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Heute — 06. Juni 2026Featured

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (20)


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„Einige Unbelehrbare, darunter natürlich auch ich, waren mit dem freiwilligen Gang in die Gefangenschaft nicht einverstanden, nahmen uns die passenden Waffen aus dem Haufen (ich zwei Eihandgranaten, eine Pistole und mehrere gefüllte Ladestreifen einer MPi, die das gleiche Kaliber hatte) und wir zogen eigene Wege, um uns, wie wir uns verständigt hatten, nach Berlin durchzuschlagen.“

In dieser 20. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Vaters Claus Grote an dessen Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft als 17-Jähriger und seine Fluchtversuche.

Wir veröffentlichen diesen Beitrag aufgrund seiner Länge in zwei Teilen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, den achtzehnten Teil, sowie den neunzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Noch keine 18 Jahre alt

Teil 1

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

ich selbst bin erst 1954 geboren, habe also bisher das Glück, keine Erfahrungen mit Krieg und den unmittelbaren Folgen zu haben. Trotzdem möchte ich zu dem Aufruf etwas beisteuern:

In dem Nachlass meines Großvaters mütterlicherseits (Jahrgang 1897) habe ich eine Beschreibung seiner Erlebnisse der letzten Kriegstage und seiner Zeit in sowjetischer Gefangenschaft gefunden, geschrieben unmittelbar nach seiner Heimkehr im September 1945. („Gefangenschaft“)

Auch mein Vater (Jahrgang 1927 und noch am Leben) hat (allerdings erst viele Jahre später) einen Bericht über seine Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft geschrieben, der im folgenden Anhang beigefügt ist. („Kriegsgefangenschaft“)

Beide Berichte sind zur Veröffentlichung möglicherweise zu lang und ausführlich. Gerade die Beschreibung einzelner Details hat mich bei der Lektüre aber so fasziniert, dass ich sie einem größeren Publikum nicht vorenthalten möchte.
Weitere Fragen oder Ergänzungen zu den Personen und deren Lebensumständen kann ich gern beantworten.

Ihnen bei diesem und den anderen Projekten der NachDenkSeiten viel Erfolg wünschend,
verbleibe ich mit solidarischen Grüßen

Heinz Grote


Anm. d. Red.: Wir veröffentlichen beide Berichte. Es folgt der Bericht „Kriegsgefangenschaft“ des Vaters über seine Zeit in US-amerikanischer Gefangenschaft – Teil 1.

Den Bericht des Großvaters über die Zeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft finden sie hier.


„Claus Grote

Berlin, 26.04.1992

Kriegsgefangenschaft 7.4.1945 bis 6.2.1946

Politisch bewußt zu denken, ohne den Einfluß der Nazis, begann ich erst, als der Krieg für mich persönlich zu Ende war: mit meiner Gefangennahme durch die US-Armee. Im Gefangenenlager lernte ich Menschen kennen, die noch die Zeit vor 1933 als Erwachsene kennengelernt hatten und – im Gegensatz zur Kriegszeit – jetzt offen darüber sprechen konnten.

Ich hörte, daß die Idee der Autobahn keineswegs von den Nazis stammte, daß man die Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit durch die Nazis auch als Resultat der ungeheuerlichen Aufrüstung sehen konnte, und ich hörte erstmals von den Verbrechen in den KZs. So bröckelte die von den Nazis vermittelte „Weltanschauung” langsam, aber sicher ab, zumal ich den Eindruck haben mußte, daß die betreffenden Mitgefangenen durch niemanden gezwungen wurden, diese ihre Meinungen zu vertreten. Irgendwelche ideologische Beeinflussungen seitens der amerikanischen Lagerleitung gab es nicht.

Dafür gab es aber umso mehr indirekte Einflüsse. Das war einmal die ständig schlechter werdende Verpflegung, die medizinische Versorgung und die anderen Umstände, unter denen wir leben mußten. Nach meiner Gefangennahme am 7.4.45. in einem Wäldchen in der Nähe der thüringischen Gemeinde Farnroda (bei Eisenach) wurde ich über die Zwischenstationen Thal und Hersfeld in das berüchtigte Gefangenenlager Bad Kreuznach gebracht, wo ich etwa die Zeit vom 10.4. bis Ende Mai 1945 zubrachte, noch keine 18 Jahre alt.

Wir schossen, ohne irgendetwas zu sehen

Übrigens verlief die Gefangennahme recht wenig heldenhaft. Unser letzter Kampfauftrag lautete, die nachts in dem besagten Wäldchen bezogene Stellung gegen amerikanische Angriffe zu halten. Am Morgen des 7.4.45 kam auch tatsächlich ein solcher Angriff, nachdem wir in der Nacht zuvor eine fürchterliche Schießerei überlebt hatten, wahrscheinlich mit nicht identifizierten zurückgehenden deutschen Soldaten. Wir schossen, ohne irgendetwas zu sehen, und ähnlich war es während des US-Angriffs. So blieb mir erspart, wie auch schon an den Tagen zuvor, daß ich bewußt auf einen Menschen gezielt und abgedrückt habe, und ich habe auch keinen Menschen durch unser Feuer fallen sehen. Dabei glaube ich, heute einschätzen zu müssen, daß mir so etwas damals keinerlei Gewissensbisse verursacht hätte, ich verteidigte ja Deutschland, mein Vaterland, und war außerdem überzeugt, daß die Frage nur so lautete: Entweder die – oder ich.

Als der Angriff wegen unserer Gegenwehr zurückgezogen wurde, erwarteten wir die übliche amerikanische Reaktion, Flächenbombardement durch Flieger oder Artillerie, aber unser Zugführer war doch so vernünftig, uns aus unseren Stellungen zurückzurufen und zu erklären, wir hätten gemeinsam gekämpft und gingen nun gemeinsam in Gefangenschaft.

Auf dem Sammelplatz, ein Hohlweg im Wald, lag bereits ein ansehnlicher Haufen von Waffen, vom leichten Granatwerfer bis zur MPi. Einige Unbelehrbare, darunter natürlich auch ich, waren mit dem freiwilligen Gang in die Gefangenschaft nicht einverstanden, nahmen uns die passenden Waffen aus dem Haufen (ich zwei Eihandgranaten, eine Pistole und mehrere gefüllte Ladestreifen einer MPi, die das gleiche Kaliber hatte) und wir zogen eigene Wege, um uns, wie wir uns verständigt hatten, nach Berlin durchzuschlagen. Da schönes Wetter war, konnten wir uns nach der durch die Baumwipfel scheinenden Sonne richten.

Wir zerrissen unsere Soldbücher und vergruben die Schnitzel im Gartenland

Unser erster Ausflug in die Selbständigkeit endete bereits nach einer halben Stunde, als wir in etwa 150 m Entfernung eine ganze Kompanie US-Soldaten erblickten, die in Schützenkette den Wald durchkämmte, die Schnellfeuergewehre im Anschlag. Uns fünf halben Kindern sank das Herz in die Hose, wir warfen uns auf den Boden, und als die Amerikaner etwa auf 30 Meter herangekommen waren, ohne uns zu bemerken, rief ich laut „Don’t shoot” und stand mit erhobenen Händen auf. Glücklicherweise taten das dann auch die vier anderen, und die schrecklich aufgeregten Amerikaner hielten zu unserem Glück ihre Zeigefinger gerade. Sie sammelten nur die Waffen ein, die wir abgelegt hatten, und führten uns, die die Hände über dem Kopf verschränken mußten, bis zu einer kleinen Lichtung, wo wir einige verletzte deutsche Gefangene aufgeladen bekamen, die wir dann bis ins Tal hinunter in das Dorf Thal tragen mußten.

Dort wurden die Verletzten mit Sanitätskraftwagen abtransportiert, wir wurden unter Bewachung für einige Stunden in einem eingezäunten Vorgarten eingesperrt. Dort befolgten wir gehorsam eine Anweisung, die wir noch bei der Wehrmacht bekommen hatten: Wir zerrissen unsere Soldbücher und vergruben die Schnitzel im Gartenland. Die Amerikaner sollten ja nicht wissen, mit welchen Eliteeinheiten der Deutschen Wehrmacht sie es zu tun hatten – das alles angesichts der von allen Seiten in das geschrumpfte Deutsche Reich eindringenden alliierten Truppen.

Pechvögel, die in den halbgefüllten Scheißgraben fallen

Die Amerikaner hatten uns im Eifer des Gefechts (und wohl auch im Bewußtsein ihrer ungeheuren Überlegenheit) nicht nach Waffen abgetastet, und so bemerkte ich erst später (im Durchgangslager Hersfeld), daß ich noch zwei scharfe Eihandgranaten in den Hosentaschen hatte. Da ich mich nicht traute, mit denen an einen amerikanischen Posten heranzutreten, landeten die Handgranaten schließlich in dem um das ganze Lager gezogenen Graben, der den Gefangenen als Latrine dienen mußte.

In Hersfeld brachten wir nur einige Tage unter freiem Himmel zu, die Verpflegung war relativ gut, jedenfalls besser als in Bad Kreuznach, der nächsten Station. Über das Gefangenenlager Bad Kreuznach ist zumindest ein Buch geschrieben worden, das ich kenne. Es gibt die Situation ziemlich korrekt wieder: Auf einem etwa 30 – 40 ha großen, durch einen doppelten Stacheldrahtzaun eingeschlossenen Acker sind ungefähr 100 000 Gefangene untergebracht, unter freiem Himmel. Etwa 5 m vom inneren Zaun entfernt befindet sich die Latrine, ein durchgehender Graben von 1 1/2 m Tiefe, etwa 1/2 m breit, man hockt sich quer darüber. Der Graben ist nur unterbrochen am Eingang. Der ist scharf bewacht, Annäherung auf mehr als 20 m ist lebensgefährlich. Ab und zu knallt es zur Warnung. Etwas weiter weg sind einige Kesselwagen aufgestellt, die einigermaßen regelmäßig mit Wasser gefüllt werden, so daß jeder, der sich anstellt, pro Tag ungefähr 1/2 bis 1 Liter bekommen kann, je nachdem, ob er nur eine alte Konservenbüchse hat oder noch ein richtiges Kochgeschirr. Zum Waschen reicht es auf keinen Fall, und die Pechvögel, die nach einem Regen auf dem aufgeweichten Boden ausgleiten und in den halbgefüllten Scheißgraben fallen, müssen bis zum nächsten Regen warten, um den Gestank und den Dreck halbwegs wieder loszuwerden.

In der Nähe der Wasserkessel sind auch zwei Sanitätszelte aufgestellt, mit deutschen Ärzten und Sanitätern, aber ohne jeden Verband, ohne Medikamente und ohne jedes Gerät. Das bemerke ich nach etwa zwei Wochen Aufenthalt, als ich an einem Abend fürchterliche Ohrenschmerzen bekomme, weinend zum Zelt schleiche und außer seelischem Zuspruch und wohlmeinenden Ratschlägen keinerlei Hilfe bekommen kann. Der Zufall hat mich vor Schlimmerem bewahrt, da mir nichts weiter übrigblieb, legte ich mich auf das schmerzende Ohr, hielt es so warm wie möglich, schlief schließlich spät nachts ein. Am nächsten Morgen wachte ich auf, als wenn nichts gewesen wäre.

Der Hunger wurde zum ständigen Begleiter

Die Verteilung der Verpflegung in Bad Kreuznach war an jedem Tag das wichtigste Ereignis. Sie erfolgte nach dem Prinzip des Hammelsprungs. Alle Gefangenen wurden auf eine Hälfte des Lagers getrieben, in der Mitte wurden die Verpflegungskisten aufgestellt, jeder erhielt beim Durchgang seine Portion, und das wurde zweimal am Tage wiederholt. In der ersten Zeit gab es die Ration C, Army-Verpflegung in Büchsen, zwei Büchsen pro Tag. Man erhielt entweder eine Büchse mit einem Fleisch-Gemüse-Gemisch, das natürlich nur kalt gegessen werden konnte, oder eine Büchse mit fünf Keksen, einem kleinen Riegel Schokolade, einem Nescafé- oder Teebeutel und Würfelzucker, evtl. 3 Zigaretten. Zwei Büchsen entsprachen 2/3 der Ration eines US-Soldaten. Manchmal erhielten wir eine K-Ration, die qualitativ noch besser, aber quantitativ weniger war. Der Hunger wurde zum ständigen Begleiter, ich war ja erst 17 Jahre alt.

Schlimm wurde es aber erst, als die Verpflegung auf D-Ration umgestellt wurde. D-Ration ist identisch mit den Menü-Paketen, die nach dem Krieg auch massenweise von deutschen US-Amerikanern als CARE-Pakete nach Deutschland an ihre Verwandten geschickt wurden. Sie enthielten ein qualitativ hochwertiges Sortiment an Lebensmitteln, von denen die Hälfte aber warm zubereitet werden mußte. Da das in Bad Kreuznach nicht möglich war, wurden die entsprechenden Teile (also Grieß, Trockenkartoffeln usw.) eben roh gegessen. Jeweils 16 Gefangene erhielten ein Paket pro Tag und die mußten sich das so gerecht wie möglich teilen. Ungeschriebenes Gesetz war: Wer teilt, muß die letzte übrig bleibende Portion nehmen. Dieses Gesetz wurde in zunehmendem Maße durchbrochen, wenn der Teilende besonders groß und kräftig war oder eine Leibgarde besaß. Ähnlichkeiten mit dem gegenwärtig in Deutschland verlaufendem und von de Maizière beschworenen Teilungsprozeß sind auffallend.

Viele Gefangene begannen, sich für die Nacht Gruben zu buddeln

Die letzten Wochen meines Aufenthalts wurden schließlich unerträglich. Jetzt fiel die amerikanische Verpflegung ganz weg und wurde durch Verpflegung aus alten Wehrmachtbeständen ersetzt. Rohe Kartoffeln (drei Stück pro Tag), Kohl und hartes Gebäck (aus den eisernen Rationen) wurden verteilt, auch das in der Menge völlig unzureichend. Viele Gefangene begannen, sich für die Nacht Gruben zu buddeln, in denen man besser schlief, weil man die Form des Bodens dem Körper anpassen konnte und auch vor dem kalten Nachtwind besser geschützt war. Diese Gruben waren auch günstig, weil bei tatsächlichen oder befürchteten Ausbruchsversuchen von den Posten mit Leuchtmunition quer über das Lager geschossen wurde, zur Abschreckung, und wenn eine Kugel zufällig zu tief abkam, dann konnte schon einmal jemand Pech haben, der völlig unbeteiligt war.

Bei dieser Grabenbuddelei entdeckte ich eines Tages zwiebelartige Knollen im Boden, die man essen konnte, jedenfalls waren sie etwas gegen den Hunger, wahrscheinlich waren es Blumenzwiebeln. Da zur Wehrmachtverpflegung manchmal auch Trockenpflaumen gehörten, machte ich mich über die Kerne her, die, mit einem Stein zertrümmert, im Innern einen nach Mandeln schmeckenden Kern hergaben. Ich hatte das als einer der ersten gemerkt, und der Hunger veranlaßte mich, auch nach fremden Pflaumenkernen zu suchen, zum Glück mit wenig Erfolg – bereits einige Dutzend Kerne enthalten eine tödliche Dosis Blausäure, wie ich heute weiß.

Bei der Einschätzung der Situation muß man berücksichtigen, daß die Amerikaner offenbar überfordert waren, als im April/Mai die deutschen Wehrmachtangehörigen zu Hunderttausenden in die Gefangenenlager strömten. Es ist aber kein Zweifel, daß Korruption und Desorganisation das Ihre taten, um die Situation regional zu verschlimmern. Bad Kreuznach jedenfalls gehört zu den Negativposten der damaligen Sieger, und die in diesen Wochen geprägte Abneigung gegen den „american way of life” hat sicher auch zur Entwicklung meiner Überzeugungen und Anschauungen beigetragen.

Weil die Nazipropaganda immer noch tief genug saß

Etwa vier Wochen nach meiner Ankunft in Bad Kreuznach wurde angrenzend an unser Lager ein weiteres, etwas kleineres Stück Land eingezäunt und mit Zelten versehen. In der Zwischenzeit wurden Parolen ausgegeben, man könne sich zur französischen Fremdenlegion melden. Dann erhielte man in einer Übergangszeit sofort warme Kleidung, Unterkunft in Zelten und volle Militärverpflegung einschließlich Zigaretten und andere Genußmittel. Da diese Propaganda offenbar nicht ausreichte, begann mit dem Einzug der ersten Kandidaten für die Legion in das Zeltlager die nächste Etappe der Beeinflussung, die sich ein heutiger PR-Manager nicht besser ausdenken könnte: Nur durch fünf Meter Zwischenraum zwischen den Stacheldrahtzäunen getrennt, wirkten jetzt die frischgewonnenen Legionäre als Multiplikatoren der Anwerber, rauchend, vollgefressen und gut gekleidet.

Die Posten hatten auch nichts dagegen, wenn zum Anfüttern mal großzügig eine Zigarette oder ein Stückchen Schokolade zu den mit gierigen Augen starrenden, aber mit ihrer Freiwilligenmeldung noch zögernden Gefangenen hinübergeworfen wurde. Ich widerstand dieser Verlockung – so muß ich heute einschätzen – vor allem, weil die Nazipropaganda immer noch tief genug saß, um die Fremdenlegion als etwas schrecklich Verwerfliches zu empfinden, nicht weil sie als Instrument der kolonialen Unterdrückung fremder Völker diente, sondern weil sie etwas „absolut Undeutsches” darstellte. So entschied ich mich dann, als die Werbung für die Fremdenlegion schließlich durch die Anwerbung von Freiwilligen für einen Arbeitseinsatz in Frankreich – mit nur etwas weniger materiellen Anreizen verbundenen Versprechungen – ergänzt wurde, für eine solche Arbeit.

Kaum jemand hatte am zweiten Tag noch etwas zu essen

Diese Wahl führte zu schnellen Konsequenzen. Nach wenigen Tagen schon wurde ein erster Transportzug zusammengestellt, zu unserer Überraschung befand sich auf den Güterwagen (für acht Pferde oder 40 Mann) auch reichliche Verpflegung für 40 Mann – die allerdings, wie wir dann erfahren mußten, für volle drei Tage reichen sollte und damit genau so knapp war wie die alte Wehrmachtsverpflegung, die wir vorher erhalten hatten – eine bittere Enttäuschung und meine erste Bekanntschaft mit verlogenen Wahlversprechen. Kaum jemand hatte am zweiten Tag noch etwas zu essen, zu trinken bekamen wir glücklicherweise bei jedem Halt auf kleinen Bahnhöfen.

Solange wir durch das besetzte Deutschland fuhren, sahen wir ab und zu Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, die uns mitfühlend zuwinkten. Völlig anders wurde es auf den Reisekilometern in Frankreich. Hier wurden schon haßerfüllte Schimpfworte laut, und manchmal flog auch ein Stein. Für mich war das völlig unverständlich, in meiner Naivität dachte ich überhaupt nicht daran, daß ein ganzes Volk die Deutschen anders sehen könnte als ich und daß die Franzosen mit der deutschen Besatzung auch andere Erfahrungen gemacht haben könnten als gelegentliche gemeinsame Verbrüderungsszenen bei gutem französischen Rotwein, das paßte nicht in meine beschränkten Vorstellungen. Was mir persönlich aber noch unmittelbare Beschwerden brachte, war die Tatsache, daß ich bei Beginn der Fahrt volle 8 Tage keinen Stuhl gehabt hatte – offenbar versuchte der ausgehungerte Körper, das Allerletzte aus den wenigen Nahrungsmitteln herauszuholen, nichts blieb an Füllstoffen.

Am neunten Tag, dem zweiten unserer Fahrt, konnte ich dann mit ungewöhnlicher Anstrengung ein knochenhartes Stück Kot herauspressen, was mir vor allem aus einem Grund wichtig war: Ich hatte mich mit einem etwa ein Jahr älteren „Kumpel”, einem Wolfgang Dürselen aus Berlin, entschlossen, nachts vom Zug abzuspringen und zu versuchen, uns in die neutrale Schweiz durchzuschlagen, wir hatten von der Gefangenschaft genug. Da wir mit längerem Aufenthalt unterwegs rechneten und in „Feindesland” waren, hätte uns ein Darmverschluß gezwungen, zivilisierte Hilfe anzunehmen und damit unsere Flucht zu beenden. Logisch denken konnte ich also offenbar.

Es reichte jedoch nicht, zu erkennen, daß die Schweizer Regierung, die sich während der Hitler’schen Siegeszüge kaum antifaschistisch verhielt, nach dem alliierten Sieg kaum Interesse daran haben konnte, die unterlegenen deutschen Soldaten aufzunehmen. Meine Illusionen gingen aber so weit, daß ich in der dritten Nacht unseres Transports – wir waren inzwischen schon etwa 100 km in Frankreich – etwa ein bis zwei Minuten nach Wolfgang vom Zug absprang.

Die nächtliche Orientierung nach dem Polarstern war uns beiden noch von der militärischen Ausbildung her bekannt

Wir hatten uns vorher genau überlegt, wie wir das zu tun hätten. Etwa jeder 6. Waggon war mit Wachtposten besetzt, die bei langsamer Fahrt mit Taschenlampen am Zug entlang leuchteten, um sofort auf Flüchtende schießen zu können. Der Zug mußte also schnell fahren, aber nicht so schnell, daß wir uns verletzten. Wir mußten außerdem sofort nach dem Absprung dicht an die Schiene heran, damit wir nicht so leicht gesehen würden, und aus dem gleichen Grund müßten wir das Gesicht solange nach unten halten, bis der letzte Wagen weit genug entfernt wäre. Wie durch ein Wunder klappte alles genau.

Nur eins funktionierte nicht gleich. Wie verabredet, lief ich nach einem tiefen Atemholen und mit einem Gefühl der Befriedigung zurück, Wolfgang sollte dem Zug nachlaufen, und so hätten wir uns begegnen müssen. Jedoch hatten wir offenbar beide die Fahrstrecke zwischen unseren beiden Absprüngen falsch eingeschätzt, jedenfalls gaben wir nach längerer Suche auf und gingen in die vorgesehene südliche Richtung – dahin, wo wir die schweizerische Grenze vermuteten, zumindest die nächtliche Orientierung nach dem Polarstern war uns beiden noch von der militärischen Ausbildung her bekannt. Und so geschah ein zweites Wunder in dieser Nacht: In einem kleinen Wäldchen auf einer Lichtung, etwa 1 km von der Bahnstrecke entfernt, sah ich plötzlich gegen den schwach schimmernden Horizont eine hochaufgeschossene Gestalt – es war Wolfgang.

Dieses kaum noch erwartete Zusammentreffen, in einer zwar sternklaren, aber doch sehr dunklen Nacht, mitten in einem fremden Land, hätte unseren Optimismus bis zur Euphorie gesteigert, wenn uns nicht der ständig knurrende Magen sofort an die nüchterne Realität erinnert hätte. Wir mußten uns erst einmal etwas zu essen besorgen.

Wir brachten es beide nicht übers Herz, mit einem Messer auf das Tierchen loszugehen

Da wir keine Ahnung hatten, wo wir uns befanden, entschlossen wir uns, zur Bahnstrecke zurückzugehen, um erst einmal wieder in die Nähe menschlicher Siedlungen zu kommen – da war die Wahrscheinlichkeit größer, etwas Eßbares zu finden. Die Überlegung war korrekt, wir fanden in einer Art leerem Bahnwärterhäuschen etwa 10 vertrocknete Scheiben geröstetes Weißbrot – eine Delikatesse –, dazu angebrochene Flaschen oder Dosen mit Saft und Kondensmilch, und als Krönung eine große Konservendose, deren Inhalt sich erst später entpuppte: eingemachte Aprikosen, wegen des hohen Zuckergehalts besonders nahrhaft.

Dann gingen wir wieder zurück in das Wäldchen, wo wir uns für den Rest der Nacht und den ganzen folgenden Tag aufhielten, da wir uns erst einmal wieder ein bißchen aufmöbeln wollten. Das war aber nicht ganz einfach. Am Tage, es war immerhin Anfang Juni, brannte die Sonne unbarmherzig, wenn wir uns auszogen, kamen scharenweise Mücken, und wenn wir uns anzogen, schwitzten wir und verursachten eine doppelte Aktivität der Läuse, die wir uns schon in Bad Kreuznach geholt hatten und die wir trotz täglicher gründlicher und auch erfolgreicher Jagd nicht vollständig beseitigen konnten.

So war die kommende Nacht nicht nur Ausgangspunkt unseres weiteren Fluchtweges, sondern auch Erquickung. Da wir uns nicht auf die Straßen wagten, gingen wir meist querfeldein und nahmen mit, was wir unterwegs fanden. Auf einem einsamen Bauernhof fanden wir einige Eier im Hühnerstall, vor dem Bauernhaus waren zum Abholen große Milchkannen aufgestellt – wir schöpften ohne Rücksicht auf die Hygiene mit unseren reichlich verschmutzten leeren Konservendosen die köstlich schmeckende Sahne ab, wir fanden im Schafstall ein rührend kleines Lämmchen, brachten es aber beide nicht übers Herz, mit einem Messer auf das Tierchen loszugehen – der Hunger war offenbar noch nicht stark genug, oder er war durch Eier und Sahne schon etwas gestillt.

In einem abgestellten Wagen der US-Army requirierten wir einen amerikanischen Stahlhelm und eine regendichte Uniformjacke, beides erwies sich wenige Stunden später als nützlich, als wir zu spät Autoscheinwerfer bemerkten – wir schauspielerten vor dem sich nähernden Wagen eine Liebesszene zwischen einem US-Soldaten und einer Französin, und das Auto fuhr ohne Halt vorbei.

Ich bin heute nicht mehr ganz sicher, ob wir noch eine dritte Nacht in Freiheit verbrachten oder ob schon am Morgen nach der zweiten Nacht das passierte, was eigentlich schon viel früher kommen mußte: Beim Picknick im Walde – nicht mehr das erste Wäldchen, sondern ein etwas größeres Stück – überraschte uns plötzlich ein französischer Bauer oder Forstgehilfe oder was auch immer. Der war sicher genauso erschrocken wie wir, Wolfgang stammelte irgendetwas, was er für französisch hielt, und der Angesprochene machte sich ohne besondere Hast wieder aus dem Staube. Unsere ungebrochene Naivität ließ uns nun erst einmal beraten, ob der Franzose uns nun wohl an die Amis verraten würde oder nicht, nach einer Stunde jedenfalls entschieden wir uns, vorsichtig bis zum Waldrand zu gehen und erst einmal Ausschau nach potentiellen Häschern zu halten, und richtig liefen wir genau einer amerikanischen Streife in die Hände, und so erfolgte meine zweite Gefangennahme.

ENDE TEIL 1

(Teil 2 folgt morgen)

Titelbild: United Kingdom Government / public domain / Junger deutscher Kriegsgefangener mit anderen Gefangenen, die während des Vormarschs in Deutschland gefangen genommen wurden, 29. März bis 4. April 1945

(Auszug von RSS-Feed)

„Lavender“: Die KI-Maschine, die Israels Bombardements in Gaza steuert (Teil 2)

06. Juni 2026 um 10:00

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Die israelische Armee hat Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Zielpersonen für Tötungsaktionen eingestuft – mithilfe eines KI-Zielerfassungssystems, das kaum menschlicher Kontrolle unterliegt, und einer Politik, die hohe Opferzahlen in Kauf nimmt. Dies haben jüdische und palästinensische Journalisten in einer gemeinsamen Recherche aufgedeckt. Von Yuval Abraham.

Schritt 2: Zuordnung der Ziele zu den Familienhäusern

„Die meisten Menschen, die ihr getötet habt, waren Frauen und Kinder“

Der nächste Schritt im Tötungsverfahren der israelischen Armee besteht darin, zu ermitteln, wo die von Lavender generierten Ziele angegriffen werden sollen.

In einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call[*] erklärte der Sprecher der IDF als Reaktion auf diesen Artikel: „Die Hamas stationiert ihre Kämpfer und militärischen Ressourcen mitten in der Zivilbevölkerung, nutzt die Zivilbevölkerung systematisch als menschliche Schutzschilde und führt Kampfhandlungen aus zivilen Einrichtungen heraus durch, einschließlich sensibler Orte wie Krankenhäuser, Moscheen, Schulen und UN-Einrichtungen. Die IDF ist an das Völkerrecht gebunden und handelt entsprechend, indem sie ihre Angriffe ausschließlich auf militärische Ziele und militärische Aktivisten richtet.“

Die sechs Quellen, mit denen wir sprachen, schlossen sich dieser Einschätzung bis zu einem gewissen Grad an und sagten, dass das ausgedehnte Tunnelsystem der Hamas bewusst unter Krankenhäusern und Schulen verläuft; dass Hamas-Kämpfer Krankenwagen nutzen, um herumzukommen; und dass unzählige militärische Einrichtungen in der Nähe von zivilen Gebäuden stationiert wurden. Die Quellen argumentierten, dass durch diese Taktik der Hamas viele israelische Angriffe Zivilisten töten – eine Darstellung, vor der Menschenrechtsgruppen warnen, da sie Israel der Verantwortung für die verursachten Opfer entbindet.

Entgegen den offiziellen Erklärungen der israelischen Armee erklärten die Quellen jedoch, dass ein Hauptgrund für die beispiellose Zahl der Todesopfer durch die aktuellen israelischen Bombardements darin liegt, dass die Armee systematisch Ziele in deren Privathäusern zusammen mit deren Familien angegriffen hat – zum Teil, weil es aus geheimdienstlicher Sicht einfacher war, Familienhäuser mithilfe automatisierter Systeme zu markieren.

Tatsächlich betonten mehrere Quellen, dass im Gegensatz zu zahlreichen Fällen, in denen Hamas-Aktivisten militärische Aktivitäten aus zivilen Gebieten heraus durchführten, die Armee bei systematischen Tötungsangriffen routinemäßig aktiv die Entscheidung traf, mutmaßliche Militante zu bombardieren, wenn sie sich in zivilen Haushalten befanden, von denen aus keine militärischen Aktivitäten stattfanden. Diese Entscheidung, so sagten sie, spiegele die Art und Weise wider, wie Israels System der Massenüberwachung in Gaza konzipiert ist.

Die Quellen berichteten +972 und Local Call, dass die Überwachungssysteme der Armee Personen leicht und automatisch mit Familienhäusern „verknüpfen“ könnten, da jeder in Gaza ein Privathaus habe, mit dem er in Verbindung gebracht werden könne. Um in Echtzeit den Moment zu identifizieren, in dem Aktivisten ihre Häuser betreten, wurden verschiedene zusätzliche automatisierte Softwareprogramme entwickelt. Diese Programme überwachen Tausende von Personen gleichzeitig, erkennen, wann sie zu Hause sind, und senden eine automatische Warnmeldung an den Zieloffizier, der das Haus dann für einen Bombenangriff markiert. Eins dieser Tracking-Softwareprogramme, die hier zum ersten Mal enthüllt werden, heißt „Where’s Daddy?“

„Man gibt Hunderte von Zielen in das System ein und wartet ab, wen man töten kann“, sagte eine Quelle mit Kenntnis des Systems. „Das wird ‚breit angelegte Jagd‘ genannt: Man kopiert einfach aus den Listen, die das Zielsystem erstellt, und fügt ein (copy-paste).“

Belege für diese Vorgehensweise sind auch aus den Daten eindeutig: Im ersten Kriegsmonat stammten mehr als die Hälfte der Todesopfer – 6.120 Menschen – aus 1.340 Familien, von denen viele laut UN-Zahlen in ihren Häusern vollständig ausgelöscht wurden. Der Anteil der gesamten Familien, die im aktuellen Krieg in ihren Häusern bombardiert wurden, ist viel höher als bei der israelischen Operation 2014 im Gazastreifen (die zuvor Israels tödlichster Krieg im Gazastreifen war), was die Bedeutung dieser Politik weiter unterstreicht.

Eine weitere Quelle sagte, dass jedes Mal, wenn das Tempo der Tötungen nachließ, weitere Ziele zu Systemen wie „Where’s Daddy?“ hinzugefügt wurden, um Personen zu lokalisieren, die ihre Häuser betraten und daher bombardiert werden konnten. Er sagte, dass die Entscheidung, wen man in die Ortungssysteme aufnahm, von relativ rangniedrigen Offizieren in der militärischen Hierarchie getroffen werden konnte.

„Eines Tages habe ich ganz aus eigenem Antrieb etwa 1.200 neue Ziele in das Ortungssystem eingegeben, weil die Zahl der Angriffe [die wir durchführten] zurückging“, sagte die Quelle. „Das machte für mich Sinn. Im Rückblick war das eine schwerwiegende Entscheidung, die ich getroffen habe. Und solche Entscheidungen wurden nicht auf hoher Ebene getroffen.“

Die Quellen sagten, dass in den ersten zwei Wochen des Krieges zunächst „mehrere Tausend“ Ziele in Ortungsprogramme wie „Where’s Daddy?“ eingegeben wurden. Dazu gehörten alle Mitglieder der Elite-Spezialeinheit der Hamas, der Nukhba, alle Panzerabwehrkämpfer der Hamas und jeder, der am 7. Oktober nach Israel eingereist war. Aber schon bald wurde die Tötungsliste drastisch erweitert.

„Am Ende waren es alle, die von Lavender markiert wurden“, erklärte eine Quelle. „Zehntausende. Dies geschah einige Wochen später, als die [israelischen] Brigaden in den Gazastreifen vordrangen und es in den nördlichen Gebieten bereits weniger unbeteiligte Personen gab.“ Laut dieser Quelle wurden sogar einige Minderjährige von Lavender als Ziele für die Bombardierung markiert. „Normalerweise sind Kämpfer über 17 Jahre alt, aber das war keine Bedingung.“

Lavender und Systeme wie „Where’s Daddy?“ wurden so mit tödlicher Wirkung kombiniert und töteten ganze Familien, bezeugten Quellen. Indem man einen Namen aus den von Lavender generierten Listen zum Hausortungssystem „Where’s Daddy?“ hinzufügte, erklärte A., würde die markierte Person unter ständige Überwachung gestellt und könnte angegriffen werden, sobald sie einen Fuß in ihr Haus setzte, wodurch das Haus über allen darin befindlichen Personen zusammenstürzte.

„Nehmen wir an, du rechnest mit einem Hamas-Aktivisten plus 10 Zivilisten im Haus“, sagte A. „Normalerweise sind diese 10 Frauen und Kinder. Absurderweise stellt sich also heraus, dass es sich bei den meisten der von dir getöteten Personen um Frauen und Kinder handelte.“

Schritt 3: Auswahl einer Waffe

„Wir führten die Angriffe in der Regel mit ‚dummen Bomben‘ durch“

Wenn Lavender ein Ziel für einen Mordanschlag markiert hat, das Militärpersonal überprüft hat, dass es sich um einen Mann handelt, und die Ortungssoftware das Ziel in dessen Wohnung ausfindig gemacht hat, besteht der nächste Schritt darin, die Munition auszuwählen, mit der das Ziel bombardiert werden soll.

Im Dezember 2023 berichtete CNN, dass nach Schätzungen des US-Geheimdienstes etwa 45 Prozent der von der israelischen Luftwaffe in Gaza eingesetzten Munition „dumme“ Bomben waren, von denen bekannt ist, dass sie mehr Kollateralschäden verursachen als Lenkbomben. Als Reaktion auf den CNN-Bericht sagte ein in dem Artikel zitierter Armeesprecher: „Als Militär, das sich dem Völkerrecht und einem moralischen Verhaltenskodex verpflichtet fühlt, setzen wir enorme Ressourcen ein, um den Schaden für die Zivilisten zu minimieren, die die Hamas in die Rolle von menschlichen Schutzschilden gezwungen hat. Unser Krieg richtet sich gegen die Hamas, nicht gegen die Bevölkerung von Gaza.“

Drei Geheimdienstquellen berichteten jedoch gegenüber +972 und Local Call, dass von Lavender markierte untergeordnete Zielpersonen ausschließlich mit ungelenkten Bomben getötet wurden, damit teurere Waffen eingespart werden konnten. Eine Quelle erklärte, dies bedeute, dass die Armee kein rangniedriges Ziel angreifen würde, wenn er in einem Hochhaus lebte, da die Armee keine präzisere und teurere „Etagenbombe“ (mit begrenzteren Kollateralschäden) einsetzen wollte, um ihn zu töten. Wenn ein rangniedriges Ziel jedoch in einem Gebäude mit nur wenigen Stockwerken wohnte, war die Armee befugt, ihn und alle anderen im Gebäude mit einer „dummen“ Bombe zu töten.

„So war es bei allen rangniedrigen Zielen“, sagte C., der im aktuellen Krieg verschiedene automatisierte Programme einsetzte. „Die einzige Frage war: Ist es möglich, das Gebäude unter dem Gesichtspunkt der Kollateralschäden anzugreifen? Denn wir führten die Angriffe normalerweise mit ungelenkten Bomben durch, und das bedeutete, das ganze Haus buchstäblich mitsamt seinen Bewohnern zu zerstören. Aber selbst wenn ein Angriff abgewendet wird, ist es einem egal – man geht sofort zum nächsten Ziel über. Wegen des Systems nehmen die Ziele kein Ende. Es warten weitere 36.000 auf einen.“

Schritt 4: Genehmigung von zivilen Opfern

„Wir haben fast ohne Rücksicht auf Kollateralschäden angegriffen“

Eine Quelle berichtete, dass bei Angriffen auf rangniedrige Kämpfer, darunter auch solche, die von KI-Systemen wie Lavender identifiziert wurden, die Anzahl der Zivilisten, die neben jedem Ziel getötet werden durften, in den ersten Kriegswochen auf bis zu 20 festgelegt war. Eine andere Quelle gab an, dass die festgelegte Zahl bei bis zu 15 lag. Diese „Kollateralschaden-Grade“, wie das Militär sie nennt, wurden laut den Quellen pauschal auf alle mutmaßlichen rangniedrigen Militanten angewendet, unabhängig von ihrem Rang, ihrer militärischen Bedeutung und ihrem Alter, und ohne eine konkrete Einzelfallprüfung, um den militärischen Vorteil ihrer Tötung gegen den zu erwartenden Schaden für Zivilisten abzuwägen.

Laut A., der im aktuellen Krieg Offizier in einem Einsatzraum für Zielangriffe war, hat die Abteilung für internationales Recht der Armee noch nie zuvor eine solche „pauschale Genehmigung“ für einen so hohen Grad an Kollateralschäden erteilt. „Es ist nicht nur, dass du jede Person töten darfst, die ein Hamas-Soldat ist, was nach internationalem Recht eindeutig erlaubt und legitim ist“, sagte A. „Aber sie sagen dir direkt: ‚Du darfst sie zusammen mit vielen Zivilisten töten‘.“

„Jede Person, die in den letzten ein oder zwei Jahren eine Hamas-Uniform trug, konnte bombardiert werden, wobei 20 getötete Zivilisten als Kollateralschaden in Kauf genommen wurden, sogar ohne besondere Genehmigung“, fuhr A. fort. „In der Praxis gab es den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht.“

Nach Angaben von A. war dies die Politik während der meisten Zeit seines Dienstes. Erst später senkte das Militär den Grad der Kollateralschäden. „Bei dieser Berechnung könnten es auch 20 Kinder für einen einfachen Kämpfer sein … So war es in der Vergangenheit wirklich nicht“, erklärte A. Auf die Frage nach der sicherheitspolitischen Begründung für diese Politik antwortete A.: „Tödlichkeit.“

Der vorab festgelegte und feste Grad an Kollateralschäden half laut Quellen dabei, die massenhafte Generierung von Zielen mithilfe der Lavender-Maschine zu beschleunigen, da dies Zeit sparte. B. gab an, dass die Zahl der Zivilisten, die sie in der ersten Kriegswoche pro von der KI markiertem mutmaßlichem nachrangigen Militanten töten durften, bei 15 lag, diese Zahl jedoch im Laufe der Zeit „rauf und runter ging“.

„Anfangs griffen wir fast ohne Berücksichtigung von Kollateralschäden an“, sagte B. über die erste Woche nach dem 7. Oktober. „In der Praxis hat man die Menschen nicht wirklich gezählt, weil man gar nicht sagen konnte, ob sie zu Hause waren oder nicht. Nach einer Woche begannen die Beschränkungen hinsichtlich der Kollateralschäden. Die Zahl sank [von 15] auf fünf, was es uns wirklich schwer machte, anzugreifen, denn wenn die ganze Familie zu Hause war, konnten wir das Haus nicht bombardieren. Dann erhöhten sie die Zahl wieder.“

„Wir wussten, dass wir über 100 Zivilisten töten würden“

Quellen berichteten +972 und Local Call, dass die israelische Armee nun, teilweise aufgrund amerikanischen Drucks, nicht mehr massenhaft niedrigrangige menschliche Ziele für Bombenangriffe in Wohnhäusern generiert. Die Tatsache, dass die meisten Häuser im Gazastreifen bereits zerstört oder beschädigt waren und fast die gesamte Bevölkerung vertrieben wurde, schränkte auch die Fähigkeit der Armee ein, sich auf Geheimdienstdatenbanken und automatisierte Programme zur Hauslokalisierung zu stützen.

E. gab an, dass die massiven Bombardements gegen untergeordnete Kämpfer nur in den ersten ein oder zwei Wochen des Krieges stattfanden und dann vor allem deshalb eingestellt wurden, um keine Bomben zu verschwenden. „Es gibt eine Munitionsökonomie“, sagte E. „Sie hatten immer Angst, dass es im nördlichen Einsatzgebiet [mit der Hisbollah im Libanon] zu einem Krieg kommen könnte. Sie greifen diese Art von untergeordneten Leuten überhaupt nicht mehr an.“

Luftangriffe gegen hochrangige Hamas-Kommandeure gehen jedoch weiter, und Quellen sagten, dass das Militär für diese Angriffe die Tötung von „Hunderten“ von Zivilisten pro Ziel genehmigt – eine offizielle Politik, für die es weder in Israel noch in den jüngsten US-Militäroperationen einen historischen Präzedenzfall gibt.

„Bei dem Bombenangriff auf den Kommandeur des Shuja’iya-Bataillons wussten wir, dass wir über 100 Zivilisten töten würden“, erinnerte sich B. an einen Bombenangriff vom 2. Dezember, von dem der IDF-Sprecher sagte, er habe auf die Tötung von Wisam Farhat abgezielt. „Für mich war das psychologisch gesehen ungewöhnlich. Über 100 Zivilisten – das überschreitet eine rote Linie.“

Amjad Al-Sheikh, ein junger Palästinenser aus Gaza, sagte, viele seiner Familienangehörigen seien bei diesem Bombenangriff getötet worden. Als Bewohner von Shuja’iya, östlich von Gaza-Stadt, befand er sich an jenem Tag in einem örtlichen Supermarkt, als er fünf Explosionen hörte, die die Fensterscheiben zum Bersten brachten.

„Ich rannte zum Haus meiner Familie, aber dort waren keine Gebäude mehr“ – so Al-Sheikh gegenüber +972 und Local Call. „Die Straße war voller Schreie und Rauch. Ganze Wohnblocks waren zu Schuttbergen und tiefen Gruben geworden. Die Menschen begannen, im Zement zu suchen, sie benutzten ihre Hände, und ich tat es ihnen gleich, auf der Suche nach Spuren des Hauses meiner Familie.“

Al-Sheikhs Frau und seine kleine Tochter überlebten – geschützt vor den Trümmern durch einen Schrank, der auf sie gefallen war –, aber er fand elf andere Mitglieder seiner Familie, darunter seine Schwestern, Brüder und deren kleine Kinder, tot unter den Trümmern. Laut der Menschenrechtsorganisation B’Tselem zerstörte der Bombenangriff an diesem Tag Dutzende von Gebäuden, tötete Dutzende von Menschen und begrub Hunderte unter den Trümmern ihrer Häuser.

„Ganze Familien wurden getötet“

Geheimdienstquellen berichteten +972 und Local Call, dass sie an noch tödlicheren Angriffen beteiligt waren. Um Ayman Nofal, den Kommandeur der Zentralen Gaza-Brigade der Hamas, zu töten, habe die Armee laut einer Quelle die Tötung von etwa 300 Zivilisten genehmigt und bei Luftangriffen auf das Flüchtlingslager Al-Bureij am 17. Oktober mehrere Gebäude zerstört, basierend auf einer ungenauen Lokalisierung von Nofal. Satellitenaufnahmen und Videos vom Ort des Geschehens zeigen die Zerstörung mehrerer großer mehrstöckiger Wohnhäuser.

„Zwischen 16 und 18 Häuser wurden bei dem Angriff völlig zerstört“ – sagte Amro Al-Khatib, ein Bewohner des Lagers, gegenüber +972 und Local Call. „Wir konnten die Wohnungen nicht mehr voneinander unterscheiden – sie waren alle in den Trümmern durcheinandergewürfelt, und wir fanden überall menschliche Körperteile.“

Im Rückblick erinnert sich Al-Khatib daran, dass etwa 50 Leichen aus den Trümmern geborgen wurden und etwa 200 Menschen verletzt waren, viele davon schwer. Doch das war nur der erste Tag. Die Bewohner des Lagers verbrachten fünf Tage damit, Tote und Verletzte zu bergen, berichtete er.

Nael Al-Bahisi, ein Rettungssanitäter, war einer der Ersten vor Ort. Er zählte an diesem ersten Tag zwischen 50 und 70 Opfer. „Irgendwann wurde uns klar, dass das Ziel des Angriffs der Hamas-Kommandeur Ayman Nofal war“, sagte er gegenüber +972 und Local Call. „Sie haben ihn getötet, und mit ihm viele Menschen, die nicht wussten, dass er dort war. Ganze Familien mit Kindern wurden getötet.“

Eine weitere Quelle aus dem Geheimdienst sagte gegenüber +972 und Local Call, dass die Armee Mitte Dezember ein Hochhaus in Rafah zerstört und dabei „Dutzende Zivilisten“ getötet habe, um zu versuchen, Mohammed Shabaneh, den Kommandeur der Rafah-Brigade der Hamas, zu töten (es ist unklar, ob er bei dem Angriff getötet wurde oder nicht). Oft, so die Quelle, verstecken sich die hochrangigen Kommandeure in Tunneln, die unter zivilen Gebäuden verlaufen, und daher führt die Entscheidung, sie mit einem Luftangriff zu töten, notwendigerweise zum Tod von Zivilisten.

„Die meisten Verletzten waren Kinder“, berichtete Wael Al-Sir, 55, der Zeuge des groß angelegten Angriffs war, der von einigen Bewohnern des Gazastreifens als Attentatsversuch angesehen wurde. Er sagte +972 und Local Call, dass der Bombenangriff am 20. Dezember einen „ganzen Wohnblock“ zerstörte und mindestens 10 Kinder tötete.

