.

MS: Und da haben wir dann erstmal rausgehauen. Also wir haben alles, was wir uns angelesen haben, in Improvisationen verwandelt – ganz unvoreingenommen, ohne großen Plan. Wir hatten diese wirkliche Masse an Informationen in uns und haben dann im Spielen geprüft: Was ist geblieben, was haben wir so verinnerlicht, dass wir es ad hoc in Spielszenen verwandeln können. Wohin führt uns das?

JW: Da entstehen dann Dinge, Umsetzungsmöglichkeiten, die kann man sich vorher gar nicht ausdenken.

MS: Und dann kommen natürlich auch so Glücksgeschenke dazu. Die Grundidee zu unseren zwei NATO-Generälen zum Beispiel. Sie stammt aus einer Art Essay von August Cole and Hervé Le Guyader „Cognitive – A 6th Domain of Operations?”, veröffentlicht im Auftrag der NATO. Ein Machwerk, das macht einen, auch unter künstlerischen Gesichtspunkten, sprachlos – da verhandeln nämlich tatsächlich zwei fiktive Generäle dieses hochkomplexe Thema auf dem Niveau eines Groschenromans. Und so etwas ist für uns natürlich bestes „Spielfutter“.

JW: Das wird dann bis zum Exzess weitergesponnen.

MS: … und dann wieder auf spielbare oder vielmehr anguckbare Temperatur zurückgedampft.

JW: Ja, das Schwierigste war eigentlich immer die Entscheidung: Was kommt ins Stück? Es ist so ein umfassendes Thema, dass wir damit locker drei weitere Stücke hätten füllen können. Das Konzept für ein Anschluss-Stück steht bereits. Jetzt benötigen wir die Gelder dazu.

In Ihrer Pressemitteilung platzieren Sie drei Fragen zentral, nämlich: „Warum ist Kriegstüchtigkeit plötzlich sexy und Frieden von gestern? Was ist überhaupt Krieg? Und wo fängt er an – im Außen oder Innen?“
Haben Sie mittlerweile Antworten darauf gefunden?

JW: Krieg ist, wenn ich dem Gegner meinen Willen aufzwinge. Und weil der das in der Regel nicht will, kommt es zur Gegenwehr.

MS: Und damit das gar nicht erst passiert, die Gegenwehr, wird in den Köpfen und Herzen der Menschen rummanipuliert. Also beginnt der Krieg eigentlich immer Innen.

Das ist vielleicht unsere Haupterkenntnis, frei nach Clausewitz, der eigentlich eh schon alle Antworten parat hat. Man muss sie nur ernst nehmen und nicht glauben, sie hätten mit der Gegenwart nichts zu tun.

JW: Wir haben den Bezug dazu komplett verloren, wir wissen nicht mehr, was Krieg bedeutet. Es ist nicht nur ein cooles Computerspiel – wie es auf der Website der Bundeswehr übrigens bestens inszeniert wird. Man fährt nicht an die Front, um dort ein bisschen Kaffee für die Kollegen zu kochen. Im Ernst, das wird von manchen Menschen echt gedacht.

Es ist, wie Magdalena sagt: eine tägliche Entscheidung. Und die ist nicht schnell und bequem oder leicht getroffen. Die Bequemlichkeit spielt, denke ich, auch eine große Rolle. Ich sehe es ja auch in meinem eigenen engen Umfeld: Es wird nicht hingeschaut, es wird ignoriert und lieber auf ein leicht verdaulicheres Thema fokussiert. Die Kriegsmaschinerie kann dabei total freidrehen, ihr werden keine Grenzen mehr gesetzt.

Aber wir müssen diese Entscheidung treffen. Wir haben die Wahl, jeden Tag aufs Neue. Wir können das.

MS: Der großartige Alexander Kluge, der ja viel zum Krieg gearbeitet hat, hat gesagt: „Wir müssen nicht nur über Krieg erzählen, nicht nur über Frieden schließen, nicht nur nachbeten, was die Medien sagen. Sondern in unserer wirklichen Erfahrung müssen wir nachgucken, um zu studieren, was Krieg und was Frieden ist. Da liegen die Auswege.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Anmerkung Redaktion
Das Stück von Magdalena Scharler und Jenny Helene Wübbe ist hier zu sehen:

30. Mai 2026, 20:00 Uhr
Theaterwerft Greifswald
Bahnhofsstraße 44 / 45, 17489 Greifswald
Tickets: 15 / 11 Euro, www.theaterwerft.de

3. Juni 2026, 19:00 Uhr
Kulturkirche St. Jakobi, Stralsund
Jacobiturmstraße 28, 18439 Stralsund
Tickets: 15 / 10 Euro

www.kriegoderfrieden.com

Titelbild: Simon Detel

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (1)


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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns einzusenden. Wir haben dazu zahlreiche, sehr berührende und interessante Beiträge erhalten. Von uns allen einen herzlichen Dank für Ihr Vertrauen in die NachDenkSeiten und dafür, dass Sie diese oft schmerzlichen und persönlichen Geschichten mit uns und der Leserschaft teilen. Die Redaktion.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Wir werden eine Auswahl der vielen Beiträge in einer neuen Reihe veröffentlichen. Kürzere Beiträge erscheinen in einer Sammlung wie hier. Einige der längeren Beiträge werden wir als Einzelstücke veröffentlichen. Dies ist der erste Teil.

Sie können uns gerne weiterhin – bis zum 22. Mai 2026 – Ihre Erinnerungen an [email protected] mit dem Betreff „Aufruf zum 8. Mai“ schicken.


