WUWT, Gastautor, Aus Tilaks Substack,
Die Straße von Hormus ist an ihrer schmalsten Stelle kaum 34 Kilometer breit. Doch dieser schmale Seeweg birgt eines der größten wirtschaftlichen Risiken der Welt. Wenn die Spannungen im Persischen Golf eskalieren, sind die Auswirkungen weit über den Nahen Osten hinaus spürbar. Sie sind in Mumbai, Tokio, Seoul, Bangkok und Manila zu spüren – und letztendlich in der gesamten Weltwirtschaft.
Der Grund ist einfach. Rund ein Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs und ein ähnlicher Anteil des globalen LNG-Handels passieren die Straße von Hormuz, was sie zum kritischsten maritimen Energie-Engpass der Erde macht.
Marine traffic in the Straight of Hormuz since the Iran war began
byu/Gjore inwoahdude
Quelle dieses größer gezeigten Videos: https://www.reddit.com/r/woahdude/comments/1rmkrj1/marine_traffic_in_the_straight_of_hormuz_since/?tl=de
Erklärung zum aktiven Video auf https://www.instagram.com/reel/DVgD59KiL7L/
Dieses aktuelle Satellitenvideo zeigt den intensiven Schiffsverkehr in der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelsrouten der Erde.
Die farbigen Punkte im Bild stellen reale Schiffe dar, die über globale maritime Tracking-Systeme und Satelliten erfasst werden. Sie zeigen Tanker, Frachtschiffe und andere Schiffe, die sich durch diese extrem wichtige Wasserstraße bewegen.
Die Straße von Hormus verbindet den Persischer Golf mit dem Golf von Oman und ist ein zentraler Korridor für den weltweiten Energiehandel.
Jeden Tag passieren hier etwa 20 Millionen Barrel Öl diese relativ schmale Passage. Dadurch wird ein großer Teil der globalen Energieversorgung durch
[Dieses Video wird auf unzähligen Medien verbreitet. Einzelnes copyright habe ich nicht gefunden. Bitte melden, wer etwas weiß. – danke, Demmig]
Die Folgen dieser Verwundbarkeit zeigen sich nun in Echtzeit. Da Konflikte und Störungen den Schiffsverkehr durch den Golf bedrohen, bemühen sich asiatische Regierungen fieberhaft darum, Treibstoff zu sparen, strategische Reserven freizugeben und alternative Lieferungen zu sichern.
Das Spektakel ist eine eindringliche Erinnerung an eine unbequeme Wahrheit. Trotz jahrzehntelanger politischer Rhetorik über eine bevorstehende Energiewende hin zu „Netto-Null bis 2050“ ist die moderne Weltwirtschaft weiterhin stark von Öl und Gas abhängig. Ein Großteil dieser Lieferungen fließt nach wie vor durch eine einzige schmale Meerenge zwischen Iran und Oman.
Täglich passieren rund 20 Millionen Barrel Öl die Straße von Hormus, was etwa einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs an flüssigen Erdölprodukten entspricht. Etwa ein Drittel des globalen Seehandels mit Öl verläuft ebenfalls über diese Meerenge, was sie zum wichtigsten Öltransportknotenpunkt der Welt macht. Auch Flüssigerdgas (LNG) wird hier transportiert, wobei Katar nach den USA der zweitgrößte LNG-Exporteur der Welt ist. Rund 20 % des weltweiten LNG-Handels , hauptsächlich aus Katar, müssen Hormus passieren, bevor sie die energiehungrigen Märkte in Asien erreichen.
Der Schock vom 28. Februar
Nur wenige Stunden nach den koordinierten Angriffen der USA und Israels auf iranische Ziele am 28. Februar waren die Auswirkungen im gesamten Energiesystem spürbar. Der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus brach dramatisch ein und ging unmittelbar danach um mehr als 90 % zurück. Die Schließung wurde zunächst nicht durch die Bedrohung iranischer Minen oder Raketenbatterien ausgelöst. Der unmittelbare Grund war vielmehr profaner: Große Versicherer wie Lloyd’s entzogen den Tankern den Versicherungsschutz für den Verkehr durch die Straße von Hormus . Ohne Versicherungsschutz konnten die Tanker schlichtweg nicht auslaufen.
Kurz darauf folgten iranische Drohungen, in denen erklärt wurde, Schiffe mit Verbindungen zu amerikanischen oder israelischen Interessen könnten nach Belieben angegriffen werden. Die drohende Eskalation verschärfte die ohnehin angespannte geopolitische Lage und führte zu einer ausgewachsenen Energiekrise. Der iranische Militärsprecher Ebrahim Zolfaqari erklärte :
Wir werden nicht einen einzigen Liter Öl in die USA, zu den Zionisten und ihren Partnern gelangen lassen. Jedes Schiff oder jeder Tanker, der an sie adressiert ist, wird ein legitimes Ziel sein. … Macht euch darauf gefasst, dass der Ölpreis bei 200 Dollar pro Barrel liegen wird, denn er hängt von der regionalen Sicherheit ab, die ihr destabilisiert habt.
Die Ölmärkte reagierten umgehend. Der Preis für Brent-Rohöl stieg innerhalb weniger Tage nach den Angriffen auf über 100 US-Dollar pro Barrel. Analysten warnten, dass die Preise 150 US-Dollar pro Barrel oder sogar mehr erreichen könnten, sollte die Straße auch nur einige Wochen lang geschlossen bleiben – ein Niveau, das historisch mit globalen Rezessionen in Verbindung gebracht wird.
Gordon Hughes, ehemaliger Professor für Politische Ökonomie an der Universität Edinburgh, bedauert die in den Mainstream-Medien ausgebrochene Ölpreishysterie. Journalisten mit wenig historischem Bezug reagieren übertrieben, sobald der Spotpreis für Brent-Rohöl 100 US-Dollar pro Barrel erreicht oder überschritten hat. In seiner profunden Analyse der historischen Brent-Rohölpreise stellt Dr. Hughes fest, dass der monatliche Durchschnittspreis (in konstanten US-Dollar von 2025) in den Jahren 2005 bis 2014 sowie 2018 und 2022 mindestens einmal jährlich die Marke von 100 US-Dollar (in Preisen von 2025) überschritten hat. Tatsächlich lag der durchschnittliche Monatspreis über den gesamten Zeitraum von 2005 bis 2025 bei 101 US-Dollar (in Preisen von 2025).
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Um das Ausmaß der Krise zu verstehen, muss man die Geografie des Energiehandels betrachten. Der Persische Golf beherbergt einige der weltweit größten und günstigsten Öl- und Gasreserven. Gleichzeitig liegen die am schnellsten wachsenden Energieverbraucher östlich von Suez, vom Arabischen Meer über den Indischen Ozean bis ins Südchinesische Meer und den Pazifik. Dadurch entsteht eine riesige Kohlenwasserstoffader, die den Golf mit den Industriezentren Asiens verbindet.
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Die nachstehenden Tabellen zeigen das Ausmaß der starken Abhängigkeit Asiens von Öl- und Gasimporten über die Straße von Hormuz.
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Anteil der Ölimporte (links) und der Anteil der Erdgasimporte (LNG) (rechts) die die Straße von Hormuz passieren (geschätzt). Quelle: verschiedene nationale und internationale Energiedatenquellen, zusammengetragen von ChatGPT.
Die Internationale Energieagentur schätzt , dass rund 90 % des durch die Straße von Hormus exportierten Öls für asiatische Märkte bestimmt sind. Japan, Südkorea, Taiwan, China und Indien sind stark von Energielieferungen aus der Golfregion abhängig. Allein Japan bezieht etwa 90 % seiner Rohölimporte aus dem Nahen Osten und ist damit besonders anfällig für Versorgungsengpässe in der Region. Südkoreas Abhängigkeit von 70 % ist beinahe ebenso auffällig. Auch China und Indien, die größten Energieverbraucher Asiens, sind – obwohl sie etwas diversifizierter sind als andere wichtige asiatische Volkswirtschaften – stark von Öl- und Gasimporten aus der Golfregion abhängig. Kurz gesagt: Der Wohlstand der asiatischen Industrienationen bleibt eng mit den Energieflüssen durch die Straße von Hormus verknüpft.
