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Gestern — 13. April 2026

Nach der Wahl „Ungarn hat Europa gewählt“: Merz und von der Leyen feiern Orbáns Niederlage

13. April 2026 um 03:00

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Freut sich über das ungarische Wahlergebnis: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Foto: picture alliance / dts-Agentur

Nach dem Machtwechsel in Ungarn stellen sich Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Außenminister Johann Wadephul (CDU) hinter Wahlsieger Péter Magyar. Berlin hofft nach dem Ende der Ära Orbán auf einen Kurswechsel in Europa.

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Bankrott & nuklear bewaffnet: Pakistan verkauft sich an die Saudis

12. April 2026 um 15:00

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Pakistan ist pleite. Das Land steht wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Doch anstatt die massive heimische Krise zu lösen, verhökert Islamabad das Einzige, was noch funktionstüchtig ist: das eigene Militär. Für ein paar Milliarden Dollar mutiert Pakistan zur kaufbaren, nuklear bewaffneten moslemischen Söldnernation für die saudischen Öl-Scheichs.

An diesem Wochenende landete auf der saudischen König-Abdulaziz-Luftwaffenbasis ein massives Kontingent der pakistanischen Streitkräfte – inklusive Kampfjets und schwerem militärischen Gerät. Rund 13.000 pakistanische Soldaten sollen dabei helfen, die Golfmonarchie zu verteidigen. Offiziell schwadroniert das saudische Verteidigungsministerium von einem „strategischen Verteidigungspakt“, der die „Sicherheit und Stabilität“ in der Region fördern soll. Doch in Wirklichkeit ist dies eigentlich nichts weiter als ein Söldner-Geschäft auf Staatsebene.

Riad erkauft sich dadurch die dringend benötigte militärische Schlagkraft, und Islamabad bekommt das, was es zum nackten Überleben braucht: frisches Geld. Saudische und katarische Geldgeber pumpen jetzt 5 Milliarden Dollar in die chronisch leere pakistanische Staatskasse. Der Deal wurde am Freitagabend nach einem Krisentreffen zwischen dem saudischen Finanzminister Mohammed bin Abdullah al-Jadaan und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif festgezurrt.

Pakistans Wirtschaft ist ein absoluter Sanierungsfall. Die Währungsreserven des riesigen Landes sind auf kümmerliche 16,4 Milliarden Dollar zusammengeschmolzen. Die Rechnungen stapeln sich, das Wasser steht der Regierung bis zum Hals. Die Kosten für Energieimporte explodieren – ein weiterer Kollateralschaden der jüngsten Eskalationen und der US-amerikanischen und der israelischen Angriffe auf den Iran. Gleichzeitig klopfen wütende Gläubiger an die Tür: Allein die Vereinigten Arabischen Emirate fordern bis Ende des Monats die Rückzahlung von satten 3,5 Milliarden Dollar. Pakistan hat dieses Geld nicht. Was macht man also, wenn man vor dem Staatsbankrott steht? Man vermietet quasi seine Armee.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Saudis von Islamabad militärische Hilfe erhielten. Schon im Golfkrieg 1991 schickte Pakistan Truppen, um das saudische Königreich zu verteidigen. Doch der neue Pakt hat eine völlig neue, furchteinflößende Dimension. Das Abkommen verpflichtet beide Staaten, einen Angriff auf den einen als Angriff auf den anderen zu werten. Man könnte auch sagen, Saudi-Arabien hat sich damit faktisch den Schutz einer Atommacht gekauft. Die Golfmonarchie profitiert also vom nuklearen Schutzschirm der kaufbaren, nuklear bewaffneten moslemischen Söldnernation.

Die Verlegung von Kriegsgerät und Truppen nach Saudi-Arabien hat damit auch Signalwirkung. Andere islamische Länder mit ausreichend Kaufkraft, aber schwachen eigenen militärischen Fähigkeiten könnten sich den Schutz durch die moslemischen Brüder in Islamabad ebenfalls erkaufen wollen. Doch damit steht die Welt näher an einem Atomwaffeneinsatz als jemals zuvor.

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Kampf um Parteispitze Kubicki will FDP mit Frauenteam neu aufstellen

07. April 2026 um 09:58

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Will statt mit alten weißen Männern mit einem reinen Frauenteam an den Start gehen. Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Nach dem Wahlfiasko der FDP bringt sich Wolfgang Kubicki für den Parteivorsitz in Stellung und setzt demonstrativ auf ein Frauenteam. Gleichzeitig verschärft sich der Machtkampf mit Strack-Zimmermann und Höne.

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Nachruf auf Alexander Kluge | Von Paul Clemente

07. April 2026 um 08:00

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Nachruf auf Alexander Kluge | Von Paul Clemente
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Nachruf auf Alexander Kluge | Von Paul Clemente

Mit Caesar auf dem Jupitermond

“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.

Keine Spinne der Welt hätte so weitreichende Netze gespannt, so viele Fäden gewoben wie Alexander Kluge. Jetzt, nach 94 Jahren, steht das Non-stop-Networking still. Der Ausstoß war so gigantisch, dass jeder Versuch einer Aufarbeitung scheitern muss. Zwangsläufig. Künftige Kluge-Biographen verdienen unser Mitleid. So vielfältig und interdisziplinär waren seine Themen und Ausdrucksmittel: Ohne Pause drehte er Filme, schrieb er Bücher, war im TV und Internet aktiv: Aber alles ist miteinander verknüpft. Vernetzung als Gesamtkunstwerk. 

In den sechziger Jahren, als das Kino in Frankreich und Italien pulsierte, herrschte in Deutschland weitgehend Öde. Obwohl: Nicht ganz. Pier Paolo Pasolini, neben Fellini der wichtigste Regisseur Italiens, erklärte das deutsche Kino zwar für tot, aber ein, zwei Ausnahmen ließ er gelten. Eine davon: Alexander Kluge.

Die Vorbilder des 1932 geborenen Gesamtkünstlers reichen bis in die Antike. Vor 2000 Jahren hatte der Dichter Ovid in seinem Vers-Epos „Metamorphosen“ etwa 250 griechische und römische Mythen kompiliert. Übersetzt heißt der Titel „Verwandlungen“ und diente  als literarischer Klebstoff: Menschen wurden zu Tieren, oder Pflanzen, die sich wiederum zu anorganischen Gestein wandelten. Und so weiter. Ovid beginnt mit der Erd-Entstehung und endet mit der Verwandlung von Julius Caesars Seele in einen Stern. Man kann nur bedauern, dass Kluge diese Dichtung nie verfilmt hat. Das zweite Vorbild waren die Gebrüder Grimm. Deren Märchensammlung und etymologischen Wörterbücher entstanden durch Sortierung gigantischer Informationsmengen. 

Passend zu Kluges Montage-Wut ist sein Denkstil. Nicht bohrend, nicht analytisch-zergliedernd, sondern frei assoziierend, auf der Suche nach Anschluss, Vergleich und Synthese. Seine Leinwandstreifen der Achtziger Jahre sind mehr als Episodenfilme. Besser trifft die Bezeichnung: Filmessays. In „Die Macht der Gefühle“ von 1983 zeigt der promovierte Jurist 23 seltsam-schräge Kurzgeschichten, darunter eine Gerichtsverhandlung, die klassische Bewertungsschemata ad absurdum führt. Eine Episode, die an Kleists „Marquise von O…“ erinnert: Aus Liebeskummer versucht eine junge Frau den Suizid, schluckt eine Überdosis an Tabletten, verliert das Bewusstsein. Ein Mann mittleren Altern entdeckt sie zufällig, zwingt sie zum Auskotzen der Pillen. Danach missbraucht er die Komatöse. Monate später, vor Gericht, weigert die Frau eine Anschuldigung des Täters. Er habe ihr Leben gerettet. Den Missbrauch habe sie in ihrer Ohnmacht nicht bemerkt. Sie empfände daher nur Dankbarkeit. 

Ihren Suizidversuch untermalt Kluge mit einem melancholischen Gassenhauer von 1929: „Einmal sagt man sich ,adieu’, / Wenn man sich auch noch so liebt.“ Von dort gelangt die Handlung zum emotionalen Bombast der Oper, dem „Kraftwerk der Gefühle“. Einem Ort, wo Liebestod, Eifersuchtsmorde, Suizid und andere Formen der Verzweiflung heimisch sind. Ein virtueller Ort, ein Seelenspiegel, mit Absturzgefahr.

Die erlebt der Feuerlöschkommandant Schönecke. Bei einem Bombardement während des Zweiten Weltkriegs nutzt er die Gunst der Stunde: Er betritt das Opernhaus. Schon als Junge wollte er wissen: Was befindet sich in dem Gralskelch, den man in Richard Wagners Oper „Parsifal“ zeigt. Endlich findet der Feuerlöschkommandant ihn in der Requisitenkammer. Nur, das Gefäß vollkommen leer. Ein Moment, nüchtern gefilmt, aber eindringlicher als alles Geschwätz über kulturelle oder spirituelle Verluste.

Zwischendurch, aus dem Off, immer wieder: Die leise, unaufgeregte Stimme des Regisseurs. Mit Sätzen wie: „Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es noch lange. Dann plötzlich brechen sie aus, unerwartet und brutal.“ Damit ließe sich manch zeitgenössischer Amoklauf deuten.

In den späten Achtzigern erhielt das öffentlich-rechtliche TV erstmals Konkurrenz durch Privatsender. Kluge nutzte die Gunst der Stunde, gründete die Plattform dctp: Eine Abkürzung für Development Company for Television Program mbH. Seine Beiträge liefen im Wochentakt, ausgestrahlt von RTL.

Ausgerechnet! Ein Sender, der sich auf Sex, Crime und hysterische Talk-Shows spezialisiert hatte, zeigte im Spätprogramm Kluges „News & Storys“. Die bestanden größtenteils aus Interviews mit Kultur-Promis. Darunter Autoren wie Heiner Müller, Einar Schleef oder Peter Berling, der Regisseur Christoph Schlingensief, die Filmhistorikerin Miriam Hansen, oder Entertainer Helge Schneider. Aber auch Wissenschaftler und politische Aktivisten. 