Keiner kann sich das heute vorstellen

Als Nachkriegskind – Jahrgang 1952 – habe ich den Krieg zwar nicht mehr selbst erlebt, aber einige seiner Folgen. Bis heute habe ich die Kriegsversehrten nicht vergessen – Männer, denen ein Arm oder ein Bein fehlte, die entstellt waren oder nicht mehr sehen konnten. Am schlimmsten fand ich die, denen beide Beine fehlten und die sich deshalb auf Brettern mit Rollen darunter oder kleinen Wagen vorwärts bewegten. Wer das gesehen hat, vergisst es nicht. Als Kind habe ich davon viel zu viele sehen müssen.

Ruinen gab es, an vielen Häusern waren Einschüsse zu sehen. Bilder von meiner zerstörten Heimatstadt waren für mich sehr erschütternd – ich konnte mir vorstellen, wie es ausgesehen hatte dort, wo ich lebte – auch wenn vieles schon wieder geräumt und aufgebaut war, die Spuren des Krieges waren unübersehbar.

An einigem mangelte es, als ich Kind war, manches wurde rationiert oder gab es auf Marken. Meine Oma war Schneiderin und konnte so auch mal aus einem Vorhangstoff, oder was es auch immer gab, einen tragbaren Rock oder ein Kleid machen.

Vom Krieg selbst haben meine Eltern nicht viel erzählt, auch später nicht, als ich gefragt habe. Mein Vater hatte einen jüngeren Bruder, den ich nie kennengelernt habe …

Meine Mutter war bei Kriegsende eine junge Frau Anfang 20 – keiner kann sich heute vorstellen, wie das in dem Alter sein mag, wenn für die Gründung einer Familie kaum Männer da sind – gefallen, gefangen, verstümmelt, traumatisiert …
Falls sie im Krieg jemanden verloren hat, hat sie nie darüber gesprochen.

80 Jahre nach Kriegsende gibt es die meisten Zeitzeugen nicht mehr, und für jemanden, der nicht wenigstens einige Kriegsfolgen erlebt hat, scheint das ganze Ausmaß des Grauens von Krieg und Zerstörung unvorstellbar zu sein. Die Bilder, die uns von anderen Kriegen, die relativ weit weg sind, gezeigt werden, scheinen viele nicht als brutale Realität und vor allem nicht als Gefahr für sich selbst und die eigenen Nachkommen zu begreifen.

Nur so kann ich mir erklären, dass kein allgemeiner Aufschrei kommt, wenn Deutschland nach zwei Weltkriegen wieder in den Krieg ziehen will.

Das sind meine Gedanken zum Thema, das so wichtig ist. Niemals hätte ich geglaubt, dass Krieg wieder real werden könnte. Ist die Menschheit überhaupt lernfähig?

Gruß, Beate Rüger


Unsere einzige Speise nach dem Krieg bestand aus Salzgemüse

Liebes Team der Nachdenkseiten,

ich bin Eurem Aufruf gefolgt und habe die Erinnerungen meiner 95-jährigen Mutter aufgeschrieben.

Vielen Dank für Eure Arbeit!

Mit freundlichem Gruß

Erinnerungen von Beate Schramm, geboren 1931 in Leipzig

Ich war vielleicht 6 oder 7 Jahre alt, als der Blockwart mit einem Fragebogen zu uns kam. Ich kann mich gut erinnern, dass mein Vater angab, dass er in der SPD ist. Der Blockwart meinte, das brauchen wir ja nicht aufzuschreiben. Hinterher machte meine Mutter meinem Vater große Vorwürfe – sie hatte Angst.

Meine Oma arbeitete als Aufwartefrau in einer jüdischen Familie; das sollte ich niemandem erzählen. Sie hatten den Familiennamen „Gewürz“ annehmen müssen. Ich habe mit bei ihnen am Tisch gesessen – es schmeckte sehr gut. Eines Tages sagte meine Oma: “Jetzt haben sie die auch noch abgeholt.“

Mein Vater wurde 1939 eingezogen; ich erinnere mich an einen Besuch in der Kaserne in Borna. Er musste die ganze Zeit im Galoppschritt neben uns herlaufen.

Ich besuchte die Volksschule und erinnere mich noch gut daran, dass an allen Wänden des Klassenzimmers Plakate hingen, auf denen „Die bolschewistischen Untermenschen“ dargestellt waren. Ein Feindbild hatte ich nicht; ich sagte zu meiner Freundin: „Warum sollen das unsere Feinde sein? Das sind genau solche Menschen wie wir.“

Wir wurden häufig aus der Schule nach einem Voralarm nach Hause geschickt. Da ich einen weiten Weg hatte, habe ich es nicht immer geschafft. Sobald ich die Tiefflieger sah, bin ich in den nächstgelegenen Luftschutzraum gerannt.

Ungefähr zwei Jahre lang gab es ununterbrochen, Tag und Nacht, Fliegeralarm, so dass wir viel Zeit bei Kerzenlicht im Keller verbrachten. Nur Weihnachten, am 24.12., waren keine Bombardements.

1943 fiel eine Bombe ca. 2 m neben unser Haus; dort war ein riesiger Trichter. Die Außenwände des Hauses waren abgerückt, die Innenwände teilweise zerstört. Einiges konnten wir retten, was ich mit dem Handwagen durch die ganze Stadt transportierte. Wir kamen erst bei meiner Oma unter; später wurden wir in die große Wohnung eines Junggesellen eingewiesen. Dieser erhängte sich, als er den Einberufungsbefehl bekam.