Die faktische Schließung der Straße von Hormus hat zwei alternative Rohölpipelines – eine in Saudi-Arabien und eine in den Vereinigten Arabischen Emiraten – abrupt in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt. Die erste ist Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline-Netzwerk mit einer geplanten Kapazität von sieben Millionen Barrel pro Tag, das Abqaiq an der östlichen Golfküste des Königreichs mit dem Hafen von Yanbu am Roten Meer verbindet. Die zweite, kleinere Pipeline ist die Abu Dhabi Crude Oil Pipeline der VAE nach Fujairah mit einer geschätzten Kapazität von 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Energieanalysten zufolge könnten die beiden Pipelines zusammen dazu beitragen, die fast 20 Millionen Barrel pro Tag, die normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert werden, teilweise zu kompensieren. Die Gefahr von Infrastrukturangriffen durch den Iran inmitten der sich ausweitenden Nahostkrise bleibt jedoch eine anhaltende Herausforderung.
Energiekrisen legen Prioritäten schonungslos offen. Bei Preissprüngen oder Versorgungsengpässen greifen Regierungen nicht auf Windkraftanlagen oder Solaranlagen zurück, sondern auf eingelagerte Kohlenwasserstoffe. In ganz Asien haben Regierungen bereits begonnen, Energiesparmaßnahmen zur Senkung des Energiebedarfs umzusetzen.
Thailand hat beispielsweise kürzlich seine Beamten angewiesen, nach Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, Reisen einzuschränken und die Klimaanlagentemperaturen in Regierungsgebäuden im Rahmen einer Notfall-Energiesparkampagne auf mindestens 26–27°C einzustellen.
Indonesien hat versucht, seine Rohölkäufe aus den USA zu erhöhen, um mögliche Lieferengpässe aus dem Nahen Osten auszugleichen. Bangladesch , das stark von LNG-Importen aus Katar abhängig ist, bemüht sich angesichts steigender Preise um zusätzliche Lieferungen. Sri Lanka führte am Sonntag eine Treibstoffrationierung ein, um seine Vorräte zu schonen. Das Land führte außerdem eine Vier-Tage-Woche und eine Homeoffice-Pflicht ein, um die schwindenden Öl- und Gasreserven angesichts der durch den US-israelischen Krieg gegen den Iran verursachten Lieferengpässe zu schonen.
Solche Reaktionen unterstreichen eine einfache, aber politisch unbequeme Wahrheit: Kohlenwasserstoffe bleiben das Rückgrat moderner Energiesysteme. In Krisenzeiten verlassen sich Regierungen nicht auf fluktuierende erneuerbare Energien, sondern auf Öl und Gas.
Die Krise in der Düngemittel- und Kunststoffversorgung
Die Bedeutung der Straße von Hormus reicht weit über Öl und Gas hinaus. Das Fertiliser Institute schätzt, dass Exporteure, die direkt oder indirekt vom Konflikt betroffen sind, für 49 % der weltweiten Harnstoffexporte, 30 % der weltweiten Ammoniakexporte und die Hälfte des weltweiten Schwefelhandels verantwortlich sind. Ein scharfsinniger Analyst bemerkt dazu : „Diese Kombination macht Hormus nicht nur zu einem Energieengpass, sondern zu einem der größten Nährstoffengpässe im globalen Ernährungssystem.“
Der Persische Golf ist ein bedeutender Exporteur von stickstoffhaltigen Düngemitteln und chemischen Rohstoffen, die für die globale Landwirtschaft und Pharmaindustrie unerlässlich sind. Harnstoff, Ammoniak und Schwefelprodukte aus der Golfregion bilden die Grundlage der Nahrungsmittelproduktion in Asien und darüber hinaus. Schätzungen der UNCTAD zufolge wird rund ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln durch die Meerenge abgewickelt. Der Grund dafür ist einfach: Die Düngemittelproduktion ist stark von Erdgas abhängig, und der Golf verfügt über reichhaltige Gasvorkommen.
Der Nahe Osten produziert rund 24 % des weltweiten Schwefels . Schwefel ist der Ausgangsstoff für Schwefelsäure, die in den Lieferketten von Nickel, Kupfer und Düngemitteln verwendet wird. Schwefelsäure ist ein wichtiger Bestandteil bei der Herstellung von Phosphatdüngemitteln, die weltweit eingesetzt werden. China, das mit Engpässen in der eigenen Phosphatproduktion konfrontiert ist, hat Exportverbote bis August verhängt und die Ausfuhr von Phosphatdüngemitteln bis mindestens August 2026 ausgesetzt , um die inländische Versorgung zu priorisieren und die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Dieses Verbot dürfte das weltweite Angebot verknappen und die Düngemittelpreise weltweit erhöhen.
Als Reaktion auf die Blockade von Hormuz erklärten Asiens wichtigste petrochemische Anlagen Anfang März höhere Gewalt. Betroffen waren unter anderem Chandra Asri (Indonesien), Yeochun NCC (China) und PCS (Singapur). Aufgrund von Unterbrechungen der Rohstoffversorgung in Asien plant CNOOC-Shell Huizhou die Stilllegung seiner Großanlage mit einer Kapazität von 1,2 Millionen Tonnen. Die Auswirkungen dieser Erklärungen höherer Gewalt und der geplanten Stilllegungen werden sich auf die Kunststoffindustrie und darüber hinaus erstrecken. Sie wirken sich auch auf die Pharmaindustrie aus, da die Rohstoffe identisch sind.
Energiesicherheit, Kunststoffe, Pharmazeutika und die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft sind also untrennbar miteinander verbunden. Eine anhaltende Unterbrechung des Schiffsverkehrs im Golf wird daher weitreichende Folgen für die Energiemärkte, das globale Ernährungssystem, Lebensmittelverpackungen und die Pharmaindustrie haben. Analyst Shanaka Anslem Perera beschreibt die einzelnen „Dominoeffekte“ der Blockade von Hormuz auf die Verbraucher: „Jeder Dominostein trifft den Verbraucher aus einer anderen Richtung. Energiekosten erhöhen die Transportkosten. Düngemittelkosten erhöhen die Kosten für die Landwirtschaft. Verpackungskosten erhöhen die Kosten für den Transport der Lebensmittel vom Erzeuger in den Supermarkt.“
Als Reaktion auf die Krise hat die Internationale Energieagentur (IEA) die Freigabe strategischer Ölreserven koordiniert. Die 32 IEA-Mitgliedstaaten einigten sich gemeinsam auf die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl zur Stabilisierung der Märkte. Dies entspricht einem Drittel der gesamten staatlichen Reserven der IEA in Höhe von 1,2 Milliarden Barrel.
Bisher haben IEA-Mitgliedstaaten fünfmal Öl aus ihren Notfallreserven freigegeben: während des Golfkriegs 1990/91, nach Hurrikan Katrina 2005, während des libyschen Bürgerkriegs 2011 und zweimal nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Die praktischen Auswirkungen solcher Freigaben dürften sich jedoch als begrenzt erweisen.
Strategische Reserven können einen Angebotsschock in der Größenordnung von Hormuz, der auf 20 Millionen Barrel pro Tag geschätzt wird, darunter über vier Millionen Barrel raffinierte Produkte, nicht sofort ausgleichen. Die IEA hat noch keinen genauen Zeitplan für die Freigabe des Öls vorgelegt. Selbst unter günstigen Bedingungen ist die Freigaberate durch logistische Faktoren wie Pipelinekapazität und Raffineriekapazität begrenzt. Koordinierte IEA-Freigaben erstrecken sich üblicherweise über Wochen oder Monate, sodass kurzfristig nur ein Teil der geplanten 400 Millionen Barrel freigegeben wird.
Trumps strategisches Dilemma
Präsident Donald Trump erklärte am Sonntag, seine Regierung führe Gespräche mit sieben Ländern über die Sicherung der Straße von Hormus im Kontext des Iran-Krieges. Er rief sie auf, Schiffe in der wichtigen Wasserstraße zu schützen, die Teheran weitgehend für Öltanker blockiert hat. Trump argumentierte, Nationen, die stark vom Öl aus dem Golf abhängig seien, trügen die Verantwortung, die Straße zu schützen. In einem Beitrag in den sozialen Medien äußerte er die Hoffnung, dass Frankreich, Japan, Südkorea, Großbritannien und weitere Länder sich beteiligen würden. Kurioserweise schloss Präsident Trump auch China in seinen Aufruf zur Unterstützung bei der Überwachung der Straße von Hormus ein. China hat auf diese „Einladung“ bisher nicht reagiert.