Mit „News & Storys“ realisierte Kluge sein Konzept über die „Gärten der Information“. Solche Gärten müsse man schaffen, um das Chaos des Internets zu sortieren. Die Interviewfragen verrieten neben kindlicher Neugier ein weitgefächertes Wissen. Kluge war in allen Themen gut informiert, hatte sich sogar originäre Zugänge erarbeitet. Als habe er das Image des Universalgelehrten reanimiert: Einer Person, die in allen kulturellen und wissenschaftlichen Sparten Wegweisendes abliefert. Das war zuletzt dem Hannoveraner Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz gelungen. Am Ende des 17. Jahrhunderts. Seitdem ist der Mensch zur Spezialisierung, zum fragmentarischen Wissen verdonnert. 

Kluges größter Coup zu Beginn des dritten Jahrtausends waren die neuneinhalbstündigen Nachrichten der ideologischen Antike: Marx, EIisenstein, Das Kapital. Darin rekonstruiert er  ein Projekt, das Filmregisseur Sergej Eisenstein im Jahre 1927 geplant, aber nie realisiert hatte: Die Leinwand-Adaption von Karl Marxs „Das Kapital“.

Im vergangenen Jahr kompilierte Kluge mehrere Kurzfilme über Raumfahrt und Raketen: Darunter das Katzenvideo „Cats in Space“ in Zusammenarbeit mit der britischen Künstlerin Sarah Morris plus einer Doku über russische Raumfahrer. Der alte Gesamtkunstwerker teilte nämlich die Auffassung, dass der Mensch eine interplanetarische Zukunft benötige, weil die Erde langsam schlappmacht. Da muss der Homo Sapiens sich im Weltall eine neue Bleibe suchen.  

Allerdings dürften biologische Menschen das kaum schaffen. Zu lebensfeindich ist das Universum. Stattdessen muss der Erdling die Metamorphose zur digitalen Festplatte hinkriegen. Er muss zum Androiden werden. Im Gegensatz zu Elon Musk möchte Kluge nicht auf den Mars, sondern auf den Jupitermond Europa. Dort, so vermutete er, ließen sich Unterwasserstädte errichten. Überhaupt, das Weltall. Teleskop-Aufnahmen hätten gezeigt: Die Anordnungen in Galaxien hat große Ähnlichkeit mit neuronalen Hirn-Strukturen. Das führte den Meister zu der Frage: Ist das Universum vielleicht ein riesiges Gehirn? Und der Mensch ein Partikel darin? Ein Bestandteil des „Weltgeistes“ oder die „Weltseele“? 

Alexander Kluge starb am 25. März. Wo ist er jetzt? Wieder in den Weltgeist aufgegangen? Oder weilt seine Seele wie die von Julius Caesar irgendwo im All? Oder auf dem Meeresgrund des Jupitermondes Europa? Wir werden es leider nicht erfahren. Zumindest nicht, solange wir im Diesseits verweilen.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Weltraumszene mit Sternen in der Galaxie. Panorama.

Bildquelle: Triff / Shutterstock

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Im Gespräch: Jens Fischer Rodrian | "Deutschland Neutral!"

29. März 2026 um 15:51

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Im Gespräch: Jens Fischer Rodrian | "Deutschland Neutral!"
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Im Gespräch: Jens Fischer Rodrian | "Deutschland Neutral!"

Die drei Herausgeber, Uli Gellermann, Arnulf Rating und Jens Fischer Rodrian, haben soeben ein Buch mit dem Titel „Deutschland Neutral – Mit Sicherheit für Frieden“ veröffentlicht.

34 Autorinnen und Autoren haben sich in ihren Beiträgen unter anderem mit den Hintergründen befasst, warum Deutschland nach dem 2. Weltkrieg von den Westmächten, maßgeblich den USA, daran gehindert wurde, ein politisch neutrales Land zu werden bzw. auch selbstverschuldet diese Chance vergab. Das heutige Deutschland ist entgegen so vieler Verlautbarungen nicht souverän und in einem noch geringeren Maße politisch unabhängig.

Nach der Wende haben die politischen Führungen Deutschlands jede Gelegenheit genutzt, auf der Grundlage neu entfachter Großmachtfantasien dem Ansehen des Landes in der Welt zu schaden und alle Möglichkeiten in den Staub getreten, ein fairer Vermittler auf der internationalen Bühne zu sein.

Die herrschende, kriegslüsterne politische Kaste Deutschlands ist heute die Speerspitze der bellizistisch-stiefelleckerischen Vasallen der USA in Europa, sie fördert und missbraucht die EU auf ihrem Kurs in Richtung eines Krieges gegen Russland und verrät alle demokratischen Traditionen durch den Ausbau eines umfassenden Zensur- und Kontrollregimes nach innen.

Bösartigen Scheineliten auf totalitärem Destruktionskurs müssen sich alle Menschen, die in Völkerfreundschaft und Frieden leben wollen, mit allen friedlichen Mitteln entgegenstellen und neue Wege jenseits gleichgeschalteter Parteien und übergriffiger Staatsapparate gehen. Eine Chance auf diesem Weg ist die Neutralität des Landes in der Mitte Europas.

Das Gespräch mit Jens Fischer Rodrian führte Ullrich Mies.

Hier Buch bestellen: https://westendverlag.de/Deutschland-neutral/2434

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Wenn Kritik zum Risiko wird: Offener Brief warnt vor Erosion der Meinungsfreiheit

18. März 2026 um 13:00

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Die „UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung“, Irene Khan, hat vom 26. Januar bis 6. Februar Deutschland einen offiziellen Besuch abgestattet. In diesem Rahmen traf sie am 1. Februar in Köln Andrej Hunko, zuvor Berichterstatter für Meinungsfreiheit der parlamentarischen Versammlung des Europarates, und Jan Ristau, Autor des Buches „Meinungsfreiheit in Gefahr“. Am 6. Februar stellte Frau Khan ihre „vorläufigen Beobachtungen“ der Öffentlichkeit vor, ein ausführlicher Bericht ist in Arbeit. Andrej Hunko und Jan Ristau haben sich nun mit einem Offenen Brief an Frau Khan gewandt.

Sehr geehrte Frau Khan,

wir möchten zurückkommen auf unser Gespräch vom 1. Februar 2026 in Köln, für das wir uns bedanken möchten, sowie auf Ihre vorläufigen Beobachtungen zum Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland, die Sie in Ihrer Stellungnahme vom 6. Februar 2026 zusammengefasst haben.

Wir begrüßen sehr, dass Sie einige wichtige Punkte in Bezug auf den Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland angesprochen haben. Einige Punkte, die wir in dem gemeinsamen Gespräch mit Ihnen und Frau Allison Thomas-McPhee angesprochen haben, haben Sie in Ihrer Stellungnahme nicht aufgeführt. Wir hoffen, dass Sie diese Punkte in Ihrem vollständigen Bericht über Ihren Besuch in Deutschland, den Sie für Juni 2026 in Aussicht gestellt haben, entsprechend würdigen werden.

Damit diese für die Meinungsfreiheit in Deutschland äußerst wichtigen Themen Beachtung finden, möchten wir diese – neben ein paar weiteren Punkten – mit diesem Offenen Brief an Sie noch einmal ansprechen:

  1. Kritische Stimmen werden inzwischen mit EU-Sanktionen belegt. Dazu gehören deutsche Journalisten wie Hüseyin Dogru. Der Vorwurf lautet „Desinformation“, ohne dass dieser Begriff für die Zwecke der Sanktionen definiert wurde. Die Maßnahmen sind teilweise drastisch: Einreiseverbote, Ausreiseverbote, Sperrung von Bankkonten, Einfrieren von Vermögenswerten und ein umfassendes Verbot jeglicher finanziellen Unterstützung. Sie teilten uns mit, dass das bei Ihrem Besuch in Deutschland nicht Thema sei, da Sie den Stand der Meinungsfreiheit in Bezug auf Deutschland und nicht auf die EU untersuchen würden. Jedoch sind es deutsche Behörden, welche die EU-Sanktionen umsetzen (übrigens genauso wie die Bundesnetzagentur im Zusammenhang mit der Umsetzung des Digital Services Act – dies haben Sie in Ihrer Stellungnahme ja ebenfalls angesprochen). Bitte beachten Sie zudem, dass es in Deutschland kein Gesetz gibt, dass „Desinformation“ per se verbietet. Des Weiteren hat der deutsche Bundestag in diesem Zusammenhang am 15.01.2026 ein Gesetz verabschiedet, welches über EU-Vorgaben hinausgeht und Straftatbestände für die Hilfe von von der EU sanktionierten Personen geschaffen hat, welche von der EU nicht vorgesehen waren. Insofern werden die EU-Sanktionen nicht nur von der Bundesregierung unterstützt, sondern der deutsche Gesetzgeber verschärft diese noch – zu Lasten der Meinungsfreiheit in Deutschland.
  2. Sie schreiben in Ihrer Stellungnahme, dass die Medienfreiheit in Deutschland im Allgemeinem robust sei. Die deutsche Bundesregierung ging jedoch in der Vergangenheit wiederholt gegen von der Meinungs- und Pressefreiheit geschützten Journalismus vor. Das Verbot des Magazins Compact wurde durch das Bundesverwaltungsgericht aufgehoben[1]. Die Abmahnung eines regierungskritischen Journalisten wegen zulässiger Meinungsäußerung durch die Bundesregierung musste durch das Bundesverfassungsgericht aufgehoben werden[2]. Die Stelle der Bundesregierung reagierte darauf in einer Stellungnahme und erklärte, dass sie zu einem anderen Ergebnis als das Bundesverfassungsgericht gelangt, was die Trennlinie zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen angeht[3]. Des Weiteren fördert die Bundesregierung Aktivitäten von Organisationen mit Millionen von Steuergeldern, welche sich zur Aufgabe gemacht haben, andere (regierungskritische) Meinungen, die völlig unproblematisch von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, zu kontrollieren und zu überwachen[4].
  3. Machtkritik führte in der jungen Vergangenheit immer häufiger zu Hausdurchsuchungen oder zu Verurteilungen – und zwar nicht nur bei Aktivismus im Zusammenhang mit Palästina. Dabei ging es oft um Äußerungen, die in Deutschland entweder straflos oder allenfalls der Bagatellkriminalität zuzuordnen sind. In der allgemeinen Strafrechtspraxis werden Verfahren wegen Ehrverletzungen bei Privatpersonen in der Regel eingestellt oder es erfolgt der Verweis auf den Privatklageweg. Bei (möglichen) Ehrverletzungen von Politikern drohen jedoch schon bei Begriffen wie „Schwachkopf“[5], „dümmste Außenministerin der Welt“ oder „Kriegstreiberin“ Hausdurchsuchungen mit Beschlagnahme digitaler Endgeräte[6]. Eine zu hinterfragende Rolle spielen dabei übrigens auch die von Ihnen genannten Trusted Flagger, die anscheinend viel zu viele Äußerungen als strafwürdig einordnen. So hat das Bundeskriminalamt über 65 Prozent der Fälle, welche ihm von den Trusted Flaggern der Meldestelle REspect! als strafwürdig gemeldet wurden, als nicht strafrechtlich relevant eingestuft. Die Trusted Flagger spielen also eine zu analysierende Rolle in der von Ihnen kritisierten Kriminalisierung von Äußerungen.
  4. Ein weiteres Problem ist in diesem Zusammenhang, dass Strafvorschriften, welche in den offenen Meinungsaustausch eingreifen, in den letzten Jahren zugenommen haben. Tatbestände oder Qualifikationstatbestände des Strafgesetzbuches wurden neu geschaffen beziehungsweise erweitert oder ergänzt: § 126 (Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten), § 126a (Gefährdendes Verbreiten personenbezogener Daten), § 130 (Volksverhetzung), § 140 (Belohnung und Billigung von Straftaten), § 185 (Beleidigung), § 188 (Gegen Personen des politischen Lebens gerichtete Beleidigung, üble Nachrede und Verleumdung), § 192a (Verhetzende Beleidigung) oder § 241 (Bedrohung). Dabei stellt sich die Frage nach einer Politisierung des Strafrechts. So wurde zum Beispiel § 126a StGB von Strafrechtsprofessoren als „Einfallstor für politisches Strafrecht“ und als „Einfallstor für eine staatliche Bewertung und Sanktionierung gesellschaftlicher Meinungskämpfe“ bezeichnet[7]. Diese Strafvorschriften werden in der Rechtswissenschaft deshalb zum Teil stark kritisiert. Teilweise wird sogar die Verfassungsmäßigkeit in Frage gestellt[8]. Begründet wird dies zum Beispiel damit, dass Vorfeldaktivitäten erfasst würden, die viel zu weit von einer konkreten Rechtsgutsverletzung entfernt seien oder diese Aktivitäten das erforderliche Strafwürdigkeitsminimum nicht erreichten[9]. Bisweilen sei der Bogen verhältnismäßigen Strafens deutlich überspannt worden[10]. Verfassungsrechtler[11] kritisieren das Bemühen, die Grenzen der Strafbarkeit zu Lasten der Meinungsfreiheit zu verschieben. Insofern kann eine unangemessene Ausweitung des Strafrechts gegen das Ultima-Ratio-Prinzip verstoßen und damit auch in Bezug auf die Meinungsfreiheit höchst problematisch sein.
  5. Bei der ganzen Diskussion über die Kriminalisierung von politischen Äußerungen und Machtkritik müssen Sie bedenken, dass in Deutschland die Strafbehörden nicht unabhängig sind und eine Strafverfolgung nach politischem Gusto möglich ist. Diskussionen über die Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft in Deutschland gab es schon lange. Die Diskussion wurde vor einigen Jahren neu entfacht, weil der Europäische Gerichtshof in einem Urteil vom 27. Mai 2019 feststellte, dass deutsche Staatsanwaltschaften der Gefahr ausgesetzt sind, von der Exekutive beeinflusst zu werden, und ein unabhängiges Handeln nicht gewährt ist. Es dürfte auf der Hand liegen, dass nur eine unabhängige Staatsanwaltschaft den Vorwurf politischer Verfolgung kritischer Stimmen, wie zahlreiche Einzelfälle nahelegen, ausräumen kann.
  6. Jeder, der sich kritisch gegenüber Staat und Regierung äußert, muss in Deutschland zudem damit rechnen, ins Visier des deutschen Inlandsgeheimdienstes, dem Bundesamt für Verfassungsschutz, zu geraten. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2021 dürfen vom Verfassungsschutz nicht nur Personenzusammenschlüsse, sondern auch Einzelpersonen überwacht werden. Seitdem steigt die Zahl der im Informationssystem der deutschen Verfassungsschutzbehörden genannten Personen schlagartig an. In den Jahren 2020 bis 2025 wurden 1.850.000 Personen neu abgespeichert (in den Jahren 2015 bis 2020 waren es lediglich 420.000 Personen). Der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes, Thomas Haldenwang, sah es sogar als Aufgabe des Verfassungsschutzes an, dass der Staat auch „gegen verbale und mentale Grenzverschiebungen“ vorgehen müsse, da dies direkt auf das Denken und Reden der Bürger abziele. Die teilweise rechtswidrigen Bestrebungen des Verfassungsschutzes wurden bestätigt durch einen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, der als Whistleblower[12] berichtete, dass jeder ins Visier des Verfassungsschutzes geraten kann, „der lediglich die Grünen nicht mag und ein nach offizieller Lesart staatsdelegitimierendes Plakat aufhängt, ein entsprechendes Schild bei einer Demo hochhält oder einen entsprechenden Post in sozialen Medien absetzt. Das reicht schon aus.“ Dabei müsse man sich bewusst machen, wie ein Nachrichtendienst arbeitet: „Wenn man etwa eine Organisationsstruktur aufklären will, guckt man sich natürlich auch an, mit wem die Zielpersonen verkehrt. Und dann überprüfen wir auch diese Leute. Wir durchleuchten das Umfeld, den Arbeitgeber, die Geliebte, die Kumpels, die zum Grillen kommen, also eigentlich alles, was wir finden können. Wir versuchen, ein Gesamtbild zu bekommen. Das machen wir nach handwerklichen Regeln, und diese Regeln sind für alle gleich, egal ob Linksextremist oder Staatsdelegitimierer. Wir machen alles, was das Handwerk hergibt und fahren alles auf, was wir bei echten Extremisten auch auffahren.“[13]
  7. Sie zitieren eine Studie, nach der fast 85 Prozent der deutschen Akademiker seit Oktober 2023 eine zunehmende Bedrohung der akademischen Freiheit empfinden. In diesem Zusammenhang möchten wir auf ein Buch[14] zweier Wissenschaftlerinnen hinweisen, in dem thematisiert wird, dass an deutschen Universitäten „störende“ Professoren entlassen oder von hohen Ämtern degradiert wurden, und dass der Druck, Forschung nur noch entlang bestimmter politischer Ideologien zu betreiben, zunimmt. Dies betrifft auch Fälle vor Oktober 2023.
  8. Die empfundene schwindende Freiheit betrifft im Übrigen nicht nur das akademische Deutschland und ist auch nicht auf bestimmte Themen begrenzt. In der letzten Allensbach-Umfage haben nur 46 Prozent der Deutschen geantwortet, man könne seine politische Meinung frei äußern[15]. Nach einer INSA-Umfrage glauben 84 Prozent der Befragten, dass es Personen gibt, die ihre Meinung nicht äußern, weil sie Angst vor Konsequenzen haben[16]. Das sind alles für eine Demokratie katastrophale Werte.
  9. Im Übrigen scheinen Sie den Digital Services Act positiv zu bewerten. Gleichzeitig erklären Sie, dass in einer demokratischen Gesellschaft Toleranz gegenüber unterschiedlichen Ansichten und Kritik, insbesondere gegenüber Personen des öffentlichen Lebens, respektiert werden müsse, auch gegenüber Äußerungen, die „rechtmäßig, aber abscheulich“ („lawful but awful“) sind. Jedoch soll der Digital Services Act gerade solche rechtmäßigen Äußerungen bekämpfen[17]. Insofern wäre es ein Widerspruch, wenn Sie rechtmäßige Äußerungen, die subjektiv „awful“ sind, als in einer demokratischen Gesellschaft zu tolerieren bezeichnen, während Sie gleichzeitig den Digital Services Act loben. Und dass es der Bundesnetzagentur ausdrücklich nicht nur um die Verfolgung rechtswidriger Inhalte geht, geht aus dem Leitfaden der Bundesnetzagentur zur Zertifizierung als Trusted Flagger hervor. Nach diesem Leitfaden sollen zum Beispiel auch „Negative Auswirkungen auf den zivilen Diskurs“ meldungswürdige Inhalte darstellen können. Falls Sie den Digital Services Act, der weit über das in Deutschland zuvor geltende Netzwerkdurchsetzungsgesetz hinausgeht, loben, wäre im Übrigen interessant, zu erfahren, wie Sie die Bedenken Ihres Vorgängers als Sonderberichterstatter für Meinungsfreiheit, David Kaye, zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz[18] im Lichte des Digital Services Act bewerten.
  10. Sie schienen in unserem Gespräch die staatliche Förderung von NGOs und anderen Organisationen unproblematisch zu finden, auch wenn dadurch (teilweise erheblich) Einfluss auf die Meinungsbildung des Volkes genommen wird. Das deutsche Bundesverfassungsgericht sagt gleichzeitig: „In einem demokratischen Staatswesen muss sich die Willensbildung des Volkes frei, offen und unreglementiert vollziehen. (…) Willensbildung des Volkes und staatliche Willensbildung sind auf vielfältige Weise miteinander verschränkt. In einer Demokratie muss sich diese Willensbildung aber vom Volk zu den Staatsorganen, nicht umgekehrt von den Staatsorganen zum Volk hin, vollziehen.“ Des Weiteren muss der Prozess der Meinungs- und Willensbildung des Volkes grundsätzlich „staatsfrei“ bleiben[19]. Deutsche Staatsrechtsprofessoren kritisieren, dass diese Voraussetzungen in der EU und in Deutschland nicht erfüllt sind. Die Förderpraxis sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler Ebene sei mit geltendem Recht kaum zu vereinbaren[20]. Der australische Forscher Andrew Lowenthal spricht von einem großen, gut organisierten, finanziell ausgestatteten und vernetzten System, das weit über einzelne Organisationen hinausgeht. Es sei ein Projekt, das in industriellem Maßstab beeinflusst, wie Menschen die Welt wahrnehmen und politisch handeln.[21] Einer der renommiertesten deutschen Staatsrechtler, Prof. Dr. Christoph Degenhart, emeritierter Professor für Staats- und Verwaltungsrecht sowie Medienrecht der Universität Leipzig und ehemaliger Richter am sächsischen Verfassungsgerichtshof, drückt es so aus: „Projekte zivilgesellschaftlichen Engagements sollen verlässlich [von der Bundesregierung] unterstützt, also finanziert werden, unter anderem gegen Rassismus, Queerfeindlichkeit, Antifeminismus oder Antiislamismus. Es sind vor allem NGOs, die in den Genuss der Demokratieförderung in Gestalt dauerhafter Alimentierung kommen sollen. Wer wäre schon gegen Demokratie oder gegen Vielfalt und deren Förderung? So begrüßenswert das Anliegen erscheinen mag: Nicht nur sind staatlich alimentierte Nichtregierungsorganisationen ein Widerspruch in sich. Staatliche Finanzierung bedeutet Staatsnähe, schafft Abhängigkeiten und staatliches Einflusspotential. (…). Auch staatliche Förderung kann grundrechtliche Freiheit gefährden und zur schleichenden Aushöhlung der Meinungsfreiheit beitragen.“[22]