Vorwitzig lugte ich eines Tages aus dem Keller und sah einen amerikanischen Panzer – der Krieg war für uns vorbei, und wir hängten eine weiße Fahne aus dem Fenster.

Unsere einzige Speise nach dem Krieg bestand aus Salzgemüse (gesalzene Rübenblätter).

Später, als wir sowjetische Besatzungszone wurden, gab es Lebensmittelmarken. Die Schlangen nach Lebensmitteln waren sehr lang und die Leute standen in Dreierreihen an. Einmal wurde ich ohnmächtig.

Übergriffe von sowjetischen Soldaten habe ich nie erlebt. Die Sowjets brachten das Leben wieder in Gang; private Läden wurden wieder eröffnet, ebenso die Bücherei. Enteignungen gab es nicht. 1947 ging ich in die Tanzschule einer Frau Marga von Pelcherzin, wo uns neben Tanzen gutes Benehmen beigebracht wurde.

In der Schule hatten wir komplett neue, junge Lehrer, die sogenannten Junglehrer; alle alten waren entlassen worden.

Sonja Puppe


Und wenn Vater jetzt doch noch wiederkommt …

1945 hatte Deutschland den Krieg verloren. Wir lebten damals in Slowenien, Jugoslawien, von Deutschen besetzt. Muttle und wir 4 Geschwistern wurden als Flüchtlinge nach Österreich evakuiert. Alle 43 deutschen Volkssturmmänner, auch mein Vater, gerieten aber durch Verrat in die Gefangenschaft der Tito-Armee Jugoslawiens. Vielleicht ist es eine Gnade, dass wir nicht erfahren haben, auf welche Art sie alle liquidiert wurden. Trotzdem hat meine Mutter die Hoffnung nicht aufgegeben, auch wenn sie Vater für tot erklären lassen musste, um eine Hinterbliebenenrente zu bekommen.

Ich war bei Kriegsende 11 Jahre alt, meine Mutter 32. In hohem Alter – sie ist 92 geworden – hat sie sich noch mit einem verwitweten Freund meines Vaters angefreundet. Diesen Satz von ihr werde ich nicht vergessen: “Und wenn Vater jetzt doch noch wiederkommt, und ich bin ihm nicht treu geblieben!”

Das ist mein kleiner Beitrag, warum es – nicht nur in Deutschland – nie wieder Krieg geben darf. Mein Sohn hat 1988 Ersatzdienst geleistet, 15 Monate Jugendherberge.

Ruth Gisela Evers


In der Suppe konnte man die Fettaugen zählen

Erinnerungen aus dem 2. Weltkrieg, die ich von meinem Vater (93), von meiner Mutter (vor 2 Jahren mit 89 verstorben) und meiner Oma (Jahrgang 1901) geschildert bekommen habe:

Vater: Er sah als Junge zusammen mit seiner Oma ein abgeschossenes Flugzeug in der Neiße schwimmen, das man damals zusammen mit dem toten Piloten bergen wollte. Diese Szene hat er bis heute nicht vergessen. Und er wiederholt es immer mal wieder: Gott sei Dank war ich noch zu jung, um in die Hitlerjugend rekrutiert zu werden. Nur ein Jahr später und ich hätte in diesen Wahnsinn gemusst.

Mutter: Sie musste viele Monate zusammen mit ihrer Mama und ihrem Bruder in einer kleinen Waschküche wohnen, da das Haus durch Bomben zerstört war. Kleine, von der Ernte übrig gebliebene Kartoffeln „erntete“ sie zusammen mit ihrer Mutter immer beim sogenannten Stoppeln auf den Feldern. Die Füße taten oft weh, weil sie barfuß gehen musste. Sie mussten oft hungern und in der Suppe konnte man die Fettaugen zählen.

Oma: Sie war mit ihren Eltern und einem Handwagen, in dem sie ihre Habseligkeiten hatten, auf der Flucht. An den Straßenrändern sah sie als junge Frau viele Menschen liegen, die entweder zu schwach, zu krank oder bereits tot waren. Alle schwiegen und keiner beachtete sie. Als die Russen kamen, hatte sie anfangs Angst, weil man sich so viel grauenvolle Sachen von ihnen erzählte. Aber ihre Angst war dann doch unbegründet.

Alle drei haben mir immer wieder versichert, wie froh sie waren, als die russischen Soldaten kamen, die sie von diesem Wahnsinn befreiten.

Jede Woche telefoniere ich mit meinem Vater, der 500 km entfernt von mir wohnt, und er ist regelrecht am Verzweifeln angesichts der Kriegspropaganda und der Russophobie in diesem Land. Es tut mir so leid, dass er das in seinem Alter und nach seinen traumatisierenden Erfahrungen, die er in den Kriegsjahren machen musste, noch erleben muss.

Meine Eltern und Verwandten haben mir nicht wirklich viel erzählt. Aber das wenige, was sie mir dann doch geschildert haben, ist schon bedrückend genug.

„Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.“

Dwight D. Eisenhower

Grüße

Martina R.


Alleine durch ein mehr oder weniger zerbombtes Süddeutschland

Liebe Nachdenkseiten,

meine Erinnerungen an die Erzählungen an das Ende des 2. Weltkrieges meines Vaters, Jahrgang 1933 sind inzwischen nicht mehr taufrisch, aber ich denke, es ist erzählenswert.