„Es gab eine völlig freizügige Politik hinsichtlich der Opferzahlen bei Operationen – so freizügig, dass sie meiner Meinung nach einen Rachecharakter hatte“, erklärte D., eine Quelle aus dem Geheimdienst. „Im Mittelpunkt standen die Ermordungen hochrangiger Kommandeure der Hamas und der PIJ, für die sie bereit waren, Hunderte von Zivilisten zu töten. Wir hatten eine Kalkulation: wie viele für einen Brigadekommandeur, wie viele für einen Bataillonskommandeur und so weiter.“

„Es gab Vorschriften, aber sie waren einfach sehr lax“, sagte E., eine weitere Quelle aus dem Geheimdienst. „Wir haben Menschen getötet, wobei die Zahl der Kollateralschäden im hohen zweistelligen, wenn nicht sogar im niedrigen dreistelligen Bereich lag. Das sind Dinge, die es zuvor noch nicht gegeben hat.“

Eine so hohe Rate an „Kollateralschäden“ ist nicht nur im Vergleich zu dem, was die israelische Armee zuvor als akzeptabel erachtete, außergewöhnlich, sondern auch im Vergleich zu den Kriegen, die die USA im Irak, in Syrien und in Afghanistan geführt haben.

General Peter Gersten, stellvertretender Kommandeur für Einsätze und Geheimdienst im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien, erklärte 2021 gegenüber einem US-Verteidigungsmagazin, dass ein Angriff mit Kollateralschäden von 15 Zivilisten vom Verfahren abwich; um ihn durchzuführen, musste er eine Sondergenehmigung vom Chef des US-Zentralkommandos, General Lloyd Austin, einholen.

„Bei Osama Bin Laden hätte man einen NCV [Non-combatant Casualty Value] von 30 gehabt, aber bei einem niedrigrangigen Kommandeur lag der NCV typischerweise bei null“, sagte Gersten. „Wir lagen lange Zeit bei null.“

„Uns wurde gesagt: ‚Bombardiert, was immer ihr könnt‘“

Alle für diese Untersuchung befragten Quellen sagten, dass die Massaker der Hamas am 7. Oktober und die Entführung von Geiseln die Feuerrichtlinien der Armee und das Ausmaß der Kollateralschäden stark beeinflusst hätten. „Anfangs war die Stimmung schmerzhaft und von Rachegelüsten geprägt“, sagte B., der unmittelbar nach dem 7. Oktober zum Militär eingezogen wurde und in einem Einsatzraum für Zielerfassung diente. „Die Regeln waren sehr lax. Sie haben vier Gebäude zerstört, obwohl sie wussten, dass sich das Ziel in einem davon befand. Es war verrückt.“

„Es gab eine Unstimmigkeit: Einerseits waren die Leute hier frustriert, dass wir nicht genug angriffen“, fuhr B. fort. „Andererseits sieht man am Ende des Tages, dass wieder tausend Menschen aus Gaza gestorben sind, die meisten davon Zivilisten.“

„In den Reihen der Berufssoldaten herrschte Hysterie“, sagte D., der ebenfalls unmittelbar nach dem 7. Oktober eingezogen wurde. „Sie hatten überhaupt keine Ahnung, wie sie reagieren sollten. Das Einzige, was sie zu tun wussten, war, einfach wie Verrückte mit den Bombenangriffen loszulegen, um zu versuchen, die Kapazitäten der Hamas zu zerstören.“

D. betonte, dass ihnen nicht ausdrücklich gesagt wurde, das Ziel der Armee sei „Rache“, äußerte jedoch: „Sobald jedes mit der Hamas verbundene Ziel legitim wird und fast jeder Kollateralschaden genehmigt wird, ist dir klar, dass Tausende von Menschen getötet werden. Auch wenn offiziell jedes Ziel mit der Hamas in Verbindung steht, verliert dies jegliche Bedeutung, wenn die Politik so lax ist.“

Auch A. verwendete das Wort „Rache“, um die Atmosphäre innerhalb der Armee nach dem 7. Oktober zu beschreiben. „Niemand dachte darüber nach, was man danach tun sollte, wenn der Krieg vorbei ist, oder wie es möglich sein wird, in Gaza zu leben, und was sie damit machen werden“, sagte A. „Uns wurde gesagt: Jetzt müssen wir die Hamas fertigmachen, egal was es kostet. Bombardiert, was immer ihr könnt.“

B., der hochrangige Geheimdienstmitarbeiter, sagte, rückblickend glaube er, dass diese „unverhältnismäßige“ Politik, Palästinenser in Gaza zu töten, auch Israelis gefährde und dass dies einer der Gründe war, warum er beschloss, sich interviewen zu lassen.

„Kurzfristig sind wir sicherer, weil wir die Hamas schwächen. Aber ich glaube, langfristig sind wir weniger sicher. Ich sehe, wie all die trauernden Familien in Gaza – das betrifft fast jeden – in zehn Jahren die Motivation für die Hamas steigern werden. Und es wird für sie viel einfacher sein, sie zu rekrutieren.“

In einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call bestritt die israelische Armee einen Großteil dessen, was uns die Quellen berichtet hatten, und behauptete, dass „jedes Ziel einzeln geprüft wird, wobei eine individuelle Bewertung des militärischen Vorteils und der zu erwartenden Kollateralschäden des Angriffs vorgenommen wird … Die IDF führt keine Angriffe durch, wenn die zu erwartenden Kollateralschäden im Verhältnis zum militärischen Vorteil unverhältnismäßig hoch sind.“

Schritt 5: Berechnung der Kollateralschäden

„Das Modell hatte keinen Bezug zur Realität“

Nach Angaben von Geheimdienstquellen erfolgte die Kalkulation der israelischen Armee hinsichtlich der Anzahl der Zivilisten, bei denen in jedem Haus neben einem Ziel mit dem Tod zu rechnen war – ein Verfahren, das in einer früheren Untersuchung von +972 und Local Call untersucht wurde –, mithilfe automatisierter und ungenauer Tools. In früheren Kriegen verbrachten Geheimdienstmitarbeiter viel Zeit damit, zu überprüfen, wie viele Menschen sich in einem Haus befanden, das bombardiert werden sollte, wobei die Zahl der Zivilisten, die voraussichtlich getötet würden, als Teil einer „Zielakte“ aufgeführt wurde. Nach dem 7. Oktober wurde diese gründliche Überprüfung jedoch weitgehend zugunsten der Automatisierung aufgegeben.

Im Oktober 2023 berichtete die New York Times über ein System, das von einer speziellen Basis im Süden Israels aus betrieben wird und Informationen von Mobiltelefonen im Gazastreifen sammelt, um dem Militär eine Echtzeit-Schätzung der Anzahl der Palästinenser zu liefern, die aus dem nördlichen Gazastreifen nach Süden flohen.

Brigadegeneral Udi Ben Muha sagte gegenüber der NYT: „Es ist kein zu 100 Prozent perfektes System – aber es gibt dir die Informationen, die du brauchst, um eine Entscheidung zu treffen.“ Das System arbeitet anhand von Farben: Rot markiert Gebiete, in denen sich viele Menschen aufhalten, Grün und Gelb markieren Gebiete, die weitgehend von Einwohnern geräumt wurden.

Die Quellen, die mit +972 und Local Call sprachen, beschrieben ein ähnliches System zur Berechnung von Kollateralschäden, das verwendet wurde, um zu entscheiden, ob ein Gebäude in Gaza bombardiert werden sollte. Sie sagten, die Software habe die Anzahl der Zivilisten berechnet, die vor dem Krieg in jedem Haus wohnten – indem sie die Größe des Gebäudes einschätzte und die Liste der Bewohner überprüfte – und diese Zahlen dann um den Anteil der Bewohner reduzierte, die vermutlich aus der Nachbarschaft evakuiert worden waren.

Um das zu veranschaulichen: Wenn die Armee schätzte, dass die Hälfte der Bewohner einer Nachbarschaft das Gebiet verlassen hatte, zählte das Programm ein Haus, in dem normalerweise 10 Personen wohnten, als ein Haus mit fünf Personen. Um Zeit zu sparen, so die Quellen, habe die Armee die Häuser nicht überprüft, um festzustellen, wie viele Menschen tatsächlich dort lebten, wie sie es bei früheren Operationen getan hatte, um herauszufinden, ob die Schätzung des Programms tatsächlich zutreffend war.

„Dieses Modell hatte keinen Bezug zur Realität“, erklärte eine Quelle. „Es gab keinen Zusammenhang zwischen denjenigen, die sich jetzt, während des Krieges, im Haus befanden, und denjenigen, die vor dem Krieg als dort wohnhaft aufgeführt waren. Einmal bombardierten wir ein Haus, ohne zu wissen, dass sich darin mehrere Familien befanden, die sich gemeinsam darin versteckt hatten.“

Die Quelle sagte weiter, dass, obwohl die Armee wusste, dass solche Fehler auftreten könnten, dieses ungenaue Modell dennoch übernommen wurde, weil es schneller war. Daher, so die Quelle, „erfolgte die Berechnung der Kollateralschäden vollständig automatisch und statistisch“ – wobei sogar Zahlen herauskamen, die keine ganzen Zahlen waren.

Schritt 6: Bombardierung eines Familienhauses

„Du hast ohne Grund eine Familie getötet“

Die Quellen, die mit +972 und Local Call sprachen, erläuterten, dass es manchmal eine erhebliche Zeitspanne gab zwischen dem Moment, in dem Ortungssysteme wie „Where’s Daddy?“ einen Offizier alarmierten, dass eine Zielperson ihr Haus betreten hatte, und der Bombardierung selbst – was dazu führte, dass ganze Familien getötet wurden, auch wenn das Ziel der Armee gar nicht getroffen wurde. „Es ist mir oft passiert, dass wir ein Haus angegriffen haben, die Person aber gar nicht zu Hause war“, sagte eine Quelle. „Das Ergebnis ist, dass du ohne Grund eine Familie getötet hast.“

Drei Geheimdienstquellen berichteten +972 und Local Call, dass sie Zeugen eines Vorfalls waren, bei dem die israelische Armee das Privathaus einer Familie bombardierte und sich später herausstellte, dass sich das eigentliche Ziel des Anschlags gar nicht im Haus befand. Es war keine weitere Überprüfung in Echtzeit durchgeführt worden.

„Manchmal war [das Ziel] früher zu Hause und ging dann nachts woanders schlafen, sagen wir im Untergrund, und du wusstest nichts davon“, sagte eine der Quellen. „Es gibt Zeiten, in denen man den Standort doppelt überprüft, und es gibt Zeiten, in denen man einfach sagt: ‚Okay, er war in den letzten paar Stunden im Haus, also kannst du einfach bombardieren.‘“

Eine andere Quelle beschrieb einen ähnlichen Vorfall, der ihn betraf und ihn dazu veranlasste, für diese Recherche interviewt werden zu wollen. „Wir gingen davon aus, dass sich das Ziel um 20 Uhr zu Hause befand. Letztendlich bombardierte die Luftwaffe das Haus um 3 Uhr morgens. Dann fanden wir heraus, dass er es geschafft hatte, mit seiner Familie in ein anderes Haus zu ziehen. In dem Gebäude, das wir bombardierten, befanden sich zwei andere Familien mit Kindern.“

In früheren Kriegen im Gazastreifen führte der israelische Geheimdienst nach der Tötung von Personen als Zielobjekten Verfahren zur Bombenschadensbewertung (BDA) durch – eine routinemäßige Überprüfung nach dem Angriff, um festzustellen, ob der hochrangige Kommandeur getötet wurde und wie viele Zivilisten mit ihm ums Leben kamen.

Wie in einer früheren Untersuchung von +972 und Local Call aufgedeckt wurde, umfasste dies das Abhören von Telefonaten von Angehörigen, die ihre Liebsten verloren hatten. Im aktuellen Krieg jedoch wurde dieses Verfahren, zumindest in Bezug auf mit KI markierte rangniedrige Militante, laut Quellen abgeschafft, um Zeit zu sparen. Die Quellen sagten, sie wüssten nicht, wie viele Zivilisten bei jedem Angriff tatsächlich getötet wurden, und bei den von der KI markierten rangniedrigen mutmaßlichen Hamas- und PIJ-Aktivisten wüssten sie nicht einmal, ob das Ziel selbst getötet wurde.

„Du weißt nicht genau, wie viele du getötet hast und wen du getötet hast“, sagte eine Geheimdienstquelle gegenüber Local Call bei einer früheren Untersuchung, die im Januar 2024 veröffentlicht wurde. „Nur bei hochrangigen Hamas-Aktivisten hältst du dich an das BDA-Verfahren. In den übrigen Fällen ist es dir egal. Du bekommst einen Bericht der Luftwaffe darüber, ob das Gebäude gesprengt wurde, und das war’s. Du hast keine Ahnung, wie groß der Kollateralschaden war. Du gehst sofort zum nächsten Ziel über. Der Fokus lag darauf, so schnell wie möglich so viele Ziele wie möglich zu schaffen.“

Aber während das israelische Militär nach jedem Angriff weitermacht, ohne sich mit der Zahl der Opfer aufzuhalten, sagte Amjad Al-Sheikh, der Bewohner von Shuja’iya, der bei dem Bombardement am 2. Dezember elf seiner Familienangehörigen verlor, dass er und seine Nachbarn immer noch nach Leichen suchen.

„Bis heute liegen Leichen unter den Trümmern“, sagte er. „Vierzehn Wohnhäuser wurden bombardiert, mit den Bewohnern darin. Einige meiner Verwandten und Nachbarn sind noch immer verschüttet.“

Der Beitrag erschien im Original bei +972 Magazine. Aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.

Über den Autor: Yuval Abraham ist Journalist und Filmemacher und lebt in Jerusalem.

Ttielbild: Yonatan Sindel/Flash90 – Smoke rises after Israeli airstrikes in Beit Lahia, in the northern Gaza Strip, December 28, 2023.


[«*] Das +972 Magazine ist ein unabhängiges Onlinemagazin, das von einer Gruppe palästinensischer und israelischer Journalisten betrieben wird. Local Call ist eine hebräischsprachige Nachrichtenseite, die sich für Bürgerjournalismus (Citizen Journalism) und unabhängige Medien einsetzt. Beide Projekte arbeiten eng zusammen und bieten Plattformen für Basisaktivismus, politische Analysen und investigativen Journalismus aus der Region.

(Auszug von RSS-Feed)
Gestern — 05. Juni 2026Featured

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (19)


Vorschau ansehen

„Ich wurde auch dem russischen Kommandanten vorgeführt und sagte: „Wir sind hier vier deutsche Kommunisten (Funktionäre) und können eventuell jetzt in Deutschland an irgendwelchen Stellen gebraucht werden.“ Er stellte die Frage: „Wie oft warst Du zum Tode verurteilt?“ Auf meine Antwort, daß das nicht der Fall war, sagte er, daß wir ruhig noch eine Weile warten sollen.“

In dieser 19. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ teilt unser Leser Heinz Grote die Erinnerungen seines Großvaters Friedrich Rausch aus dessen Nachlass: Erlebnisse aus den letzten Kriegstagen 1945 und der anschließenden sowjetischen Kriegsgefangenschaft.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, den siebzehnten Teil, sowie den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Am 5. Mai 45 wurden wir in einem kleinen schmutzigen Tanzsaal auf Admiral Dönitz vereidigt

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

ich selbst bin erst 1954 geboren, habe also bisher das Glück, keine Erfahrungen mit Krieg und den unmittelbaren Folgen zu haben. Trotzdem möchte ich zu dem Aufruf etwas beisteuern:

In dem Nachlass meines Großvaters mütterlicherseits (Jahrgang 1897) habe ich eine Beschreibung seiner Erlebnisse der letzten Kriegstage und seiner Zeit in sowjetischer Gefangenschaft gefunden, geschrieben unmittelbar nach seiner Heimkehr im September 1945. („Gefangenschaft“)

Auch mein Vater (Jahrgang 1927 und noch am Leben) hat (allerdings erst viele Jahre später) einen Bericht über seine Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft geschrieben, der im folgenden Anhang beigefügt ist. („Kriegsgefangenschaft“)

Beide Berichte sind zur Veröffentlichung möglicherweise zu lang und ausführlich. Gerade die Beschreibung einzelner Details hat mich bei der Lektüre aber so fasziniert, dass ich sie einem größeren Publikum nicht vorenthalten möchte. Weitere Fragen oder Ergänzungen zu den Personen und deren Lebensumständen kann ich gern beantworten.

Ihnen bei diesem und den anderen Projekten der NachDenkSeiten viel Erfolg wünschend,
verbleibe ich mit solidarischen Grüßen

Heinz Grote

Anm. d. Red.: Wir veröffentlichen beide Berichte. Zunächst hier den Bericht „Gefangenschaft“ über die Zeit in sowjetischer Gefangenschaft. Morgen folgt der Bericht des Vaters über die Zeit in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

„Friedrich Rausch
Berlin-Neukölln, den 18.9.45

Gefangenschaft

Am 24.4.45 erhielt ich nach telefonischer Vorladung vom Wehrmeldeamt Glatz meine Einberufung zur Wehrmacht. Ich war von der Fa. C. Lorenz AG von Berlin nach Rengersdorf bei Glatz verlagert worden und war ungefähr 14 Monate dort in Schlesien tätig. Über die Unterbringung und Verpflegung am Verlagerungsort kann man der Firma nur die Note „äußerst mangelhaft“ ausstellen. Ich habe selten so gehungert wie dort unten in den landwirtschaftlichen Gefilden Schlesiens. Die miserable Verpflegung in der Kantine läßt nur auf riesige Unterschlagungen der leitenden Personen schließen.

Ein Offizier hat sich zu dem Theater nicht mehr gefunden.

Also, ich mußte mich am 28.4.45 bei dem Jäger-Btl. in Trautenau melden. Ein Desertieren war nicht möglich. Die Firma lehnte eine Sicherstellung meiner Zivilsachen ab. Es war keine Möglichkeit mehr vorhanden, dieselben nach Berlin zu schaffen. Ich wollte sie von Trautenau zu einer Genossin in den „Riesengrund“ bringen, die dorthin evakuiert war. Am Sonnabend kam ich in Trautenau an und wollte am Sonntag den Ausflug in den Riesengrund unternehmen. Vielleicht wäre ich nicht mehr nach Trautenau zurückgekommen; aber man führte uns am Sonntag schon zum Bahnhof und brachte uns tief in die Tschechei nach Deutschbrod. In Heralitz landete ich bei den Landesschützen und wurde mit ungefähr 20 Leidensgefährten der Genesungskomp. in Wiesch zugeteilt. Wir staunten über den schneidigen Exerzierton, der hier noch herrschte nach 6 Kriegsjahren. Mit Wachdienst und Griffeklopfen wollte man aus uns, die alle den Jahrgängen 1897–1900 angehörten, noch Soldaten machen. Ausrüstungsstücke waren kaum noch vorhanden. Ich habe in Knickerbocker, Waffenrock, Krätzchen und Lodenmantel Dienst gemacht. Am 5. Mai 45 wurden wir in einem kleinen schmutzigen Tanzsaal, der unser Schlafraum war, vereidigt. Ein Offizier hat sich zu dem Theater nicht mehr gefunden. Oberfeldwebel Heitwig, ein echter Himmelstoß, hat uns dann mit Hilfe eines Seitengewehrs auf Admiral Dönitz vereidigt.

Am Nachmittag machten die Tschechen unseres Dorfes, die sonst nicht unfreundlich gegen uns waren, eine kleine Revolution. Sie musizierten, tanzten und sangen auf dem Dorfplatz, entfernten die deutschsprachigen Schilder von den Wegweisern und Geschäften. Abends war die Stimmung jedoch schon wieder umgeschlagen. Es war wieder alles ruhig und die Schilder wurden wieder angebracht. Bei der Stammkomp., die sich im 7 km entfernten Heralitz befand, ist es etwas bunter zugegangen. Dort wurden die Landesschützen entwaffnet, bekamen aber am anderen Morgen ihre Waffen wieder.

So zog ich dann wie Kamerad Schwejk über die Landstraßen Böhmens

Am 8. Mai packten wir dann unsere Sachen und luden sie auf lange Leiterwagen, die von den Tschechen gestellt wurden. Für die Benutzung bezahlte jeder Landser 2 RM. Die Schreibstube, Panzerfäuste und sonstigen Waffen fuhren für unser Geld mit. So sind wir ungefähr 25-30 km getippelt. Weiter wollten uns unsere Fuhrherren nicht mehr fahren und wir haben dann in einem kleinen Dorfe abgeladen. Nun stand ich da mit meinem vielen Gepäck.

Ich tauschte ein Paar Schnürschuhe gegen einen Leiterwagen, denn tragen konnte ich ja meine vielen Sachen nicht. So zog ich dann wie Kamerad Schwejk über die Landstraßen Böhmens. Meine Flinte, Seitengewehr und die mit 60 scharfen Patronen gefüllten Patronentaschen hängte ich an einen Gartenzaun. An einer Weggabelung – nördlich ging’s nach Prag, südwestlich nach Tabor – überlegte ich erst eine Weile, welche Route ich einschlagen sollte. Prag lag besser in der Richtung auf Berlin; aber auf der Straße war kein Mensch zu sehen und wenn ich allein dort langgezogen wäre, hätten mich die Tschechen totgeschlagen, also tippelte ich dort, wo der Heerwurm sich entlangwälzte. Die Parole lautete: „So schnell wie möglich zum Ami, damit wir nicht den Russen in die Hände fallen.“

Russische Soldaten forderten uns auf, unsere Waffen an den Straßenrand zu legen

Bis zum 10. Mai sollten wir noch Zeit haben, die Moldau zu erreichen, die als Grenze zwischen den Russen und den Alliierten bezeichnet wurde. Gegen 5 Uhr nachmittags am 9. Mai näherten wir uns einem kleinen Städtchen und sahen von den dahinterliegenden Bergen Panzer hinter Panzer herabrollen. Diese wurden von den langjährigen Landsern als russische ausgemacht.

Plötzlich standen mitten unter uns tausenden Bewaffneten drei junge russische Soldaten und forderten uns auf, unsere Waffen an den Straßenrand zu legen und nicht zu beschädigen. Ich staunte über ihren Mut. Im Nu waren auch russische Offiziere da. Sie ließen auf den Feldern neben der Straße antreten, nahmen uns Uhren, Goldsachen und feststehende Messer ab. Wir wurden dann in der Stadt auf eine sehr nasse Wiese geführt, wo wir schlafen sollten. Bei einbrechender Dunkelheit wurden wir jedoch auf den Marktplatz gebracht, wo wir entschieden trockener schliefen. Bei der Überführung von der Wiese zum Markt wurde mir dann mein Koffer mit meinen gesamten Zivilsachen von einem russischen Soldaten unter Vorhaltung seiner Maschinenpistole abgenommen.

Am anderen Morgen traten wir dann den Marsch nach Pilgram an. Nach 2-3 Tagen erreichten wir diese tschechische Stadt und bezogen den dortigen Sportplatz als unser erstes Gefangenenlager. Hier wurden wir in Kompanien und Bataillone eingeteilt. Verwaltung und Verpflegung wurde den deutschen Offizieren übertragen. Ich hatte den Eindruck, daß die deutsche Leitung dem Küchenproblem ziemlich ratlos gegenüberstand. Die Russen brachten 20 Benzinfässer und zeigten, wie man daraus in kurzer Zeit 20 riesige Kochkessel herstellen kann. Am anderen Tag rauchten 20 Schornsteine in unserer Küche und wir erhielten ein, wenn auch nicht reichliches, aber doch schmackhaftes Essen. Die Wasserversorgung unseres Lagers wurde mehr und mehr eine Katastrophe für das Städtchen und wurde der Anlaß, unser Lager schnellstens zu verlegen.

Er stellte die Frage: „Wie oft warst Du zum Tode verurteilt?“

Im Lager auf dem Sportplatz lernte ich einige kommunistische Funktionäre aus Schlesien und Berlin kennen. Im Laufe der Unterhaltungen kamen wir zu dem Entschluß, den russischen Kommandanten aufzusuchen. Ein oberschlesischer Genosse sagte, er wäre schon dort gewesen, ich glaube aber, es entsprach nicht den Tatsachen. Ich erhielt dann den Auftrag, einen Vorstoß in dieser Richtung hin zu unternehmen. Ich mußte den vorgeschriebenen Weg über Feldwebel, Komp.-Führer, Battl.-Kommandeur, deutschem Lagerkommandanten, russ. Lagerkommandanten gehen. Ich wurde auch dem russischen Kommandanten vorgeführt und sagte: „Wir sind hier vier deutsche Kommunisten (Funktionäre) und können evtl. jetzt in Deutschland an irgendwelchen Stellen gebraucht werden.“ Er stellte die Frage: „Wie oft warst Du zum Tode verurteilt?“ Auf meine Antwort, daß das nicht der Fall war, sagte er, daß wir ruhig noch eine Weile warten sollen.

Wenn ihnen nach dem Krieg einer mit Politik käme, dann würden sie ihn vom Hof jagen.

Mein Vorgehen hat verschiedene Wirkungen bei den deutschen Vorgesetzten ausgelöst, natürlich hat auch die Ablehnung des Russen dazu beigetragen. Mein Feldwebel war schadenfroh und wurde gehässig. Der Adjudant des deutschen Lagerkommandanten, ein junger Oberleutnant, forderte mich auf, ihm doch einige Aufklärung über Kommunismus zu erteilen. Mit dem Oberleutnant habe ich dann auch noch einige Diskussionen gehabt und ich glaube, wenn wir uns nicht aus den Augen gekommen wären, hätten wir dieselben auch noch weitergeführt, aber ich habe ihn im nächsten Lager nicht mehr finden können.

Im Großen und Ganzen sind meine Versuche, auch mit den drei Funktionären, irgendwelche politischen Diskussionen zu entfachen, verhältnismäßig wenig auf fruchtbaren Boden gefallen. Ich habe immer wieder den Versuch unternommen. Die meisten Landser sagten: Wenn ihnen nach dem Krieg einer mit Politik käme, dann würden sie ihn vom Hof jagen.

Es entwickelte sich an seinen Ufern bald ein reger Badebetrieb.

Wir marschierten dann ab und erreichten nach längerem Marsch das Lager Prosetznitz unweit der Stadt Benneschau. Es war ein ehemaliger SS-Truppenübungsplatz. In der Umgebung waren ca. 30 Dörfer sehr rigoros von der SS evakuiert worden; dadurch war die Stimmung der dortigen Bevölkerung uns gegenüber eine sehr schlechte. Wir kamen aber selten mit der Bevölkerung in Berührung, außer einige kleine Außenarbeitskommandos.

Ungefähr 25.000 Kriegsgefangene waren in dem Lager untergebracht. Die meisten lagen in Baracken, aber auch ein Teil in den Häusern der umliegenden Dörfer. Ich möchte nachtragen, daß auf dem Marsch sehr oft Fälle eintraten, wo den Gefangenen von einzelnen Russen plötzlich Uhren oder Stiefel abgenommen wurden. Manchmal einfach abgenommen, manchmal auf dem Wege des Tausches gegen Brot, Fett oder sonstige Nahrungsmittel. Unsere Leute mußten in den meisten Fällen darauf eingehen, denn ein gewisser Druck stand immer dahinter. Es waren auch einige Fälle zu verzeichnen, wo russische Offiziere, manchmal sogar sehr energisch, den Raub oder Tausch verhinderten.

Im Lager wurden wir in Hundertschaften, Battl. und Regimenter eingeteilt. Eine Hundertschaft hatte als Vorgesetzte einen Ob.-Ltn., als Komp.-Führer einen Leutnant und einen Spieß. Das Batl. wurde geführt von einem Hauptmann. 10 Batl. waren ein Regiment und umfaßten ungefähr 10.000 Mann. Der deutsche Lagerkommandant war ein Oberstleutnant Becker. Die einzelnen Hundertschaften wurden innerhalb der Bataillone sehr oft durcheinander gewürfelt, mußten von einer Baracke oder Stube in die andere ziehen und hatten dadurch allerlei Arbeit mit der Neueinrichtung der Quartiere.

In dem Lager hielten wir uns drei Monate auf. Das Beste an dem Lager war die Sasau, ein ungefähr 150 m breiter, flacher aber sehr reißender Bergfluß. Sehr viel Felsbrocken lagen im Flußbett. Es entwickelte sich an seinen Ufern bald ein reger Badebetrieb. Man konnte ja nicht drin schwimmen, aber für unsere Reinigung und für das Kochwasser war dieser Fluß geradezu ideal. Trotzdem gab es viele, die sich tagelang nicht gewaschen haben. Das Lager lag 300 m über dem Meeresspiegel.

2 Monate Graupen, 1 Monat Erbsen

Die Verpflegung bestand aus morgens ¼ l Kaffee, mittags 9/10 l Essen, 2 Monate Graupen, 1 Monat Erbsen, abends ½ l Suppe (Graupen oder Erbsen). Das Mittagessen war oft mit Fleisch gekocht, meistens Pferdefleisch. Wir haben auch hin und wieder einen Löffel Marmelade, 24 g Zucker, 2 oder 3 x eingerührtes Käsepulver oder Fett erhalten. Diese Zulagen erhielten wir aber nur in der ersten Zeit. Nachher schienen diese aufgebraucht. Es waren vielleicht noch deutsche Heeresbestände.

Offiziere erhielten bedeutend bessere und reichlichere Verpflegung, empfingen ihr Essen in besonderen Küchen und erhielten auch Rauchwaren. Ich nehme an, daß die Besserstellung der Offiziere in Bezug auf Verpflegung, Quartier und bei Visitationen eine Gegenleistung für die Leistung der Verwaltungsarbeit des Lagers war.

An Brot erhielten wir ungefähr 400 g. Ich glaube, die Brotration der Offiziere war die gleiche. Das Brot war nicht gut. Es war sehr dunkel, viel Mais und Spreu drin. Die Landser hatten allgemein den Eindruck, daß wir von der Küche, vom Intendanten sowie von den Köchen schwer betrogen würden. Es wurden auch Maßregelungen und Bestrafungen durchgeführt. Auch bei der Übernahme der Verpflegung aus russischer Hand in die deutsche sollen große Fehlbeträge gewesen sein. Ein russischer Kommandant soll deshalb abgelöst worden sein, aber das weiß ich nur vom Hörensagen.

Unsere Arbeit bestand im Holz schleppen, Straßenbau (Lagerstraßen), Wasserschleppen, Wachdienst und Reinigung des Waldes und Lagers. Wir verrichteten nur Arbeiten, die für unser Leben im Lager notwendig waren. Das war auch immer die Feststellung der Russen. Die Aufsicht bei der Arbeit hatten meistens deutsche Offiziere. Nur einige Male waren russische Posten beim Holzholen mit im Walde. Da sind einige wenige Fälle vorgekommen, wo ein Gefangener wegen schlechter Arbeitsleistung geprügelt wurde, aber das war vier- oder fünfmal der Fall.

Der Gesundheitszustand im Lager wurde als sehr gut befunden, nur Durchfall war an der Tagesordnung. Ich führe diesen Übelstand auf unvernünftigen Genuß von Wasser zurück.

Für die arbeitsfreien Gefangenen wurde bald Exerzieren, Sport, Ordnungsübungen und Singen angesetzt. Auch die Grußpflicht wurde eingeführt. Jeder Russe war zu grüßen und jeder deutsche Offizier. Ich hatte den Eindruck, dass der Russe die Grußpflicht anders auffaßte, wie unsere Führung. Bei den Russen untereinander war der Gruß kameradschaftlicher Art. Bei uns war es wie früher beim Kommiß. Der deutsche Kommandant, Oberstleutnant Becker, hat sich in der Beziehung manch tolles Stückchen geleistet. Er fuhr immer in einem originellen Wagen durchs Lager, und wenn ein Landser ihn nicht grüßte, gab es immer irgendwelche Auftritte. Es sollen sogar Bestrafungen deshalb vorgekommen sein.

Da hatten Freunde der Sowjetunion einen schweren Stand.

Ein sonderbares Kapitel war die Stimmung unter den Gefangenen. Sie hing von den Parolen ab, die durch das Lager schwirrten. Wir wußten nicht, was in der Welt passierte. Da wurden Parolen geschmiedet: Japan hat kapituliert! Japan hat eine große Seeschlacht gewonnen! Die Alliierten sind uneinig! Wir sind keine Kriegsgefangenen, wir sind Internierte! Wir werden entlassen! Wir kommen nach Sibirien! usw. Eine Parole widersprach immer der vorhergehenden. Aufgrund der Parolen war die Stimmung heute ganz rosig, morgen ganz düster. Die Parolen wurden in die Welt gesetzt von den deutschen Offizieren oder von Gefangenen, die außerhalb des Lagers arbeiteten oder von Landsern, die einen Spaß daran hatten.

Hin und wieder wurden wir durchsucht, wobei uns alles Mögliche abgenommen wurde. Offiziell sollte sich die Abnahme auf Uhren, Kompasse, Landkarten, Photoapparate, feststehende Messer beschränken, aber es wurde alles Mögliche abgenommen. Nach solchen Aktionen oder bei neuen Parolen entstanden natürlich wieder Diskussionen, da hatten dann natürlich Freunde der Sowjetunion einen schweren Stand.

Es wurde auch etwas getan, um die Gefangenen geistig zu beschäftigen. Es wurden viele Vorträge gehalten, Sprachkurse, Stenographie-, Rechen-, Photo-, Radio-, und div. andere Kurse abgehalten. Arbeitsgemeinschaften wurden gebildet. Sehr viele dieser Arbeitsgemeinschaften beschäftigten sich mit Landwirtschaft, Bienenzucht, Maschinenbau. Politische Gruppen gab es nicht, wurden auch stets abgelehnt. Vorträge wie: Eine Reise nach Amerika! Eisenverhüttung! Stahlveredelung! Wie wird Bier gebraut! Was muß der Kleinsiedler wissen! fanden guten Anklang. Der sonntägliche Gottesdienst war mit ungefähr 80% besucht. Es wurde eine Freilichtbühne gebaut. Gute Theaterkräfte waren im Lager. Es wurden Revuen und Reportagen gebracht. Faust wurde aufgeführt, gute Sänger brachten Opernstücke, Operettenschlager und andere Lieder zu Gehör, aber nie war ein etwas neuerer Geist zu spüren. Gute Gesangschöre waren auch in unserem Lager.

Wir schlugen mit einem Beil ein Loch zum Austreten in den Waggonboden

Nach drei Monaten wurden dann Marschblocks zusammengestellt. Es hieß, es geht in die Heimat.

Die Stimmung war natürlich rosig. Wohin die einzelnen Marschblocks fuhren, wußte niemand und es gab wieder die tollsten Parolen. Ich selbst war beim 4. Marschblock. Wir wurden aufgestellt, als der zweite abfuhr. Am 17. August war es bei uns soweit zum Verladen. Wir wurden im Lager zusammengestellt, 2.000 Mann, wurden außerhalb des Lagers durchsucht, einiges wurde uns noch abgenommen, vor allen Dingen die Messer. Dann wurden wir verladen. 40 Mann in einen Waggon, nachher kamen noch einige hinzu, wir waren 42 Mann. Es waren Viehwagen, Fenster vergittert, die Türen waren verschlossen und ziemlich viele Wachmannschaften fuhren mit. Wir hatten keine Latrine im Wagen und schlugen uns nachher mit einem Beil von der Küche ein Loch zum Austreten in den Waggonboden.

Unser Transport bestand aus 2000 Mann und 40 Offizieren. Die Offiziere bekamen einen eigenen Waggon. Wir fuhren immer weiter nach Osten, Tschechei, Österreich, Ungarn, Rumänien. Je weiter wir nach Osten fuhren, je mehr sank die Stimmung. Es wurde uns ja vorher auch gesagt, wir fahren nach Hause. Aus einem Waggon ist ein Fluchtversuch unternommen worden. Fünf Mann sind eines Morgens entsprungen, zwei davon sollen auf der Flucht erschossen worden sein, drei sollen entkommen sein. Wir hatten dadurch dann verschärfte Bestimmungen. Sonst sind wir hin und wieder mal aus dem Waggon gesprungen auf einer Station.

Wir sollen doch endlich glauben, es geht jetzt in die Heimat

In Temesvar (Rumänien) wurden wir nach zwölftägiger Fahrt ausgeladen, die Offiziere blieben in ihrem Waggon. Wir wurden ärztlich untersucht, die Jüngeren und Kräftigen mußten wieder einsteigen und fuhren jedenfalls weiter. 1.000 blieben in Temesvar und 1.000 fuhren weiter. Wir marschierten dann nach einem Lager außerhalb der Stadt. Hier in diesem Lager trafen wir Gefangene des 3. Marschblocks. In diesem Lager gab es für uns keine Arbeit. Das Essen war reichlicher und abwechslungsreicher. Wir wurden nach acht Tagen ärztlich untersucht. Die Alten, Jugendlichen und Kranken wurden zu einem Transport zusammengestellt und zum Bahnhof geführt. Nach dem Verladen ging die Reise bald los.

Wir waren 2.300 Mann, kein Offizier. Der uns begleitende eine russische Leutnant und eine russische Ärztin sagten uns, wir sollen doch endlich glauben, es geht jetzt in die Heimat. Die Wagen waren alle offen und es war keine Bewachung mit. Wir fuhren fast den gleichen Weg zurück. In der Tschechei wurde uns noch ein Kamerad erschossen, weil er sich wehrte gegen Beraubung. Nach 10 Tagen erreichten wir in Bodenbach die Reichsgrenze und bald wurden wir in einer Kaserne in Pirna entlassen und jeder konnte einzeln in seine Heimat fahren. Nur die Schlesier konnten wohl nicht in ihre Heimat, weil die Polen sie noch nicht hinließen.

Am Freitag, den 14.9.45 kam ich in Berlin an. Die Freude war natürlich groß.“


Hier können Sie den zwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: Unknown Soviet photographer / public domain / Deutsche Kriegsgefangene werden nach ihrer Gefangennahme durch die Sowjets durch die Straßen von Kiew geführt.

(Auszug von RSS-Feed)

Russlands Vorgehen in der Ukraine – ein Zeichen von Schwäche?


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Die Situation in der Ukraine ist brenzlig. Russische Politiker sprechen öffentlich über die Bedingungen, unter denen Russland Atomwaffen einsetzen wird. Das russische Außenministerium gab bekannt, dass Kiew jetzt „systematisch“ bombardiert wird. Nach zwei schweren russischen Raketenangriffen auf Kiew am 24. Mai und am 2. Juni – laut Wladimir Putin eine „Strafe“ für den ukrainischen Drohnenangriff auf ein Schülerwohnheim – traf NATO-Chef Mark Rutte am 3. Juni in Kiew ein. Eine Analyse von Ulrich Heyden (Moskau).

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die bisher größten Militär-Schläge Russlands auf Kiew spornen die NATO und die EU zu weiterer „Solidarität mit der Ukraine“ an. Donald Trump reagierte nicht auf einen Brief von Selenskyj, Waffen zu schicken. Der Kreml hat Friedensgespräche ausgesetzt, hält aber über spezielle Kanäle Kontakt mit den USA.

Der stellvertretende russische Außenminister Sergej Rjabkow erläuterte am 3. Juni vor Journalisten auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg die Faktoren, die zum Einsatz russischer Atomwaffen führen. Diese Waffen würden „unter den schlechtesten Bedingungen“ eingesetzt, „wenn der Gegner die territoriale Integrität Russlands verletzt“. In der letzten Zeit ist der Einsatz von Atomwaffen häufig Thema von öffentlichen Auftritten russischer Politiker.

Da die Krim seit 2014 und die Gebiete Donezk, Lugansk, Cherson und Saporoschje seit 2022 von Moskau als russisches Staatsgebiet bezeichnet werden – 2022 hatte sich die Bevölkerung in diesen vier Gebieten in Referenden für die Vereinigung mit Russland ausgesprochen –, könnten ukrainische Raketen- oder Drohnenattacken gegen diese Gebiete nach der Ankündigung von Rjabkow den Einsatz russischer Atomwaffen auslösen.

Donald Trump hat auf einen Brief von Selenskyj, in dem dieser um Waffen für die Ukraine bittet, bisher nicht geantwortet. Das oppositionelle ukrainische Internet-Portal strana.ua meint, dass Trump nicht antworte, hänge damit zusammen, dass Kiew nicht zu einem Kompromiss bereit ist und seine Truppen – wie in Anchorage besprochen – nicht aus dem Donbass zurückzieht. In Kiew steigt die Sorge, dass die USA Waffen, welche Kiew braucht, zunehmend in den Nahen Osten schickt.

Russisches Außenministerium kündigt „systematische Schläge“ an

Auffällig ist, dass seit dem 25. Mai wichtige Stellungnahmen zu der russischen Gegenwehr auf ukrainische Drohnen-Angriffe nicht vom russischen Verteidigungsministerium, sondern vom russischen Außenministerium bekanntgegeben werden. Dass eine zivile Institution militärische Ankündigungen macht, unterstreicht den Ernst der Lage. Es bedeutet auch, dass Russland zurzeit wenig Hoffnung hat, den Ukraine-Krieg auf diplomatischem Wege zu beenden.

Am 25. Mai, einen Tag nach dem ukrainischen Drohnenangriff auf ein Schülerheim in Starobelsk, bei dem 21 Schüler starben, gab das russische Außenministerium bekannt, „unsere Geduld ist erschöpft.“ Von nun an werde die russische Armee „systematische Schläge auf ukrainische Rüstungsbetriebe in Kiew“ ausführen. Militär-Schläge werde es auch gegen die Zentren geben, „wo Entscheidungen getroffen werden“.

Offenbar ist es die Absicht von Kiew, mit Beschuss ziviler russischer Objekte Moskau zu drastischen Schritten zu provozieren. Wenn Russland drastische Gegenmaßnahmen ergreift, kann sich die Führung in Kiew am besten als Opfer „russischer Okkupanten“ präsentieren. Dass Kiew und die ganze Ukraine in Gefahr geraten, Ziel eines nuklearen russischen Angriffs zu werden, scheint der Führung in Kiew einerlei. Möglicherweise will man durch ständige Eskalation die USA zwingen, wieder Waffen zu schicken.

Der dritte Einsatz einer Oreschnik-Rakete, diesmal im Großraum Kiew

Auf den ukrainischen Angriff auf das Schülerheim Starobelsk reagierte Russland so hart wie nie. Zweimal – in der Nacht auf den 24. Mai und in der Nacht auf den 2. Juni – griff Russland Kiew und andere ukrainische Städte in kombinierten Angriffen mit Drohnen und Raketen an. Dabei wurde am 24. Mai das erste Mal auch eine Oreschnik-Rakete im Großraum Kiew eingesetzt.[1] Die ballistische Oreschnik-Rakete schlug nach ukrainischen Angaben 80 Kilometer südlich von Kiew im Rayon Beloje Zerkwi ein. Dort gibt es einen Militärflughafen.

In der Nacht auf den 24. Mai wurde Kiew mit Raketen des Typs Kinschal, Iskander, Zirkon und mit Drohnen angegriffen. Ziel waren militärische Einrichtungen. Nach Angabe des Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, gab es bei dem russischen Angriff auf Kiew am 24. Mai zwei Tote und 70 Verletzte.

2. Juni – Rauchwolken über Kiew

In der Nacht auf den 2. Juni wurde Kiew wiederum von russischen Raketen – diesmal vom Typ Kalibr, Zirkon und Iskander M – sowie 650 Drohnen angegriffen. In Kiew dauerte der Angriff viereinhalb Stunden.

Insgesamt soll es in der Stadt acht angegriffene Positionen gegeben haben. Es kam zu Bränden. Wie das ukrainische Medium TCN berichtete, standen in der Nacht dichte Rauchwolken über der Stadt. Die Einwohner wurden aufgefordert, die Fenster zu schließen.

Wie das Unternehmen Ukrenergo berichtete, wurden in der Stadt auch Objekte der Energieversorgung getroffen. Zu Störungen in der Energieversorgung kam es in Kiew und anderen Regionen.

Nicht nur in Kiew, auch in den Gebieten Saporoschje, Charkow, Sumy, Dnipro, Poltawa und Chmelnizki wurden Rüstungsbetriebe sowie in Bunkern untergebrachte militärische Entscheidungszentren angegriffen. Das russische Verteidigungsministerium gab bekannt, der Angriff sei nachts ausgeführt worden, „um zu verhindern, dass zufällig Zivilisten getroffen werden“.

Das ultrapatriotische russische Internet-Portal Tsargrad war zufrieden. Nach Angaben des Portals dauerte der Angriff am 2. Juni auf Kiew, Dnipro und Odessa „ohne Unterbrechung acht Stunden“. In Kiew habe das Trainingszentrum der „3. Sturmbrigade Killhouse“, wo „westliche Journalisten ihre Reportagen machen“, gebrannt. Außerdem sei die 410. Flugzeugfabrik zerstört worden, welche Antonow-Flugzeuge repariert.

Moskau hofft auf die Implosion des Selenskyj-Regimes

Warum holte Moskau erst jetzt zu großen Schlägen aus? Gab es in den vergangenen zwölf Monaten für Russland nicht genug Anlässe, Kiew anzugreifen? Attackieren ukrainische Drohnen nicht seit über einem Jahr russische Raffinerien und russische Häfen an der Ostsee und am Schwarzen Meer? Werden über dem Westteil der Russischen Föderation in den letzten Monaten nicht täglich im Schnitt 200 ukrainische Drohnen abgeschossen? Sterben nicht fast täglich Menschen in Russland an ukrainischen Drohnen?

Was sind die Gründe, dass der Kreml erst jetzt den Befehl gab, in Kiew nicht nur Heizkraftwerke – wie in den vergangenen Jahren -, sondern auch Rüstungsbetriebe, militärische Anlagen und Bunker zu bombardieren, in denen politische und militärische Strukturen Schutz suchen?

Die Antwort ist einfach: Moskau hatte immer noch Hoffnung, dass es zu ernsthaften Friedens-Verhandlungen kommt. Wladimir Putin bot immer wieder Verhandlungen an. Zuletzt lud er Selenskyj zu Verhandlungen nach Moskau ein. Doch in einem Krieg den Feind zu besuchen, macht wohl nur Sinn, wenn man die Kapitulationsurkunde unterschreiben will.

Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte am 2. Juni, um einen Frieden zu erreichen, „braucht Selenskyj nur den Befehl zu geben, dass seine Truppen die russischen Regionen verlassen“. Moskau habe die Friedensverhandlungen unterbrochen, halte aber über seine Kanäle noch Kontakt zu den USA.

Offenbar hatte der Kreml im letzten Jahr nach dem Treffen Putin-Trump in Anchorage die Hoffnung, man könne gemeinsam mit den USA den Krieg in der Ukraine beenden. Nach dem Treffen in Anchorage begannen Friedensgespräche zwischen der Ukraine und Russland. Konkrete Resultate wurden – außer Gefangenenaustausch – allerdings nicht erzielt.

Ukrainische Opposition stänkert vom Ausland

Vermutlich hofft der Kreml nun darauf, dass Selenskyj durch zahlreiche Korruptionsskandale und Attacken ehemaliger Gefolgsleute, die sich im westlichen Ausland befinden, wie seine ehemalige Pressesprecherin Julia Mendel und der ehemalige Berater der ukrainischen Präsidialverwaltung, Oleksej Arestowitsch, ins Straucheln kommt. Zudem hat der Kreml vermutlich die Hoffnung, dass der Kampfgeist der ukrainischen Armee weiter sinkt und die ukrainischen Streitkräfte personell ausbluten.