Wenn Sie in Ihren abschließenden Bemerkungen sagen, dass die Regierung nun den aktuellen Bedrohungen und Herausforderungen für die Meinungsfreiheit auf eine Weise begegnen müsse, die den Menschenrechten und einem pluralistischen, inklusiven Diskurs Vorrang einräumt, dann unterschätzen Sie unserer Meinung nach, dass die Gefahren für die Meinungsfreiheit in Deutschland in erheblichem Maße auch von der Exekutive ausgehen. Das kommt in Ihrer Stellungnahme leider viel zu kurz und ist thematisch eingeengt. Regierungskritische Stimmen werden von der Bundesregierung nicht nur bekämpft, wenn es um das Thema Israel und Palästina geht, sondern auch bei allen anderen der Regierung unliebsamen Themen. Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ist aber gerade aus dem besonderen Schutzbedürfnis der Machtkritik erwachsen und findet darin unverändert ihre Bedeutung[23]. Dass dieses Schutzbedürfnis in Gefahr ist, haben wir versucht, Ihnen exemplarisch an den oben genannten Punkten zu schildern. Unseres Erachtens sind dies alles Punkte, die in Ihrem Abschlussbericht Berücksichtigung finden müssen, um ein vollständiges Bild des Zustandes der Meinungsfreiheit in Deutschland zu zeichnen. Wenn Sie dazu weitere Informationen wünschen, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Hochachtungsvoll

Andrej Hunko, ehemaliger Berichterstatter für Meinungsfreiheit im Europarat

Jan Ristau, Rechtsanwalt und Autor des Buches „Meinungsfreiheit in Gefahr! Wie der Staat die Demokratie aushöhlt“

Titelbild: Jo Panuwat D/shutterstock.com


[«1] tagesschau.de/inland/verbot-compact-aufgehoben-100.html

[«2] bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2024/04/rk20240411_1bvr229023.html

[«3] bmz.de/de/aktuelles/archiv-aktuelle-meldungen/bmz-stellungnahme-beschluss-bundesverfassungsgericht-207318

[«4] https://gegenmedien.info/monitoring/

[«5] nzz.ch/international/wegen-schwachkopf-beleidigung-habeck-loest-hausdurchsuchung-bei-rentner-aus-ld.1857625

[«6] So die Rechtsprofessoren Josef Franz Lindner/Frauke Rostalski/Elisa Hoven, Freiheitsgefährdungen, JZ 25, 945, 948

[«7] Hoven/ Rostalski, Diskursverbesserung durch Diskursverkürzung? Der Praxistext des § 126a StGB als Mahnung zu politischer Neutralität des Strafrechts, KriPoZ 2024, 167, 170 (https://kripoz.de/2024/05/31/diskursverbesserung-durch-diskursverkuerzung-der-praxistest-des-%c2%a7-126a-stgb-als-mahnung-zu-politischer-neutralitaet-des-strafrechts/)

[«8] Hoven/ Rostalski, Diskursverbesserung durch Diskursverkürzung? Der Praxistext des § 126a StGB als Mahnung zu politischer Neutralität des Strafrechts, KriPoZ 2024, 167, 170 (https://kripoz.de/2024/05/31/diskursverbesserung-durch-diskursverkuerzung-der-praxistest-des-%c2%a7-126a-stgb-als-mahnung-zu-politischer-neutralitaet-des-strafrechts/)

[«9] Siehe nur Mitsch, Der unmögliche Zustand des § 130 StGB, KriPoz 2018, 198; Hoven/Rostalski, Diskursverbesserung durch Diskursverkürzung? Der Praxistext des § 126a StGB als Mahnung zu politischer Neutralität des Strafrechts, KriPoZ 2024, 167, 170 (https://kripoz.de/2024/05/31/diskursverbesserung-durch-diskursverkuerzung-der-praxistest-des-%c2%a7-126a-stgb-als-mahnung-zu-politischer-neutralitaet-des-strafrechts/)

[«10] Schiemann, Änderungen im Strafgesetzbuch durch das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität, KriPoz 2020, 269, 276 (https://kripoz.de/2020/09/22/aenderungen-im-strafgesetzbuch-durch-das-gesetz-zur-bekaempfung-des-rechtsextremismus-und-der-hasskriminalitaet/)

[«11] faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/christoph-degenhart-wie-der-staat-meinungsfreiheit-bedroht-19738785.html

[«12] schwaebische.de/politik/verfassungsschuetzer-schlaegt-alarm-der-rechtsstaat-wird-ausgehoehlt-2543613

[«13] schwaebische.de/politik/verfassungsschuetzer-schlaegt-alarm-der-rechtsstaat-wird-ausgehoehlt-2543613, siehe auch lvz.de/mitteldeutschland/sachsen-plaudernder-mitarbeiter-neue-krise-fuer-verfassungsschutz-H4NIYQYHGRFBBJZO37ZUBDERUQ.html

[«14] Egner, Heike & Anke Uhlenwinkel (2024): Disrupting the university. The creation of a culture of fear and the stifling of academic freedom in Germany, Austria and Switzerland. Neu-Isenburg: Westend, 96 p. Translated by Zachary Gallant, published 03.03.2025

[«15] welt.de/politik/deutschland/article68f11916cdf2d9fc0bea1883/umfrage-nur-46-prozent-der-deutschen-glauben-ihre-meinung-frei-aeussern-zu-koennen.html

[«16] https://insa.news/meinungsfreiheit-in-gefahr/

[«17] please see Oster, The Application of the Digital Services Act to the Fight against Disinformation, JURA 2025, 129, 132

[«18] http://www.ohchr.org/Documents/Issues/Opinion/Legislation/OL-DEU-1-2017.pdf

[«19] Vgl. das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 19. Juli 1966 – 2 BvE 1/65 -, BVerfGE 20, 119 – 134

[«20] https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/foerderung-ngos-eu-kommission-demokratieprinzip

[«21] nzz.ch/international/deutschland-hatte-grosse-fortschritte-bei-demokratie-und-meinungsfreiheit-gemacht-nun-scheint-es-in-eine-andere-richtung-zu-gehen-ld.1919496

[«22] faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/christoph-degenhart-wie-der-staat-meinungsfreiheit-bedroht-19738785.html

[«23] BVerfGE 93, 266 (293) – Soldaten (1995); BVerfG-K vom 6.6.2007, 1 BvR 1423/07 – Heiligendamm, Rn. 28

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Der Kommentar #13: Gesichtsverlust!

15. März 2026 um 13:46

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Der Kommentar #13: Gesichtsverlust!
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Der Kommentar #13: Gesichtsverlust!

Henry Kissinger sagte einst: „Ein Feind Amerikas zu sein, kann gefährlich sein, aber ein Freund Amerikas zu sein, ist tödlich.“

Der Satz klingt wie schwarzer Humor, ist aber ernst gemeint. In manchen Teilen der Welt gilt er inzwischen weniger als Zitat und mehr als Gebrauchsanweisung.

Was das bedeutet, erleben derzeit die Golfstaaten. Verbündeter der Vereinigten Staaten zu sein, heißt oft: Man stellt sein Territorium zur Verfügung, öffnet seine Militärbasen, übernimmt einen Teil des Risikos und hofft anschließend, dass Washington im Ernstfall auch wirklich ans Telefon geht. Idealerweise bevor die Raketen einschlagen.

Momentan werden die Monarchien am Golf zur Zielscheibe Irans, weil von ihren Stützpunkten aus amerikanische Operationen gegen Teheran laufen.

Man könnte sagen: Sie stehen jetzt mitten im Schussfeld einer Auseinandersetzung, bei der sie selbst nie gefragt wurden, ob sie eigentlich teilnehmen möchten.

Und der versprochene Feuerschutz?

Nun ja. Sagen wir es diplomatisch: Er wirkt eher symbolisch. Ein Großteil der amerikanischen militärischen Aufmerksamkeit wandert in das Land, das den Krieg am Golf begonnen hat, nach Israel, während die Golfstaaten feststellen, dass ein Bündnis mit einer Supermacht ungefähr so beruhigend sein kann wie eine Brandschutzversicherung für ein Tanklager, bei der der Versicherungsvertreter gleichzeitig den Flammenwerfer ausprobiert.

Ist das Zufall? Natürlich nicht. Die Muslime werden gegeneinander ausgespielt, wie schon so oft in der Geschichte der Region. Teile und herrsche ist schließlich eine Methode, die so alt ist, dass selbst die Römer sie irgendwann langweilig fanden.