Ich weiß nicht mehr, ob es Mai oder schon Juni war, mein Vater, damals gerade 12 Jahre alt, war mit Kindern aus der Region Augsburg und Umgebung in Sonthofen im Allgäu auf der Sonnalp in Verschickung. Den Kindern ging es gut, aber der Kontakt zur Familie war unterbrochen. Als der beste Freund meines Vaters durch seine Mutter abgeholt wurde, entschied sich mein Vater kurz entschlossen, beide bis nach Kaufbeuren, dem Heimatort des Freundes, zu begleiten. Oder besser gesagt, er war bis dorthin in Begleitung. Von dort war es ein über 60 km langer Fußmarsch, alleine durch ein mehr oder weniger zerbombtes Süddeutschland, bis zum Heimatort Augsburg. Insgesamt eine Strecke von über 120 km. Ganz ehrlich, ich kann mir das für dieses Alter in der heutigen Zeit nur schwer vorstellen.

Ich vermute, mein Vater wurde nach dem Großangriff auf Augsburg im Feb. 1944 zur Kinderlandverschickung eingeteilt, damals noch 10 Jahre alt. Die elterliche Wohnung im Georgsviertel komplett ausgebrannt.

Sie fanden sich wieder, der Briefverkehr war nur sehr sporadisch, aber mein Vater wusste, dass Eltern und älterer Bruder bei Freunden der Mutter untergekommen waren. Er hat es geschafft.

Mit herzlichen Grüßen für Ihr tolles Team

Doris Hahn, Mutter von 3 Söhnen


Bildunterschrift: Anbei ein Foto meines 10-jährigen Vaters rechts auf dem Bild und seines 3 Jahre älteren Bruders.


Die Ernte des Todes

Sehr geehrte Nachdenkseiten-Redaktion!

Anbei aus meinen Erinnerungen!

Ein Handwagen. Auf dem Handwagen zwei Eimer und ein kleiner Junge – ich. Am Handgriff der Deichsel zwei Frauen – meine Mutter und meine Tante Elli. Ich schaue über die Deichsel hinweg, zwischen den zwei Frauen hindurch auf die große Durchgangsstraße. Auf der breiten Straße, die aus der Stadt führt, rollen Fuhrwerke, Wagen, wie sie die Bauern zum Einbringen der Ernte benutzen, davor zwei Pferde. Sie haben etwas geladen. Es ist kein Heu und kein Stroh. Es sieht schwärzlich aus. Eine nicht aufhören wollende Reihe bewegt sich da stadtauswärts. Außer dem Geräusch der eisenbereiften Räder und der Pferdehufe ist nichts zu hören. Kurz bevor eine kleine Seitenstraße einmündet, bleiben die Frauen stehen. Ein Geruch, den ich nie zuvor gerochen habe und den ich nie vergessen werde, dringt zu uns. Und dann erkenne ich, was da gefahren wird: Tote – bekleidet und nackt auf die Wagen geworfen. Wie viele? Nicht zu zählen. Waren es zwanzig auf einer Fuhre? Waren es mehr? Die zwei Frauen kehren um. Die rollenden Räder sind noch lange zu hören.

Anmerkung: Wo sind die Toten geblieben? Es gibt keine Gräber. Es gibt keinen Grabstein. Es gibt keine Zahlen.

Dietrich Selle


Erwin war Opas kleiner Bruder gewesen.

Diesen Leserbrief hatte ich im August 2024 an unsere Lokalzeitungen geschickt.

Gerne können Sie ihn, auch auszugsweise, für Ihre Aktion anlässlich des 8. Mai verwenden,

freundliche Grüße,

Neben dem Bett meines Opas hing immer ein Schwarzweißfoto eines ganz jungen Soldaten. Das sei Erwin, hieß es. Er sei „im Krieg gefallen“. Als Kind war das für mich ohne Bedeutung. “Krieg“ gab es keinen in meiner behüteten Welt, „gefallen“ war ein komisches Wort, und den jungen Mann in der altmodischen Uniform kannte ich nicht. Erst mit den Jahren sickerte das Grauen nach und nach in mich ein. Erwin war Opas kleiner Bruder gewesen.

Meines Vaters geliebte Oma Karoline wurde in den letzten Kriegstagen von Tieffliegern auf ihrem Acker niedergemäht. Er hat sie als Elfjähriger nach dem Angriff dort gefunden.

Das heißersehnte Schwesterchen meiner Mutter, Gudrun, konnte nach Tagen und Nächten im Luftschutzkeller nur noch tot geboren werden.

So ziehen sich Dramen und Traumen durch fast alle Familien, und doch werden mit jedem Tag, an dem wir uns und insbesondere die Machthabenden sich nicht mit aller Kraft für die Beendigung von Kriegen einsetzen, egal wer sie wo, wann und warum angefangen haben mag, weltweit täglich tausende weiterer Erwins, Karolines und Gudruns umgebracht.

Und jetzt wollen wir, will unsere Regierung, in NATO-Nibelungentreue tatsächlich wieder Mittelstreckenwaffen in Deutschland stationieren? Echt jetzt? Kann man eigentlich noch lauter „Hier sind wir, bitte bombardiert uns!“ schreien? Oder sollte man nicht vielleicht doch endlich aus der Geschichte lernen?

Andrea Scheib


Jetzt geht die Scheiße wieder los

Liebe Nachdenkseiten-Redaktion,

ich bin Jahrgang 1957. Habe daher den 2. Weltkrieg und die direkte Nachkriegszeit nicht mitbekommen. Aber ein Ereignis hat mein Leben und meine Einstellung zu Gewalt in jeder Form geprägt.