Die Krise bringt die Vereinigten Staaten nun in ein strategisches Dilemma, da diese Länder Präsident Trumps Einladung zu einer Intervention in der Straße von Hormus abgelehnt haben. Großbritannien, Australien und Japan verhielten sich zurückhaltend und stellten klar , dass sie keine Kriegsschiffe in die Region entsenden würden.
Präsident Trump hatte sich einst vehement gegen die von ihm so genannten „endlosen Kriege“ im Nahen Osten ausgesprochen. Doch die Entscheidung, sich an Israels Seite an den Angriffen gegen den Iran zu beteiligen, hat Washington wohl genau in jene regionale Konfrontation hineingezogen, die er einst zu vermeiden geschworen hatte. Die innenpolitischen Risiken sind beträchtlich. Innerhalb von Trumps eigener MAGA-Basis zeichnen sich bereits Spannungen zwischen Fraktionen ab, die eine isolationistische „America First“-Außenpolitik verfolgen, und solchen, die eine kompromisslose Entschlossenheit zur Eindämmung der iranischen Bedrohung befürworten.
Unterdessen fällen die globalen Märkte ihr eigenes Urteil. Steigende Ölpreise drohen, die Benzinkosten in den Vereinigten Staaten drastisch in die Höhe zu treiben – ein Szenario, das sich im Vorfeld der Zwischenwahlen als politisch verheerend erweisen könnte. Washington steht daher vor einer heiklen Frage: Wie lässt sich die maritime Sicherheit im Golf wiederherstellen, ohne in einen langwierigen Streit um die Meerenge verwickelt zu werden?
Könnte Washington seine Ziele für erreicht erklären und von einer weiteren Eskalation absehen? Würde der Iran seine Bedrohung der Schifffahrt in der Straße von Hormus im Gegenzug für eine Lockerung der Sanktionen und Sicherheitsgarantien mäßigen? Die Straße von Hormus verdeutlicht ein Prinzip, das politische Entscheidungsträger häufig ignorieren: Energiesysteme werden nicht von politischen Ambitionen, sondern von Geografie, Physik und Ökonomie bestimmt. Seit Jahren prognostizieren engagierte Befürworter der Energiewende, wie beispielsweise die IEA , einen baldigen Einbruch der Ölnachfrage mit der zunehmenden Verbreitung von Elektrofahrzeugen und dem Ausbau erneuerbarer Energien.
Die strategische Bedeutung von Hormuz lässt jedoch etwas anderes vermuten. Öl dominiert weiterhin die Luftfahrt, die Schifffahrt, die Petrochemie und die Düngemittelproduktion. Erdgas bleibt unverzichtbar für die Stromerzeugung und industrielle Prozesse in der Pharma- und Petrochemiebranche. Windkraftanlagen und Solaranlagen, die nur intermittierend Strom erzeugen, können Kohlenwasserstoffe nicht ohne Weiteres in allen Wirtschaftsbereichen ersetzen.
Die Welt ist nach wie vor von fossilen Brennstoffen abhängig. Trotz der Milliarden von Dollar, die in Subventionen für erneuerbare Energien investiert wurden, erinnert uns Björn Lomborg daran, dass fossile Brennstoffe heute (Stand 2023) 81,1 % des globalen Energiebedarfs decken – ein nur geringfügiger Rückgang gegenüber 81,4 % im Jahr 2000. Ein Ende der fossilen Brennstoffe ist nicht bis 2050 zu erwarten, sondern eher zwischen vier und zehn Jahrhunderten, wenn man die jüngsten Trends fortschreibt.
Das Ergebnis ist eine anhaltende Realität: Die moderne Weltwirtschaft ist nach wie vor von der Stabilität eines schmalen Seewegs im Persischen Golf abhängig.
Die Krise in der Straße von Hormus ist eine ernüchternde Lektion für Energiepolitiker. Energiewenden vollziehen sich langsam. Sie erfordern enorme Investitionen in die Infrastruktur und technologische Durchbrüche, die nicht über Nacht realisiert werden können. Das globale Energiesystem wurde über mehr als ein Jahrhundert aufgebaut. Ein vollständiger Ersatz für Kohlenwasserstoffe würde Transformationen in einem Ausmaß erfordern, das in der politischen Debatte selten Beachtung findet.
Die Welt wird weiterhin anfällig für Unterbrechungen der Öl- und Gasversorgung bleiben. Und kaum ein Ort verdeutlicht diese Anfälligkeit so sehr wie die Straße von Hormus. Ein schmaler Wasserstreifen im Persischen Golf hat noch immer die Macht, die Weltwirtschaft zu erschüttern. Trotz aller optimistischen Rhetorik über eine Zukunft nach dem fossilen Zeitalter erinnern uns die dortigen Ereignisse an eine hartnäckige Wahrheit: Das Zeitalter der Kohlenwasserstoffe ist noch lange nicht vorbei.
Dieser Artikel wurde zuerst im Daily Sceptic veröffentlicht (https://dailysceptic.org/2026/03/20/the-strait-of-hormuz-crisis-shows-the-world-still-runs-on-fossil-fuels/).
Dr. Tilak K. Doshi ist Energieredakteur des Daily Sceptic . Er ist Wirtschaftswissenschaftler, Mitglied der CO₂- Koalition und ehemaliger Autor für Forbes . Folgen Sie ihm auf Substack und X.
Der Beitrag Die Krise in der Straße von Hormus zeigt, dass die Welt immer noch auf fossilen Brennstoffen basiert. erschien zuerst auf EIKE - Europäisches Institut für Klima & Energie.
Der Krieg gegen Iran begann mit der alten Illusion vom schnellen Schlag: ein paar Tage Bombardierung, einige ausgeschaltete Führungspersonen, zerstörte Anlagen – und am Ende soll ein politisch gefügigeres Land stehen. Dahinter stand die Vorstellung, man könne ein politisches Problem militärisch abkürzen. Doch schon nach wenigen Wochen zeigt sich: Die Angriffe treffen Ziele und fordern Opfer, aber sie bringen keine tragfähige politische Entscheidung näher. Sichtbare militärische Treffer und erreichbare politische Ziele fallen auseinander. Von Detlef Koch.
Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.
Der Ablauf ist in seinen Grundzügen bekannt: Ende Februar 2026 begannen koordinierte Angriffe der USA und Israels, auf die Iran mit Gegenangriffen reagierte. Die Vereinten Nationen warnten früh vor einer Eskalation, die außer Kontrolle geraten könnte.[1] Entscheidend ist seither nicht mehr nur, wer mehr zerstören kann, sondern wer länger durchhält – wirtschaftlich, politisch und institutionell.
Genau hier kippt die Bilanz. Militärische Überlegenheit ist sichtbar. Strategischer Gewinn dagegen bleibt fragil. Iran verfügt über genug Mittel, um die Kosten dieses Krieges weit über das eigentliche Schlachtfeld hinauszutragen: auf Energiepreise, Schifffahrt, Versicherungen, Wasser- und Stromversorgung, auf die Nervosität ganzer Regionen. Die Aggressoren USA und Israel können töten und zerstören. Aber sie können ihre zentralen politischen Ziele nicht schnell erzwingen. Das ist der Kern ihres Problems.
Militärische Selbstüberdehnung
Die militärtheoretische Grundidee hinter Luftangriffen ist einfach: Wenn man Führung, Luftabwehr, Raketenstellungen und wichtige Industrieanlagen hart genug trifft, wird der Gegner irgendwann nachgeben. Diese Logik ist nicht völlig falsch. Sie funktioniert aber nur unter eng definierten Voraussetzungen:
Genau daran fehlt es beim Überfall auf den Iran.