Schließlich hofft Moskau vermutlich, dass die Kritik am Selenskyj-Regime in Europa stärker wird. Nicht uninteressant ist für den Kreml auch, dass mit der AfD in Deutschland eine einflussreiche Kraft heranwächst, die sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausspricht.

Was sind nun die Gründe, dass der Kreml sich entschlossen hat, Kiew „systematisch“ zu bombardieren? Die ukrainischen Drohnenangriffe tief in das russische Hinterland, die gezielten Schläge gegen zivile Einrichtungen wie das Schülerwohnheim in Starobelsk, Raffinerien und Häfen, aber auch die zunehmende Forderung der russischen Bevölkerung, nun endlich Kiew „einen Schlag“ zu verpassen, hat den Kreml offenbar zu einem schärferen Kurs veranlasst. Ob dieser schärfere Kurs anhält, ist nicht sicher. Man erinnert sich, dass die russische Armee 2022 schon kurz vor Kiew stand, sich dann aber zurückzog, offenbar in der Hoffnung, die Friedensverhandlungen in Istanbul würden ein Ergebnis bringen.

Immer neue ukrainische Drohnen-Attacken auf zivile Ziele

Wladimir Putin bezeichnete die Schläge gegen Kiew als „Strafe“ für die toten Jugendlichen von Starobelsk. Doch Kiew gibt sich unbeeindruckt und macht weiter mit gezielten Angriffen auf zivile Ziele.

Am 3. Juni beschoss die ukrainische Armee einen Bus in der Stadt Jenakijewo im Gebiet Donezk. Der Bus fuhr auf der Strecke Moskau-Simferopol (Krim). Sieben Zivilisten wurden nach Angaben von Denis Puschilin, dem Leiter der Region Donezk, getötet. Elf Menschen wurden verletzt.

Am 30. Mai attackierte eine ukrainische Kamikadse-Drohne das Atomkraftwerk Saporischje und riss ein Loch in den Maschinensaal des sechsten Blockes des Atomkraftwerkes. Nach russischen Angaben wurde die Drohne durch ein Glasfaserkabel gesteuert. Dass der Angriff zufällig geschah, könne man deshalb ausschließen.

Die deutsche „Tagesschau“ zitierte das ukrainische Außenministerium, welches Vorwürfe gegen Kiew zurückwies. Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Ukraine ein Kraftwerk auf ihrem eigenen Territorium angreifen sollte, „das sie selbst wieder unter ihre Kontrolle bringen will“. Mehr zu dem Vorfall auf den NachDenkSeiten in diesem Artikel.

Der Generaldirektor der Internationalen Atom-Agentur IAEA, Rafael Grossi, erklärte via X, der Angriff auf das Atomkraftwerk „verletzte die Grundprinzipien der nuklearen Sicherheit. Die Angriffe auf Nuklear-Objekte sind nicht zulässig und müssen beendet werden, um zu verhindern, dass es eine reale Atomkatastrophe gibt, die niemandem nützt.“

Am 31. Mai wurden laut Tass elf Zivilisten durch eine ukrainische Drohne schwer verletzt, die ein Mehrfamilienhaus in der Bratjew-Kowalenko-Straße in der Stadt Genitschesk beschädigte. Die Stadt liegt in dem von Russland eroberten Gebiet Cherson. Ein Kind starb und fünf Menschen wurden verletzt.

Deutsche Medien berichten kaum über zivile russische Opfer

Für Kiew sind die Drohnen-Attacken auf russische zivile Einrichtungen ungefährlich. Die deutschen Medien berichteten über die Attacke auf das Schülerwohnheim in Starobelsk nur verschwommen und am Rande. Die menschlichen Opfer, welche die ukrainischen Drohnen-Attacken in den russischen Grenzgebieten Belgorod und Kursk sowie in den von Russland kontrollierten Regionen Donezk, Lugansk, Cherson, Saporoschje und Krim verursachen, sind den deutschen Mainstream-Medien nur eine Randnotiz wert, wenn sie überhaupt in diesen Medien auftauchen.

So verfestigt sich in der deutschen Öffentlichkeit das Bild, Russland sei der „Kriegstreiber“ und die Ukraine „das Opfer“. Dieses schiefe Bild ist lügnerisch, denn es blendet den Staatsstreich in Kiew im Februar 2014 und die im April 2014 von Kiew angeordnete „Antiterroristische Operation“ der ukrainischen Armee gegen Autonomiebestrebungen in Lugansk und Donezk aus. Aber dieses lügnerische Bild bietet bisher eine ausreichende propagandistische Basis, um Deutschland auf „Kriegsertüchtigung“ und Militarisierung zu trimmen.

Würden die deutschen Mainstream-Medien seriös über alle zivilen russischen Opfer von ukrainischen Drohnenattacken in den letzten Jahren berichten, hätten es deutsche Mainstream-Journalisten und Politiker schwerer, Deutschland auf den Kurs „Kriegsertüchtigung“ zu zwingen.

Das schiefe Bild der deutschen Mainstream-Journalisten

Viele deutsche Medien behaupten, die harten russischen Schläge auf Kiew seien Zeichen von Russlands Schwäche. Dass die Ukraine selbst vor dem Kollaps steht und ohne Militärhilfe aus der EU keinen einzigen Tag überleben würde, wird verschwiegen. Doch für die gewünschte „Kriegsertüchtigung“ braucht es das Bild von einer Ukraine, die in der Lage ist, ihr Territorium zu halten und zu siegen, und von einem Russland, das schon fast am Boden liegt.

Was sind die Argumente für die angebliche „Schwäche Russlands“? Die ukrainischen Drohnen hätten den russischen Raffinerien schweren Schaden zugefügt. Ihr Produktionsvolumen sei im Vergleich zum Mai 2025 um 13 Prozent zurückgegangen, meldete der Moskau-Korrespondent von NTV, Rainer Munz. Die Ukrainer hätten die „Drohnen-Hoheit im Luftraum“ und auf dem Boden herrsche ein „Patt“, behauptet Munz.

Doch zu einer Gesamtanalyse eines Moskau-Korrespondenten müsste eigentlich gehören, dass man erwähnt, dass Russland eine Atommacht ist und die Stimmen in Russland lauter werden, die einen Einsatz von Atomwaffen fordern.

Korrekt wäre es auch, zu erwähnen, dass 13 Prozent Einbußen bei den Raffinerien keine Existenzgefahr für die russische Wirtschaft sind.

Die Behauptung einer Drohnen-Hoheit im Luftraum ist übertrieben, denn die russische Armee rückt auf dem Schlachtfeld – gerade jetzt im Gebiet Charkow – weiter vor. Sie nimmt fast täglich Ortschaften ein.

Die ukrainischen Streitkräfte sind seit ihrer Offensive im Gebiet Charkow, im Mai 2024, nicht mehr zu Offensiv-Operationen in der Lage. Die ukrainische Armee kann wegen des Mangels an Soldaten nur mit Mühe die Frontlinie halten. Die Motivation der einfachen Ukrainer lässt nach. Sogenannte Territorial-Kommandos fangen männliche Zivilisten auf den Straßen der Ukraine ein, um sie an die Front zu bringen, wo sie kämpfen sollen. Im Internet ist diese Praxis mit zahlreichen Videos dokumentiert.

Deutsche Medien wollen Sieg der Ukraine

Deutsche Mainstream-Medien schreiben die militärische Lage der Ukraine schön. Sie verfolgen ein unrealistisches Ziel: Den Sieg der Ukraine, die Kapitulation Russlands und die Rückgabe der von Russland besetzten Territorien.

Alle Kompromiss-Lösungen, wie etwa territoriale Zugeständnisse von Kiew an Russland, werden von führenden westlichen Politikern, wie der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, rundheraus abgelehnt.

Dass man mit so einer unversöhnlichen Haltung einen Atom-Krieg riskiert, denn Russland wird die eroberten Gebiete nicht zurückgeben, zeigt, wie verlogen das Ukraine-Konzept von Berlin und Brüssel ist. 2013 ging es nur um die Visa-Freiheit für Ukrainer, dann ging es um Helme, später um Panzer, um Kampfflugzeuge und dann um Flugabwehrgeschütze. Die Eingemeindung der Ukraine in den Einflussbereich von EU und NATO ist den Damen und Herren in Berlin und Brüssel offenbar weitere hunderttausende Tote auf dem Schlachtfeld wert.

Diese Hartnäckigkeit hat nichts zu tun mit humanen Zielen. Ausschlaggebend sind wirtschaftliche und militärische Ziele: Der Gewinn des ukrainischen Schwarzerde-Bodens, billige Arbeitskräfte und ein Absatzmarkt, der Gewinn von Rohstoffen und Schwarzmeer-Häfen und das Heranrücken der NATO an die Grenze Russlands.

Die Bunker der ukrainischen Führung

Eines der wichtigsten Ziele bei den russischen Angriffen auf Kiew waren die unterirdischen Bunkern der ukrainischen Streitkräfte und anderer Sicherheitsstrukturen. Inwieweit sie getroffen wurden, ist nicht bekannt.

Wie der Militärexperte Anatoli Matwijtschuk gegenüber der russischen Zeitung Argumenty i Fakty erklärte, seien für die russische Armee wichtige Ziele die Befehlszentrale des Kiewer Militärbezirks und der ukrainischen Militäraufklärung. Ein weiteres Ziel sei der Bunker der ukrainischen Regierung. Er liege im Zentrum von Kiew unter dem Büro von Selenskyj in der Bankowa-Straße Nr. 11. Ein weiteres Ziel seien die Kommunikationskanäle der Regierung. Wie der in Russland lebende ehemalige Rada-Abgeordnete Wladimir Olejnik gegenüber Argumenty i Fakty erklärte, gäbe es nicht nur in Kiew, sondern auch in Lviv, Dnipro und Odessa Bunker für das oberste Führungspersonal. Diese Bunker wurden noch zu Zeiten der Sowjetunion gebaut. Die Ukraine wurde damals militärisch so ausgerüstet, dass sie auf einen möglichen Angriff von westlichen Staaten gerüstet war.

Zu den Zielen russischer Raketenangriffe in Kiew gehörten – so Militärexperte Matwijtschuk – auch Rüstungsbetriebe, wie etwa die Rüstungsfabrik Arsenal in Kiew, wo Munition und Schusswaffen hergestellt und Militärtechnik repariert wird. Nach russischen Angaben wolle der Konzern Rheinmetall in Kiew eine Fabrik für die Reparatur von militärischem Gerät aufbauen. Weitere Ziele in Kiew seien die Fabriken „Artjom“ und „Kristall“.

Ein weiteres Ziel für russische Militärschläge seien ukrainische Flugleitzentralen, welche die Flüge des Kampfflugzeuges F-16 steuern, sowie die im Umland von Kiew gelegenen Militärflugplätze in Wasilkow und Beloj Zerkwi.

Deutschland könnte zum Kriegsschauplatz werden

Bisher gibt es aus Deutschland keinen wirklichen politischen Druck, die Waffenlieferungen an die Ukraine einzustellen und eine friedliche Lösung anzustreben. Dabei könnte Deutschland als wichtigster Waffenlieferant selbst zum Schauplatz des Ukraine-Krieges werden.

Titelbild: Screenshot/Len.TV


[«1] Die Oreschnik-Rakete wurden von Russland bisher dreimal eingesetzt. Am 24. Mai 2026 gegen Kiew, am 21. November 2024 gegen die Raketenfabrik Juschmasch in Dnipro und am 8. Januar 2026 gegen unterirdische Gasspeicher im westukrainischen Gebiet Lviv.

(Auszug von RSS-Feed)
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Weitreichendes EuGH-Urteil: Deutschland darf Asylleistungen nicht unzulässig kürzen

04. Juni 2026 um 16:15

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Der EuGH hat Leistungskürzungen für Asylsuchende in sogenannten Dublin-Fällen enge Grenzen gesetzt. Laut einem Urteil aus Luxemburg dürfen Mitgliedstaaten Betroffenen nicht pauschal Leistungen für Kleidung, Haushaltsbedarf und den notwendigen persönlichen Bedarf entziehen. Dies gilt auch dann, wenn bereits ein Abschiebungsbescheid vorliegt.
(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (18)


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In dieser 18. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erzählt eine Leserin, wie ein älterer Kamerad ihrem 16-jährigen Vater vermutlich das Leben rettete, und berichtet von einem bewegenden Gespräch mit ihrem Enkel über den Kriegsdienst. Eine andere erzählt davon, wie sich ihr als kleines Mädchen der Anblick verwundeter Soldaten kurz vor Kriegsende ins Gedächtnis einbrannte. Ein anderer Leser teilt Geschichten über Verdrängung und Aufarbeitung und die langen Schatten von Nationalsozialismus und Krieg in einem Ort in Südniedersachsen.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil, den sechzehnten Teil, sowie den siebzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Er hätte das Rad auch selbst nehmen können.”

Sehr geehrte NachDenkSeiten
liebes NDS-Team,

ich bin Jahrgang 1957. Oft, sehr oft holen mich in der neuen Zeit der Kriegstüchtigkeit die Erzählungen meiner Eltern und meiner Schwiegermutter ein. Ich gebe sie hier aus meiner Erinnerung wieder.

Meine Mutter
Ihr Vater verstarb früh an einer schweren Erkrankung. Da war meine Mutter erst zwei Jahre alt, ihr älterer Bruder war vier. Ihr jüngerer Bruder wurde erst nach dem Tod des Vaters geboren. Er wurde im Alter von zwei Jahren auf dem Gutshof, auf dem die Mutter (meine Großmutter) arbeitete, von einem Pferd erschlagen. Meine Großmutter verließ daraufhin den Hof und zog ihre beiden anderen Kinder unter viel Entbehrungen allein groß. Dann kam der Krieg. Der ältere Bruder meiner Mutter erhielt im Jahre 1944 im Alter von 18 Jahren den „Stellungsbefehl” und wurde „eingezogen”. Im Januar 1945 verstarb meine kränkliche und immer um ihren Sohn besorgte Großmutter. Meine Mutter ließ ihrem Bruder per Feldpost eine Nachricht zukommen, in der (naiven) Hoffnung, er möge Fronturlaub zum Tode der Mutter erhalten. Sie wartete jeden Tag auf seine Heimkehr. Stattdessen erhielt sie etwa vier Wochen nach dem Tod der Mutter ein Telegramm: „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland.“ Sie war nun allein, mit 17 Jahren. Meine Großmutter hatte vom Tod ihres Sohnes nicht mehr erfahren, ob der Bruder meiner Mutter (mein Onkel, von dem ich nur aus den Erzählungen meiner Mutter weiß) noch vom Tode der Mutter erfahren hat, wusste sie nicht. Vermutlich aber wohl nicht. Das hoffte sie jedenfalls.

Mein Vater
Er wurde Anfang 1945 mit 16 Jahren noch eingezogen und an die Front in Marsch gesetzt. Doch er ist, wie er sagte, „dort nicht mehr angekommen”. Vorher kam der Befehl zum Rückzug. Seinen Kompanieführer, ein Däne, erwähnte mein Vater mehrmals anerkennend: „Er wollte nur noch, dass wir alle nach Hause kommen.” Es war ein eiliger Fußmarsch von vielen endlosen Kilometern, eine Flucht vor dem heranrückenden „Feind”.

Am Wegesrand habe er viele Erfrorene und Getötete gesehen. Mein Vater ging diesen langen Weg zusammen mit einem etwa 40-jährigen Kameraden, der aus der heimatlichen Nachbargemeinde stammte. Dieser Kamerad fand dann im Straßengraben ein altes Fahrrad. Er sagte: „Junge, nimm das Rad und fahr damit nach Hause”. Das tat mein Vater. Möglicherweise hat es sein Leben gerettet. Er hat seinen älteren Kameraden nie wieder gesehen. Ob er überlebt hat, weiß er nicht. Mein Vater sagte immer: „Er hätte das Rad auch selbst nehmen können.”

Meine Schwiegermutter
Auch ihr Bruder fiel mit 19 Jahren. Er war der Älteste und der einzige Bruder von vier Schwestern, die mit den Eltern zurückblieben.

Mein Schwiegervater
Er war Jahrgang 1921 und meldete sich im Alter von 17 Jahren freiwillig. Er nahm am Russland-Feldzug teil, wurde verletzt und kam ins Lazarett. Nach der Genesung kam er nach Nordafrika. In Tunesien geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. In der Gefangenschaft musste er Südfrüchte auf Schiffe verladen. Auf Entwendung einer Frucht (vor Hunger) stand die Todesstrafe. Er hatte gelernt, vor Erschöpfung im Stehen zu schlafen.

Erst im Jahre 1952 kam er im Alter von 31 Jahren endlich nach Hause. 1953 heiratete er und 1954 wurde das erste Kind (mein späterer Mann) geboren. Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter und meines Mannes schließe ich, dass er auf Grund seiner Kriegserfahrungen wohl an schweren chronischen Depressionen litt. Am rechten Bein hatte er eine Kriegsverletzung davongetragen, die ihm zusätzlich und dauerhaft auch sehr zusetzte. Im Jahre 1968, als er 47 Jahre alt war, sollte das Bein amputiert werden. Das war dann der letzte Auslöser für ihn, sich das Leben zu nehmen. Da war mein Mann 14 Jahre alt, seine jüngere Schwester war neun Jahre. Letztlich forderte der Krieg 23 Jahre nach Kriegsende noch seinen Tribut.

Wir sind die Kinder der Kriegsgeneration. Es war nicht immer leicht mit unseren Eltern. Aber heute weine ich manchmal um sie – und um uns. Ich hoffe inständig, dass der Krieg nachfolgenden Generationen erspart bleibt, auch wenn es manchmal hoffnungslos erscheinen mag. NIE wieder, heißt NIE wieder!

Ich habe fünf Enkelkinder. Mein jetzt neunjähriger Enkel antwortete mir kurz vor seinem achten Geburtstag auf meine Frage, ob er denn wie sein Vater und seine Mutter auch einmal zur Bundeswehr gehen möchte: „Nein, das möchte ich nicht, das ist ja lebensgefährlich!” Das bestätigte ich ihm und auf meine Rückfrage sagte er: „ICH WILL NICHT TÖTEN UND ICH WILL NICHT GETÖTET WERDEN!”. Das waren exakt seine Worte. Ich habe sie täglich im Kopf und sein Wort ist mir Befehl. Diese Metapher sei mir in diesem Zusammenhang ausnahmsweise erlaubt.

Beste Grüße
Angelika Achterkamp 


„Wir mußten das tote Kind im Straßengraben zurücklassen.”

Sehr geehrter, lieber Herr Müller, sehr geehrte Damen und Herren der NDS,

leider komme ich erst heute dazu, eine von vielen Dutzenden Erinnerungen zu formulieren. Bitte entschuldigen Sie den Verzug.

Meine damals vierzehnjährige Mutter erzählte oft diese Geschichte:

Ihre Mutter mußte im März 1945 aus einem kleinen Dorf aus Hinterpommern vor der herannahenden Roten Armee von ihrem mittelgroßen Bauernhof fliehen. Weil mein Großvater schon verstorben war, war meine damals 40-jährige Großmutter allein verantwortlich für ihre 4 halbwüchsigen Kinder und das wenige Hab und Gut, was sie auf dem Pferdewagen mitnehmen konnten.

Mit auf dem Treck war auch ein französischer Hilfsarbeiter sowie andere Dorfbewohner, darunter weitere Verwandte und eine Mutter mit einem Säuglingsmädchen.

Erst wenige Kilometer unterwegs, konnte sie ihr Kind nicht mehr nähren. „Sie hatte keine Milch mehr. Wir mußten das tote Kind im Straßengraben zurücklassen.”

Das war der Grund für meine Mutter ihrer Tochter, 15 Jahre später den Namen dieses Mädchens zu geben. Meine Schwester ist somit lebenslang Erinnerungsträgerin an dieses für meine Mutter traumatische Erleben.

Freundliche Grüße!
Bernd Ebener, Greifswald (*1958)


Die Zugfahrt über die beschädigten Brücken verfolgt mich noch heute.

Sehr geehrtes Team der NDS,

leider komme ich erst heute dazu, von meinen Erinnerungen zu berichten, die mich seit meinen Kindertagen zur absoluten Pazifistin gemacht haben.

Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Essen. Mein Vater war 1943 schon sehr krank und wurde nicht mehr eingezogen. Er blieb in Essen zurück, während meine Mutter und ich nach Sulzberg bei Kempten evakuiert wurden. Da beginnen auch meine Erinnerungen.

Es gab Fliegeralarm, die Sirenen heulten, was noch heute in meinen Ohren schrecklich klingt. Wir saßen im verdunkelten Zimmer oder versteckten uns im Straßengraben, wenn wir auf der Chaussee unterwegs waren. Bei einem Besuch in Kempten gab es Fliegeralarm, wir flohen in den Luftschutzbunker. Nach der Entwarnung lag vor dem Bunker eine Brandbombe und auf dem nahen Bahnhof stand ein Lazarettzug mit verwundeten Soldaten. Diese Bilder sehe ich noch heute nach 80 Jahren.

In den letzten Kriegsmonaten kam auch mein schwerkranker Vater ins Allgäu, da unsere Wohnung in Essen bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Eine Cousine mit einem Kleinkind und einem Baby musste aus Posen fliehen und kam im tiefsten Winter zu uns ins Allgäu.

Nach Kriegsende kamen erst Franzosen und dann Amerikaner ins Dorf. Wir mussten zeitweise die Häuser räumen und in den umliegenden Bauernhäusern unterkommen. 

Meine Eltern wollten dann zurück nach Essen. Die Zugfahrt über die beschädigten Brücken verfolgt mich noch heute. Essen lag in Trümmern und wir hatten lange nur verschiedene Notunterkünfte. Dann starb mein Vater. Meine Mutter bekam Arbeit als Trümmerfrau auf der Margarethenhöhe und auch ein Mansardenzimmer wurde uns zugewiesen.

Ich wurde 1947 eingeschult. Einen Schulranzen hatte ich nicht, sondern nur eine selbstgenähte Stofftasche. Es war eine schwierige Zeit, da meine Mutter aber zum Hamstern aufs Land fuhr, mussten wir nicht hungern. Meine Mutter hat später wieder geheiratet. Mein Stiefvater kam aus Ostpreußen. Er hat über seine Flucht geschrieben. Die Aufzeichnungen befinden sich noch in meinem Besitz. Sollten Sie Interesse haben, würde ich sie Ihnen gerne schicken. 

Obwohl ich schon seit mehreren Jahren eine treue NDS-Leserin bin, ist dies mein erster Leserbrief. Ich bedanke mich recht herzlich für die vielen guten und nützlichen Artikel.

Bitte weiter so, Sie werden gebraucht. 

Mit freundlichen Grüßen 
Mally Hahl


Als die verkohlten Papierfetzen bis nach Moringen flogen

Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,

ihre Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ hat mich sehr berührt und inspiriert, meine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit aufzuschreiben. Die Örtlichkeiten und Personen können Sie gern mit veröffentlichen, sie sind allgemein bekannt.

Mit freundlichen Grüßen

Nachkriegserinnerungen:

Ich wurde 1947 geboren und wuchs in der kleinen Stadt Moringen in Südniedersachsen auf. Über die Kriegszeit erfuhr ich von meiner Familie nur sehr spärlich etwas, wenn ich als 10-/12-jähriger Fragen stellte.

Der älteste Sohn meiner Oma väterlicherseits war in Russland als vermisst registriert, aber seine Mutter sagte: „Der Herrmann hat bestimmt eine nette russische Frau geheiratet und einen kleinen Bauernhof in der Ukraine, irgendwann kommt er zu Besuch und erzählt, wie gut es ihm geht.“ Unter Tränen hat sie ihn dann Anfang der 1960er-Jahre für tot erklären lassen.

Sein jüngerer Bruder, mein Vater, wurde 1944 mit 17 Jahren zur Wehrmacht eingezogen und sollte in Salzgitter feindliche Flugzeuge abschießen. Kurz vor Kriegende warf er seine Waffen weg und ging zu Fuß nach Hause.

Meine Oma hat nicht viel vom Krieg erzählt, nur von der Bombennacht 1943 in Kassel, als die verkohlten Papierfetzen bis nach Moringen flogen und dass die Moringer Juden auf den Knien das Gras aus den Steinritzen der Bürgersteige rupfen mussten, darüber hätte sich keiner aufgeregt, auch dann nicht, als die dann verschwunden waren.

Mein Opa war Lehrer und Tischler und ein Nazi- Gegner: „Die haben den dümmsten Bauern zum Ortsgruppenleiter gemacht, das konnte nichts Gutes werden.“ Aber er musste in seiner Werkstatt für die Wehrmacht Munitionskisten bauen, um zu überleben, und wurde kurz vor Kriegsende noch „zum Schanzen“ eingezogen.

Erst Mitte der 1960-er Jahre haben zwei evangelische Pfarrer (der eine fuhr einen Amischlitten, der andere hatte lange Haare) aufgedeckt, dass es in Moringen ein Konzentrationslager gab. Zuerst war es ein Frauen-KZ, das später nach Ravensbrück verlegt wurde, und dann ein KZ für Jugendliche, „Swingboys, Landstreicher, Verwahrloste und Kleinkriminelle“. Die mussten in der Landwirtschaft und bei der Firma Piller Zwangsarbeit leisten, über 100 wurden ermordet oder verhungerten und wurden auf dem örtlichen Friedhof begraben.

Als das öffentlich bekannt wurde, haben viele Einheimische das geleugnet, dabei haben sie jeden Tag das Klappern der Holzpantinen gehört, wenn die Häftlinge zur Arbeit und wieder zurück getrieben wurden. Der bis 1945 tätige ärztliche KZ- Direktor Dr. Krack hat nach Kriegsende eine Arztpraxis betrieben und einer der Wachleute einen Milchladen aufgemacht. Als Jugendliche haben wir das alles mit Abscheu wahrgenommen und als „Wiedergutmachung“ den von den Nazis verwüsteten Judenfriedhof wiederhergerichtet, dafür wollte uns die Kyffhäuserjugend nachts verprügeln.

Als dann anlässlich der 1.000-Jahr-Feier herauskam, dass in der von einem Göttinger „Historiker“ geschriebenen Chronik als Begründung für den Kriegsbeginn 1939 geschrieben stand, dass nach dem durch einen Juden verübten Attentat auf den deutschen Botschafter in Paris am 07.11.1938 „Deutschland gezwungen war, einen Selbstbehauptungskrieg anzufangen“, wurde die Öffentlichkeit aufmerksam, sodass diese Chronik eingestampft werden musste und neu geschrieben wurde. Darüber wurde sogar in den USA berichtet, und als Folge davon wurden die beiden evangelischen Pfarrer zwangsversetzt.

All diese Ereignisse: das Relativieren der Nazigräuel, die Verharmlosung der Kriegsereignisse und eine systematische Kultur des Vergessens und der Verdrängung haben später für mich zu der Erkenntnis geführt, dass die beginnende Militarisierung und die erstarkenden faschistisch geprägten rechten Parteien wie NPD und auch AfD auf die Nicht-Aufarbeitung der Nazi-Diktatur zurückzuführen sind.

Und wieder wird durch den Aufbau von Feindbildern (die Russen kommen) eine wahnsinnige Aufrüstung betrieben, und wieder profitieren davon die Rüstungsmonopole, die Finanzwirtschaft und deren Aktionäre. Diese Sofakrieger gehen natürlich nicht an die Front, sondern es werden die „normalen“ jungen Menschen in den Krieg geschickt, die dann traumatisiert, zerschossen oder überhaupt nicht wiederkommen.

Wann fangen die Menschen an zu begreifen, was Kriege bedeuten und dass jeder die Pflicht hat, diese zu verhindern?

A. Hilke


Hier können Sie den neunzehnten Teil und hier den zwanzigsten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: Überlebende aus Łódź auf dem Weg nach Berlin. / wikicommons / CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

(Auszug von RSS-Feed)

„Lavender“: Die KI-Maschine, die Israels Bombardements in Gaza steuert (Teil 1)

04. Juni 2026 um 10:00

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Die israelische Armee hat Zehntausende Bewohner des Gazastreifens als potenzielle Zielpersonen für Tötungsaktionen eingestuft – mithilfe eines KI-Zielerfassungssystems, das kaum menschlicher Kontrolle unterliegt, und einer Politik, die hohe Opferzahlen in Kauf nimmt. Dies haben jüdische und palästinensische Journalisten in einer gemeinsamen Recherche aufgedeckt. Von Yuval Abraham.

Im Jahr 2021 erschien ein Buch mit dem Titel „Das Mensch-Maschine-Team: Wie man Synergien zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz schafft, die unsere Welt revolutionieren werden“[*] unter dem Pseudonym „Brigadegeneral Y.S.“ Darin spricht sich der Autor – ein Mann, den wir als den derzeitigen Kommandeur der israelischen Elite-Geheimdienstabteilung 8200 identifiziert haben – für die Entwicklung einer speziellen Maschine aus, die große Datenmengen schnell verarbeiten könnte, um in der Hitze eines Krieges Tausende potenzieller „Ziele“ für Militärschläge zu generieren. Eine solche Technologie, schreibt er, würde das lösen, was er als „menschlichen Engpass sowohl bei der Lokalisierung neuer Ziele als auch bei der Entscheidungsfindung zur Genehmigung der Ziele“ bezeichnete.

Eine solche Maschine, so stellt sich heraus, gibt es tatsächlich. Eine neue Untersuchung von +972 Magazine und Local Call[**] deckt auf, dass die israelische Armee ein auf künstlicher Intelligenz basierendes Programm entwickelt hat, das unter dem Namen „Lavender“ bekannt ist und hier erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Laut sechs israelischen Geheimdienstmitarbeitern, die alle während des aktuellen Krieges im Gazastreifen in der Armee gedient haben und direkt an der Verwendung von KI zur Ermittlung von Tötungszielen beteiligt waren, spielte Lavender eine zentrale Rolle bei den beispiellosen Bombardierungen von Palästinensern, insbesondere in der Anfangsphase des Krieges. Tatsächlich war sein Einfluss auf die militärischen Operationen den Quellen zufolge derart groß, dass die Ergebnisse der KI-Maschine im Prinzip „wie eine menschliche Entscheidung behandelt wurden“.

Formal ist das Lavender-System konzipiert, um alle verdächtigen Akteure in den militärischen Flügeln der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ), einschließlich derjenigen niedrigen Ranges, als potenzielle Bombardierungsziele zu markieren. Die Quellen berichteten +972 und Local Call, dass sich die Armee in den ersten Wochen des Krieges fast vollständig auf Lavender verließ, das bis zu 37.000 Palästinenser – und ihre Häuser – für mögliche Luftschläge identifizierte.

In der Anfangsphase des Krieges erteilte die Armee den Offizieren pauschal die Erlaubnis, Lavenders Tötungslisten zu übernehmen, ohne Verpflichtung, gründlich zu prüfen, warum die Maschine diese Auswahl getroffen hatte, oder die Rohdaten der Geheimdienste zu untersuchen, auf denen sie basierten.

Eine Quelle berichtete, dass menschliches Personal oft nur dazu diente, die Entscheidungen der Maschine „abzunicken”. Sie fügte hinzu, dass man normalerweise jedem Ziel nur etwa „20 Sekunden“ widmete, bevor ein Bombenangriff genehmigt wurde – und dies lediglich, um sicherzustellen, dass es sich bei dem von Lavender markierten Ziel um einen Mann handelte. Und das, obwohl bekannt war, dass das System in etwa zehn Prozent der Fälle als „Fehler“ geltende Entscheidungen trifft und bekanntlich manchmal Personen markiert, die lediglich eine lose oder überhaupt keine Verbindung zu militanten Gruppen haben.

Darüber hinaus griff die israelische Armee die Zielpersonen systematisch in ihren Häusern an – in der Regel nachts, während ihre gesamten Familien anwesend waren – und nicht im Zuge militärischer Aktivitäten. Den Quellen zufolge geschah dies, weil es nach ihrer Einschätzung aus nachrichtendienstlicher Sicht einfacher war, die Personen in ihren Privathäusern zu lokalisieren.

Zusätzliche automatisierte Systeme, darunter eines namens „Where’s Daddy“, das hier ebenfalls erstmals enthüllt wird, wurden speziell eingesetzt, um die Zielpersonen aufzuspüren und Bombenangriffe durchzuführen, wenn diese die Wohnhäuser ihrer Familien betreten hatten.

Das Ergebnis war, wie die Quellen bezeugten, dass Tausende Palästinenser – die meisten davon Frauen und Kinder oder Menschen, die nicht an den Kämpfen beteiligt waren – „aufgrund der Entscheidungen des KI-Programms“ durch israelische Luftangriffe ausgelöscht wurden, insbesondere in den ersten Wochen des Krieges.

„Wir waren nicht daran interessiert, [Hamas-]Aktivisten nur dann zu töten, wenn sie sich in einem Militärgebäude befanden oder an einer militärischen Aktivität beteiligt waren“, erklärte A., ein Geheimdienstoffizier, gegenüber +972 und Local Call. „Im Gegenteil, die IDF bombardierte sie ohne zu zögern in ihren Häusern, als erste Option. Es ist viel einfacher, das Haus einer Familie zu bombardieren. Das System ist konzipiert, um sie in solchen Situationen aufzufinden.“

Die „Lavender“-Maschine ergänzt ein anderes KI-System, „The Gospel“. Informationen darüber wurden in einer früheren Untersuchung von +972 und Local Call im November 2023 sowie in den eigenen Veröffentlichungen des israelischen Militärs bekannt. Ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Systemen liegt in der Definition des Ziels: Während „The Gospel“ Gebäude und Strukturen markiert, von denen aus laut Armee Militante operieren, markiert „Lavender“ Menschen – und setzt sie auf eine Tötungsliste.

Den Quellen zufolge bevorzugte die Armee außerdem, wenn es darum ging, von Lavender markierte mutmaßliche untergeordnete Militante anzugreifen, den Einsatz von ungelenkten Raketen, gemeinhin als „dumme“ Bomben bekannt (im Gegensatz zu „smarten“ Präzisionsbomben), die ganze Gebäude mitsamt ihren Insassen zerstören und erhebliche Opferzahlen verursachen können.

„Du willst keine teuren Bomben an unwichtige Leute verschwenden – das ist sehr kostspielig für das Land und es herrscht ein Mangel [an diesen Bomben]“, sagte C., einer der Geheimdienstoffiziere. Eine andere Quelle gab an, sie hätten persönlich die Bombardierung von „Hunderten“ von Privathäusern mutmaßlicher „Nachwuchskräfte” genehmigt, die von Lavender markiert worden waren. Viele dieser Angriffe töteten Zivilisten und ganze Familien als „Kollateralschaden“.

In einem beispiellosen Schritt beschloss die Armee laut zwei der Quellen in den ersten Wochen des Krieges zudem, dass es für jedes von Lavender markiertes rangniedriges Hamas-Mitglied zulässig ist, bis zu 15 oder 20 Zivilisten zu töten. In der Vergangenheit hatte das Militär bei Attentaten auf rangniedrige Militante keinerlei „Kollateralschäden“ genehmigt.

Die Quellen fügten hinzu, dass die Armee in Fällen, in denen das Ziel ein hochrangiger Hamas-Funktionär im Rang eines Bataillons- oder Brigadekommandanten war, mehrere Male die Tötung von mehr als 100 Zivilisten bei der Ermordung eines einzelnen Kommandanten genehmigte.

Die folgende Untersuchung gliedert sich in die sechs chronologischen Stufen der hochautomatisierten Zielerfassung durch die israelische Armee in den ersten Wochen des Gaza-Kriegs. Zunächst erläutern wir die „Lavender“-Maschine selbst, die unter Einsatz künstlicher Intelligenz Zehntausende Palästinenser markierte. Zweitens enthüllen wir das „Where’s Daddy?“-System, das diese Ziele verfolgte und der Armee ein Signal gab, sobald sie ihre Familienhäuser betraten. Drittens beschreiben wir, wie „dumme“ Bomben ausgewählt wurden, um diese Häuser anzugreifen.

Viertens erläutern wir, wie die Armee die zulässige Anzahl von Zivilisten, die bei der Bombardierung eines Ziels getötet werden durften, gelockert hat. Fünftens zeigen wir auf, wie automatisierte Software die Anzahl der Nichtkombattanten in jedem Haushalt ungenau berechnet hat. Und sechstens zeigen wir, wie in verschiedenen Fällen, wenn ein Haus getroffen wurde, meist nachts, die Zielperson gar nicht im Haus war, weil Militärangehörige die Informationen nicht in Echtzeit überprüft haben.

Schritt 1: Ziele generieren

„Wenn man einmal auf Automatik umgestellt hat, läuft die Generierung von Zielen auf Hochtouren.“

In der israelischen Armee bezeichnete der Begriff „menschliches Ziel“ in der Vergangenheit einen hochrangigen Militärangehörigen, der gemäß den Vorschriften der Abteilung für internationales Recht des Militärs in seiner Privatwohnung getötet werden darf, selbst wenn Zivilisten in der Nähe sind. Geheimdienstquellen sagten gegenüber +972 und Local Call, dass während Israels früherer Kriege – da dies eine „besonders brutale“ Art war, jemanden zu töten (oftmals durch die Tötung einer ganzen Familie neben dem Ziel) – solche menschlichen Ziele sehr sorgfältig markiert wurden und nur hochrangige Militärkommandanten in ihren Häusern bombardiert wurden, um den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nach internationalem Recht zu wahren.

Aber nach dem 7. Oktober – als von der Hamas angeführte Militante einen tödlichen Angriff auf Gemeinden im Süden Israels starteten, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und 240 entführt wurden – nahm die Armee laut den Quellen einen dramatisch anderen Ansatz ein. Bei der „Operation Iron Swords“ beschloss die Armee, alle Aktivisten des militärischen Flügels der Hamas als menschliche Ziele einzustufen, unabhängig von ihrem Rang oder ihrer militärischen Bedeutung. Und das veränderte alles.

Die neue Politik stellte auch ein technisches Problem für den israelischen Geheimdienst dar. In früheren Kriegen musste ein Offizier, um die Tötung eines einzelnen menschlichen Ziels zu genehmigen, einen komplexen und langwierigen „Inkriminierungsprozess“ durchlaufen: Beweise gegenprüfen, dass die Person tatsächlich ein hochrangiges Mitglied des militärischen Flügels der Hamas war; herausfinden, wo sie wohnte; ihre Kontaktdaten ermitteln und schließlich in Echtzeit wissen, wann sie zu Hause war. Als die Liste der Ziele nur ein paar Dutzend hochrangige Aktivisten umfasste, konnten Geheimdienstmitarbeiter die mit der Inkriminierung und Lokalisierung verbundene Arbeit noch individuell bewältigen.

Als die Liste jedoch erweitert wurde und Zehntausende von Aktivisten niedrigerer Ränge umfasste, kam die israelische Armee zu dem Schluss, dass sie sich auf automatisierte Software und künstliche Intelligenz verlassen musste. Das Ergebnis war, so bezeugen die Quellen, dass die Rolle des menschlichen Personals bei der Einstufung von Palästinensern als militärische Aktivisten beiseitegeschoben wurde und KI stattdessen den Großteil der Arbeit übernahm.

Laut vier der Quellen, die mit +972 und Local Call sprachen, hat Lavender, das entwickelt wurde, um menschliche Ziele im aktuellen Krieg zu bestimmen, etwa 37.000 Palästinenser als mutmaßliche „Hamas-Kämpfer“ markiert, die getötet werden sollten – die meisten von ihnen junge Aktivisten (der Sprecher der IDF bestritt in einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call die Existenz einer solchen Tötungsliste).

„Wir wussten nicht, wer diese nachrangigen Aktivisten waren, da Israel sie [vor dem Krieg] nicht routinemäßig verfolgt hatte“, erklärte der hochrangige Offizier B. gegenüber +972 und Local Call und beleuchtete so den Grund für die Entwicklung dieser speziellen Zielgenerierungsmaschine für den aktuellen Krieg. „Sie wollten es uns ermöglichen, die nachrangigen Aktivisten automatisch anzugreifen. Das ist der Heilige Gral. Wenn man einmal auf Automatik umgestellt hat, läuft die Generierung von Zielen auf Hochtouren.“

„Um 5 Uhr morgens kam die Luftwaffe und bombardierte alle Häuser, die wir markiert hatten“, sagte B. „Wir haben Tausende von Menschen getötet. Wir haben sie nicht einzeln durchgesehen – wir haben alles in automatisierte Systeme eingegeben, und sobald sich eine der markierten Personen zu Hause befand, wurde sie sofort zum Ziel. Wir haben sie und ihr Haus bombardiert.“

„Es war sehr überraschend für mich, dass wir aufgefordert wurden, ein Haus zu bombardieren, um einen einfachen Soldaten zu töten, dessen Bedeutung für die Kämpfe so gering war“, sagte eine Quelle über den Einsatz von KI zur Markierung mutmaßlicher rangniedriger Militanten. „Ich gab diesen Zielen den Spitznamen ‚Müllziele‘. Dennoch empfand ich sie als ethischer als die Ziele, die wir nur zur ‚Abschreckung‘ bombardierten – Hochhäuser, die evakuiert und zum Einsturz gebracht wurden, nur um Zerstörung zu verursachen.“

Die tödlichen Folgen dieser Lockerung der Beschränkungen in der Anfangsphase des Krieges waren erschütternd. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza, auf die sich die israelische Armee seit Kriegsbeginn fast ausschließlich stützt, tötete Israel in den ersten sechs Wochen des Krieges – bis zur Vereinbarung eines einwöchigen Waffenstillstands am 24. November – etwa 15.000 Palästinenser.

„Je mehr Informationen und Auswahl, desto besser“

Die Software „Lavender“ analysiert Informationen, die mithilfe eines Massenüberwachungssystems über die meisten der 2,3 Millionen Einwohner des Gazastreifens gesammelt wurden, bewertet und stuft dann die Wahrscheinlichkeit ein, dass die jeweilige Person im militärischen Flügel der Hamas oder der PIJ aktiv ist. Laut Quellen vergibt das System fast jeder einzelnen Person in Gaza eine Bewertung von 1 bis 100, die ausdrückt, wie wahrscheinlich es ist, dass sie ein militanter Kämpfer ist.

Lavender lernt, Merkmale bekannter Hamas- und PIJ-Aktivisten zu identifizieren, deren Daten der Maschine als Trainingsinformationen zugeführt wurden, und lokalisiert dann dieselben Merkmale – auch „Features“ genannt – in der allgemeinen Bevölkerung, erläuterten die Quellen. Eine Person, bei der mehrere verschiedene belastende Merkmale festgestellt werden, erhält eine hohe Bewertung und wird so automatisch zu einem potenziellen Ziel für einen Mordanschlag.

In dem zu Beginn dieses Artikels erwähnten Buch spricht sich der derzeitige Kommandeur der Einheit 8200 für ein solches System aus, ohne Lavender namentlich zu erwähnen. (Der Kommandeur selbst wird ebenfalls nicht namentlich genannt, aber fünf Quellen in der Einheit 8200 bestätigten, dass der Kommandeur der Autor ist. Dies berichtete auch Haaretz.) Der Kommandant beschreibt menschliches Personal als „Engpass“, der die Kapazität der Armee während einer Militäroperation einschränkt, und beklagt: „Wir [Menschen] können nicht so viele Informationen verarbeiten. Es spielt keine Rolle, wie viele Leute man damit beauftragt, während des Krieges Ziele zu generieren – man kann immer noch nicht genug Ziele pro Tag produzieren.“

Die Lösung für dieses Problem, sagt er, ist künstliche Intelligenz. Das Buch bietet eine kurze Anleitung zum Aufbau einer „Zielmaschine“, die in ihrer Beschreibung Lavender ähnelt und auf KI- sowie Algorithmen für maschinelles Lernen basiert. In dieser Anleitung sind mehrere Beispiele für die „Hunderte und Tausende“ von Kriterien enthalten, die die Bewertung einer Person erhöhen können wie etwa, in einer WhatsApp-Gruppe mit einem bekannten Militanten zu sein, das Mobiltelefon alle paar Monate zu wechseln und häufig die Adresse zu ändern.

„Je mehr Informationen und je mehr verschiedene, desto besser“, schreibt der Kommandant. „Visuelle Information, Mobilfunkdaten, Verbindungen in sozialen Medien, Informationen vom Schlachtfeld, Telefonkontakte, Fotos.“ Während diese Merkmale zunächst von Menschen ausgewählt werden, so der Kommandant weiter, werde die Maschine mit der Zeit in der Lage sein, Merkmale selbstständig zu identifizieren. Dies, so sagt er, könne es den Streitkräften ermöglichen, „Zehntausende von Zielen“ zu erstellen, während die tatsächliche Entscheidung, ob diese angegriffen werden oder nicht, weiterhin eine menschliche Entscheidung bleibe.

Das Buch ist nicht der einzige Fall, dass ein hochrangiger israelischer Kommandant auf die Existenz von menschlichen Zielmaschinen wie Lavender hingewiesen hat. +972 und Local Call haben Aufnahmen eines privaten Vortrags erhalten, den der Kommandant des geheimen Data-Science- und KI-Zentrums der Einheit 8200, „Oberst Yoav“, während der KI-Woche der Universität Tel Aviv im Jahr 2023 gehalten hat. Darüber wurde damals in den israelischen Medien berichtet.

In dem Vortrag spricht der Kommandant über eine neue, hochentwickelte Zielmaschine, die von der israelischen Armee eingesetzt wird und „gefährliche Personen“ anhand ihrer Ähnlichkeit mit bestehenden Listen bekannter Militanten erkennt, mit denen die Maschine trainiert wurde.

„Indem wir das System benutzten, gelang es uns, Kommandanten von Hamas-Raketenabteilungen zu identifizieren“, sagte „Oberst Yoav“ in dem Vortrag. Er bezog sich dabei auf Israels Militäroperation im Gazastreifen im Mai 2021, wo die Maschine zum ersten Mal eingesetzt wurde.

Die Folien der Vortragspräsentation, die ebenfalls von +972 und Local Call beschafft wurden, enthalten Illustrationen zur Funktionsweise des Systems: Es wird mit Daten über bekannte Aktivisten der Hamas gefüttert, lernt, deren Merkmale zu erkennen, und bewertet anschließend andere Palästinenser danach, wie sehr sie den Militanten ähneln.

In der Praxis jedoch, so berichten Quellen, die Lavender in den letzten Monaten genutzt haben, wurden menschliches Handeln und Genauigkeit durch die massenhafte Erstellung von Zielen und Letalität ersetzt.

„Es gab keine ‚Null-Fehler‘-Richtlinie“

B., ein hochrangiger Offizier, der Lavender einsetzte, bestätigte gegenüber +972 und Local Call, dass Offiziere im aktuellen Krieg, um Zeit zu sparen und die Massenproduktion menschlicher Ziele ohne Hindernisse zu ermöglichen, nicht verpflichtet waren, die Bewertungen des KI-Systems unabhängig zu überprüfen.

„Alles war statistisch, alles war sauber – es war sehr sachlich“, sagte B. Er merkte an, dass dieser Mangel an Aufsicht geduldet wurde, obwohl interne Überprüfungen zeigten, dass die Berechnungen von Lavender nur in 90 Prozent der Fälle als genau angesehen wurden; mit anderen Worten, es war im Voraus bekannt, dass 10 Prozent der zur Tötung bestimmten menschlichen Ziele überhaupt keine Mitglieder des militärischen Flügels der Hamas waren.