Mein Vater war im Krieg und auch danach noch lange Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Am 5. Juni 1967 (ich war 9 Jahre alt), der offene Beginn der Feinseligkeiten im Nahen Osten, saß mein Vater heulend am Küchentisch und wiederholte ständig einen Satz: “Jetzt geht die Scheiße wieder los.”

Ich glaube, mit dem jetzigen ‘Führungspersonal’ in sehr vielen Ländern könnte die Schei… bald wirklich wieder losgehen.

Eure Arbeit ist daher wichtiger als je zuvor!!

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Werner


Einmal im Leben einen ganzen Laib Brot auf einmal alleine essen dürfen

Sehr geehrte Damen und Herren,

hier mein Leserbrief zum Gedenktag 8. Mai:

Meine Eltern waren lebenslang stark vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet. Mein Vater sollte 17-jährig als “letztes Aufgebot” bei Kriegsende noch gegen die Sowjets in Tschechien kämpfen. Er überlebte. Im Alter kamen ihm häufig Tränen, weil er beinahe “verheizt” worden war. Meine Mutter (*1932) war zwei Jahre in einem KLV-Lager und dort massiv einer Erziehung nach NS-Ideologie unterworfen. Bei der Rückkehr meiner Eltern war ihre Heimatstadt München stark zerstört. Die Welt, die sie kannten, existierte nicht mehr.

Bis zur Währungsreform 1948 folgten Jahre des absoluten Mangels. Der größte Wunsch meiner Mutter war, einmal im Leben einen ganzen Laib Brot auf einmal alleine essen zu dürfen. Debatten über die Vorbereitung zur “Kriegstüchtigkeit” von Kindern und Jugendlichen empfand sie als schrecklich. Meine beiden Eltern wünschten sich nur eines: einen dauerhaften Frieden für künftige Generationen. Krieg war ihrer Meinung nach stets der falsche Weg. Es gibt nur Verlierer.

Mit freundlichen Grüßen

Doris Fuchsberger


Blitzschnell warfen wir die Stahlhelme in einen Vorgarten

Hallo NDS,

ich bin Jahrgang 1936 und in Schwabmünchen südlich von Augsburg aufgewachsen. Ich habe die ersten Kriegsjahre nicht als solche empfunden, höchstens, daß der Vater nicht anwesend, weil er Soldat war. Somit hatte die Mutter alles zu regeln, auch, daß wir, es muß 1941 gewesen sein, das erstemal mit der Bahn zu Vaters Mutter, also zur Großmutter nach Oettingen ins Ries fuhren. Daß die deutsche Wehrmacht nach Rußland eingefallen war, war für mich kein Thema. Aber die Großmutter machte uns mit Dingen bekannt, von denen wir keine Ahnung hatten, etwa, als sie sagte, hier sei die Synagoge gewesen. Synagoge war mir kein Begriff, und ich kann mich nicht erinnern, danach gefragt zu haben. Da wir beide, meine Schwester und ich, noch nicht schulpflichtig waren, blieben wir bis weit in den Herbst hinein in Oettingen, und eines Tages sah ich in der Nachbarschaft zwei ältere Frauen mit so gelben Flecken an der Kleidung vor einem Haus stehen. Ich dachte mir nichts dabei, aber als wir im nächsten Jahr in den Ferien wiederkamen, bewohnten dieses Haus eine junge Frau mit Kindern. Das fiel mir auf – die Hintergründe erfuhr ich erst nach Kriegs- und NS-Ende.

Ich wollte nun liebend gern in das Jungvolk der Hitler-Jugend, war aber viel zu jung. Aber wenn wir Buben etwas angestellt hatten, konnten wir hören, ihr kommt in den Katzenstadel, was uns kein Begriff war. Erst weit nach Kriegsende erfuhr ich, daß der Augsburger Katzenstadel, eine alte Kanonenfabrik, nach 1933 ein wildes SA-KZ war. Wir bekamen auch mit, daß der Friseur M. einen Witz erzählt habe und nach Dachau gekommen sei. Darauf konnten wir uns überhaupt keinen Reim machen, aber das war kein Witz, sondern Tatsache, wobei dahingestellt sei, ob tatsächlich Dachau oder “nur” kurze Zeit Gefängnis gemeint war.

1943 dann, wieder in Oettingen, begann sich der Krieg bemerkbar zu machen: In Oettingen wurden Evakuierte aus Essen erwartet, für die Wohnungen hergerichtet wurden. Aber auch in Schwabmünchen waren Vorbereitungen für den Bombenkrieg getroffen worden. U. a. hing in jedem Hausflur ein großes Plakat mit Verhaltensregeln im Luftkrieg, unterzeichnet von “Milch”, was mich belustigte. Wann genau es mit den Fliegeralarmen begann und wir in den Keller gingen, obwohl der Alarm dem Fliegerhorst Lechfeld galt, der mehrfach bombardiert wurde, weiß ich nicht mehr. Dort wurden die Düsenmaschinen Me 262 eingeflogen, die in Teilen auch in Schwabmünchen gefertigt wurden. Hörten wir Buben ihr eigenartiges Pfeifen, riefen wir “Turbinenjäger, Turbinenjäger!” Woher wir das wußten?

Am 4. März 1945 wurde auch Schwabmünchen mit dem Messerschmitt-Teilwerk von der US-Luftwaffe angegriffen. Da das Werk im Osten des Ortes lag, wir jedoch im Westen wohnten, blieben wir von Bombenschäden verschont. Es gab jedoch zahlreiche Tote und Verletzte. Da Schulhäuser getroffen worden waren, hatten wir zu unserer Freude lange keinen Schulunterricht.