Die wirtschaftliche Situation am Golf wird dadurch nicht angenehmer. Wenn die Straße von Hormus nur noch zu iranischen Konditionen passierbar wird, geraten die Geschäftsmodelle der Scheichs ins Wanken. Öl- und Gastanker sind schließlich das Kreislaufsystem ihrer Staatshaushalte. Wenn dieser Verkehr stockt, beginnt die gesamte Konstruktion zu schwanken wie die World Trade Center im September 2001.

Hinzu kommt der psychologische Schaden: internationale Investoren. Kapital ist ein äußerst nervöses Wesen. Es liebt Stabilität, gute Infrastruktur und möglichst wenig Raketen. Sobald eine Region geopolitisch ungemütlich wird, entwickelt Geld eine erstaunliche Fähigkeit zur spontanen Ausreise. Kapital hat keine Heimat. Nur Fluchtinstinkt.

Währenddessen verlieren die Herren in Washington und Tel Aviv weiter politisches Kapital am Golf. Dieser Prozess läuft schon seit Jahren, aber jede neue Eskalation beschleunigt ihn. Vertrauen verdampft schneller als Öl in einer brennenden Pipeline.

Realpolitik hat eben eine unangenehme Angewohnheit: Sie erinnert Verbündete gelegentlich daran, dass Großmächte keine Freunde haben.

Nur Interessen.

Und dass sie keinerlei Skrupel haben, für diese Interessen Verbündete zu opfern. Manchmal sogar mehrere hintereinander.

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Interview mit Kayvan Soufi-Siavash – Vom Kämpfer zum Suchenden

13. März 2026 um 16:39

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Interview mit Kayvan Soufi-Siavash – Vom Kämpfer zum Suchenden

Vom wütenden Journalisten zum spirituellen Suchenden

Was passiert, wenn Wut nicht länger unterdrückt oder ausgelebt, sondern wirklich verstanden wird?

In diesem offenen und berührenden Gespräch spricht Kayvan ehrlich über frühe Verletzungen, innere Kämpfe und den Moment, in dem sich sein Blick radikal veränderte.

+++

Kai Stuht und sein Team freuen sich auch über eine finanzielle Unterstützung, damit weitere Filmprojekte realisiert werden können.

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»Es gibt ein starkes Gefühl, dass die Globalisierung zu weit gegangen ist«

13. März 2026 um 07:16

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Während die Welt auf den Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran blickt, gerät der Ukrainekrieg zunehmend aus dem Fokus.

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Epstein oder die Anarchie der Macht


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Die Genealogie eines Regimes ohne Moral.

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Die Seelenräuber | Von Roland Rottenfußer

10. März 2026 um 09:00

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Die Seelenräuber | Von Roland Rottenfußer
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Die Seelenräuber | Von Roland Rottenfußer

Ereignisse wie der Fall Epstein zeigen, wie eng Sexualität oft mit Machtmissbrauch verzahnt ist — das Schicksal der Opfer erzählt uns viel darüber, wie Macht „funktioniert“.

Ein Beitrag von Roland Rottenfußer.

„Bald darauf fragte er mich, ob ich gerne seine Genitalien berühren würde. Ich wollte es nicht — aber er schon. Und er war mein Vater, also tat ich es.“

Virginia Giuffre beschreibt die „Logik“ sexueller Gewalt auf sehr einfache und gerade deshalb erschütternde Weise. Bekannt wurde Giuffre, die sich 2025 mit 41 Jahren das Leben nahm, vor allem als eine der wichtigsten Zeuginnen im Prozess gegen Jeffrey Epstein. Und durch ein Foto mit dem britischen Prinzen Andrew, an den Epstein sie „ausgeliehen“ hatte. In ihrem Fall und unzähligen vergleichbaren Fällen geht es um mehr als das oftmals starke sexuelle Verlangen von Männern. Es geht um Machtmissbrauch, der sexuell eingefärbt ist, und um Triebbefriedigung, die durch Machtmittel erzwungen wird — ohne Rücksicht auf die Frauen und Mädchen, die nicht als eigenständige, empfindende Wesen wahrgenommen werden. Seelenverletzungen entstehen bereits durch Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt — kommen beim Täter Sexsucht und die elitäre Vorstellung hinzu, als „Prominenter“ über den üblichen ethischen Normen zu stehen, können die Seelen der Opfer noch nachhaltiger beschädigt werden. Männer mit kranker Psyche stellen sich auf den Standpunkt:

„Wenn ich nur dann Sex hätte, wenn es die Frau wirklich will, käme ich nicht genügend auf meine Kosten.“

Also wenden sie allerlei Manipulationsmethoden an, wählen mit Vorliebe Mädchen, die hilflos und ihnen auf irgendeinem Gebiet unterlegen sind. Speziell durch ein starkes Macht- und Altersgefälle kompensieren sie ihre eigene Unfähigkeit, gleichberechtigte Partnerschaften zu leben, die ihrem Gegenüber die Würde lassen. Der Artikel widmet sich nicht den politischen Verstrickungen des Falles Epstein. Vielmehr geht der Autor anhand von Einzelschicksalen der Frage nach, wie jemand Gewalt über einen anderen Menschen erlangt — oft sogar ohne körperliche Gewaltanwendung. Indirekt gilt aber auch hier: Das Private ist politisch.

Triggerwarnung: In diesem Artikel werden Fallbeispiele sexueller Gewalt und damit verbundene belastende innerpsychische Vorgänge dargestellt. Gerade auf Frauen, die Vergleichbares erlebt haben, könnte dies verstörend wirken, obwohl sich der Autor auf die Seite der Opfer stellt und sein Text der Aufklärung über Sachverhalte sowie als Warnung vor Missbrauchstätern dienen soll.

Es gibt eine typische Täterpsyche bei sexuellen Gewaltdelikten. Ebenso gibt es aber auch eine Charakterstruktur des „idealen“ Opfers. Die französische Lektorin und Autorin Vanessa Springora beschreibt sie so:

„Ein abwesender, unerreichbarer Vater, der eine unergründliche Leere in meinem Leben hinterlassen hat. (…) Eine gewisse sexuelle Frühreife. Und vor allem ein ungeheures Bedürfnis, gesehen zu werden.“

Springora meint mit dieser Beschreibung sich selbst. Mit 14 Jahren wurde sie die Geliebte eines fast vier Jahrzehnte älteren Mannes, eines Intellektuellen und Päderasten, den sie abgekürzt „G.“ nennt. Freiwillig.

Mit dieser Freiwilligkeit ist es freilich so eine Sache. Der Titel ihrer Autobiografie — „Die Einwilligung“, die 2020 zum Bestseller avancierte, nimmt genau auf diesen Punkt Bezug. Ein Mädchen ist einem erfahrenen Mann normalerweise nicht gewachsen — schon gar nicht, wenn er über erprobtes Talent verfügt, weibliche Wesen mit rhetorischen Mitteln „rumzukriegen“. Man nennt es auch Sprachgewalt. Nicht umsonst sind ja der Gesetzgeber wie auch die öffentliche Meinung besonders empfindlich, wenn es um Vertrauensmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen geht. Vanessa Springora, die erst über 30 Jahre nach diesem prägenden Ereignis ihrer Jugend die Worte fand, um über das Geschehene zu berichten, schreibt:

„Die Schutzbedürftigkeit ist genau der Spalt, durch den Menschen mit psychischen Profilen wie G. einen Fuß in die Tür bekommen. Sie ist der Grund, weshalb die Begriffe ‚Einwilligung‘ oder ‚Einvernehmen‘ den Sachverhalt letztlich nicht treffen.“

Was heißt hier „freiwillig“?

Vanessa lernte den wesentlich älteren Gabriel Matzneff — In Vanessa Springoras Text wird er als „G.“ anonymisiert, während in der Öffentlichkeit sein tatsächlicher Name Gabriel Matzneff verwendet wird — 1986 bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung in Anwesenheit ihrer Mutter kennen. Sofort beginnt der prominente Schriftsteller zu gockeln und schreibt dem Mädchen intime Briefe. In diesem gebildeten Milieu wird die Aufmerksamkeit des Stars zunächst eher als Ehre denn als Belästigung empfunden.

„Wie hätte ich mich nicht geschmeichelt fühlen sollen, dass ein Mann und noch dazu ein ‚Literat‘ die Güte gehabt hatte, seine Augen auf mich zu richten?“

Bald aber ist Matzneffs Wunsch, mit Vanessa zu schlafen, nicht mehr zu übersehen. Warum sich das Mädchen darauf einlässt, erklärt sie selbst:

„Ich fühle mich unfähig zu reagieren und überrumpelt, vor allem aber will ich nicht wie eine Idiotin dastehen (…) und auch nicht wie eine dumme Göre, die keine Ahnung vom Leben hat.“

Der über 50-jährige setzt seine ganze Lebenserfahrung und Überredungskunst ein, um zum Ziel zu gelangen:

„In zärtlichem Tonfall brüstet er sich mit seiner Erfahrung und seinem Können, dank derer es ihm gelungen sei, auch sehr junge Mädchen zu entjungfern, ohne ihnen jemals wehzutun. Er geht so weit, zu behaupten, dass sie ihr ganzes Leben lang gerührt daran zurückdächten (…)“

Die Kumpanei der Linksintellektuellen

Bald darauf ist Vanessa Springora quasi offiziell Matzneffs Geliebte. Jeder weiß es — auch ihre Mutter. Im Rückblick kommt es ihr so vor, dass „jemand“ sie damals vor all dem hätte beschützen müssen.

„Dafür hätte es wohl auch ein kulturelles Klima gebraucht, das weniger Nachsicht und Wohlwollen dafür gezeigt hätte als jene Zeit. Tatsächlich verteidigte eine große Zahl von linken Journalisten und Intellektuellen zehn Jahre vor meiner Begegnung mit G., gegen Ende der Siebzigerjahre, öffentlich Erwachsene, die wegen ‚verbotener‘ Beziehungen zu Minderjährigen angeklagt wurden.“

Ein offener Brief prominenter Literaten setzte sich 1977 für die Legalisierung von sexuellen Beziehungen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen ein. Unterschrieben wurde er unter anderem von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Die Initiatoren erhielten nur wenig Absagen. Es wurde gefordert, das sexuelle Schutzalter abzuschaffen.