Luftangriffe stoßen dort an Grenzen, wo Ziele über ein Land verteilt sind, das 4,61-mal so groß ist wie die Bundesrepublik – wo Ziele verlegbar, verborgen oder schlicht ersetzbar sind. Im Iran erschweren hohe Berge, weite wüstenhafte Ebenen, Großstädte, unterirdische Anlagen und ein verzweigtes Wegenetz schon die Auswahl der Ziele. Noch schwieriger ist die Frage, was tatsächlich dauerhaft ausgeschaltet wurde und was nur verlegt ist. Bombardierung kann viel zerstören, sie kann aber selten verlässlich klären, ob ein System als Ganzes außer Funktion gesetzt wurde.
Dazu kommt die historische Erfahrung. Regierungen brechen durch Luftangriffe allein nur selten zusammen. Studien zu solchen Kriegen zeigen: Angriffe aus der Luft wirken am ehesten dort, wo konkrete militärische Schwächen ausgenutzt werden. Sobald aber Regimewechsel, totale Entwaffnung oder dauerhafte Kontrolle angestrebt werden, sinken die Erfolgschancen. Wer von außen bombardiert, aber nicht dauerhaft vor Ort ist, kann ein Land verwüsten – aber er kann es politisch nicht nach Belieben neu ordnen.[2]
Hinzu kommt ein zweites Problem: Moderne Verteidigung wird selbst zum Erschöpfungsfaktor im Krieg. Der Iran kann vergleichsweise billige Mittel wie Drohnen oder koordinierte Raketenangriffe einsetzen, während Abwehrsysteme wie „Iron Dome“[3] in Israel dagegen extrem teuer sind. Viele kostengünstige Drohnen- und Raketenangriffe treffen auf wenige kostspielige Abfangsysteme. In Tel Aviv zeigt sich schon jetzt, dass die hochentwickelte Abwehr „Iron Dome“[4] für immer mehr Menschen immer weniger Schutz bietet. Aktuelle US-Haushaltsdaten zeigen, dass der Nachschub für Raketenabwehrsysteme wie ‚Iron Dome‘ weder billig noch unbegrenzt skalierbar ist. Seit Oktober 2023 wurden Milliardenbeträge allein für Raketenabwehr und die Wiederauffüllung verbrauchter Bestände bereitgestellt – darunter rund 4,4 Mrd. $ für die Auffüllung aus US-Beständen.[5]
Ein naheliegendes Gegenargument lautet, diese Engpässe würden verschwinden, wenn Iran nach und nach militärisch ausgeblutet werde. Auf der operativen Ebene ist daran etwas richtig: Die laufende Kampagne zielt genau darauf. Strategisch bleibt das Dilemma dennoch bestehen. Selbst deutlich reduzierte iranische Restkapazitäten reichen aus, um dauerhaft Druck zu erzeugen – solange wichtige Infrastruktur verwundbar bleibt und solange der Konflikt auf Wirtschaft, Schifffahrt und Versorgung übergreift. Hinzu kommt die politische Grenze: Mehrere europäische Staaten lehnen eine Beteiligung an Einsätzen in der Region ausdrücklich ab. Auch das ist ein Zeichen von Überdehnung: hohe Lasten für die Hauptakteure, begrenzte Bereitschaft bei den Partnern.
Rally-Effekt und Stabilisierung des Regimes
Die Hoffnung, Krieg und Leid würden ein unpopuläres Regime automatisch von innen sprengen, ist eingängig – aber nur schwach belegt. Gut belegt ist vielmehr das Gegenteil: Wenn ein Land von außen angegriffen wird, rücken viele Menschen zunächst hinter Staat und Führung zusammen. Zustimmung steigt oft kurzfristig, selbst dort, wo zuvor Unzufriedenheit herrschte.[6]
In autoritären Systemen kommt ein weiterer Effekt hinzu. Der äußere Angriff liefert der Führung eine starke Rechtfertigung nach innen. Der Ausnahmezustand erleichtert Repression, stärkt Polizei, Militär und Geheimdienste und drängt Gegner des Regimes in die Defensive. Studien zu Sanktionen und Krieg zeigen seit langem, dass äußerer Druck solche Systeme oft stabilisieren kann, statt sie zu schwächen.
Im Iran spricht derzeit vieles genau dafür. Der Krieg stärkt kurzfristig vor allem die Sicherheitsapparate. Hinweise aus westlichen Analysen deuten darauf hin, dass insbesondere die Revolutionsgarden (IRGC) an Einfluss gewinnen und das System trotz schwerer Verluste handlungsfähig bleibt.[7] Die bittere Pointe lautet: Militärischer Druck kann die politische Beweglichkeit des Gegners verkleinern, statt ihn zu öffnen. Kompromisse werden riskanter, Hardliner werden stärker.
Das heißt nicht, dass dieser Effekt ewig trägt. Schwere Niederlagen, Versorgungskollaps oder Machtkämpfe an der Spitze können ein Regime sehr wohl destabilisieren. Aber genau diese Entwicklung ist derzeit weder erkennbar noch erwartbar. Ebenso wenig führen gezielte Tötungen von Führungspersonen automatisch zu einem prowestlichen Aufbruch. Sie können Entscheidungen stören, aber sie können ebenso gut dazu beitragen, dass sich ein System verhärtet und noch stärker unter die Kontrolle seiner Sicherheitsapparate gerät.
Hormus und Wasser als Achillesferse
Wenn Luftangriffe keinen schnellen politischen Erfolg bringen, verlagert sich der Konflikt auf die Verwundbarkeit ganzer Systeme. Im Fall Iran betrifft das vor allem die Straße von Hormus und die Wasserfrage am Persischen Golf. Die Straße von Hormus ist kein optionaler Schifffahrtsweg, sondern ein realer Engpass der Weltwirtschaft. Im ersten Halbjahr 2025 liefen dort täglich rund 20,9 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte sowie große Mengen verflüssigten Erdgases hindurch.[8] Wer diesen Engpass bedroht, trifft nicht nur Tanker, sondern Preise, Lieferketten und politische Handlungsspielräume weit über die Region hinaus.
Es gibt Ausweichrouten, aber sie ersetzen Hormus nicht. Die U.S. Energy Information Administration (EIA) beziffert die gemeinsamen Umgehungskapazitäten der saudischen Ost-West-Pipeline und der Pipeline von Abu Dhabi auf rund 4,7 Millionen Barrel pro Tag.[9] Das dämpft, ersetzt aber nicht. Für verflüssigtes Erdgas gibt es praktisch keine schnelle Umleitung in vergleichbarer Größenordnung. Genau deshalb reicht oft schon die glaubhafte Drohung, um Schifffahrt und Versicherungsmärkte zu erschüttern.
Diese Logik ist längst sichtbar. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (International Maritime Organization, IMO) warnt vor anhaltenden Risiken, Branchenakteure stufen das Gebiet als Hochrisikozone ein, Versicherer berichten von drastisch sinkendem Verkehr.[10] Der Punkt ist simpel: Nicht erst die formelle Sperre wirkt, sondern schon die glaubhafte Aussicht auf Feuer an Bord, Schäden und unkalkulierbare Kosten. In solchen Lagen verhält sich der Markt, als sei die Route bereits halb geschlossen.
Noch heikler ist die Wasserfrage. Mehrere Golfstaaten decken einen großen Teil ihres Bedarfs durch Meerwasserentsalzung. Das ist lebenswichtige Infrastruktur und fällt sie aus, lässt sich Wasser nicht wie Öl kurzfristig auf dem Weltmarkt ersetzen. Moderne Städte am Golf hängen an wenigen großen Anlagen, oft eng gekoppelt an die Stromversorgung. Gerade hier liegt eine Verwundbarkeit, die militärisch nur begrenzt neutralisierbar ist. Wer von Sicherheit am Golf spricht, muss deshalb über Wasser ebenso reden wie über Öl.