Aber die Erwachsenen beredeten nun das Kriegsende und die Frage, ob wir von den Amis oder den Russen besetzt werden würden. So nach und nach stellte sich heraus, es würden wohl die Amis sein. Aber noch war der Krieg nicht zu Ende, und wir hatten weiterhin Angst vor Bombenangriffen, denen unsere Keller genauso wenig gewachsen sein würden wie die am 4. März. Seit einiger Zeit hatten wir vom Krieg manches mitbekommen, ich hörte von der Invasion in der Normandie, das erstemal diesen Begriff. Auch, daß ein gewisser Roosevelt ein schlimmer Bursche sein mußte, doch verstarb dieser, wie uns mitgeteilt wurde, und ich hoffte nun, daß dessen Tod die Wende des Krieges zu unseren Gunsten bringen möchte.

Unser Vater, der als älterer Jahrgang als Besatzer in Rumänien eingesetzt war, geriet 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, d. h., wir hatten zunächst keinerlei Nachricht von ihm. Hinzu kam, daß die Heereszahlstelle Oppeln, wie ich mitbekam, mit der sowjetischen Einnahme die Zahlungen einstellte, so daß die Mutter nun auch noch Geldsorgen zu den anderen Sorgen, um das tägliche Brot, Heizmaterial usw., am Hals hatte.

Doch im April kam die US Army mit zahlreichen Panzern und anderen Fahrzeugen von Westen her nach Schwabmünchen, und ich mit einem Freund mittendrin: Am vorigen Tag war nämlich nördlich des Ortes ein Wehrmacht-Versorgungszug steckengeblieben, und halb Schwabmünchen machte sich auf, um diesen zu plündern. Ein Freund und ich am nächsten Morgen auch, als das Wertvollere schon abtransportiert war. So konnten wir nur je einen Beutel Mehl “organisieren” und je einen Stahlhelm. Als wir nun unserer Wohnstraße zustrebten, sahen wir nun von Weitem die Ami-Soldaten links und rechts an den Straßenrändern entlang heranpirschen, die Gewehre im Anschlag … Blitzschnell warfen wir die Stahlhelme in einen Vorgarten und harrten der Dinge, die da kommen konnten. Doch die GIs beachteten uns Buben überhaupt nicht – der Krieg war für uns zu Ende.

Ich hatte den Krieg also nur am Rande miterlebt, aber gegen Ende war der Schrecken doch auch für uns Kinder bedeutend – allen heutigen Kriegstreibern wäre zu wünschen, wenigstens diesen Schrecken im völlig unzureichenden Keller ausgesetzt zu sein.

Fritz Schmidt


Hier können Sie den zweiten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Das Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit XXXII – „Freiheitskampf“, „unser Krieg“ und „kein Recht auf Fahnenflucht“: Die Ukraine im Krieg


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Vokabelkritik ist zu Kriegszeiten das Gebot der Stunde. Ich veröffentliche, nicht zuletzt aus hygienischen Gründen, in unregelmäßigen Abständen eine Sammlung teils verharmlosender, teils lügenhafter Wörter oder Formulierungen, deren Sinn und Funktion es ist, unsere Gesellschaft – uns alle – an das Undenkbare zu gewöhnen und möglichst geräuschlos in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ umzukrempeln. – Nach dem Iran letzte Woche fahren wir nun in die Ukraine. Von Leo Ensel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

das sich nicht bewegende Russland
„Bei den aktuellen Verhandlungen, wie ein Krieg in der Ukraine beendet werden könnte, geben die USA und das sich nicht bewegende Russland vor allem die Marschroute vor.“ Anmoderierte – den kleinen polemischen Seitenhieb geschickt en passant einbauend – Maria Grunwald am 8. Dezember 2025 im Deutschlandfunk ein Interview mit dem Fraktionsvorsitzenden der EVP im EU-Parlament, Manfred Weber. (vgl. „das von Russland angegriffene Land“, „In ihrem Abwehrkampf“)

Dem ukrainischen Volke
Oder: Drama in fünf Akten. – Erster Akt: Man inszeniert in einem fremden Land einen Putsch. – Zweiter Akt: Man eskaliert die daraus folgenden Spannungen bis hin zum Bürgerkrieg und unterläuft sämtliche Einigungsversuche. – Dritter Akt: Man provoziert die mit einer Bürgerkriegspartei verbündete Schutzmacht zu einer (völkerrechtswidrigen) Invasion und sabotiert wenige Wochen später einen erfolgversprechenden Friedensvertragsentwurf. – Vierter Akt: Man beliefert, obwohl die Lage immer aussichtsloser wird, die befreundete Kriegspartei vier Jahre lang mit immer gefährlicheren Waffen, macht ihr immer unrealistischere Hoffnungen, betreibt Totalverweigerung in Sachen Diplomatie und nimmt damit auf beiden Seiten Hunderttausende Tote und Invaliden in Kauf. – Fünfter Akt und Happy End: Man verleiht dem geschundenen Volk der befreundeten Kriegspartei den Tapferkeitsorden!