„Der Grund dafür ist, dass man sich in den Siebzigerjahren im Namen der Befreiung von moralischen Zwängen und der sexuellen Revolution die freie sexuelle Entfaltung aller Körper auf die Fahne schrieb. Die Beschneidung der Sexualität Heranwachsender erschien in dieser Perspektive als ein Symptom gesellschaftlicher Unterdrückung, und die Einschränkung der Sexualität auf gleichaltrige Individuen wurde als eine Form der Ausgrenzung empfunden.“

Vanessa Springora sieht in dieser „Zeitstimmung“ auch den Hauptgrund für die Komplizenschaft ihrer Mutter:

„Das waren die Rahmenbedingungen, die meine Mutter schließlich dazu brachten, sich an G.s Anwesenheit in unserem Leben zu gewöhnen.“ Matzneff war für die Mutter auch „der Vater, den sie mir nicht bieten konnte.“

Propagandist der Pädophilie

Der berühmte Schriftsteller war jedoch ein notorischer Pädophiler, der aus seiner Neigung keinen Hehl machte und es sowohl auf Mädchen als auch auf Jungen abgesehen hatte. In seinem berühmt gewordenen Buch „Les moins de seize ans“ („Die unter 16-Jährigen“) schrieb er 1974:

„Was mich fesselt, ist weniger ein bestimmtes Geschlecht als die extreme Jugend, also die Spanne zwischen dem zehnten und dem sechzehnten Lebensjahr, die mir — weit mehr, als man für gewöhnlich unter dieser Formulierung versteht — das wahre dritte Geschlecht zu sein scheint.“

Matzneff ist so eitel und fühlt sich offenbar vor gesetzlicher Verfolgung so sicher, dass er seine Eroberungen regelmäßig literarisch verwertet und die Mädchen damit vor einem großen Publikum — wenn auch anonym — bloßstellt. Seine Bücher, so formulierte es Vanessa Springora im Rückblick, „schildern seine stürmischen Liebesabenteuer mit einer Schar junger Mädchen, deren Avancen sich G. offenbar nicht entziehen kann. Diese Geliebten sind alle sehr fordernd, und weil er ziemlich schnell nicht mehr weiß, wie er ihrer Herr werden soll, jongliert er geradezu akrobatisch mit immer schamloseren Lügen.“

Die Lektüre seiner Werke öffnet Vanessa die Augen:

„Allmählich durchschaue ich sein Spiel. Er liebt es, seine Situation zu dramatisieren. Sich bedauern zu lassen. Jede Episode seines Lebens wird instrumentalisiert.“

Die Enthüllungen enthalten tatsächlich die abstoßendsten Geständnisse. So schreibt Matzneff in seinem Tagebuch über eine sextouristische Reise auf die Philippinen:

„Die kleinen Jungs zwischen elf und zwölf Jahren, die ich hier in mein Bett bekomme, sind ein seltener Leckerbissen.“

Niemals auf Augenhöhe

Zu befreien vermag Vanessa sich dennoch noch nicht.

„In der Zeit vor meinem fünfzehnten Geburtstag hat G. sich in den Kopf gesetzt, alle Bereiche meines Lebens zu kontrollieren. Er ist in gewisser Weise mein Vormund geworden.“

Dabei war ihr schon früh klar, dass sie die „Liebe“ ihres väterlichen Freundes niemals für sich allein haben würde — und dass die Affäre spätestens dann zu Ende wäre, wenn sie in seinen Augen „zu alt“ geworden wäre. G. hat „diese Geschichte schon sein ganzes Leben lang hundertmal durchgespielt.“ Vanessa schreibt, dass G. „zu sexuellen und literarischen Zwecken meine Jugend ausbeutete.“ Dennoch ist sie lange Zeit machtlos:

„Unsere Liebe war ein so machtvoller Traum, dass nichts, nicht eine einzige der spärlichen Warnungen meines Umfelds, genügt hatte, um mich wachzurütteln. Sie war der perverseste Alptraum. Sie war eine unbeschreibliche Gewalt.“

Klar analysiert sie, dass Matzneff sie durch ein erdrückendes Übergewicht an Erfahrung, Charisma und rhetorischen Fähigkeiten klein gehalten hat.

„Aber einem verbalen Schlagabtausch mit ihm bin ich nicht gewachsen. Im Vergleich zu ihm, dem Schriftsteller und Intellektuellen bin ich zu jung und unerfahren.“

Als Jugendliche konnte sie noch nicht durchschauen, was ihr als über 40-Jährige völlig klar ist:

„Es ist für mich absolut unmöglich, mit ihm auf Augenhöhe zu kämpfen.“

Die Vorliebe mancher erwachsener Männer für sehr junge Frauen verweist demnach nicht allein auf eine bestimmte sexuelle Präferenz. Gerade die Tatsache, dass Mädchen in der Pubertät niemals „auf Augenhöhe“ sein können, und somit leichter im Sinne des Älteren zu lenken sind, könnte für Männer, die Angst vor einer gleichberechtigten Beziehung haben, den Reiz ausmachen.

Schriftsteller als „Vampire“

Zu den hellsichtigsten Passagen im Buch „Die Einwilligung“ gehört Vanessas Bemerkung, Matzneff sei ein Mensch,

„für den der andere nicht existiert“.

Viele Verhaltensweisen von Missbrauchstätern sind nur so erklärlich, dass diese in ihren Opfern lediglich „brauchbare“ leere Hüllen ohne seelisches Eigenleben sehen. Was diese empfinden, wird gar nicht wahrgenommen oder „tut nichts zur Sache“. Was zählt, ist allein die „Funktion“ der Mädchen im Zusammenhang mit den Bedürfnissen der älteren Männer. Vanessa verwendet drastische Bilder, um die Persönlichkeit ihres „Liebhabers“ zu charakterisieren.

„Schriftsteller gewinnen nicht immer bei näherem Kennenlernen. Man würde ihnen Unrecht tun, wenn man glaubte, sie seien wie alle Welt. Sie sind viel schlimmer. Sie sind Vampire.“

Auch über seine Affäre mit Vanessa hat Matzneff ja später ein Buch sowie Tagebücher geschrieben, die zwischen ihrem 16. und 25. Lebensjahr erschienen.

„Wenn man mit einer solchen Brutalität vom Bild des Anderen Besitz ergreift, dann bedeutet das nichts anderes, als dass man ihm seine Seele raubt“,

schreibt sie.

„Meine gesamte Lebensenergie ist aus meinem Körper gewichen und wurde von der Tinte dieses abscheulichen Buches aufgesaugt.“

Die psychischen Spätfolgen: Panikattacken und Schuldgefühle

Etwa zwei Jahre nach Beginn dieser „Beziehung“, als sie 16 war, schaffte Vanessa Springora den Absprung. Zu Ende war ihre Geschichte deshalb jedoch noch lange nicht. Es gab Tage, an denen sich Vanessa wünschte, „für immer von der Erde zu verschwinden“. Als Spätfolge des Missbrauchs hatte sie häufig unter Panikattacken zu leiden. Sie entwickelte zudem extreme Essstörungen.

„Ich war im Begriff, mich zu verflüchtigen, mich in Luft aufzulösen, zu verschwinden. Ein grauenhaftes Gefühl, als würde ich dem Reich der Lebenden entrissen, aber in Zeitlupe.“

Diese psychische Erkrankung interpretiert sie als Neigung zur Selbstzerstörung. „Warum hatte ich einen solchen Berg von Schuldgefühlen in mir angehäuft, dass ich jetzt glaubte, ich würde die ‚Todesstrafe‘ verdienen?“ Ein Arzt sagt zu ihr: „Sie haben gerade eine psychotische Episode mit einer Phase der Depersonalisation erlebt.“

Es gehört zu den Verdiensten dieses mutigen Buches, dass es die psychischen Folgen sexueller Kontakte zwischen minderjährigen Mädchen und wesentlich älteren Männern drastisch deutlich macht.

Häufig werden die damit verbundenen Langzeittraumatisierungen nicht mit der gebotenen Schärfe gesehen, was auch das Umfeld der Betroffenen zu einer Haltung der Duldung und Bagatellisierung verführt. Wenn keine physische Gewalt stattgefunden hat, wenn das Mädchen „es wollte“ und auch immer wieder zu ihrem wesentlich älteren „Liebeslehrer“ zurückkehrte, sehen viele kein Problem.

Die psychischen Langzeitfolgen solcher Affären sprechen jedoch eine andere Sprache.

Notwendige „Froschperspektive“

Geschichten, wie sie Vanessa Springora erzählt, erhielten in jüngster Zeit viel zusätzliche Aufmerksamkeit durch die Enthüllungen rund um den Investor und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und dessen „Assistentin“ Ghislaine Maxwell. Oft dreht sich die Presseberichterstattung über den Skandal aber überwiegend um mögliche Täter und Mitwisser. Dieser oder jene Prominente habe im E-Mail-Kontakt zu Epstein gestanden und seien verdächtig, selbst in den organisierten Missbrauch von Kindern und sehr jungen Frauen verwickelt gewesen zu sein. In den Hintergrund gerät dabei das Schicksal der Opfer, über deren Gefühle und schwere Traumatisierungen die Berichterstattung meist hinweggleitet.

Speziell bei der Lektüre von Virginia Roberts Giuffres Buch Nobody’s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit zeigt sich jedoch drastisch, mit welcher Art und welchem Ausmaß von Verbrechen wir es hier zu tun haben. Es ist nötig, diese „Froschperspektive“ eines schwer misshandelten Mädchens genauer zu betrachten, um dann im zweiten Schritt das „große Ganze“ und auch die politischen Implikationen des Falles Epstein besser in den Blick nehmen zu können.

Virginia Giuffre, geborene Roberts, wurde vor allem durch ein Foto mit dem britischen Prinzen Andrew bekannt, an den sie von Epstein „verliehen“ worden war. In einem Akt großer Selbstüberwindung führte Giuffre mehrere nervenaufreibende Prozesse und wurde so zu einer der meistbeachteten Anklägerinnen und Zeuginnen im Fall Epstein.