Institutionelle Resilienz und Grenzen gezielter Tötungen
Die Tötung führender Personen wirkt auf den ersten Blick wie die Abkürzung zum Sieg: Man nimmt dem Gegner den Kopf, und der Rest fällt auseinander. In Staaten mit gewachsenen Institutionen und klaren Nachfolgeregeln geht diese Rechnung jedoch selten auf. Die iranische Verfassung enthält ausdrücklich Regelungen für den Fall eines Führungsausfalls. Das macht solche Tötungen nicht folgenlos, aber es bedeutet, dass das System darauf vorbereitet ist, selbst unter Schock weiterzufunktionieren.[11]
Hinzu kommt eine Sicherheitsstruktur, die nicht an einer einzelnen Person hängt. Neben der regulären Armee existieren die Revolutionsgarden als eigenständige Macht mit eigenen Truppen, regionalen Strukturen, paramilitärischen Netzwerken und erheblichem politischem Einfluss. Diese Parallelität stabilisiert. Aufgaben können verlagert, Entscheidungen dezentral getroffen und Loyalitäten aufrechterhalten werden – auch dann, wenn zentrale Figuren fehlen.
Die Forschung zu gezielten Tötungen bestätigt dieses Bild. In lose organisierten Gruppen können solche Schläge Wirkung entfalten. In stärker strukturierten Organisationen werden Verluste oft aufgefangen. Häufig tritt sogar das Gegenteil ein: Nachfolger sind kompromissloser, weil moderatere Stimmen fehlen. Für Staaten gilt diese zweite Logik meist stärker als die erste.[12]
Auch deshalb ist die präzisere Schlussfolgerung ernüchternd: Solche Tötungen können kurzfristig Wirkung entfalten, aber sie verändern selten die strategische Grundlage des Konflikts. Mehr noch: Sie können den Gegner verhärten, Entscheidungsräume verengen und den Einfluss der Sicherheitsapparate weiter vergrößern. Der Staat wird dann nicht schwächer im politischen Sinn, sondern oft härter.
Ein Schlusskommentar
Das bislang belastbarste Zwischenfazit ist unbequem. Dieser Krieg hat militärische Macht demonstriert, aber die strategische Lage der Angreifer nicht entscheidend verbessert. Er produziert hohe Kosten, offene Enden und eine Dynamik, die sich nicht sauber kontrollieren lässt. Luftangriffe können Anlagen zerstören und Menschen töten. Sie können aber nicht zugleich das Atomprogramm verlässlich kontrollieren, das Regime ersetzen, die Straße von Hormus sichern und die Wasser- und Energieversorgung einer ganzen Region dauerhaft schützen
Man kann einwenden, dass sich am Ende dennoch eine neue Abschreckungslage einstellen könnte – falls der Iran militärisch so weit geschwächt wird, dass weder die Straße von Hormus noch kritische Infrastruktur ernsthaft bedroht werden können. Doch dieser Weg wäre lang, teuer und politisch riskant. Er verlangte enorme Schutzanstrengungen, eine ausgeweitete Rüstungsproduktion und breite Unterstützung der Verbündeten. Genau daran fehlt es bislang.
Für Israel wäre auf zynische Weise selbst ein halber Sieg strategisch brauchbar. Nicht erst ein Regimewechsel, schon ein auf Jahre paralysierter, wirtschaftlich verwüsteter, kulturell verletzter und seelisch verwundeter Iran könnte als Erfolg verkauft werden – ein Iran, der nicht fällt, aber auf absehbare Zeit kein regionales Gegengewicht mehr bildet – eine hochstehende Kultur mit freundlichen Menschen in den Staub getreten durch westlich imperiale Anmaßung. Wer das für Strategie hält, verwechselt sinnlose Zerstörung mit politischem Erfolg.
Nachtrag:
Bei allem Abscheu für die iranische Regierung, ihre Gräueltaten und die bedrohliche Menschenrechtslage müssen wir festhalten, dass der letzte eindeutig von Persien begonnene, groß angelegte Angriffskrieg auf das Jahr 602 n. Chr. datiert, als das Sassanidenreich den Krieg gegen Byzanz eröffnete und weite Teile des Nahen Ostens eroberte. Dafür verdient das iranische Volk Respekt.
Titelbild: StreetOnCamara_Comeback / Shutterstock
[«1] Nach den iranischen Angriffen warnt der Generalsekretär den Sicherheitsrat vor einem umfassenderen Konflikt im Nahen Osten und fordert Deeskalation und einen sofortigen Waffenstillstand.
[«2] Reine Luftkampagnen können Staaten erheblich zerstören, aber ohne Kontrolle am Boden lassen sich politische Ordnungen nicht nachhaltig verändern.
[«3] IRON DOME AIR DEFENSE SYSTEM: BASIC CHAR ACTERISTICS, LIMITATIONS, LOCAL AND REGIONAL IMPLICATIONS
[«4] Iron Dome Performance: Critique and Response
[«5] Kosten des Krieges: Ausgaben der Vereinigten Staaten für israelische Militäroperationen und damit verbundene US-Operationen in der Region, 7. Oktober 2023 – 30. September 2024
[«6] Das Phänomen der „Rally-‘Round-the-Flag“-Bewegung und der ablenkende Einsatz von Gewalt
[«7] Assessing the Domestic Roles of Iran’s Islamic Revolutionary Guards Corps
[«8] Im Jahr 2024 betrug der durchschnittliche Öldurchfluss durch die Straße von Malakka 20 Millionen Barrel pro Tag.
[«9] Die saudische und die VAE-Pipeline könnten „about 4.7 million b/d“ an Hormus vorbeileiten
[«10] Informationen zum Thema Schifffahrt und Seeleute – Straße von Hormuz und Naher Osten.
[«11] Verfassung der islamischen Republik Iran – Article 111 [Leadership Council], Abs. 2
[«12] Johnston, P.B. (2012) ‘Does Decapitation Work? Assessing the Effectiveness of Leadership Targeting in Counterinsurgency Campaigns’, International Security, 36(4), pp. 47–79.
Der US-Präsident Trump hat sich in seinem imperialistischen Größenwahn ein wenig verkalkuliert. Der von den USA und Israel angegriffene Iran wehrt sich – wer hätte das gedacht. Und der Iran wehrt sich sogar viel effektiver und entschlossener, als Trump und seine Truppe es erwartet hätten. War doch Venezuela Anfang des Jahres ein militärischer Spaziergang, so erweist sich der Iran als widerspenstig, so widerspenstig, dass er sogar die Straße von Hormus blockiert. Trump selbst zeigt sich von Irans Blockade zutiefst enttäuscht, hat doch der Iran in seinen Augen den Krieg bereits verloren: „Es ist also etwas unfair. Man gewinnt zwar einen Krieg, aber sie haben kein Recht, das zu tun, was sie tun“ (Blockade der Straße von Hormus – A. Neu)“, so Trump kürzlich. Von Alexander Neu.
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Nun, die Bockigkeit der Iraner konnte ja wirklich niemand erahnen, weder Trump noch der deutsche Kanzler, der den Angriff ja vollmundig unterstützte – aber eben nur verbal. Und nun fordert der Master im Weißen Haus Solidarität: Die NATO möge nun mitmachen bei der Sicherung des Seeweges. Und wenn die NATO sich nicht beteiligt, könnte dies „dramatische Konsequenzen für die NATO“ haben. Noch aber zieren sich die europäischen und ostasiatischen Verbündeten, Trumps „Wunsch“ zu entsprechen. Wie lange noch und mit welcher Begründung könnte es alsbald kippen?
„Die Vereinigten Staaten wurden von den meisten unserer NATO-„Verbündeten“ darüber informiert, dass sie sich nicht an unserer Militäroperation gegen das terroristische Regime des Iran im Nahen Osten beteiligen wollen – und das, obwohl fast jedes Land stark mit dem einverstanden ist, was wir tun, und obwohl Iran unter keinen Umständen eine Atomwaffe besitzen darf.
Ich bin über ihr Verhalten nicht überrascht, denn ich habe die NATO, in die wir jedes Jahr Hunderte Milliarden Dollar investieren, um genau diese Länder zu schützen, immer als Einbahnstraße betrachtet – wir schützen sie, aber sie tun nichts für uns, besonders nicht in Zeiten der Not.
Glücklicherweise haben wir das Militär des Iran zerschlagen – ihre Marine ist zerstört, ihre Luftwaffe ist zerstört, ihre Flugabwehr und ihr Radar sind zerstört und, vielleicht am wichtigsten, ihre Führung auf nahezu allen Ebenen ist verschwunden, sodass sie uns, unsere Verbündeten im Nahen Osten oder die Welt nie wieder bedrohen können.