Formen des Bösen (unerwartete)
„Der Krieg offenbart Formen des Bösen, die wir nicht erwartet haben“, raunte dunkel der sehnlichst erwartete Vertreter des Guten, Wolodymyr Selenskyj, auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 und betonte, dass die Entwicklung der Waffen, der Krieg selbst und Putins eigener Kurs zunehmend gefährlicher würden. – Was auch immer der Krieg noch offenbaren mag, zumindest das, was am Ende dieser Dynamik stehen wird, wenn sie ungebremst so weitergeht, ist erwartbar … (vgl. „Bösewichte“)

Freiheitskampf der Ukraine
„Der Rassemblement National unterstützt inzwischen den Freiheitskampf der Ukraine, genauso wie die italienische Ministerpräsidentin Georgia Meloni – anders als die AfD, die ja immer wieder klar Position des Kreml vertritt.“ So der unermüdliche Christoph Heinemann am 16. März im DLF-Interview mit der GRÜNEN-Co-Vorsitzenden Franziska Brantner. – Vergessen hat er beim tapferen Freiheitskampf der Ukrainer: Korruption, Bandera-Faschisten und „Busifizierung“ genannte Sklavenjagd auf offener Straße für das Kanonenfutter an der Front! (Alles für die Freiheit.)

Höflichkeitsbesuch
„Zusammen mit den Verteidigungskräften der Ukraine haben die Vögel der 1. und 413. Division diesen Höflichkeitsbesuch in den Sümpfen Russlands abgestattet.“ – Der Kommandeur der ukrainischen Drohnentruppen, Robert Brovdi, wollte damit sagen: „Heute, am 25. März 2026, haben wir einen Großangriff auf den Hafen Ust-Luga, einen der wichtigsten russischen Gasumschlagplätze an der Ostsee, gestartet. Unsere Drohnen haben ihre Ziele erfolgreich getroffen. Beschädigt wurden Öl-Verladeeinrichtungen sowie ein Tankpark mit Rohöl und Erdölprodukten. Riesige schwarze Rauchsäulen waren bis nach Finnland sichtbar! – Alles klar?“ (vgl. „an diesen Punkt gebracht“, „überhaupt keine moralischen Bedenken“, „Würmer“)

in der Natur der Russen
Liegt es, dass sie ausgerechnet an Weihnachten massive Schläge gegen sein Land ausführen könnten. So der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. (Haben die Russen in den Genen!)

Informationsterroristen
Sind für das Ukrainische Zentrum gegen Desinformation beim Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat – weltweit – alle „Menschen, die absichtlich Desinformation verbreiten“, sprich: alle, die die Kiewer Sicht der Dinge nicht teilen und das auch noch laut zu sagen wagen. Zum Beispiel die heutige US-Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard. Oder Alice Schwarzer und Rolf Mützenich. Oder Jeffrey Sachs. Konsequenz: „Solche Informationsterroristen sollten wissen, dass sie sich gesetzlich als Kriegsverbrecher verantworten müssen.“ Sie standen daher zeitweise schon mal öffentlich am digitalen Pranger. Und wehe, wenn der Frieden ausgebrochen ist – sprich: die Ukraine gesiegt hat! (Dann werden sie „entsprechend behandelt“.) (vgl. „destabilisierender Faktor“, „Verbreiter von Verschwörungsphantasien“)

kein Recht auf Fahnenflucht
Kurz vor dem Weihnachtsfest 2023 überreichte die FAZ den nach Deutschland geflüchteten ukrainischen Wehrpflichtigen noch schnell ein vergiftetes Weihnachtspräsent. „Am Anfang des Krieges war es Männern im wehrfähigen Alter untersagt, das Land zu verlassen. Gleichwohl befinden sich mittlerweile offenbar Hunderttausende außer Landes, viele davon in Deutschland. So sehr man das im Einzelfall nachvollziehen kann: Das ist weder im Interesse der Ukraine noch Deutschlands.“ Empörte sich am sicheren Schreibtisch ein Reinhard Müller. – Wäre ja noch schöner, wenn die alle, statt im Donbass durchs Gelände zu robben oder wenigstens im Schützengraben zu faulen, hier auch noch auf unsere Kosten einen auf Dolce Vita machen! (Und das bei einem „gerechten Krieg“ …) Kurz und schmerzhaft: „Deutschland muss ein sicherer Hafen für Schutzbedürftige sein – aber nicht für wehrpflichtige Männer, die sich ihrer Pflicht entziehen.“ (Was übrigens auch für russische Fahnenflüchtige und Kriegsdienstverweigerer gilt.) (vgl. „unverzichtbar“)

Krieg gegen unsere Demokratie und Krieg gegen unsere Freiheit
Führt, laut Friedrich Merz, genau jetzt, in diesem Moment: Russland. Gegen uns. In der Ukraine. – Weshalb diese als „erste Verteidigungslinie“ zu Tode verteidigt werden muss. Von uns. „As long as it takes“ and „Whatever it takes“. (vgl. „unser Krieg“)

Kriegskompetenz
Titel der Schweizer Weltwoche, Ende März: „Kriegskompetenz als Geschäftsmodell: Ukraine plant privaten Militärsektor zur Beratung anderer Staaten“. (Damit diese ab sofort ihre Kriege auch kompetent führen können.) (vgl. „Militärdienstleister“)

Militärdienstleister
„Die Ukraine treibt den Aufbau privater Militärdienstleister voran und will damit einen neuen Exportzweig im Sicherheitsbereich etablieren“, so die Schweizer Weltwoche am 30. März. „Der ukrainische Militärberater Fedir Serdjuk sagte zu Euractiv: ‚Wir erleben wahrscheinlich die Entstehung einer ganz neuen großen Industrie ukrainischer privater Verteidigungsdienstleister.‘ Auslöser ist die steigende Nachfrage nach ukrainischer Kriegserfahrung, vor allem bei Drohnenabwehr und Luftverteidigung.“ – Kurz: Krieg als Dienstleistung! (vgl. „Kriegskompetenz“, „vom Bittsteller zum strategischen Partner“)

morgen tot
Wäre laut Boris Pistorius die Ukraine, „wenn wir nicht zu ihrer Unterstützung stehen würden, auch wenn das viel Geld kostet“. Und das würde uns schließlich noch „viel teurer zu stehen kommen als die Unterstützung jetzt, meine Damen und Herren!“ – Das kann man auch etwas anders sehen: Die Ukraine wäre noch quicklebendig – und der Westen nicht pleite – wenn NATO und USA spätestens Mitte Dezember 2021 in Verhandlungen über die russischen Sicherheitsinteressen eingewilligt oder wenigstens Anfang April 2022 die ukrainisch-russischen Verhandlungsergebnisse nicht torpediert hätten, Herr Pistorius!