Ein „Riecher“ für Mädchen mit angeknackster Psyche

Virginia Giuffres Autobiografie leistet gerade in den Anfangskapiteln einen wertvollen Beitrag dazu, wie ein Mensch dazu gebracht werden kann, eine jahrelange entwürdigende Existenz als „Sexsklavin“ hinzunehmen. Und dies, ohne durchgehend in physischer Gefangenschaft gewesen zu sein, wie es etwa das Entführungsopfer Natascha Kampusch in ihrem Buch „3096 Tage“ beschreibt. Es beginnt damit, dass sich Täter mit Vorliebe einen bestimmten Typ Mädchen für ihre „Zwecke“ aussuchen. Ghislaine Maxwell, die enge Vertraute und Komplizin von Jeffrey Epstein, hatte dafür einen „Riecher“. Eines Tages sprach sie Virginia auf der Straße an, um ihr das Angebot zu unterbreiten, bei einem reichen älteren Herrn eine Massageausbildung zu absolvieren.

Giuffre hat bei späteren Recherchen herausgefunden,

dass Menschen, die in der Kindheit Opfer von Missbrauch wurden, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit als Erwachsene erneut Missbrauch erleben.“

Das Risiko sei „15-mal größer“. Virginia war als junges Mädchen von zwei Jungen, 17 und 18 Jahre alt, auf dem Rücksitz eines Autos vergewaltigt worden, während sie ohnmächtig war. Noch schwerer wiegt aber die Vergewaltigung durch ihren Vater in jungen Jahren.

„An diesem Abend berührte mich mein Vater in meinem Zimmer auf eine Weise, wie mich nie zuvor jemand angefasst hatte. Er erzählte mir, ich sei sein geliebtes kleines Mädchen, sein Liebling, und er zeige mir auf diese Weise, dass er mich ‚ganz besonders lieb‘ habe. (…) Bald darauf fragte er mich, ob ich gerne seine Genitalien berühren würde. Ich wollte es nicht — aber er schon. Und er war mein Vater, also tat sich es.“

Virginias Vater und einer seiner Freunde vereinbarten sogar, ihre Töchter zu tauschen.

„Jenna kann bei uns schlafen und Sheila hier.“

Ihre Mutter schwieg zum Missbrauch an ihrer Tochter. Sie wurde zu einer duldenden Mittäterin.

Duldungsstarre als Überlebensmodus

Virginia lernte Epstein und Maxwell in einem schon deutlich „angeknacksten“ Seelenzustand sowie in einer sozial prekären Situation kennen. Beide führten Virginia schrittweise an die dann folgende Vergewaltigung heran. Sie wurde zunächst in eine luxuriöse Villa eingeladen, wo sie ihren künftigen „Ausbilder“ kennenlernen sollte. Zu ihrer Überraschung lag dieser zur Begrüßung nackt und bäuchlings auf einer Liege.

„Erst später wurde mir die Routiniertheit bewusst, mit der die beiden meine Abwehrmechanismen Schritt für Schritt abbauten. Immer, wenn ich ein leichtes Unbehagen verspürte, sagte mir mein Blick auf Maxwell, dass ich überreagierte.“

Irgendwann, nachdem Giuffre Epsteins Rücken massiert hatte, drehte dieser sich um und begann, sich selbst sexuell zu stimulieren. „Das stört dich doch nicht, oder?“ sagte er. In diesem Moment hätte sie vielleicht noch fliehen können. Doch sie verfiel in eine Art Starre.

„In diesem Augenblick zerbrach etwas in mir. (…) Eine vertraute Leere überkam mich (…) Mein Körper konnte diesem Raum nicht entkommen, aber mein Geist hielt es dort nicht aus. Also versetzte er mich in eine Art Autopilot-Modus: unterwürfig und nur darauf konzentriert, zu überleben.“

In weiteren Schritten wurde Virginia dahin gebracht, den Geschlechtsverkehr mit Epstein zu vollziehen — ohne rohe Gewalt, jedoch mit einer Mischung aus Überredung, Überrumpelung und autoritärem Gehabe. Später vermag sie ihre damalige Psychodynamik hellsichtig zu analysieren. Eine große Rolle spielte dabei ihre biografische Prägung:

„Wenn ein Kind von einem geliebten Menschen missbraucht wird — so wie ich von meinem Vater —, dann gelangt es zu der Überzeugung, dass Liebe und Schmerz, Liebe und Vertrauensbruch, Liebe und Grenzverletzung zusammengehören. Ich wusste nicht, dass Missbrauchsopfer Warnsignale nicht richtig erkennen können, weil sie verletzendem Verhalten gegenüber abgestumpft sind. Ich wusste nicht, dass eine häufige Bewältigungsstrategie bei sexuellem Missbrauch darin besteht, sich loszulösen von dem, was gerade geschieht, sich ‚aufzuspalten‘ in einen gefügigen Körper und einen abgeschotteten Geist.“

„Selbst schuld“?

Eine wichtige Frage, die sich für Leser in dieser Phase der Missbrauchsgeschichte stellt, ist: Warum ist Virginia Giuffre nach dieser ersten schlimmen Erfahrung und obwohl man sie nicht in Epsteins Anwesen festgehalten hat, „wieder hingegangen“ — mehrfach und sogar über Jahre? Ist sie insofern nicht an allem, was mit ihr geschehen ist, „selbst schuld“? Giuffre verneint dies:

„Diese Haltung missachtet zutiefst, was so viele von uns schon durchgemacht haben, bevor wir Epstein trafen, und wie gut er darin war, Mädchen zu erkennen, deren Wunden sie angreifbar machten. Mehrere von uns waren als Kinder sexuell belästigt und vergewaltigt worden; viele von uns waren arm oder sogar obdachlos.“

Überdies drohte Epstein mit Gewalt gegen Virginias Familie, sollte sie je erzählen, was in diesem Haus vorgeht. „Wir wissen, auf welche Schule dein Bruder geht.“ Außerdem bekam das Mädchen für ihre „Dienste“ ja auch mehr Geld, als sie je zuvor in ihrem Leben verdient hatte. Ab einem bestimmten Punkt wurde es für sie zu „einem Job“, und Menschen gewöhnen sich an vieles. Schließlich wurde Virginia an Freunde und Geschäftspartner Epsteins weiter „verliehen“. In das Milieu der Reichen, Schönen und Berühmten integriert zu werden und sich ständig in einem luxuriösen Ambiente aufzuhalten, besaß für sie eine nicht zu unterschätzende Verführungskraft.

Eine für das Mädchen „schmeichelhafte“ Begegnung mit dem britischen Prinzen Andrew nahm — wie bei vielen ihrer Begegnungen mit Stars und politischen Würdenträgern eine schlimme Wendung.

„Auf dem Rückweg eröffnete mir Maxwell: ‚Zu Hause machst du für ihn dasselbe wie für Jeffrey.‘ Ich wusste, Widerspruch war zwecklos.“

Natascha Kampusch und das „Stockholm-Syndrom“

Um Virginia Giuffres Beziehung zu Epstein und Maxwell zu verstehen, liegt auch der populär gewordene Begriff „Stockholm-Syndrom“ nahe.

„Einige andere Opfer haben davon berichtet, dass sie am Stockholm-Syndrom litten, bei dem Opfer als Überlebensstrategie positive Gefühle für den Täter entwickeln. Heute erkenne ich, dass es bei mir genauso war.“

Schon Natascha Kampusch, die 1998 von dem Einzeltäter Wolfgang Priklopil entführt und über acht Jahre in seinem Keller gefangen gehalten wurde, beschreibt ihre Gefühle und Reaktionen in den ersten Stunden nach ihrer Gefangennahme sehr eindrucksvoll:

„Ein Ruck ging durch meine Welt, die Realität verschob sich ein kleines Stück. (…) Als Erwachsener weiß man, dass man ein Stück von sich selbst verliert, wenn man Gegebenheiten erdulden muss, die bis zu ihrem Eintreten völlig außerhalb des eigenen Vorstellungsvermögens waren. Der Boden, auf dem die eigene Persönlichkeit steht, bekommt einen Riss. Und doch ist die einzig richtige Reaktion, sich anzupassen, denn sie sichert das Überleben.“

Natascha Kampusch jedenfalls schuf sich einen „Kokon der Normalität“ als Überlebensstrategie. Langes Stillhalten jedoch, so verständlich es menschlich auch ist, birgt die Gefahr der Gewöhnung. Die andauernde Anpassung an den Täter deformiert das Bewusstsein des Opfers schleichend, bis hin zur Verinnerlichung von dessen Rechtfertigungsnarrativen.

„Ich steckte bereits so tief in der Gefangenschaft, dass die Gefangenschaft längst in mir steckte“,

schreibt Kampusch hellsichtig.

Sadismus als tiefer liegende Motivation

Schuldgefühle und Scham sind gerade bei Opfern sexueller Übergriffe zusätzliche Belastungen — Gefühle, die unbeteiligte Beobachter als „unnötige“ Selbstherabsetzung ansehen mögen, die aber nichtsdestotrotz psychische Realität sind. Die Erinnerung daran, was man alles mit sich machen ließ, ist quälend. Speziell dann, wenn die Opfer aufgrund von Stimulation sexuelle Reaktionen zeigen, ist dies mit Scham verbunden und stellt eine scheinbare Entlastung für die Täter dar.

Virginia Giuffre berichtet in ihrem Buch weiter von einer zunehmend sadistischen Komponente in Epsteins Sexualverhalten. Sie schreibt:

„Er interessierte sich neuerdings für Sadomasochismus — und zwar gänzlich ungeniert. (…) Er hatte damit angefangen, mit Peitschen, Fesseln und anderen Folterexperimenten zu experimentieren.“

Ein Kunde, an den Epstein Giuffre „ausgeliehen“ hatte, sei „nicht an Zärtlichkeiten interessiert“ gewesen.

„Mehrfach würgte er mich, bis ich das Bewusstsein verlor. Er hatte Freude daran, mich in Todesangst zu sehen.“

Die Identität dieses Mannes, den sie den „Premierminister“ nennt, hat Virginia Giuffre bis zum Schluss im Dunkeln gelassen — aus Angst vor seiner Macht, die offenbar größer war als jene Epsteins oder Prinz Andrews.