Aufgrund dieses großen militärischen Erfolgs brauchen oder wünschen wir die Unterstützung der NATO-Staaten nicht mehr – wir haben sie nie gebraucht! Ebenso wenig Japan, Australien oder Südkorea.
Tatsächlich sage ich als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, mit Abstand das mächtigste Land der Welt: WIR BRAUCHEN DIE HILFE VON NIEMANDEM!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit.
Präsident DONALD J.“
(Post von D. Trump in Social Truth)
Ganz unrecht hat Trump nicht – fordert er doch nur, was so einige europäische Verbündete doch ganz toll fanden: den Iran militärisch niederzuringen, eine neue Regierung mit von Washington ausgewähltem Personal bestückt zu etablieren und auf diese Weise der BRICS+ sowie der SCO einen Schlag zu versetzen. Trump hat halt nur das getan, was ihm irgendwelche Leute als absolut sinnvoll eingeflüstert haben. Und die verbale Unterstützung seitens einiger Verbündeter und auch des NATO-Generalsekretärs haben ihn darin bestärkt, das zu tun, wozu er sich berufen fühlt: Drittstaaten zu überfallen oder zu strangulieren. Und nun sieht er sich in seinem Handeln von seinen Kumpels im Stich gelassen. Dass dies – sollten die Verbündeten nicht doch noch einknicken und sei es nur durch finanzielle Freikäufe in Milliardenhöhe – Auswirkungen auf die Zukunft der NATO haben wird, davon ist auszugehen.
(Einstweilige) Absagen der Verbündeten mit Ausnahme der Medien
Unser Kanzler – ahnend, dass das mit der Beteiligung der NATO und der Bundesmarine keine gute Idee sein könnte – beeilte sich, noch am 16. März um 20:25 Folgendes auf X der Welt mitzuteilen, nachdem sein Außenminister sich wenige Stunden zuvor noch etwas unverbindlicher geäußert hatte. Merz:
„Wir werden uns nicht daran beteiligen, in der Straße von Hormus
mit militärischen Mitteln eine freie Schifffahrt zu gewährleisten.
Der Krieg im Nahen Osten ist nicht Angelegenheit der NATO.
Deshalb wird sich Deutschland auch nicht militärisch einbringen.“
Sein Außenminister Wadephul zuvor um 15:33 Uhr:
„Wir wollen zunächst von den USA und Israel erfahren, wann sie ihre militärischen Ziele im Iran erzielt haben wollen, bevor wir gemeinsam eine Sicherheitsarchitektur für die Region definieren können. Bis dahin gibt es für NATO & EU-Mission Aspides keine Rolle.“
Und auch bei einem Treffen der EU-Außenminister gab es keine Begeisterung für eine Beteiligung, da sich alle darüber im Klaren sind, dass eine solche Beteiligung unter Umständen zu massiven militärischen Verlusten führen könnte.
Und die US-Verbündeten im Westpazifik wie Japan, Südkorea und Australien scheinen auch eher geneigt zu sein, abzutauchen.
So weit, so gut. Allerdings laufen sich unsere Mainstreammedien so langsam kriegswarm, wie es auf der Bundespressekonferenz am 16. März deutlich wurde. Ausnahmsweise fragten die dortigen Mainstreamjournalisten tatsächlich mal nach – leider nicht für den Frieden, sondern eher für eine militärische Beteiligung.
So mancher journalistischer Schreibtischstratege kann es scheinbar kaum erwarten, in den Krieg einzusteigen – also nicht er oder sie selbst, sondern natürlich die Söhne und Töchter der anderen Bundesbürger. (Ostdeutsche Allgemeine – Iran-Krieg: Wenn Journalisten kriegslüsterner sind als die Regierung)
Ökonomischer Druck
Das NEIN von heute muss nicht das NEIN von morgen sein. Sollte die Straße von Hormus über einen längeren Zeitraum blockiert bleiben, würde dies die Weltwirtschaft zunehmend belasten. Europäische Reeder, Erdölkonzerne, das produzierende Gewerbe in EU-Europa – von russischen Energieträgern angesichts unserer mittlerweile 20 EU-Sanktionspakete abgeschnitten – dürften zunehmend Druck auf die Politik ausüben, den sie belastenden Status Quo rückgängig zu machen. Auch der deutsche Michel mag nicht mehr zur Tankstelle fahren, was seinen Unmut zunehmend schüren dürfte. Und da der Iran mit dem Blockade-Instrument über einen sehr effektiven Hebel verfügt, gibt es exakt drei Möglichkeiten – oder besser gesagt, ein elendes Trilemma:
Erste Option: Die EU-europäischen Staats- und Regierungschefs versuchen ungeachtet des inneren Drucks auf die Politik, die Problematik auszusitzen.
Zweite Option: EU-Europa versucht, auf die USA und Israel einzuwirken, Konzessionen an den Iran zu machen in der Erwartung, dass der Iran die Blockade der Seeschifffahrtsstraße beendet. Problem dürfte hierbei D. Trump sein. Die Auswirkungen treffen die Europäer stärker als die USA – verfügen die USA doch selbst über ausreichend energetische Ressourcen im Gegensatz zu Europa. Hinzu kommt: Die Europäer haben Trump tatsächlich „in der Stunde der Not“ sitzen lassen. Warum sollte er sich dann die Nöte der Europäer zu eigen machen? Auch hat D. Trump seiner Ansicht nach den Iran längst besiegt; eine Konzession an den Iran wäre für ihn das Eingeständnis einer Niederlage durch die Hintertür – und das für die in seinen Augen parasitären Europäer?
Dritte Option: Die militärische Durchbrechung der Seeblockade unter Beteiligung der EU-Europas. Nur, dass dürfte sich als enorm schwierig, kostspielig und verlustreich darstellen. Die Iraner verfügen zwar nicht mehr über eine klassische Marine, die ist längst von Trump versenkt worden. Dafür verfügen die Iraner über einen sehr langen Küstenabschnitt, der es ihnen ermöglicht, einen asymmetrischen Krieg zu führen. Ihre Raketen, Torpedos und Drohnen mit unterschiedlichen Reichweiten und Sprengkraft stellen eine enorme Herausforderung für das „mächtigste Land der Welt“ und seine Verbündeten dar. Ob eine Durchbrechung tatsächlich möglich ist, ist absolut unklar.
Obschon die dritte Option mit erheblichen Gefahren (militärische Verluste oder gar militärisches Scheitern) verbunden ist, dürfte der Druck auf die EU-europäischen Staats- und Regierungschefs seitens der Wirtschaft und der Mainstreammedien mächtig wachsen, sich an der Seite Trumps zu „engagieren“.
Rechtliche Rahmenbedingungen für eine Beteiligung
Da es bei dem Krieg der USA und Israels sich eindeutig um einen Angriffskrieg und somit um einen eklatanten Rechtsbruch handelt, der von den europäischen Regierungen so auch nicht mehr ernsthaft bezweifelt wird, ist eine Berufung auf den Artikel 5 des NATO-Statuts genau genommen nicht mehr möglich. So auch der Regierungssprecher Kornelius in der Bundespressekonferenz:
„Dieser Krieg hat mit der NATO nichts zu tun.“
(Ostdeutsche Allgemeine – Iran-Krieg: Wenn Journalisten kriegslüsterner sind als die Regierung)
Damit wäre die NATO als Bündnis formal raus.
Zwar schippert die EU bereits mit der EUNAVOR ASPIDES in der Region auf der Grundlage von UNO-Sicherheitsratsresolutionen (2216; 2624; 2707; 2722 und 2768) sogar mit der Möglichkeit des Ergreifens militärischer Maßnahmen. Diese EU-Mission jedoch ist auf den Fall des Staates Jemen und den Angriffen der Huthis auf die Handelsschiffe im Roten Meer fokussiert. Auch wenn das Einsatzgebiet selbst die Straße von Hormus miteinschließt, so sind militärische Schutzmaßnahmen in der Straße von Hormus nicht erlaubt:
„Das Einsatzgebiet umfasst die Meerenge Bab al-Mandab und die Straße von Hormus sowie die internationalen Gewässer im Roten Meer, im Golf von Aden, im Arabischen Meer, im Golf von Oman und im Persischen Golf sowie den darüberliegenden Luftraum. Ein Einsatz in Hoheitsgewässern erfolgt nur nach Zustimmung durch den jeweiligen Anrainerstaat. Es gelten die Regeln des Seerechtsübereinkommens.