tiefer denn je
„Die Verbundenheit zwischen unseren Gesellschaften ist tiefer denn je“, versicherte Friedrich Merz am 14. April in Berlin dem ukrainischen Präsidenten. Konsequenz: „Wir wollen, noch mehr als in der Vergangenheit, voneinander lernen und in unsere gemeinsame Zukunft investieren.“ Gemeint sind: Aufträge für die gemeinsame Drohnenproduktion in Deutschland. (Schließlich soll „aus militärischer Schützen-Hilfe umfassende Kooperation werden – auch als Signal an Moskau!“) (vgl. „vom Bittsteller zum strategischen Partner“)

überhaupt keine moralischen Bedenken
„Ich habe überhaupt keine moralischen Bedenken. Keine. Ein Mann mit einem Gewehr in der Hand, der auf mein Land kommt, will mich töten. Entweder töte ich ihn oder er tötet mich. Millionen Ukrainer, darunter auch meine Mutter, schöpfen Kraft aus dem, was wir tun.“ So – knallhart und mutterfixiert – Robert Brovdi, Kommandeur der Drohneneinheiten und „Held der Ukraine“, in einem Interview mit The Economist am 22. März. (vgl. „Höflichkeitsbesuch“, „notwendig“, „Würmer“)

unser Krieg
„Der Ukraine-Krieg ist unser Krieg, und viel hängt davon ab, dass alle das begreifen.“ Postulierte am 12. April die Welt am Sonntag. („Unser Krieg“ – im Gegensatz zum Iran-Krieg, der bekanntlich „nicht unser Krieg“ ist. Das haben, wovon viel abhängt, mittlerweile sogar Pistorius, Wadephul und Merz begriffen!)

unverzichtbar
„Wir haben erneut deutlich gemacht, dass wir die Bemühungen der Ukraine, die Ausreise wehrfähiger Männer zu reduzieren, unterstützen. Das ist unverzichtbar, um die Verteidigungsfähigkeit, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Wiederaufbau der Ukraine zu sichern. Wir brauchen hier schnelle spürbare Fortschritte, auch dies im Interesse beider Seiten.“ So Kanzler Merz am 14. April in seiner gemeinsamen Presseerklärung mit Wolodymyr Selenskyj in Berlin. Und er legte noch einen drauf: Man werde „sich eng abstimmen, um ukrainischen Staatsbürgern, die bei uns Zuflucht gefunden haben, die Rückkehr zu erleichtern“. – Auf Deutsch: „Sorgt dafür, dass eure Männer nicht zu uns abhauen, sondern verfrachtet sie gefälligst an die Front! Eure Deserteure, die uns schon ewig auf der Tasche liegen, schicken wir euch noch hinterher.“ (Subkutane Botschaft des Kanzlers an die eigene Bevölkerung: „Im ‚Bündnisfall‘ werden wir mit euch genauso verfahren!“ Schon jetzt sehe ich die deutschen ‚Busifizierungsvideos‘ vor meinem inneren Auge …) (vgl. „kein Recht auf Fahnenflucht“)

vom Bittsteller zum strategischen Partner
Entwickelt sich gerade – Chapeau! – die Ukraine.

Würmer
Werden in der Einheit des eloquenten (und mutterfixierten) obersten ukrainischen Drohnenkommandeurs, Robert Brovdi, russische Soldaten bezeichnet, die von den „Vögeln“ (ukrainischen Drohnen) gefressen, sprich: getötet oder verkrüppelt werden. „Auf seinem YouTube-Kanal ‚Горять дупи окупантів‘ (‚den Besatzern brennt der Hintern‘)“, so der Journalist Florian Rötzer, „werden Videos gezeigt, wie russische Soldaten gejagt und hinterrücks ermordet werden. Man macht sich lustig über verängstigte und wehrlose Gegner vor der Explosion der Kamikaze-Drohne. Auch im Telegram-Channel reiht sich ein inhumaner Kommentar mit der Lust am Töten an den anderen.“ Grund genug, von Wolodymyr Selenskyj zum „Held der Ukraine“ geadelt zu werden. (vgl. „Höflichkeitsbesuch“, „überhaupt keine moralischen Bedenken“)

Zukunft
„Die Zukunft ist bereits an der Front – und die Ukraine gestaltet sie.“ Verkündete am 13. April stolz auf X Wolodymyr Selenskyj.

(wird fortgesetzt)

Alle bisher erschienenen Folgen der Serie „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“ von Leo Ensel können Sie in dieser Übersicht finden und diese auch einzeln darüber aufrufen.

Ab sofort über den Promedia Verlag (Wien) oder jede gute Buchhandlung erhältlich:

Leo Ensel: Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit – Krieg heißt Töten. Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 168 Seiten, ISBN 978-3-85371-563-5, 20 Euro.

Titelbild: © Tina Ovalle

(Auszug von RSS-Feed)
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