Der Psychodynamik der Opfer steht jene der Täter gegenüber, die nicht ausschließlich mit sexueller Triebbefriedigung zu tun hat. Macht scheint vielfach die tieferliegende Motivation zu sein, der Vollzug von Sexualität nur deren vordergründige Ausdrucksform.

Speziell bei Epstein und Priklopil, mit Abstrichen auch bei Matzneff, scheint eine Komponente von Sadismus am Werk gewesen zu sein. Erich Fromm definiert diesen als

„das Bestreben, einen anderen Menschen völlig in die Gewalt zu bekommen, ihn zu einem hilflosen Gegenstand des eigenen Willens zu machen, zum absoluten Herrscher über ihn, zu seinem Gott zu werden und mit ihm machen zu können, was einem gefällt.“

Sind Frauen das unschuldige Geschlecht?

Im Rahmen der brutalen Machtausübung durch die Männer haben Frauen oder Mädchen nur einen begrenzten Spielraum. Ihre Macht besteht in ihrer Wirkung auf Männer in einer Begegnung, zu der sie von diesen erzwungen wurden. So gibt Vanessa Springora zu Protokoll:

„Mal fühle ich mich wie berauscht, all diese Macht! Es ist so leicht, einen Mann glücklich zu machen. (…) Ich rufe mir in Erinnerung, dass es meine Mission hier auf Erden ist, Männern Lust zu verschaffen.“

Die Schlussfolgerung, nur Männer seien zu bösem und krankem Verhalten fähig, verbietet sich angesichts der „assistierenden“ Funktion, die einige Frauen bei den in diesem Artikel dargestellten Verbrechen innehatten. So hat Springoras Mutter die Beziehung Vanessas zu „G.“ offenbar aufgrund einer Art von Eitelkeit geduldet, quasi zur Schwiegermutter eines Prominenten avanciert zu sein.

Mütter schicken ihre Töchter vor

Bei Ghislaine Maxwell liegt eine noch subtilere Psychodynamik vor. Virginia Giuffre sieht ihr „Besitzerpaar“ als eine Einheit an.

„Mit der Zeit sah ich in Epstein und Maxwell weniger ein Paar als vielmehr zwei Hälften eines bösen Ganzen.“

Maxwell, die seit 2022 in Haft ist, verkörpert psychologisch eine Art „mütterliche“ Funktion in der Beziehung: Sie duldet den Missbrauch durch den Mann an dem Mädchen und unterstützt ihn insgeheim. Einmal fragte Guiffre ihre Peinigerin sogar ganz offen nach deren eigenen Gefühlen:

„Irgendwann fragte ich sie, warum es sie nicht störte, dass er mit so vielen anderen Sex haben wollte. Sie antwortete, es sei eine Erleichterung. Sein Sexhunger sei so riesig, dass eine einzelne Person ihn nie stillen könnte.“

Dies entspricht einer, unter anderem bei „Familienaufstellungen“ nach Bert Hellinger, aufgedeckten Dynamik. Einige Ehefrauen liefern ihre Töchter aus, um vom ungeliebten sexuellen „Dienst“ an ihren Männern entlastet zu werden.

Die Gesellschaft schaut weg

Neben der Mitschuld der Mutterfiguren an diesem Geschehen ist auch jenes der größeren Gemeinschaft zu sehen. Virginia Giuffre berichtet von einer erschütternden Szene:. Sie hatte sich im größeren Familienkreis dazu durchgerungen, offen darüber zu sprechen, dass ihr Vater sie seit Jahren missbrauchte. Wie reagierten die Anwesenden, darunter Onkel und Tante?

„Ich würde nur zu gerne berichten, dass sie alle aufstanden und einen Schutzwall um mich herum bildeten. Aber sie rührten sich nicht. Nach einer stillen Schrecksekunde packte mich mein Vater mit einer Hand an der Kehle und schlug mir mit der anderen ins Gesicht. (…) Am nächsten Morgen wachte ich mit dem Gefühl auf, dass sich ja jetzt, da ich den Missbrauch durch meinen Vater endlich lautstark offenbart hatte, etwas ändern müsse. Vielleicht würde ja wenigstens irgendjemand anerkennen, was ich durchgemacht hatte. Stattdessen tat die gesamte Großfamilie bis zu unserer Rückfahrt nach Florida so, als wäre nichts geschehen.“

Dieser Vorgang kann geradezu symbolisch für das komplizenhafte Schweigen der Mehrheitsgesellschaft zum Missbrauchsgeschehen stehen. Der Film Das Fest von Thomas Vinterberg stellt einen vergleichbaren Vorgang kollektiver Verdrängung in künstlerisch hochwertiger Form dar.

Übermenschenfantasien der „Eliten“

Höchst interessant sind beide Fallgeschichten auch mit Blick auf das überhöhte Selbstbild der sogenannten Eliten.

Vanessa Springora sieht sich auch als Opfer der übermäßigen Ehrfurcht eines „gebildeten“ Umfelds vor Prominenz, Intellekt und Künstlertum.

„Aber was ist schon das Leben einer anonymen Heranwachsenden wert im Vergleich zum literarischen Werk eines höheren Wesens?“,

schreibt sie an einer Stelle.

Einmal weinte sich Vanessa bei einem Mann namens Emil aus, einem älteren Bekannten von Gabriel Matzneff, dem sie vertraute. Dieser war ihr aber keine Hilfe. Er sagte:

„G. ist ein Künstler, ein sehr großer Schriftsteller (…). Sie lieben ihn, dann müssen Sie seine Persönlichkeit akzeptieren. G. wird sich niemals ändern. Er hat Ihnen eine ungeheure Ehre erwiesen, indem er Sie auserwählt hat. Ihre Aufgabe ist es, ihn auf seinem schöpferischen Weg zu begleiten, und auch, sich seinen Launen zu beugen.“

Sie bemängelt eine Doppelmoral, die darin besteht, gegenüber Angehörigen einer „Elite“ — zum Beispiel Schriftstellern, Filmemachern oder Malern — nachsichtiger zu sein als gegenüber Tätern aus „normalen“ Milieus.

„Offensichtlich gehört der Künstler einer besonderen Kaste an, er gilt als ein Wesen, das über uns steht und das wir mit Allmachtsbefugnissen ausstatten, ohne eine andere Gegenleistung dafür zu erwarten als die Produktion eines originellen und subversiven Werkes.“

Jenseits von Gut und Böse

Als Steigerung dieser professionellen Arroganz legte Jeffrey Epstein offenbar geradezu eine Übermenschen-Attitüde an den Tag. Sie erinnert an Dostojewskis Helden Rodion Raskolnikow, der in „Schuld und Sühne“ eine ihm fremde Frau ermordet — einfach, weil er sich für den Vertreter eines überlegenen Menschenschlags ansieht, für den übliche moralische Maßstäbe nicht zu gelten haben.

„Alles, was mir in Epsteins Welt zugestoßen war, hatte nur bestätigt, dass gewisse privilegierte Menschen in einem Grenzbereich außerhalb des Gesetzes stehen, ganz gleich, wie niederträchtig sie sich verhalten.“

Vielleicht erklärt dies einiges, was uns am Verhalten der Macht-, Kultur- und Wirtschaftseliten immer wieder abstößt. Der Vorwurf, dass manche von ihnen buchstäblich über Leichen gehen, ist nicht übertrieben.

Eine unserer Protagonistinnen hat ihre Missbrauchserfahrungen nämlich leider nicht überlebt. Virginia Giuffre beschreibt am Ende ihres Buches die Langzeitfolgen ihrer Traumatisierung, die ihr Leben auch nach der Befreiung von Epstein und der Gründung einer Familie mit ihrem Ehemann Robert nachhaltig überschatteten.

Das Trauma, das im Schatten lauert

Sie beschreibt, dass sie immer wieder, wie aus dem Hinterhalt, von Flashbacks und Anflügen schwarzer Depression überfallen wurde.

„Doch Überlebende wie ich wissen nur zu gut, dass es immer noch da ist und im Schatten lauert. Egal, wie viele Jahre vergangen sind oder wie viele Therapeuten man konsultiert hat, es kann plötzlich und unerwartet wieder auftauchen, wie aus dem Nichts.“

Auf einen kurzen, jedoch erschütternden Nenner hat Herbert Grönemeyer diese Dynamik in seinem Lied „Sie“ gebracht, das von einem Missbrauchsopfer erzählt:

„Sie hat lange verzweifelt gewartet.
Die Jahre zeigen kein Erbarmen.
Das heilt keine Zeit“.

Wie im Fall Jeffrey Epstein gibt es auch zum Tod von Virginia Giuffre „Verschwörungserzählungen“, wonach es sich um Mord, nicht um Selbstmord gehandelt haben soll. Ob sie jedoch von mächtigen Menschen um die Ecke gebracht wurde, die sich vor ihren Enthüllungen fürchteten, oder ob sie tatsächlich den zermürbenden Langzeitfolgen ihres Traumas erlegen ist — klar bleibt in beiden Fällen, dass es einen oder mehrere Schuldige an ihrem Tod gab.

Eine gründliche Aufarbeitung des Geschehens und mehr Achtsamkeit seitens der Gesamtgesellschaft sind notwendig, um diesen umfassenden Komplex verbrecherischen Missbrauchs zumindest zu begrenzen. Sonst werden auch in Zukunft immer wieder neue, unbedarfte Mädchen und auch Jungen solche Schicksale erleiden.

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Roland Rottenfußer, Jahrgang 1963, war nach dem Germanistikstudium als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage tätig. Von 2001 bis 2005 war er Redakteur beim spirituellen Magazin connection, später für den Zeitpunkt. Er arbeitete als Lektor, Buch-Werbetexter und Autorenscout für den Goldmann Verlag. Seit 2006 ist er Chefredakteur von Hinter den Schlagzeilen. Von 2020 bis 2023 war er Chefredakteur vom Rubikon, seit April 2023 ist er Mitherausgeber und Chefredakteur von Manova.

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 21. Februar 2026 auf manova.news.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Rückblick auf unerkennbaren Mann mit Kind stehend im Aufzug, Entführung Kinder Konzept.
Bildquelle: Roman Chazov / shutterstock

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