Die exekutive Aufgabe des Schutzes von Schiffen gegen multidimensionale Angriffe ist im Seegebiet nördlich des Breitengrades von Maskat im Golf von Oman, in der Straße von Hormus und im Persischen Golf nicht auszuüben und hiermit ausgeschlossen.“
(dserver.bundestag.de/btd/21/013/2101372.pdf)Die Mission EUNAVFOR ASPIDES müsste für einen exekutiven Schutzeinsatz in der Straße von Hormus eine entsprechende UNO-Sicherheitsratsresolution zu Grunde legen. Dass diese an den Vetomächten Russland und China scheitern würde, ist naheliegend.
Eine andere Variante wäre es, angesichts der drohenden wirtschaftlichen Belastungen das Selbstverteidigungsrecht EU-Europas zu strapazieren. Zwar liegt bis dato kein Angriff auf EU-europäisches Territorium seitens des Irans vor, sodass eine Reaktion EU-Europas auf einen vorausgegangenen militärischen Angriff völkerrechtlich gar nicht möglich ist. Jedoch hat der Westen bereits mehrfach den eigentlich territorialgebundenen und völkerrechtlich als auch verfassungsmäßig so definierten Verteidigungsbegriff kreativ erweitert. Die Verteidigung „unserer Werte und Interessen“ ist halt auch Verteidigung, so die neueren Rechtsinterpretationen seit den 1990er-Jahren. Und dass Deutschland nicht an seinen territorialen Grenzen, sondern auch am Hindukusch – zumindest 20 Jahre lang – verteidigt wurde, unterstreicht die Entterritorialisierung und sodann die Willkürlichkeit des Verteidigungsbegriffs.
Wenn nun ein wirtschaftlicher Kollaps angesichts der iranischen Blockade anstünde, wäre die vermeintliche Berufung auf das Selbstverteidigungsrecht, mithin der „Verteidigung unserer ökonomischen Interessen“, eine Option aus der Trickkiste. Unsere Mainstreammedien wären einer propagandistischen Begleitung dieser Argumentationsfigur wahrscheinlich nicht abgeneigt: „Wir beteiligen uns nicht an Aggressionen gegen das iranische Hoheitsgebiet, sondern schützen lediglich die Navigationsfreiheit auf See, gemäß des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen“, so in etwa würde die Rhetorik aus dem Trio Politik-Medien-ThinkTanks lauten.
Mit dem Verweis auf die Verteidigung der „Navigationsfreiheit“ würde die Brücke zum vermeintlich entterritorialisierten Selbstverteidigungsrecht (auf der Grundlage von Artikel 51 der UNO-Charta) gebaut. Darüber hinaus würde man sich auf diese Weise auch der lästigen Autorisierung durch eine UNO-Sicherheitsratsresolution (auf der Grundlage von Artikel 42 der UNO-Charta) elegant entledigen, um der Gefahr eines Vetos durch Russland und China zu entgehen.
Fazit
Wie man es auch drehen und wenden mag, alle drei Optionen sind nicht unter den Kategorien „gut und besser“, sondern „schlecht und schlechter“ zu fassen. So lange Trump der Überzeugung ist, den Iran tagtäglich erneut besiegen zu müssen, und der Iran seine Niederlage so nicht sieht, vertieft sich das europäische Trilemma – zumal man in Brüssel nach wie vor der Überzeugung ist, dass der Stopp russischer Energieimporte als Reaktion auf den Krieg Russlands die genialste Idee seit Gründung der EU ist.
Titelbild: lavizzara/shutterstock.com![]()
Es kommt ja selten vor, dass die deutsche Regierung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen mal etwas Vernünftiges sagt – aber die klare Absage an Donald Trump, die Straße von Hormus durch deutsche Marineeinheiten abzusichern, war ein solcher Fall. Wie zu befürchten, gab es jedoch sogleich Kritik an dieser Entscheidung. Vorgetragen hat sie der „Verband Deutscher Reeder“, der beklagt, dass „44 deutsche Schiffe“ von der Blockade der Straße von Hormus betroffen und nun im Persischen Golf gefangen seien. Von welchen „deutschen“ Schiffen ist da eigentlich die Rede? Eine Spurensuche von Jens Berger.
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Konkrete Angaben, welche Schiffe von der Blockade betroffen sind, sind Mangelware. Recherchiert man ein wenig auf den einschlägigen Schifffahrtsportalen, findet man kein einziges deutsches Schiff in dieser Region. Doch dazu später mehr. Dank einer Pressemeldung wird man jedoch fündig. In dieser Meldung ist von dem Containerschiff Source Blessing die Rede, das auch nur deshalb namentlich erwähnt wurde, weil es offenbar durch die Kriegshandlungen beschädigt wurde. Deutsch ist die Source Blessing freilich nicht. Der NDR spricht von „einem Schiff der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd“, das an die dänische Reederei Maersk verchartert sei. Ok, gehen wir der Sache doch mal auf den Grund.
Die Source Blessing wurde 2003 in Kaohsiung/Taiwan von der China Shipbuilding Corp. gebaut und unter dem Namen Lykes Flyer von der amerikanischen Reederei Lykes Lines unter zunächst britischer Flagge in Betrieb genommen. Lykes Lines gehörte damals der kanadischen Reederei CP Ships, die ihrerseits 2005 von der damaligen deutschen TUI übernommen und in deren Tochter Hapag Lloyd integriert wurde. Über die Jahre wechselte das Schiff mehrfach den Namen und die Flagge. Seit 2021 fährt es unter liberianischer Flagge, seit 2024 heißt es Source Blessing. Ist die Source Blessing also ein liberianisches Schiff? Seerechtlich, ja. Aber die Flagge sagt nichts über die Besitzverhältnisse aus.
Wem gehört eigentlich das Schiff? Laut Schiffsdatenbank gehört das Schiff einem Unternehmen namens Well Wonder 1 LTD im chinesischen Fujian – einer Briefkastenfirma, der nur dieses eine Schiff gehört und die offenbar von der Mascot Ocean Ltd., ebenfalls aus Fujian, betrieben wird. Ist die Source Blessing also ein chinesisches Schiff? Von den Besitzverhältnissen, ja. Well Wonder hat das Schiff jedoch an das deutsche Unternehmen Hapag Lloyd verchartert, die es wiederum an die dänische Reederei Maersk unterverchartert haben, und für diese Reederei ist es im Golf im Linieneinsatz. Nun will das Schiff den Golf verlassen und gibt im elektronischen Identifiktationssystem vor, ein chinesisches Schiff zu sein – das ist offenbar in den letzten Tagen bei Schiffen von chinesischen Eignern gängige Praxis, um die Gefahr eines Angriffs durch den Iran zu reduzieren.
Rekapitulieren wir also: Wir haben hier ein Schiff, das einer chinesischen Firma gehört, unter liberianischer Flagge fährt, von einem deutschen Unternehmen gechartert und an ein dänisches Unternehmen weiterverchartert wurde. Wie kommen die deutschen Reeder hier auf die Idee, dass es sich um ein „deutsches“ Schiff handelt?
Die „deutsche Handelsflotte“ umfasst zurzeit 1.836 Schiffe, von denen jedoch nur 416 auch wirklich unter deutscher Flagge fahren. 1.420 Schiffe deutscher Reeder fahren unter fremder Flagge. Besonders beliebt sind die Flaggen Antiguas und Liberias, die 424 bzw. 309 Schiffe deutscher Reeder schmücken. In Antigua oder Liberia muss übrigens kein deutscher Reeder vorstellig werden, um seine Schiffe auszuflaggen. Das Schifffahrtsregister Antiguas ist im niedersächsischen Oldenburg beheimatet, das liberianische Schifffahrtsregister residiert in Reston, im US-Staat Virginia. In Zeiten des Internets und global agierender Anwaltskanzleien gehört das Ausflaggen zum tagtäglichen Geschäft großer Reedereien.