Beispielsweise erklärten Quellen, dass die Lavender-Maschine manchmal fälschlicherweise Personen markierte, deren Kommunikationsmuster denen bekannter Hamas- oder PIJ-Aktivisten ähnelten – darunter auch Polizei- und Zivilschutzmitarbeiter, Verwandte von Militanten, Einwohner, die zufällig denselben Namen und Spitznamen wie ein Aktivist trugen, sowie Bewohner Gazas, die ein Gerät benutzten, das einst einem Hamas-Aktivisten gehörte.

„Wie eng muss jemand mit der Hamas verbunden sein, damit er [von einem KI-System] als Mitglied der Organisation eingestuft wird?“, fragte eine Quelle, die Lavenders Ungenauigkeit kritisierte. „Es ist eine vage Grenze. Ist eine Person, die kein Gehalt von der Hamas erhält, ihr aber bei allen möglichen Dingen hilft, ein Hamas-Aktivist? Ist jemand, der in der Vergangenheit bei der Hamas war, heute aber nicht mehr dort ist, ein Hamas-Aktivist? Jedes dieser Features – Eigenschaften, die eine Maschine als verdächtig markieren würde – ist ungenau.“

Ähnliche Probleme bestehen bei der Fähigkeit der Zielmaschinen, das Telefon einer Person zu analysieren, die als Attentatsziel markiert ist. „Im Krieg wechseln Palästinenser ständig ihre Telefone“, sagte die Quelle. „Die Menschen verlieren den Kontakt zu ihren Familien, geben ihr Telefon einem Freund oder ihrer Frau, verlieren es vielleicht. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu 100 Prozent auf den automatischen Mechanismus zu verlassen, der bestimmt, welche Telefonnummer wem gehört.“

Den Quellen zufolge wusste die Armee, dass die minimale menschliche Überwachung, die vorhanden war, diese Fehler nicht aufdecken würde. „Es gab keine ‚Null-Fehler-Politik‘. Fehler wurden statistisch behandelt“, sagte eine Quelle, die Lavender nutzte. „Aufgrund des Umfangs und der Größenordnung lautete das Protokoll, dass, selbst wenn man nicht sicher weiß, ob die Maschine Recht hat, man weiß, dass es statistisch gesehen in Ordnung ist. Also macht man es.“

„Es hat sich bewährt“, sagte B., der hochrangige Informant. „Dieser statistische Ansatz hat etwas an sich, das dich an bestimmte Normen und Standards bindet. Bei dieser Operation gab es eine unlogisch hohe Zahl von Bombenangriffen. Das ist in meiner Erinnerung beispiellos. Und ich habe viel mehr Vertrauen in einen statistischen Mechanismus als in einen Soldaten, der vor zwei Tagen einen Freund verloren hat. Jeder dort, mich eingeschlossen, hat am 7. Oktober Menschen verloren. Die Maschine hat es kalt erledigt. Und das hat es einfacher gemacht.“

Eine andere Geheimdienstquelle, die das Vertrauen in die von Lavender erstellten Tötungslisten palästinensischer Verdächtiger verteidigte, argumentierte, dass es sich nur dann lohne, die Zeit eines Geheimdienstoffiziers in die Überprüfung der Informationen zu investieren, wenn es sich bei dem Ziel um einen hochrangigen Kommandeur der Hamas handele. „Aber wenn es um einen einfachen Kämpfer geht, will man dafür keine Arbeitskraft und Zeit investieren“, sagte er. „Im Krieg bleibt keine Zeit, jedes Ziel zu überführen. Also ist man bereit, die Fehlerquote beim Einsatz künstlicher Intelligenz in Kauf zu nehmen, Kollateralschäden und den Tod von Zivilisten zu riskieren sowie das Risiko eines falsch gezielten Angriffs einzugehen und damit zu leben.“

Er erläuterte, dass, wenn man die Bewertungsschwelle von Lavender senkte, das System mehr Menschen als Ziele für Angriffe markierte. „Auf dem Höhepunkt gelang es dem System, 37.000 Menschen als potenzielle menschliche Ziele zu generieren“, sagte B. „Aber die Zahlen änderten sich ständig, denn es hängt davon ab, wo man die Messlatte dafür ansetzt, was ein Hamas-Aktivist ist. Es gab Zeiten, in denen ein Hamas-Aktivist weiter gefasst definiert wurde, und dann begann die Maschine, uns alle möglichen Mitarbeiter des Zivilschutzes und Polizeibeamte zu liefern, für die es eine Schande wäre, Bomben zu verschwenden. Sie helfen der Hamas-Regierung, aber sie gefährden Soldaten nicht wirklich.“

Eine Quelle, die mit dem militärischen Data-Science-Team zusammengearbeitet hatte, das Lavender trainierte, sagte, dass auch Daten von Mitarbeitern des von der Hamas geführten Ministeriums für Innere Sicherheit, die er nicht als Militante betrachtet, in das System eingespeist wurden. „Es störte mich, dass beim Training von Lavender der Begriff ‚Hamas-Aktivist‘ sehr weit gefasst wurde und Personen, die im Zivilschutz tätig waren, in den Trainingsdatensatz aufgenommen wurden“, sagte er.

Die Quelle fügte hinzu, dass, selbst wenn man der Meinung sei, diese Menschen verdienten es, getötet zu werden, das Training des Systems auf der Grundlage ihrer Kommunikationsprofile die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass Lavender fälschlicherweise Zivilisten auswählte, wenn seine Algorithmen auf die allgemeine Bevölkerung angewendet wurden. „Da es sich um ein automatisches System handelt, das nicht manuell von Menschen bedient wird, ist die Bedeutung dieser Entscheidung dramatisch: Sie bedeutet, dass man viele Menschen mit einem zivilen Kommunikationsprofil als potenzielle Ziele einbezieht.“

„Wir haben nur überprüft, ob das Ziel ein Mann war“

Das israelische Militär weist diese Behauptungen kategorisch zurück. In einer Stellungnahme gegenüber +972 und Local Call bestritt der Sprecher der IDF, künstliche Intelligenz zur Identifizierung von Zielen einzusetzen, und sagte, es handele sich lediglich um „Hilfsmittel, die Offizieren bei der Identifizierung assistieren“.

In der Erklärung hieß es weiter: „In jedem Fall ist eine unabhängige Überprüfung durch einen [Geheimdienst-]Analysten erforderlich, der verifiziert, dass die identifizierten Ziele legitime Angriffsziele sind, in Übereinstimmung mit den in den IDF-Richtlinien und im Völkerrecht festgelegten Bedingungen.“

Quellen zufolge bestand das einzige Protokoll zur menschlichen Überwachung vor der Bombardierung der von Lavender markierten Häuser mutmaßlicher „jüngerer“ Militanten jedoch darin, eine einzige Überprüfung durchzuführen: sicherzustellen, dass das von der KI ausgewählte Ziel männlich und nicht weiblich ist. Die Annahme in der Armee war, dass die Maschine wahrscheinlich einen Fehler gemacht hatte, wenn das Ziel eine Frau war, da es in den Reihen der militärischen Flügel von Hamas und PIJ keine Frauen gibt.

„Ein Mensch musste das Ziel nur für einige wenige Sekunden überprüfen“, sagte B. und erklärte, dass dies zum Protokoll wurde, nachdem man erkannt hatte, dass das Lavender-System in den meisten Fällen „richtig lag“.

„Zuerst haben wir Kontrollen durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Maschine nicht durcheinanderkam. Aber irgendwann verließen wir uns auf das automatische System und überprüften nur noch, dass das Ziel ein Mann war – das reichte aus. Es dauert nicht lange, um zu erkennen, ob jemand eine männliche oder eine weibliche Stimme hat.“

Um die Mann/Frau-Überprüfung durchzuführen, gab B. an, dass er im aktuellen Krieg „in dieser Phase 20 Sekunden für jedes Ziel aufwendet und jeden Tag Dutzende davon bearbeitet. „Ich hatte als Mensch keinerlei Mehrwert, abgesehen davon, dass ich als ein Zustimmungsstempel fungierte. Das sparte viel Zeit. Wenn der Verdächtige im automatisierten Mechanismus auftauchte und ich überprüfte, dass er ein Mann war, gab es die Erlaubnis, ihn zu bombardieren, vorbehaltlich einer Prüfung der Kollateralschäden.“

In der Praxis bedeutete dies den Quellen zufolge, dass es für zivile Männer, die fälschlicherweise von Lavender markiert wurden, keinen Überwachungsmechanismus gab, um den Fehler aufzudecken. Laut B. trat ein häufiger Fehler auf, „wenn das [Hamas-]Ziel sein Telefon seinem Sohn, seinem älteren Bruder oder einfach einem beliebigen Mann gab. Diese Person wurde dann in ihrem Haus zusammen mit ihrer Familie bombardiert. Das passierte oft. Das waren die meisten Fehler, die durch Lavender verursacht wurden“, sagte B.

Der Beitrag erschien im Original bei +972 Magazine. Aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.

Über den Autor: Yuval Abraham ist Journalist und Filmemacher und lebt in Jerusalem.


[«*] The Human-Machine Team: How to Create Synergy Between Human and Artificial Intelligence That Will Revolutionize Our World“. Online lesbar hier.

[«**] Das +972 Magazine ist ein unabhängiges Onlinemagazin, das von palästinensischen und israelischen Journalisten betrieben wird. Local Call ist eine hebräischsprachige Nachrichtenseite, die sich für Bürgerjournalismus (Citizen Journalism) und unabhängige Medien einsetzt. Beide Projekte arbeiten eng zusammen und bieten Plattformen für Basisaktivismus, politische Analysen und investigativen Journalismus aus der Region.

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (17)


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In dieser 17. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ schildert ein Zeitzeuge seine Beteiligung am „Volkssturm“ als 15-Jähriger und wie eine mutige Entscheidung seines Vorgesetzten ihm das Leben rettete; ein 12-Jähriger macht nach dem Krieg eine Entdeckung über die Russen, eine Familie leidet unter dem Verlust der Heimat, und eine Leserin erinnert sich an ihre Kinderfreundin Lotti.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil, den fünfzehnten Teil sowie den sechzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß

Ich bin 1954 geboren, mein Vater Jahrgang 1929 ist vermutlich einer der letzten lebenden Kriegsteilnehmer. Wir sind beide entsetzt über die zunehmende Militarisierung, den offenen Rassismus gegenüber Russen und die Verharmlosung von Krieg.

Als ich von dem Projekt der NDS mit den Kriegskommentaren erzählte, diktierte er mir folgende Erinnerung von der Teilnahme am Volkssturm:

„März 1945

Ungefähr 20 16-jährige Jugendliche (ich war zu dem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt) sollten unsere Heimatstadt Bernburg vor den anrückenden Amerikanern verteidigen. Wir wurden in die westlich gelegene Stadt Staßfurt transportiert. Dort schliefen wir in einer Schule in Betten ohne Matratzen. Der Feldwebel, der uns begleitete, teilte uns mit, dass er ständig telefonisch mit Städten weiter westlich in Kontakt stand, und sollten dort amerikanische Panzer auftauchen, würden wir informiert. Am nächsten Morgen wachten wir auf und hörten Panzergeräusche. Das müssen unsere sein, waren wir sicher, war aber ein Irrtum. Es war eine Rotte amerikanischer Panzer, die ungehindert in die Stadt fuhren.

Wir erhielten folgende Instruktionen: „Nie auf den Führersitz zielen, nur auf die Breitseite, der Kopf ist meist aus Gusseisen hergestellt, darum mit der Panzerfaust in den mittleren Teil schießen. Das Geschoß explodiert dann und verbraucht sämtlichen Sauerstoff im Inneren des Panzers, sodass Überlebende ersticken. Der Panzerkommandant wird versuchen, durch die Einstiegsluke zu entkommen. Er muss sofort erschossen werden.” So ist jeder Panzer ein Grab für Soldaten. Dass jeder Panzer von Infanterie begleitet wird, wurde nicht gesagt. Die Amis verschafften uns auch nicht den Vorteil und stellten sich quer. Sie fuhren ungehindert durch Staßfurt in Richtung der Kreisstadt Bernburg/Saale mit ihren 38.000 Einwohnern.

„Macht, dass ihr nach Bernburg kommt” sagte der Feldwebel „eine Gruppe südlich, eine nördlich.” Wir machten uns auf den Weg zurück. In Bernburg empfing uns die SS, ausgerüstet mit Maschinenpistolen, die uns unbekannt waren. Wir eilten zu unserem Lager und warteten auf den nächsten Einsatz.

In meinem 2. Einsatz befinde ich mich in einem Schützengraben. Er ist nicht sehr tief, damit ich auch wieder herauskomme. Vor mir ist ein Lager mit Ausländern (Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter). Alle sollten sich in ihre Baracken zurückziehen. Die Franzosen vor mir missachteten den Befehl und versammelten sich vor der Eingangstür zu ihrer Baracke. Man befahl mir, dafür zu sorgen, dass sie in ihre Baracke gehen. Ich krabbelte aus meinem Loch heraus und entsicherte ein langes holländisches Gewehr vor ihren Augen. Da sie befürchteten, ich würde in die Menge schießen, flüchteten sie in das Innere der Baracke. Als ich die Entsicherung des Gewehrs beendet hatte, waren alle Franzosen vom Eingang weg.

Über uns flog ein US-Aufklärer. Auf ihn schoss ich und er drehte ab. In 2 km Entfernung erschienen zwei amerikanische Panzer. Sie drohten mit ihren Kanonen, schossen aber nicht. Für unsere Panzerfaust war die Entfernung viel zu groß, als dass wir sie hätten bekämpfen können. Sie drehten nach einer Weile ab. Die Nacht brach an. Gegen 3 Uhr wurden wir zusammengerufen. Wir wurden von unserem Feldwebel aufgefordert, nach Hause zu gehen. Unter uns kampfbereiten Jugendlichen regte sich Widerstand. „Dies ist ein Befehl!”, sagte unser Anführer Wenzlau. Wir sollten unsere Waffen unbrauchbar machen in unserem Lager in Bernburg. Dann gingen wir nach Hause.

Am gleichen Tag wurde Bernburg von den Amerikanern besetzt. Wenzlau hatte seinen Kopf riskiert, da er gegen den Führerbefehl verstieß, nie zu kapitulieren, rettete aber 20 Jugendliche vor dem vermutlichen Heldentod.

Grit Reichert nach Diktat von Fritz Reichert


„Das sind ja Menschen!“

Meine Tante Agnes berichtete uns einmal von ihrem großartigen Erlebnis im Jahr 1948:

Auf dem Gendarmenmarkt vor der Ruine des Schauspielhauses gab das berühmte Alexandrow-Ensemble ein Konzert. Das seitdem bekannteste Lied war „Du, mein stielles Tal, grjuß Dich tausendmal”. Neben meiner Tante stand ein etwa zwölfjähriger Junge. Sichtlich beeindruckt vom Konzert der Russen, sagte er: „Das sind ja Menschen!“

Ich halte das Beschriebene für sehr bemerkens- und bedenkenswert – auch für die heutige Zeit mit ihrem geschürten Russenhaß.

k.d.


Mein Vater hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.

„Nie wieder Krieg!” – Damit bin ich aufgewachsen.

Ich wurde 1948 in Thüringen geboren. Mein Vater kam schwer verwundet aus dem Krieg zurück, seine beiden Brüder waren gefallen und ihm wurde als Kriegsfolge ein Bein am Oberschenkel amputiert. Danach haben meine Eltern geheiratet.

1950 kamen wir als Flüchtlinge in den Westen. Ich erinnere mich noch an das zerbombte Wuppertal und die Erklärung meiner Mutter: Das war der Krieg!

Der Krieg war für mich so präsent, als hätte ich ihn selbst erlebt. Es wurde viel darüber gesprochen, „Nie wieder Krieg!” Unsere Familien waren in alle Winde zerstreut. Die verlorene Heimat wurde bis weit in die 70er-Jahre beklagt, der Schmerz verging nur langsam. Mein Vater, der mehr als 100 Jahre alt geworden ist, hatte eine ewige Sehnsucht „nach Hause”.

Ich bin heimatlos, denn wo ich aufgewachsen bin, das war nicht meine Heimat, meine Heimat ist Thüringen. Und obwohl ich mein ganzes Leben im Westen verbracht habe, bin auch ich diese Sehnsucht nicht losgeworden.

Meine Mutter hat schlimme Dinge, Kälte und Hunger erlebt. Mein Vater hat Schreckliches erlebt, über das nicht gesprochen wurde, und wir Kinder haben es erst als Erwachsene teilweise erfahren. Wie haben unsere Eltern das alles verarbeitet? Warum waren sie manchmal so komisch?

„Nie wieder Krieg!” Ich kann es nicht fassen, dass wieder die Trommeln gerührt werden.

Brigitta H.


„Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.“

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

hier ist meine Geschichte:

In Ammendorf (Kreis Halle) produzierte die Gesellschaft „Orgacid“ den Kampfstoff S-Lost „Senfgas.“ Wir wohnten dieser „Fabrik” gegenüber. Es wurde natürlich geheim gehalten, was dort ‘fabriziert’ wurde. Ich lief jeden Tag auf dem Schulweg an der riesigen Mauer entlang. Ständig gab es Fliegeralarm.

Meine Eltern schickten mich 1943 nach meinem zweiten Schuljahr (zur Sicherheit) zu einer Tante nach Liebemühl in Ostpreußen, wohin man auch Berliner Schulkinder evakuierte.

Meine Memoiren „A memoir of war and migration – You Don’t Need to be Afraid Here” – habe ich privat drucken lassen. Hier ist ein Ausschnitt aus meinen Erinnerungen:

„Die Schulferien fingen am 15. Juli 1944 an. Ich verabschiedete mich von meiner Lehrerin und den Berliner Kindern und stürmte die Treppe hoch zu unserer Wohnung. Aus heiterem Himmel sagte Tante Mie, wir würden nach Hause reisen. Ich war überglücklich. Wie sie es geschafft hatte, eine Reisegenehmigung und Fahrscheine zu bekommen, denn Reisen für die Zivilbevölkerung waren beschränkt, wußte ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, daß unserer Welt Zusammenbruch drohte: daß östlich und nordöstlich von uns die Russen durch die Baltischen Staaten vorrückten: Vilnius, die Hauptstadt Litauens, war am 13. Juli – 450 Kilometer entfernt – überrannt worden. Die deutsche Wehrmacht verlor eine Schlacht nach der anderen. Kurz darauf waren die Russen in der Nähe von Warschau, 225 Kilometer südlich von uns. Wir packten meinen Koffer und ich zog ein sauberes Dirndl an. Tante Mie flocht mir weiße Schleifen in die Zöpfe.

Von dieser Reise bleibt mir nur eine Erinnerung. Wir wurden in ein überfülltes Abteil geschoben. Die beiden Bänke waren von jungen, erschöpften Soldaten besetzt: einige trugen Verbände. Die meisten schliefen. Sie waren so erschöpft, dass keiner Tante Mie seinen Platz anbot. Ein halbes Dutzend Menschen stand zwischen den Beinen der Soldaten. Der Gestank ungewaschener Körper war überwältigend. Tante Mie und ich standen stundenlang zusammengedrängt. ‘Hör auf zu nörgeln’, sagte sie zu meinem Gejammer. Schließlich bot mir einer der Soldaten an, mich auf seinen Schoß zu setzen. Ich setzte mich steif auf seine knochigen Kniee und klammerte mich an Tante Mie. Ich weigerte mich, mit ihm zu sprechen. Endlich stand ein Soldat auf und bot Tante Mie seinen Platz an. Ich rutschte schnell auf ihren Schoß und schlief ein.

Ich erinnere mich nicht an den Rest der Reise, aber wir erreichten an einem sonnigen Spätnachmittag den Bauernhof in Dobra, wo meine Eltern bei der Ernte halfen. Es war großer Betrieb auf dem Hof. Ein hoch mit Roggengarben beladener Wagen, von zwei Kühen gezogen, fuhr gerade durch das Tor. Dann hörte ich Muttis ‘Helga!’ Ich klammerte mich an sie und schluchzte vor Freude. Niemand hatte eine Ahnung gehabt, daß wir plötzlich auftauchen würden. Meine Eltern machten sich bestimmt Sorgen über die Nachrichten aus Ostpreußen. Die Geschichten, die Tante Mie ihnen erzählte, hätte ich überhaupt nicht verstanden. Ich entfloh der Gesellschaft von Erwachsenen und streifte mit meinem Cousin Erich durch die Felder. Wir waren frei. Der Krieg hatte sich noch nicht in das Leben dieser verschlafenen Ecke der Niederlausitz gedrängt. Der Krieg war noch weit entfernt im Osten. Tante Mie blieb nur ein paar Tage und fuhr dann nach Ostpreußen zurück. Am 20. Juli kam die Nachricht von einem Attentatsanschlag auf Hitler.

Eines Morgens Ende März 1945 schickte mich Mutti nach Halle, um Fräulein Mimi zu besuchen. Auf dem Fußweg entlang der Mauer der Chemiefabrik wehten vertrocknete Grasbündel aus dreckigen Schneehaufen hervor. Dann sah ich zwei alte Frauen langsam Schritt für Schritt auf mich zukommen. Jede trug ein Köfferchen und eine Wolldecke. Ich fing an zu laufen und rief ‘Tante Mie!’ Ich umarmte sie freudig und begrüßte Frau Augustin. (…)

Ich hörte nur Bruchstücke von dem, was die zwei Frauen von ihrer Flucht erzählten. Zwei Monate waren sie unterwegs. Sie hatten Liebemühl am 20. Januar in einem überfüllten Flüchtlingszug verlassen. Es ging eine Strecke westwärts, bis ein Zugunglück ihnen das Gleis versperrte. Bei eisigen Temperaturen kämpften sie sich durch tiefen Schnee, an Toten und Verletzten vorbei. Sie schlossen sich einem endlosen Treck an. Hochbeladene Pferdewagen und Menschen mit überladenen Handkarren verstopften die vereisten Straßen. Die fliehende Bevölkerung wurde von Tieffliegern angegriffen.

Dann hörte ich Tante Mie sagen: ‘… Im Schnee am Straßenrand brachte eine Mutter ein Kind zur Welt … es war totgeboren … die Mutter hat es in einer Schneewehe begraben.’

Dieses Bild hat mich mein ganzes Leben lang verfolgt.”

Helga Woodruff (Copyright © 2021)


Niemand außer uns hat überlebt.

Mein Brief an den Bundeskanzler
kurz nach Kriegsausbruch:

„Guten Tag, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz, mein Name ist Christa Ackermann, ich bin 93 Jahre alt und habe den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt.

Ich bin in Wuppertal-Elberfeld geboren und wir haben damals am Albert Leo Schlageter-Platz im dritten Stock eines Vierfamilienhauses gewohnt, direkt neben dem schönen Rathaus von Wuppertal.

Die nächtlichen Fliegerangriffe auf die westdeutschen Städte sind mir noch gut in Erinnerung und die Warntöne einer Sirene erschrecken mich heute noch. Fast jede Nacht flüchteten wir, meine Mutter, meine kleine Schwester huckepack – und ich mit der gesamten Hausgemeinschaft in den bombensicheren? Luftschutzkeller, der eine Ausstiegsluke hatte, um nach einem eventuellen Luftangriff ins Freie klettern zu können.

Nach dem entsetzlichen Fliegerangriff auf Wuppertal-Barmen, der die Stadt in einer Nacht dem Erdboden gleich bombte, packte meine Mutter die notwendigsten Sachen und flüchtete mit meiner kleinen Schwester und mir zu meinen Großeltern ins Sauerland. So haben wir überlebt, denn einige Tage später erfolgte der Angriff auf Wuppertal (wir haben in dieser Nacht alles verloren und standen vor einem Nichts).

Auf die Schwesterstädte Barmen und Wuppertal wurden Phosphorbomben und Luftminen abgeworfen. Durch die Phosphorbomben wurden flüchtende Menschen in den Asphalt eingebrannt. Die Luftminen verursachen äußerlich Unversehrtheit; aber die Lungen der Menschen platzen, und so erging es meiner kleinen Freundin Lotti, ihrem kleinen zweijährigen Bruder Richard und der Mutter, Frau Arend, unserer Nachbarin.

Niemand außer uns hat überlebt.

Nach dem Angriff wurden die Toten auf dem Wuppertaler Marktplatz aufgereiht. Der Vater von Lotti und Richard (zur damaligen Zeit Soldat an der Ostfront) fand seine Frau, beide Kinder noch fest an der Hand, aufgereiht unter den Toten auf dem Marktplatz von Wuppertal.

Auf dem Foto im Anhang bin ich, ganz rechts im Bild – die Einzige, die überlebt hat.

WIR MACHEN UNS SCHULDIG!
Nie wieder Krieg von deutschem Boden.

gezeichnet
Christa Ackermann“


Hier können Sie den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: Everett Collection / shutterstock.com

(Auszug von RSS-Feed)

Nicht-Nachricht der Woche – Jeffrey Sachs’ Offener Brief an Friedrich Merz

03. Juni 2026 um 10:00

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Jeffrey Sachs ist nicht irgendwer. Der Starökonom von der Columbia University war einst als Sonderberater der UN und für den IWF, die Weltbank, die OECD sowie die WTO tätig und beriet zahlreiche Staaten des ehemaligen Ostblocks wirtschaftspolitisch – ein Schwergewicht der internationalen Diplomatie. Nun hat ebenjener Jeffrey Sachs sich in einem dramatischen Offenen Brief an Bundeskanzler Merz gewandt, in dem er eine sofortige diplomatische Initiative gegenüber Russland fordert, um eine weitere Eskalation des Ukrainekriegs bis hin zu einem direkten Krieg zwischen Europa und Russland zu verhindern. Ein wichtiger, eindringlicher Text, der der Deutungshoheit des Mainstreams widerspricht. Von Jens Berger.

Eigentlich sollte man ja meinen, ein solcher Vorgang sei zumindest berichtenswert. Doch genau das Gegenteil ist geschehen. Mit löblicher Ausnahme von Berliner Zeitung und Weltwoche – die jedoch beide nicht dem Mainstream zuzuordnen sind – wurde Sachs’ lesenswerter Text von den großen deutschsprachigen Medien schlichtweg ignoriert. Ob man Sachs zustimmt oder nicht, ist dabei vollkommen nebensächlich. Die eigentliche Frage lautet: Warum erfährt die deutsche Öffentlichkeit davon praktisch nichts?

Die Antwort führt direkt ins Herz des deutschen Mediensystems. Die klassische Aufgabe von Journalisten besteht darin, relevante Informationen zu vermitteln und gesellschaftliche Debatten abzubilden. Gerade in Fragen von Krieg und Frieden sollten unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht werden. Stattdessen erleben wir seit Jahren das Gegenteil. Bestimmte Positionen werden verstärkt, andere verschwinden aus dem öffentlichen Raum. Nicht durch offene Zensur, sondern durch Ignorieren.

Der Offene Brief von Jeffrey Sachs stellt für viele Redaktionen offenbar ein Problem dar. Nicht weil sein Verfasser unbedeutend wäre. Nicht weil seine Argumente irrelevant wären. Sondern weil sie dem dominierenden Narrativ widersprechen. Sachs beschreibt den Krieg nicht als einfachen Kampf zwischen Gut und Böse. Er kritisiert westliche Entscheidungen, fordert Diplomatie und stellt die derzeitige Eskalationsstrategie infrage. Damit verlässt er den schmalen Meinungskorridor, den große Teile der deutschen Medienlandschaft in den vergangenen Jahren selbst errichtet haben.

Die Folgen dieser Einseitigkeit sind gravierend. Wer die Informationskanäle kontrolliert, bestimmt auch, welche Fragen überhaupt gestellt werden dürfen. Der Gatekeeper entscheidet nicht nur darüber, was berichtet wird. Er entscheidet vor allem darüber, was nicht berichtet wird. Und genau diese Macht wird heute in bemerkenswerter Geschlossenheit ausgeübt.

Dabei wäre gerade die Position von Sachs für eine demokratische Debatte unverzichtbar. Seine Argumente könnten kritisiert, widerlegt oder diskutiert werden. Doch dazu müssten sie zunächst einmal bekannt sein. Stattdessen entsteht für viele Mediennutzer der Eindruck, als gäbe es weltweit nur eine ernstzunehmende Sicht auf den Konflikt. Wer davon abweicht, wird entweder ignoriert oder als Außenseiter dargestellt. Dies ist kein Journalismus mehr, der Debatten ermöglicht. Es ist Journalismus, der Debatten verwaltet.

Anhang: Offener Brief von Jeffrey Sachs an Bundeskanzler Merz

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz,

als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate später hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europäischer Staats- und Regierungschef – weder in Paris, noch in Warschau, noch in Rom – verfügt über das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie persönlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern. Werden Sie sich für den Frieden einsetzen?

Sie selbst forderten im Januar 2026 gemeinsam mit Premierminister Meloni und Präsident Macron die Wiederaufnahme der Beziehungen Europas zu Russland und bezeichneten Russland als „ein europäisches Land“. Dennoch haben Sie die Diplomatie nicht verfolgt. Angesichts der Zukunft Europas, die auf dem Spiel steht, ist dies ein beispielloser Verzicht auf Ihre Führungsrolle. Haben Sie in Ihrer Zeit als Bundeskanzler auch nur einen einzigen substanziellen Dialog mit Präsident Putin versucht? Hat Ihr Außenminister jemals einen substanziellen Dialog mit Außenminister Lawrow versucht? Echte Gespräche, so wie jene, die den Kalten Krieg beendeten? Soweit die öffentlichen Aufzeichnungen belegen, lautet die Antwort: Nein. Nicht ein einziges Mal. Und nicht etwa, weil die Dringlichkeit nicht erkannt worden wäre.

Die vergangenen Tage haben eine gefährliche Eskalation mit sich gebracht, die alle Europäer aufrütteln sollte. Beide Hauptstädte stehen nun unter anhaltendem Beschuss: Ukrainische Langstreckendrohnen haben tief in Moskau eingeschlagen, darunter auch zivile Ziele. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew haben sich massiv verstärkt. Ukrainische Drohnen sind in den Luftraum der baltischen Staaten eingedrungen und haben damit die unmittelbare Gefahr eines Zwischenfalls geweckt, der Europa direkt in den Krieg hineinziehen könnte. Ein entsetzlicher ukrainischer Angriff auf eine Jungenschule in Luhansk hat die letzten Reste der Zurückhaltung weiter untergraben. Am 25. Mai informierte Außenminister Sergej Lawrow auf Anweisung von Präsident Putin den US-Außenminister offiziell darüber, dass die russischen Streitkräfte nun „systematische und anhaltende Angriffe“ auf Einrichtungen und Entscheidungszentren in Kiew durchführen. Das russische Außenministerium riet den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, „die Evakuierung ihres diplomatischen Personals und ihrer Staatsbürger aus der ukrainischen Hauptstadt sicherzustellen“. Diese Nachricht ist der Auftakt zu einer massiven Eskalation. Diplomatie ist dringender denn je.

Der Weg zur Verteidigung der Ukraine ist nicht die Fortsetzung des Gemetzels, sondern ein Frieden zu Bedingungen, die für alle Parteien akzeptabel sind. Stattdessen droht uns eine Eskalation mit noch mehr Toten, noch mehr Zerstörung und der realen Gefahr eines Krieges, der sich über die Ukraine hinaus ausweitet. Indem Sie immer mehr Waffen, immer größere Kriegskapazitäten und immer lautere Demonstrationen von „Entschlossenheit“ fordern und signalisieren, dass Deutschland sich auf einen Krieg vorbereitet, anstatt an dessen Beendigung zu arbeiten, haben Sie Berlin zum Beschleuniger statt zur Bremse eines europaweiten Krieges gemacht.

Deutschlands Verantwortung: Sechs Punkte

Deutschland trägt eine erhebliche Verantwortung für die gegenwärtige Situation. Bevor die deutsche Politik auf Frieden ausgerichtet werden kann, muss Deutschlands Vergangenheit ehrlich aufgearbeitet werden. Im Folgenden führe ich sechs schwerwiegende Versäumnisse der deutschen Außenpolitik gegenüber Russland seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 auf.

Erstens – der 2+4-Vertrag und die Osterweiterung der NATO

Am 12. September 1990 unterzeichnete Deutschland in Moskau den Vertrag über die endgültige Regelung der Angelegenheiten Deutschlands – den „2+4-Vertrag“ –, der die deutsche Wiedervereinigung vollendete. Dieser Vertrag kam zustande, weil Michail Gorbatschow von Hans Dietrich Genscher, Helmut Kohl, James Baker und anderen westlichen Staats- und Regierungschefs die feierliche Zusicherung erhielt, dass die NATO nicht nach Osten expandieren würde. Die freigegebenen Akten – darunter die nun öffentlich zugänglichen Memoranden des National Security Archive der George Washington University – sind eindeutig: Diese Zusicherungen wurden gegeben und sollten sich, wie damals klar formuliert, über das Gebiet der ehemaligen DDR hinaus auf Osteuropa erstrecken. Sie wurden 1990 und 1991 bekräftigt. Der 2+4-Vertrag beschränkt die Stationierung von NATO-Truppen in der ehemaligen DDR und erinnert an die Grundsätze der Schlussakte von Helsinki, die betont, dass die Sicherheit keiner Nation auf Kosten der Sicherheit einer anderen gehen darf. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Sowjetunion westliche Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ablehnte, aber NATO-Armeen in Warschau, Vilnius oder Kiew gleichgültig gegenüberstand? Natürlich nicht. Die NATO-Erweiterung wurde ausführlich erörtert, und Deutschland gab der sowjetischen Führung ausdrückliche Zusicherungen, die Erweiterung nach Osten zu verweigern – und brach diese später. Deutschland profitierte am meisten von diesen Zusicherungen, die die Gegenleistung für die deutsche Wiedervereinigung darstellten. Doch bereits 1993 begannen deutsche Politiker, diese Zusicherungen zu brechen.

Zweitens – Bundeskanzlerin Merkels eigene Aussage

In ihren Memoiren schreibt Angela Merkel mit bemerkenswerter Offenheit, dass sie zum Zeitpunkt des Bukarester Gipfels 2008 verstand, dass die Einladung der Ukraine und Georgiens in die NATO einer Kriegserklärung an Russland gleichkäme. Sie kannte Russlands rote Linie. Und dennoch gab sie dem amerikanischen Druck nach und akzeptierte die Kompromisserklärung, wonach die Ukraine und Georgien irgendwann NATO-Mitglieder „werden können“. Dieser eine Satz setzte die Katastrophen von 2014 und 2022 in Gang. Merkels spätere Offenheit ist ein Geschenk an ihre Nachfolger: Sie hat Ihnen klar und deutlich gesagt, was damals klar war. Deutschland sollte jetzt nicht so tun, als ob nicht.

Drittens – der Verrat am Abkommen vom 21. Februar 2014

Am 21. Februar 2014 vermittelte der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Kiew gemeinsam mit seinen polnischen und französischen Amtskollegen ein Abkommen zwischen Präsident Janukowitsch und der Opposition. Das Abkommen sah die Wiedereinführung der Verfassung von 2004, die Bildung einer nationalen Einheitsregierung und vorgezogene Präsidentschaftswahlen vor. Präsident Putin wurde konsultiert; das Abkommen wurde bestätigt. Es war ein bedeutender diplomatischer Erfolg in einer Situation heftiger Spannungen und offener Gewalt. Doch innerhalb von 24 Stunden wurde Janukowitsch durch einen gewaltsamen Putsch gestürzt. Deutschland bestand nicht auf dem Abkommen, das es gerade noch garantiert hatte. Stattdessen unterstützte Deutschland, dem Beispiel der USA folgend, die neue Regierung, als ob es nie ein Abkommen gegeben hätte. Diese Entscheidung bestärkte Moskau in der Annahme, dass westlichen Unterschriften nicht zu trauen sei.

Viertens – Minsk II

Im Februar 2015 verhandelte Bundeskanzlerin Merkel persönlich das Minsker Abkommen II im Normandie-Format und sicherte in der am 12. Februar 2015 in Minsk verabschiedeten Unterstützungserklärung Deutschlands politische Unterstützung zu. Sieben Jahre lang wurde die zentrale politische Bestimmung – die Autonomie der Donbass-Regionen innerhalb einer souveränen Ukraine – von Kiew nicht umgesetzt. Deutschland übte keinen Druck auf Kiew aus, die von ihm selbst geforderte Autonomiebestimmung umzusetzen. Merkel räumte später ein, dass das Abkommen als Druckmittel genutzt worden war, um der Ukraine die Wiederbewaffnung zu ermöglichen. Präsident Hollande äußerte sich ähnlich. Die Garantie war also in Wirklichkeit keine Garantie. Sie war eine Strategie – wiederum auf Geheiß Washingtons. Wieder einmal lautete die Botschaft an Moskau: Westlichen Unterschriften kann man nicht trauen.

Fünftens – Nord Stream

Am 7. Februar 2022 verkündete Präsident Biden im East Room des Weißen Hauses – in Anwesenheit des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz: „Wenn Russland (in der Ukraine) einmarschiert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben. Wir werden dem ein Ende setzen.“ Auf die Frage nach dem Wie antwortete er: „Ich verspreche Ihnen, wir werden dazu in der Lage sein.“ Sieben Monate später wurden die Pipelines durch einen Sabotageakt in der Ostsee zerstört. Die vorliegenden Beweise – investigative Recherchen in den USA und Deutschland, die Ermittlungen der deutschen Bundesanwaltschaft und öffentliche Aussagen ehemaliger Beamter – deuten überwältigend auf eine gemeinsame ukrainisch-amerikanische Operation hin. Die deutsche Bundesregierung wusste dies schon lange. Und dennoch hat Deutschland zugelassen, dass die öffentliche Schuld entgegen den eindeutigen Beweisen Russland zugeschoben wird, während ein Akt industrieller Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft ungestraft und unbeantwortet blieb.

Sechstens – das Istanbul-Abkommen vom April 2022, das zum Greifen nah war

Nur wenige Wochen nach Russlands Invasion im Februar 2022 trafen sich russische und ukrainische Unterhändler in Istanbul, um die Bedingungen eines Friedensabkommens auszuhandeln: Neutralität der Ukraine außerhalb der NATO, multilaterale Sicherheitsgarantien, vereinbarte Truppenbegrenzungen und die schrittweise politische Lösung der Donbass- und Krim-Frage. Das Abkommen stand kurz vor der Unterzeichnung. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett, einer der Vermittler, bestätigte öffentlich, dass die Einigung kurz bevorstand und dass der Westen – insbesondere die Vereinigten Staaten und Großbritannien – versucht hatte, sie zu verhindern. Die Mission von Premierminister Boris Johnson nach Kiew im April 2022, um die Ukraine anzuweisen, das Abkommen nicht zu unterzeichnen, ist aktenkundig. Hunderttausende ukrainische und russische Menschenleben sowie die gesamte europäische Ordnung haben den Preis für diese US-amerikanisch-britische Intervention bezahlt. Deutschland hat dazu geschwiegen – obwohl Deutschland wie kein anderes europäisches Land die wirtschaftlichen Folgen zu tragen hatte.

Deutschlands wirtschaftliche Selbstzerstörung

Ihre oberste Priorität muss der Frieden sein. Die aktuellen Nachrichten aus Moskau verdeutlichen die Dringlichkeit der Lage. Doch parallel zur ersten Katastrophe bahnt sich eine zweite an: die vorsätzliche Zerstörung der deutschen Wirtschaft, wobei Berlin sowohl Urheber als auch Opfer ist.

Deutschlands Industrie basierte auf dem Handel mit Russland. Die Zerstörung von Nord Stream und der darauffolgende Abbruch der deutsch-russischen Handelsbeziehungen haben dazu geführt, dass Deutschland Erdgas aus den USA zu Preisen kauft, die um ein Vielfaches höher sind als die Preise des russischen Pipelinegases, welches es ersetzt. Dies ist industrieller Selbstmord. Deutschlands Chemieindustrie, Stahlindustrie, Glasindustrie, energieintensive Hersteller – das Fundament des Mittelstands – verlieren Tag für Tag an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Qualifizierte Arbeitsplätze verschwinden aus der deutschen Wirtschaft. Und der deutsche Steuerzahler und der deutsche Verbraucher transferieren nationales Vermögen in einem in der Nachkriegszeit Europas beispiellosen Ausmaß von Deutschland zu amerikanischen Gasproduzenten.

Darüber hinaus plant die Bundesregierung nun einen massiven Rüstungsausbau – Hunderte von Milliarden Euro im kommenden Jahrzehnt –, um sich für einen Krieg zu rüsten, der durch Diplomatie leicht hätte verhindert werden können. Dies ist eine eklatante Fehlallokation nationaler Ressourcen. Die zentrale Herausforderung für Deutschland in diesem Jahrzehnt ist die Wettbewerbsfähigkeit im digitalen Zeitalter. Jeder Euro, der für Panzer, Raketen und Artilleriegranaten ausgegeben wird, fehlt Deutschlands KI-Kapazitäten, seine Chipentwicklung und -fertigung, seine Energieinfrastruktur und die Hochgeschwindigkeits-Digitalnetze, die es benötigt, um eine führende Wirtschaftsmacht zu bleiben.

Die bittere Realität, Herr Bundeskanzler, ist: Mit diesen Waffen lässt sich jene Sicherheit nicht erkaufen, die durch Diplomatie zu einem Bruchteil der Kosten erreicht werden könnte. Und ohne die Investitionen in Digitalisierung und Energie, die durch diese Aufrüstung verdrängt werden, ist kein Wohlstand zu erzielen.

Mein Appell: Herr Bundeskanzler, mehr als jeder andere europäische Staats- und Regierungschef sind Sie gefragt, wenn es darum geht, ob Europa in einen allgemeinen Krieg abgleitet oder zu Verhandlungen und wirtschaftlicher Vernunft zurückkehrt. Es ist höchste Zeit zu handeln. Die aktuelle offizielle Botschaft Moskaus an Washington belegt dies eindeutig. Bitte nehmen Sie den Dialog mit Präsident Putin auf. Bitte entsenden Sie Ihren Außenminister nach Moskau oder laden Sie den russischen Außenminister nach Berlin ein. Bitte öffnen Sie die OSZE-Kanäle wieder, die Deutschland verkümmern ließ. Bitte fordern Sie Kiew auf, die Angriffe auf zivile Ziele einzustellen.

Vor allem aber: Sagen Sie der deutschen Öffentlichkeit die Wahrheit. Ein auf der Neutralität der Ukraine basierender Verhandlungsfrieden ist der realistische Weg aus der Katastrophe, und die Wiederherstellung normaler Wirtschaftsbeziehungen mit Russland ist der realistische Weg aus dem industriellen Niedergang Deutschlands.

Die Bedingungen eines akzeptablen Abkommens, das Deutschland vorschlagen könnte, sind klar: Die Kämpfe werden an einer Waffenstillstandslinie eingestellt. Alle Seiten verzichten auf jegliche zukünftige Gewaltanwendung in Grenzfragen. Die Ukraine stellt ihre Neutralität wieder her, die NATO verzichtet dauerhaft auf eine weitere Osterweiterung. Europa und Russland nehmen ihre Wirtschaftsbeziehungen wieder auf und beenden die Kriegstreiberei. Die OSZE wird wieder zum zentralen Forum für europäische Sicherheit, mit dem Grundsatz, dass europäische Sicherheit unteilbar ist und nicht auf militärischen Blöcken beruht, die Europa spalten. In einem solchen Szenario des Friedens kann Deutschland seine nationalen Ressourcen auf die Investitionen in Digitalisierung, KI, Halbleiter und Energie konzentrieren, die Deutschlands wirtschaftliche Zukunft erfordert.

Die Geschichte wird sich daran erinnern, was Sie in den kommenden Wochen tun und was Sie unterlassen. Dasselbe gilt für die deutsche Öffentlichkeit, die Völker Russlands, der Ukraine und ganz Europas. Es ist Zeit für Diplomatie, Herr Bundeskanzler. Sie haben die Wahl.

Hochachtungsvoll,

Jeffrey D. Sachs
Professor an der Columbia University

Titelbild: Screenshot NDS

(Auszug von RSS-Feed)

Ukrainisches Atomkraftwerk: Beschießen sich die Russen (schon wieder) selbst?


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Das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja wurde vor einigen Tagen beschossen – ein hochgefährlicher Vorgang. Die Atomanlage ist seit Kriegsbeginn von Russland besetzt und darum immer wieder Ziel von militärischen Angriffen. Und immer wieder verweigern es so manche deutsche Leitmedien, die wahrscheinlichen Urheber der Angriffe auszusprechen. Ein Kommentar von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Laut Atomenergiebehörde IAEA ist vor einigen Tagen eine Wand des Atomkraftwerks (AKW) Saporischschja in der Ukraine beschädigt worden – mutmaßlich durch eine Drohne, wie die Tagesschau in einer Meldung berichtet. Zur mutmaßlichen Urheberschaft schreibt das Medium:

„Russland und die Ukraine machten sich gegenseitig Vorwürfe.“

Das AKW in Saporischschja ist immer wieder Ziel von Beschuss, etwa 2025, wie der Spiegel berichtet hatte. Und auch (neben weiteren Vorfällen) schon einmal 2022. Und immer wieder ist ein (vorsätzliches) „Versagen“ in so manchem deutschen Leitmedium festzustellen – sogar angesichts von Angriffen auf ein Atomkraftwerk: Was könnte dramatischer sein? Hier soll beispielhaft auf die Tagesschau eingegangen werden.

Wem nutzt es?

Die russische Atombehörde Rosatom warf der Ukraine laut Tagesschau einen absichtlichen Angriff auf das Atomkraftwerk vor. Die Drohne sei über ein Glasfaserkabel gesteuert worden, ein „versehentlicher Treffer“ sei daher ausgeschlossen, sagte Rosatom-Chef Alexej Likatschew russischen Medien.

Das ukrainische Außenministerium wies die Vorwürfe zurück: Es sei nicht nachvollziehbar, warum die Ukraine ein Kraftwerk auf ihrem eigenen Territorium angreifen sollte, „das sie selbst wieder unter ihre Kontrolle bringen will“, hieß es in einer Erklärung.

Die Tagesschau lässt diese beiden Erklärungen so stehen, als seien sie beide gleich wahrscheinlich. Das ist aber nicht der Fall: Das AKW liegt ja zurzeit eben nicht in ukrainisch kontrolliertem Territorium. Und darum hätte nur die Ukraine einen militärischen Nutzen von einer dortigen Atomkatastrophe. So ein Vorfall würde auch die ukrainischen Bestrebungen stützen, weitere Länder und Institutionen in den Krieg hineinzuziehen. Es geht nicht darum, die russische Darstellung einfach zu übernehmen, aber doch darum, die Indizien für eine Urheberschaft rational abzuwägen.

Die russische Kriegsführung soll hier nicht verniedlicht werden: Auch Russland betreibt „Moral Bombing“. Und es war wahrscheinlich eine russische Drohne, die 2025 das (ukrainisch kontrollierte) AKW Tschernobyl getroffen hat. Dass Russland jetzt einen Waffenstillstand herbeiführen sollte, habe ich hier geschrieben.