Der Hauptgrund für die Ausflaggung ist die im Seehandel oft komplizierte Ermittlung und Zuordnung der wirtschaftlichen Gewinne. Schiffe sind qua Gesetz Territorium des Staates, unter deren Flagge sie fahren, und müssten zumindest theoretisch auch in diesem Staat Steuern auf die erzielten Gewinne abführen. In der Praxis verhinderten jedoch die deutschen Finanzämter lange diese „Scheingeschäfte“. Der Startschuss für das große Ausflaggen deutscher Handelsschiffe fiel im Jahre 1999. Damals gab die rot-grüne Bundesregierung den Lobbyforderungen der Reeder nach, indem sie die Tonnagesteuer einführte. Bei der Tonnagesteuer entfällt die Besteuerung auf die tatsächlichen Gewinne aus dem Reedereigeschäft und wird durch eine – lächerlich geringe – Pauschalsteuer ersetzt, die sich auf die Tonnage der Schiffe bezieht. De facto stellt dies eine massive Steuersubvention für die Reeder und vor allem für die vermögenden Investoren dar, die sich über geschlossene Fonds an Schiffen beteiligen, und deren Gewinne dank der rot-grünen Steuerreform nahezu steuerfrei sind.
Neben der weitestgehenden Steuerbefreiung ist das Unterlaufen deutscher oder europäischer Sicherheits- und Arbeitsstandards ein Hauptmotiv für die Ausflaggung. Das fängt bei der Rentenversicherung und der Krankenversicherung an, geht beim Urlaubsanspruch und den Sozialleistungen weiter und endet bei berufsgenossenschaftlichen und arbeitsrechtlichen Regelungen. Für einen Seemann auf einem deutschen Schiff unter liberianischer Flagge gelten die Gesetze und Vorschriften Liberias.
Völkerrechtlich ist die in Deutschland so populäre Ausflaggung jedoch ein einziger Graubereich. Auch wenn die Ausflaggung deutscher Schiffe gängige Praxis ist, so heißt dies nicht, dass sie damit auch legal ist. Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen sieht vor, dass jedes Schiff in dem Staat registriert sein muss, von dessen Hoheitsgebiet aus es betrieben wird. Um die offensichtliche Verletzung des Seevölkerrechts zu umgehen, nutzen die Reeder mit tatkräftiger Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums eine „Gesetzeslücke“, die aus Zeiten stammt, in denen es den deutschen Reedern tatsächlich nicht gut ging. Paragraph 7 des Flaggenrechtsgesetzes gestattet eine auf maximal zwei Jahre befristete Ausflaggung, wenn das Schiff an einen ausländischen Betreiber verliehen wird.
Diese „Bareboat-Charter“ war jedoch als Ausnahmeregelung für wirtschaftlich angeschlagene Reedereien gedacht. Aus der Ausnahme wurde jedoch die Regel – obgleich es den deutschen Reedereien wirtschaftlich prächtig geht, wurde in den letzten Jahren kein einziger diesbezüglicher Antrag abgelehnt. Interessanterweise interpretieren die deutschen Finanzämter die „Bareboat-Charter“ bei der Einkommensteuererklärung deutscher Seeleute gänzlich anders. Die sind nämlich nicht in Antigua oder Liberia, sondern in Deutschland steuerpflichtig, da die Finanzbehörden hier die „Bareboat-Charter“ als „offensichtliches Scheingeschäft“ einordnen. Man kennt es ja: quod licet Iovi, non licet bovi.
Und wer sind die Profiteure dieser Steuerumgehung? Kommen wir auf Hapag Lloyd zurück. Neben Saudi-Arabien und Katar ist die Firma Kühne + Nagel der Hauptanteilseigner an der Reederei. Kühne + Nagel ist übrigens eines der größten Familienunternehmen der Welt und gehört Klaus-Michael Kühne, dem Hamburger Mäzen, der einschlägigen Listen zufolge mit einem Vermögen von fast 40 Milliarden Euro der zweitreichste Deutsche ist. „Erstaunlicherweise“ hat Kühne + Nagel seinen Hauptsitz jedoch nicht in Hamburg, sondern in der Schweiz. Mit Steueroptimierung kennen die Herren Reeder sich nun einmal ganz hervorragend aus.
Fassen wir die gesamte Recherche also zusammen: Wir haben (siehe oben) ein Schiff, das man je nach Perspektive als chinesisches oder liberianisches Schiff bezeichnen kann, bei dem jedoch der zweitreichste Mann Deutschlands an irgendeiner Stelle der komplexen Betreiberstruktur steueroptimiert als Charterer auftaucht. Und darum ist das Schiff nun ein deutsches Schiff? Das ist schon sehr abenteuerlich. Und die Source Blessing ist kein Einzelfall. Fast alle vermeintlich deutschen Schiffe im Golf weisen derartige Strukturen auf – Besitzer sind irgendwelche Briefkastenfirmen in Steueroasen oder China, sie fahren unter der Flagge irgendwelcher Bananenrepubliken, die keine Steuern erheben und keine Arbeitsschutzregelungen für die Seeleute vorschreiben. An irgendeiner Stelle der komplexen Betreiberstruktur tauchen dann aber deutsche Reedereien auf.
Wer sich durch Ausflaggung der Steuerpflicht entzieht und noch nicht einmal die arbeitsrechtlichen Vorschriften Deutschlands einhält, sollte aber bitteschön auch ganz leise sein, wenn es darum geht, dass Deutschland „seinen Besitz“ in welcher Form auch immer militärisch absichern soll. Es ist schon schlimm genug, dass junge Soldaten überhaupt in solche riskanten Situationen geschickt werden sollen – wenn dies vor allem für die grenzenlose Gier einiger weniger Superreicher geschehen soll, ist das nur noch unanständig und asozial. Die Reeder sollten sich schämen.
Wer derweil komplett in Vergessenheit geriet, sind die Seeleute, die auf diesen Schiffen ihren Dienst tun – meist Filipinos, Chinesen und Ukrainer; arme Schweine, die ausbeutet werden, um den Reichtum einiger weniger zu mehren. 4.000 dieser Seeleute sitzen offenbar zurzeit im Golf fest. Während deutsche Kreuzfahrttouristen – auch dank des heiligen Zorns von BILD und Co. – bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn auf Steuerzahlerkosten aus der Region ausgeflogen wurden, kümmert sich niemand um die zurückgebliebenen Seeleute. Und auch bei der gesamten Debatte um die Öffnung der Straße von Hormus und die Sicherung der Handelsrouten spielen diese „Wegwerfmenschen“ an keiner Stelle eine Rolle; sie werden nicht einmal erwähnt, natürlich auch nicht von den Reedern.
Titelbild: Aleksandr Medvedkov/shutterstock.com![]()
Die iranischen Revolutionsgarden haben angekündigt, bis Kriegsende keine Ölexporte durch die Straße von Hormus an Verbündete der USA und Israels zuzulassen. Der Schiffsverkehr ist stark beeinträchtigt, die Meerenge gilt als praktisch geschlossen.
Iran reagiert mit dieser Blockade auf Angriffe der USA und Israels. Die strategisch wichtige Route transportiert normalerweise 20 % des globalen Öls und ein Fünftel des LNG-Handels, hauptsächlich nach Asien. Seit Kriegsbeginn wurden Öltanker angegriffen, Iran verlegte Minen, die das US-Militär teilweise zerstörte.
Die Revolutionsgarden fordern arabische und europäische Staaten auf, US- und israelische Botschafter auszuweisen: „Jedes arabische oder europäische Land, das die Botschafter der Vereinigten Staaten und Israels ausweist, erhält uneingeschränkte Durchfahrt durch die Straße von Hormus.“
Eine dauerhafte Sperrung würde auch Irans Wirtschaft schaden, da alternative Pipelines nur begrenzte Mengen umleiten können.
US-Präsident Trump drohte mit massiven Bombardements bei einer vollständigen Sperrung und kündigte Risikoversicherungen für Schiffe an.
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Bildquelle: artemegorovv / shutterstock
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