Ukraine brüstet sich mit Angriffen auf AKW-Anlagen

Es gibt aber doch Unterschiede: So entsteht der Eindruck, als würde die Ukraine Angriffe auf Gelände von AKW offensiv als legitime Kriegsführung betrachten, die ukrainische Armee hat auch schon mit solchen Angriffen geradezu geprahlt, wie die taz schreibt:

Auch die Ukraine greift immer wieder Atomkraftwerke und deren Infrastruktur an. In einem Video zeigte die ukrainische Armee im Juli 2022, wie sie sich ‚filigran an den Positionen der russischen Okkupanten unweit des AKW abgearbeitet hat‘. Die Einschläge sollen rund 500 Meter von den Reaktoren des AKW Saporischschja entfernt erfolgt sein. Am 26. September 2025 berichtete das ukrainische Portal fbc.biz.ua unter Berufung auf russische Quellen zudem von einem Drohnenangriff in der Nähe des russischen AKW Kursk.“

Angebliches Informations-Patt

Die Masche mit den irreführend als gleich wahrscheinlich dargestellten Erklärungen zu (mutmaßlich vorsätzlichen) Angriffen auf Saporischschja wird in so manchem deutschen Medium bereits seit Jahren praktiziert: Zum Verhalten mancher deutscher Leitmedien bezüglich des Angriffs auf das russisch kontrollierte AKW Saporischschja in 2022 hatte ich damals geschrieben:

Ukrainisches Atomkraftwerk: Beschießen sich die Russen selbst?:

Dass Kiew eine Strategie des Gegenvorwurfs nutzt, sollte nicht verwundern. Fragwürdig ist jedoch die teils zu beobachtende distanzlose Übernahme dieser Version durch manche große Medien. Meist trifft man in den aktuellen Berichten auf die abgeschwächte Version, nach der sich ‚beide Seiten gegenseitig‘ die Angriffe vorwerfen würden. Eine Gewichtung, welche Vorwürfe welcher Seite aus welchen Gründen plausibler sind, wird oft nicht vorgenommen. Das Ergebnis ist eine weitgehende ‚Gleichstellung‘ der Argumente, ein angebliches ‚Informations-Patt‘, an dem man nichts ändern könne. Die Folge davon wiederum ist eine grobe Verzerrung der mutmaßlichen Situation. (…) Betont werden muss aber auch, dass es ohne den russischen Einmarsch die Situation um das AKW nun nicht geben würde, zumindest nicht in dieser Form.“

AKW-Angriffe, Nazi-Kult, Nord-Stream

Fazit: Anstelle einer angemessenen Skandalisierung und ohne die sonst oft  benutzte Emotionalisierung werden die hochgefährlichen Angriffe auf das größte AKW Europas in manchen deutschen Medien nun extra tief gehängt und mit betont trocken gehaltenen Meldungen abgehandelt. Mit (mutmaßlich) vorgetäuschter Naivität wird es zusätzlich vermieden, die Wahrscheinlichkeiten der Täterschaft und die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Erklärung abzuwägen. Man stelle sich den umgekehrten Fall einer wahrscheinlichen russischen Täterschaft vor!

Der Grund für diese Schonbehandlung ist klar: Es wird immer schwerer, die Unterstützung für eine ukrainische Regierung zu rechtfertigen, die (unter anderem) mutmaßlich AKW angreift, teilweise einen Nazi-Kult pflegt und unter dringendem Verdacht steht, in antideutschen Staatsterrorismus verwickelt zu sein (Nord Stream).

Titelbild: Runawayphill / Shutterstock

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (16)


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In dieser 16. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ erfahren wir von schrecklichen Erlebnissen bei der Flucht aus Schlesien und von den Erinnerungen eines kleinen Jungen an fliegende Funken bei einem Brandbombenangriff. Eine Leserin erinnert sich an die Phosphorbomben auf Düsseldorf und daran, wie ihre Familie sich in Armut und Krieg durchschlug. Im letzten Beitrag geht es um Trauer in der Familie und die Verantwortung für heutige Kinder und Enkel.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil, den vierzehnten Teil sowie den fünfzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Meine Haare brennen

Sehr geehrtes NDS-Team,

mein verstorbener Vater (Jahrgang 1932) erzählte von einer Begebenheit, die er als Vertriebener aus Schlesien im Flüchtlingstreck erlebt hat. Die Flüchtlinge mussten einen Fluss über eine Brücke überqueren. Die Brücke wurde von polnischen Soldaten kontrolliert. Alle Flüchtlinge mussten ihre Wertsachen den Soldaten übergeben. Eine junge Frau mit einem Säugling auf dem Arm wurde kontrolliert und gab an, keine Wertsachen zu haben.

Daraufhin durchsuchte ein Soldat die Frau und fand ihren Ehering, der im Rock eingenäht war. Der Soldat riss ihr daraufhin den Säugling aus den Armen und warf ihn in den Fluss.

Meine verstorbene Mutter (Jahrgang 1934) wohnte in einer Mansardenwohnung mit ihren Eltern und ihren 4 Schwestern in der Nähe des Krankenhauses. Nach einem Bombenangriff auf den Güterbahnhof fuhren LKWs mit verletzten Soldaten an ihrem Haus vorbei zum Krankenhaus. Sie konnten von oben sehen, wie die verletzten Soldaten auf den Pritschen der LKWs lagen, und ihre Schmerzschreie hat sie nie vergessen.

Ein Nachbar (Jahrgang 1940) erzählte uns, wie seine Mutter mit ihm auf dem Arm aus dem Haus flüchtete, da das Haus bei einem Bombenangriff von einer Brandbombe getroffen wurde. Die Angst, die dieses Kind und seine Mutter hatten, hat sich tief in die Erinnerung eingegraben, sodass er bis heute die Eindrücke des brennenden Hauses noch vor Augen hat, obwohl er in einem Alter war, in dem er noch nicht richtig sprechen konnte. Aber was er während der Flucht aus dem Haus rief, hat ihm seine Mutter noch erzählt. Durch die herabfliegenden Funken rief er immer wieder: „Meine Hage bennt”, sollte heißen: Meine Haare brennen.

Mein Schwiegervater (Jahrgang 1940) ist nur durch Zufall dem Tod entkommen. Er spielte draußen mit seinem Freund zusammen und wurde von seiner Mutter hereingerufen, damit er seinen Mittagsschlaf abhalten sollte. Sein Freund spielte alleine draußen weiter. Kurz darauf gab es Fliegeralarm, manchmal kam dieser jedoch zu spät. So lief mein Schwiegervater (damals ca. 5 Jahre alt) nach dem Bombenangriff nach draußen, um seinen Freund zu suchen. Man fand ihn zusammen mit einem erwachsenen Mann, der sich offensichtlich schützend über den Jungen geworfen hatte. Beide waren jedoch tot.

Die Oma meiner Schwiegermutter hat auch nach Kriegsende während eines Gewitters mit gepackten Koffern zusammen mit ihren beiden Töchtern auf der Bettkante gesessen und das Ende des Gewitters abgewartet. Dieses Verhalten hörte ich von anderen Bekannten.

In dieser Hinsicht möchte ich daran erinnern, dass die oben genannten Erfahrungen sicher auch von den Menschen im Gazastreifen, im Libanon, im Iran und überall dort, wo Krieg geführt wird, heute noch gemacht werden.

Wie schlimm derartige Dinge sind, kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man sie selbst erlebt hat oder über sehr viel Empathie verfügt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft die Empathie in sehr engen Grenzen hält. Im Hinblick auf unsere derzeitigen politischen Führungskräfte kann ich keinerlei Empathie oder auch nur Fürsorge – nicht einmal für die eigenen Bürger – erkennen.

Vielen Dank für Ihre Arbeit bei den NachDenkSeiten.

Es grüßt Sie

Ralf Glahn


Menschen versuchten, sich in den Rhein zu retten

Liebes NDS-Team,

ich bin Jahrgang 1957, also 12 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ins „Wirtschaftswunder“ geboren. Mein Bruder wurde am 10. Mai 1945 geboren und hat als noch Ungeborener die Schrecken der Bombennächte erlebt und die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Er kannte das verwüstete Düsseldorf.

Meine engste Familie (Großeltern, Eltern und deren Geschwister) haben alle den Krieg überlebt. Einige Großtanten haben Männer (auch bereits im Ersten Weltkrieg) und Söhne verloren, ein Onkel sein Bein.

Mein Großvater (*1890) war in Verdun, wo er durch einen Granatsplitter der eigenen Leute (heißt heute wohl „friendly fire“) eine Kopfverletzung erlitt, die ihm letztlich sein Leben gerettet hat, denn als Kriegsinvalide kam er nach Hause und wurde auch im folgenden Krieg nicht eingezogen.

Meine Mutter (1925) und meine Großeltern lebten in Düsseldorf. Meine Mutter war im BDM (Bund Deutscher Mädel). Sie war 14 Jahre zu Kriegsbeginn, und als 1940 die ersten Bomben auf Düsseldorf fielen, war das für die Menschen in und um Düsseldorf eine Attraktion, die Sensationstourismus hervorbrachte. Aber schon bald wurden die Bombenangriffe heftiger und Düsseldorf wurde fast täglich bombardiert, d.h. die Nächte mussten in Luftschutzkellern der Häuser verbracht werden.

Die Familie lebte in Benrath im Süden der Stadt, die Angriffe galten eher den Innenstadtbezirken und nördlichen Bezirken, auch insofern hatten sie „Glück“, sie wurden nicht ausgebombt und wohnungslos. 1945 bestand Düsseldorf aus Schutt und Asche, nur sehr wenige Wohn- und Geschäftshäuser und öffentliche Gebäude standen noch.

Mein Vater (*1919) stammte aus Urach in Süddeutschland, er war in der HJ (Hitlerjugend). Nach Ableistung seines Arbeitsdienstes wurde er eingezogen und war 20 Jahre, als der Krieg begonnen wurde. Er hatte „Glück”, er war anfangs in Norwegen, später in Deutschland und zuletzt in der Nähe von Düsseldorf bei der Flugabwehr stationiert.

Es wurden auch Phosphorbrandbomben auf Düsseldorf geworfen. Meine Eltern erzählten, dass Menschen versuchten, sich in den Rhein zu retten, aber der Phosphor ließ sich im Wasser nicht löschen, im Gegenteil.

Die Erzählungen von den Tieffliegern, die auf alles, was sich bewegte, schossen, haben sich mir besonders ins Gedächtnis gegraben.

Meine Großeltern waren keine Widerstandskämpfer, aber sie waren auch keine Nazis. Ich glaube auch nicht, dass sie den Nazis 1933 ihre Stimme gegeben haben, ich weiß es aber nicht. Was ich weiß: Mein Großvater war lange erwerbslos, das Geld reichte kaum zum Leben und meine Mutter bekam von der Vermieterfamilie Mittagessen, was dann in der Familie geteilt wurde. 1933 hat mein Großvater eine Stelle bei der DEMAG (Deutsche Maschinenfabrik AG) bekommen, meine Großmutter und ihre Schwester tanzten vor Freude.

Nach Ende des Krieges arbeitete mein Großvater für ein Mittagessen und Brot bei einem Bauern, das Brot war für Frau und Tochter.

Meine Eltern haben 1944 geheiratet. In Urach war die Not weniger groß und meine Familie in Düsseldorf erhielt von dort Unterstützung. Urach hat erst 1945 fünf Luftangriffe erlebt.

In meiner Familie wurde über das Naziregime, KZ, Judenverfolgung, Verfolgung von Kommunisten u.a., den bestialischen Krieg gesprochen, über Propaganda und Verführung der Kinder und Jugendlichen, auch darüber, dass 1943 die im Sportpalast in Berlin Versammelten auf die Frage von Goebbels „Wollt ihr den totalen Krieg?” voller Inbrunst und Begeisterung „Jaaaa!” brüllten.

Von meinen Eltern und Großeltern habe ich gelernt, was Propaganda und Manipulation anrichten und was Krieg bedeutet: Tod, Elend und Verzweiflung für die einfachen Menschen. Nie wieder sollte dergleichen von diesem Land ausgehen.

Ich fühle mich manchmal verzweifelt, wenn ich dieses Land heute betrachte, und ich schäme mich für Politik und Medien in diesem Land. Und ich bin froh, dass es Sie alle gibt, Sie sind mir eine Familie geworden.

Friedvolle und herzliche Grüße

Renate Lau-Gaiser


Sie hatte ein Foto vom Grab ihres Sohnes in ihrem Schlafzimmer

Hallo liebes NDS-Team,

Gott sei Dank, sind wir bisher noch vom Krieg verschont geblieben. Aber leider gibt’s in unserem Land viele, die entweder nichts wissen und/oder Krieg für ein Computerspiel halten. Inzwischen ist leider aus meinem direkten Umfeld niemand mehr am Leben, der den 2. WK bewusst erlebt hat.

Ich selbst wurde 1962 geboren und bin in Meißen aufgewachsen.

Im Nachhinein ärgere ich mich sehr darüber, dass ich nicht nachdrücklicher nachgefragt habe und damals auch nichts aufgeschrieben habe. Denn leider haben sowohl meine Großeltern als auch meine Eltern nicht gern über diese Zeit gesprochen.

Eine wichtige Berührung mit den Schrecken des Zweiten Weltkrieges hatte ich durch meine erste Klavierlehrerin. Sie hatte die Zerstörung Dresdens miterleben müssen, dabei außer ihrem Zuhause auch ihre Mutter verloren und war dann bei ihrem Bruder untergekommen, der Arzt in Meißen war.

Meine Heimatstadt wurde glücklicherweise von der Zerstörung durch Bomben verschont.

Während meiner Grundschulzeit (Unterstufe) hatte ich einen sehr guten Lehrer, der sehr viel Wert auf die Erziehung zur Friedensliebe gelegt hat. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das erste Mal in Dresden die Ruine der Frauenkirche gesehen habe, jedenfalls ist auch durch diesen Anblick in mir die grundlegende Überzeugung, Nie wieder Krieg, gewachsen.

Und auch heute, bei aller Anerkennung der Leistungen zur wieder aufgebauten Frauenkirche, die ich auch mit meiner Mutti besucht habe, bin ich der Überzeugung, dass die Ruine als Mahnung hätte stehen bleiben sollen.

Gerade jetzt, wo Deutschland, zumindest die herrschenden Eliten, die Schrecken und Leiden des 2. WK vollkommen ausblenden und die gefährliche Militarisierung und Aufrüstung betreiben.

Ich muss in letzter Zeit sehr oft an meinen Vati denken, er war noch als junger Mann eingezogen worden, war an der Westfront und dann in Gefangenschaft in den berüchtigten Rheinwiesen-Lagern. Mit zwei seiner ehemaligen Kameraden war er lebenslang befreundet.

Übrigens, sowohl meine Mutti und mein Vati haben ihre einzigen Brüder im Krieg verloren. Meine Oma hatte ein Foto vom Grab ihres Sohnes in ihrem Schlafzimmer –

Von Muttis Bruder Heinz weiß ich nur, dass er Funker an der Ostfront war und 1944 mit 19 Jahren gefallen ist.

Vom Bruder meines Vaters ist mir noch weniger bekannt. –

Mein Vati, Jahrgang 1926, ist Ende 2007 gestorben. Im Nachgang ärgere ich mich sehr über mich selbst, dass ich ihn nicht mehr ausgefragt habe.

Auf jeden Fall, mein Vati und auch sein bester Freund, der mit ihm in Krieg und Gefangenschaft war, haben ihr ganzes Leben „Nie wieder Krieg” aus tiefster Seele vertreten. Auch hatten sie keinen Hass auf die Russen.

Wobei sie sogar dafür Gründe gehabt hätten, denn sie haben miterlebt, wie die Anlagen ihrer Betriebe demontiert wurden und gen Osten abtransportiert wurden. Mein Vater hat dann seine Chance genutzt und studiert und danach als Konstrukteur gearbeitet.

Bei meiner Mutter sah es anders aus. Da ihr Bruder nicht wiedergekommen war, hat sie es als ihre Pflicht angesehen, zu Hause zu bleiben und ihren Eltern in der Landwirtschaft zu helfen. Erst als mein Opa bereit war, der LPG beizutreten, hat sie den elterlichen Hof verlassen.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, war gerade bei den Eltern meiner Mutti eine ständige Traurigkeit und Sprachlosigkeit erkennbar. Sie hatten ihren Sohn verloren, und beim Radiohören wurde der Name des Dirigenten des Leipziger Orchesters genannt – es war der Name ihres gefallenen Sohnes.

Inzwischen habe ich außer meinem erwachsenen Sohn auch zwei niedliche kleine Enkelsöhne und ich bin sehr besorgt um deren Zukunft.

Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der 2. WK mit seinen fürchterlichen Auswirkungen und Folgen sich nicht wiederholen wird und alles zur Friedenserhaltung getan wird. Aber jetzt habe ich die Befürchtung, dass unser Land, auch durch den wiedererwachten Größenwahn, als Führungsmacht das Weltgeschehen beeinflussen will.

Was muss noch geschehen, damit die Leute endlich aufwachen?

Viele Grüße,

Christina Merbitz


Hier können Sie den siebzehnten Teil und hier den achtzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: daengnambung / shutterstock.com

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (15)


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„Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mußte: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir übten das oft aus Spaß beim Fangenspielen.“

Ein Beitrag von unserem Leser Uwe Strohmeyer zu unserem Aufruf.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil, den dreizehnten Teil sowie den vierzehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Der Horizont war über die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte.

Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,

anbei mein Beitrag. Er ist nun länger als ein kurzes Schlaglicht geworden. Ich kenne Ihre redaktionellen Erfordernisse nicht, daher habe ich den Text so gelassen, wie er mir „aus den Fingern kam“. In meinen Augen erscheint alles darin Gesagte wichtig. Vielleicht können Sie es dennoch, evtl. mit Kürzungen, verwenden.

Angesichts meiner Erlebnisse und Erinnerungen stehen mir die Haare zu Berge bei dem jetzigen Kriegsgeschrei in Europa und dem Rassismus gegenüber Rußland, vor allem in Deutschland. Ich kann die Verantwortlichen, die das tun und die, die ihnen zustimmen, nur als Wahnsinnige im Sinne von Arno Gruen[*] bezeichnen (Gruen steht hier natürlich nur als ein Beispiel von vielen kompetenten Autoren, die sich diesem Thema widmen). Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt, ja kennen sie nicht einmal, halten oder erklären Ideologie für Realität. Umso mehr geht mein Dank an Sie, das NachDenkSeiten-Team, für Ihre umfangreiche, kenntnisreiche und sachliche Berichterstattung seit 2003. Machen Sie bitte weiter so – ein Lichtblick im gegenwärtigen Dunkel.

Herzliche Grüße
Uwe Strohmeyer

Erinnerungen gegen den Krieg:

Ich bin im November 1941 in Meißen geboren. Ich wohnte mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner Großmutter in Brockwitz, heute Neu-Sörnewitz, einer Arbeitersiedlung am östlichen Rand von Meißen. Meinen Vater kannte ich nicht, er war im Krieg.

Wir waren umgeben von mehreren Fabriken und dem großen Gaswerk mit riesigen Gasbehältern. Die Einfahrt zur größten Fabrik lag ca. 50 m schräg gegenüber unserem Wohnhaus. Eine Industriebahn fuhr täglich mit großen Waggons vor unserem Haus hin und her. Die Elbe, deren Ufer einer meiner Spielplätze war, war ca. 1 km entfernt. Hinter dem Haus, im Hof befanden sich viele Kaninchenställe, in denen alle Hausbewohner ihre Kaninchen für eine Fleischmahlzeit hielten. Ich war öfter beim Schlachten dabei.

Ich ging immer wieder mit meinen Kinderfreunden auf die Felder zum Klauen

Da die Lebensmittel knapp waren und das Geld, das meine Mutter und meine Tante im Büro verdienten, oft nicht reichte, ging ich, sobald ich laufen konnte, oft mit meiner Großmutter oder meiner Tante zu den umliegenden Bauern, um Lebensmittel im Tausch zu erhalten. Wir wurden häufig höhnisch oder aggressiv abgewiesen. Daher ging ich immer wieder mit meinen Kinderfreunden mit Rucksäcken, Taschen und Körben gemeinsam auf die Felder am Rand der Siedlung zum Klauen: Möhren, Kartoffeln, Rüben, Zuckerrüben, alles, was wir fanden. Kräuter, die wir alle kannten, fanden wir am Wegesrand oder im naheliegenden Bahnwäldchen.

Der Himmel war hell erleuchtet, über uns tausende von dröhnenden Bombern

Es gab oft Luftalarm. Alle Hausbewohner rannten dann mit wenigen Habseligkeiten in den Gewölbekeller, wo wir dann stundenlang bei Kerzenlicht saßen, häufig mit Gasmasken auf. Ich hatte eine spezielle Kindermaske, unter der ich immer Beklemmungen bekam. Die Angst der Erwachsenen war deutlich spürbar, manche weinten. Eines Nachts, wir saßen schon länger im Keller, hörten wir ein Dröhnen. Herr K., unser Luftschutzwart, ging hinaus, um nachzusehen. Er rief laut, wir sollten rauskommen. Alle Erwachsenen und Kinder standen schließlich erstarrt auf der Straße, der Himmel war hell erleuchtet, über uns tausende (?) von dröhnenden Bombern, dicht an dicht. Sie flogen Richtung Dresden, warfen laufend Magnesiumfackeln ab. Ringsum stachen die grellen Scheinwerfer der FLAK in den Himmel und man hörte ihre Maschinenkanonen knallen.

Der Horizont war über die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte.

Ich stand mit Walther, meinem Spielfreund aus dem Haus, zwischen den Erwachsenen. Keiner kümmerte sich um uns, keiner sprach. Ich wußte, daß Tante H., eine Freundin unserer Familie, die wir oft besucht hatten, mit ihrer kleinen Tochter in Dresden war. Viele Jahre später wurde mir plötzlich mit Schrecken bewußt, daß seit diesem Tag niemand mehr in meiner Gegenwart von ihnen sprach.

Der Pilot mit seiner Brille in der Glaskanzel winkte mir zu

Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespräche, die von Tieffliegern handelten, die auf Fußgänger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag überall spielen: im Gaswerk, auf den Straßen, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im Wäldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mußte: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir übten das oft aus Spaß beim Fangenspielen.

Meine Großmutter, die wegen ihrer Staublunge (von der Arbeit im Ziegelwerk) nicht mehr arbeiten konnte und den Haushalt führte, kümmerte sich tagsüber um mich, ließ mich bei der Hausarbeit und beim Einkaufen mitmachen, zeigte mir zu meinem Vergnügen viele Handgriffe und Essenszubereitungen. Manchmal mußte sie zum Arzt, ein langer Fußweg nach Meißen, so daß sie stundenlang fort war. Frau R., Walthers Mutter, ‚übernahm‘ mich dann. An einem solchen Tag war ich ihr ‚entwischt‘ und verbotenerweise zum Elbufer gegangen, um dort wachsendes Schnittlauch zu pflücken. Auf dem Rückweg auf der Cliebener Straße, rechts war die Fabrikmauer und ich sah schon unser Haus, überholte mich auf dem Rad Herr N., ein älterer entfernter Nachbar, der von den Wiesen sein Kaninchenfutter holte.

Ich hörte plötzlich ein bekanntes Geräusch: Tiefflieger! Ich sah mich um, eine Maschine bog gerade von der Elbe in unsere Richtung ab, sie flog etwa in Haushöhe, ich dachte, sie landet, sprang an die Mauer und versteckte mich hinter einem Vorsprung. Es knallte und peitschte, Sirren, Motorkreischen, Herr N. hob aus dem Sattel ab, überschlug sich nach vorn und blieb liegen. In einem Impuls rannte ich los, um ihm aufzuhelfen. Da sah ich die nächste Maschine auf mich zu kommen. Ich erstarrte und sah ihr wie festgeklebt entgegen. Ich sah den Piloten mit seiner Brille in der Glaskanzel, er winkte mir zu und wackelte mit den Flügeln. Ich sah die Ringe am Rumpf und den Flügeln: blau-weiß-rot. Dann zog die Maschine mit rasendem Motor nach oben. Der Luftzug riß mich fast um.

Erst bei Frau R., die alles angesehen und mich geholt hatte, kam ich wieder zu mir. Jahrzehnte später forschte ich nach, welche Flugzeuge das waren. Es waren englische Spitfire, die ich auf Abbildungen sofort wiedererkannte an der Form und den Hoheitszeichen.

Am Ende des Krieges erlebte ich die Ankunft der Roten Armee in unserer Siedlung. Alle hatten Angst vor den Russen. Wir sahen aus den Fenstern, als die ersten Panzer einfuhren. Sie zerstörten beim Abbiegen vor unserem Haus die Straßenkreuzung, parkten dann vor dem Haus und in der Nebenstraße. Die Soldaten waren sehr freundlich zu uns und den anderen. Manche sprachen fließend Deutsch. Sie nahmen mich auf den Arm, brachten uns Schokolade und Kirschen. Ich durfte auf den Panzern herumturnen. Sie brachten mir Russisch bei, was ich eifrig gebrauchte. Später erfuhr ich, daß fast die Hälfte davon Schimpfwörter waren – daher das Gelächter der Soldaten.

Die Fenster waren total vereist

Im Sommer 1947 fuhr meine Mutter mit mir nach Braunschweig zu meinem Vater in die 4-Zimmer-Wohnung seiner Eltern. Mein Großvater betrieb dort eine Schneiderwerkstatt. Wir wohnten dort sechs Jahre lang in einem einzigen Zimmer. Anfangs spielte sich das Meiste aufgrund von Spannungen zwischen Eltern und Großeltern hier ab: Schlafen, Waschen, Essen, Schularbeiten, Studienarbeiten meines Vaters, der Bauingenieurwesen studierte. Mein Bett war nur durch eine spanische Wand abgetrennt, ich konnte jedes Wort hören. Heizung gab es nicht, im Winter war es immer unter 0° C, die Fenster total vereist. Jeden Morgen mußten wir den Küchenherd und die Öfen im Wohnzimmer und Werkstatt mit Holz bzw. Kohle anheizen. Ich mußte oft Kohlen und Holz aus dem Keller holen, der kein elektrisches Licht hatte. Später aßen wir gemeinsam im Wohnzimmer und Küche und verbrachten gemeinsame Abende. Meine zweite Großmutter brachte mir Kochen bei und vieles andere, was mir heute noch von Nutzen ist. Zu meinem Großvater durfte ich immer in die Werkstatt und zusehen.

Niemand beantwortete unsere Fragen danach

Zu den anderen Kindern auf der Straße fand ich schnell Kontakt. Unser Spielplatz war vor allem auf der Straße und im Übrigen in der ganzen Stadt, auf den Trümmergrundstücken, in den Parks und am Mittellandkanal. Niemand kontrollierte uns. Wir mußten nur zum Essen zu Hause sein, manchmal Einkaufen gehen.

Wir gingen oft ins verbotene „Läusekino“, ein Kino in den ehemaligen Kasernen in unserer Nähe, in denen Massen an Flüchtlingen untergebracht waren. Es kostete nur einen Groschen (Vor Juni 1948 zehn Pfennig Besatzungsgeld). Vor dem Film gab es immer „Fox tönende Wochenschau“, zu deren Beginn jedesmal unkommentierte Filmaufnahmen aus den KZs gezeigt wurden: Leichen wurden in riesige Öfen geschoben, Massen von Leichen von Frontladern in riesige Gruben geworfen, Kamerafahrten über Leichenberge, halbverhungerte Kinder, die im Schnee standen, Massen von zerlumpten gebeugten Männern und/oder Frauen mit Werkzeugen, die sich durch den Dreck schleppten usw., das reine Grauen. Wir verstanden das nicht und niemand beantwortete unsere Fragen danach. Später hat mir als Einzige meine Großmutter alles erzählt.

Übrigens hatten wir nie Läuse!

Die Braunschweiger mittelalterliche Innenstadt war von der britischen Luftwaffe fast vollständig zerstört worden. Die umgebenden Bürgerhäuser waren bis auf wenige Ausnahmen nicht beschädigt. Ebenso waren die Industrieanlagen und der damals modernste Güterbahnhof Europas am östlichen Stadtrand vollständig erhalten. Ich las später eine Veröffentlichung der britischen Armeeführung, daß die Piloten den Befehl hatten, nur die Braunschweiger Innenstadt mit Wohnhäusern und Läden mit Brandbomben zu zerstören.

Überall begegneten wir bettelnden Soldaten

Durch die gesamte Stadt zogen sich die Schienen der „Trümmerbahn“, die Schutt abfuhr oder Material zu Baustellen brachte. An allen möglichen Stellen standen Frauen und Männer, meist mehr Frauen, die Steine klopften oder brauchbare Trümmer sortierten. Auf vielen Trümmergrundstücken wohnten Menschen, Familien, Einzelne oder Paare, die mühsam versuchten, wiederaufzubauen. Die Räume waren offen, jeder hätte hineinsehen oder -gehen können.

Wir sammelten Schrott, z.T. Munition, den wir an die umherziehenden Lumpenhändler für ein kleines Taschengeld verkauften. Überall begegneten wir bettelnden Soldaten, fast immer in Uniform, stumm oder mit traurigen Worten. Sie waren blind, tasteten mit weißen Stöcken, trugen Verbände um den Kopf, am Arm, gingen an Krücken auf einem Bein, saßen ohne Beine auf einem Rollbrett, die Mütze neben sich, hatten nur einen Arm oder zwei Handprothesen. Manche kamen in die Hinterhöfe, spielten auf der singenden Säge und/oder sangen, andere spielten Geige, Mundharmonika oder sangen ohne Instrument. Wir Kinder gaben ihnen jedesmal Pfennige von unserem wenigen Geld.

Da alles knapp war, gab es Lebensmittel nur auf Marken. Übrige Waren erhielt man auf dem Schwarzmarkt. Ich bin öfter mit meinem Vater oder mit Großvater auf den Schwarzmarkt gegangen, um verschiedene Alltagswaren oder Kaffee bzw. Alkohol gegen Schmuck zu tauschen.

Mein Großvater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel

Heizmaterial war sehr knapp und teuer, wir gingen daher im Herbst und Winter mit vielen Anderen häufig „Kohlen klauen“ zur „Großen Brücke“ an der Helmstedter Straße. Unter der Großen Brücke liefen die Schienen aus der Ausfahrgruppe des riesigen Güterbahnhofs zusammen in Richtung nach oder von Helmstedt. Dort standen immer wieder lange Güterzüge mit Steinkohle vor einem roten Signal oder kamen auf einem ansteigenden Gleis nicht weiter, weil die Lok den extrem langen Zug (80 bis 100 volle Waggons) nicht schaffte. Meist ging ich mit meinen Großeltern dorthin, manchmal mit der ganzen Familie und Nachbarn. Ein Eisenbahner, der bei uns in der Dachwohnung wohnte, teilte uns die günstigsten Zeiten mit.

In der Regel gingen wir, meine Großeltern und ich, ca. 21:00 bis 22:00 Uhr mit dem Handwagen los. Es waren ca. 4 km. Mein Großvater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel, zum Kohlezerkleinern oder Zuschlagen, wenn nötig. Manchmal gingen wir morgens um 2 Uhr los, dann aber immer alle zusammen. Zu den Zügen gab es zwei Zugänge, die immer von einer Gruppe von Männern mit Knüppeln bewacht wurden, für den Fall, daß Polizei oder Bahnpersonal vorbeikam. Es ging einen langen Hang hinunter, man durfte nicht abrutschen. Die meisten Leute kannten sich schon, man half sich gegenseitig, alle paßten auf die Kinder und Jugendlichen auf. An den Schienen verteilten sich alle so, daß jeder gut arbeiten konnte. Kinder und Jugendliche kletterten auf die Waggons oder wurden hochgehoben und warfen die Kohlestücke hinunter, wo die Erwachsenen sie aufsammelten und verpackten. Ein Trupp von Erwachsenen ging zur Lok und warnte laut, wenn der Zug wieder anfuhr. Kinder und Jugendliche sprangen dann runter und die Erwachsenen griffen sie schnell, damit sie nicht unter die Räder gerieten. All das war ein Teil unserer Alltagsroutine.

Er schüttete mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten

Wenn wir zu Hause zu Mittag oder Abend aßen, erzählte mein Vater jedesmal von seinen Kriegserlebnissen. Es gab manchmal wochenlang kein anderes Thema. Er ließ sich auch nicht davon abhalten. Sonntags mußte ich mit ihm immer Spazierengehen. Dann schüttete er mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten, ich kam nicht zu Wort. Nachts wurde ich oft wach durch das laute Schreien meines Vaters, der immer wieder vom Krieg träumte und danach bei Licht das Geträumte meiner Mutter erzählen mußte. Das wiederholte sich ca. vier Jahre lang. Ich konnte mit meinen Eltern über meine eigenen Erlebnisse bzw. Fragen nicht reden. Meine Versuche wurden immer abgeblockt: „Was willst Du, ist doch lange vorbei“ oder „Laß uns lieber über was anderes reden“ oder „Das kannst Du doch gar nicht wissen, Du warst doch viel zu klein“ oder „Was Du Dir aber auch immer für Blödsinn ausdenkst“ usw. Zum Glück fand ich bei meinen Großeltern immer Gehör.

Mein Vater besaß einen Jagdschein und konnte sich daher Waffen kaufen (Pistolen, Gewehre verschiedenen Kalibers), was er auch bis zu seinem Tod tat. Er stellte zudem auch selbst die entsprechende Munition her. Er erklärte diese kleine Waffensammlung damit, daß er vorbereitet sein müsse, wenn die Russen kommen, denn das würden sie tun und dann könnte er die Familie beschützen.

Sie sind nur ein kleines Beispiel für eine ganze betrogene Generation.

Heute kann ich mir als Therapeut das Verhalten meiner Eltern, das ich hier nur grob darstellen konnte und unter dem ich und andere zum Teil sehr zu leiden hatten, als schweres Kriegstrauma erklären, das ihnen als jungen Menschen zugefügt wurde.

Sie sind nur ein kleines Beispiel für eine ganze betrogene Generation. Sie hätten alle Hilfe, Therapien, zumindest Verständnis, Erkenntnis, Ermutigung gebraucht. Fast nichts davon ist geschehen, stattdessen Zudecken, Vergessen, Aufrüstung, Konsum, Verteufelung der Sowjetunion usw. Wie es im zerrissenen Inneren dieser Generation und deren Kindern aussah, interessierte nicht. Wer an seelischen Qualen litt, war entweder ein Schwächling oder sollte zum Nervenarzt (damals ‚Arzt für Verrückte‘ oder ‚Seelenklempner‘ u.ä.) gehen und sich Pillen geben lassen.

Titelbild: wikidcommons / Bundesarchiv / Unknown author / CC BY-SA 3.0 de


[«*] Arno Gruen, Der Verrat am Selbst – die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, dtv.
Ders.: Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität, dtv.

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Geschlechterdebatte Wenn niemand mehr da ist

01. Juni 2026 um 04:36

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Niemand da. Frauen und Männer finden nicht mehr zueinander. Die wahren Auswirkungen der Dating-Krise werden sich aber erst in ein paar Jahren zeigen. Immer mehr Menschen altern schon jetzt alleine. Symbolbild: picture alliance / Zoonar | Iuliia Zavalishina

Die Zahl der Singlehaushalte wächst, die Geburtenrate sinkt. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, warum immer mehr Menschen allein bleiben, sondern wer sich später um sie kümmern wird.

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (14)


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In dieser 14. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ haben wir einige kürzere Beiträge gesammelt: Kindheitserinnerungen eines kleinen Mädchens, das im Keller des Flughafens Tempelhof auf seine Mutter wartet, Berichte über den Verlust eines guten Freundes, über ein gefährliches Missverständnis mit feindlichen Soldaten, das sich zum Glück aufklären ließ, und über Familien, in denen der Krieg tiefe Wunden riss.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil, den zwölften Teil sowie den dreizehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Wir Kinder kannten nicht den Grund

„Ich bin in 1938 geboren. Wir wohnten in Tempelhof nahe dem Flughafen. Als die Angriffe immer heftiger wurden und wir fast jede Nacht im Keller verbrachten, erfuhr meine Mutter von der Möglichkeit, kleine Kinder abends zum Flughafen zu bringen, damit sie die Nacht ruhig ohne Fliegeralarm dort verbringen konnten. Am Morgen wurden sie wieder von ihren Müttern abgeholt. Ich war 4-5 Jahre. Wir Kinder wurden mit dem Fahrstuhl in den unteren Teil des Flughafens gebracht. Und ich glaube, es gab auch ein Abendbrot. Die größte Sorge, die ich hatte, war, dass meiner Mutter etwas passiert sei und sie mich nicht am Morgen abholen könnte.

Ca. 1942 bin ich mit meiner Mutter nach Schlesien verschickt worden, um weiter ein etwas ruhiges Leben zu haben. Dort wurde ich ca. 1944 eingeschult und in der Erinnerung war unser Leben dort gut, bis die Russen im Dorf einmarschierten. Meine Mutter und andere Mütter mit den Kindern mussten jede Nacht ein geheimes Quartier suchen, um zu übernachten. Wir Kinder kannten nicht den Grund, aber viel später verstand ich den Grund: die Angst, dass die Russen sie vergewaltigen könnten.

Diese Erlebnisse lassen mich nicht los und ich verstehe nicht, warum wir “kriegstüchtig” werden müssen, anstatt alles dafür zu tun, um in keinen Krieg gezogen zu werden.“

Diese Zeilen habe ich heute von meiner Mutter auf meine Bitte, etwas aufzuschreiben, bekommen, handgeschrieben, fotografiert und per WhatsApp verschickt. Sie ist Großmutter von vier “Jungs” zwischen 27 und 36 Jahren und einer kleinen Enkelin.

Unsere Familie in Berlin war in meiner Erinnerung ziemlich groß, ich hatte auch das Glück, meine Urgroßeltern mütterlicherseits kennenzulernen. An meinen Urgroßvater erinnere ich mich noch sehr gut: Er war steinalt und hatte einen Klumpfuß; Verletzung aus dem Ersten Weltkrieg, wie es mir erzählt wurde.

Der Vater meines Vaters ist gefallen. Er wurde 31 Jahre alt.

Ich danke euch sehr für diese Initiative und den Anstoß, mit den Erinnerungen „rauszurücken“. Im Laufe der Jahre habe ich schon ab und zu etwas gehört über die Kriegsjahre – nicht viel. Dass meine Mutter im Alter von vier Jahren ohne ihre Mutter in den Luftschutzkeller abstieg, hörte ich erst vor Kurzem, und die Geschichte mit Oma in Schlesien las ich heute zum ersten Mal.

Wer will seine Kinder auch mit solchen Sachen belasten? Es bleiben eben Kinder, auch wenn sie 25, 40 oder jetzt 60 sind.

Und? Haben wir genug gefragt? Ich glaube, wir haben es versäumt.

Und wir waren gutgläubig in dem Mantra, dass so etwas niemals mehr passieren darf.

Petra Kabisch


“Er lag da, als wäre er gar nicht tot”

Liebe NachDenkSeiten,

herzlichen Dank für ihre unermesslich wertvolle Arbeit.

Veröffentlichen Sie gern unentgeltlich – wenn es passt – meinen kurzen Artikel über die Kriegserinnerungen meines Vaters.(…)

Danke
Michael Haas

Menschen, die im Frieden aufgewachsen sind, können sich das Grauen des Krieges nicht vorstellen. Danke, dass ihr Erinnerungen daran veröffentlicht und so dem Frieden dient.

Ich bin Jahrgang 1958, also 13 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren.

Meine Eltern haben mir vom Krieg erzählt. Meine Mutter sagte einmal: „Die Besten sind nicht zurückgekommen.” Einmal habe ich einen Brief meines Vaters aus dem Lazarett an seine Eltern gelesen, der irgendwie die Jahre überdauert hat.

Er ist 1924 geboren, hat sich mit 17 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, war lange in Russland im Krieg. Er starb vor 20 Jahren. Ein Freund von ihm, Michael, ist bei einem Angriff gefallen. Wie beschönigend dieses Wort ist: „gefallen“. Niemand würde bei einem Opfer während eines Bankraubs von gefallen sprechen. Ein wenig klingt es, als könne das Sterben im Krieg richtig sein, notwendig vielleicht, als wäre es etwas Ehrenvolles.

„Er lag da, als wäre er gar nicht tot”, erzählte mein Vater. „Mit offenem Mund, auf dem Rücken, die Augen geschlossen, als schliefe er, die Arme und Beine entspannt. Sein Gesicht war friedlich. Als wir ihn umdrehten, sahen wir das Loch im Hinterkopf. Beim Laufen im Sturmangriff reißt du den Mund auf.” Mein Vater wischte sich mit der Hand eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich frage mich manchmal, ob mein Vorname eine Erinnerung an diesen ‘Gefallenen‘ ist. Und stelle mir vor, wie es ist, einen Freund auf solche Weise zu verlieren.

„Die Propaganda der Nazis war raffiniert. Da gab es den widerlichen Film ‘Jud Süß‘, der das scheinbar Abstoßende dieser Menschen auf den Punkt bringen sollte. Die Slaven Russlands wurden als Untermenschen bezeichnet, dabei sahen sie aus wie wir und kämpften, scheinbar ohne Angst vor dem Tod. Es wurden Bilder von armen slavischen Menschen veröffentlicht. Das waren die angeblichen Untermenschen. Wenn du nichts zu essen hast, siehst du schnell ängstlich und hilflos aus und kannst als scheinbarer Beweis für Untermenschentum missbraucht werden.”

Er erzählte von Reiterangriffen in Russland in deutschem Maschinengewehrfeuer, das alles, Soldaten und Pferde niedermähte. Eine Mischung aus Grauen und Erstaunen über diese Bilder spiegelte sich in seinem Gesicht. „Hunderte starben sinnlos. Und sie wussten, dass sie keine Chance hatten. Es kam mir vor, als wollten sie uns zeigen, dass wir Russland nur besiegen können, wenn wir jeden umbringen.”

„Du kannst dir nicht vorstellen, was Menschen zu leiden im Stande sind. Wir gruben uns frierend Höhlen im Schnee, manchmal mit bloßen Händen. Nach der Kapitulation von General Paulus in Stalingrad war der Krieg im Grunde verloren. Aber wer das sagte, riskierte, wegen Wehrkraftzersetzung erschossen zu werden. Irgendwie hofften wir auf ein Wunder und darauf, dass sich die Engländer und Amis doch noch gegen die Russen werfen würden. Abwegig war diese Hoffnung nicht. Schließlich soll Churchill nach dem Krieg gesagt haben: ‚Wir haben das falsche Schwein geschlachtet.‘”

„Wir waren auf Erkundung in einem Wald, die Maschinenpistolen im Anschlag. Plötzlich sah ich Mündungsfeuer. Im selben Moment hat mich die Kugel erwischt. Die Russen saßen in den Bäumen. Verletzt lag ich im Schnee zwischen jungen Tannen, wo ich kaum zu sehen war. Unsere Einheit musste sich zurückziehen. Ich hoffte, dass mich der Feind nicht finden würde. Am Abend gelang unseren Männern ein Gegenangriff. Ich wurde in ein Lazarett gebracht.”

Die Lebenspartnerin meines Vaters zeigte mir Jahre nach seinem Tod den Brief an seine Eltern aus dem Lazarett. Er war voll Respekt ihnen gegenüber und dem Gedanken an seine Pflicht als Soldat geprägt. Außerdem schrieb er von seiner unendlichen Müdigkeit und der Hoffnung, dass der Wahnsinn ein Ende fände.

Ein Loch in der Schulter meines Vaters erinnerte an den Schuss des Russen. Einmal fragte meine Schwester Sylvia den passionierten Jäger: “Papi, haben die Russen gedacht, du bist ein Bock?”


Meine Mutter guckte direkt in das Kanonenrohr eines Panzers

Kleine Episode aus Kriegszeiten:

Meine Mutter wohnte in einem beschädigten Haus, der Luftdruck einer Bombe in der Nachbarschaft hatte den Dachstuhl eingedrückt. Ihr erster Mann ist in Smolensk an Fleckfieber gestorben. Meinen Vater lernte sie in dieser Zeit kennen, da er als Elektriker einen Job als Strom-Zähler-Ableser hatte. Ob es noch im Krieg war, weiß ich nicht. Jedenfalls klopfte es heftig an der Eingangstür, meine Mutter öffnete und guckte direkt in das Kanonenrohr eines Panzers, der direkt vor der Tür stand. Eine Stimme rief: „Hier vor einigen Minuten bum-bum”. Nach einigen Minuten Überlegen kam die Lösung – mein Vater hatte die Eigenart, die Holz-Rolladen an den Fenstern immer besonders schnell herunterzulassen, was ein Maschinengewehr-ähnliches Geräusch erzeugte. Der Panzerfahrer gab sich erst dann zufrieden, nachdem mein Vater noch einmal das Rolladen-Herunterlassen demonstrierte, das war das „bum-bum“.

Mein Vater war im Krieg am Scheinwerfer zu Gange, mit denen nachts die Flieger angestrahlt wurden, um sie zu lokalisieren. Ein sehr gefährlicher Job, denn nicht selten eröffneten die Flieger dann das Maschinengewehrfeuer in Richtung Scheinwerfer. Er hatte Glück.

Ich habe nach 18 Monaten Wehrdienst anschließend verweigert und wurde auch anerkannt, da mich der Militarismus regelrecht angewidert hat.

E.J.A.


„Ihr wart ja nicht im Krieg, ihr wart ja nicht im Krieg“.

Jahrgang 1950:

Aufgewachsen in einem Dorf, durch das der Westwall ging, alle 500 Meter ein Bunker, dort gespielt und auf Trümmergrundstücken und Feldern, auf denen Granaten lagen, Handgranate mit nach Hause genommen, sah so interessant aus, hatte einen Schutzengel.

Keinen Schutzengel hatten der Bruder meiner Mutter, die Männer meiner Tanten, Nachbar Onkel Willy im Rollstuhl „Onkel Willy, warum hast du keine Beine“, Opa vom Nachbarjungen lag zerfetzt im abgedunkelten Zimmer.

Und immer wieder mein Vater „Ihr wart ja nicht im Krieg, ihr wart ja nicht im Krieg“.

Krieg hört nicht auf mit dem Ende des Krieges.

Johanna Stürtzel


Er war auf der „Tirpitz“ gewesen.

Als Jg. 65 gehöre ich zu den Begnadeten, die noch keinen Krieg erleben mussten.

Erinnern kann ich mich an die Erzählungen von Großonkel Willi, der beide Weltkriege als Soldat mitgemacht hat. Wirklich betroffen gemacht hat mich, als ich herausgefunden habe, dass mein Großvater, der kurz vor meiner Geburt starb, noch weitere Söhne gehabt hat, die alle den Krieg nicht überlebt haben. Es wurde so gut wie nie darüber gesprochen. Irgendwann wurde dann der Letzte für tot erklärt. Er war auf der „Tirpitz“ gewesen.

Als ich im Winter auf einem Schiff in den nordnorwegischen Gewässern unterwegs war – warm, satt und unbedroht -, bin ich nachts draußen gewesen, habe die Kälte gespürt und in das undurchsichtige, tiefschwarze Wasser geschaut. Ich habe mir vorgestellt, wie die jungen Männer, die kaum erwachsen geworden sind,im Stahlrumpf des Schiffes eingeschlossen, gekentert, ohne große Chance auf Rettung in Dunkelheit im eisigen Wasser auf ihren Tod gewartet haben. Sie konnten nicht mal mehr um ihr Leben kämpfen. Nach dem ersten Chaos, nach dem vergeblichen Versuch, irgendetwas zu finden, um der Situation zu entkommen, wird ihnen tödlich bewußt geworden sein, dass sie hier, mutterseelenallein, irgendwo im Nirgendwo, elendig verrecken werden. Die schiere Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Panik und Überlebenskampf werden sich bis zum bitteren Ende abgewechselt haben.

Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt es, Menschen einem derartigen Horror auszusetzen. Kriege werden immer Oben gegen Unten geführt.

Ute Giesen


„Denn wir waren ja im falschen Krieg gewesen!“

Liebe Journalisten der NachDenkSeiten,

mit großer Hochachtung vor Ihrem unermüdlichen Bemühen um Frieden

danke und grüße ich herzlich,

Karen Bauer

Während wieder Luftwaffe mit ihren Übungen über unsere Köpfe und Häuser donnert, erinnere ich mich:

Mein Vater wurde mit 18 Jahren kurz vor dem Abitur aus der Schule heraus rekrutiert, kurzzeitig ausgebildet und als jüngster Kapitänleutnant der Marine nach Norwegen entsendet. Sein Schiff, ein als Minensuchboot umgebauter Walfischfänger als Begleitboot eines Flottenverbands, wurde von der englischen Luftwaffe angegriffen.

Mein Vater wurde schwer verwundet, Granatensplitter durchdrangen seinen Bauchraum, seine Gedärme purzelten auf den Schiffsboden, er sammelte sie wieder ein, drückte sie in den Bauch zurück und blieb auf der Brücke. Weitere Splitter verankerten sich in seinen Beinen. Später im Lazarett gab man nichts auf sein Leben, ein Sarg stand schon bereit. Er schwebte lange zwischen Leben und Tod.

Den zerstörten Körper behielt er sein Leben lang, die Splitter in den Beinen wurden nie entfernt, die Giftstoffe des Metalls waren im Verdacht, seinen Tod später durch Hautkrebs verursacht zu haben.

Mein Vater kam als 22-jähriger junger Mann aus dem Krieg heim und durfte nicht hoffen, einmal eine Frau zu finden, die mit den Verletzungen zurechtkam. Welch Kummer! Er verlor seinen Heimatort und Elternhaus, seine Eltern und Geschwister waren geflohen und zerstreut. Er sagte einmal zu mir:

„Das Grausamste aber war, heimzukehren und vom eigenen Volk angespuckt zu werden, denn wir waren ja im falschen Krieg gewesen!”

Mein Großvater mütterlicherseits starb als Soldat 1939. Meine Großmutter zog ihre drei kleinen Kinder alleine groß.

Meine Großtante und ihr Gatte verloren im Ersten Weltkrieg alle vier Söhne als Soldaten an der Front.

Mein Schwiegervater wurde mit 16 Jahren an die Front geworfen, Zeit seines Lebens durfte man ihn nicht nach seinen Erfahrungen fragen, er schwieg über seine Erlebnisse.

Meine Tante mit ihren 16 Lenzen stand in der Verantwortung für ein Dutzend weiterer Mädchen an Flakscheinwerfern. Alle ihre Kameradinnen verloren bei einem Luftangriff ihr Leben, allein meine Tante blieb zurück. Das hat sie nie verwunden.

Eine Großtante und ihre Tochter wurden von russischen Soldaten vergewaltigt. Als weitere Truppen kamen, wurde die Tochter in einem Erdloch versteckt. Diese Großtante kannte man nie mehr wirklich fröhlich.

Jungen Menschen lege ich einige Bücher ans Herz, dies nur eine kleine Auswahl:

  • Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses,Dee Brown
  • Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque
  • Eleni, Niclas Gage
  • Geschichte eines Deutschen, Sebastian Haffner
  • Christus kam nur bis Eboli,Carlo Levi
  • Trotzdem ja zum Leben sagen, Viktor Frankl
  • Geboren am 4 Juli, Ron Kovic
  • Imperium USA, Daniele Ganser
  • Das Ukraine-Kartell, Thomas Röper
(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (13)


Vorschau ansehen

In dieser 13. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ berichtet ein Leser davon, wie sein Vater fast als Deserteur erschossen wurde, ein weiterer davon, wie er als Grundschulkind die letzten Kriegsjahre erlebte, und im dritten Beitrag geht es in das brennende und zerbombte Berlin, in dem ein Kind sich zwischen Trümmerbergen und mit Hamsterfahrten durchschlägt.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.

Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil, den elften Teil sowie den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


„Wir haben nur gedacht: du Arschloch! Du hättest uns gestern noch alle erschießen lassen!“

Liebe Mannschaft der NachDenkSeiten, 

Unser Vater musste den Krieg gegen die Sowjetunion mitmachen. Er hat uns über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht berichtet, über das Erschießen von Kommissaren und Partisanen und die Taktik der verbrannten Erde. Selbst Gießereiarbeiter, bekam er den Befehl, eine Gießerei vollständig zu zerstören: 

„Da musste in jeden Schmelzofen und auch noch in jede Werkbank eine Sprengladung rein, damit nichts, aber auch gar nichts erhalten blieb.“

Als er sich weigerte, einen Kommissar zu erschießen, wurde dieser von einem anderen Soldaten erschossen.

Zusammen mit weiteren Soldaten musste unser Vater verkohlte Leichen aus Eisenbahnwaggons bergen; verwundete Soldaten, die bei lebendigem Leibe verbrannt waren, weil beim Rückzug im eisigen russischen Winter der Kanonenofen umgestürzt war und das Stroh, auf dem die Verwundeten lagen, sofort Feuer gefangen hatte.

Ende Januar 1945 sollte unser Vater als Deserteur hingerichtet werden, weil er befehlsgemäß (!) aus dem Kessel an der Weichsel ausgebrochen war und das überlebt hat, zusammen mit den letzten 30 Mann seines Regiments. Befehlsgemäß, aber logischerweise ohne schriftliche Marschpapiere, hatten sie sich tagelang in winzigen Grüppchen bis nach Rathenow zum Standort ihrer Einheit durchgeschlagen. 

Unser Vater berichtete: 

„In Rathenow kam uns in der Straße eine Nachrichtenhelferin entgegen; die war schon völlig aufgelöst:

‘Ihr müsst sofort verschwinden! Gestern sind schon welche von euch angekommen, die sollen erschossen werden als Deserteure!’“

Unser Vater zu seinen drei Kameraden:

„Wir müssen zur Kaserne. Wir haben keine Marschpapiere. Wenn wir irgendwo aufgegriffen werden, werden wir erst recht erschossen; so haben wir vielleicht noch eine Möglichkeit.“

Unser Vater weiter: 

„Dort sind wir von so einem einarmigen Major erst mal zur Sau gemacht worden.“ 

Der schrie uns an:

„Wo wart ihr? Im Kessel? Am Kessel! Am Kochkessel habt ihr gesessen! Und mit der Suppenkelle hat euch der Russe verjagt! Ich habe meinen Gefechtsstand 1914 nicht verlassen! Mit dem Krückstock hab’ ich die verjagt! …“

Manch einem mag das heute und aus sicherer Entfernung wie Kabarett klingen, aber hier zeigt sich die ganze Menschenverachtung der Offiziere gegenüber dem einfachen Soldaten, dem „Menschenmaterial“. 

Unser Vater weiter: 

„Dann sind wir alle eingesperrt worden. Und nur, weil auch der Regimentskommandeur rausgekommen war [aus dem Kessel] und einen Tag später eintraf und bestätigt hat, daß die Einheit zerschlagen war, wurden wir dann nicht erschossen.

Am nächsten Tag ließ dieser Major uns dann antreten und sagte:

‘Heil, Soldaten! Ich soll euch grüßen von eurem Oberst! Ihr habt euch tapfer geschlagen!’“

Unser Vater: 

„Wir haben nur gedacht: du Arschloch! Du hättest uns gestern noch alle erschießen lassen!“

Die neu aufgestellte Einheit wurde im März nach Dänemark verlegt. Aber mit dem 8. Mai war das Sterben noch nicht zu Ende. Die Einheit ging in britische Kriegsgefangenschaft und wurde zum Minenräumen eingesetzt, wobei von 600 Mann nochmal 150 ums Leben kamen.

Im Dezember 1945 gelang es unserem Vater, aus der Gefangenschaft zu entkommen und auf heute unvorstellbare Weise Ende 1946 in seine Heimat bei Leipzig zurückzukehren. 

Unser Vater ist bis zu seinem Tod mit 91 Jahren immer wieder nachts aus dem Bett gestürzt, weil er in Deckung springen wollte, wenn er vom Krieg geträumt hat.

Dabei waren das hier nur winzige Bruchstücke seiner Erlebnisse, die ich auf Dutzenden Seiten festgehalten habe.

Unsere Mutter berichtete uns vom April 1945: 

„Als wir auf dem Feld gearbeitet haben, sind die Amis mit ihren Tieffliegern gekommen und haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat, auch auf Pferdefuhrwerke von Bauern, die auf der Straße fuhren, obwohl da kein deutscher Soldat weit und breit war …“

Im Januar 2023, als der Bundestag die Panzerlieferung an die Ukraine beschlossen hat, habe ich diese und weitere Kriegserlebnisse meiner Eltern aufgeschrieben und in einem Brief allen Fraktionen von Linkspartei bis AfD zugeschickt und vorgeschlagen, zur Vernunft und Diplomatie zurückzukehren. Jedoch von keiner einzigen Fraktion habe ich auch nur eine Eingangsbestätigung erhalten. Sogar für die Linkspartei war es wohl wichtiger, sich von der Friedens-Demo zu distanzieren, die Frau Wagenknecht und Frau Schwarzer für den 25. Februar in Berlin organisiert hatten. Auf Vernunft und Mitmenschlichkeit kann man wohl bei den meisten unserer Politiker (und Medien) nicht mehr setzen. 

Und in wenigen Wochen jährt sich nun zum 85. Mal der Tag, an dem unter dem Decknamen „Fall Barbarossa“ die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfiel und die meisten sowjetischen Einheiten im Schlaf überrascht wurden – der 22. Juni 1941. 

Jörg Fauser

Stadtroda

PS:
Wie soll man sechs Jahre Tod und Schrecken in einem für den Leser nicht zu langen Brief zusammenfassen?


Die Schulklassen mussten auf dem Feld mitarbeiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie fragten nach Kriegserinnerungen. Nun, ich bin im Jahr 1958 geboren, sodass ich den Krieg nicht direkt erlebt habe. 

Mein Vater, Jahrgang 1932, hat einiges erzählt:

Mein Vater war 7 Jahre alt, als sein Vater in den Krieg gezogen ist. Er war mit seiner Zwillingsschwester und ihrer kranken Mutter alleine zu Hause. Mit fortschreitendem Verlauf des Krieges fand immer weniger Schulunterricht statt. Die Schulklassen mussten die örtlichen Bauern bei ihrer Arbeit unterstützen, also auf dem Feld mitarbeiten. Mein Vater hatte ein Gespür für das Pferd des Bauern, bei dem er regelmäßig war, sodass er das Pferd führen konnte.

Bombardierungen trafen diese Kleinstadt am Rande des westfälischen Münsterlandes vor allem auf der anderen Seite des Eisenbahnstranges, da dort die Industrieanlagen angesiedelt waren. 

Zum Kriegsende musste die Familie ihr Haus räumen. Es wurden russische Offiziere einquartiert. Es gab also auch russische Soldaten im heutigen Nordrhein-Westfalen.

Obwohl meine Großeltern Haus und Garten hatten, haben auch sie Hunger erlebt. Meine Großmutter konnte Klöppeln. Mein Vater und seine Schwester sind mit deren Handarbeiten zu den Bauern gezogen und haben diese gegen Lebensmittel eingetauscht.

Meine ganze Familie hat den Krieg körperlich unversehrt überstanden. Mein Vater hat seinen Vater 1949 wieder gesehen. Da war er 17, und mein Großvater kam aus französischer Gefangenschaft zurück. Mit den seelischen Folgen, die diese schlimmen Jahre in meiner Familie angerichtet haben, bin ich groß geworden.

Das sind die Erinnerungen, die ich beisteuern kann.

Ich danke Ihnen für Ihr Friedensengagement.
Ralf Brester


Man konnte die Gesichter der Piloten erkennen

Geschätzte Redaktion,

hatte bereits 2023 mal einige eigene Gedanken zum Ukrainekrieg und dem darauf entbrannten, im Grunde uns selbst ruinierenden extremen Russenhaß im Lande zusammengetragen (…), wo auch einige (…) eigene Kriegserlebnisse dargelegt wurden. Nachstehend einiges dazu. Wenn man sich damit beschäftigt, fallen einem Sachen ohne Ende ein.

Man selbst erfreut sich mit 88 der Gnade der frühen Geburt, weshalb das alles hier nicht mehr lange ertragen werden muß. Nichtsdestotrotz kommen aber kriegsbedingt immer mehr Kindheitserinnerungen auf.

Berlin hat man nach Bomben-Hageln aus dem Luftschutzkeller kommend brennen sehen. Den Vater, im Krieg seit Oktober 1939 (man selbst vierjährig) und Hauptmann einer Pionier-Kompanie, die beim Rückzug immer die letzten sind, um alles zu sprengen, verlor man am 13. März 1945, seinem 11-jährigen Hochzeitstag, auf dem Felde der Ehre durch einen Volltreffer der eigenen Artillerie, die beim Rückzug immer die ersten sind und ihre Munition verballern – offenbar egal wohin und modern als „Kollateralschaden“ bezeichnet.

Einen gewissen Bezug zur Ukraine hatte man als Kind auch. Es gab mal die Einquartierung eines Offiziers der Waffen-SS. Das war ein Ukrainer. In der Nähe der elterlichen Wohnung in Berlin-Wilmersdorf gab es eine SS-Schule.

Um die Ecke besagter Schule, Berliner Str. Ecke Kaiserallee, wurde 1938 in der Babelsberger Str. eine Synagoge abgefackelt. Die Ruine diente Kindern lange als Spielplatz, bis dann auch vor der eigenen Haustür weitere Ruinen in großer Zahl als Spielplätze verfügbar waren.

Als 10-Jähriger geriet man mal in Thüringen beim Milchholen in einen US-Kampfflieger-Angriff. Man konnte die Gesichter der Piloten erkennen, und es schien ihnen Spaß zu machen. Sie flogen immer hin und her und ballerten auf Menschen.

Nach dem Krieg waren in Berlin viele Straßen nur noch schmale Fußwege zwischen Trümmerbergen. Auch die Reichstagsruine war ein hoch interessanter Spielplatz. Nach dem mit immer höherer Wahrscheinlichkeit zu erwartenden provozierten WK III mit Kernwaffeneinsatz zumindest in Europa werden aber wohl kaum noch Kinder übrig bleiben, um dann wieder in einer Reichstagsruine spielen zu können!

Man erinnert sich auch an die vielen gelben Sterne am Revers von Passanten, denen von Kindern „Jude Itzig“ hinterher gerufen wurde. Diese waren aber vergleichsweise schnell aus dem Straßenbild wieder verschwunden.

Hakenkreuzfahnen gab es damals viele. Hatte man keine am Fenster, gab es Ärger. Aber die Deutschen lieben ja wohl Fahnen über alles, was man jetzt wieder an den vielen gelb/blauen überall sieht – auch an Kirche und am Gemeindehaus. Man hätte sich allerdings auch gewünscht, die 10 Millionen vertriebenen Deutschen wären seiner Zeit einst ebenso freundlich aufgenommen worden wie jetzt die geflohenen Ukrainer, was mitnichten der Fall war. Bekanntlich wurden einst deutsche Juden, denen die Flucht ins benachbarte Ausland gelang, in die Heimat zurückgeschickt, sofern sie kein Geld für den eigenen Unterhalt hatten.

Man erinnert sich an einen zunächst ganz seltenen Bombentrichter im Park an der Kaiserallee/Ecke Hindenburgdamm, jetzt Bundesallee/Ecke Volkspark. Da kamen Leute mit der S-Bahn, um sich den anzusehen. Solche Raritäten wurden dann aber sehr schnell Gemeingut, und man konnte zu Hause bleiben, um so etwas zu sehen. Unter Kindern beliebt war auch das Sammeln und Tauschen von Granat- bzw. Bombensplittern. Was aber bald auch nicht mehr so interessant war, wenn man so etwas auch im eigenen Balkonblumenkasten finden konnte.

In Berlin wurde 1942 die Schulen geschlossen, sodass alle Mütter mit schulpflichtigen Kindern die Stadt verlassen mußten – evakuiert wurden.

Die Hungerei nach dem Krieg ist ein Kapitel für sich. Statt Pausenbrot in der Schule hatte man zeitweilig ein Tütchen mit Rübenschnitzeln. Das ist der Abfall bei der Zuckerherstellung aus Zuckerrüben und dient in der Regel als Schweinefutter. Es gab dann aber auch Schulspeisung. Das war ein Brötchen, ein Becher wässeriger Kakao und ein Napf mit Suppe aus Dörrkohl und Trockenkartoffeln – igitt. Im Klassenzimmer stand ein Ofen, und ein langes, an der Decke hängendes Ofenrohr führte zu einem der überwiegend mit Pappe verkleideten Fenster hinaus. Und Schüler wurden abwechselnd dazu verdonnert, ein Brikett zum Heizen mit in die Schule zu bringen.

Dann gab es die Hamsterfahrten in völlig überfüllten Zügen, zum Teil auf dem Trittbrett stehend. Der letzte Schmuck wurde für etwas Butter, ein paar Mohrrüben und Kartoffeln eingetauscht. Und wenn man Pech hatte, nahm einem die VoPo dann das, was man 4 km von Liepe bis Bukow durch das Luch geschleppt hatte, am Bahnhof alles wieder ab …

Hartmut Wohler


Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (12)


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In dieser 12. Folge der Reihe „Erinnerungen gegen den Krieg“ führen uns die Erinnerungen der Leser an den Mittelrhein, in die stickige Luft der Luftschutzbunker, zum Brennnesselsammeln als Gemüseersatz, auf einen Friedhof für russische Zwangsarbeiter und in das zerbombte Hamburg, in dem ein Familienvater die wohl glücklichste Überraschung seines Lebens erfährt. Zuletzt geht es nach Griechenland auf die Insel Rhodos, wo eine griechische Familie nur knapp den Krieg überlebt und dem Hungertod entgeht und dieses Schicksal mit einem deutschen Besatzungssoldaten teilt.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil, den zehnten Teil sowie den elften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Fliegeralarm, Bomber, Bunker

Sehr geehrter Herr Müller, verehrte NachDenkSeiten-Redaktion,

verbunden mit großem Dank für Ihre unverzichtbare Arbeit übermittele ich Ihnen im Anhang meinen bescheidenen Beitrag zu Ihrem Aufruf anlässlich des 8. Mai.

Mit allen guten Wünschen

Im September 1941, als der Krieg schon in vollem Gange war, wurde ich in einem kleinen Ort am Mittelrhein, unweit der gegen Ende des Krieges heißumkämpften Remagener Brücke, geboren. Mein Heimatort war zu unser aller Glück nie ein wichtiges Kriegsziel für die alliierten Truppen. So haben meine gesamte Familie und ich, im Gegensatz zu Millionen anderer Mitmenschen, weder nahe Angehörige zu beklagen gehabt noch Vertreibung, Bombardierungen oder den Verlust von Besitztümern, wir waren ohnehin Habenichtse, erleiden müssen.

Dennoch haben sich einige meiner Erinnerungen, die bis in das Jahr 1945 zurückreichen, unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben. Es sind wenige, aus heutiger Sicht banale Begebenheiten, und doch wurden sie für mich als Kind offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes unvergesslich. Ich weiß allerdings nicht mehr, mit welchen Gefühlen sie verbunden waren, Panik, Angst, Nichtbegreifen? Ich bin mir jedoch sicher, dass sie im Zusammenhang mit dem bewussten Miterleben der folgenden Nachkriegsjahre ihre Spuren in meiner Psyche hinterlassen haben. Aber das wäre ein Thema für die Tiefenpsychologie.

Drei Schlüsselworte sind aus der Zeit des letzten Kriegsjahres nie mehr aus meinem Gedächtnis verschwunden: Fliegeralarm, Bomber, Luftschutzbunker. Hieß es Fliegeralarm, heulten die Sirenen und auf dem Arm meines Vaters, begleitetet von meiner Mutter, versuchten wir im Laufschritt, als in der Dunkelheit der Nacht schon das sich nahende Dröhnen, wie ich heute weiß, britischer und amerikanischer Bombergeschwader zu hören war, einen einige hundert Meter entfernten Luftschutzbunker zu erreichen. Ich war zu dieser Zeit das einzige Kind in der Familie, meine ältere Schwester war zum sogenannten Landdienst irgendwo in Niedersachsen verpflichtet, ein Bruder war ein Jahr vor meiner Geburt an Diphtherie verstorben, einer Infektionskrankheit, die zu dieser Zeit überall grassierte.

Mehr als alle anderen Begleiterscheinungen, welche die mit den für mich als Kind nicht zu deutenden, sich nachts immer wiederholenden, rheinaufwärts nach Süden fliegenden Bombergeschwadern verbunden waren, sind die Bunkeraufenthalte, die wie eine Filmszene, auch mit allen Sinnes- und Gefühlswahrnehmungen, im wahrsten Sinne lebhaft in meiner Erinnerung verhaftet sind. Überfüllt mit mir fremden Menschen, stickiger Luft, von Karbidlampen, die notdürftig etwas Licht in die Dunkelheit des Erdstollens brachten, von den Erwachsenen rüde zurechtgewiesen, wenn ich meinem kindlichen Bedürfnis nach Bewegung versuchte nachzugeben, dies auch, um wohl die albtraumhafte Umgebung aushalten zu können. Ich habe im Lauf meines Lebens immer wieder von diesem Erleben geträumt und bis heute habe ich den säuerlichen, essigartigen Geruch der Eichenstämme, mit denen der Bunker zu seiner Stützung verbaut war, in der Nase. Und obwohl noch ein sehr junges Kind, konnte ich seitdem mit dem Begriff Albtraum konkrete Dinge in Verbindung bringen.

In den letzten Kriegsmonaten beherrschte ein Versorgungsmangel unseren Alltag und ich nahm wahr, dass es für meine Mutter schwierig wurde, Essen auf den Tisch zu bringen, weil es an allem fehlte. Um Gemüse zu ersetzen, ging ich mit meiner Mutter in die Feldflur in der Umgebung unserer Wohnung, um Brennnesseln und andere Wildkräuter zu sammeln, die als Gemüseersatz genutzt wurden. Nach dem Fall der Remagener Brücke waren inzwischen amerikanische Truppen auf beiden Seiten des Rheins so weit vorgerückt, dass auch die Umgebung meines Heimatortes unter Artilleriebeschuss geriet. Als wir eines Tages beim Brennnesselsammeln in die Feuerzone der Artillerieattacken gerieten, war auch diese Nahrungsquelle verschlossen. Ich erinnere mich, dass es in dieser Phase des Krieges lebensgefährlich war, sich außerhalb des Hauses zu bewegen.

Die Zeit der Bombergeschwader war vorüber, neben dem Artilleriebeschuss waren aber einzeln agierende Jagdflugzeuge eine große Bedrohung für jeden, der sich im Freien aufhielt und bewegte, weil sie im Tiefflug unterschiedslos auf alles schossen, was sie ins Visier bekamen. Lange Zeit bewahrte meine Mutter zwei Geschosshülsen auf, die von einem solchen Angriff stammten. Meine Mutter, ich und eine Nachbarin mit einem ebenfalls noch kleinen Kind konnten uns im allerletzten Augenblick unter einer Eisenbahnbrücke in Sicherheit bringen, als wir von einem Jagdflugzeug beschossen wurden. Auch dieser Augenblick hat sich mir unauslöschlich eingeprägt, dazu wird die Panik und Todesangst der beiden Mütter beigetragen haben.

Diese wenigen Erinnerungsbruchstücke waren und sind für mich von Bedeutung, aber in der Gesamtheit der furchtbaren Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges von völliger Belanglosigkeit.

Etwas anders empfinde ich das an einem Ort, den ich gelegentlich aufsuche. Seit Jahrzehnten lebe ich inzwischen im Gebiet der Schwäbischen Alb. Bei meinen Wanderungen auf der Schwäbischen Alb, nahe der Stadt Münsingen, besuche ich häufig einen Friedhof, auf dem 542 namenlose russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, die in der Region zu Tode kamen, beigesetzt sind. Nur zwei Gräber tragen Namenstafeln. Sie tragen die Namen zweier Brüder, die zum Zeitpunkt ihres Todes im März 1945 acht und vier Jahre alt waren. Sie waren die Kinder einer Zwangsarbeiterin und kamen bei einem Luftangriff auf die Stadt Reutlingen ums Leben. Zwei Gefühle beherrschen mich, wenn ich an diesen Gräbern stehe, eine tiefe Traurigkeit, wenn ich daran denke, dass diesen Kindern, eines mit dem gleichen Geburtsjahr wie ich, die Perspektiven für ein ganzes Leben genommen wurden. Für das andere Gefühl, was mich erfasst, wenn maßgebliche Politiker, auch an die heranwachsende Jugend gerichtet, von Kriegstüchtigkeit schwadronieren, da fehlt mir jedes Wort.

Herbert Löhr


Die sorglosen Jahre waren für immer vorbei

Ich lese regelmäßig in den NachDenkSeiten und fühlte mich direkt angesprochen, als es darum ging, welche Geschichten man in Bezug auf Krieg kennt – also den „Aufruf zum 8. Mai”.

Meine Mutter, Jahrgang ‘36, lebte mit ihrer Mutter und den zwei Geschwistern bis 1943 in Hamburg. Der Vater war als einfacher Soldat im Krieg. Das Haus in der Ritterstraße existiert nicht mehr, aber es war in Hamburg ganz in der Nähe von „Planten und Blomen“.

Meine Mutter wurde im „Michel“ getauft und in Hamburg eingeschult. Sie hatte einen sehr lieben Lehrer, welcher aus dem Zweiten oder sogar dem Ersten Weltkrieg versehrt zurückgekommen war. Er hatte nur noch ein Bein, aber auch kein Holzbein, sondern nur ein umgeschlagenes Hosenbein. Dieser Lehrer, Herr Imo, hat mit den Kindern seiner Klasse das Verhalten bei Bombenangriffen geübt, wie man atmen sollte, damit man mit der Angst besser umgehen kann. Laut meiner Mutter war der Lehrer herzensgut. Sie konnte diese Atemübung auch mit 85 Jahren noch anschaulich vorführen.

Kurz bevor eine der schlimmsten Bombennächte in Hamburg stattfand, beschloss meine Großmutter, mit ihren Kindern nach Heide zur Familie zu fahren. Sie hatte ein ungutes Gefühl entwickelt, eine ihrer Nachbarinnen, Frau Katschmarek, hatte den Feindsender gehört und erzählt, dass die schlimmsten Bombenangriffe noch bevorstünden. Heide ist nicht weit weg, trotzdem bot das Städtchen mehr Sicherheit.

Das Mietshaus in Hamburg wurde ganz kurze Zeit später komplett zerbombt, vernichtet. Es erging ein Telegramm durch die Stadt Hamburg an die Front zum Vater Johannes Eggers, worin stand, dass seine Frau und die drei Kinder bei einem Bombenangriff verstorben sind.

Mein Opa bekam Fronturlaub und reiste sofort nach Heide, wo seine Mutter und andere Angehörige wohnten, er musste und sollte sich um die Bestattung seiner Frau und der drei Kinder kümmern.

Wie erstaunt und glücklich, ja fassungslos, war er, als bei seiner Ankunft in Heide in der Louisenstraße seine drei Kinder auf der Straße spielten.

Das Telegramm, welches mein Großvater an der Front erhielt, mit der Nachricht, dass es seine Familie nicht mehr gibt, hing Jahrzehnte bei meiner Mutter gerahmt an der Wand.

Bei jedem meiner Besuche stand ich davor und versuchte, mir vorzustellen, wie es meinem Opa ergangen ist, als er das zu lesen bekam, aber auch, was meine Oma fühlte, als sie davon hörte, dass sie kein Zuhause mehr hat, aber dafür ihre Kinder und sich selbst gerettet hatte.

Meine Mutter beschrieb die kurzen Kinderjahre in Hamburg als ihre schönste Zeit. Vor dem Krieg hatte die Familie in Waltershof einen Schrebergarten mit Laube, dort wuchs allerlei, was man auch einkochen konnte, z.B. Erdbeeren und Rhabarber. Der Vater hatte ein selbstgebautes Ruderboot und die Kinder durften manchmal mitkommen zum Angeln. Es gab eine Buddelkiste und rings die anderen Kinder, die solche Annehmlichkeiten nicht besaßen, kamen zum Spielen. Auch hatte der Vater eine auskömmliche Arbeit auf der Werft und sogar zwei Wochen Urlaub.

Es gab während des Krieges in Hamburg einigermaßen genug an Unterstützung, auch wenn das Leben für die Oma trotzdem schwer genug war.

In Heide jedoch änderte sich das sehr zum Negativen. Oder meine Mutter konnte sich besser erinnern. Sie empfand es als schwierig, mitanzusehen und mitzuerleben, wie ihre Mutter mit quasi nichts ihre Kinder durchbringen musste, beschrieb die Zeit als entsetzlich.

Die Zeiten änderten sich, als der Vater wieder nach Hause kam und für seine Familie sorgen konnte, aber die sorglosen Jahre waren für immer vorbei.

Mit freundlichen Grüßen
Frauke Marohn


„In 10 Tagen Hitler kaputt“

Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,

der Aufruf hat eine Erzählung meines Vaters wieder in Erinnerung gerufen, die mich immer noch sehr berührt.

Ich hoffe, dass Sie auch an den Erinnerungen der Menschen interessiert sind, die in ganz Europa das Grauen des Krieges erlebt haben und das Ende als Erlösung.

Mein Vater ist griechischer Staatsangehöriger, Jahrgang 1929, geboren auf Rhodos. Er erlebte als 16-jähriger Junge in einer ganz besonderen Situation das Ende des Krieges.

Seine Familie war gegen Ende des Krieges dem Hungertod sehr nah. Seit dem Winter 1944 gab es immer weniger Lebensmittel, sowohl für die Besatzer als auch für die Bevölkerung.

Die Insel war seit 1943 von der Wehrmacht besetzt. Bis dahin stand sie unter italienischer Besatzung. Als der Nachschub für die deutsche Soldaten bereits gegen Ende 1944 immer schwieriger wurde, fingen sie an, alles zu beschlagnahmen, was die griechische Bevölkerung an landwirtschaftlichen Produkten und Tieren besaßen. Die Soldaten durchsuchten die Häuser der Dorfbewohner und nahmen, was sie fanden, Mehl und Olivenöl zum Beispiel. Manche Familien konnten ihre Vorräte verstecken, andere nicht, oder sie hatten gar keine mehr.

Die Familie meines Vaters gehörte zu den ärmsten Familien des Dorfes. Das Dorf heißt Archipolis und liegt in der Mitte der Insel Rhodos. Irgendwann gab es für sie nur Wildkräuter und Knollen aus einer bestimmten Pflanze zum Essen. Mein Vater sammelte für die Familie. Sein Vater war kränklich und schwach. Es gab noch einen jüngeren Bruder und fünf Schwestern. Die zwei älteren Schwestern hatten Angst, auf die Felder zu gehen. Sie hatten Angst, Soldaten zu begegnen. Eine Garnison mit deutschen Soldaten war ca. 3 km entfernt vom Dorf.

Er erzählte mir, dass er irgendwann keine Kräfte mehr hatte. Er fühle noch die Verzweiflung und die Ohnmacht, als sein Vater ihn anflehte, auf die Felder zu gehen und Knollen auszugraben. Den Satz seines Vaters, „Du musst was tun, sonst werden wir alle sterben” und diese letzten Tage des Krieges werde er nie vergessen. Er meinte: „Wir haben einfach auf den Tod gewartet.”

Es war bereits Anfang Mai 1945. Der Krieg war zu Ende, aber im Dorf gab es kein Radio, um Gewissheit darüber zu erlangen. Die Stadt Rhodos war 45 km entfernt.

Obwohl die Wehrmacht Athen bereits Oktober 1944 verlassen hat, blieben Rhodos und die Inseln der Ägäis noch unter deutscher Besatzung. Der Rückzug war schwierig, da die Alliierten das Meer kontrollierten.

Für die Dorfbewohner war das Ende des Krieges, als die ersten Hilfslieferungen des Roten Kreuzes auch das Dorf erreichten. Gerade rechtzeitig, damit die Familie meines Vaters nicht sterben musste.

Jahre später las ich in einer Erzählung eines Zeitzeugen aus der Stadt Rhodos über einen deutschen Soldaten, der gegen Ende April 1945, ähnlich wie mein Vater, durch das Ausgraben von Knollen zu überleben versuchte. Der Soldat tauchte eines Tages im Hof der Familie des Zeitzeugen auf, unbewaffnet nur mit einer Gartenhacke auf den Schultern, und bat um Erlaubnis, Knollen ausgraben zu dürfen.

Er sah sehr hungrig und erschöpft aus, beschrieb ihn der Zeitzeuge. Er grub nur so viel aus, wie er brauchte. Beim Weggehen bedankte er sich und sagte in dürftigem Griechisch „In 10 Tagen Hitler kaputt”. Er behielt recht, so der Zeitzeuge. Nach 10 Tagen kapitulierte Deutschland. Die Kapitulation für die Ägäis wurde aber erst am 08.05.1945 auf der Insel Symi vom General Wagner unterschrieben.

Mein Vater sprach oft von den Erlebnissen in dieser Zeit. Seine Erzählungen beendete er immer mit dem Wunsch, niemand soll je wieder Krieg erleben dürfen. Ich denke manchmal an diesen Soldaten aus der Erzählung des Zeitzeugen. Ich hoffe vom Herzen, er hat überlebt und den gleichen Wunsch seiner Familie hinterlassen.

Herzliche Grüße
Evi Tsakiri


Hier können Sie den dreizehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (11)


Vorschau ansehen

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil, den neunten Teil sowie den zehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Wahnsinn, so viele Menschen schutzlos ins Feuer zu jagen

Sehr geehrtes Team der NachDenkSeiten,

Ich selber bin Jahrgang 1959 und bei uns waren der Krieg und die Vertreibung häufiges Thema. Mein Vater wurde mit 18 Jahren am 18. Februar 1945 mehrfach verwundet und hat dieses Geschehen schriftlich festgehalten. Ich gebe es hier gekürzt wieder, der Text ist trotzdem noch relativ lang, aber so ein das ganze Leben überschattendes Ereignis kann man wohl nicht viel kürzer fassen. (…)

Mit freundlichen Grüßen
Barbara Bieberle

„Vorweg: ich bin auf fast seltsam glückliche Weise damals dem Schlachtfeld entkommen.

Am frühen Morgen des 18. Februar begann der Großangriff der Russen auf unsere Stellungen mit einem Trommelfeuer. Unsere Hauptkampflinie bestand aus einzelnen Panzerdeckungslöchern, die überwiegend von einzelnen Männern besetzt waren, ich war auch allein im Deckungsloch. Wir waren vom Gegner gut einsehbar, denn unsere Verteidigungslinie war am Hang einer freien Anhöhe und an Tarnung war wegen des Rückzugs nicht zu denken.

Das Trommelfeuer hatte mich mit Erdregen eingedeckt und ich habe es betend gut überstanden. Die Totenstille wurde vom Gebrüll der russischen Infanterie jäh unterbrochen, die zum Sturmangriff angetreten waren.

Unsere Abwehr begann zögerlich wegen knapper Munition. Es war schrecklich anzusehen, wie Maschinengewehrsalven Teile der dunklen Menschenwalze zu Boden mähten. Ein Wahnsinn, so viele Menschen schutzlos ins Feuer zu jagen, und wir mussten uns wehren, zu unserem Schutz. Hier wie dort hatten die Menschen Angst um ihr Leben.

Diese Schrecken des Krieges müssen immer wieder den Menschen deutlich machen, dass in Zukunft mit allen Mitteln ein Krieg verhindert werden muss. Der Anspruch auf angemessene Verteidigung sollte erhalten bleiben, um wahnsinnigen Machthungrigen, die rücksichtslos angreifen wollen, entgegentreten zu können.

Der Angriff stoppte erstmal, weil wohl unser Widerstand zu groß war, doch dann rollten mit hoher Geschwindigkeit plötzlich Russenpanzer in breiter Front voran. Dies war ein unsagbar erschreckender Moment. Wie durch ein Wunder teilten sich die Panzerwellen und überrollten nicht unsere Anhöhe, sondern durchbrachen links und rechts die Stellungen anderer Einheiten. Um die Situation besser beurteilen zu können, blickte ich kurz mehrfach aus der Deckung und ich wurde sofort unter Infanteriebeschuß genommen. Ein Schuß traf den Oberrand der Deckung und ich sackte zusammen und dachte „jetzt ist es aus“.

Ich merkte, dass Blut von der rechten Halsseite floß, mein rechter Arm schmerzte und ich konnte ihn nicht bewegen. Nach einiger Zeit hatte ich mich gesammelt und überlegte, wie ich das Loch verlassen könnte. Ein Blick nach draußen ließ mir den Atem stocken, in Wurfweite kam eine Gruppe Rotarmisten auf mich zu.

In meiner Abwehrreaktion riß ich das Gewehr hoch und drückte linkshändig ab. Die Kugel landete vor mir im Boden. Das erschreckte die Russen so, dass sie auf der Stelle zurückliefen.

Der Gewehrschuß hatte mich also vorerst gerettet. Später, wenn ich darüber nachdachte, dann bleibt mir bis heute unerklärlich, warum die Russen nicht einfach weiter auf mich zugingen. Ich hätte nicht mehr schießen können, es blieb nur das Ergeben, aber ich konnte nicht beide Arme heben.

Als ich mich wieder hochreckte, konnte ich sehen, wie der linke Flügel unserer Kompanie angegriffen wurde. Das war auch mein Moment und ich verließ das Deckungsloch, die letzten Meter kriechend bis zum Hinterhang blieb ich dabei unverletzt. Dieser Hang endete in einem kleinen Tal mit unserem Gefechtsstand.

Da mir meine Waffe beim Kriechen aus der Hand gerutscht war, mußte ich mir eine harte Rüge vom Leutnant anhören. Hier im Kessel gab es nur Hiobsbotschaften, allseits war ein Schreien und Rufen verwundeter Soldaten. Ich bekam ein Pflaster auf die Halswunde, der lahme Arm interessierte nicht, ein MG-Gurt wurde mir umgehängt und ein Gewehr in die Hand gedrückt und der Befehl lautete: „Kompaniegefechtsstand links verteidigen.“

Ich trottete also nach links und legte mich unter einen Baum. Ganze drei Patronen konnte ich nur mühevoll mit einer Hand aus dem MG-Gurt entnehmen und der Gedanke war da: Es geht zu Ende, eine Verteidigung ist kaum möglich. Die Russen konnten jeden Augenblick weiter angreifen. Zu meiner Seite legte sich ein Regimentsmelder mit einer MP, das machte mich ein wenig zuversichtlicher. Selbst hätte ich mich linkshändig nicht verteidigen können. Es war einfach trostlos. Das spürte man zutiefst, das blieb bis heute so eingeprägt.

Die Panzer brummten von allen Seiten, im Niemandsland vor uns bewegte sich mühsam ein verletzter Kamerad. Nach kurzem Bedenken, schließlich waren die Russen in nächster Nähe, entschieden wir uns, ihn zu holen, obwohl ich nur eine Hand gebrauchen konnte.

Heute frage ich mich, geschah das, fast instinktmäßig, als Ausdruck von Kameradschaft oder weil es sowieso für uns in diesem Tal zu Ende ging, oder war es vielleicht doch die Hoffnung auf guten Ausgang?

Wir waren nach einigen Anläufen beim verwundeten Kameraden heil angekommen. Er hatte einen Kniedurchschuß, eine sehr schmerzhafte Verletzung. Wir zogen ihn meterweise, jeder an einer Hand, über den gefrorenen Acker. Die Russen hatten unsere Bewegungen bemerkt und schossen verstärkt mit Granatwerfern. Dann traf die Granate. Danach ein Tasten nach meinem linken Bein, es war noch dran und von irgendwoher kam im Befehlston: „Rette sich, wer kann!“ Der letzte Befehl, man war auf sich allein gestellt und meine Eigenverantwortung sagte mir, alles versuchen, um nicht den Russen als Verletzter in die Hände zu fallen.

So kam ich kriechend an den hinteren Waldrand, wo mich zwei Kameraden in ihre Mitte nahmen und durch einen Hohlweg schleppten, während in der Nähe die Befehle der Russen und ihre Panzer zu hören waren.

Welch ein Glück ich hatte, vermochte ich erst dann richtig zu erfassen, als mir ein Arzt meinen Stahlhelm zeigte, der von innen nach außen von zwei Granatsplittern durchlöchert war und mein Kopf hatte dabei nichts abbekommen. Meine Brieftasche im Stiefelschaft war von einem ca. 5 cm länglichen Splitter durchstanzt, und dadurch wurde eine Knochenverletzung verhindert und ich konnte deshalb davonkriechen.”

Am Schluss noch zwei Gedanken, die ihm anscheinend besonders wichtig waren:

„Ich will vor allem damit sagen, solange man sich selbst helfen kann, darf man nicht hoffnungslos verharren. Wir müssen immer wieder nachdenken, wie kann ich Kriege verhindern, denn wenn sie ausbrechen, dann wird befehlsmäßig beiderseits scharf geschossen.”


Schwach erinnere ich mich an die Ruine, in der meine Mutter und meine zwei Brüder lebten

Als Geburtsjahrgang Oktober 1943, wurde meine Familie 1945 im Ammerland (Edewecht) ausgebombt. Schwach erinnere ich mich an die Ruine, in der meine Mutter und meine zwei Brüder lebten, bis wir 1950 von meinem Vater ins zerbombte Kiel geholt wurden. Dort lernte ich Eisschollen fahren auf den vollgelaufenen Bombentrichtern.

Noch in Edewecht wurde ich mit der Lebensmittelkarte in den Kaufmannsladen geschickt, um grammweise Lebensmittel zu holen, das Nötigste wurde jedoch auf Hamsterfahrten besorgt – gegen Tee.

Mein Onkel Rudi Menzel, Orthopädiemechaniker in Westerstede, arbeitete in seiner Werkstatt für die reichlich vorhandenen Kriegsversehrten und fertigte Prothesen aller Art. Auch in seiner Freizeit widmete er sich diesen Versehrten und trieb Versehrtensport. Diese Menschen tauchen in keinen Dokumenten auf, wie ebenfalls mein Onkel Fritz, der 1943 – 8 Tage nach meiner Geburt – in Saporosche fiel. 18 Jahre alt, der jüngste Sohn der Familie meines Großvaters.

Ich wundere mich noch heute, dass ausgerechnet das Symbol für deutschen Militarismus noch immer steht (Brandenburger Tor). Ein Wallfahrtsort für Revanchisten, welche heute wieder meinen, mit Krediten auf Kosten der deutschen Bevölkerung Russland in die Knie zwingen zu können. Eine Atommacht, welche keinen Moment zögern wird, Deutschland in Schutt und Asche zu legen, sollte es nach Napoleon, Kaiser Wilhelm und Adolf Hitler einer Horde rachsüchtiger Politiker auch nur ansatzweise gelingen, die Grenzen Russlands zu überschreiten!

(…)

Mfg
Holger Schuldt


Kriegstüchtig

Liebe NachDenkSeiten,

Grüße aus Göttingen zuvor, Dank für Ihre Arbeit und dazu von mir Erinnerungen gegen den Krieg im Anhang.

Alles Gute für Ihre Arbeit wünscht

Hartwig Hohnsbein

Ein fast vergessenes Wort soll Deutschland wieder erobern: „Kriegstüchtig”. Vor drei Jahren, also vor einer vielbeschworenen Zeitenwende, hätte dieses Wort gute Chancen gehabt, das Unwort des Jahres zu werden; jetzt soll es ein Friedenswort sein, stammt sein Wiederentdecker, ein Herr Pistorius, doch aus der „Friedensstadt Osnabrück”.

Mir selbst, der ich als „Vorkriegskind” geboren wurde, ist jenes Wort und die Sache, die es beschreibt, nämlich tüchtig zu sein für den Krieg, für die Bereitschaft zu schießen, zu töten und getötet zu werden, spätestens seit dem Sommer 1944 überaus vertraut gemacht worden, im Gegensatz zu dem Herrn Pistorius, der damals noch nicht leben musste.

Damals also, während des Krieges, wuchs ich in Neubrandenburg (Ostmecklenburg) auf. Die Stadt hatte durch die NS-Politik der Aufrüstung – sprich: Kriegstüchtigkeitsmachung – erheblich an Gewicht gewonnen:

Hier wurden nach 1933 ein Militärflughafen (Trollenhagen), Panzerkasernen, eine Torpedoversuchsanstalt sowie das Kriegsgefangenenlager „Fünfeichen” eingerichtet. Nach dem gescheiterten Aufstand gegen das NS-Regime am 20. Juli 1944 brach hier ein nicht enden wollender Jubel aus, als bekannt wurde, dass die Schlüsselfigur bei der Niederschlagung des Aufstandes der Kommandeur des Wachbataillons „Großdeutschland”, Otto Ernst Remer, ein Neubrandenburger war. Er wurde nun „von der NS-Propaganda zur Galionsfigur” gemacht, zu einem Vorbild an Kriegstüchtigkeit für den „Führer”.

Auf dem Schulhof und in der Freizeit hieß es nun: „Was können auch wir für den Führer tun?” So übten wir spielend, wie man schießt, die Panzerfaust bedient, Panzersperren baut und damit zum Endsieg beiträgt und auch zu einem „Helden” wird.

Ein älterer Schüler, der schon in der HJ war, zeigte uns Acht-/Neunjährigen, wie man auch hinter der Front den Feind durch Brandlegung besiegen kann. Er war es auch, der mich noch am Mittag des 28. Aprils (1945) zur Innenstadt mitnahm, um zu sehen, ob die Panzersperren fertig waren, sodass die Stadt dort „bis zum letzten Blutstropfen” verteidigt werden konnte.

Am Abend mussten wir die Stadt verlassen. Wir übernachteten in einem Wald auf einem offenen Wehrmachtslaster. Zwei Babys waren mit in unserem Nachtlager; sie schrien unaufhörlich, sie waren ja noch nicht kriegstüchtig gemacht worden. Deshalb wies ein Soldat sie zurecht: „Das geht hier aber nicht, euer Schreien. Wir sind hier im Kriegsgebiet. Jeder Laut kann uns verraten.” Ein anderer Soldat hatte Rum für sie zum Trinken. Das wollten ihre Mütter nicht. Der kriegstüchtige Soldat wusste: „Wenn sie ihren Rum nicht trinken, müssen wir alle sterben, ganz Deutschland auch.”

Am nächsten Morgen, dem 29. April, wurden wir Flüchtlinge in Gruppen eingeteilt und in Richtung Westen geschickt. Unser Gruppenführer in abgeschabter blauer Eisenbahneruniform war wohl wegen seines Alters nicht mehr kriegstüchtig. Er hielt eine kurze Ansprache; „Wenn Jabos (Jagdbomber) kommen – in die Büsche werfen.” Los ging‘s.

Kurz danach blieb er stehen, zeigte auf zwei Panzer, die auf uns zusteuerten, und ließ ein weißes Laken hissen, worauf sich die Panzer, russische Panzer, von uns abkehrten. Das war von ihm zwar gegen den Willen der NS-Verfügungen gehandelt, also kriegsuntüchtig, uns aber rettete er das Leben. Kurz danach hielt neben uns ein „Kübelwagen”, in dem neben dem Fahrer ein hochdekorierter Offizier saß. Er befahl der Gruppe, aus dem Kriegsgebiet zu verschwinden, und nahm „die Frau mit den beiden kleinsten Kindern” in sein Auto. Das war unsere Familie.

Er erklärte uns dann, er müsse noch einige „Gefechtsstände” anfahren. Dort sahen wir, wie er die Besatzung anwies und immer in Richtung Nordost, also Neubrandenburg, zeigte. Nachdem er die Soldaten vor ihrem Einsatz noch einmal richtig kriegstüchtig gemacht hatte, fuhren wir mit ihm noch eine Zeitlang durchs Gelände. Schließlich erreichten wir eine Hauptstraße, wo er einen Wehrmachtslaster anhielt, uns aussteigen ließ und uns nachrief: „Nach Wismar”.

Heute weiß ich, dass dieser Oberkriegstüchtigmacher der Kommandeur der 281. Infanteriedivision, der Ritterkreuzträger Anton Schmid war, der Neubrandenburg verteidigen sollte. Im Netz findet sich der Hinweis, dass er am selben Tag noch, als er uns auslud, in „Weitin”, gestorben sei. Ein anderer Hinweis im „Tagebuch der 2. Belorussischen Front” weiß, dass Schmid einige Kilometer weiter, an der Zirzower Mühle, „seine Uniform samt Orden im Teich versenkte und in einem Zivilanzug” verschwand. Auch andere entzogen sich der Kriegstüchtigkeit, um zu überleben. In Malchin sahen wir, wie etliche Soldaten ihre Uniformen in einem großen Feuer verbrannten. Für sie galt nicht mehr, was wir auf einer Mauer lesen konnten: „Die Panzerfaust und deutsche Landser sind stärker als die roten Panzer”. Andere wiederum glaubten diesem Schwindel immer noch. Ich hörte, wie einige sagten: „Wir wollen nach Wismar und dort mit den Tommies gegen die Russen kämpfen.” Das war am 2. Mai 1945.

Einige Tage später endete in Europa der Zweite Weltkrieg, den Deutschland 1939 als Vernichtungskrieg mit über 60 Millionen Toten in die Welt gebracht hatte. Im Sinne des „Schwurs von Buchenwald” hieß es nun: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg”.

Eine biblische Einsicht, wie Friede und Heil für die „Völker der Welt” zustande kommen, möchte ich abschließend dazu zitieren: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen (…) und hinfort nicht mehr lernen, Kriege zu führen” (Jesaja 2 Vers 4). Am Hauptgebäude der UNO in New York ist dieser Satz als Bronzeskulptur nachgebildet.

„Kriegstüchtigkeit” soll es danach für eine friedliche und menschenwürdige Zukunft nicht mehr geben.


Hier können Sie den zwölften Teil und hier den dreizehnten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

Historiker Ilan Pappe: „Israel war schon immer der Ansicht, dass es die arabische Welt beherrschen muss“


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Im Gespräch über sein neues Buch zeigt Pappe auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuität zwischen den Anfängen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten auf. Von Gwenaëlle Lenoir.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Während Israel mit Unterstützung westlicher Regierungen seine mörderischen Aktionen im Gazastreifen, im Westjordanland, im Libanon und in Syrien fortsetzt, veröffentlicht der israelische Historiker Ilan Pappe ein kleines, aufrüttelndes Buch mit dem Titel „Eine sehr kurze Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts“.

Auf weniger als 200 Seiten fasst der Professor der Universität Exeter in Großbritannien Jahrzehnte der Arbeit der sogenannten „neuen israelischen Historiker“ zusammen – denen er selbst angehört –, die die historische Darstellung des Konflikts zwischen Israel und Palästina neu geschrieben haben.

Ilan Pappe, in Israel als Sohn deutscher Eltern geboren, die aus Nazideutschland geflohen waren, ist durch seine historischen Erkenntnisse zu einem engagierten, antizionistischen Menschen und Verteidiger der Rechte der Palästinenser geworden. Heute leitet er das Europäische Zentrum für Palästina-Studien an der Universität Exeter.

Das Interview, geführt von Gwenaëlle Lenoir für die französische Internet-Zeitung Mediapart, verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuität zwischen den Anfängen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten.

Gwenaëlle Lenoir: Was hat Sie dazu veranlasst, diese „Kurze Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts“ zu schreiben, und warum jetzt?

Ich habe sie vor anderthalb Jahren auf Englisch geschrieben, nach einer Buchmesse, auf der ich sah, dass die Menschen eine Erklärung des Kontextes der Ereignisse seit Oktober 2023 suchten.

Sie hielten die vorgestellten Bücher für zu umfangreich, zu wissenschaftlich. Gleichzeitig waren die meisten Menschen mit dem von den Medien dargestellten Kontext unzufrieden und wollten mehr erfahren, ohne sich gleich in ein Studium des Themas zu vertiefen.

Und deshalb verkauft sich dieses Buch gut, denn es bringt in gewisser Weise Geschichten, die die großen Medien nicht bringen, und schon gar nicht die traditionellen Politiker. Letztere beugen sich der israelischen Darstellung, wonach die Ereignisse vom 7. Oktober die Folge eines islamistischen Antisemitismus sind und dass der Iran sie orchestriert hat. Israel möchte, dass sie so dargestellt werden, und hat gefordert, dass der historische Kontext des 7. Oktober nicht analysiert wird.

Was die westlichen Politiker betrifft, so zitierte der französische Außenminister Jean-Noël Barrot den der israelischen Premierministerin Golda Meir zugeschriebenen Satz – „Wir können den Palästinensern verzeihen, dass sie unsere Kinder töten, aber wir werden ihnen niemals verzeihen, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten“ – im Zusammenhang mit dem neuen israelischen Gesetz zur Todesstrafe für Palästinenser. Er wollte damit unterstreichen, dass der Geist des Staates Israel humanistisch sei. Was sagt Ihnen das?

[Lachen] Diese Geschichte kannte ich gar nicht! Aber die Aussage ihres Ministers ist völliger Unsinn! Das ist die seltsamste Interpretation dieses Satzes, die mir je begegnet ist, denn sie zeigt nicht den Humanismus Israels, sondern genau das Gegenteil. Golda Meir sagte dies 1948 in Haifa, nachdem Israel die ethnische Säuberung der Stadt durchgeführt hatte.

Auf die Frage eines Journalisten: „Glauben Sie nicht, dass das, was Sie hier sehen, den Pogromen gegen die Juden in Osteuropa ähnelt?“, antwortete sie: „Ja, es macht mich sehr traurig, das zu sehen, und wir werden den Palästinensern niemals verzeihen, dass sie uns dazu zwingen, ihnen das anzutun.“

Es ist ein Satz, der die Heuchelei, den Anschein von Tugend und die Unfähigkeit der Israelis zeigt, zu akzeptieren, dass die Palästinenser Opfer sind. Sie glauben, dass nur Israel Opfer sein kann. Es ist wie bei einer Person, die eine andere sehr heftig schlägt, bis zu dem Punkt, dass sie sie fast tötet, und ihr dann sagt: „Es ist deine Schuld. Du hast mich so wütend gemacht, dass ich dich fast töte. Und ich werde dir nie verzeihen, dass du mich dazu gebracht hast, dich fast umzubringen.“ Es überrascht mich sehr, dass euer Minister dies erwähnt hat, um ein positives Bild von Israel zu rechtfertigen.

Kommen wir zurück zu Ihrem letzten Buch. Wenn man die Kapitel durchgeht, die den Anfängen des Zionismus und seiner Etablierung im historischen Palästina gewidmet sind, hat man oft das Gefühl, dass es eine starke Kontinuität zwischen dieser Zeit und heute gibt. Ist das so?

Es gibt einen kleinen Unterschied, aber keinen grundlegenden. Damit der Zionismus realisiert werden konnte, brauchte es eine sehr starke Koalition, die die Vorstellung akzeptierte, dass die einzige Lösung für das jüdische Problem in Europa ein jüdischer Staat im Herzen der arabischen Welt auf Kosten der Palästinenser sei und dass, wenn die Palästinenser und die arabische Welt sich widersetzten, sie sich einer globalen Koalition stellen müssten.

Die Palästinenser begriffen diese Vorstellung, dass sie durch die Juden aus Europa und später auch durch Juden aus den arabischen und östlichen Ländern ersetzt, vertrieben und verdrängt werden sollten, als existenzielle Bedrohung und gründeten ihre eigene Widerstandsbewegung. Und diese Widerstandsbewegung ist bis heute aktiv. Daher ist für den Erhalt Israels stets eine breite Koalition notwendig.

Diese Koalition setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die sich nicht in allen Punkten einig sind, die aber das zionistische Projekt befürworten. Zum Beispiel glauben christliche Zionisten nach wie vor, dass es sich um ein göttliches Programm handelt, das die Wiederkunft des Messias bringen wird.

Die amerikanischen Konservativen oder „Neokonservativen“ glauben, dass es wichtig ist, weil Israel in einer sehr feindseligen Region die Bastion des Westens und der USA ist.

Die multinationalen Konzerne, die mit Rüstungsgütern handeln, betrachten es als große Geschäftsgelegenheit.

Und dann ist da natürlich das jüdische Gefühl, das unter den Mitgliedern dieser Bündnisse wahrscheinlich das authentischste ist, wonach man eine Art neuen Zufluchtsstaat braucht, in den man gehen kann, wenn die Dinge schlecht laufen, wie es im Zweiten Weltkrieg der Fall war.

Aber wir hatten jahrzehntelang, wenn wir die Nachrichten nicht täglich verfolgten, den Eindruck, dass die Brutalität geringer war als in den Anfangstagen. Bis vor zwei oder drei Jahren, bis zur Rückkehr Netanjahus an die Macht.

Ich glaube, es sind zwei Dinge geschehen:

Erstens reagiert die internationale Gemeinschaft nicht auf die alltägliche Brutalität. Sie reagiert auf sehr dramatische Brutalität. Aber es gab seit der Ankunft der Zionisten in Palästina keinen einzigen Tag, an dem die Palästinenser nicht der zionistischen Brutalität ausgesetzt waren, wenn auch sicherlich nicht immer in diesem großen Maßstab.

Zweitens begannen das Internet und die Besuche junger Menschen aus aller Welt im Westjordanland und im Gazastreifen, die Realität der israelischen Unterdrückung aufzudecken.

Und etwas deutlich anderes geschah nach November 2022, als zum ersten Mal die am meisten fundamentalistischen, extremen und rassistischen Elemente der israelisch-jüdischen Gesellschaft begannen, die Macht zu übernehmen. Es ging nicht nur um Netanjahu. Es ging um Netanjahus Bündnis mit diesen Kräften.

Sie haben viel weniger Skrupel als die vorherige Generation, wenn es darum geht, noch tödlichere und zerstörerischere Waffen und Strategien gegen die Palästinenser einzusetzen. Das zeigt sich seit dem 7. Oktober überall.

Obwohl, wie ich bereits sagte, dies schon vorher vorhanden war. Die Palästinenser waren schon immer einer sehr mächtigen Armee ausgeliefert, die in mehrfacher Hinsicht darauf ausgerichtet war, sie über Jahrzehnte hinweg zu überwachen, zu kontrollieren und zu besetzen.

Angesichts der im Rahmen Ihrer Arbeit durchgeführten Analysen: Sehen Sie Vergleichspunkte zwischen der Vergangenheit und der aktuellen Lage im Gazastreifen einerseits und im Westjordanland andererseits?

Ich sehe viele Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede. Was wir heute in Gaza erleben, erinnert mich an die letzten Phasen der Nakba, die Operationen, die Israel 1948 durchführte, als dieses Land nicht in der Lage – oder zumindest nicht bereit – war, das gesamte historische Palästina zu besetzen. Auf diese Weise entstanden das Westjordanland und der Gazastreifen.

Die Israelis haben so viele Palästinenser, wie sie konnten, sowohl ins Westjordanland als auch in den Gazastreifen vertrieben. Dann bauten sie eine Art Mauer um Israel herum, um sich von diesen palästinensischen Gebieten abzutrennen, in der Hoffnung, dass die Jordanier und Ägypter sich um sie kümmern würden.

Heute können die Palästinenser aus Gaza nirgendwohin gehen, während die Hälfte des Gazastreifens leer und vollständig von Israel kontrolliert ist. Sie haben keinerlei Schutz und sind weiterhin mit den anhaltenden israelischen Militäroperationen konfrontiert. Es gibt eine Eskalation in Bezug auf Unmenschlichkeit, Barbarei und den Willen, die Bevölkerung offen zu dezimieren – und nicht nur, sie zum Weggehen zu zwingen.

Ich glaube, die aktuelle Situation ist viel besorgniserregender als während der Nakba im Jahr 1948. Denn 1948 konnten die Menschen, obwohl sie alles verloren hatten, ihr Leben wieder aufbauen – in den Flüchtlingslagern, in der Diaspora, im Westjordanland, im Gazastreifen. Heute sind sie von Auslöschung bedroht. Es ist möglich, dass Israel diesen Völkermord nicht vollenden kann, aber das Leiden ist unermesslich.

Was das Westjordanland betrifft, sagen die Palästinenser, dass die Nakba ein anhaltender Prozess ist. Da stimme ich voll und ganz zu. Im Westjordanland findet eine fortschreitende und schrittweise ethnische Säuberung statt.

Und wir sehen erst den ersten Schritt. Es geht darum, die Palästinenser aus der Zone C – die gemäß den Osloer Abkommen etwa 60 Prozent des Westjordanlands ausmacht – zu vertreiben, um sie in die Zonen B und A zu bringen, sie dann aus Zone B zu entfernen und in Zone A eine Art Gazastreifen zu schaffen, also unter Belagerung.

Dann wird es heißen: „Wenn du dich gut benimmst, kannst du dich frei bewegen und eine gewisse Autonomie genießen. Wenn du dich nicht gut benimmst, nun, schau dir an, was mit dem Gazastreifen passiert ist.“

Das ist die Strategie von [Bezazel] Smotrich, offiziell Finanzminister mit Zuständigkeit für das Westjordanland, der aber tatsächlich der De-facto-Generalgouverneur des Westjordanlands ist. Er spricht ganz offen darüber. Er hat die Unterstützung der Mehrheit der Likud-Mitglieder und von Netanjahu.

Seit zwei Monaten erleben wir zwei neue Konflikte gegen den Iran und gegen den Libanon. Sind sie Ihrer Auffassung nach Teil dessen, was Sie den israelisch-palästinensischen Konflikt nennen?

Ich glaube, dass es eine Verbindung gibt. Um das grundlegende zionistische Ziel zu erreichen, nämlich die Kontrolle über das gesamte historische Palästina mit einer sehr reduzierten Anzahl von Palästinensern – und mit Palästinensern, die, falls sie bleiben, keinerlei Verlangen haben, sich gegen die Realität der Unterdrückung zu wehren –, hat Israel stets die Ansicht vertreten, dass es die arabische Welt beherrschen und sich jedem widersetzen muss, der den Palästinensern helfen könnte.

So war es schon immer. Israel versuchte vor 1967, die fortschrittlichen Regierungen in Ägypten und Syrien zu stürzen, weil es Führungspersönlichkeiten wie Gamal Abdel Nasser in Ägypten und die Baath-Partei in Syrien als pro-palästinensisch ansah.

Heute gibt es andere Akteure. Doch die Hegemonie in der Region bleibt in den Augen der verantwortlichen israelischen Politiker eine Voraussetzung, um die vollständige Umwandlung des historischen Palästinas in einen rein jüdischen Staat zu vollenden. Es geht also nicht um einen Wunsch, den Iran zu besiegen, nur aus Freude daran, ihn zu besiegen.

Hinzu kommt, dass die Anhänger des messianischen Zionismus, die mittlerweile einen sehr wichtigen Teil der Regierung ausmachen, glauben, das biblische Königreich Davids und Salomons wiederaufzubauen, das von allen im Nahen Osten gefürchtet und respektiert wurde.

Und dies geht Hand in Hand mit ihrer Vorstellung, dass Israel in Wirklichkeit eine Theokratie sein müsse, denn wenn du eine Theokratie bist, tust du, was Gott will, und wenn du tust, was Gott will, wirst du auch in deiner Politik gegenüber der arabischen Welt Erfolg haben.

In früheren Interviews haben Sie gesagt, Israel stehe am Rande eines kalten Bürgerkriegs, sogar einer Implosion, aufgrund des Konflikts zwischen dem theokratischen Staat Judäa, den sie gerade beschrieben haben, und dem Staat Israel, den Sie als säkularer und liberaler ansehen. Ist das zweieinhalb Jahre nach dem 7. Oktober immer noch so?

Ja, denn der Staat Israel und der Staat Judäa sind sich in der Palästinafrage nicht uneinig, genauso wenig wie in der Notwendigkeit, den Iran oder den Libanon anzugreifen. Das sind nicht die Streitpunkte. Diese betreffen vielmehr die Zukunft der jüdischen Gesellschaft in Israel.

Wird es eine säkulare und liberale Gesellschaft sein oder eine theokratische? Das ist der Konflikt.

Und in diesem Kampf hat meiner Meinung nach der Staat Judäa die Führung übernommen. Er wird sie behalten, bis alles zu absurd und Schrecken erregend geworden ist, selbst für diejenigen, die ihn unterstützen.

Und wir können bereits in den USA eine radikale Veränderung in der Haltung gegenüber Israel beobachten, auch unter jungen Juden. Wir sehen in Europa die Anfänge einer Bewusstwerdung. Die junge Generation von Politikern beginnt zu verstehen, dass die Gefahr im Nahen Osten nicht darin besteht, dass der Iran eine Atomwaffe entwickeln könnte, sondern dass Israel 220 Atombomben hat. Und dass es sich zu einem aggressiven Staat mit theokratischen Zügen entwickelt, mit noch mehr Unterdrückung der Palästinenser.

Glauben Sie, dass wir gerade die letzte Phase des Zionismus erleben?

Ja. Aber als Historiker muss ich darauf hinweisen, dass sich die letzte Phase eines historischen Prozesses über 20 oder 30 Jahre erstrecken kann. Ich spreche nicht von einem Zeitraum von fünf oder sechs Jahren ab heute. Ich erwarte keinerlei grundlegende Veränderung innerhalb Israels, leider.

Aber wir sehen im Ausland eine Bewegung, die beginnt, die Innenpolitik in Europa und den USA mit der Haltung zu Israel zu verknüpfen.

Zum Beispiel gibt es bei den Kommunalwahlen in Großbritannien eine sehr wichtige Partei, die um den Stadtrat von Birmingham kämpft, die sich „Koalition für Gaza“ nennt. Das Problem in Birmingham ist jedoch nicht Gaza. Das Problem in Birmingham ist die Unfähigkeit der Stadtverwaltung, Dinge wie Müll, Kanalisation usw. zu regeln. Aber in den Augen vieler Menschen dort hängen diese Dinge zusammen. Ihre moralische Haltung gegenüber Gaza steht in Verbindung mit ihrer Haltung zu Themen, die für die Einwohner von Birmingham wichtig sind.

Stimmen Sie dem zu?

Ja, ich stimme zu, es hängt zusammen. Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen Politikern, die jeden moralischen Anstand verloren haben, die nur an ihre Karriere denken, die nur an die nächsten Wahlen denken und sich von den wirklichen Problemen der Gesellschaft und von jenen abkoppeln, die nicht so sind. Ich glaube fest daran, dass jemand, der es als moralische Pflicht ansieht, sich für die Palästinenser einzusetzen, sich auch aufrichtig um die Belange kümmern wird, die seine eigene Gemeinde und seine eigene Wählerschaft betreffen.

Das Interview erschien im Original am 4. Mai 2026 bei Mediapart. Aus dem Spanischen übersetzt von Marta Andujo. Mit freundlicher Genehmigung von Gwenaëlle Lenoir und Mediapart.

Das Buch von Ilan Pappe ist auf Bestellung im Buchhandel oder im Internet auch in deutscher Sprache erhältlich (gedruckt als Book on Demand oder als E-Book):

Ilan Pappe: Eine sehr kurze Geschichte des Israelisch-Palästinensischen Konflikts. Books on Demand 2025, gebundenes Buch, 188 Seiten, ISBN-13: 978-3819279980, 20 Euro (E-Book: 15,99 Euro).

Titelbild: wikicommons / وسام زقوت / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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Ein Dank an unsere Leser!


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Am 8. Mai hatten wir Sie dazu aufgerufen, uns Ihre Kriegs- und Nachkriegserinnerungen (und die Ihrer Eltern) zu schicken. Sie haben für uns Schubladen geleert, auf Dachböden und in Kellern gesucht, handschriftliche Aufzeichnungen abgetippt, noch lebende Zeitzeugen per WhatsApp befragt, eigene Erinnerungen hervorgeholt – und täglich erreichen uns immer noch viele Mails mit den Ergebnissen. Wir hätten nicht gedacht, dass dieser Aufruf auf eine so große Resonanz treffen würde. Vielen Dank noch einmal von uns allen in der Redaktion für Ihre vielen bewegenden Zuschriften! Die Reihe wird noch eine Weile fortgesetzt – in der Regel wird immer um 15:00 Uhr eine neue Folge erscheinen, da wir so viel gutes „Material“ erhalten haben. Ich habe, mit der Unterstützung meines Kollegen Christian Reimann, die Einsendungen gesichtet, sie dann ausgewählt und für die Veröffentlichung bei uns editiert. Eine Reaktion von Maike Gosch.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Beim Lesen der vielen Berichte, Fragmente, Erinnerungen begibt man sich auf eine Zeitreise in ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Der stickige Geruch der Keller, in die sich die Menschen zum Schutz vor Bomben zurückzogen, steigt in die Nase, ebenso wie der Geruch von gekochtem Rübenkraut als einzigem Essen im Hungerwinter oder der beißende Geruch der brennenden Gebäude.

Es sind viele Geschichten von Mut, von unglaublicher Tapferkeit, von Schmerz und Verlust, aber auch von Liebe, von Familie, von Überlebenswillen und der Kraft, weiterzumachen. Viele Erinnerungen schildern auch eine ganz andere, ein Kindersicht: Sie haben die Trümmerberge oft als Abenteuerspielplätze erlebt und – zum Glück – das ganze Ausmaß des Schmerzes und der Trauer der Eltern nicht begriffen.

Berührend sind auch die Berichte der jungen Männer, oft fast noch Kinder, aus den letzten Kriegsmonaten, die noch in das Geschehen hineingezogen oder -gezwungen wurden und sich irgendwie durchschlugen und überlebten. Man kann sich das aus heutiger Sicht einfach nicht vorstellen, was es für 15-, 16- oder 17-Jährige bedeutet hat, in einen Krieg zu ziehen.

Wie ein roter (blutroter) Faden zieht sich der Verlust von Vätern, Großvätern, Brüdern, Ehemännern, Cousins und Onkeln durch fast alle Geschichten. Jede Familie hatte so viele Tote zu beklagen, in die Familien wurden Lücken gerissen und insbesondere die Männer fehlten. Es war zu großen Teilen eine fast „vaterlose“ Generation, die in der Nachkriegszeit aufwuchs. Und selbst die, deren Väter nicht gefallen oder auf andere Art gestorben waren, sahen sie erst Jahre später wieder, nach der Kriegsgefangenschaft, und dann oft an Leib und Seele schwer verletzt.

Ein weiteres schreckliches Dauermotiv der Geschichten ist die Zerstörung der Städte, des bekannten Umfelds, der Gebäude, der Geschichte, der Struktur, des Halts. Der Bombenterror gegen Zivilisten und danach das Leben in Ruinen, in halbzerstörten Städten.

Ebenso schwer wogen der Verlust von Heimat, das Erlebnis von „Flucht und Vertreibung“, was ja ein geflügeltes Wort wurde in der Nachkriegszeit. Wie schwer das wog – physisch, aber auch seelisch. Die Strapazen, die Gräuel der Flucht, aber auch die Nachwirkungen, nach dem Ankommen als meist nicht willkommene Flüchtlinge, nur mit dem Wenigen, was sich am Körper oder auf einem kleinen Wagen transportieren ließ. Als „Habenichtse“ ankommen. Aber auch der Verlust von Gebäuden, Dörfern, Landschaften, des bekannten Dialekts, des Gefühls von Verwurzelung an einem Ort, von Gemeinschaften und Großfamilien, sozialen Zusammenhängen.

Das alles wurde irgendwie ertragen, unter Hunger, in zerbombten Städten – und weitergemacht, nach vorne geschaut. Geld verdient, Familien gegründet, Kinder großgezogen. Wir „Nachgeborenen“ werden uns wahrscheinlich nie wirklich vorstellen können, was für ein ungeheurer Kraftakt das gewesen sein muss.

Ermutigend dagegen die Geschichten von Tapferkeit, von Solidarität und Zivilcourage, sei es beim Verstecken von Deserteuren, der Unterstützung jüdischer Mitbürger oder anderen guten Taten.

Immer wieder kam auch das Schweigen in den Familien über diese Erlebnisse zur Sprache. Es wurde in vielen Familien kaum oder gar nicht darüber gesprochen. Obwohl es so einschneidende und schreckliche Erlebnisse waren, dass die Eltern oder Großeltern ihr Leben lang darunter litten und der Schmerz und die Traumata, auch wenn über sie nicht gesprochen wurde, das Familienleben und die Beziehungen noch über Jahrzehnte belasteten. Vielleicht kann diese Aktion einen kleinen Beitrag dazu leisten, dieses Schweigen zu brechen, aufzuweichen, aufzulösen. Denn so schrecklich die Geschichten auch sind, so heilsam kann ihr Erzählen sein.

Und das Zuhören. Immer wieder haben Sie wiederholt, dass Sie eine Lehre aus diesen Erlebnissen, den eigenen und denen Ihrer Eltern, gezogen haben: Nie wieder Krieg! Das ist auch für viele von uns Jüngeren eine starke und klare Überzeugung. Aber sie hat ein ganz anderes Gewicht, wenn sie von unseren „Älteren“ kommt, die genau wissen, wovon sie sprechen.

Es sind Geschichten aus einer Welt, die zeitlich gar nicht so weit von uns entfernt ist, nicht mal ein Menschenleben lang, aber wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheinen. Um so wichtiger, dass diese vielen Zeitzeugenberichte, wie Elemente einer Collage, sie noch einmal nah an uns spätere Generationen heranholen und in die heutige Zeit bringen, wo eine Kriegsbeteiligung Deutschlands wieder in die Nähe des Möglichen zu rücken droht.

Es ist bezeichnend für unsere Zeit, dass wir so viel Wissen – oder zumindest den Zugang dazu – haben wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Menschheit, aber nicht annähernd in gleichem Maße Zugang zu Weisheit. Die Weisheit eines langen Lebens, Weisheit, die sich aus Erlebnissen und Erfahrungen speist. Diese haben Sie mit uns geteilt, und dafür danken wir Ihnen sehr!

Titelbild: ChatGPT, mit künstlicher Intelligenz erstellt

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Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (10)


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„Die Vergangenheit war immer da. In Blicken. In plötzlichem Schweigen. In Sätzen, die abrupt endeten. Man spürte, dass hinter all dem Erinnerungen lagen, über die nicht gesprochen werden konnte. Und vielleicht bestand gerade darin die eigentliche Last dieser Nachkriegsgeneration. Nicht nur im Erlebten selbst, sondern auch darin, ein Leben lang mit Dingen weiterleben zu müssen, für die es oft keine Worte mehr gab.“

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil, den achten Teil sowie den neunten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Beitrag von unserem Leser Volker Neu zu unserem Aufruf.

Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Der Krieg war vorbei. Für meine Eltern nicht.

Der 8. Mai gilt als Tag des Kriegsendes. Als Kapitulation, Zusammenbruch oder Befreiung, je nachdem, aus welcher Perspektive man auf die Geschichte blickt. Doch für viele Menschen endete der Krieg nicht einfach an einem bestimmten Datum. Seine Folgen blieben über Jahre, oft über ganze Generationen hinweg spürbar.

Wenn heute wieder mit erschreckender Selbstverständlichkeit über Krieg, Aufrüstung und militärische Stärke gesprochen wird, denke ich oft an meine Eltern. Beide waren Kinder, als der Zweite Weltkrieg endete. Mein Vater dreizehn, meine Mutter elf Jahre alt. Und doch hatten beide zu diesem Zeitpunkt bereits Dinge erlebt, die kein Kind erleben sollte.

Für meine Eltern endete der Krieg nicht einfach mit dem 8. Mai 1945. Die Waffen schwiegen irgendwann. Doch die Folgen des Krieges blieben noch lange Teil ihres Lebens.

Mein Vater war dreizehn Jahre alt, als der Krieg endete. Sein Vater war noch in Kriegsgefangenschaft und sollte erst zwei Jahre später zurückkehren. Der ältere Bruder war irgendwo in Deutschland gestrandet und bekam keine Zuzugsgenehmigung nach Dortmund. Die Familie lebte in einer zerbombten Stadt, das Elternhaus war zerstört, die Wohnung ausgebombt. Dortmund bestand damals aus Ruinen, Staub, Rauch und Menschen, die versuchten, irgendwie weiterzumachen. Einer musste Geld verdienen. Also arbeitete der Dreizehnjährige.

Durch einen Onkel bekam er eine Stelle im Brückenbau. Als „Pinnewärmer“. Ein Begriff aus einer anderen Zeit, fast vergessen wie die Menschen dahinter. Damals wurden Stahlkonstruktionen noch mit glühenden Nieten verbunden. Der Pinnewärmer erhitzte die schweren Metallstifte in einer Esse, bis sie rot glühten. Dann wurden sie weitergereicht, eingesetzt und mit schweren Hämmern gestaucht. Beim Abkühlen zog sich das Metall zusammen und verband die Stahlträger dauerhaft miteinander.

Es war schwere, gefährliche Arbeit. Hitze, Funkenflug, Lärm. Und mitten darin ein Kind. Nicht, weil es besonders tapfer gewesen wäre, sondern weil das Nachkriegselend Kinder in Funktionen zwang, für die sie nie gedacht waren. Wie gefährlich diese Arbeit tatsächlich war, zeigte sich eines Tages brutal. Mein Vater erlitt einen schweren Unfall. Ein glühender Niet prallte ihm gegen den Kopf. Er kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Ärzte hatten ihn bereits aufgegeben. Tagelang rechnete kaum noch jemand damit, dass er überleben würde. Doch irgendwann setzte er sich plötzlich im Bett auf und sagte nur: „Ich habe Hunger.“

Noch härter traf das Schicksal meine Mutter. Ihre Familie stammte aus Ostpreußen. Eine große Familie, tief verwurzelt in ihrer Heimat. Als die Front Anfang 1945 näher kam, begann die Flucht. Ein Teil der Verwandtschaft floh über Land, andere über die Ostsee. Meine Großeltern flohen mit meiner Mutter und ihren Geschwistern nach Pillau, dem letzten großen Hafen Ostpreußens. Dort gingen sie an Bord der „Karlsruhe“, eines alten Frachtdampfers, der Flüchtlinge nach Westen bringen sollte.

Die „Karlsruhe“ verließ Pillau im April 1945 mit über tausend Menschen an Bord. Flüchtlinge, Verwundete, Kinder. Viel zu viele Menschen für ein Schiff dieser Größe. Sie fuhr im Rahmen der Evakuierungsoperation „Hannibal“, mit der Hunderttausende Menschen aus den deutschen Ostgebieten über die Ostsee gebracht werden sollten. Begleitet wurde der kleine Konvoi von Minensuchbooten. Doch die überladene „Karlsruhe“ war langsam und fiel zurück. Genau das machte sie angreifbar.

Am 13. April 1945 griffen sowjetische Bomber den Dampfer an. Torpedos trafen das Schiff. Die „Karlsruhe“ sank innerhalb weniger Minuten in der eisigen Ostsee. Von den über tausend Menschen an Bord überlebten nur etwa 150. Mein Großvater ertrank. Auch die jüngsten Geschwister meiner Mutter starben im Wasser.

Meine Mutter kam zusammen mit ihrer Mutter nach Kopenhagen. Dort wurde im Juni 1945 auch ihre jüngste Schwester geboren. Später ging es weiter nach Aalborg in Dänemark. Dort lebten sie in einem Internierungslager für deutsche Flüchtlinge. Die Menschen waren in Baracken und ehemaligen Militärunterkünften untergebracht, standen unter Aufsicht und durften das Lager nicht einfach verlassen. Viele wussten nicht, ob Angehörige noch lebten oder ob sie jemals nach Deutschland zurückkehren würden. Der Krieg war vorbei, aber das Leben blieb geprägt von Unsicherheit, Enge und dem Gefühl, nirgendwo mehr wirklich zu Hause zu sein.

Erst Jahrzehnte später wurde mir wirklich bewusst, was das eigentlich bedeutete. 2014 starb mein Vater. Ich ging damals mit meiner Mutter zum Versicherungsamt, um die Witwenrente zu beantragen. Dort fragte die Sachbearbeiterin beiläufig: „Wann kamen Sie denn wieder aus dem Ausland nach Deutschland zurück?“ Meine Mutter überlegte lange und sagte schließlich: Ende 1948 oder Anfang 1949. In diesem Moment begriff ich zum ersten Mal wirklich: Meine Mutter hatte entscheidende Jahre ihrer Kindheit und Jugend erst in Internierungslagern in Dänemark und später als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein verbracht.

Später kam es in Schleswig-Holstein zur Zusammenführung der Familie. Die beiden jüngeren Geschwister, die nach der Versenkung der „Karlsruhe“ von einem anderen Schiff gerettet worden waren, lebten inzwischen ebenfalls dort. Die Familie kam auf einen Bauernhof bei Rendsburg, wo alle mitarbeiten mussten. Irgendwie schien meine Mutter diese Zeit sogar in guter Erinnerung zu haben. Vielleicht, weil das Dorf klein war. Vielleicht, weil manche Menschen trotz allem menschlich blieben.

Denn Flüchtlinge hatten es damals keineswegs leicht, auch nicht in Deutschland. Das wird heute oft verdrängt oder romantisiert. Gerade in Schleswig-Holstein herrschten nach dem Krieg chaotische Zustände. Hunderttausende Vertriebene und Flüchtlinge mussten untergebracht werden, obwohl es selbst der einheimischen Bevölkerung an Wohnraum, Nahrung und Arbeit fehlte. Viele lebten jahrelang in Lagern, Baracken oder behelfsmäßigen Unterkünften. Familien wurden zwangsweise bei Fremden einquartiert, oft auf engstem Raum. Nicht selten begegnete man den Flüchtlingen mit Ablehnung, Misstrauen oder offener Feindseligkeit, weil sie als zusätzliche Belastung wahrgenommen wurden. Auch das gehört zur Wahrheit der Nachkriegszeit: Der Krieg war offiziell vorbei, aber für Millionen Menschen ging das Leben im Ausnahmezustand weiter.

1953 sollte die Familie endlich ihre erste eigene Wohnung bekommen. Ein Neubeginn nach Jahren von Flucht, Lagerleben und Verlust. Doch wieder spielte das Schicksal eine andere Melodie. Meine Großmutter starb mit nur 41 Jahren. Woran, weiß heute niemand mehr. Die Kinder kamen unter Vormundschaft. Die jüngste Schwester erst zu Verwandten, später in ein Heim. Dort endete die Nachkriegsgeschichte nicht mit Geborgenheit, sondern mit Gewalt und Schlägen.

Über diese Jahre sprach meine Mutter später fast nie. Wenn man sie fragte, sagte sie meist nur: „Das weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern. Das ist lange vorbei.“

Doch gerade dieses Abwehren sagte oft mehr als viele Erzählungen. Denn vieles verschwindet nicht einfach aus dem Gedächtnis. Menschen, die schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben, lernen oft, Erinnerungen innerlich wegzuschließen, um überhaupt weiterleben zu können. Gerade die Kriegsgeneration funktionierte häufig genau so: nicht reden, weitermachen, aushalten. Gefühle wurden verdrängt, Erinnerungen eingesperrt, weil der Alltag sonst kaum zu bewältigen gewesen wäre. Vielleicht war das Schweigen meiner Mutter deshalb nicht Ausdruck des Vergessens. Vielleicht war es ein lebenslanger Schutzmechanismus gegen Erinnerungen, die zu schmerzhaft waren, um sie noch einmal hervorzuholen.

Und wahrscheinlich liegt darin etwas, das viele Kinder dieser Generation erlebt haben: Die Vergangenheit war immer da. In Blicken. In plötzlichem Schweigen. In Sätzen, die abrupt endeten. Man spürte, dass hinter all dem Erinnerungen lagen, über die nicht gesprochen werden konnte. Und vielleicht bestand gerade darin die eigentliche Last dieser Nachkriegsgeneration. Nicht nur im Erlebten selbst, sondern auch darin, ein Leben lang mit Dingen weiterleben zu müssen, für die es oft keine Worte mehr gab.

2020 wurde das Wrack der „Karlsruhe“ vor der polnischen Küste entdeckt. Taucher fanden Kisten, Fahrzeuge und Frachtreste im Inneren des Schiffes. Weil die „Karlsruhe“ eines der letzten Schiffe war, die Königsberg verlassen hatten, entstanden sofort Spekulationen über das verschollene Bernsteinzimmer. Doch das Wrack ist vor allem eines: ein Seekriegsgrab.

Dort unten liegen keine Mythen. Dort unten liegen Menschen.

Vielleicht fehlt unserer Zeit auch etwas, das es früher einmal gab: eine starke gesellschaftliche Stimme gegen den Krieg. In den 1980er-Jahren gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Aus Angst vor Aufrüstung. Aus Angst vor einem neuen Krieg in Europa. Viele wussten noch aus eigener Erfahrung oder aus den Geschichten ihrer Eltern, was Krieg wirklich bedeutet.

Heute wird wieder über militärische Stärke, Abschreckung und Kriegstüchtigkeit gesprochen. Oft nüchtern, technokratisch, fast wie über Verwaltungsfragen. Aber Krieg bleibt am Ende nie abstrakt. Denn am Ende bedeutet Krieg immer auch, dass irgendjemand über das Leben anderer Menschen entscheidet. Darüber, wer kämpfen soll. Wer töten soll. Wer sterben soll.

Gerade deshalb dürfte Krieg niemals etwas sein, das man einfach Politikern, Militärs oder geopolitischen Strategien überlässt. Krieg geht die Menschen an. Immer.

Vielleicht müssten wir uns gerade daran viel öfter erinnern. Nicht erst dann, wenn die nächsten Züge wieder voller Flüchtlinge sind.

Volker Neu


Hier können Sie den elften Teil und hier den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

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Zwischen Vertreibung und Hoffnung: Wie der Libanon ums Überleben kämpft


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Aus dem südlichen Libanon sind seit Anfang März mehr als 1,2 Millionen Menschen vertrieben worden. Trotz eines von den USA verkündeten und kürzlich erneut verlängerten Waffenstillstandes greift die israelische Armee täglich Dörfer, Straßen, Brücken, medizinische Einrichtungen und Agrarland an. Die Zahl der Toten, Verletzten und der zerstörten Dörfer steigt täglich. Eine Reportage von Karin Leukefeld (Tyros, Beissour/Libanon).

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Israel will eine Pufferzone zum Schutz der eigenen Bevölkerung einrichten. Es spricht von Verteidigung gegen die „Terrororganisation Hisbollah“, die entwaffnet, zerschlagen, vernichtet werden soll, wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gerade zum wiederholten Mal erklärt hat. Der Südlibanon und Südbeirut würden aussehen wie Rafah und Khan Younis (Gazastreifen), so der israelische Verteidigungsminister Israel Katz.

Die libanesische Hisbollah beruft sich auf das 1. Zusatzprotokoll der Genfer Konvention 1977 und erklärt, dass sie die Souveränität des Libanon gegen eine rassistische Kolonial- und Besatzungsmacht verteidigt.

Die Bewohner des südlichen Libanon suchen Zuflucht in der Hauptstadt Beirut, deren südliche Vororte ebenfalls in Trümmern liegen. Notunterkünfte gibt es in Tyros, Sidon, in der Bekaa-Ebene und zahlreichen Orten im Küstengebirge. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist groß, die Autorin hat verschiedene Orte besucht und mit denen gesprochen, die vertrieben wurden, und denen, die helfen.

Litani Fluss. Foto von provisorisch reparierter Qasmiya Brücke – © Karin Leukefeld

Der umkämpfte Südlibanon

Der Verkehr auf der Küstenstraße Richtung Süden wird deutlich weniger, je mehr man sich der Qasmiya-Brücke nähert. Es ist die letzte Brücke, die den Fluss Litani überquert, bevor er in das Mittelmeer mündet. Am 9. April wurde die Brücke von der israelischen Luftwaffe zwei Mal bombardiert und zerstört. Sieben Brücken überquerten den Litani und verbanden den Südlibanon und die westliche Bekaa-Ebene mit dem Rest des Landes. Alle Brücken hat Israel zerstört. Die Qasimiya-Brücke wurde von der libanesischen Armee provisorisch wieder aufgebaut, um den Transport zum Hauptquartier der UN-Friedenstruppe UNIFIL in Naqoura und Hilfslieferungen in den besonders von israelischen Angriffen betroffenen Südlibanon zu ermöglichen.

Fahrt nach Tyros. Rote Kreuz Konvoi auf dem Weg in den Südlibanon – © Karin Leukefeld

Der Litani gehört zu einem weit verzweigten Netz von Wasserläufen, die sich vom Norden über die Golanhöhen bis zum Tiberias-See erstrecken und das Gebiet grün und fruchtbar machen. Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte das fruchtbare Ackerland zu Palästina oder Bilad as-Sham und war von dort ansässigen Familien seit Jahrhunderten bewirtschaftet worden. Es war der Brotkorb für Damaskus im Osten, Jerusalem im Süden, für den Berg Libanon und Beirut im Norden.

1916 wurde Palästina und Bilad as-Sham durch Großbritannien und Frankreich zerteilt (Sykes-Picot 1916), und mit der Erklärung des britischen Außenministers Lord Balfour (1917) wurde der Zionistischen Nationalbewegung zugesagt, dort eine „jüdische Heimstatt in Palästina“ zu errichten. Nach dem Ersten Weltkrieg, bei der Pariser Friedenskonferenz (1919/20) hatte die Zionistische Nationalbewegung eine Landkarte vorgelegt, wonach ihr Gebietsanspruch für die „jüdische Heimstatt“ in Palästina im Norden bis zum Litani-Fluss reichen sollte. Heute macht die Netanjahu-Regierung keinen Hehl daraus, dass sie genau das mit ihren Angriffen im Südlibanon und mit der Errichtung einer „Pufferzone“ umsetzen will.

Karte mit Gebietsanspruch für die ‘jüdische Heimstadt’ in Palästina bis zum Litani Fluss im Libanon – © Karin Leukefeld

Aus einem Garten wird eine Gärtnerei

Die Qasimiya-Brücke ist knapp 20 Kilometer von der historischen Hafenstadt Tyros entfernt. Schon 2024 hatte die Autorin dort in einem Gebäude der libanesischen Universität von Tyros Inlandsvertriebene aus den südlichen Dörfern entlang der „Blauen Linie“ getroffen. Mit einem Arbeitsprogramm der UN-Frauenorganisation hatten Frauen dort einen Garten angelegt, wo sie Kräuter, Salat und Gemüse anpflanzen konnten.

Zwei Jahre später sind die Flüchtlingsfamilien noch immer dort. Aus dem Garten ist eine Gärtnerei geworden, wo auch Blumenstauden, Rosmarin und Thymian zum Verkauf herangezogen werden. Daneben liegt ein großes Feld, auf dem im Wechsel Kartoffeln, Kohl oder anderes Gemüse wächst. Blumenstauden aller Art sind entlang der Umrandung gepflanzt. Drei große Hallen begrenzen das Feld auf einer Seite, wo Tomaten und Paprika unter hohen Zeltdächern herangezogen werden.

Vor dem Universitätsgebäude, in dem die Flüchtlingsfamilien untergebracht sind, herrscht im Gegensatz zu 2024 reges Treiben. Die Union der Gemeinden von Tyros ist für die Versorgung der Menschen verantwortlich und hat auf dem Gelände ihre Zentrale. Hier werden Inlandsvertriebene registriert, hier erhalten sie erste Hilfe, hier werden sie an andere Unterkünfte weitergeleitet. Der Leiter der Einrichtung sitzt an einem großen Tisch und ist umgeben von Frauen und Kindern, die sich und ihre Familien registrieren wollen. Er hört sie an, vergleicht ihre Namen auf großen Listen, die vor ihm auf dem Tisch liegen, und verweist sie an andere Mitarbeiter, die an Computern die Registrierung fortsetzen.

Leben und arbeiten in einer Notunterkunft

Für die Autorin hat er keine Zeit, verweist sie aber an die Medienabteilung, die von dem libanesischen Journalisten Bilal Kashmar geleitet wird. Er nimmt sich Zeit, um die Situation zu erklären.

Der Journalist Bilal Kashmar leited das Medienzentrum Union der städtischen Mitarbeiter Tyros – © Karin Leukefeld

Seit Beginn des neuen Krieges Anfang März gebe es in Tyros 13 Notaufnahmeplätze, in denen insgesamt 4.000 Personen untergebracht seien, sagt er. Außerhalb dieser Unterkünfte lebten weitere 17.000 Menschen in Zelten oder in Wohnungen, die sie gemietet hätten oder unentgeltlich nutzen könnten. Alle kämen aus den Grenzdörfern um Bint Jbeil, Marjajoun, Naqoura und aus dem Umland von Tyros.

Aus den Kriegsjahren 2023 und 2024 seien noch 60 Familien in Tyros untergebracht. Damals sei auch das Agrarprojekt der UN-Frauenorganisation ins Leben gerufen worden. Die meisten Frauen aus den südlichen Dörfern seien Bäuerinnen und konnten so ihre Kenntnisse in der Landwirtschaft nutzen, erklärt Bilal Kashmar. Die Flüchtlingsfrauen arbeiteten jeweils einen Monat in dem Projekt und erhielten für ihre Arbeit einen Tageslohn. Nach einem Monat übernehme eine andere Gruppe von Frauen die Arbeit und so rotierten die Arbeiterinnen, damit alle in den Genuss bezahlter Arbeit kommen könnten.

Neu hinzugekommen sei eine Küche, die täglich für die Flüchtlinge koche. Die Küchenarbeiterinnen arbeiteten nach dem gleichen Prinzip wie die Frauen in dem Agrarprojekt. Arbeit und Aufgaben würden wechseln, monatlich werde ein Köchinnenteam durch ein anderes ersetzt. Nach dem gleichen Prinzip hätten auch die Männer Arbeit gefunden. Sie verteilten die Hilfspakete mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, Matratzen und spezielle Pakete mit Babynahrung an die Familien. „Jeder Einzelne wird hier registriert und erhält nach Größe der Familie monatlich ein oder zwei Hilfspakete“, erklärt Bilal Kashmar und fügt hinzu, dass die Hilfe alle Inlandsvertriebenen erhielten: „Die 4.000, die in Notunterkünften leben, und die 17.000, die außerhalb der Notunterkünfte eine Bleibe gefunden haben.“

Verteilung von Hilfsgütern an Inlandsvertriebene in Tyros – © Karin Leukefeld

Aktuell seien 691 palästinensische und 400 syrische Flüchtlinge bei ihnen registriert, hinzu kämen etwa 15 Personen aus afrikanischen Ländern wie Sudan und Äthiopien. 3.555 Kinder im Alter zwischen 0 und 17 Jahren seien registriert, weder Kindergarten noch Schulunterricht könnte angeboten werden. Die Hilfe werde von der Regierung in Beirut, genauer gesagt vom Rat für den Südlibanon zur Verfügung gestellt. Finanziert werde die Hilfe durch ausländische Regierungen, teilweise auch durch Hilfsorganisationen. „Wir sehen hier allerdings sehr, sehr viel weniger ausländische Hilfsorganisationen als bei früheren Konflikten“, fügt der Journalist hinzu. „Das hat natürlich politische Gründe.“

Der Journalist führt die Gründe nicht weiter aus, doch schon an anderer Stelle hat die Autorin gehört, dass vor allem europäische Regierungen nicht helfen wollen, weil Hisbollah und Israel involviert seien. Israel sieht Hilfe für die libanesische Bevölkerung als Hilfe für Hisbollah an, eine Sichtweise, die von Verbündeten Israels in den USA oder Europa nicht erklärt, aber offenbar doch übernommen wird.

Die Notunterkünfte und die rotierende Arbeit für die Vertriebenen in Tyros werden vor allem von der Union der Gemeinden von Tyros, von libanesischen, spanischen, einer australischen Hilfsorganisation und von der Frauenorganisation der Vereinten Nationen unterstützt. Das libanesische Rote Kreuz schickt zwei Mal wöchentlich eine Ambulanz, wo die Leute sich untersuchen lassen können. Allerdings gibt es in Tyros auch Arztpraxen und Kliniken, die die Vertriebenen versorgen.

Seit die israelischen Angriffe immer näher rückten, seien nur noch wenige Journalisten in Tyros, sagt Bilal Kashmar. Es sei wichtig, dass es Fotos und Berichte aus ihrem Gebiet gäbe, doch „ändern werden sie nichts“. Die Zeit des Vietnamkrieges, als Berichte von Journalisten über Gräueltaten und Kriegsverbrechen noch einen Krieg stoppen konnten, diese Zeit sei vorbei. Neue Waffen, politische Rücksichtslosigkeit, Missachtung internationalen Rechts und der Vereinten Nationen bestimmten das Geschehen. In Europa, auch in Deutschland gehe es um Aufträge für die Rüstungsindustrie. Und diejenigen, die angegriffen würden, dächten auch nur daran, Waffen zu bekommen, mit denen sie sich wehren und ihr Land verteidigen könnten. „Wir hatten immer Sympathien für Europa und fühlten uns den Gesellschaften dort nahe“, so der Journalist. „Aber jetzt sehen wir niemanden von dort hier, bei uns.“

Munifa Odaibi ist Küchenchefin. Täglich werden 4000 Mahlzeiten für die Inlandsvertriebenen in Tyros zubereitet – © Karin Leukefeld

Es ist Mittagszeit. Aus der gegenüberliegenden Küche zieht der Duft von Essen durch die Gänge. Bilal Kashmar begleitet die Autorin hinüber und stellt sie dem Team um Munifa Obeida vor, die Küchenchefin. Munifa teilt die Arbeit ein, kontrolliert, ob die Kochtöpfe nicht zu heiß werden, und behält den Überblick. An der Wand hängt der Essensplan für die Woche: Reis und Gemüse, Reis und Huhn, Reis und Gulasch, Kartoffeln und Gemüse. Heute gibt es Mujadarrah, ein einfaches, typisches südlibanesisches Gericht der Landbevölkerung. Dafür werden Zwiebeln angebraten und mit Linsen und Gewürzen zu einem Eintopf gemischt. Gekocht wird auf Gaskochern, die Frauen wechseln sich beim Umrühren des Essens in den großen Töpfen ab.

„Wir fangen morgens um acht Uhr an und sind meist gegen vier Uhr am Nachmittag fertig“, sagt Munifa fröhlich. Die Vorbereitung des Gemüses werde draußen gemacht, dann gehe es in der Küche weiter. Wenn das Essen fertig sei, werde es in Plastikschalen gefüllt, in Kisten verpackt und zu den einzelnen Notunterkünften gefahren. In der Küche gehe es dann an das Abwaschen und Aufräumen, damit am nächsten Morgen alles bereit für die Arbeit sei. Munifa strahlt unter ihrem eng anliegenden Kopftuch und scherzt mit den Köchinnen. „Für Mujadarrah brauchen wir Geduld. Es muss immer gerührt werden, damit es nicht anbrennt.“

Köchinnen des Küchenprojekts. Täglich werden 4000 Mahlzeiten für die Notunterkünfte gekocht. – © Karin Leukefeld

An der Wand weisen die Logos auf die fünf Organisationen hin, die die Arbeit im Küchenprojekt und auch in der Gärtnerei finanziell unterstützen. Beide Projekte werden von einer „Auf Frauen ausgerichteten Notfallhilfe“ getragen. Die Träger sind zwei libanesische Hilfsorganisationen, eine Organisation aus Australien und UN-Women, das Frauenprogramm der Vereinten Nationen.

Meine Kinder sind mein Leben

Zurück im Büro von Bilal Kashmar geht es noch einmal um die Frage, ob die Autorin mit Familien sprechen könne. Die Familien fühlten sich aber inzwischen oft gestört und bedrängt, vor allem weil ihre Lebensumstände sehr beengt und einfach seien, der libanesischen Gastfreundschaft nicht angemessen. Also hat der Journalist eine Frau aus dem Küchenprojekt gebeten, die Fragen der ausländischen Journalisten zu beantworten.

Farah (Die Glückliche) Ali Hejazi beginnt zögernd, schüchtern zu erzählen. Sie komme aus Aita Shaab, an der Grenze, wo sie mit Mann und Kindern gelebt habe. Zum ersten Mal sei sie mit der Familie 2023 nach Tyros geflohen. Doch nach dem Waffenstillstand Ende 2024 seien sie zurück ins Dorf gegangen und hätten dort 15 Monate leben können, bevor sie Anfang März erneut vertrieben wurden. Fünf Kinder habe sie, vier Mädchen und Mohammad, einen 14-jährigen Jungen. Das Leben in der Notunterkunft sei für sie alle schwierig, räumt sie ein. Sie teilten sich einen Klassenraum mit einer anderen Familie, ihre jeweiligen Bereiche seien durch eine Trennwand geteilt. Besonders schwierig sei, sich das Bad mit so vielen Frauen zu teilen. Alle hofften, bald wieder in ihre Dörfer zurückkehren zu können.

„Niemand ist glücklich“, sagt sie leise. „Wir sind alle müde.“ Die Flucht sei furchtbar gewesen, das Auto sei kaputt gegangen, sie hätten mehr als einen Tag gebraucht, um Tyros zu erreichen. Gut sei, dass sie in der Küche arbeiten könne. Sie bereite das Gemüse zu, das anschließend gekocht werde. Ihr Arbeitsplatz mit den anderen Frauen sei draußen vor der Küche, aber manchmal würden sie auch wechseln. Ihr Mann könnte immer mal wieder im Lager arbeiten, doch so ein Leben seien sie nicht gewohnt. „Im Dorf hat er wie alle anderen gearbeitet und auch ich hatte meine Aufgaben. Die Kinder gingen zur Schule (…)“. Die schmale Frau verstummt und blickt auf ihre Hände. „Ich möchte nur, dass es meinen Kindern gut geht, dass sie glücklich werden, dass sie in Frieden leben können, mit allen anderen Menschen.“ Und nach einer kurzen Pause fügt Farah hinzu: „Meine Kinder sind mein Leben, durch sie atme ich.“ Ein Lächeln zieht über ihr Gesicht, sie steht auf und legt den Arm um einen Jungen, der durch die Türe sieht: „Mein Sohn Mohammad“, sagt sie stolz.

Farah Ali Hejazi mit ihrem Sohn Mohammad. meine Kinder sind mein Leben. – © Karin Leukefeld

Der Weg zurück nach Beirut führt erneut über die provisorisch errichtete Qasimiya-Brücke. Rechts und links liegt Agrarland, das weiterhin von der örtlichen Bevölkerung und syrischen Landarbeitern bearbeitet wird. Was für die Bevölkerung des Libanon Lebensgrundlage, Souveränität und Bewegungsfreiheit bedeutet, ist für den Staat Israel militärisches Gelände. Geht es nach Tel Aviv und seinen Verbündeten, soll der Litani-Fluss die zukünftige Grenze werden.

Gastfreundschaft im Berg Libanon

Auch im Drusengebiet des Berg Libanon haben Inlandsvertriebene aus den südlichen Vororten von Beirut und aus dem Südlibanon Zuflucht gefunden. Der Ort Beissour hat rund 10.000 Einwohner und versorgte im Krieg 2024 mehr als 5.000 Hilfesuchende. Dieses Mal haben die Behörden 4.000 Inlandsvertriebene registriert. Nur wenige von ihnen sind in der einzigen Notunterkunft des Ortes, einer Schule untergekommen. Die meisten Vertriebenen wurden von Familien aufgenommen oder haben sich, wenn sie genug Geld hatten, in eine der Ferienwohnungen in Beissour eingemietet.

Auf den Höhen des Berg Libanon Küstengebirge – © Karin Leukefeld

Der Ort liegt rund 900 Meter über dem Meeresspiegel und ist etwa 25 Kilometer von Beirut entfernt. Beissour ist wegen der frischen kühlen Luft und den umliegenden Pinienwäldern ein beliebter Ferienort und Ausgangspunkt zahlreicher Wanderwege. In dem Ort leben Drusen und Christen, die Vertriebene und Hilfesuchende nicht abweisen.

In einer Schule wartet Kamal Matar vom Ministerium für soziale Angelegenheiten. Hier sei die einzige Notunterkunft des Ortes, erklärt er, 247 Personen seien in der Schule registriert. Das Ministerium sorge für Essen, das täglich von einer Großküche geliefert werde. Die Familien in der Schule könnten die Küche nutzen, sie würden mit Strom, Wasser und die Kinder für Online-Unterricht auch mit Internet versorgt. Medizinische Versorgung sei mehrmals wöchentlich möglich, dabei würden die örtlichen Gesundheitszentren auch von Médecins sans Frontières, den Ärzten ohne Grenzen, unterstützt. Pro Klassenraum seien zwei bis drei Familien untergebracht, je nachdem, wie groß diese seien. Innerhalb der Klassenräume würden die Bereiche mit Schutzwänden abgetrennt. Meist seien die Familien innerhalb eines Klassenraums miteinander verwandt. Lebensmittel und Hygieneartikel würden monatlich verteilt.

Das Gespräch wird wiederholt von Bewohnern der Schule unterbrochen, die mit ihren Fragen zu den Mitarbeitern des Ministeriums kommen: Wann wird das Essen geliefert, wann bekommen wir Internetverbindung, wann wird wieder ein Arzt in die Schule kommen? Ansonsten herrscht in der Eingangshalle und auf dem Schulhof reges Treiben. Die Menschen sitzen in kleinen Gruppen zusammen, manche rauchen Narquila, die beliebte Wasserpfeife. Jungs spielen Fußball, die älteren Schülerinnen und Schüler sitzen mit ihren Handys abseits, zeigen sich kleine Filme oder diskutieren miteinander.

Die meisten kämen aus den südlichen Vororten von Beirut, antwortet Kamal Matar auf die Frage nach der Herkunft der Vertriebenen. Doch auch aus dem Südlibanon, aus Nabatieh, Toul, Qana seien Familien gekommen. Die beiden Ministeriumsmitarbeiter werden von örtlichen Freiwilligen wie Omar al Aridi unterstützt. Es sei gut, dass die Hilfsgüter zentral durch das Ministerium verteilt würden, sagt er. Doch die Regierung habe wenig Erfahrung mit der Unterstützung von Vertriebenen, und so dauere manches sehr lang. 93 Kinder unter 18 Jahren seien registriert, die eigentlich zur Schule gehen müssten. Das aber sei nicht gewährleistet und für Kinder und Eltern ein Problem. Allerdings gäbe es unter den Vertriebenen eine Lehrerin aus den südlichen Vororten von Beirut, die habe sich bereit erklärt, die Kinder täglich zu unterrichten.

Nimm Deinen Stift und ein Blatt Papier und lächele

Die Lehrerin heißt Ghazal, ihre Familie musste Ruweiss verlassen, einen Ortsteil im südlichen Beirut, der bei israelischen Angriffen schwer verwüstet wurde. Sie, ihr Mann und die beiden Jungen seien schon vor dem Krieg in Beissour gewesen, um Urlaub zu machen, erzählt sie. Von Anfang an hätten sie sich sehr wohl unter den Bewohnern von Beissour gefühlt, sie seien gastfreundlich, aufgeschlossen und ohne Vorurteile. Sie hätten sich wie in einer großen Familie gefühlt und mit einigen seien sie in Verbindung geblieben. Als der Krieg 2024 begann, seien sie sofort nach Beissour gefahren und dann erneut im März 2026.

Hadi (links) und Mehdi (rechts) Söhne der Lehrerin Ghazal – © Karin Leukefeld

Ghazal stellt ihre beiden Jungen vor: Hadi ist 16 und Mehdi 14,5. Beide seien sehr gut in der Schule, fügt sie stolz hinzu. „Das liegt an unserer Mutter, sie ist stellvertretende Leiterin einer Schule und hat uns von Anfang an an das Lernen gewöhnt“, sagt Hadi und zwinkert mit den Augen. Er bereitet sich auf das Baccalaureate vor, etwa vergleichbar mit dem deutschen Abitur. Ihm fehle die Schule sehr, die angebotenen Online-Kurse nehme er wahr, aber es sei nicht vergleichbar mit richtigem Unterricht. Mehdi, der jüngere von beiden, strahlt und sagt, er sei froh über die Freizeit ohne Schule. „Kein Unterricht bedeutet, niemand kann mich hier wie eine Zitrone ausquetschen“, erklärt er. Er wolle Ingenieur werden, sagt Mehdi. Später wolle er eine eigene, libanesische Autoproduktion aufbauen. Auf seinem Handy zeigt er die Pläne, die er entworfen hat, um das erste „rein libanesische Auto“ zu entwickeln und zu bauen. Der ältere Bruder Hadi schüttelt den Kopf und sagt, Mehdi sei ein Träumer und habe immer wieder neue Ideen. Er selbst wolle im Libanon studieren, vielleicht könne er Bankkaufmann werden und sich in Künstlicher Intelligenz schulen lassen. Die Zukunft für beide ist offen, meint die Mutter, doch beide seien wirklich sehr, sehr gute Schüler.

Die beiden Jungen vermissen ihr Zuhause. Alles habe sich verändert, ihre eigene Lebensart, Familienkultur, ihre Freunde, die Schule, die Nachbarn fehlten. Auch die Mutter vermisst ihr Zuhause, sagt sie. „Ich vermisse meine Küche, meine Arbeit und ich vermisse meine Mutter sehr. Sie ist bei der Familie meines Bruders.“

Um die Zeit gut zu nutzen, biete sie den Jugendlichen in der Notunterkunft täglich drei Stunden Unterricht an. Die 49 Schüler und Schülerinnen habe sie in drei Gruppen aufgeteilt: die Vorschulkinder im Alter von drei bis sechs Jahren, die Grundschüler im Alter von sechs bis zehn Jahren und die fortgeschrittenen Schüler im Alter von zehn bis 13 Jahren. Für die älteren Schüler – auch für ihre Söhne – werde Online-Unterricht angeboten.

Gelernt wird in einem großen Raum, in dem die drei Gruppen verteilt sitzen. Entsprechend der Altersstufe mache sie mit allen Schülern das Gleiche: arabische Sprache, englische Sprache und Mathematik. Sie bereite Arbeitsbögen mit Fragen vor, die von den Schülern beantwortet werden müssten. Die Bögen würden von ihr korrigiert und manchmal gebe es Prüfungen.

Die Familie der Lehrerin Ghazal mit der Autorin – © Privat

„Die Kinder haben viele Probleme“, berichtet die Lehrerin. „Jedes einzelne Kind hat viel, manche haben alles verloren. Ihr Zuhause, beide Eltern oder einen Elternteil, Geschwister.“ Das treffe besonders auf die Kinder zu, die aus dem Südlibanon geflohen seien. Manche seien mit Onkel oder Tante oder mit Großeltern gekommen. Ein, zwei Mal die Woche käme eine Psychologin mit einem Kinderarzt, die mit den Kindern sprechen und sie untersuchen würden. „Wir alle sind traurig“, sagt sie auf die Frage, wie sie persönlich das Leid, von dem sie erfahre, verarbeiten könne. Für die Kinder sei es furchtbar, manche würden nicht mehr sprechen, nicht mehr essen, isolierten sich von den anderen, würden krank.

Auch für sie persönlich, für ihren Mann und die Söhne sei es schwer. Besonders der ältere, Hadi, sei sehr traurig und leide unter der Situation. „Für Mehdi, den Jüngeren, ist es anders. Er findet immer etwas, wofür er sich begeistern kann, er hat ein fröhliches Gemüt.“ Doch „auch wenn wir lachen, wir alle sind sehr traurig. Es ist schwer, nicht zu Hause sein zu können.“ Sie selbst sehe jeden Morgen in den Spiegel und sage zu sich: „Lächele!“ Und den gleichen Rat gebe sie ihren Söhnen und ihren Schülern jeden Tag mit auf den Weg: „Nimm Deinen Stift, ein Blatt Papier und lächele!“

Helfen steht an erster Stelle

Der Schulleiter ist gekommen und möchte die Autorin sehen, die in seiner Schule Recherchen über die Vertriebenen anstellt. Er könne zwar einer ausländischen Journalistin kein Interview geben, da ihm die Genehmigung des libanesischen Schulministeriums fehle, seines Arbeitgebers. Doch gegen ein Gespräch habe er nichts einzuwenden, möchte nur namentlich nicht genannt werden. Dann wird starker Kaffee eingeschenkt.

Die Libanesen seien ein geduldiges Volk, sagt der Schulleiter, der auch Lehrer der Physik ist. Es gäbe verschiedene Parteien, doch wenn es um Libanon gehe und um die Vertriebenen, stehe „Helfen immer an erster Stelle“. Die meisten seien im Laufe ihres Lebens schon einmal von israelischen Truppen vertrieben worden, auch Beissour wollten die Israelis 1982 einnehmen, doch sie alle – Drusen und Christen – haben sich ihnen entgegengestellt. Aktuell sei die Lage im Libanon schwierig, weil es enormen Druck von außen gäbe. „Wir sind mit starker Einmischung konfrontiert, aus politischem Interesse.“ Die ausländischen Kräfte, die sich einmischten, suchten sich jedes Mal wieder Führer innerhalb des Landes, die sie für ihre Interessen nutzen könnten, fügt er hinzu: „Führer von Familien, von Unternehmen, von Religionen, von Parteien.“ Die würden dann mit Macht und Geld unterstützt.

Die Libanesen, die Bevölkerung allgemein hätten damit nichts zu tun, seufzt er. Sie seien diejenigen, die den Preis bezahlen müssten. Auf die Frage, welches das größte Problem für den Libanon sei, die Religion oder die ausländische Einmischung, sagt der Schulleiter nach einer kurzen Denkpause: „Israel ist unser zentrales Problem. Seit meiner Kindheit ist Israel hier viele Male einmarschiert, und mit jedem Mal ist die Einmischung und sind die Probleme im Libanon größer geworden. Ich sage dazu nur eins: Wer mein Land besetzt, ist mein Feind.“

Titelbild: “Verteilung von Hilfsgütern an Inlandsvertriebene in Tyros” © Karin Leukefeld

(Auszug von RSS-Feed)

Leserbeiträge „Erinnerungen gegen den Krieg“ – Aufruf zum 8. Mai (9)


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Anlässlich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir hier unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindrücke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen für die vielen und berührenden Beiträge!

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.


Hier können Sie den ersten Teil, den zweiten Teil, den dritten Teil, den vierten Teil, den fünften Teil, den sechsten Teil, den siebenten Teil sowie den achten Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.


Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit

Ich bin Jahrgang 1941. Wir wohnten in einem damals kleinen Ort in der Nähe von Hanau. Als dieser im März 1944 in 20 Minuten dem Erdboden gleichgemacht wurde, stand meine Mutter mit mir vor dem Hoftor. Es zog ein endloser Zug von ausgebombten Menschen mit rußgeschwärzten, stumpfen Gesichtern an uns vorbei. Trotz der fortgeschrittenen Tageszeit war es irgendwie unwirklich dunkel.

Gut in Erinnerung sind mir auch die ständigen Fliegeralarme und die Zeit im Luftschutzkeller. Das sind so die einzigen direkten Erinnerungen an den Krieg.

Die Nachkriegszeit dagegen werde ich nie vergessen. Mein Opa war Spengler und er hatte ein Paar Tafeln Weißblech über den Krieg gerettet. Daraus stellte er Dosen her, die meine Mutter und meine Tante bei den Bauern für ein Paar Zwiebeln und Kartoffel eintauschten. Ich musste da immer mit. Mit einem kleinen Jungen im Schlepptau sprang auch mal ein Becher Milch für mich heraus.

Gut erinnern kann ich mich noch an den Hungerwinter 46/47. Wie gesagt, wir wohnten in der Nähe von Hanau, wo es sehr viele Kasernen der Amis gab. Die Amis kippten dann ihr überschüssiges Essen in den Wald oder in Bombentrichter. Da sah ich dann Menschen, die noch weniger als wir hatten, die Essensreste wieder herausholen. Nachdem sie die Ratten verscheucht hatten! Diese Bilder vergisst man nie.

Ein amerikanischer Soldat schenkte mir einmal eine Banane. Ich hielt das Ding für eine Gurke und biss hinein. Der Ami konnte sich nicht einkriegen vor Lachen. Es war meine erste Banane, die ich im Leben sah und wusste ja nicht, dass man die schälen musste.

Verständnislos sehe ich, wie leichtfertig heute mit Lebensmitteln umgegangen wird. Wenn man satt ist, ab in den Mülleimer. Ein Stück trockenes Brot war damals eine Kostbarkeit. Während ich diese Zeilen schreibe, erfüllt mich ein unbändiger Zorn auf all diese Wadephuls, Strack- Zimmermann, Kiesewetter, Pistorius, Hofreiter und wie diese verantwortungslosen Kriegshetzer alle heißen, die nicht die geringste Ahnung haben von dem, was sie anrichten.

Manfred Bareiter


Er zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg

Vielen Dank an die NachDenkSeiten-Redaktion für Ihren Aufruf! 

Geldanbetung oder Anbetung der Liebe?

Mein Großvater, geboren 1899, überlebte als Sanitäter den Zweiten Weltkrieg körperlich unversehrt. Doch er wurde durch den Anblick der vielen Toten, Verstümmelten und oft nicht zu rettenden Männer traumatisiert. Bis ins hohe Alter erzählte er mit Schmerz in der Stimme die Geschichten und zeigte uns immer wieder die Fotoalben aus dem Krieg. Meine Mutter, geboren 1934, sagt immer wieder: „Der Vater, der in den Krieg ging, war ein anderer als der zurückkam.“ Sie selbst erlitt ein Trauma unter dem seelischen Vaterverlust. Und noch ich, geboren 1962, litt unter diesen Verhältnissen. 

Wem nützen diese Kriege außer denen, die sehr viel Geld daran verdienen? Der Geldanbetung können wir nur die Anbetung der Liebe entgegensetzen, sage ich als Christ.

Uwe Friedemann


In dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben

Im Anhang meine Erinnerungen!

Meine Erinnerungen an den Krieg

Ich bin Jahrgang 1948 und damit vom direkten Krieg verschont worden. Mein Vater wurde 1940 einberufen und war zunächst in Frankreich und 1942 im Kaukasus in Russland eingesetzt. Er erzählte nicht viel vom Krieg, immer nur relativ harmlose Sachen: Die Soldaten waren während des Einmarschierens immer wieder eingeschlafen, wurden aber von den Mitmarschierenden weitergeschoben. Von Russland erzählte er immer nur vom ironisch genannten „Gefrierfleischorden“, den sie erhalten haben.

Erst nachdem unsere Eltern 1964 bzw. 1971 gestorben waren, fanden wir unter den Unterlagen die während Krieges zwischen meinen Eltern geführte regelmäßige Korrespondenz, soweit dies während des Krieges möglich war. Wir, meine ältere Schwester und ich, hatten vorher Hemmungen, die Eltern weiter über den Krieg zu befragen, weil wir noch jung waren und spürten, dass sie darüber fast nicht reden konnten.

Mein Vater hatte sich vor dem Krieg mit etwa 8 Burschen zusammengefunden und eine gemeinsame Hütte im Schwarzwald gemietet. Diese schrieben sich gegenseitig Briefe von ihren Kriegseinsätzen in Russland und Frankreich und sie wurden untereinander weitergereicht.

Aus diesen beiden Brief-Serien konnten wir viele Details erfahren. Darunter fanden wir dann auch ein sehr kleines Foto eines Schlachtfelds mit unzähligen Toten und zerfetzten herumliegenden Leichenteilen. Genaueres konnten wir nicht darüber erfahren.

An die ersten Jahre kann ich mich nicht erinnern, von meiner Mutter erfuhr ich aber, dass sie mich vermutlich ohne die Care-Pakete nicht durchgebracht hätte. Auch alle meine weiteren fünf Onkels sowie der Mann meiner Tante waren im Krieg gewesen.

Im Laufe meiner frühen Kindheit habe ich mitbekommen, dass ein Bruder meiner Mutter im Krieg gefallen und ein Bruder meines Vaters vermisst war. Dessen Frau mit zwei Töchtern sah sich dann nach Jahren vergeblichen Hoffens gezwungen, auch wegen der beiden Mädchen und der notwendigen Hinterbliebenen-Rente, ihn für tot erklären zu lassen.

Meine Eltern heirateten 1942 während eines Heimaturlaubs meines Vaters. Sie fanden dann eine erste Wohnung mit zwei Zimmern, die meine Mutter während des Kriegs allein bewohnte, aber auch ihre Eltern in der Altstadt oft besuchte.

Diese erste Wohnung war nach dem Angriff und dem Kriegsende ihr Glück. Von sechs Kriegsteilnehmern aus der engeren Familie kamen lediglich vier zurück. Sie waren froh, dass sie nach und nach fürs Erste dort ein Dach über dem Kopf hatten. So wohnte dort der größte Teil der Familie: Mein Vater, meine Mutter, meine Tante und ihr Mann, der Bruder meiner Mutter und seine Frau, drei Kinder Jahrgang 1944, 1946, zwei Jahrgang 1948.

Auf meine Heimatstadt Freiburg erfolgte am 27.11.1944 abends der große Angriff der Royal Air Force mit Zerstörung der gesamten Altstadt, nur das Münster blieb stehen. 2.800 Menschen wurden getötet, 4.200 verletzt und 11.000 obdachlos.

Meine Großeltern mit ihren vier Kindern wohnten in der Altstadt zur Miete. Bei diesem Angriff wurde das vierstöckige Haus vollständig zerstört, es war nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Meine Großmutter, meine Mutter, meine Tante mit ihrem 10 Monate alten Kind kamen im Luftschutzkeller mit dem Leben davon.

Der Großvater arbeitete bei der Post nicht weit von der Altstadt. Das Postgebäude erhielt einen Volltreffer und war ebenfalls zerstört. Das Personal flüchtete in den Luftschutzkeller, ihm schlug durch die Wucht des Treffers eine Eisentür gegen den Kopf. Er überlebte kurzzeitig. Die Familie wusste nichts über ihn und suchte zu Fuß – es fuhr keine Straßenbahn mehr – nach ihm. Sie fanden ihn nach mehreren falschen Adressen in unterschiedlichen Stadtteilen in einer Klinik. Dort starb er nach fünf Tagen und wurde in einem Massengrab mit fast 3.000 Toten begraben.

Die Familie hoffte zunächst, bei einer älteren Tante unterzukommen. Diese Wohnung war aber so winzig, dass nicht zusätzlich drei weitere Personen mit Kind dort bleiben konnten. Sie wussten nicht weiter und beschlossen, zum Bruder meiner Großmutter in Loßburg (ca. 75 km) zu gehen. Sie schleppten sich mit Kind im Kinderwagen, wobei sie immer wieder von Tieffliegern bedroht wurden.

Im Schwarzwald kam der Schnee dazu, zwischendurch ruhten sie sich in Scheunen aus. Sie schafften es schließlich im tiefen Schnee nur bis zu einem Bauernhof (ca. 30 km) in Waldau. Sie hatten Glück und die Bäuerin nahm sie sofort auf, der Bauer war auch im Krieg. Meine Mutter half auf dem Bauernhof und lernte dort melken. Aus dieser Begegnung ergab sich eine lange Freundschaft und meine Tante zog viel später aus Freiburg ins Altenteil des Hofs wegen ihrer Tochter, die schwer Asthma hatte.

Längere Zeit nach Kriegsende wurden den beiden anderen Ehepaaren je eine Notwohnung zugewiesen.

Als ich ca. 4 Jahr alt war, ist meine Familie in ein ursprünglich schönes Haus in der Altstadt gezogen, von dem der erste Stock stehen geblieben und das dann wiederaufgebaut worden war. An eigener Erinnerung weiß ich nur noch, dass ich (ca. 8 Jahre alt) nach einem Ausflug nach Basel völlig verwundert über die schönen, mehrstöckigen, sehr gepflegten Häuser war. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass es normal sei, in lauter Ruinen, Trümmerkellern und Baracken zu leben, ich habe mir nichts anderes vorstellen können.

Außerdem weiß ich noch, ich war ein schüchternes Kind, das nicht viel sprach, aber zuhörte. Als ich ca. 4 Jahre alt war, erzählte eine Verwandte meiner Mutter von einem Bombentreffer, bei dem die Bewohner in den Keller geflüchtet waren und dort verschüttet und verbrannt wurden. Da konnte niemand lebendig herausgeholt werden.

Dieses „nur Zuhören und Aufnehmen“ führte dazu, dass ich, als ich schon eigene Kinder hatte, schweißgebadet aufwachte, weil ich träumte, dass in unserem zweistöckigen Keller alles verschüttet und verbrannt war und meine ca. 8/9-jährigen Kinder drin gerettet werden mussten.

Dann weiß ich noch, dass unsere Eltern uns (8 /10 Jahre) morgens vorsichtig über den plötzlichen Tod meines anderen Großvaters informierten. Trotz meiner Zuneigung zu ihm war mein erster Gedanke Erleichterung und „Gott sei Dank kein Krieg“!

Und wir müssen weiterhin darum kämpfen, dass gilt: Nie wieder Krieg!

Waltraud Faaß


Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Die Anregung der NachDenkSeiten, seine Kriegserinnerungen der Redaktion mitzuteilen, löste in mir eine starke Reaktion aus, der ich mich nicht entziehen konnte:

Geboren wurde ich im April 1941. Drei Monate später war mein Vater in Russland gefallen, ganz offiziell ein Held und ich ein Halbwaise. Meine Mutter, seine Frau, war im Alter von 27 Jahren Witwe mit drei kleinen Kindern. Das war zwar für die Betroffenen und die persönliche Umgebung sehr tragisch, aber normal in den vorherrschenden Kriegszeiten, deren massive Verwerfungen erst noch kommen sollten.

Meine ersten Erinnerungen als Kleinkind beziehen sich auf Flugzeuggeschwader am Himmel, die über uns hinweg gen Osten flogen. Sie beziehen sich auf Lametta, mit dem wir Kinder spielten, und Fliegeralarm mit Sirenen, wie sie heute noch heulen und uns in den dunklen, feuchten Keller trieben.

Besonders deutlich in Erinnerung habe ich, wie meine Mutter mich auf den Arm nahm und mir die Silhouette der etwa 70 Kilometer entfernt brennenden Stadt Hamburg zeigte. Es war ein einziges Feuerwerk. Das muss nicht stimmen, ich habe aber diese Erinnerung. Als mit Kriegsende britische Soldaten in unser Haus kamen, reagierten meine Mutter und ihre Schwester vor lauter Angst hysterisch. Sie wussten nicht, was sie erwartete. Die Soldaten gingen, wie sie gekommen waren.

Auf einer Wiese gegenüber unserem Haus standen dicht gedrängt gefangene deutsche Soldaten. Setzen oder sich bewegen konnten sie sich nicht.

Flüchtlingstrecks fuhren durch den Ort. Einmal sah ich, wie sich zwei Frauen heftig um ein Pferd stritten.

Einige der Flüchtlinge wurde bei uns einquartiert. Die Einquartierung verlief friedlich. Es kam vor, dass sich durch den Kontakt jahrelange Freundschaften entwickelten.

Heimkehrende Soldaten mit zum Teil schwersten Verletzungen und Amputationen wurden für Jahre zum täglichen Bild. Der Staat reduzierte sich auf das Wenigste. Die Verzweiflung, der Hunger, die Not, das Elend waren allgegenwärtig.

Der Winter 1946/47 war bitterkalt. In dem Raum, in dem wir schliefen, fehlte in einem Fenster das Glas. Die Kälte meine ich noch heute zu spüren.

Das Jahr 1947 war für mich das Steckrübenjahr. Heute weiß ich, dass die Historiker es 1917 zuordnen. Da haben wohl fast alle nichts weiter als Steckrüben gegessen.

Im Frühjahr des gleichen Jahres wurde ich eingeschult. Es begann eine vierjährige Leidenszeit. Jeder Tag Schule war eine einzige Qual. So empfinde ich es noch heute.

In der ersten Klasse waren wir nach meiner Erinnerung 80 Schüler und Schülerinnen (Die Zahl muss nicht stimmen. Viele, zu viele waren es auf jeden Fall). Ich war mit der Jüngste. Es herrschte das Recht des Stärkeren und ich wurde häufig geschlagen, von den Mitschülern, aber auch von den Lehrern. Von den Lehrern noch am meisten. Ein Lehrer hieß „Otto“. Auch den Namen habe ich nicht vergessen. Dieser Lehrer verhaute mich mehrfach mit dem Stock auf dem Po vor versammelter Klasse. Eine Demütigung.

Nach der vierten Klasse blieb ich sitzen. Eine Katastrophe und gleichzeitig ein Glück. Mein Schulleben normalisiert sich. Aus dem Stand war ich der beste Schüler in der Klasse. Wir waren arm, sehr arm. Meine Mutter hatte keinen erlernten Beruf. Sie würde ja doch heiraten, hieß es. Sie musste Hilfsarbeiten in einer Großküche verrichten. Das reichte gerade zum Überleben.

Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Frage, wie heute üblich, „Was möchtest Du essen?“ kam nicht vor. Alte Pullover wurden aufgeribbelt und zu Strümpfen gestrickt. Ich hatte eine Lederhose. Die trug ich mehrere Jahre im Sommer wie im Winter.

Mit dem Land ging es langsam bergauf. Wir blieben arm. Im Jahre 1959 löste sich meine Familie auf. Ich war auf mich allein gestellt.

Beim Militär lernte ich den Umgang mit Waffen und was für ein Mordinstrument schon eine ganz normale Pistole sein kann. Gleichwohl, trotz aller politischen Spannungen zwischen Ost und West, herrschte Frieden in Deutschland über Jahrzehnte hinweg und ich konnte meinen Weg gehen.

Heute stehen wir wieder vor einem großen Krieg. Deutschland ist vereint und dabei, die größte konventionelle Armee Europas aufzubauen.

Diese Armee braucht einen Feind und hat ihn gefunden. An Frieden denkt von den politischen Verantwortlichen in Deutschland niemand. Die nächste Katastrophe wird vorbereitet. Überstehen werden wir sie nicht.

Dr.-Ing.
Joachim Metz


Hier können Sie den zehnten Teil, hier den elften Teil und hier den zwölften Teil der Zusendungen unserer Leser nachlesen.

Titelbild: wikicommons

(Auszug von RSS-Feed)

„Man darf eine Nuklearmacht nicht bedrohen“ – O-Töne zur Zuspitzung des Drohnenkriegs in Europa

26. Mai 2026 um 11:17

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Für eine weitere Zuspitzung des Ukraine-Konflikts haben in den vergangenen Tagen ukrainische Drohnen gesorgt. Erstmals haben jetzt Dutzende davon Moskauer Vororte erreicht und mehrere Todesopfer verursacht. Aber auch in den baltischen NATO-Staaten haben ukrainische Drohnen, die in den Luftraum dieser Staaten eindrangen, Alarm ausgelöst. Wie NATO-Experten behaupten, seien sie von Russland elektronisch nach Baltikum „umgeleitet“ worden. Moskaus Nachrichtendienste gaben indessen bekannt, ukrainische Drohnen-Lenker seien in mehreren lettischen Militärstützpunkten stationiert worden. Eine neue Folge der O-Töne. Zusammenfassung von Valeri Schiller.


Externer Inhalt

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Deutsche Welle am 22. Mai 2026

„Litauische Gesetzgeber suchten während eines Luftalarms einen Bunker auf. Der Verteidigungsminister mahnte die Bevölkerung in der Hauptstadt Vilnius, Schutz zu suchen, nachdem eine mutmaßliche Drohne in den Luftraum eingedrungen war. Es handelt sich um den ersten größeren Alarm in einem NATO- und EU-Mitgliedstaat seit Russlands groß angelegtem Einmarsch in die Ukraine. (…)

Der Alarm löste dennoch gemischte Reaktionen aus. Eine Einwohnerin: ‚Es war furchterregend. Wir waren unvorbereitet und wussten nicht, was wir tun sollten.‘“

(Quelle: Deutsche Welle News, ab Minute 0:28 und ab Minute 1:00)


ZDF am 21. Mai 2026

„Die Ukraine hat zum Gegenangriff ausgeholt mit mehr als 500 Drohnen, die auch den Großraum Moskau getroffen haben. Es war der wohl bislang größte ukrainische Angriff auf die russische Hauptstadt. In mehreren Vororten wurden Wohngebäude getroffen wie hier in Krasnogorsk. Laut russischen Angaben hat es mindestens vier Tote und viele Verletzte gegeben. Auch eine Ölraffinerie wurde wohl getroffen. (…)

Eine Einwohnerin: ‚Ehrlich gesagt bin ich geschockt. Ich hätte nicht gedacht, dass es unsere Stadt Selenograd treffen würde. Kurz gesagt: Wir werden bombardiert, genau um vier Uhr morgens. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ich hätte nicht gedacht, dass der Krieg uns treffen würde. Ich hätte es einfach nicht gedacht.“

(Quelle: ZDF, ab Minute 0:12 und ab Minute 9:17)


Litauens Ministerpräsidentin Inga Ruginiene am 21. Mai 2026

„Wir leben in unmittelbarer Nähe zum Krieg, in dem sich Technologien rasant weiterentwickeln und Drohnen sowie elektronische Kriegsführung zum Einsatz kommen. Dies ist die neue Realität, an die sich der Staat schnell und verantwortungsvoll anpassen muss. Der Krieg ist näher denn je.“

(Quelle: Deutsche Welle News, ab Minute 1:53)


Mitteilung des Auslandsnachrichtendienstes Russlands am 19. Mai 2026

„Nach Informationen, die dem Auslandsnachrichtendienst Russlands vorliegen, ist das Regime von Wladimir Selenskij darauf ausgerichtet, seinen ideologischen und finanziellen Förderern in Europa mit allen Mitteln die Aufrechterhaltung des militärischen Potenzials der ukrainischen Streitkräfte sowie deren Fähigkeit, der russischen Wirtschaft Schaden zuzufügen, zu demonstrieren. Vor diesem Hintergrund bereitet das Kommando der ukrainischen Streitkräfte eine Serie neuer terroristischer Angriffe auf rückwärtige Regionen der Russischen Föderation vor. (…)

Trotz der Befürchtungen der lettischen Seite, selbst Ziel eines Vergeltungsschlages aus Moskau zu werden, konnten die Kiewer Behörden Riga nach vorliegenden Informationen dazu bewegen, ihre Zustimmung zur Durchführung dieser Operation zu erteilen. (…)

Bereits nach Lettland entsandt wurden Angehörige der ukrainischen Streitkräfte, die auf unbemannte Systeme spezialisiert sind. Diese wurden auf den lettischen Militärstützpunkten Adazi, Selija, Lielvarde, Daugavpils und Jekabpils stationiert.“

(Quelle: Russische Botschaft in Berlin)


Lettlands UNO-Botschafterin Sanita Pavluta-Deslandes am 19. Mai 2026

„Das ist reine Fiktion und blanke Lüge. Ich werde die Zeit der Ratsmitglieder nicht mit einer detaillierten Widerlegung dieser Lügen in Anspruch nehmen. Sie erhalten dies schriftlich. Ich wiederhole lediglich, dass Lügen, aggressive Desinformation und Drohungen ein Zeichen von Verzweiflung und Schwäche sind. Ähnliche Lügen wurden bereits in früheren Sitzungen gegen andere Ratsmitglieder gerichtet.“

(Quelle: Deutsche Welle News, ab Minute 1:47)


Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico am 22. Mai 2026

„Drohnen – das ist eine wichtige Angelegenheit. Denn wenn Drohnen über den Köpfen der NATO-Mitgliedsstaaten fliegen, und diese Drohnen in den meisten Fällen ukrainisch sind, dann liegt gerade darin das Problem. Was werden wir tun, wenn eine solche Drohne irgendwo zu einer Provokation wird? Und das wird nicht einfach nur ein Zufall sein. Sie trifft ein Ziel, etwas passiert dort, und dann wird jemand sagen: Ein NATO-Staat wurde angegriffen, und jetzt lasst uns alle in den Krieg ziehen. Das wäre eine schreckliche Situation.“

(Quelle: @jasenkotodorovic)


NATO-Generalsekretär Mark Rutte am 21. Mai 2026

„Die ukrainischen Drohnen sind nicht dort, weil die Ukraine mit Drohnen arbeiten will. Sie sind dort wegen eines umfassenden russischen Angriffs auf die Ukraine. Die Ukrainer müssen sich verteidigen. Und die NATO ist stets auf alle Eventualitäten vorbereitet. Was vor wenigen Tagen geschah, ist genau das, wofür wir trainiert und uns vorbereitet haben. Und dies ist eine ruhige, entschlossene und verhältnismäßige Reaktion auf jede Bedrohung. (…)

Darauf können sich die Menschen verlassen: Die NATO ist immer da, um jedes NATO-Gebiet zu verteidigen.“

(Quelle: DRM News, ab Minute 12:44 und ab Minute 13:21


Kreml-Pressesprecher Dmitri Peskow am 17. Mai 2026

Korrespondent: „Wir haben mächtige Bomben – was haben wir aber davon? Wie es aussieht, darf man die Nuklearmacht sehr wohl anbeißen …“

Peskow: „Man darf aber eine Nuklearmacht nicht bedrohen. Man darf nicht ihre Existenz bedrohen. Dies bietet uns die Möglichkeit, zuversichtlich zu sein. Das ist die Grundlage der nuklearen Abschreckung. Die nukleare Abschreckung ist ein unveräußerlicher Teil und ein Eckstein unserer nationalen Sicherheit.“

(Quelle: Rossija1, ab Minute 24:01)


Titelbild: Screenshots Deutsche Welle, X / jasenkotodorovic, DRM News, Rossija1

(Auszug von RSS-Feed)

Angriff, Gegenangriff, noch mehr Angriffe: Und die Politik setzt auf „weiter so“


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Die Abwärtsspirale des Krieges wird gut geschmiert. Als Antwort auf einen Angriff der Ukraine auf das Schülerwohnheim in der Stadt Starobelsk hat Russland die ukrainische Hauptstadt angegriffen. Tod und Zerstörung auf allen Seiten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert „Konsequenzen“, die „EU gibt sich unbeeindruckt“, Bundeskanzler Friedrich Merz spricht von einer „rücksichtslosen Eskalation“, Außenminister Johann Wadephul sagt, der „Raketenterror ist schockierend“, und meint: „Mich bestärkt das, die beim #NATO Außenministertreffen gemachten Vorschläge konsequent weiterzuverfolgen.“ Diese Borniertheit auf allen Seiten zeigt: Der Frieden ist in weiter Ferne. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

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Der Krieg soll weitergehen. Das ist offensichtlich das Motto aller involvierten Parteien. Nicht der Hauch von Einsicht ist sichtbar. Die Bereitschaft, endlich nicht mit halben Herzen, sondern mit voller Kraft zur Diplomatie zu greifen, ist noch immer nicht zu sehen. Immer sichtbarer wird hingegen: ein furchtbares Maß an Zerstörung und Kriegsgewalt – angerichtet von beiden Seiten. Der Teufelskreis aus Aktion, Reaktion und Gegenreaktion, aus Gewalt und noch mehr Gewalt, ist unerbittlich. Nach über vier Jahren Krieg sollte selbst dem Dümmsten unter den „Diplomaten“ klar geworden sein: Ein „Weiter so!“ bedeutet auch: Weiter Zerstörung, weiter menschliches Leid, noch mehr Hass, noch mehr Gewalt und die Gefahr einer noch weiteren Eskalation, die irgendwann ganz Europa in den Abgrund des Krieges reißen wird.

Von russischer Seite heißt es, in der Nacht zum 21. Mai seien durch den ukrainischen Angriff im Wohnheim der pädagogischen Hochschule 21 Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren getötet und weitere 65 verletzt worden.

Russland reagierte mit dem Einsatz von Oreshnik-Raketen auf Kiew. Auch dort: Tote und Zerstörung. Russland warnt ausländische Staatsangehörige und Botschaftspersonal, Kiew zu verlassen. Weitere Angriffe drohen.

Die EU spricht von einem „nuklearen Säbelrasseln“, gibt aber vor, „unbeeindruckt“ zu sein.

Eine Politik kommt zum Vorschein, die schwere Schuld trägt. Unabhängig von den Ursachen des Krieges: Eine Friedenspolitik, der es nach über vier Jahren Krieg noch immer nicht gelungen ist, die Konfliktparteien zu trennen, ist keine Friedens-, sondern eine Kriegspolitik. Da gibt es nichts schönzureden.

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